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Full text of "Die geschichte der physik in grundzügen; mit synchronistischen tabellen der mathematik, der chemie und beschreibenden naturwissenschaften sowie der allgemeinen geschichte"

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Carl E.Guthe 



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DIE 



GESCHICHTE DER PHTSIK. 



DIE 



eSSCHlCHTE DEE PHYSIK 



IN 



GRUNDZUGEN 



MIT 



SYHGHBONISTISGHEN TABELLEN 



DBB 



MATHEMATIK, DER CHEMIE UND BESCHREIBENDEN 

NATURWISSENSCHAFTEN 



BOWIE 



DER ALLGEMEINEN GESCHICHTE. 

VON 

Db. perdtrosenberger. 



ERSTER THEIL. 

OBSCHICHTB DEB FHYSIK IM ALTBBTHUM 

ITBD IM MITTEIiALTBB. 



BRAUNSCHWEIG, 

DKCCK UKD TERLA6 VON FRIEDRICB VIEWEG UND SOHN. 

18 8 2. 



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Alle Rechte vorbehalten. 




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V R W O R T. 



i 



Der Ver&sser des vorliegenden Werkes ist vor AUem bestrebt 
gewesen, die geschichtliche Entwickelung der Physik so darzustellen, 

^ <lass man sowohl den augenblicklichen Stand der Wissenschaft fur 
jedeB Zeitpiinkt leicht ubersehen, als anch die Tendenz des Ent- 

I vickelongsganges leicbt erkennen kann. Er hat dies diirch drei 
Dinge zu erreichen gesuQht, in denen er von den friiheren Darstel- 
langen der Gescliichte der Physik abweicht, durch welche er aber 

® geradedie Existenzberechtigung seines Werkes begriinden mochte. 
Soweit sie dem Verfasser bekannt, geben die fruheren Darstellungen 
Mcht eigentlich die Geschichte der Physik als einer Wissenschaft, 
swidem vielmelir die Geschichten der einzelnen physikalischen 

; Disdplinen, die sie, in grossere oder kleinere Perioden zerlegt, mehr 
Oder weniger unvermittelt nebeneinander stellen. Dadurch wird 
der Ueberblick iiber den Stand der gesammten Wissenschaft so 
^rschwert, dass diejenigen Leser, welche die Geschichte der Physik 
nicht spedell zn ihrem Studium machen, vielleicht fiir keinen Zeit- 
ponkt ein Bewnsstsein von dem Charakter der ganzen Wissenschaft 
erUngen. Dazu kommt noch, dass gerade solche Schriftsteller, 
Telche besonders beflissen sind, die Entwickelung der Wissen- 
schaft zu schildem, die chronologische Ordnung oft mit grosser 
Ldchtigkeit behandeln und Spriinge vor- und riickwarts machen, 
& rich fiber Jahrhunderte erstrecken. Mag dies nun auch, so lange 
■in nur eine Entwickelungsreihe im Auge hat, ganz gerechtfertigt 
«ischeineD, so wird doch dadurch die Vergleichung der verschie- 



VI Vorwort. 

den en Reihen und damit das Erkennen ihrer Parallelitat und ihrer 
Wechselwirkung fast unmoglich gemacht; abgesehen davon, dass 
fur die Geschichte auch die Liicken und die Stillstandsperioden des 
wissenschaftlichen Lebens wichtig sind. 

Der Verfasser hat diese Uebelstande zu vermeiden gesucht, in- 
dem er sich streng an die chronologische Reihenfolge 
ge halt en und alle physikalischen Erscheinungen nach der Zeit 
ihres Auftretens abgehandelt hat. Dies bringt freilich auf der 
andercn Seite den Nachtheil, dass oft die aussere zeitliche Folge den 
inneren ursachlichen Zusammenhalt verdeckt und dass an vielen 
Stellen die Linien der Entwickelung durchbrochen erscheinen, wo 
dies in Wirklichkeit nicht der Fall ist. Diesen Mangel hat der Ver- 
fasser dadurch auszugleichen versucht, dass er den einzelnen 
^Abschnitten Einleitungen vorausschickte, welche im Voraus 
auf die neben- und durcheinander laufenden Faden aufmerksam 
machen und so den Verfolg derselben erleichtem soUen. 

Zu dem voUen Verstandniss der Entwickelung der Physik ist 
aber noch etwas mehr nothig als eine rein physikalische Geschichte. 
Vielleicht keine andere Wissenschaft ist in alien ihren Stadicn so 
stark von den anderen Wissenschaften bceinflusst worden, als gerade 
die Physik. An erster Stelle steht unleugbar die Philosophie, die 
immer einen gewissen Einfiuss auf die Physik nicht nur beansprucht, 
sondem auch ausgeiibt hat. Seit der Herrschaft der experimentellen 
Methode hat zwar die Physik die Berechtigung eines solchen Ein- 
flusses meist bestritten und die Geschichtsschreiber habcn auch 
denselben mehr oder wenigcr unbeachtet gelassen; der Verfasser 
hiilt jedoch beides nicht fur gercchtfcrtigt und ist darum immer 
bemiiht gewesen, auf die Entwickelung der Philosophie, 
soweit als sie mit dor Physik in Beriihrung trat, we- 
nigstcns aufmerksam zu machen. 

Dem Einfiuss der anderen Wissenschaften endlich suchte er 
durch die synchronistischen Tabellen gerecht zu wer- 
den, die mit dem Inhaltsverzeichniss der Geschichte der Physik 
verbundcn sind und die mathomatische, chomische, natur- 



Vorwort vii 

wissenschaftliche tind allgemein geschichtliche That- 
sacben soweit andeuten soUen, als ihre Kenntniss fiir das Ver- 
standniss der geschichtUchen Entmckelung niitzlich erscheint. 

Der griindliche Kenner der .Geschichte der Physik wird 

nach dem Gesagten nicht erwarten, dass das vorliegende Werk ihm 

materiell viel Neues bringe; wenn derselbe bei Durchsicht des- 

selben nur findet, dass die neue Beleucbtung ihm bekannter Gegen- 

den eine ricbtige und angemessene ist, wird der Verfasser sich 

glucklicb scbatzen. Dem Physiker, welcher mit dem Studium der 

Gescbicbte nocb in den Anfangen ist, mochte der Verfasser seine 

Schrift als eine Anregung, als eine Grundlage fiir weitere Arbeiten 

empfehlen und wiirde in dieser Absicht dieselbe gem als eine 

^Einfubrung in dieOeschichte der Physik" betitelt haben, 

wenn er nicbt bei Abfassung derselben nocb einen anderen Zweck 

im Auge gebabt hatte. Das Erscheinen mancher kulturgeschicht- 

licben Werke, welche auf einen grosseren Leserkreis berechnet sind 

and denselben auch finden, zeugt Ton dem Anwachsen des kultur- 

gescbicbtlichen Interesses in den Kreisen der Gebildeten; auch in 

popular gescbriebenen physikalischen Werken findet man 

scbon haufig dem historischen Element einen grosseren Raum ge- 

gonnt Eine umfassende Darstellung aber der Geschichte der 

Physik, die dem allgemeinen Verstandniss nicht zu grosse Schwierig- 

keiten bereitet, fehlt nocb; der Verfasser wiirde sich freuen, wenn 

sein Werk in dieser Beziehung Qine Liicke ausfuUen und etwas 

dazu beitragen konnte, dass das Verstandniss der geschichtlichen 

Entwickelung unserer Wissenschaft in weitere Kreise dringt. Er 

bat gerade darum den oben erwahnten Titel, der auf ein weiteres 

Studinm hindeutet, mit dem jetzigen, der nichts Derartiges enthalt, 

Tertauscht 

Was er woUte, hat der Verfasser hiermit auseinander gesetzt, 
was er erreicbt, daruber wird der Leser zu Gericht sitzen. Der 
Schwere der gestellten Aufgabe war der erstere sich wohl bewusst 
nnd dass seine Krafte nicht immer zur Bewaltigung derselben aus- 
gereicht haben, ist ihm nicht unklar geblieben. Er bittet des- 
wegen alle seine Leser um giitige Nachsicht fur sein Werk wie fur 



VIII Vorwort. 

sich selbst und emptiehlt seine Arbeit einer wohlwollenden Beui 
theilung. 

Falls dieselbe nicht zu ungiinstig ausfallt, werden diesem erste 
Bande in moglichst kurzen Zwischenraumen zwei andere folgei 
von denen der eine die Geschichte der Physik bis circa 1750 un 
der andere bis zur neuesten Zeit fortfiihren soil. 

Frankfurt, im Marz 1882. 

Dr. Ferd. Rosenberger. 



Der Verfasser hat im Text aas mehrfachen Grtlnden sparsam citir 
zur Erganzung giebt er hier das Verzeicbniss deVjenigen Werke, die 
baufiger benutzt hat. 

• Montucla, Histoire des math^matiques, 1758 und 1802. 
Kastner, Geschichte der Mathematik, 1800. 
Fischer, Geschichte der Physik, 1805 bis 1808^ 
Poggendorff, Geschichte der Physik, 1879. 

W h e w e 11 , Geschichte der indactiven Wissenschaften, iibers. y. Iji ttrow, 1 8^ 
Wilde, Geschichte der Optik, 1838. 

Diihring, Geschichte der Principien der Mechanik, 1877. 
Libri, Histoire des sciences math, en Italie, 1835 bis 1841. 
Suter, Geschichte der mathematischen Wissenschaften, 1873 bis 1875. 
Cantor, Vorlesungen zur Geschichte der Mathematik, 1880. 
B. Wolf, Haudbuch der Mathematik und Physik, I860 bis 1872. 
Lange, Geschichte des Materialismus, 1876 bis 1877. 
Lewes, Geschichte der Philosophie, 1871 und 1876. 
Ueberweg, Grundriss der Geschichte der Philosophie, 1880 bis 1881. 
Draper, Geschichte der geistigen Entwickelnng Europas, 1865. 
Kopp, Geschichte der Chemie, 1843. 
Eopp, Beitrftge zur Geschichte der Chemie, 1869 und 1875. 



g der Geschichte der Physik. 



L Gesohiolite der Physik im AltertliiuiL yon circa 600 vor 

Christus bis circa 700 nach Christus. 

1. Erster Abschnitt von circa 600 bis circa 300 vor 
Christus. 

Physik als reine Naturphilosophie. 

2. Zwe iter Abschnitt von circa 300 vor Christus bis 
circa 150 nach Christus. 

Periode der mathematischen Physik. 

3. Dritter Abschnitt von circa 150 nach Christus bis 
circa 700 nach Christus. 

Periode des Untergangs der alten Physik. 

n. Gesolilclxte der Physik im Mittelalter, von circa 700 bis 

circa 1600 nach Christus. 

1. Erster Abschnitt von circa 700 bis circa 1150 nach 
Christus. 

Periode der arabischen Physik. 

2. Zweiter Abschnitt von circa 1150 bis circa 1500 
nach Christus. 

Christliche Periode der mittelalterlichen Physik. 

3. Dritter Abschnitt von circa 1500 bis circa 1600 
nach Christus. 

Uebergangsperiode der mittelalterlichen Physik. 



\ 



I. 



Gescliiclite der Physik im AltertliuHi, 



Von circa 600 v. Chr. bis circa 700 n. Ohr. 



Die Physik des Alterthums ist fast ausschliesslich Physik der 
Griechen. Die Iiider, die Chaldaer, die Aegypter haben wohl 
firiiher als diese die Natur denkend beobachtet, aber zu einer 
^B&Qia q>v6ixrjj zu einer Wissenschaft von der Natur, haben sie 
es nie gebracht, weil ihre theologisch-mystischen Speculationen 
nicht znr Idee einer reinen Naturgesetzmassigkeit fiihren konnten. 
Aegypter und Chaldaer Uberlieferten den Griechen werth voile astro- 
&oinischeBeoba<2htnngen und einzelne wichtige mathematische Satze, 
doch nur die Letzteren wurden dadurch zur Ausbildung realer 
Wissenschaften angeregt. Ihre ersten Lehrmeister haben nicht 
einmal Nutzen davon zu ziehen gewusst und niemals trotz der 
Griechen den Zusammenhang der Erscheinungen rein ursachlich 
zu erklaren versucht, Im Gegentheil, wo die Orientalen mit der 
griechischen Wissenschaft in Verbindung traten, da mischten sie in 
dieselbe ihre mystischen Elemente, ihre geheimnissvoU , iiber- 
naturlich wirkenden Krafte ein. Die Zahlenmystik der Pythagoreer 
wird anf chaldaische Anfange zuriickgeflihrt, die neuplatonische Philo- 
sophie, die von dem Alexandrinischen Juden Philo begriindet wurde, 
bezeieh.net man als eine Mischung von Platonismus mit orientalischem 
Mysticismns, und die- erste Cultur der Astrologie und Alchemic 
macht Niemand den Chaldaem und Aegyptem streitig. Nur dem 
fireien griechischen Geiste, der iiberall nach einem erkennbaren 
Znsammenhange der Erscheinungen suchte, war die Begriindung 

Roaenberger, Gefichichie der Physik. 1 



2 Allgemeine Charakteristik 

einer Wissenschaft von der Natar moglich und ihm ganz alleii 
gehort die Physik des Alterthums; denn auch die Romer, dai 
zweite Culturvolk des Alterthums, haben nur sehr wenig in dei 
Naturwissenschaft geleistet. Ihr Geist ware wohl an sich niich 
tern genug gewesen, die einmal ergriffene Wissenschaft frei zu haltei 
von den dunklen, ubersinnlichen Elementen, dafiir aber fehlte ihnei 
das theoretische Interesse, welches die Wahrheit nur der Wahrhei 
wegen sucht. Die Beschaftigung mit Wissenschaften, die nich 
direct niitzten, erschien den echten Romem verachtliche Zeit 
vergeudung, darum iiberliessen sie die Naturwissenschaften ihrei 
Lehrem, den Griechen, und suchten nur aus den von diesen er 
langten Resultaten den bestmoglichsten Nutzen zu Ziehen. Wa 
Cicero in seinen Tusculanischen Unterredungen iiber die romischi 
AuflPassung der Mathematik sagt, ist bezeichnend auch fur di( 
Stellung der Romer zu den anderen Wissenschaften: „In hochsten 
Ansehen stand bei den Griechen die Geometric und Niemand wa 
geehrter als dieMathematiker; wir aber schatzen von dieser Wissen 
schaft nur die Rechen- und Messkunst." 

Wir diirfen bei der Beurtheilung der griechischen Leistungei 
in der Physik nie vergessen, dass wir es mit den Anfangen de 
Wissenschaft zu thun haben, wir wUrden dieselben sonst, wie e 
auch oft geschehen, recht ungerecht beurtheilen. Die Physik de 
Griechen ist himmelweit von der unseren verschieden, nicht so seh 
dem Stoffe nach, der behandelt wird, als der Art nach, wie di* 
Behandlung erfolgt. AUe unsere einzelnen physikalischen Discipli 
nen finden wir merkwiirdigerweise im Alterthum bereits bis zu eine 
gewissen Stufe entwickelt, oder doch wenigstens dem Keime nacl 
vorhanden. In erster Linie stehen Speculationen iiber die all 
gemeinen Eigenschaften der Materie, Mechanik und Optik, in zweite 
dann Akustik und Warmelehre, und von Magnetismus und Elektri 
citat ist den Alten wenigstens die Thatsaehe der Anziehungskrai 
des Magnetsteins und des geriebenen Bemsteins bekannt. Di 
Methode der Untersuchungen aber ist nicht diejenige, welch 
wir heutzutage als die eigentlich physikalische bezeichnen. 

Die Griechen werden zu physikalischen Betrachtungen angereg 
durch die Allen interessanten Vorgange am Sternenhimmel, dure 
den Wechsel der Jahreszeiten, durch atmospharische Erscheinungei 
durch eine ziemlich entwickelte und bei alien nationalen Feste 



der Physik des Alterthums. 3 

henrorragend thatige Musik, durch eine hochentwickelte Malerkunst, 
darch die Mascbinen, die sie bei ihren Eunstbauten gebraacbten 
und endlicb nicht zum mindesten durch das ganze geheinmissYoUe 
Leben xind Weben in der organiscben Natur. Ihr bewunderungs- 
wardig kraftig angelegter Geist zwingt and beiahigt sie zu gleicher 
Zeit eine Erklaning aller Naturerscheinungen zu versuchen und 
einen g^etzmassigen Zusammenhang zwischen denselben herzu- 
stellen. 

Zwei Wege scblagen sie ein, um diesen Zweck zu erreichen. 

Entweder sie bemiiben sicb allgemeine Satze aufzustellen, aus denen 

dorch logiscbe Ableitung alle natiirliche Gesetzmassigkeit zu er- 

wdsen ist, das ist die Metbode der Naturpbilosopbie, welcbe 

Ws auf Aristoteles die berrscbende ist. Oder sie versucben mit 

Holfe der matbematiscben Deduction, aus einfacben, an sicb klaren 

Satzen, die Eigenscbaften der complicirteren Erscbeinungen zu 

erkennen, das ist die Metbode der matbematiscben Pbysik, 

welcbe inArcbimedes ibren Hauptvertreter findet. Eines aber baben 

die Alien nie erreicbt, die Metbode einer pbysikaliscben 

Beobacbtang selbst. Sie nabmen die pbysikaliscben Tbatsacben 

ao^ wo und wie sie dieselben fanden, sie baben nicbt daran gedacbt 

eine Metbode anzugeben, wie man zu solcben Tbatsacben sicber 

gelangt, sicb Jiicbt bemiibt diese Tbatsacben und das aus ibnen 

Abgeleitete durcb neue Beobacbtungen zu verificiren, und nicbt 

Tersucht durch planvoll unter gewissen Bedingungen angestellte 

Beobacbtungen die Complication der Erscbeinungen aufzulosen und 

so ihren Erklarungen den recbten Grund zu geben. Wir konnen in 

knrzer Fennel sagen: Das Experiment ist's, was die neue 

Physik von der alten trennt; die Erlauterungen zu diesem 

Satze werden die folgenden Abscbnitte geben. 



1. 

Erster AbBOhnitt der Physlk des Alterthuxns. 

Von 600 bis 300 v. Chr. 



Physik als reine Naturphilosophie. 

DieerstenPbysiker sindgriechischeNaturphilosophen, 
welche das alte Problem von der Entstehung der Welt und von den 
Veranderungen in derselben nicht mehr in ubersinnlicb mytholo- 
gischer Weise, sondern auf natiirlichem Wege losen wollen. Sie 
sucben nach denPrincipien allerDinge, d. b. nach derMaterie, 
aus der AUes entstanden, und nach dem A gens, das alle Verande- 
rungen bewirkt, und boffen so in kindlicbem Vertraueii das Rathsel 
mit einem Male aus der Welt zu scbaflFen. Das Unternebmen ist 
boffnungslos, aber verlockend. Trotz der vielen Feblscblage kommen 
aucb beutzutage noch kiibne Pbilosopben auf den Gedanken den 
Knoten mit einem Scblage zu durcbbauen, und nocb immer tragt 
ibnen die Menge hoffnungsvoU ibre Sympatbien entgegen. Fur die 
Wissenscbaft der Alten batte das bobe Ziel den directen Nutzen, 
dass es das Interesse fiir die Natur macbtig belebte, aber aucb den 
directen Schaden, dass es von dem ricbtigen Wege ablenkte, 
welcber von der Betracbtung des Einzelnen zur Erklarung des 
Ganzen fubrt. 

Der griecbiscbe Geist war macbtig in seiner Kraft Hypotbesen 
zu bilden, so macbtig, dass es fast scbeint, als babe er alle mog- 
licben Voraussetzungen zur Erklanmg der Welt erscbopft, und dass 
es moglich gewesen ist ^^11^ unsere -neueren Hypotbesen an jene 
verfehlten Versuche ^^J* A)L^n at^zuknupfen. Icb denke bier nicbt 
an Ideler, der bei Ari^f^ die Undulationstbeorie des Licbtes 



Physik als Naturphilosophie. 5 

findet, nicht an Schweigger, der aus der Mythe von den Dioskuren 
die Tollstandige Kenntniss der Alien Yon den beiden Arten der 

r 

Elektridtat constatirt u. a.; ich erinnere nur an die Lehre der 
Pythagoreer von der Bewegung der Erde und an die Ato- 
mistik des Demokrit Trotz alle dem sah man auch im Alter- 
thnin ein, dass die Naturphilosophie das nicht zu leisten vermochte, 
was sie Tersprochen, und es erfolgte eine zweifache Reaction. Die 
Philosophie wandte sich von derNatur ab, und wurde auf der einen 
Sdte zum Skepticismus, der in den Sophisten alle Erkenntniss 
for nnmoglich erklarte, auf der anderen Seite zur Idealphilo- 
sophie, welche die Beobachtung der Natur verachtete. Plato, ein 
begeisterter Freund der reinen Mathematik, will nicht einmal von 
der praktischen Astronomic etwas wissen, denn er sagt: „Die wahren 
Asironomen reebne ich allerdings zu den weisen Mannern, aber 
nicht die, welche wie Hesiod und alle anderen ihm gleichen Astrono- 
mikaster diese Wissenschaft dadurch betreiben woUen, dass sie den 
Auf- undXJntergang der Gestime und dergleichen mehr beobachten, 
Eondem vielmehr diejenigen, welche die acht Spharen des Himmels 
und die grosse Harmonic des Weltalls erforschen, was allein dem 
Geiste des von den Gottern erleuchteten Menschen wiirdig und an- 
gemessen ist.^ 

Doch konnte der griechische Geist, der fiir alles Natiirliche so 
reges Interesse hatte, nicht lange der Natur fern bleiben. Schon 
in dem grossten Schuler des Plato, in Aristoteles, kehrte er mit 
emeuter Kraft zu ihr zuriick; zwar noch immer mit der alten Pra- 
tension das Weltganze aus den Principien zu erklaren, aber doch 
schon in viel starkerer Weise als friiher auf die Benutzung der 
Er&hnmg bedacht. In Aristoteles feiert die griechische 
Naturphilosophie ihren grossten Triumph, mit ihm endet 
aber auch die Alleinherrschaft der Philosophie in der 
Naturwissenschaft. Seine Nachfolger sind wenig schopferisch 
tbatig, sie begntigen sich damit die vorhandenen Theorien weiter 
anszobilden und zu erklaren, die ganze Naturphilosophie wird nach 
vnd nach stagnirend und endet in einer reinen Commentatorik der 
alten Schriftsteller. Dafiir greift nun eine neue Wissenschaft, die 
Mathematik, in die Entwickelung der Physik ein. Die Schulen 
ier Pytiiagoreer und Platoniker vorzilglich batten die Mathematik 
•0 kriftig ausgebildet, dass die Mathematiker sich von den Philo- 



6 lonische Naturphilosophen. 

sophen emancipiren und sogar zur Anwendung der Mathematik 
andere ¥ri8senschaftlichc Gebiete erobenx konnten. Trotz des 
Pro testes von Plato, der die angewandte Mathematik als eine Ver- 
falschung der reinen Wissenschafl ansieht, wird dieselbe schon fiir 
die Astronomie benutzt, und bald nach Aristoteles beginnt auch 
ihre Anwendung auf physikalische Probleme, und damit die 
zweite Periode der griechischen Physik. 

640 bis 660 Tliales von Milet, der erste Physiker der Griechen , . einer der 

Tholes! sieben Weisen Griechenlands und Grunder der ioniscbeii Philosopben- 
Bchule, BoU nocb in hoherem Alter, des Studiums agyptischer Weisheit 
wegen, nach Aegypten gegangen und um 550 als Zuschauer bei den 
olympischen Spielen aus Altersschwache gestorben sein. Seinem be- 
riihmten Ausspruch ^Das Princip aller Dinge ist das Wasser, 
aus Wasser ist Alles und in Wasser kehrt AUes zurilck'', 
wird von Aristoteles zugefugt, dass er wahrscheinlich daraof gekommen 
sei durch die Beobachtang, dass die Nahmng vor AUem und der Same 
seiner Natur nach feucht sei. Lewes weist in seiner Geschichte der 
Philosophic darauf hin, dass dieser Ausspruch mit der Theogonie des 
Hesiod stimmt, wo Okeanos und Thetis als Eltern aller Gotter be- 
trachtet werden, die join Verhaltniss zur Natur haben. Draper macht 
in seiner Geschichte der geistigen EntwickelungEuropas darauf 
aufmerksam, dass eine solche Lehre am ersten in Aegypten entstehen 
konnte, einem Lande, dessen Fruchtbarkeit nur von den Gewassem des 
Nils abh&ngt. 

Aristoteles schreibt noch dem Thales die Eenntniss von der An- 
ziehungskraft des Magneton zu, und Andere behaupten sogar, dass 
er auch die Anziehungskraft des geriebenen Bernsteins gekannt 
habe. Damit sind wir mit den physikalischen Eenntnissen des Thales, 
so weit wir sie kennen, zu Ende. 

Was seine astronomischen Entdeckungen anbetrifft, so wird 
wohl nie entschieden werden, wieviel davon seinen Lehrem, den Aegyp- 
tern, wieviel ihm selbst, und wie viel seinen Nachfolgem angehdrt, denn 
weder von ihm noch von seinen directen Nachfolgem ist uns ein Werk 
iiberliefert , und was wir von ihm horen, ruhrt Alles aus spftterer Zeit 
her. Zugeschrieben werden ihm: Die Eintheilung des Himmels- 
gewolbes in fQnf Zonen, die Entdeckung der Schiefe der 
Ekliptik, die Messung der scheinbaren Grosse des Mondes 
auf den 720. Theil des ganzen Kreises, die Lehre von der 
Kugelgestalt der Erde u^d ihrer Ruhelage imMittelpunkt der 
Welt Sicher ist, dass er Jie Sonnenfinsterniss des Jahres 585 
V. Chr. ^) vorhersagte, wq^^ ^ wahrscheinlich die von den Babyloniern, 

^) Die Astronozneu Ah' t Hind haben berechnet, dass dieselbe am 

28. Mai stattfand. <^ ^ /J 



lonische Naturphilosophen. 7 

MMB laDgj&krigen Beobacbtungen abgeleitete Periode der FinBternisBe mo bt« 66o 
TOD 6585 Vs Tagen (Saros genannt) benntzte. Thaies! 

Lewes bestreitet eine Anwesenbeit des Thaies in Aegypten and 
beswdfeli ikberbanpt, dass er Kenntnisse von dortber erbalten. Die 
Philoeophie k5nnte wobl in Tbales ibren alleinigen Ursprang baben, 
dagegen lei nicbt recht glaublich, dass er ohne alle Vorarbeiter in Mathe- 
aaiik iind Astronomie so viel Kenntnisse erlangt, als das Alterthum ibm 
raecbreibt. Jedenfalls spricbt gegen Lewes, dass ungef&br am 670 
durch Psammeticb Aegypten den Fremden geoffnet wird and noch am 
Ende desselben Jabrbanderts in Griecbenland drei neue WiBsenscbaften, 
die Pbiloaopbie, die Astronomie and die Matbematik aaf ein Mai darcb 
einen Mann ibre Gebart feiern ^). 

Der Nacbfolger des Thaies, als Yorsteber der ioniscben Schale, eio bis 64? 
soil Anaximander, ebenfalls aus ICilet, gewesen sein. Anazimander AJiaximMi- 
letzt als das Princip aller Dinge einen qaalitatiy anbestimmten, ^^'' 
nnendlichen Urstoff, ans dem sicb zaerst die elementaren Gegen- 
Bitze warm and kalt, trocken and feacht abscheiden. Aos dem 
Feachten bat sicb die Erde gebildet, and aas dem Feacbten entwickeln sicb 
BtofenweiB, anter Einflass der Warme, Pfianzen and Thiere, so dass alle 
Thiere zaerst fiscbartig sind and erst mit dem Trockenwerden des Landes 
udere Gestalt annebmen. 

Per zweite Nacbfolger des Tbales , AnaadmeneB au8 Milet, kebrt circa 65o 
wieder za einem qaalitatiy bestimmten, dafOr aber naob seiner Meinang AnaximenM. 
qoantitativ nnendlichen UrstolF zardck, das ist die Luft. Aas der Lafb 
entsteben alle Kdrper; denn darcb Yerdicbtang wird dieLnft zu Wasser 
and dieses za Erde, and darcb Yerdtlnnnng entstebt aas der Laft aach 
das Feaer. Laft athmen alle Gescbopfe ein, von ibr leben sie and in 
dieselbe kebren sie zaletzt zartick. Bei aller Yerscbiedenbeit baben die 
aheren Natorpbilosopben der ioniscben Scbule docb das Gemeinsame, 
dass sie einen Urstoff annebmen, der sicb in alle anderen 
Stoffe yerwandelt and aus dem sicb Alles entwickelt. 
DieserEntwickelangsgedanke ist bier am so mebr charakteristisch, 
als er bald in einer anderen, der Eleatischen Schale, seinen Gegensatz findet. 

Ueber die astronomiscben Yerdienste der beiden letzten 
Philosopben berrscbt dieselbe Unklarbeit wie bei Tbales. Einige 
achreiben ibnen eine Menge astronomiscber Entdeckungen za, die wabr- 
acbeinlich nor darcb sie yon den Aegyptern oder Gbald&ern Hbernommen 
nod; dabin geboren: Die Erfindung der Gnomen (feststebender 
senkrecbter S&alen aaf borizontaler Ebene, durcb deren Sobatten man 
den Mittag bestimmte), die damit znsammenbangende Erfindang. der 
Sonnenabren, die Gonstraction yon Spb&ren (Kageln, aaf denen 



') Ancb Cantor nimmt in seinen nVorlesungen liber Geschichte der Ma- 
tbematik' einen Anfenthalt des Thaies in Aegypten als wahrsoheinliob an. 



8 Pythagoras 

Circa 560 die astroDomisclien Kreise verzeicbnei sind) nnd die Verfertigimg von. 

Anazimenes. geographischen Earten. Andere sprechen den alteren loniem. 
uberliaupt jede gesunde Kenntniss der physiBchen Astronomie ab, und 
finden bei ihnen nocb die scheibenfdrmige oder cylindriscbe 
Erde, die Thales auf Wasser, Anazimenes anf Luft scbwimmen l&ssfcy 
and das krystallene Himmelsgewolbe, an welchem die Sterne wie goldene 
Nagel befestigt sind. 

Ga. 682 bii Pythagoras aus SamoB soil Scbuler von Thales oder Anaxi- 

500 V. Chr, ... 

Pytiiagoras. mander, oder wenigstens mit beiden bekannt gewesen sein. Nach 
grossen Reisen, yorztiglich in Aegypten^), griindete er zu Kroton am 
Busen von Tarent eine Schole, and stiftete dort einen philosophisch 
politischen Gebeimband. In diese Gesellschafi der Pythagoreer warde 
Niemand ohne lange and strenge Prufangen aufgenommen. Funf Jahre 
war der Nealing zam Schweigen verdammt, and erst wenn seine Kraft 
der Selbstverl&agnung geniigend erprobt war, warde er in das Heiligthum 
der Wissenschafb and damit in den Bund eingefQhrt. Trotzdem ver- 
breitete sich dieser mit grosser Schnelligkeit, er erlangte die politische 
Herrschaft za Kroton and vielen Stadten Grossgriechen lands, aber erregte 
aach dadarch den Argwohn and Neid der Gegenparteien so sehr, dass 
in heftigen Aafst&nden die Pythagoreer bekampft and ihre Macht ge- 
brochen warde. Pythagoras selbst ist nach Einigen bei diesen Un- 
rahen amgekommen, nach Anderen aber als FlAohtling za Metapontam 
den freiwilligen Hungertod im Tempel der Masen gestorben. 

Die Natar des Geheimbundes bringt es mit sich, dass nar wenig 
Zaverlassiges iiber die Lehren des Pythagoras und seiner Schule 
bekannt geworden ist; unsere Nachrichten uber die Pythagoreer stammen 
alle aus sp&teren Zeiten und sind nnsicher, dunkel und stark mit Fabeln 
gemischt. Nach Allem, was wir horen, gehen ihre Speculationen weni- 
ger auf den Urstoff als auf die Ordnung aller Dinge, ihre Zahl 
and ihr Maass. Aristoteles, der immer beflissen ist die Meinungen 
seiner Yorgangei^ zu wiederholen, erzahlt, dass sie in den Zahlen mehr 
als in Feuer, Erde und Wasser die Analogien mit Allem, was existirt 
und entsteht, zu entdecken geglaubt und geschlossen h&tten, die Ele- 
mente der Zahlen w&ren die Elemente der Dinge. DieseMeinung 
trieb sie natCLrlich an, tLberall in der Natur nach Zahlengesetzen zu 
suchen und AUes nach solchen Gesetzen zu ordnen, yeranlasste sie aber 
auch den einzelnen Zahlen selbst Eigenschaften , wie VoUkommenheit, 
Unvollkommenheit, Endlichkeit und Unendlicbkeit etc. beizulegen. Da- 
durch kamen sie schliesslich zu jener mystischen Zahlenlehre, die spater 
mit Astrologie yerbunden, bis ins Mittelalter herein nachgewirkt hat. 
Die Pythagoreer haben fur die Physik weniger Verdienst als man 
ihrer mathematischen Richtung nach erwarten sollte, ihre Philosophie 

1) Cantor, OeBcliichte der Maihematik, bait einen Aufenthalt dea Pytha- 
goras in Aegypten fiir sicher, in Babylonien fiir wahrsoheinlich. 



Tind die Pythagoreer. 9 

war mathematiscli , aber anf ihre Mathematik wirkten mystisobe Ele- Ca. 689 bis 

. 1 • 600 r.-Chr. 

nente ra stark ein. Pythagoras. 

Nar ein physikaliscbeB Gesetz ist sicber auf sie zartiokzafilbren, 
dodi wird aacb bier die Art der Entdeckung fabelbaft falscb an- 
gegeben. Pytbagoras borte in einer Scbmiede mebrere Gesellen ein 
Stodc glubend^ Eisen sobmieden, nnd bemerkte, dass alle H&mmer bar- 
moiiisebe Tone, namlicb die Octave, die Qninte and die Quarte anscblngen. 
£r trat in die Scbmiede and fiand, dass die Yerscbiedenbeit der Tdne von 
dem yerschiedenen Gewicbte der Hammer berrtihrte, dass namlicb der 
leiditeste Hammer Y^, der n&cbste ^/j and wieder der nacbste ^/^ yon 
dem Gewicbte des scbwersten wog. Za Haose angekommen, bing er yier 
Scbnare yon gleicber Starke aof, and an dieselben Gewicbte im Yer- 
faaltniss jener Hammer, diese Scbnflre gaben beim Anscblagen dieselben 
kteryalle, wie die H&mmer in der Scbmiede, and Pytbagoras batte so 
die harmoniscben Interyalle auf Zablenyerb&ltnisse zuriick- 
gefobrt. Dies letztere ist nacb dem Zeugniss der Alten wobl ricbtig, 
deon es spielen die barmoniscben Yerb&ltnisse bei den Pytbagoreern 
eine grosse Rolle, aber die Erzablang selbst ist jedenfalls anwabr. 
Entens giebt der Ambos bei yerscbiedenen Ham mem, wie die Glocke 
Wi yerscbiedenen Kldpfeln, immer denselben Ton, and zweitens bringen 
die Saiten jene Interyalle nur beryor, wenn ibre L&ngen, nicbt wenn 
die spannenden Gewicbte in jenem Yerbaltniss steben ^). Die Sacbe scbeint 
in Bezag anf die Saiten nor entstellt zu sein, denn Andere gaben in der 
That an, dass die Pytbagoreer den Zasammenbang zwiscben den bar- 
moniscben Interyallen and den Saitenl&ngen ricbtig erkannt and dadurch 
for einenTbeil derAkastik, dieHarmonik, diewissenscbaft- 
liche Grandlage gelegt b&tten; ja es wird an Pytbagoras getadelt, 
er babe nor Octaye, Qninte and Quarte als Gonsonanzen anerkannt, die 
so woblklingende Terz aber yerworfen, weil das ibr correspondirende 
Zahlenyerbaltniss zu complioirt sei. 

Die erste Scbrift ans den Ereisen der Pytbagoreer selbst stammt 
yon Pbilolaas, einem Zeitgenossen des Sokrates (470 bis 399). Yon 
seinem Werke sind leider nur nocb Fragmente yorbanden, deren Ecbtbeit 
nieht einmal zweifellos ist. Durcb diese Fragmente erbalten wir ziem- 
licb Uare Nacbricbten iiber das Weltsystem der Pytbagoreer. Sie 
kbrten (wenn wir die Ansprucbe der lonier nicbt gelten lassen) zuerst 
die Kngelgestalt derErde, „aber nicbt aus matbematiscber Ueberzeagung, 
aondem aus geometriscben Scbicklicbkeitsgninden , weil sie, in der 
Scbopfong immer nacb dem Yollendeten sucbend, der Erde die yoU- 
lu^mmenste Eorperform zntraaten". In dieMitte des Weltalls setzten 
sie den reinsten aller Stoffe, das Feuer, am dieses Centralfeuer be- 
wegten sicb in barmoniscben Abstanden dieGegenerde, dieErde, 
der Mond, die Sonne, Merkur, Yenus, Mars, Jupiter, Saturn 



^) Lewes, Geschichte der Pliilosophie. Poggendorff, Geschicbte der Physik. 



10 Eleaten. 

Ca. 582 bia and die Sph&re der Fixsteme. Da die bewohnte Erdh&lfte immer 
pythilgorM. vom Centralfeuer und der Gegenerde abgewandt blieb, so waren 
beide fiir den Menaohen nioht sichtbar, die Sonne indessen and der 
Mond strablten ihnen das Abbild des Gentralfeaers za. Mit Aristoteles 
hat man den Pythagoreern bis jetzt vorgeworfen, dass sie die Gegenerde 
nar construirt, am die mystiscbe Zehnzahl an Weltspbaren za erhalten. 
Pescbel (Gescbichte der Geograpbie) macbt daraaf aafmerksam* 
dass in Folge der Strablenbreohang die leacbtende Sonne and der yer- 
finsterte Mond einander sichtbar gegen&ber stehen konnen (bei sogenann- 
ten horizontalen Finsternissen), in welchem Falle, obne Kenntniss der 
Refraction, die Verfinsterang des Mondes nicht erklart werden kann, 
and er meint die Pythagoreer batten fur die Erkl&rung der Finsternisse 
Centralfeuer and Gegenerde angenommen. Gleichzeitig mit Philolaas lebrte 
der Pythagoreer Hiketas aus Syrakus dasselbe Weltsystem. Ueber 
Plato's Ansicbt ist yiel und obne sicheres Endergebniss gestritten worden, 
ein ScbQler des Plato, Heraklides yon Pontus and Ekphantus, ein 
Pythagoreer, ruckten die Erde wieder in den Mittelpunkt der Welt and 
erklarten die Umdrehung der Fizstemsphare durch eine Achsendrehung 
der Erde. Ein eigentlich heliocentrisches System ist erst durch Aristarch 
aufgestellt worden. 

v'chr'^* ^^® dritte der altgriechischen Philosophenschulen , die eleatische, 

Farmenides. die mit Xenophanes (569 bis 477) beginnt und in Parmenides ihren 
Hohepunkt erreicht, wendet sich direct gegen die Entwickelungs- 
lehre der lonier, indem sie ein einziges, unwandelbar Seiendes 
annimmt, und alles Werden und alle Vielheit fur blossen Schein er- 
klart. Die Eleaten haben fur uns nur insofern ein Interesse, als sie die 
nachfolgenden, sogenannten jUngerenNaturphilosophen beeinflussen, 
welche entgegen den loniern eine Unwandelbarkeit der Urstoffe, 
aber auch den Eleaten gegenHber, eine Vielheit der Elemente an- 
nahmen. 

▼%hi? *^ ^^^ ®'^*^ dieser jangeren Naturphilosophen ist Anaxagoras aus 

Anaxagoras. Klazomsiift in Lydiou. Der Ehrgeiz trieb ihn fr&h yon seiner Geburts- 
stadt nachAthen, wo er sich ganz dem Stadium der Philosophie widmete, 
aber dabei die Verwaltang seines Yermogens so yemachl&ssigte, dass er 
yon sich sagen durfte: „Der Philosophie yerdanke ich meinen weltlichen 
Ruin, aber das GliLck meiner Seele/ Spater zahlte er die beruhmtesten 
M&nner Athens, wie Perikles, Euripides, Sokrates zu seinen Sohulem, zog 
sich aber yielleicht gerade dadurch soyiel Neider zu, dass er wegen Gott- 
losigkeit*^ zu Tode yemrtheilt und nur durch die Bemiihungen des 
Perikles mit Yerbannung begnadigt wurde. Er lebte bis zu seinem 
Tode in Lampsakus, getrostet in dem Gedanken: „ Nicht ich babe die 
Athener, die Athener haben mich yerloren." Die Lampsakener erriohteten 
ihm ein Denkmal mit der stolzen Inschrift: ^Anaxagoras ruht allhier; er ist 
zu der Wahrheit &usserstem Ziele gelangt, findend die Ordnung der Welt.*' 



Jungere Naturphilosophen. 11 

Die Haaptscbrift des Anaxagoras fahrte den Titel „y o n de r Natn r * ^), mo Ms 426 
doch and nar einige BmchsttLcke aaf udb gekommen. In ihr wendet er Anaxagoras. 
Bcfa gegen die Umwandlung des Stoffes bei den Yeranderangen 
der Dinge, und erkl&rt diese Yeranderungen nar als ein Yerbinden 
and Trennen unsichtbar kleiner Theile der Materie. „Mit Un- 
reeht nebmen die Griechen an , dass irgend etwas beginnt oder aaf hort, 
dam Kicbts tritt ins Sein oder wird zerstort, sondern Alles ist eine Zu- 
sammenBtellnjig oder Aassonderang von Dingen, die schon vorher exi- 
atiiten; das Ricbtige ware Tiehnebr das Entstehen als Zasammensetzang 
ud das Yergeben als Trenna»g za bezeichnen.^ Der unsichtbar 
kleinen Tbeilcben {6nBQ{uxxc6^ Samen, nannte sie Anaxagoras, 
OfiotofiipCiOM' nennt sie sp&ter Arisioteles) giebt es unendlich viele, 
lie sind alle nnvergangliche and unyerfinderliche Urstoffe, an 
Gestalt, Farbe und Geschmack von einander verschieden; denn 
jeder Stoff bat seine besonderen, anter sicb gleicbartigen Elemente, das 
Feaer, das Grold, das Blat, die Enocben a. a. m. Ursprunglich wai^en 
diese Elemente angeordnet antereinander gemischt, die Welt entstand 
eni dadurcby dass der Novg, d. i. der Geist, die Yernanft, die an- 
nektbar kleinen Tbeilcben ordnete and verband. Die Stellung des 
Navg ist dozikel, er ist das bewegende Princip, die Kraft im Gegensatz 
zar Matene, docb denkt sicb wobl Anaxagoras einfacbere Bewegungen 
aacb darcb die Materie allein aasgefdbrt, wenigstens werfen Plato and 
Arisiotelea dem Anaxagoras vor, er gebraacbe den Novg nar als Aus- 
kal&mascbine, wenn keine andere Erkl&rung mebr gelingen wolle. 

Sine Stelle aas dem Pbaedo des Plato, die dieser dem Sokrates in 
den Mond legt , ist so oharakteristiscb , dass wir sie bier wiedergeben : 
^Ich borte einmal Jemand aas einem Bucbe vorlesen, das, wie er sagte. 
Ton Anaxagoras war. Als er nun vortrug, die Yemanft ordne und bewirke 
Alles, war icb uber diese Ursacbe bocblicb erfreut, and dacbte, es w&re 
etwas YortrefBicbes, wenn die Yemanft die Ursacbe von Allem ware. — 
So dacbte icb bei mir and fireate micb scbon, in Anaxagoras einen Lebrer 
gefdnden za baben, der micb iiber die Ursacben der Dinge, wie ich mir's 
vorstellte, anterricbten wurde, and dass er micb zuerst lehren wurde, ob 
die Erde flacb oder rand sei, und dann die Ursacbe waram es so sei, 
indem er za dem Zwecke zeigte, welches das Beste sei, and dass es besser 
far die Erde sei so za existiren. Und wenn er sagte sie l&ge in der 
Mitte, so wurde er aacb noch zeigen, dass diese Lage f£Lr sie die beste sei, 
and wenn er mir dies klar macbte, so war ich geneigt nach keiner anderen 
Ursacbe zu fragen. — Aber diese herrlicbe Hoffnung, mein Freund, musste 
ich anfgeben, als icb beim Lesen fand, dass er gar keinen Gebrauch von 
der Yeraonft macbte , noch ricbtige Ursachen an gab , am das Einzelne 
Grdendicb einzuricbten, sondern vielmehr die Laft, den Aether, das Wasser 
und riele andere unpassende Dinge als die Ursachen der Dinge aufstellte." 



^) ns^i gmiteng. 



1 



12 Jiingere Naturphilosophen. 

500 bis 428 MerkwArdig and in ihrem Ursprunge noch nicht aufgeklart sind 

AiuucogorM. die Meinungen des Anaxagoras vom Weltgeb&nde. In der Mitte des 
WeltallB mht die Erde, Sonne und Sterne sind glAhende Steinmassen, 
die nor darch den Umscliwnng des Himmelsgewolbes an dem Herab* 
fallen gebindert werden, die Sonne ist weit groBser als der ganze 
Peloponnes, aucb der Mond ist so gross, dass Berge and Tb&ler aaf ibm 
existiren, sein Licbt erbalt er yon der Sonne. 

Die TrQglicbkeit der Sinnesempfindang batten scbon dieEleaten 
bebaaptet, Anaxagoras scbreibt die Farben der Korper nar anaerer 
Empfindang za, and am das recbt derb "^a zeigen, stellt er das Paradoxon 
aaf, der Scbnee sei scbwarz. 

492 bis 432 EmpedoklOB au8 Agrigent, ein jungerer Zeitgenosse des Anaxa- 

Empedokies. goras, scbliesst sich tbeilweise an diesen an. Er sagt in seinem Lehr- 
gedicht „Die Natar^: „Tboren denken, ee kSnne za sein beginnen, was 
nie war; oder es kdnne was ist, yergeben und ganzlicb yerscbwinden. 
Jetzt will icb Eucb nocb weiter die Wabrbeit entbQllen, yon Natur 
giebt's keine Gebart des Sterblicben, keine yollkommene Yemicbtang'y 
Nicbts als laater Gemiscb and wieder Trennen der Miscbang. Und dies 
nennen dann Tod and Gebart anwissende Menscben." Die Grandlage 
dieser Yer&nderangen aber bilden nicbt wie bei Anaxagoras an- 
endlicb yiele Urstoffe, sondem nar die yier Elemente oder 
„Warzeln*',Erde, Wasser,Luft andFeuer, die anwandelbar sind, 
and weder aas einander entsteben nocb in einander iibergeben konnen, 
and darcb deren Miscben and Trennen alle Dinge entsteben. Die Be- 
wegang der Elemente gescbiebt darob zwei entgegengesetzte 
Kr&fte, die Liebe and den Hass. „Bald stilrzt Alles in Liebe als 
Eins sicb zasammen and bald aaob trennt yon einander das Einzelne 
sicb in feindlicbem Hasse." In den yerbindenden and trennenden Kr&ften 
des Empedokles, der Liebe and dem Hass, bat man sobon die Gentri- 
fagal- and Centripetalkraft seben, oder dieselben docb mit der Scbwere 
and Leicbtigkeit der Korper bei Aristoteles yerbinden wollen. Beides 
mit Unrecbt, denn Empedokles bat wobl die eine, Alles bewegende Krafb^ 
wie sie bei Anaxagoras aaftritt, nar daram in zwei Erafte zerlegt, weil 
er nicbt annebmen mocbte, dass eine Kraft zwei ganz entgegengesetzte 
Bewegangen beryorbringen kdnne. 

Die Sinneswabrnebmang erklftrt Empedokles darcb ftasserat 
feine Aasstrdmangen aas den Kdrpem and darcb Poren in den 
Sinnesorganen, die yon den Aasstrdmangen, je nacb ibrer Gestalt, 
Yerscbiedenes anfnebmen. Yon den leacbtenden Kdrpern geben 
. Strdme zam Aage and yon diesen aaob Strdme zu den Korpem, darcb 
das Zasammentrefifen beider Strdme entstebt das Bild. Die Tdne ent- 
steben darcb das Einstrdmen in den trompetenartigen Geborgang, aaob 
Geracb and Gesobmack entsteben durcb Eindringen feiner Tbeilcben 
in die betreffenden Organe. 



Atomistiker. 13 

Yon dem Lieben des Empedokles wissen wir nar wenig BestimmteB. 49s bis 4da 
£r Boll spateren Nachiichten zu Folge sich in der Rolle eines Wander- Empedokiea. 
thiters and Proplieten gefallen haben and gem in priesterlicben Ge- 
vindem, eineiii ^oldenen Giirtel and der delphiscben Krone and mit 
dnem zahlreichen Gefolge von Zabdrern erscbienen sein. Horaz sagt: 
^Eapedokles sprang kaltblutig binab in des Aetnas glUbenden Scbland, 
offl ein Gott, ein nnsterblicbes Wesen za beissen^, — aber die Sage 
osLhlt weiter, der Berg babe die eisemen Sandalen wieder aasgespieen, 
and so das Yerscbwinden des angeblicben Gottes erkl&rt. 

Demokrit iron Abdera wird meist mit seinem alteren Freunde and 46o mb sto 

Lehrer Lenkipp zasammen genannt. Leukipp soil das System der y. chr. 

Atomistik, das Demokrit entwickelte and begrilndete, scbon am ^^^ 

500 aafgesrtellt haben. Nacb diesem System bestebt die Welt nar aas 

dem leeren Ranm and anendlicb vielen, antbeilbaren, ansicbt- 

bar kleinen Korpercben, den Atomen, die nicbt qaalitativ wie 

bei Anaxagoras, sondem nar darcbGestalt^Lage andOrdnang anter 

sieb Terschieden sind. Nar durcb Verbinden and Trennen der 

Atome entsteben and vergeben die Kdrper, denn aas Nicbts 

wirdNicbts nndNicbts, was ist, kann vergeben. DieBewegang 

der Atome gescbiebt nicbt darcb eine ftassere, von ibnen anab- 

bingige, sondem durcb eine, ibnen von Anfang inne wob- 

nende Kraft. Es sind an sicb namlicb die Atome in ewiger Fall- 

bewegang durcb den unendlicben Raum, bei dieser Bewegung fallen die 

gr^seren Atome scbneller als die kleinen, prallen dadurob auf diese und 

eneogen Seitenbewegungen and Wirbel, durcb welche sicb die Atome 

zm Korpem zusammenballen, diese Wirbel werden die Anf&nge der 

Weltbildnng. Fur den vielbestrittenen leeren Raum fiibrt Demokrit 

(dem Aristoteles zu Folge) an: Die Moglicbkeit der Bewegung imRaume, 

die Moglicbkeit der Verdunnung und Verdicbtung von Korpem, das 

Wacbfltbam der Korper, das auf dem Eindringen der Nabrung in die 

leeren Stellen der Korper berubt, and zuletzt merkwtirdigerweise die 

falsche Beobacbtung, dass ein mit Ascbe gefCQltes Glas nicbt so viel 

Wasser weniger fasse, als das Yolamen der Ascbe betr&gt. 

In Betreff der Sinnesempfindungen buldigt Demokrit derselben 
Aosicbt wie Empedokles, nur setzt er sicb in Bezug auf das Seben nocb 
sebarfer der berrscbenden Meinung entgegen, nacb der dasselbe von 
Strablen bewirkt wurde, die von dem Auge nacb dem Kdrper gingen 
mid denselben gleicbsam betasteten. Er sagt vielmebr bestimmt, dass 
• das Seben durcb das Auftreffen kleiner Atome auf das Auge 
bewirkt werde, die von dem leucbtenden Gegenstande ausgingen; er 
denkt sicb reebt anscbaulicb, dass die Gegenstande fortw&brend Abbilder 
fsiSoAa) von sicb abwurfen, die sicb der umgebenden Luft beimiscbten, 
und to in die Seele, durcb die Poren der Sinnesorgane, eindr&ngen. Die 
Emissionstbeorie des Licbtes bat diese Idee bis in die Neuzeit berauf 
daza benutst, die Umkebrung der Bilder bei der Spiegelung zu erkl&ren. 



14 



Atomistiker. Melon. 



460 bis 870 
Oder 360 
▼. Chr. 
Demokrit. 



Demokrit verwandte sein bedeutendes Vermogen zu grossen Beisen 
in Aegypten und Aaien, so dass er yon sich riihmen konnte: „Ich habe 
nnter meinen ZeitgenosBen den grossten Theil der Erde bereist, habe 
nach dem EnUegensten geforscht, die meisten Himmelsstriche and Lander 
gesehen, die meisten geiebrten Leute gebort, nnd in der Zasammenstellung 
yon Linien mit den dazu geborigen Beweisen bat micb keiner ftbertroffen, 
auch nicbt die Feldmesser bei den Aegyptern, mit denen icb im 
Ganzen f&nf Jabre lang in der Fremde yerkebrt babe." Nacb diesen 
Reisen yerlebte er seine Zeit, yon alien Gescbftften zuruckgezogen , in 
seiner Yaterstadt. Yon seinen sebr zablreioben Scbriften sind 
nns nnr unbedentende Brucbstucke erbalten. 

Yon Anaxagoras durcb Empedokles bis Demokrit zeigt sicb ein 
stetiger Fortscbritt der mecbaniscben Welterklamng. Nimmt Anaxagoras 
nocb Qualitatsunterscbiede der Elemente an nnd lasst nocb einen gott- 
licben Geist, wenn aucb ziemlicb mecbaniscb die Bewegnng bewirken, 
so sind die Qaalitaten bei Empedokles scbon anf yier redncirt, nnd die 
eine gdttlicbe Kraft scbon in zwei ganz mecbaniscb wirkende zerspalten, 
bis dann bei Demokrit aller Qnalitatsunterscbied der Atome, nnd ancb 
jede Kraft ausserbalb der Atome aufgebort bat. Damit ist in Demokrit 
ein Hobepunkt der mecbaniscben Welterkl&rnng erreicht, dem 
sicb aber bald in Aristoteles die teleologiscbe Welterklftrnng 
wieder mit gi*osser Antoritat entgegensetzt Aristoteles wendet sicb 
direct gegen die Atome and den leeren Raum, trotzdem aber filbren die 
Epiknreer und etwas abgescbwftcbt auob die S t o i k e r die atomistiscbe 
Welterklamng weiter, bis dann in der Pbysik der Neuzeit die Atomistik 
die fast anbestrittene Alleinberrscbafb erlangt, allerdings nicbt mebr 
ganz in der alten Form, aber docb nocb dentlicb die alten Demokriti- 
scben ZUge tragend. 



453 T. 
Meton 



Gbr. Meton and Euktemon yerbessern den griechiscben Kalender. Sie 

finden namlicb, dass 19 Jabre der Zeit nabb gleicb 235 Mondnmlaafen 
(synodiscben Monaten) sind, und yertbeilen darnm, nacb einem ziemlicb 
complioirten System 6940 (365V4«19) ganze Tage anf 19 Jabre. Hier- 
durcb bewirkten sie, dass mit jedem nenen Jabre ancb der Mond 
nabezu wieder dieselbe Licbtpbase zeigte, and dass also die Zeitein- 
theilang mit Sonnen- and Mondlauf in Uebereinstimmung blieb; eine 
Forderung, welcbe die Grieoben bis dabin yergeblicb an ibren Kalender 
gestellt batten. Die so erlangte Peiiode yon 19 Jabren wird die 
Meton'scbe genannt and die Ordnungszabl eines Jabres in dieser 
Periode fQbren wir beute nocb in unseren Kalendem als goldene Zabl 
an. Docb war der Meton'scbe Kalender mit einer starken Unricbtig- 
keit bebaftet; selbst wenn wir das Jabr rund zu 365^4 Tag recbnen, 
ist die Periode yon 3940 Tagen gegen den Sonnenlanf um 6 StundeD 
za lang, und far den Mondlanf betragt der Febler sogar 7^3 Stunden. 



Mathematische Mechaiuk. Planetentheorie. 15 

Hnndert Jahre sp&ter yerbesaerte damm Kalippos nooh einmal den ass t. Chr. 
grieehicfaeii Kalende|^ indem er empfahl in der vierteii Periode einen £ktemoii! 
Y$g ansxiuchalteii. iHe aof diese Weise hergestellie Periode yon 
4.19 =^ 76 Jahren wird die ELalippische Periode genannt. 

Plato's Physik (in dam Dialog Timaus enthalten) ist wenig be* 489 bis 84? 
dentend. Die Erde ruht im Mittelpunkt der Welt, die Planeten piJto.'* 
Mgen in Abstanden, die den harmonischen Verh&ltniBBen der Tone ent- 
iprechen. Die Elemente des Feaers sind tetraedriBcb, die der Luft octaedriscb, 
£e des Wassers ikosaedriscb and die der Erde cabisch geformt. Diesen 
Elementen entsprecben vier Regionen, za unterst mbt als das Bcbwerste 
Element die Erde, dann kommen Wasser, Lnft und Feuer. Jedes Ele- 
ment atrebt eeiner Region zu nnd die K5rper folgen dem Antriebe des , 
EfementSy das in ibnen Torwiegt; wie der Stein zor Erde f&llt, bo steigen 
die fenrigen Danste empor. 

Zu gleicber Zeit mit Plato lebte der Pytbagoreer Arcbytas von 48o bis 866 
Tarent, der znerst die Mecbanik metbodisch behandelt baben soil. Arohytas. 
Plato wiift ibm yor, dass er die Matbematik znr Ldsung mecba- 
fiiscber Probleme, nnd ebenso ancb die Mecbanik znr Ldsnng 
geometriscber Constrnctionen angewandt babe. Yon anderer 
Seite wird ibm die-Erfindnng der Rolle and der Scbraube, wie 
loeb die eines Aatomaten, einer fliegendenXaube, zngescbrleben. 
Gcnanerez erfabren wir leider fiber seine mecbaniscben Leistangen nicbt. 

Budox von Enidos, ein Scbaler des Plato, war der erste Astronom los bis sfi 

im Altertbum, der for die verwickelten Babnen der Planeten Eudox. 

eine wissenscbaftlicbe Erklarung versucbte. Die lonier and 

Pytbagoreer nabmen fOr jeden Planeten eine Hoblkngel an, mit 

wdcber derselbe sicb am die Erde bewegte. Dabei konnten ibnen 

die Unregelmassigkeiten in dem Laafe der Planeten, das FortrUcken der- 

•elben anf der Spb&re, die einmal scbnellere, das andere Mai langsamere 

Art dieses Fortrackens, endlicb ancb bei den oberen Planeten das g&nz- 

licbe Rdckl&afigwerden , nicbt entgeben. Trotzdem aber bielten sie an 

der Fordernng einer gleicbformigen Ereisbewegnng aller 

Himmelskdrper fest, weil nnr eine solcbe des Himmels wCLrdig erscbien. 

Plato batte seine Scbuler zar Untersncbang des Problems anfgefordert, 

Eadox ioete dasselbe mit aasserordentlicbem Scbarfsinn. Er nabm an, 

dass jeder Planet aof einer darcbsicbtigen Kagelscbale befestigt sei, 

die mit ibren Polen drebbar in eine zweite concentriscbe Scbale ein- 

gdassen, welcbe letztere anf ganz gleicbe Weise wieder mit einer dritten 

▼erbanden a. s. w. Jede dieser Kagelscbalen drebte sicb gleicbformig in 

besonderer Ricbtang am ibre Acbse and aas der Drebang aller za 

eiaem Planeten geborigen Scbalen resnltirte dann die eigentlicbe nn- 

gleichformige Bewegong des anf solcbe Art mebrfacb aafgeb&ngten Pla- 

oeten. Fur jeden Planeten waren im AUgemeinen vier Kagelscbalen 

Bdthig, eine erste Scbale f&r die taglicbe Bewegang mit den Fixsternen, 



16 



Hochste Entwickelung der griechisichen 



Circa 380 
V. Chr. 
Endox. 



884 bis 332 



eine zweite far die Yer&nderniig der Lange, eine dritte ftb* die Ver- 
andemng der Breite, nnd eine vierte, welche deft Planeten riickw&rts 
fubrte. Fiir Sonne und Mond reducirte sich die ZahJ der Eagelschalen 
auf je drei, weil die letzte bei ibnen nicbt gebraucbt wnrde, immerhin 
blieb aber die stattlicbe Scbaar von 26 Kagelschalen fur die Bewegungf 
der Planeten, abgesehen von der Spbare des Fixsternhimmels. Trotz der 
Complicitat der Hypotbese fand dieselbe docb starken Anklang, selbst 
Ajistoteles und der scbon erwabnte Kalippos zablten nicbt bios zu ibren 
Anbangern, sondern sogar zu ibren Verbesserern ; Kalippos vermebrte 
die Zabl der Kugelscbalen auf drei und dreissig, und Aristoteles brachte 
dieselbe bis auf fcinf and fflnfzig^). 

Eudo.x muss ein guter Beobacbter gewesen sein, man erzablt 
von ibm, dass er langere Zeit in Aegypten gelebt, und dort in Heliopolis 
beobacbtet babe; auf Enidos zeigte man nocb lange nacb seinem Tode 
den Tburm, welcber ibm als Sternwarte gedient. 

Aristoteles wurde zu Staffira, einer Stadt im ndrdlicbea 

V. Chr. 

AriitoieieB. Griecbenlaud am strymoniscben Meerbusen, geboren. Sein Vater 
war der Arzt Nikomacbus, der bald mit dem jangen Aristoteles nach 
Pell a an den Hof des makedoniscben Konigs Amyntas ubersiedelte. 
Dort lernte Aristoteles den nacbmaligen Eonig Pbilipp kennen and 
gewann dessen Gunst, was sp&ter fiir ibn von so grosser Bedeutung* 
wurde. Docb kann er aucb bier nicbt lange geblieben sein, denn als 
sein Vater starb, und ibm ein bedeutendes Yermogen binterliess, zog* 
besonders der Ruf des Pbilosopben Plato den eben erst 17jabrigen 
Jiingling nacb Atben. Dort blieb er bis zu Plato^s Tode , fast 20 Jabre 
lang, in dessen Umgebung, bielt sicb danacb einige Jabre bei dem 
Herrscber von Atarneus, Hermeias, auf, der scbon in Atben ^ein Zuborer 
gewesen, und beiratbete dessen Adoptivtocbter Pytbias, als Atarneus in 
die Hande der Perser gefallen und Hermeias ermordet worden wai*. 
Von Mytilene, wobin er sicb gefliicbtet, folgte er dem Ruf des Ednigs 
Pbilipp zur Erziebung seines damals 14jabrigen Sobnes Alexander. 
Nacb der Aussage des Alexander „er ebre Aristoteles ebenso sebr wie 
seinen Vater; denn wenn er dem Einen sein Leben verdanke, so ver- 
danke er dem Anderen, dass er es wertbvoU gemacbt", muss das Ver- 
b&ltniss zwiscben dem beriibmten Lebrer and seinem grossen Scbiiler 
ein sebr gates gewesen sein. Docb dauerte dasselbe in dieser Weise 
nur vier Jabre, bis Alexander den Tbron bestieg. Drei Jabre blieb 
Aristoteles danacb nocb in Makedonien, dann kebrte er, als Alexander 
nacb Persien gezogen war, wabrscbeinlicb 335, nacb Atben zuriick, und 
griindete dort im Lykeion (einem Gymnasium) seine berUbmte Pbilo- 
sopbenscbule , die nacb den scbattigen Spaziergangen (n£Ql7tatoi\ ia 
denen Aristoteles gern seine Lebren vortrug, den Namen der peripate- 



') Zeitflchrift f. Math. a. Phys. XXII. Jahrgang. Schiaparelli: Ueber die 
liomocentrischen Bpliareu des Endoxus, Kalippns und Aristoteles. 



Naturphilosophie in Aristoteles. 17 

tiflchan erhielt. 13 Jabre las er dort yor einer grossen Menge eifriger S84 bia 822 
Zuhorer, daim erliapL.die antimakedoniscbe Partei in Athen gegen ihn Aristoteles. 
die Anklage wegenFreyels gegen die Goiter, und Aristoteles yerliess 
die Stadt, ,weil er nicbt wollte, dass seine Mitburger sicb znm zweiten 
ICale^) an der Philosopbie yersundigten^. Er wandte sicb nacb Cbalkis 
IB £iibda, wo er, kurze Zeit nacb seiner Verbannnng, im Jabre 322 starb. 

Aristoteles war klein und scblank yon Gestalt und soil in seinem 
Benehmen ' ofters geziert gewesen sein. In der Unterhaltung neigte er 
sum Sarkasmos, ob er aber die Aeusserung des Bacon yon Yerulam, 
^dass er wie ein orientaliscber Despot alle seine Nebenbnbler strangu- 
brte", wirklicb Terdient bat, ist mebr als zweifelbafk. Sein eigenes bedeu- 
iendes Yermogen, sowie die Unterstiitzung seines mficbtigen Scbtders, 
erlaubften ibm, eine bedeutende Bibliotbek zu sammeln; diese 
fiiblioihek kaufte Ptolem&us Pbiladelpbus spftter fiir das Alezandriniscbe 
Moseom an. Der eigene bandscbriftlicbe Nacblass des Aristoteles 
soil jedocb nicht mit abgegeben worden, sondem durcb Sulla sp&ter 
nacb Rom gekommen sein, wo Andronikus y. Rbodus um 70 y. 
Chr. wenigstens die rein wissenscbaftlicben Scbriften in der jetzt 
forhandenen Form yeroffentlicbte. Die bedeutendste Ausgabe derselben 
wnrde in den 30 er Jabren dieses Jabrbunderts yon der Akademie der 
Wisaensebaften in Berlin yeranstaltet und yon Imm. Bekker besorgt 
Wir geben zuerst eine Uebersicbt uber die pbysikaliscben Ansicbten des 
Aristoteles, um dann eine kurze Inbaltsangabe ^) seiner bierber geborigen 
Scbriften folgen zu lassen. 

Die Natur ist die Gesammtbeit der mit Materie bebafteten, in steti- 
ger Bewegung oder Yer&ndemng begriffenen Naturkorper. Jede Bewe- 
gang setzt Raum und Zeit yoraus. Der Baum ist stetig mit Materie 
erfallt, es giebt also weder einen leeren Raum, nocb in dem- 
selben untheilbar kleinste Tbeilcben der Materie oder Atome. 
Im leeren Baum, als einer blossen Negation der Materie, ist keinerlei 
Ortsbestimmung, also aucb keine Ortsyerscbiedenbeit mdglicb, die Bewe- 
gimg scbliesst aber die Ortsyerscbiedenbeit ein, mitbin ist im leeren 
Baun aucb eine Bewegung undenkbar. 

Sucben wir die Principien der sinnlicben, d. b. tastbaren 
Dinge, so treffen wir nur auf yier Antitbesen, die demGefiibl wabr- 
ndunbar sind und sicb nicbt ans andern ableiten lassen, namlicb nur auf 
lieisg und kalt, trocken und feucbt. Dies sind die Elementar- 
qnalitaten der Materie. Da die Gegensatze nicbt yereinigt werden 
lomieB, entsteben aus ibnen durcb Combinationen zu zwei nur yier 
Elementarstoffe, namlicb das beisse und trockene Feuer, die 
heisse und feucbte Luft^), das kalte und feucbte Wasser und die 



I 



^} Sokrates. — ^ Grdsstentheils nach Lewes: Aristoteles. Leipzig 1865. — 
^ Dia ahen Physiker wisaen weder die Luftarten unter sich, noch die Dampfo 
Y<n der Loft zu imterscheiden. 

Kof«Bbtrger, Owctaichte der Physik. 2 



18 Mechanik. Himmelsgebaude. 

884 bii 822 kalte und trockene Erde. Diese Tier Stoffe sind potentiell oder 
Arbtoteies. actuell in alien Eorpern enthalten, und kdnnen au alien auBgeschieden 
werden. Umgekehrt aber sind sie nicht selbst wieder in andere Stoffe 
auflosbar, deshalb nennen wir sie Elemente. 

Die Elemente sind ihrer Natur nach schwer oder leicht. Erde 
ist das absolut schwere, Feuer das absolnt leichte Element, 
Wasser und Luft sind nur relativ schwer oder leicht, je nach 
dem sie mit den andern Elementen in Wechselvrirkung treten. Allen 
irdischen Korpern ist mit den Elementen, die sie enthalten, aach 
Schwere oder Leichtigkeit eigenthCLmlich. Alle Kdrper 
streben abwarts der Erde oder anfw&rts dem Himmel zu, and 
bewegen sich so lange in diesen Richtungen, bis der Wider- 
stand eines andern Eorpers ihre Bewegang hindert. Die Be* 
wegungen yon oben nach unten, und yon unten nach oben, sind also den 
irdischen Edrpem natHrlich, und dauern so lange fort, bis sie gewalt- 
sam gehindert werden. Alle andern Be wegungen sind gezwun- 
gene oder gewaltsame, die nur durch einen Stoss oder 
Druok erzeugt werden konnen, und wie die Warme Ton 
selbst erloschen, wenn jener Druck aufhdrt. Die nat&rlichen 
gradlinigen Bewegungen der schweren und leichten Kdrper sind nicht 
gleichmAssig und nicht unendlich und darum nicht ToUkommen. YoU- 
kommenheit ist nur der Kreisbewegung, die gleichfdrmig^ 
in derselben Weise bis in alle Ewigkeit fortgeht, znzu- 
schreiben. Diese Tollkommenste BeWegung zu Terwirklichen giebt ea 
noch ein fanftes Element, dem, wie den irdischen Korpern die 
gradlinige, die Kreisbewegung natCLrlich ist; das ist der Aether, aua 
dem der Himmel besteht, die guinta essentia. Die Sphare der 
Fixsteme, die sich ihrer Natur nach gleichm&ssig bis in alle Ewigkeit 
fortbeweg^, besteht rein aus Aether; die Planeten sind schon mit irdi- 
schen Bestandtheilen Termengt, denn ihre Bewegungen entbehren der 
strengen Gleichf5rmigkeit. 

Die Erde, aus dem schwersten Element bestehend, kann sich nicht 
bewegen, sondem ruht in der Mitte des Weltalls. Sie ist kugel- 
fdrmig; die Wolbung der Erdoberflache zeigt sich schon darin, dasa 
bei Reisen nach Norden oder S&den die Sterne sich ttber den Horizont 
heben oder senken; und die Kugelgestalt ist dadurch ToUkommen be- 
wiesen, dass der Erdschatten bei Mondfinstemissen immer kreisformig ist. 
Die Gestalt der Erde muss aus naj&rlichen Grflnden sogar die einer 
Kugel sein, denn alle Kdrper streben gleichm&ssig nach ihrem Mittel- 
punkte als dem Centrum der Welt hin. Den Umfang der Erde giebt 
Aristoteles auf 400000 Stadien = circa 9970 geogr. Meilen an, 
also fast noch einmal so gross, ids er in Wirklichkeit ist; wie er zu die- 
Bern Resultat kommt, ist unbekannt. 

Yon den frei fallendonKdrpern weLss er, dass sie mitbeschleu- 
nigter Geschwindigkeit fallen, aber das Geseta der Beschleunigung 



Mechanik. 19 

kennt er naturlicb nicht, auch weiss er Nichts davon, dass alle Edrper im 384 bis 322 
hftleeren Ranme gliich sclinell fallen, sondern meint, die Geschwin- Iriatofceiei. 
digkeiten irerscbiedener Eorper yerhielten sich beim Fallen 
wie die Gewichte derselben; ein doppelt so scbwerer Korper fiele also 
doppelt 80 Bcbnell ale ein einfacber. Das scbeint immerbin merkw&rdig, da 
AriBtoteles den Widerstand der Luft kannte and die Yerzdgernng in dem 
Fallen einzelner Edrper leicbt von diesem Widerstand b&tte ableiten konnen. 
Doeb kennt Aristoteles bei den naturlicben Bewegnngen keinen Tragbeits- 
videratand des Stoffes, und kann damm gar nicbt auf den Gredanken 
kommen, dass ein solcber Widerstand die st&rkere Scbwere einer grosae- 
ren Menge compensiren and die Gescbwindigkeit des freien Falls immer 
gleicb erbalten moss. *Mebr Scbwierigkeiten als bier findet 'Aristoteles 
selbst bei den gewaltsamen Bewegungen der Eorper, er wundert sicb, 
wie es mdglicb ist, dass die Bewegung eines geworfenen Edrpers nocb 
fortdaneii, nacbdem derselbe die Hand verlassen. Scbliesslicb kommt er 
sa der Einsicbt, dass, nacbdem der geworfene Edrper binter sicb einen 
leeren Raom gelassen, die Luft in diesen eindringt and dem Edrper 
einen nenen Stoss ertbeilt. Eine Erklarnng, die, abgeseben von ibren 
aonetigen scblecbten £igenscbaften , zu viel erkl&rt, and dann wieder in 
den mecbaniscben Problemen die Frage veranlasst: Wodorcb kommt ein 
Worfkdrper scbliesslicb zar Rube? 

Yon mecbaniscben Mascbinen wird die Wirkung des Hebels 
in ricbtiger Weise erklart: „Mit einem grosseren Hebelarm 
kann man ein grdsseres Gewicbt beben, weil der grdssere 
Hebelarm i^icb st&rker bewegt*', oder „eine in grosserer £nt- 
fernang Tom Unterstutzangspunkt angreifende Eraft 
bewegt ein Gewicbt leicbter, weil sie einen grosseren 
Ereis bescbreibt". In diesen Worten ist nicbt nur ein Beweis des 
Hebelgesetzes gegeben, sondern ancb dasGesetz von der Erbaltung 
der Eraft angedeutet. Dass Aristoteles wenigstens eine Abnung von 
diesem Gesetz batte, folgt nocb ans einer andern Stelle, wo er bebanptet, 
dass Edrper, bei denen die Producte aas Gewicbt and Ge- 
scbwindigkeit gleicb sind, gleicb viel wirken. Leider wird 
der gate Eindruck, den der ricbtige Satz von der Wirkung des Hebels 
henrorbringen miLsste, verdorben durcb eine weitlaufige Untersucbung, 
in welcber der Pbilosopb sicb nicbt damit begnugt, beweisen zu kdnnen, 
dass der Hebel so wirken muss, wie er bebauptet, sondern nocb weiter 
das ibm Wunderbare der Wirkung durcb die ebenso wunderbaren 
Eigenscbaften des Ereises zu erklaren sucbt. 

Das Hebelgesetz ist der Glanzpunkt der aristoteli- 
sehen Mecbanik, fast alles Andere wird durcb die unglflckselige 
Annabme von absolut scbweren und absolut leicbten Ele- 
menten verdorben, die Mecbanik der flfissigen Edrper fast nocb mebr, 
als die der fasten. Aus dieser Annabme folgt, dass Wasser nicbt 
gegen die'Erde und Luft nicbt gegen das Wasser scbwer 

2* 



20 Akustik und Optik. 

884 bis S2a sein, nnd dass also Wasaer nicht auf Erde, und Loft nicht auf Wasser 

Arutoteiea. oiiien Druck ausflben kann. Dadurch kommt es, JifiSB Aristoteles, urn 

das Saugen zu erklaren, den Abscheu der Natur vor dem leeren 

Ran me, den horror vacui, einfQhren muss, trotzdem er die Schwere 

der Luft kennt, and dieselbe sogar za wiegen versacht. 

Akustiscbe nnd optische Erscheinungen behandelt Aristo- 
teles Yorzuglicb bei der Betracbtung der Sinne. Neben yielem Unyer- 
standlicben und offenbar Unricbtigen, neben yielem rein dialektischen 
Wortkram findet sicb bier docb aucb mancbes gut Beobacbtete and 
geistreicb Scbarfsinnige, so dass man diese Leistungen des Aristo- 
teles fur ungleicb besser als seine mecbaniscben erkl&ren 
muss. Ein Ton entstebt nicbt dadorcb, dass der tdnende Kdrper der 
Luft, wie Einige glauben, eine gewisse Form eindrflckt, sondern dass 
er die Luft auf angemessene Weise in Bewegung setzt. Die 
Luft wird dabei zusammengedruckt und auseinandergezogen, und durch 
die Stdsse des tonenden Korpers immer weiter fortgestossen, so dass sicb 
der Scball nacb alien Ricbtungen ausbreitet. „ Nicbt der Stoss beliebiger 
Kdrper ist Scball, aber die bohlen Kdrper erzeugen durob ibren Buck- 
prall viele Stdsse nacb dem ersten, da es unmdglicb ist, dass das in 
Bewegung Gesetzte berausgebe. — Weder die Luft nocb das Wasser 
(wenn sicb der Scball im Wasser fortpflanzt) sind des Scballes Ursacbe, 
sondern es muss ein Stoss fester Kdrper gegen einander und gegen die 
Luffc.erzeu£^ werden. — Die Luft selbst ist scballlos wegen der Verscbieb- 
barkeit ihrer Tbeile; wird dies Yerscbieben aber gebindert, so ist ibre 
Bewegung Scball. Die Luft ist in den Obren bis zum Unbeweglicb- 
werden eingescblossen, damit man alle Yerscbiedenbeiten der Bewegung 
scbarf fiible." ^Das Ecbo entstebt, wenn die Luft von einer 
Wand am Yordringen gebindert und gleicb einem Ball zu- 
riickgeworfen wird." 

Bei der Untersucbung des Sebens wendet sicb Aristoteles wie 
Demokrit gegen die Lebre yon den Gesicbtsstrablen, die yon 
dem Auge ausgeben. „Wenn Seben dadurcb erzeugt wird, dasa 
das Licbt yom Auge ausgebt, wie yon einer Laterne, warum 
kdnnen wir in der Dunkelbeit nicbt seben? Zu bebaupten, dasB 
das Licbt yerldsche, wenn es in die Dunkelbeit k&me beim Yerlassen des 
Auges, ist ungereimt." Die friiberen Pbilosopben eigneten jedem Sinne 
ein Element zu, dem Auge das Feuer; Aristoteles bait an der ersten An- 
sicbt fest, glaubt aber, dass das Wasser an die Stelle des Feuers gesetzt 
werden mtLsse. „Der sebende Tbeil ist als aus Wasser bestebend anzu- 
nebmen, der fiir Scballeindrucke empfanglicbe aus Luft, der Geruch aber 
aus Feuer, der dem GefObl dienende aus Erde; der Gescbmack ist eine 
Art yon Geftibl. — Dass nun das Seben aus Wasser sei, ist wabr; das 
Seben tritt aber nicbt ein sofern es Wasser ist, sondern sofern es 
durcbsicbtig ist; dies bat es mit der Luft gemein. Das Wasser erb&lt 
und empfUngt es aber besser als Luft; desbalb bestebt die PupiUe und 



Warmelehre. 21 

das Ange aas Waaser. — Die Psyche ist nicht auf der Oberflache 384 bis 322 

dfls Anges soDdem innerhalb; deewegen ist es nothwendig, dasa das Aristoteies. 

Innere des Anges durohaichtig sei nnd zum Anfnehmen dea Lichtea 

gaaehickt.'' — Das Darchaichtige (wohl das Medium zwiachen 

lenehtendem Korper and Aage) apielt eine groaae Rolle. 

Ariatoteles macht anadrftcklich darauf aufmerkaam, dasa wir einen Gegen* 

stand niebi aelien, wenn wir ihn direct auf daa Auge legen. „Wenn 

etwas Fenriges im Durchaichtigen iat, ao ist ea Licbt; iat es nicht vor- 

banden, ao iat ea Dunkelheit. Wie nan da bald Lioht, bald Finatemiaa 

ist, 80 entsteht in den E5rpem daa Weiaa and Schwarz, dieae kdnnen ao 

nebeneinander stehen, dasa aie wegen ihrer Unbedeutendheit unaichtbar 

smd , dann kann der Korper weder weiaa noch achwarz eracheinen , and 

da er dock eine Farbe haben muaa, ao eracheint eine andere Farbe ala 

weiaa and achwarz, eine gemiachte Farbe. ** Die Farben aind alao nichta 

abaolot Sehbarea, aondem haften nor an dem Sehbaren and entatehen 

dadareh, dasa daa Licht dnrch Donkelea geaehen and Licht and Dankel- 

heit gemiacht werden. 80 eracheint daa Licht der Sonne darch den 

Nebel roth, and der Regenbogen, welcher daduroh entateht, 

daas die Sonne aich in dunkleren Wolken abbildet, zeigt 

aile Farben. 

Die Warme iat bei Ariatotelea eine Elementarqaalit&t, die 
Tor allem dem Feaer ala Element, aber mit dieaem auch 
alien Kdrpern eigen iat. Da daa Feuer aeiner Natur nach immer 
aafzQsteigen atrebt, ao erkl&rt aich dadurch die Yerdampfong dea Waaaera, 
dasFli&8aigwerdenderEorpera.a.m. Wie nachtheilig aber daa Fehlen 
genaaer Meaaungen in der Phyaik iat, wie wenig Vernanfbigea fiber 
Katnreracheinangen geaagt werden kann, wenn die verachiedenen 
Uraaehen in ihren Wirkungen durchBeobachtangen nicht geaon- 
deri werden, zeigt gerade die folgende Stelle, welche aich auf die 
Wirkangen der W&rme bezieht. ^Daa siedende Waaaer erw&rmt mehr 
ala eine Flamme, die Flamme aber verbrennt daa Brennbare and achmilzt 
daa Schmelzbare, daa Waaaer aber nichta. £a iat ferner daa aiedende 
Waaaer warmer ala ein kleines Feuer, aber daa warme Waaaer kilhlt 
admell and mehr ab, ala ein kleinea Feaer. Denn Feuer wird nicht kalt, 
allea Waaaer aber wird ea immer. Ferner ist aiedendea Waaaer zwar in 
Bezug aof daa Geffihl warmer, ea wird aber achneller kalt and feat ala 
OeL Ferner iat daa Blat in Bezug auf daa Gefiihl w&rmer ala Wasser 
and Oel, es wird aber fichneller feat. Ferner werden Steine, Eiaen und 
dergleichen langaamer warm ala Wasser; wenn sie aber erwarmt sind, 
ao brennen aie mehr. Auaaer dieaem haben einige von den sogenannten 
vannen Dingen fremde W&rme, andere aber ihre eigene; ea ist aber ein 
groaaer Unterachied , ob etwaa auf dieae oder jene Weiae warm iat; denn 
daa Eine Ton ihnen beiden iat nahe daran , nur durch Zufall und nicht 
iareh aich aelbat Warme zu haben, wie wenn man sagen wollte, wenn 
ain Fieberkranker zufUlig ein Tonk&nstler ware, der Tonkanatler sei 



22 Inhaltsangabe der physikalischen Schriften des Aristoteles. 

384 biB 3U w&rmer als deijenige, welcher seine gesunde Wi&rme besitzL Wenn aber 
Aristotoiet. 6108 Yon sich selbst Warm ist, ein anderes znfallig, so wird das an sich 
selbst Warme langsamer erkalten, dasjenige aber, welches zufallig warm 
ist, wird sich oft far die Empfindung warmer zeigen, und andererseits 
brennt das an sich selbst Warme mehr, z. B. eine Flamme mehr als 
siedendes Wasser, das siedende Wasser ist aber f&r das Gefiihl warmer, 
obgleich es doch znfallig warm ist. So ist es klar, dass es nicht einfach 
ist zu entscheiden, welches yon zwei Dingen warmer ist; denn anf diese 
Weise ist dies w&rmer, aof jene ein anderes." 

Die physikalischen Schriften^) des Aristoteles sind: 1) Die 
Physik , 2) die Schrifb tlber das Himmelsgebande , 3) die Schrift fiber 
Meteorologie, 4) die Schrift nber das Entstehen and Yergehen and 5) die 
mechanischen Probleme. Yon den kleinen natorwissenschaftlichen Ab- 
handlungen, den sogenannten Parva naturalia^ ist f&r die Physik die 
Abhandlang ilber die Sinne wichtig; ans dieser vorzuglich stammt das, 
was oben iiber das Sehen and Horen gesagt ist, doch enthalt auch die 
Abhandluhg „ iiber die Seele" einige hieraof bezugliche Eapitel. 

Die Physik ist in acht Bacher getheilt. Das erste giebt histo- 
rische Notizen aber die Lehre von den Principien der Dinge yor 
Aristoteles and giebt die Principien des Aristoteles selbst; das zweite 
bringt die Definition der Natar, sowie die Lehre von den yier 
Ursachen der Dinge, der causa formalis (Wesen), causa materidlis 
(Stoff), causa effidens (Bewegang) and causa finalis (Zweck). In dem 
dritten Bach findet sich die Definition der Bewegung („Bewegang 
ist die Yerwirklichnng des, der Potenz nach, Seienden, insofern es ein 
solches ist. Sie ist der Actas eines Bewegbaren, der za dessen Beweg- 
barkeit gehort''), sowie die Untersachang yon Raam and Zeit. Das 
yierte Buch enthalt die Theorie der Warfkdrper; die folgenden 
Bucher sind hanpts&chlich den yerschiedenen Arten der Bewegang ge- 
widmet. Die Bewegang enthalt funf Elemente, das Bewegende, das 
Bewegte, die Richtang der Bewegang, den Ansgangspankt and das Ziel. 
Nach dem Letzteren erhalt die Bewegung ihre specielle Bezeichnung, 
das Yergehen eines Korpers ist z. B. seine Bewegang nach der Nicht* 
existenz. Alle Bewegungen sind Yeranderangen der Qaantit&t, oder der 
Qualitat, oder des Ortes. Die Yeranderang des Ortes im Raame ist 
Ziehen, Stossen, Wirbeln oder Fahren. Hiernach folgt die Lehre 
yon natfirlichen and gewaltsamen Bewegangen, den grad- 
linigen Bewegangen and der Ereisbewegang. 

Die Abhandlang fiber das Himmelsgeb&ade enthalt im 
erst en Bnche die Erklarang der Materie and die Betrachtangen 
fiber Schwere and Leichtigkeit. Das zweite Bach giebt die 



^) 1) g>va&xrj dnQoaatg^ auBcultationes physicae, 2) nsQl ovQayoi>y de caelo, 
3) /LteietJQoXoy^xd , 4) negi yeviffBOiq xai gf^oQSg^ de generatione et corruptione, 
5) fitjxfty^xtt TjQofiXT^/Liata, quaestiooes mechanicae. 



Inhaltsangabe der physikalischon Scbriften des Aristoteles. 23 

ioiichten des Aristoteles ttber den Himmel nnd die Sterne. Das 864 bis 323 
Himmelsgewdlbe hat die Form einer Engel , ebenso die Sterne ; denn ein AriBtotoieB. 
ledet besteht ans Bemjenigen, in welchem es sicb befindet; da nun die 
Sterne sieb in Kreisen bewegen, so mussen sie ans Ereisen gebildet sein. 
Die Ton den Gestimen ansgebende Wftrme and das Licht entstehen, in* 
dmn die Lnft dnrcb die Raumbewegnng derselben an ibnen in Reibnng 
kommt; denn von Natnr ans yersetzt die Bewegnng sowobl Hdlzer wie 
aack Steine and Eisen in Fenerhitze. Yon den Himmelsl^orpem aber 
wird ein jeder in seiner Spb&re bewegt, bo dass zwar nicbt sie selbst in 
Fenerbitze yersetzt werden, wobl hingegen die Luft, and zwar dort am 
aeisten, woselbst eben die Sonne eingef&gt ist. Im dritten Buch 
giebt Aristoteles seine Lebre yon den Elementen der K5rper ; and im 
Tierten konunt er wieder anf Scbwere and Leichtigkeit znrilck. 

Die zwei Bftcber &ber Entstehen and Verge hen geben im 
enten Baeb eine Theorie der drei Arten des Werdens, im zweiten wieder 
eine Theorie der yier EUemente and Grnndqaalitaten. 

Wahrend diese beiden BtLcher fast nar dialektische Untersachangen, 
die ftof Wortdefinitionen gegrtUidet sind, enthalten, steht die Meteoro- 
lo gi e aof festerem Boden. Die drei erstenBttcher bringen meteoro- 
logische Thatsacben, and erklftren dieselben mehr oder weniger gat. Das 
Tierte Bach enth&lt eine mehr chemische Abhandlung CLber die Elemente 
nnd die Elementarqnalitftten. Als atmosphariBche Erscheinangen behan- 
deli Aristoteles die Stemschnappen, die Eometen and die Milchstrasse, 
welche er {^ eine in der Laft saspendirte Aasbaachang der Erde h< 
ferner die Wolken, den Nebel, Regen and Schnee. Er weiss, dass der 
Thaa nor in beiteren und stillen NSchten fallt; dass der Wind sich 
meist mit der Sonne dreht and dass die D&mpfe des Meerwassers sttss 
sind, trotzdem er das Meerwasser nar an der Oberfi&che fiir aalzig halt 
Die Erdbeben yersacht er darch die Spannkraft yon eingesohloBsener 
Loft za erklaren. 

Die mechaniscben Probleme bilden eine Sammlung yon Fra- 
gen mit Yersnchen zar Losang derselben, die Aristoteles wohl nar ftLr 
seine Stadien zasammengestellt hat, ohne die Absicht sie za yeroffent- 
Hchen, and die yielleicht nar zam Theil yon ihm and znm Theil yon 
Kinen Nachfolgem herrtdirt. 

Aristoteles hat in seinen natarwissenschaftlichen Schriften das 
Problem der alten Natarpbilosophie yon der Welterklft- 
rnng in einer Weise geldst, welche die hdchste Bewunderang yerdient, 
er bat alle seine Vorg&nger in fester conseqaenter Anwendang seiner 
SridAnmgsprincipien, im logisch gegliederten Anf baa seines Systems nnd 
TOT Allem in der Menge seiner Eenntnisse yon der Natnr 
iibertroffen. Wie war es mdglicb, dass trotzdem das ganze 
Unternehmen za so yollkommen falscben Resnltaten ffth- 
renkonnte? Die bedeatendsten Manner haben sich mit dieser Frage 
Wbaftigt, and sind za recht yerschiedenen Antworten gekommen. 



24 Beurtheilung der Natunphilosophie des Aristoteles. 

384 bis 832 Whewell wondot sich in seiner Geschichte der indactiven Wissen- 
Aristoteies. scliaften gegen die allgemeinste Annabme, dass der Mangel 
an thatsachlichen Eenntnissen die Ursache gewesen, warum 
das Untemehmen des Aristoteles und uberhaupt der grieohischen Natur- 
wissenschaft fehlgeschlagen sei. Er sagt: znr Entwickelong einer Natur- 
wissenschaft gehoren Thatsachen und Ideen; der Fehler der griechischen 
Natnrpbilosophen bestand darin, dass ^obscbon sie Beides, Tbatsacben 
nnd Ideen im. Ueberflusse besassen , docb diese Ideen weder dentlich, 
nocb den Tbatsacben angemessen waren. — So ist die Ursacbe, wesbalb 
Aristoteles in seinen Yersucben in den mecbaniscben Wissenscbaften irrte, 
die, dass er die Tbatsacben nicbt anf die angemessenen Ideen bezo^, 
n&mlicb aof Kraft oder Bewegnngsarsacbe, sondern anf Beziebungen des 
Raumes und dergleicben''. Lewes ^) betont ganz ricbtig, dass Wbewell 
durcb diese Satze nicbt den Grund des Feblscblagens angegeboD, 
sondern nur die Tbatsacbe des Feblscblagens mit andern Worten 
ausgesprocben babe; wendet sicb dann aber aucb gegen die Bebaup- 
tung, dass die Griecben geniLgend beobacbtet batten. „£b 
ist wabr, sie beobacbteten, es ist aber nicbt wabr, dass sie angemessen 
beobacbteten. Es ist wabr, sie experimentirten , es ist nicbt wabr, dass 
sie binreicbend zum Experiment griffen." Lewes yermisst yor AUem 
bei Aristoteles die Anwendung des Experiments zur Verification 
sowobl der aufgenommenen Tbatsacben, als aucb der gefassten Ideen, 
und findet darin den Urgrnnd fur das Feblscblagen seiner Bemilbungen 
um die Pbysik. 

Es ist wabr, Aristoteles wdrde yor colossalen Feblgriffen. 
bewabrt worden sein, weun er immer darauf bedacbt gewesen ware, 
seine Resultate durcb Experimente geborig zu bewabrbeiten , es ist 
aber sebr fraglicb, ob es Aristoteles in der Pbysik zu Etwas gebracbt 
batte, wenn er das Experiment nur auf diese Weise yerwandt. Die 
beutige Pbysik gebraucbt das Experiment durcbaus nicbt 
allein zur Verification scbon gefasster Ideen. Sie gebraucbt daa- 
selbe aucb, nm Antworten yon der Natur zu erzwingen, iiber 
deren Ausfall yon yornberein keine feste Idee yorbanden ist, gebraucbt 
dasselbe, um Beobacbtungen zu sammeln, die erst die Grund- 
lage zur Construction neuer Ideen geben soUen, und gebraucbt 
dasselbe, um sicbere Messungen unter gtlnstigen Bedingungen 
anstellen zu kdnnen. In solcbem umfassenden Gebraucbe des Experi- 
ments bestebt die Methode der neueren Pbysik, und diese experimen- 
telle Metbode ist es, deren Feblen die Pbysik des Aristoteles zum 
Fall bracbte. Will man aucb diese Auskunfb nicbt als genugend gelten 
lassen und nocb weiter fragen, warum der geniale Geist des Ari- 
stoteles nicbt die ficbtige Metbode fand, so bleibt nur die 
Antwort: Aristoteles war kein Pbysiker im eigentlicben Sinne 



1) Aristoteles. Leipzig 1865. 



Beurtheilung der Naturphilosophie des Aristoteles. 25 

4a Worts, er war Yor allem Philosoph. Als Philosoph hat er seine 384 bis saa 
pvsBtea Leistnngen yollbracbt, und als solcher versacht er die Natur Aristoteles. 
afe Ganzes Yon aUgemeinen Gesicbtspankten ans zu erkl&ren. Aristo- 
cdes stellt sich im Gegensatz zu seinen Yorgftngem ganz anf realen 
Boden, er wendet sich Yon den Thatsacben nicbt ab, ja er sammelt 
BeolMichtnngen, nm allem Tbats&oblichen Recbnang zu tragen, trotzdem 
bleibt er doch der Pbilosopb, der sicb nicbt damit begntlgen darf, 
beobachtend and probirend in einzelnen Itkckenlosen Scbritten 
Torwaris zn geben, der Yielmebr seiner Aufgabe gemass die aUge- 
meinen Satze sncben muss, ans denen die Erklarnng des Ganzen 
folgt. Der innerste Gmnd f^ das Feblscblagen der ganzen antiken 
Phjsik liegt bier offen, sie war Naturpbilosopbie, die in einer 
grossarti^n Leistung das Weltganze erkl&ren woUte, statt dass sie 
Tor der Hand Experimentalpbysik batte sein sollen, die sicb mit 
der Erklarnng der einfacbsten Naturersobeinungen begnilgte. 
Dorfen wir aber dem Aristoteles einen Yorworf darans macben, 
dasB er war was er sein wollte und sein konnte, ein Pbilosopb? Die 
Unmoglichkeit, auf pbilosopbiscbem Wege das Ziel zu erreicben, 
war d %n f^^<« nocb nicbt constatirt, denn nocb waren die Yersucbe nicbt 
zablreich genng gewesen, um eine Skepsis in dieser Beziebung zn recbt- 
fertigen; spftter aber bat das Ungluck, welcbes der grosste Pbilosopb 
and seine Metbode in derPbysik batten, am meisten dazu beigetragen, 
dass der Weg der reinen Speculation ganz Yerlassen und der 
mubsame aber sicbere Weg des Experiments eingescblagen wurde. 
Unter der Antoritat des Aristoteles lebte im Mittelalter die Pbysik als 
bknae Naturpbilosopbie wieder auf, aber die augenscbeinlicbe Un- 
riebti^keit and Unfrucbtbarkeit dieses Aristotelismus waren 
es aneb, welcbe die erleucbtetsten Geister auf den Weg der 
Erfabrang and des Experiments fiibrten. 



2. 
Zweiter Absohnltt der Physik des Alterthums. 

Von 300 V. Chr. bis 150 n. Chr. 



Periode der mathematischen Physik. 

Mit Aristoteles schliesst die schopferische Periode der 
griechischen Naturphilosophie. Sein in sich geschlosse- 
nes System bot schon an sich den Schiilem wenig Angriffspunkie 
fiir eine Weiterentwickelung, ausserdem liberragte der Lehrer 
die Schiller geistig so gewaltig, dass diese alle Miihe hatten 
ihn zu verstehen und so gut wie moglich zu erklaren, deshalb aber 
keine Zeit und noch weniger denMuth fanden, den Meister 
zu yerbessern. Die directen Schiiler des Aristoteles, wie Eudemos 
und Theophrasti), machen zwar noch einige unbedeutende Versuche 
in dieser Bichtung, aber sehr friih horten solche Versuche ganz auf, 
und die Schule der Peripatetiker erzeugte nur noch sclavische Com- 
mentatoren ihres Griinders. Eine Alleinherrschaft wie im 
Mittelalter hat trotzdem der Aristotelismus im Alterthum 
nicht erlangt; neben der Naturphilosophie, die alles nach End- 
zwecken und dem Zielpunkt der Vollkommenheit teleo- 
logiscb erklarte, behauptete sich lange Zeit sogar mit Vortheil 
die mehr materialistische Physik der Atomisten. Origi- 
nelles ist jedoch auch auf dieser Seite wenig mehr zu finden , denn 
selbst Epikur (341 bis 270 v.Chr.), der bedeutendste Atomi- 
stiker dieses Zeitraumes, schliesst sich so eng anDemokrit 



^) Theophrast schiieb auch eine Geschichte der philoeophischen Phyaik von 
Tbales bis Aristoteles in 18 Buchenii leider ist dieselbe nicht erhalten. 



Mathematische Physik. 21' 

as, diiss wir seine Physik einfach als die des Demokrit bezeichnen 
konnen. 

Die alteren Philosophen vereinigten in sich die ganze 
jeweilige Wissenschaft Mit dem Anwachsen des Materials 
trateine nothwendige Trennung ein, zuerst in der Art, dass 
einxelne Philosophen ihrer Neigung nach sich vorzugsweise mit 
Vathematik and Astronomie beschaftigten, bald aber auch 
so,dassdiese Wissenschaften die ausschliessliche Beschafti- 
gung einzelner Gelehrten bildeten. Die reine Mathematik 
bildete noch einen Haupttheil der philosophischen Studien, iiber 
dem Thor der Akademie des Plato standen die Worte : „Kein der 
Uatkmatik Unkundiger trete in dies Haus^^; sobald aber diese 
Wissenschaft praktisch zn werden strebte und in der Astronomie 
lud Physik willkommene Gebiete fiir die Anwendung ihrer Satze 
&nd, entschliipfte sie der Philosophie und erreichte die 
Selbststandigkeit. Damit trennte sich nicht allein die Mathe- 
natik Ton der Philosophie, die erstere entzog anch die Physik 
der AUeinherrschaft der letzteren, und von nun an laufen eine 
plilosophische und eine mathematische Physik neben 
aoander her, die sich nicht einmal mehr in den Personen ihrer 
Bearbeiter beriihren. Eudox fiihrte die Mathematik in die Astro- 
lonrie ein, Arch yt as soil sie zuerst auf die Mechanik angewandt 
bben, Euklid, der Alexandriner, aber ist der erste Mathematiker, 
der wenigstens einen Theil der Physik ganz unabhangig von der 
Mosophie bearbeitete. Die Philosophie unseres Zeitraumes ist 
iaabsteigender, die Mathematik in aufsteigender Ent- 
^ickelung begriffen, es ist schon darum nicht zu verwundem, 
da^ die mathematische Physik dieses Zeitraumes fast alle beriihmten 
Phj^er za den ihrigen zahlt, wahrend die Naturphilosophie fast 
S^uu abergangen werden darf. Ausserdem aber muss man beachten, 
d^ die matiiematische Physik vor der Naturphilosophie zu aller 
Zat einen unschatzbaren Vortheil voraus hat. 

Die Naturphilosophie wie die Mathematik konnen rein 

^Wfefiich allein keine Physik als Wissenschaft erzeugen, denn 

"We mussen das Material fur ihre Deductionen passiy auf- 

■•kmen. Sie miissen von uberlieferten Beobachtungen oder in 

■iselbst klaren Satzen ausgehen, denn die experimentelle Methode, 

^^ das Material ansammelt, istwederphilosophisch, noch mathe- 



28 Mathematische Physik. 

matisch, sondem rein physikalisch. Beide konnen darum fiir sich 
allein die Wigsenschaft der Physik nicht vollenden, sie 
konnen ohne jede experimentelle Wissenschaft nur so weit kommen, 
als ihnen das gewohnliche Erfahrungsmaterial dies gestattei Beide 
werden mit ihren verschiedenen Methoden aus demselben Mate- 
rial Verschiedenes erhalten, aber die Mathematik wird 
hierbei vermoge ihrer Methode unfehlbar sein, wahrend die 
Philosophie bei jedem Schritte den starksten Irrthiimern 
ausgesetzt bleibt. Daher die denkwurdige Erscheinung, dass der 
grosste Naturphilosoph, Aristoteles, der Nachwelt fast nur physika- 
lische Irrthiimer iiberlieferte, wahrend dem grossten Mathematiker, 
Archimedes, nicht ein Irrthum nachzuweisen ist. 

Man bezeichnet aus diesem Grunde Archimedes gem als 
den ersten Physiker. Wenn man dabei nur auf das Ergeb- 
niss sehen will, kann man das zugeben, fordert man aber von dem 
Physiker auch eine physikalische Methode, so ist das unrecht. 
Archimedes war so ausschliesslich Mathematiker, wie Aristoteles 
Philosoph war. Archimedes hat einzelne physikalische Experimente 
gemacht und auch einzelne physikalische Beobachtungen liberliefert, 
die vor ihm noch nicht bekannt waren; als physikalische Me- 
thode hat er die Beobachtung bewusst nie angewandt, 
und das Spatere wird zeigen, dass alle seine Untersuchungen von 
mathematischem Interesse beherrscht und als Anwendungen der 
Mathematik von ihm betrachtet wurden. 

Der Charakter der zweiten Periode der alten Physik 
istmathematisch und diese erhalt dadurch eine festere Gestalt 
Nicht nur hat Archimedes die ersten Grundlagen der 
Mechanik gegeben, auch die Optik bekommt durch Euklid und 
Ptolemaus, so weit sie rein mathematisch die Wege der licht- 
strahlen behandelt, eine gesicherte Basis. Ja sogar die Praxis greift 
fordemd in die Wissenschaft ein. Mechaniker wie Hero con- 
struiren mechanische Maschinen und beschreiben dieselben in 
wissenschaftlichgehaltenenWerken; Vitruv schreibt alsBaumeister 
ein weitlaufiges Werk, das auch theoretisch von Bedeutung ist u.s.w. 
Wiissten wir nicht im Voraus von dem fruhzeitigen Nieder- 
gang der antiken Kultur, so konnte man jetzt mit Recht hoffen, 
dass in nicht allzulanger Zeit die Physik so weit erstarken wiirde, 
um sich als selbststandige Wissenschaft constituiren zu 



Mathematische Physik. 29 

konneiL In der ersten Halfte unseres Zeitraumes ist sie im ent- 
schiedenen Fortschreiten begriffen, leider zeigt sich schon in 
der zweiten Halfte der Verfall der antiken Wissenschaft 
aach in der Physik; der Fortschritt wird bald gehemmt, und fast 
ohne Stillstand geht unsere Wissenschaft mit reissender Geschwin- 
digkeit dem Untergang entgegen. 

Der zweite Zeitraum unserer Wissenschaft zeigt nicht allein 
eine ganz veranderte Methode, er fiihrt uns auch auf einen ganz 
anderen Schauplatz der wissenschaftlichen Thatigkeit. 
Mit dem Ende der vorigen Periode hatte sich fast die ganze wissen- 
schaftliche Thatigkeit der Griechen nach Athen concentrirt; dort 
bliihten die grossten Philosophenschulen, und dorthin zog sichAUes, 
was auf geistige Bedeutung Anspruch machte. Diese Philosophen- 
schulen leben auch in unserer Periode noch weiter und vegetiren 
bis zum Untergang der alten Wissenschaft, aber ihre Grosse ist 
geschwunden. Athen selbst hat au^ehort der Mittelpunkt der 
Knltor zu sein, denn die Ptolemaer haben es verstanden ihre 
Hauptstadt Alexandrien zum Centralsitz der griechischen 
Gelehrsamkeit zu machen. 

Schon Ptolemaus Soter (321 bis 283) rief beriihmte griechische 
Gelehrte an seinen Hof; sein Nachfolger Ptolemaus Philadelphus 
griindete das beriihmte Museum um 250 v. Ghr. zu Alexan- 
drien, eine Gelehrtenakademie, die zuerst nur dem Fortschritt der 
Wissenschaften geweiht war, mit der aber spater wohl eine Schule 
znr Heranbildung der Gelehrten verbunden worden ist. Philadel- 
phus, wie seine Nachfolger, bewiesen fortdauemd dem Museum ihre 
Gunst durch personliches Interesse fiir die Gelehrten und die Wissen- 
schaft, wie auch durch eine wahrhaft konigliche Freigebigkeit. Ja 
selbst die Romer bezeugten noch in spateren Zeiten ihr Interesse 
dadurch, dass die Kaiser das Patronat der Schulen iibernahmen. 
Die Mitglieder des Museums erhielten Jahresgehalte, um ganz ohne 
abziehende Beschaftigung ihren Studien leben zu konnen. Ein 
botanischer und ein zoqlogischer Garten, eine Anatomieschule wur- 
den errichtet, astronomische Instrumente von sonst nie gekannter 
Genauigkeit construirt, und vor Allem den Gelehrten eine Biblio^ 
thek zur Verfugung gestellt, die in ihrer Bliithezeit 700 000 Bande 
dhlte. Philadelphus und sein Nachfolger Euergetes (247 bis 221) 
liessen systematisch Handschriften in ganz Griechenland sammeln. 



30 Begriindung der mathematischen Optik. 

und wo sie ein Manuscript erlangen konnten, da blieb es in ihren 
Handen, wahrend der Eigenthiimer sich mit einer Abschrift be- 
gniigen musste. Die grossere Halfte (400000 Bande) der gesammel- 
ten Biicher wurde im akademischen Gebaude, dem Museum selbst, 
die kleinere Halfte (300000 Bande) im Tempel des Jupiter Serapis 
aufbewahrt. Bei der Belagerung Alexandriens durch Casar (47 v. Chr*) 
verbrannte das Museum und die darin aufbewahrte Bibliothek, 
dafur machte Antonius der Kleopatra die Pergamische Biicher- 
sammlung (200000 Bande) zum Geschenk. Im Jahre 390 nach 
Chr. aber wurde der Tempel des Serapis von fanatischen Christen 
unter demErzbischofTheophil zerstort, und dieReste der Bibliothe- 
ken soUen 640 bei der Einnahme der Stadt durch die Araber ver- 
brannt worden sein. 

Die Alexandrinischen Gelehrten haben fur Mathematik und 
Astronomie, dann auch fur Geographic, Geschichte und Philologie 
sehr Bedeutendes geleistet, fiir die Physik dagegen haben sie weni- 
ger gethan, als man erwarten soUte, wenn man an ihre Neigung fiir 
Messen und Beobachten in der Astronomie und Geographic , an die 
Grosse der Mittel, welche ihnen zur Verfugung standen, und die 
Zahl der Arbeiter, welche Jahrhunderte lang thatig waren, denkt. 

Circ» 300 Euklld, der um 300 y. Chr. in Alexandrian eine mathematische 

EnkudL Schule leiteto, hat ausser seinen beriihmten geometrischen Buchem auch 
einige physikalische Werke hinterlassen , bei denen aber zweifelhaft 
bleibty ob sie gans unecht oder doch stark mit unechten Zosatzen ver- 
sehen sind. Yon diesen Werken hat die ^Harmonik" nur geringes 
physikalisches Interesse, die ^ Optik*' aber and noch mehr die „Eatop- 
trik** Bind fELr die betreffenden Theile der Physik grnndlegend ge- 
worden^ trotzdem sie yon Irrthtimern durchaus nicht frei sind. 

Euklid geht, wie spater Archimedes in seinen mechanischen Werken, 
yon ErfahrungSB&tzen aus, die er ohne Begriindung yoranstellt 
und au8 denen er dann rein mathematisch andere Lehrs&tze ab- 
leitet. In der „Optik^ nimmt er den alten Platonschen Irrthnm 
yon den Oesichtsstrahlen, die yon dem Auge ansgehen, wieder auf, 
obgleich derselbe yon Aristoteles schon unzweifelhaft widerlegt war; 
dafilr aber betont er richtig die Abhangigkeit der scheinbaren 
GrSsse yom Gesichtswinkel; wenn er auch wieder darin irrt, dass 
er diese Grosse allein durch den Gesichtswinkel bestimmt glaubt. Die 
hierher gehdrigen Erfahrongssatze der „Optik*' heissen: Die aus dem 
Auge kommenden Strahlen gehen in geraden Linien fort und haben 
eine gewisse Entfernung yon einander; die yon den Gesichtsstrahlen ein- 
geschloBsene Figur ist ein Kegel, der seinen Scheitel im Auge und seine 



Begriindimg der mathematisclien Optik. 31 

GnmdfSche aiif der Grenze der sichtbaren Gegenstftn^e hat; GegenBt&nde, circa soo 
die onter gleichen Winkeln gesehen werden, erscbeinen gleicb gross. Bukudl 
Die am diesen ErfabnmgBsatzen abgeleiteten Tbeoreme bezieben sicb 
aeist anf die scbeinbare Grdsse and Gestalt yon Gegenstfinden, die in 
Terschiedener Lage nnd Entfemung geseben werden. 

Die ^Katoptrik*' entbalt bIb banpts&cblicbsten Erfabrungssatz 
den folgenden : Wird ein Spiegel auf eine Horizontalebene gelegt, auf 
Tekber ein Gegenstand vertical stebt, so findet dasselbe Yerbaltniss, 
velehes die H5ben des Gegenstandes and des Aages gegen einander 
h&ben, aacb zwiscben den Linien statt, die zwiscben dem Aage and dem 
Spiegel und zwiscben dem Gegenstande and dem Spiegel gezogen werden. 
Aos dieeem Satze folgt das Reflexionsgesetz: Yon ebenen, erbabenen 
nnd boblen Spi^geln werden die Strablen anter gleicben Winkeln zorflck- 
geworfen, and das Bild liegt mit dem Gegenstande in einer zar Spiegel- 
fl&cbe senkrecbten Ebene. Yon spb&riscben Spiegeln wird nocb weiter 
riebtig bewiesen, dass bei den boblen die reflectirten Strablen entwede^ 
oonvergiren oder diyergiren, bei den erbabenen nar divergiren; zaletzt 
aber kommt das merkwQrdig falscbe Tbeorem: Der Brennpunkt 
eises Hoblspiegels liegt entweder in dem Mittelpankt seiner Kugel oder 
swiseben diesem Mittelpankt and dem Spiegel. 

Wie Bcbon bemerkt^ wissen wir nicbt, vrie yiel yon den erwftbnten 
Werken dem Eoklid gebort and wie yiel dayon sp&terer Zosatz ist; docb 
fiind jedenfalls mit ibm die Lebre yon der gradlinigen Fortpflanzang 
des Licbts and das Reflexionsgesetz and damit ein grosser 
Theil der Optik fest begr^ndet. Die Optik bildet yon nan an 
einen der am sicbersten bebandelten Tbeile der Pbysik, der 
selbst in den dnnkelsten Zeiten des Mittelalters nicbt so weit abirrt, wie 
andere Zweige dieser 'Wissenscbaft , and der seine Bearbeiter findet in 
Zeiten, wo alle Natnrwissenscbaften damieder liegen. Sie yerdankt dies 
indessen nicbt ibrer Eigenscbaft als einer pbysikaliscb en Disciplin, 
Modem nar der Tbatsacbe, dass darcb das Eaklidiscbe Reflexions- 
gesetz alle Reflexionsprobleme za rein matbematiscben 
An f gab en geworden sind. Denn wenn die spiegelnde Fl&cbe ibrer 
Gestalt nacb bestimmt ist, entscbeidet die Matbematik nacb jenem Satze 
selbststandig tlber den Weg des Licbtstrabls. Aacb Eaklid bat an 
der Optik nor ein matbematiscbes Interesse, darum ist's ibm wobl 
gleicbgoltig, ob der Licbtstrabl yom Aage nacb dem Eorper oder am- . 
gekebrt gebt. 

Die pbysikalische Seite der Optik wird tLberbaapt in der Folge* 
zeit wenig gefdrdert, die Natarpbilosopbie, welcbe sicb fOr die Natar 
des Licbts stark interessirt, bat in Aristoteles ibr Hdcbstes geleistet. 
Die matbematiscbe Pbysik gebt den Wegen der Licbtstrablen nacb, yer- 
Okag aber die Bescbaffenbeit dieser Strablen nicbt za erforscben, dadurcb 
iit 68 erklirlicb, dass die pbysikalisobe Optik mit zu den Disci plinen 
gebort, welcbe am spfttesten zur Aasbildang gelangten. 



32 Erstes heliocentrisches Weltsjrstem. 

Circs S80 Aristaroh voa Samoa, der am 280 v. Chr. in Alexandrien lebrte, 

Ariatarcb. War ein Anh&nger der pythagoreischen HypotbeBe von der Be- 
wegung der Erde. Er bebauptet, dass die Sonne und die Fixsteme 
still steben, nnd die Erde sicb urn die Sonne bewegt. Dem Ein wand, 
dasB dnrcb die Bewegung der Erde die Fixsteme sicb scbeinbar yer- 
Bcbieben mOsBten, begegnet er dnrcb dieAnnabme, dasB die Entfernnng 
der Fixsternspbare Yon der Sonne gegen die Entfernnng der Erde yon 
derselben nnverb&ltnisBm&Bsig gross sei. Hierdnrcb war der Ein- 
wand beseitigt; denn bei so colossalen Dimensionen der Fixsternspbare 
kann dnrcb die verbaltnissmassig geringe Ortsyer&ndernng der Erde keine 
scbeinbare Veranderung der Fixsternspbare erzengt werden. Docb batte 
das beliocentriscbe System nocb so wenig positiye GrtLnde fdr sicb 
und das geocentriscbe befriedigte nocb so yollkommen, dass die be- 
dentendsten Astronomen der damaligen Zeit sicb jener Ansicbt 
nicbtanscblossen. Es bat darnm Aristarcb mit seinem System wenig 
Einflnss ge&bt nnd selbst Gopernikus scbeint dasselbe nicbt gekannt zn baben. 
Wicbtiger ist desbalb die Messnng des Yerbaltnisses der 
Entfernnngen der Sonne yon Erde and Mond, znmal durcb 
Aristarcb eine solcbe astronomiscbe Messnng zum ersten Male 
bericbtet wird. Wenn der Mond yon der Erde aus balb erlencbtet ge- 
seben wird, dann bilden Sonne, Erde und Mond ein am Mond recbt- 
winkliges Dreieck. Aristarcb maass den Winkel, welcben die Gesiobts- 
strablen nacb Sonne nnd Mond bildeten, zu 87^^, und bestimmte danacb 
das VerbSltniss der einen Eatbete jenes Dreiecks zu der Hypotenuse, 
d. b. das Yerb&ltniss der Mondentfernung zur Sonnen- 
entfernung auf 1 : 18 bis 1: 20. Der Febler ist allerdings sebr 
gross, denn das ricbtige Yerb&ltniss ist ungef&br 1 :400; aber er liegt 
nicbt in der Tbeone der Messung, sondem in der Praxis, welcbe eine 
binreicbend genaue Grdssenbestimmung des betre£fenden Winkels nicbt 
ermdglicbte. 

387 bia S12 Der bcrUbmteste Pbysiker der Alten, Archimedes , merkwiirdiger- 

Arcbimedes. weisc kciu Alcxaudriner, wurde in Syrakus geboren, und bat jedenfalls 
den grdssten Tbeil seines Lebens in seiner Yaterstadt zugebracbt. Yon 
einer Reise nacb Aegypten wird allerdings bericbtet, aber wir wissen 
nicbts Genaueres dariiber. Was er Grosses yoUbracbt, bat er in Syrakus 
. getban, nur die berubmte Wasserscbnecke soil er in Aegypten erfunden 
baben. Arcbimedes war ein Freund und Yerwandter des Konigs Hieron, 
der yon 269 bis 215 y. Cbr. in Syrakus mitWeisbeit undMilde regierte. 
Trotzdem scbeint Arcbimedes an dem offentlicben Leben nur so weit 
Antbeil genommen zu baben, als er durcb Anwendungen seiner pbysi- 
kaliscben Eenntnisse und Fertigkeiten seinen MitbtLrgern nutzen konnte. 
Er soil yon seinen wissenscbaftlicben Untersucbungen so in Anspmcb 
genommen worden sein, dass er an Essen und Trinken erinnert, und yon 
seinen Freunden ins Bad gezwungen werden musste, wo er nocb 



Leben des Archimedes. 33 

wabrend des Salbens geometriaohe Figuren in den Sand zu zeichnen 287 bis aia 
pflegte. Hiermit stimmt die folgende, bekannte Erzahlong des Yitrnv. AicUmedM. 
Konig Hieron beabsichtigte eine goldene Krone als Weihgeschenk in 
einem Tempel niederznlegen nnd liess das dazn nothige Gold dem 
Goldsehmied znwiegen. Dieser lieferte die Krone mit dem richtigen 
Gewichte ab, doch ging das Gerucht, der Goldsehmied habe einen Theil 
des Goldes dnrch Silber ersetzt. Archimedes vom Konige mit der Unter- 
sochnng beanftragt, wnsste lange keinen Rath, bis eines Tages beim 
Baden der Weg znr Losnng des Problems sich plotzlich seinem Geiste 
zeigte. Ueberwaltigt von der Frende, vergass er seinen Zostand and 
Hef nackend dnrch die Strassen yon Syrakns, indem er sein beruhmtes 
^£V(^xa^' ich habe es gefnnden", den wohl mit Recht erstaunten Mit- 
bargem Enrief. Der im Bade gefassten Idee nach tauchte er einen 
Gddkliunpen, genau von dem Gewichte der Krone, in ein ganz mit 
Wasser gel&llteB Ge&is, und fand, dass dieser weniger Wasser yerdrfingte 
als die Krone selbst; als er den Yersuch mit einem entsprechenden 
Silberklompen wiederholte, fand er das Gegentheil. Dadnrch hatte er 
dem Konig nicht nur die stattgehabte Falschung iiberhaupt nach- 
gewiesen, sondem es war ihm anch mdglich zu berechnen, wie viel 
Gold dnrch Silber ersetzt worden war. Nach dem in seiner Hydro- 
mechanik anfgestellten Grundgesetz sollte man ilbrigens vermnthen, dass 
er die Falschnng eher dnrch den Gewichtsyerlust, welchen die Krone im 
Wasser erlitt, gefiinden, als durch die oben angegebene Methode, die 
nor einer geringeren Genanigkeit fahig ist. 

Noch andere Wnnderthaten werden yon Archimedes berichtet. Ein 
grosses Ldnienschiff, an dem 300 Zimmerleute sechs Monate gearbeitet 
batten, und das znm Schatz gegen Bohrwdrmer mit Bleiplatten belegt 
var, konnte nicht yom Stapelplatz ins Meer gebracht werden; Archi- 
medes aber zog es mit leichter Miihe dnrch seine Maschinen allein ins 
Meer. Umgekehrt liess Archimedes ein colossales Liniensohiff bemannen 
imd bewafihen, das er dann, am Ufer sitzend, dnrch seine Hebel, Seile 
and RoUen ans Land zog. Danach ist's nicht zu yerwnndem, wenn 
Archimedes selbst begeistert war yon der Wirkung seiner Hebel nnd 
dem Konige Hieron enthusiastisch znrief : Gieb mir einen Standpnnkt, 
imd ich hebe die Welt ans ihren Angeln. Das Grosste aber leistete 
Archimedes erst nach dem Tode des Konigs Hieron, als die Syraknsaner 
den Enkel des Letzteren nach einer sehr kurzen Regiemng stArzten, 
aeb den Karthagern anschlossen und deswegen yon den Rdmem belagert 
worden. Dnrch die Yertheidigungsmasohinen des Archimedes, die un« 
acbtbar hinter den Mauem standen, wurden die Romer mit solchen 
Hengen yon Pfeilen und Steinen ilberschlittet, dass bald anf der Land- 
seite Alles die Flncht ergrifiP, wenn sich nnr ein Seil oder Balken auf 
der Maner blicken liess. Die Romer auf den Schiffen kamen freilich 
noch schlechter weg, denn als sie sich ganz nahe an die Mauer zogen, 
nm sich durch diese selbst zu decken, gri£f eine eiserne Hand (ein Haken 

Botenberger, Oeaduohte der Physik. 3 



34 Schriften des Archimedes. 

287 bis 212 an einer Eette und einem Balken) herunter, nabm die Scbiffe am Yorder- 
ArchJmedei. theil, richtete sie anf, dass die Besatzung ins Meer sturzte, and liess sie 
dann wieder fallen, so dass sie sich fCQlten und untergingen. So erzahlt 
Plutarch und Shnlichberichten Livius und Poly hi us, gewiss ein Zeichen, 
wie unwissenschaftlich und kritiklos schon um den Beginn unsererZeit- 
rechnung sonst tdchtige M&nner schreiben konnten; ein Beispiel, wozu 
tibrigens Plinius ungefahr um dieselbe Zeit noch viele Seitenstiicke lieferte. 
Eine andere bekannte Fabel scheint erst im 12. Jabrhundert ent- 
standen zu sein. Nach ihr hat Archimedes von den Mauern aus dureh 
Hohlspiegel die Sonnenstrahlen auf die romische Flotte concentrirt , und 
diese so zu Asche verbrannt. Viele Physiker haben sich Mube gegeben, 
die Erzahlung auf irgend welche Weise plausibel zu macheo, es hat aber 
nicht recht gl&cken wollen. Noch im 17. Jabrhundert hielt Pater 
Kircher dieSache ftLr moglich, weil er durch eine Combination Yon fOnf 
Planspiegeln in einer Entfemung von 100 Fuss eine starke Hitze er- 
zeugen konnte. Sp&ter hat Buffon durch Combination you 168 Spiegeln 
sogar in einer Entfemung Yon 300 Fuss noch ein getheertes Brett 
entzilndet; mit einer Flotte wdrde aber wohl das Experiment nicht ge- 
lingen, schon darum nicht, weil diese sich dabei nicht angemessen passiv 
Yerhalten wiirde. Dem Genie des Archimedes -ist trotz alledem zuzutrauen, 
dass er den Romem erheblich durch Vertheidigungsmaschinen schadete. 
Den Fall seiner Vaterstadt vermochte er aber nicht zu verhindern, er 
wurde Yielmehr bei der Einnahme derselben you einem rdmischen 
Soldaten, wie man annehmen muss, unbekannterweise erschlagen. Seine 
MitbUrger Yergassen seiner bald, denn 137 Jahre nach seinem Tode 
musste der rdmische Qaaestor Cicero sein Grabmal den undankbaren 
Nachkommen neu entdecken. 

Die Werke des Archimedes, welche wir noch besitzen, und das 
ist die Mehrzahl derer, die er geschrieben, sind in ziemlich unYeranderter 
Oestalt auf uns gekommen. Ihre Titel lituten^): 1) Yon der Kugel und 
dem Cylinder, 2) von der Ausmessung des Kreises, 3) you den Konoiden 
und Sph&roiden, 4) you den Spirallinien , 5) von dem Gleichgewicht der 
Ebenen, 6) you der Quadratur der Parabel, 7) you der Sandeszahl, 
8) Yon den schvrimmenden Eorpern und 9) ein Buch Yon den Hulfs- 
sfttzen. Nur die beiden letzten Schriften sind nicht mehr im Original 
Yorhanden, das Buch Yon den schwimmenden Korpern haben wir nur 
noch in einer lateinischen , und das Buch der Htdfss&tze nur in einer 
arabischen Uebersetzung. Die grosse Mehrzahl der Schriften ge- 
hdren der reinen Mathematik an, fiir die Physik sind nur 
Nr. 5, 7 und 8 Yon Wichtigkeit 



1) 1) nsQi cq)tU^ag xai xvXM^ov, de sphaera et cylindro. 2) xvxXov 
juitQTjatgj dimensio circuli. 3) neQi x(ayoetdi<oy xal ffg)ai^oBi&i(oy^ de conoidibus 
et sphaeroidibas. 4) ne^l iUxay^ de lineis spiralis. 5) inmidioy laoqqonCat^ 
de aeqaiponderantibas. 6) texQuytoytafioq naQtepoXiJg^ quadratm*a paraboles. 
7) ^afi/Aitijg, de arenae numero. 8) de iis, quae vehuntur in aqua. 9) Lemmata. 



Mechanik der festen und fliissigen Korper. 35 

Die Schrift „neber das Gleichgewicbt derEbenen*^ gebt 287 bis 21a 
Ton dem angenommenen Satze aas, dass gleioh schwere Archhaedm. 
GroBsen, die in gleichen Entfernangen wirken, im Gleicb- 
gewicbt sind, daraos folgt der andere, wenn swei gleicb scbwere 
Grdsaen nicbt einerlei Sobwerpnnkt baben, bo liegt der 
Scbwerpunkt der aus beiden zusammengesetzten Grosse 
in der Mitte der Graden, welcbe die Scbwerpunkte der 
eipselnen Grossen verbindet. Mit Hulfe dieser Satze 
leigt Arcbimedes die Ricbtigkeit dee Hebelgesetzes. Wenn 
oimlicb zwei Gewicbte am Hebel aofgeb&ngt sind, so kann man nacb 
dem zweiten Satze jedes Gewicbt in 2, 4 oder 8 gleicbe Tbeile tbeilen, 
imd diese einzelnen Tbeile zn je 2 in entgegengeaetzt gleicben Ent- 
femungen von ibren orsprflnglicben Aufb&ngepnnkten neu aufb&ngen, 
obne dass die Wirknng geandert wird. Sind nun die arsprflnglicben 
zwei Gewicbte umgekebrt proportional ibren Entfernungen vom Unter- 
statKnngspunkt des Hebels, so lassen sicb die einzelnen gleicben Tbeile 
der Crewicbte so auf die beiden Arme vertbeilen, dass auf beiden gleicb 
Tiele in entgegengesetzt gleicben Entfernangen sicb . befinden , woraus 
erbeUt, dass das System im Gleicbgewicbt sein und aucb gewesen sein 
moss. Di^er Beweis, der so anscbaulicb nur fair commensurable Ver- 
haltsisse der Hebelarme ausgefilbrt werden kann, aber von Arcbimedes 
gftnz matbematisob aucb auf incommensurable Verb&ltnisse ausgedebnt 
wird, bat bis beute viele Einwftnde bervorgerufe.n. Dieselben 
bezogen sioh einestbeils auf die BegrCindung der ersten funda- 
mentalen Satze, anderentbeils auf die Vertbeilung der einzel- 
nen Gewicbtstbeile um ibren Scbwerpunkt berum, von der 
im BeweiB angenommen ist, dass sie das Gleicbgewicbt nicbt ver&ndert. 
Trotzdem ist bis beute der arcbimediscbe Beweis weder durcb andere 
ganz unaofecbtbare Beweise ersetzt nocb selbst erbeblicb verbessert 
wrarden. Im weiteren Yerlauf des obigen Werkes untersucbt Arcbimedes 
auf Grund des zweiten der oben angegebenen Satze matbematiscb die 
Lage der Scbwerpunkte in den Parallelogrammen, Drei- 
ecken, Paralleltrapezen und endlicb in paraboliscben Seg- 
menten. 

Die zweite fflr die Mecbanik grundlegende Scbriffc »Von den 
scbwimmenden Eorpern" rubt auf den Annabmen, dass eine 
Flussigkeit in alien Tbeilen gleicbmassig und continuir- 
lieb ist, und dass in jeder Fltissigkeit der weniger ge- 
druckte Tbeil yon dem mebr gedr ilckten vertrieben, und 
dass jeder Tbeil yon der senkrecbt uber ibm befindlicben 
Flussigkeit gedrilckt wird. Daraus wird bewiesen, dass die 
Oberfl&cbe einer rubenden Fltissigkeit spb&riscb und 
mit der Erde conbentrisob sein musse; dass ein Eorper, der 
leicbter ist als eine Flussigkeit, in dieser soweit ein- 
sinken wird, bis sein gauzes Gewicbt dem Gewicbt der 

3* 



36 Von der Sandeszalil. 

287bi8ai2 yerdr&ngten Fltlssigkeit gleich iat; dasB der Korper, 
Ar55medet. ^6iin er ganz in die Fltissigkeit eingedriickt wird, mit 
einer Kraft anfsteigt, welcbe dem Ueberscbass des Ge- 
wichts der FltiBsigkeit iLber dasjenige des Karpers gleicb 
kommt, and dass endlicb einEdrper, der scbwerer ist als eine 
FlUssigkeit, in dieser bis anf den Grand einsinken and so 
yiel an Gewicbt verlieren wird, als ein gleicbes Yolumen 
Fltissigkeit wiegt. Nacb diesem berflbrntesten seiner Sfttze giebt 
Arcbimedes die neue Hypotbese: „Alle K5rper, welcbe yon einer 
Fliissigkeit in die Hobe getrieben werden, folgen der Ver- 
ticallinie, welcbe dnrcb ibren Scbwerpunkt gebt^, and 
wendet sicb dann za Untersacbangen fiber das Gleicbgewicbt von 
Eugelabscbnitten and Konoiden, welcbe anf einer Flfissigkeit 
scbwimmen; Untersacbangen, von denen Lagrange sagt, dass die 
Neueren ihnen nar wenig binzugeffigt baben. 

Der merkwfirdige Zweck der Scbrift »Von der Sandeszabl" 
wird am besten aas der Einleitung derselben klar, die wir mit einigen 
Aaslassangen wieder geben, weil sie in vielfacber Beziebang interessant 
ist. ,,Es giebt Personen, o E6nig Gelon^), welcbe meinen, die Zabl der 
Sandk6mer sei anendlicb. — Einige glauben, dass die Anzabl der Sand- 
kdmer nicbt anendlicb ist, aber dass es anmdglicb ist eine Zabl an- 
zagebe^, welcbe grdsser ist als jene Anzabl. — Was micb betrifft, so 
werde icb darcb geometriscbe Demonstrationen , welcben da deine Za- 
stimmang nicbt wirst verweigem kdnnen, dir zeigen, dass unter den 
Zablen, welcbe wir in den Bficbem an Zeaxipp nambaft gemacbt baben, 
es Bolcbe giebt, die grosser sind als die i9abl aller Sandkdmer, welcbe 
ein Edrper, nicbt allein yon der Grdsse der Erde, sondern sogar yon der 
Grdsse des ganzen Uniyersams fassen kann. Da weisst, dass die Welt 
yon den Astronomen als eine Hoblkagel bescbrieben wird, deren Centrum 
dasjenige der Erde and deren Radias gleicb der Yerbindnngslinie der 
Gentren yon Sonne and Erde ist. Nacbdem was Aristarcb sagt, wfirde 
die Welt yiel grdsser sein; denn er nimmt an, dass die Sterne and die 
Sonne anbeweglicb sind, dass die Erde sicb am die Sonne als Centram 
drebt, and dass die Spb&re der Fixsteme, deren Centram die Sonne bt, 
so gross ist, dass der Ereis, in welcbem sicb die Erde bewegt, in dem- 
selben Yerb&ltniss zar Fizstemspb&re stebt, wie das Centram jenes 
Ereises za seiner Peripberie/ — Trotzdem es nicbt zweifelbaft erscbeint, 
dass Aristarcb sicb das Centram des Ereises selbst als anendlicb kleinen 
Ereis gedacbt, and dass er damit der Fixstemspb&re einen Darcbmesser 
beilegen wollte, der anendlicb yielmal grosser sei als der Darcbmesser 
der Erdbabn, meint Arcbimedes docb, dass ein Pankt kein Yerbaltniss 
za einem Ereise baben konne. Er nimmt, am den Darcbmesser der 
Fizstemspb&re za berecbnen, an, dass Aristarcb mit dem Centram der 



1) Sobn des Hieron, der einige Monate vot dem Tode seines Vaters starb. 



Von der Sandeszahl. 37 

Erdbahn die Erde selbet gemeiut habe, und setzt den Umfang der 287 Ua ais 
Erde dann auf 300 000 Stadien. Ar^edes. 

qBu weissty dass Andere haben beweisen wollen, dass der Umfang 
oogefabr 300 000 Stadien sei. Icb gehe yiel weiter, indem ich annehme, 
dass der Umfang zehnmal so gross ist. Wie die meisten Astronomen 
seize icb weiter yoraus, dass der Durchmesser der Erde grosser ist, als 
der dte Mondes, nnd der der Sonne grdsser als der der Erde. Endlioh 
setza icb den Dnrcbmesser. der Sonne dreissigmal so gross als den des 
Mondes, aber nicbt grosser. Denn Eadox bat bebanptet, der Dorob* 
messer der Sonne sei nngefabr neunmal grdsser als der des Mondes, 
Phidias, er sei zwol&nal grSsser, nnd Aristarcb bat yersucbt zu zeigen, 
dass er mebr als acbtzebn- nnd weniger als zwanzigmal grdsser sei. — 
leb babe micb bemtibt mit Instnimenten den Winkel zu messen, welcber 
die Sonne fasst nnd seinen Scbeitel im Ange des Beobacbters bat. Diese 
Messnng ist nicbt leicbt, weil man den Winkel mit den Augen, den 
Handen nnd Instrumenten, deren man sicb bedient, nicbt sebr genaa 
bestimmen kann.*' 

Arcbimedes findet durcb seine Methode, die er sebr genau bescbreibt, 
dass die scbeinbare Grosse der Sonne mebr betr&gt als der 656 ste Tbeil, 
uid weniger als der 800 ste Tbeil des Tbierkreises. Aus diesen Messungen 
nnd den yorbergebenden Annabmen demonstrirt dann Arcbimedes, dass 
die Entfemnng der S3nne yon der Erde nicbt grdsser sein kann, als 
10000 Erdbalbifiesser (8600000 Meilen) und der Dnrcbmesser der Fix- 
stemspbare nicbt grdsser als 10000000000 Stadien. Die Anzabl der 
Sandkdmer, welcbe diese Welt ausfELllen wurden, wird durcb eine Zabl 
angegeben, die mit unseren Ziffem gescbrieben aus einer 1 und 63 Kullen 
bestebt. Trotzdem Arcbimedes glaubte alle Dimensionen ^bertrieben 
gross angenommen zu baben, giebt docb seine Scb&tzung der Sonnen- 
entfemnng nnr ^5 des wabrenWertbes, weil das Yerbaltniss desSonnen- 
nnd Monddurcbmessers nicbt 30 : 1 , sondem ungeflQbr 400 : 1 ist. Ein 
Torwurf iSsst sicb ibm daraus nicbt macben, denn die Dimensionen des 
Weltgebandes sind erst in neuerer Zeit etwas genauer bestimmt worden. 
Sdbst Kepler scb&tzt nocb die Entfemnng der Sonne yon der Erde 
geringer als Arcbimedes, nfimlicb auf 3 000 000 Meilen. 

Arcbimedes war der Oegenstand grosser Begeisterung im 
ganzen Altertbnm. Maih scbrieb ibm 40 mecbaniscbe Erfindungen 
zn, aber die meisten dieser Erfindungen sind uns unbekannt, weil Arcbi- 
medes selbst nicbts Scbriftlicbes daruber binterlassen bat^). Heutzutage 
weiss man nur den BrennspiegeP), die Wasserscbraube, die 



^) Archim^e, Oeuyres, trad, avec mi commentaire par F. Peyrard. Paris 1807. 

^ Dass Hohlspiegel als Breimspiegel gebraucht warden kdnnen, erwahnt 
ichon die ICaioptrik des Eoklid. Doch ist nach dem dort Gesagten deswegen 
soch nicht sicher, dass Euklid selbst die Brennspiegel gekannt; andererseits 
ist 68 aber aucb moglicb, dass Archimedes die Brennspiegel nicht erfanden, 
aondem nor ihre Yerfertigong oder Anwendung vervollkommnet hat. 



38 Mathematische Methode des Archimedes. 

287 bis ai2 Scbraube obne Ende, den Flaschenzug and eine hdchst com- 
LohimedM. pHcirto Spb&re als Erfindungen unseres grossen Mecbanikers zu 
nennen. Diese Spbare gab eine Darstellung desUmlanfs der Planeten 
nm die Erde, bei der dorob Umdrehung einer einzigen Enrbel die Sonne, 
der Mond und die Planeten in verbaltnissm&ssig ricbtigen Zeiten am die 
Erde berumgingen, und die Sonne BOgar durcb den Mond verfinstert 
wurde. Cicero bat dieselbe noob geseben and kommt bei Betra<!btang 
dieser Spb3,re zu der Ueberzeugung , dass Arcbimedes grosseres Oknie 
besessen, als mit der menscblicben Natur yertraglicb erscbeint. Leider 
kennen wir die Maschinerie nicbt mebr, durcb welcbe jene eilizige 
Kurbeldrebung in die Bewegung der Planeten umgewandelt wurde. 

Nacb einer AeuBserung Plutarcb's bat Arcbimedes selbst seine 
praktiscbmecbaniscbenLeistungenBeinentbeoretiscben gegen- 
ubergering gescb&tzt. Das l&SBt sicb yielleicbt dadurcb erklaren, 
dasB Arcbimedes eine ibm genilgendeTbeorie aller seiner mecbaniscben 
Mascbinen (wie z. B. der Scbraube) nicbt zu geben vermocbte, und zu 
sebr Matbematiker war, um bloss praktiscbe Bescbreibung seiner Er- 
findungen zu geben. In den Werken, welcbe uns erbalten sind, verfolgt 
er eine rein matbematiscbeMetbode, alle pbysikaliscben Grundlagen 
giebt er als pure Hypotbesen, obne dass er jemals sagt, wie er zu 
denselben gekommen. Die Bestimmung der scbeinbaren Grosse der 
Sonne ist die einzige Beobacbtung, die er uns bescbreibt, und selbst 
bier kommt es ibm weniger auf diese Grosse selbst, als auf die Grenzen 
derselben an, die seiner matbematiscben Entwickelung zu weiterer 
Grundlage dienen sollen. Arcbimedes ist darum der Begrunder 
der Pbysik so weit sie eine Anwendung der Matbematik ist, 
aber nicbt der Begr&nder der Pbysik als einer selbstst&ndigen Wissen- 
scbaft. Ftir die Statik der festen und flussigen Kdrper bat er 
in bocbst genialer Weise die matbematiscben Grundlagen gegeben, 
den dynamiscben Zwe4g der Mecbanik bat er nicbt einmal be- 
rtibrt, fCLr diesen ist Aristoteles bis auf Galilei die einzige Autoritat 
geblieben. 

Die Metbode des Arcbimedes von angenommenen Grunds&tzen 
durcb Lebrsfttze deduct! v fortzuscbreitenliefert sicb ere Resultate, 
aber sie bat ganz abgeseben von der empiriscben Metbode der eigent- 
licben Pbysik den Nacbtheil, dass sie den Weg yerdeckt, auf welcbem 
der Erfinder selbst zu seinen Satzen gelangt ist. Das giebt einen Er- 
klarungsgrund dafCLr, warum Arcbimedes keine Scbule begrundet 
und im Altertbum selbst nur wenig Nacbfolger gefunden bat. 
Den Alten ist Arcbimedes wie ein Gott erscbienen, den man anbetet, 
dem nacbzuabmen aber Niemand aucb nur sicb vomimmt. Das klingt 
aus den Worten des Plutarcb wieder: „Man wird in der ganzen Geo- 
metrie keine scbwereren und tieferen Tbeoreme finden, als die, welcbe 
Arcbimedes auf die einfacbste und klarste Art beweist. Die Einen 
scbreiben diese Klarbeit seinem erleucbteten Geiste, die Anderen der 



Erste MessuDg des Erdumfanges. 39 

ha^&ckiff^en Arbeit zu, welche aach die schwersten Sachen leicht er- 287 bis 312 
•chdiDen laBst. Es wird meineri/Meinimg nach nnmoglich sein den Archimedes. 
Beweis von einem Theorem des ArchimedeB zu finden, aber wenu man 
ilm g^leaen hat, glaubt man, dass man ihn ohne MOhe gefonden haben 
word^ so leicht and so kurz erscheint derselbe.^ 

Ban ZeitgenoBse des Archimedes, und wie man sagt auch mit ihm 276 bis im 
bekailnt war Eratosthenes, der erste wissenschaftlich bedeutende Eratosthe- 
Geograpb des Alterthums aber auch zugleich Astronom undPhilolog. ^^' 
£r wurde 247 yon Euergetes nach Alexandrien bemfen und daselbst 
znm Yorsteher der Bibliothek ernannt, und soil im Alter yon 80 Jahren 
freiwiUig den Hungertod gestorben sein. Unter seinen zahlreichen 
Schriften ist fuf uns seine Geo graph! e in drei BtLchern am wichtig- 
sten. Das erste Buch enthftlt eine kritische Uebersicht der Oeschichte 
der Geographie yon Homer bis auf die Alexandriner , das dritte die 
poliiische Geographie mit Zagrundelegung einer Earte, das zweite 
aber die Lehre yon den Zonen, der Umschiffbarkeit der Erde und die 
Nachricbt yon der bertLhmten Messung des Erdumfanges, der 
ersten, yon der uns die Art der Ausfuhrung bekannt ist. 

Naeh einer Beobachtung war zu Sommersanfang die Bodenfl&che eines 
tiefen Brunnens in Syene in OberHgypten gerade ganz erleuchtet. Die Sonne 
stand also um diese Zeit im Zenith yon Syene, wahrend sie in Alexandrien 
zu derselben Zeit um ^/^o der Kreisperipherie day on abwich. Eratosthenes 
glaubte Alexandrien liege rein ndrdlich yon Syene, und schloss, dass 
beide Stadte um Vso des Erdmeridians yon einander entfemt waren. 
Da nun yon Reisenden diese Entfemung auf 5000 Stadien gesch&tzt 
wurde, so bestimmte Eratosthenes danach den Erdumfang auf 
250000 Stadien. Leider ist die Lange eines Stadiums uns nicht 
genau bekannt, als wahrscheinlich wird angenommen 1 Stadium = 600 
atiische Fuss = 569,4 Par. Fuss, und danach hatte Eratosthenes den 
Umfang der Erde etwa auf 6200geographisoheMeilen k 22 843 Par. 
Fuss bestimmt. Diese Bestimmung ergiebt einen Fehler yon circa 
800 Meilen, der fur den damaligen Stand der Wissensohaft keines- 
wegs zu gross erscheint^). 

Ktesibios und noch mehr sein Schiller Heron sind beruhmte ciroa iso 
Mechaniker, die zu Alexandrien circa 150 y. C?hr. lebten. Bei beiden Heron.' 
finden wir erfolgreiche Beschaftigungen mit physikalischen Din- 
gen, und beide scheinen fiir die Physik neben dem theoretischen 
aach einstarkes praktisches Interesse gehabt zu haben. Dem Etesi- 
bioB wird die Erfindung der WindbUchsen und der Druckpum- 



^) Nach Peschel, Geschichte derErdknnde. Kach Lepsius hat Eratosthenes 
den Grad zu 126 000 m gemesaen, w&hrend er in Wirklichkeit 110802,6 m be- 
tiigt; dies giebt einen Fehler yon circa 14 Froc, wfthrend er nach der ersten 
Aimahme circa 15 Proc. betr&gt. 



40 Mechanik des Heron. 

• 

Circa 160 pen zugeschrieben; kleine Saagpnmpen Bind wobl scbon zn Arkto- 
Heron.' teW Zeit bekannt gewesen. Eind» Wasserubr von KtesibioSi ist 
merkwiirdig, weil bei ihr zuerst die Anwendang von Zabnr&dern be- 
stimmt erw&bnt wird. Ein Raderwerk wnrde namlicb dnrcb ein Jlcbiff- 
cben angetrieben, das anf dem steigenden Wasfier schwamm, and* dieses 
R&derwerk warf Steinoben in ein metallenes Becken, um durcb den 
Elang die Zabl der verflossenen Stnnden anznzeigen. Die Wasser- 
nhren selbst sind nicbt von Etesibios erfunden, denn Wassembren 
and aucb- Sandubren, welcb' letztere Hbrigens weniger gebraacblich 
waren als die ersteren, finden sicb scbon bei Babyloniern and Aegyptem 
seit den altesten Zeiten in Gebrauch. Yitray bescbreibt nacb dem 
Bericbt des Heron ancb eine Wasserorgel des Ete»ibio8, die Be- 
Bcbreibong ist aber so andeatlicb, dass man nicbt daraos king werden 
kann, wabrscbeinlicb bat Etesibios eine scbon yorbandene Windcgrgel 
nor dadurcb verbessert, dass er zarErzeagong der Windstrome Wasser- 
strome benntzte. 

Heron bescb&ftigte sicb wie sein Lebrer mit der Yerferti- 
gang von Wassembren, macbte sicb aber vorzuglicb bekannt darch 
die Constrnction yon pneamatiscben Mascbinen, die er in 
seinem Werke Spiritualia sen Pnenmatica bescbreibt. Solche 
Mascbinen sind yor allem der Heronsbrnnnen, der Heronsball 
and der Dampfkreisel, die Aeolipile, die er sowobl durcb Dampf 
wie aucb durcb erbitzte Luit in Bewegang setzte. Obgleicb daraus 
bervorgebt, dass er das Ausdebnungsyermogen der Luft kannte, 
obgleicb er zeigte, dass er die Elasticitat der Luft wobl zu be- 
nutzen yerstand, finden wir docb nicbt, dass er die tbeoretiscbe 
Mecbanik der Luftarten wesentlicb gefordert. Wicbtiger ist in 
tbeoretischer Beziebung eine Scbrift uber die Hebewinde, deren 
Wirkung er matbematiscb ricbtig aus dem Hebelgesetz ableitet. Leider 
sind solcbe Falle, in denen die Entwickelungen des Archimedes weiter 
benutzt worden sind, aus dem Altertbum nur sebr wenige zu bericbten. 
Yielleicbt wiirden wir gerade bei Heron nocb mebr solcberBe- 
nutzungenoonstatirenkonnen, wenn nicbt seine matbema- 
tiscben Schriften, darunter aucb „Elemente der Mecbanik^, 
yerloren gegangen wftren. Darauf lasst wenigstens die interessante 
Heron'scbe Faasung des Reflexionsgesetzes scbliessen: Die 
Linien, welcbe unter gleichen Winkeln yon einer Flacbe reflectirt werden, 
sind kleiner als alle anderen, die unter ungleicben Winkeln zwiscben 
denselben Punkten gezogen werden konnen, so dass die Licbtstrablen, 
wenn sie die Natur nicbt einen yergeblicben Umweg machen lassen will, 
unter gleicben Winkeln reflectirt werden mtlssen ^). 



^) Bieser Satz ist der einzige, der uns von diner Eatoptrik des Heron 
iibrig geblieben ist. 



Astronojnische Entdeckungen. 41 

Ein noch erhaltenes Werk des Heron, ftber den Ban der damals oboaiso 
ftblichen 6e8cliiltze» ist nicht^ wiBsenschaftlich gehalten , Bondem Heron.* 
for das YerstandniBs der Laien berechnet. 

Hipparch. aus Nioaea, der von 160 bis 126 in Alexandrien leo bis 125 

lehrie, bildet mit Aristarch xind Ptolem&us das leuchtende Drei- Hipparch. 

gestirn der alten Astronomie, ja yiele Halten ihn f&r grdsser als den 

berohmten Ptolem&as nnd erklaren das System des Letzteren nur fib: 

cine gescliickte Ausfilbriing der Arbeiten des Ersteren. Hipparcb 

erklarte die nngleicbformige Bewegnng der Planeten dadorch, 

daea er die Erde mn ein gewisses St^ck aus dem Mittelpunkt der 

Flanetenbahnen heransrAckte, and also diesd Bahnen als excentriscbe 

Kreise annabm. Er bestimmte dann die Entfernnng der Erde 

?om Centrum der Sonnenbahn (die Exoentricitat) anf Y34 des 

BadinB, nnd bestimmte aucb die Lage der Erdn&he and Erdferne, 

so dass 68 ibm moglicb warde Sonnentafeln za berecbnen. Durcb 

YergleickaDg seiner Beobacbtangen des Sommersolstitinms mit denen 

Ton Aristarcb fand er die L&nge des Jahres 365^ 5^ 55™ statt 

365V3 Tag. Auch 'die bedeatendste Ungleicbang im Mondlaafe 

T^mockte er darch eine excentriscbe Bahn dieses Planeten zn erkl&ren 

and nacb Berechnang der Elemente dies er Bahn Mondtafeln anzalegen. 

Die Parallaxen von Sonne and Mond (das sind die Winkel, nnter 

welchen der Erdradias yon diesen Stemen aas gesehen wird) bestimmte 

er za 3' and 57' and berecbnete danach die resp. Entfernungen yon 

der Erde za 59 and 1200 Erdradien, die erstere ziemlicb richtig, 

die letztere freilich 20mal za klein. Darch Vergleichnng mit ftlteren 

Beobachtongen fand Hipparch, dass ein Stern in der Jangfrau 

seinen Ort in 150 Jahren am 2 Grad in der L&nge ge&ndert 

babe, er fand dann weiter, dass diese Bewegung alien Fixsternen in 

gleicher Weise zokomme, and dass sie darch eine Bewegnng des Aeqna- 

torpols am den Pol der Ekliptik za erkl&ren sei. Zu dieser Entdeckung 

der Bogenannten Pr&cision der Tag- and Nachtgleichen gehorten 

natOrlich sehr zahlreiche Ortsbestimmnngen der Fixsteme; der Stern- 

katalog des Hipparch, den Ptolem&ns spftter benatzte, enth&lt in der 

That die Orte yon 1080 Fixsternen. 

Um eine solche Ftdle gnter and sicherer Beobacbtangen, wie 
mn die sorgsame rabige Methode der Erklftrong des Gefandenen 
darf die Physik die Astronomie beneiden. Zwar hat man dem Hipparch 
zom Yorwurf gemacht, dass er, zar aagenscheinlichen Bewegnng der 
Sonne zorfickkehrend , die Erde wieder anbeweglich annabm; dem ist 
aber entgegen zu halten, dass bei dem damaligen Stand der Eenntnisse 
dies die einzig sichere and auch zagleich yollst&ndig genfigende An- 
Bahme war. Gerade diese weise Selbstbeschr&nknng , dieses Festhalten 
•a dem Anschaolicben hat die Astronomie yor den wilden Specnlationen, 



42 Zweite Messung des Erdumfanges. Atomistik 

160 bis 126 vor dem ganzlichen Umschlagen der dbrigen NatnrwisBenschaften be- 
Hipparoh. wahrt nnd dieselbe in einem stetigeS Fortschritt erhalten. 

Circa 100 Fhllo von ByzaiiB hat eine Sobrift ilber die ConBtraction von 

p'hiio/ Ballisten nnd Katapulten binterlassen , die von einer sorgfaltigen 
Anwendang der damals bekannten mecbanischen Gesetze zeugt. Yon 
seiner Abbandlung fiber Mecbanik, die abnliohe Gegenstande wie 
die Scbrift des Heron behandelte, wissen wir nor darcb einige Gitate 
des Pappus. 

103 bis 19 FosidoniuB aus Apamea in Syrien, der zu Rbodos stoische Pbilo- 

Posidonius. Bopbie lehrte, nnternabm ganz nacb den Principien des Eratostbenes 
eine zweite Gradmessnng. Er bemerkte, dass der Stem Eanopns 
im Schiff Argo gerade zu der Zeit , wo er in Rbodos den Horizont be- 
rubrte, in Alexandrien V4g der Kreisperipberie uber dem Horizonte 
stebe, and da er die Entfernang der beiden Stadte anf 5000 Stadien 
setzte, kam er anf 240000 Stadien fUr den Umfang der Erde. Sp&ter 
soil er ftbr die Entfernnng der Stadte 3750 Stadien angenommen und 
dadnrcb fUr den Erd umfang 180000 Stadien gefunden baben, ein 
Resultat das aucb Ptolemaus allerdings obne Quellenangabe in 
seiner Geograpbie giebt. Das zweite Resultat ist nicbt genauer als 
das erste, namlicb um eben so viel zu klein als das erste zu gross 
ist, wenn nicbt Posidonius wie Ptolem&us einen grdsseren Fuss als den 
attiscben zu Grunde gelegt baben. 

Ca. 96bis66 LuorOB tr&gt in seinem Lebrgedicbt ;,De rerum natura*' die 

Lucres. Woltansicbt der epikureiscben Pbilosopben vor. Der teleolo- 
giscben Pbysik des Aristoteles, die alles aus dem Endzweck erklaren 
will, setzen sicb die Pbilosppbenscbulen der Stoiker und Epikureer 
entgegen, die beide in ibrer Pbysik wieder auf Demokrit zuruckgeben 
und unter Zugrundelegung der Atomtbeorie die Welt mecbanisch 
zu erkl&ren versucben. Im Altertbum and Yorzilglicb bei den 
Romern bebalten letztere dieOberband, erst imMittelalter 
gelangt Aristoteles zur AUeinberrscbaft, bis die neuere 
Pbysik nacb dem Sturze der Aristoteliscben Autorit&t 
yielfacb an die Atomistiker und yorzuglicb an Luorez, 
dessenDarstellung am yollst&ndigsten erhalten ist, wieder 
ankntlpft. Da wir die Grundzfige der atomistiscben Tbeorie scbon bei 
Demokrit klar gelegt, wollen wir bier nicbt wieder n&ber darauf eingeben. 
Nor eine sebr interessante Erkl&rung der Wirkung des Magneton 
dnrch AuBstr5mungen aus dem Magnetstein mag bier als ein Beispiel 
folgen. Yon alien Edrpern geben unaufbSrHcb Str5me von Atomen aus, 
durcb welcbe die E5rper in Wecbselwirkung treten. Die yom Magnet 
ausgebenden Strome sind so stark, dass ein luftleerer Raum um den 
Magnet entstebt, in welcben das Eisen bineinstiirzt. Nur das Eisen wird 



des Lucrez. Wasser- und Luftwellen bei Vitruv. 43 

aif diese Weise an den Magneien gedrSngt, von den anderen Korpem oa. 96 bis 5 
Bid die einen zn schwer, am darcH die Str5me bewegt zn werden, und jlnctez. 
£e leichteren Edrper haben bo groBse ZwischenrllQme , dass die Strome 
nDgelundert dnrch sie hindnrch gehen. Das Beispiel zeigt wie aucb 
die mechanischenNaturphiloBopben stark an dem Hang leiden 
E«r Stiitze Yon Hypo'thesen immer nene Hypotbesen zu bilden, 
ohne dass sie aucb den Trieb fohlen, die Hypotbesen dorcb Beobacbtung 
Bsber zn piUfen. Bei Descartes werden wir, nacb iVa Jabrtausenden 
Doeh, nicbt bios denselben Febler, sondem sogar dieselbe Hypotbese der 
Bewegung der Materie finden. Descartes erkl&rt die magnetiscbe, wie 
aberbanpt alle Anziebang dorcb Stromungen von materiellen Tbeilcben, 
and kebrt aucb in seiner Tbeorie der Weltenvrirbel einerseits zu der 

« 

Lehre der Epikureer, nacb der eine unendlicbe Anzabl yon Welten, in 
ongebeuren Entfemungen und ungebeuren Zeiten neben einander sicb 
bewegen, entsteben und yergeben, andererseits zu der Lebre des 
Stoikers Eleantbes (um 250 v. Cbr.) zuriick, der Wirbelstrome 
benuizt, um die Sonne und die Planeten um die Erde zu 
fubreUi 

• 
Der Aegypter Sosigenes revidirt auf Befebl Julius C&sar^s den 46 r. Chr. 
rSmiscbenEalender. Die neue (nacb Julius Casar) Julianiscbe Zeit- ^^"*^^°'' 
reebnung tbeilt das Jabr in 11 Monate von abwecbselnd 30 und 31 Ta- 
gen und einen Monat zu 28 Tagen, dem alle yier Jabre ein Scbalttag 
zugelegt wird. Das Jabr erb&lt dadurcb durcbscbnittUcb 365 V4 Tag, 
obgleicb Hipparcb dasselbe scbon genauer bestimmt batte. 

Der romiscbe Kriegsingenieur unter CUsar und Augustus Vitruyius Um 
Pollio giebt in seinem Werke: De Arcbitectura libri X eine Ueber- vitoiv***' 
8icbt aber die Eenntnisse seiner Zeit in der Baukunst, Mecbanik, 
Pbysik und pbysikaliscben Geograpbie. Wie scbon der Titel 
anzeigt, bat das Werk mebr eine praktiscbe Tendenz und bietet 
aiuaer wertbyoUen Nacbricbten tlber die &lteren Pbysiker, z. B. Arcbi- 
medes, weniger tbeoretiscb Bemerkenswertbes. Die R5mer be- 
ginnen um diese Zeit durcb grosse Sammelwerke die griecbiscbe 
Wissenscbaft zuganglicb zu macben, aucb die Scbrift des Vitruyius 
ist ein solcbesWerk, das yorzugliob aus grieobiscbenQuellen scbdpft. 

Die ersten sieben Bflcber baben das eigentlicbe Bauwesen 
zom Gegenstande, das acbte bandelt yom Wasser und den Wasserlei- 
tangen, das neunte yon der Zeitmessung, das zebnte yon der Ma* 
scbinenbaukunst. Am originellsten ist das acbte Bucb. Die gross- 
artigen Wasserbanten der Rdmer sobeinen einigermassen die Ansicbten 
aber die Bewegnng der FliLasigkeiten gekllirt zu baben. Yitruy sagt 
lebr yerstandig: „6anz wie die Wellen des Wassers scbreitet 
aucb der Scball in Ereisen durcb die Luft fort. Allein im 
Wasser geben diese Ereise nur in derBreite und in borizontaler Ricbtung 



44 



Erste wissenschaftliche Behandlung 



Um 

Ghr. Oeb. 
Vitruv. 



fort, w&hrend der Schall in der Lufb nioht nor in der Breite, sondern 
aach in der Tiefe allm&lig immer weiter scbreitet.^ Entgegen der 
Ansicht, dass Wasser in den H5blen der Erde ans Lnft gebildet wflrde, 
yertbeidigt Yitmy die Ansicbt, dass alles Wasser der Quellen aas 
dem Regen wasser stamme; freilicb nicbt mit darcbscblagendem 
Erfolg, denn der Streit tiber die Herkunlb des Floss- and Qaellwassers 
ist bis in die neneste Zeit fortgef&brt worden. Die Entstebnng der 
W i n d e yersucbt Vitruv ganz glilckliob dorcb die Spannkraft der Wasser- 
dampfe za erklaren and bebandelt deswegen ausfubrlicb die Dampfkagel 
des Heron, aber aucb bier sind seine Meinongen nicbt za allgemeiner 
Anerkennang gebingt Vielleicbt baben die Untersncbongen wenigstens 
das Gate gebabt den Gedanken an die Spannkraft .der Wasserdampfe 
lebendig zu erbalten, bis man endlicb verstand diese gewaltige Kraft 
dienstbar zn macben. 

Von mecbaniscben Mascbinen treffen wir bei Yitrav aaf die 
Eenntniss des Flascbenzugs, der aber scbon als etwas Bekanntes 
erwabnt wird. Ancb Wassermiiblen, die Vitray bescbreibt, sind 
scbon eine &ltere Erfindang, die aber docb erst im 4. Jabrbundert nacb 
Gbristus zu allgemeiner Anwendong gelangt. 



50 n. Cbr. 
Kleomedefl. 



I 



Ein uns sonst onbekannter Autor Kleomedes scbliesst sicb in 
seinem Bucb „Cykliscbe Tbeorie der Meteore^ (d.i. derHimmels- 
korper) an dieStoiker, baaptsacblicb Posidonias, an, dessen Messangen 
er bericbtet. In sei^ner Scbrift finden sicb merkwiirdige optiscbe Unter- 
sncbnngen, wabrscbeinlicb bervorgerofen dorcb astronomiscbe Beobacb- 
tongen. Kleomedes bericbtet nicbt nor, dass der Licbtstrabl beim 
Uebergang aas einem dicbteren Stoff in einen dunneren 
gebrocben, er weiss aacb, dass dabei derselbe nacb dem Lotb bin and 
im umgekebrten Falle vom Lotb weg gebrocben wird. Kleomedes bescbreibt 
folgenden bekannten Yersocb : Man stelle sicb so, dass dem Ange ein am 
Boden eines Gefftsses liegender Ring dorcb den Rand des Gef&sses gerade 
verdeckt wird. Dann wird, obne dass man das Aoge zo verrflcken 
braucbt, dorcb Eingiessen yon Wasser in das Gef&ss der Ring sichtbar 
werden. Aos diesem Versocbe leitet er anscbaolicb ab, dass man die 
Sonne dorcb Strablenbrecbong nocb seben kann, aucb 
wenn sie scbon onter den Horizont gescbwonden ist. 

Der Yersacb mit dem Ring wird scbon in derKatoptrik desEoklid 
im letzten Erfabrongssatz bescbrieben. Da aber der Satz nicbt dorthin 
gebdrt ond da derselbe aocb in dem Werke nicbt weiter gebraocbt, ja 
nicbt einmal erwfibnt wird, so darf man denselben jedenfalls als eine 
spfttere Einscbiebong anseben. Danacb moss man Kleomedes als den 
Ersten nennen, derBrecbongserscbeinongen wissenscbaftlicb 
bebandelt bat. Bekannt freilicb waren solcbe Erscbeinongen 
scbon l&nger, denn Aristopbanes (452 bis 388) erw&bnt in seinen 
^Wolken*' der Brenngl&ser, ondAristoteles wirft dieFrage aof, warom 



der Ldchtbrechung. Physik des Seneca. 45 

ein ins Wasser getanchter Stab gebrocben erscheine. Die Physik des 6o n. Chr. 
AlterthomB kam meist der Praxis nacb tuid fand ihre Aufgabe in der ^^ ^' 
Eriaiitenmg nnd Begrtbidung der letzteren ; w&hrend die nenere Wissen- 
eeliaft oft der Praxis yoraneilt und derselben nene Wege zeigt. Dieser 
Unterschied kennzeicbnet recht gut die versdiiedenen Methoden der 
alten nnd der nenen Natnrwissenschaft* 

Der Redner , Staatsmann und stoische Philosoph Seneca (der s bia 66 
jongere) hat nns in seinen Katnraliam quaestionum libri YII ein Denk- g^neoa! 
mal romischer Physik hinterlassen , das neben dem Lehrgedicht des 
Lncrez das bedeutendste ist. Die sieben BCLcher behandein vom ato- 
mistischen Standpunkte aus elektrische Erscheinungen, 
die Himmelserscheinnngen, die Kometen, Wasser, Lnft 
and Licht, ohne systematische Gliedemng and natdrlich ohne eine 
Yerificimng des gesammelten Materials durch eigene Beobachtong. 
Doch geht im Allgemeinen ein ernsthafter Ton darch das Work, 
wie er z. B. von den Gesetzen der Bewegungen der Planeten and sogar 
der Eometen bescheiden sagt, dass dieselben so dunkel and verworren 
jetzt, in sp&teren Zeiten klar and deatlich erkannt werden mdchten. 
Daneben finden wir freilich auch ein leichtes Hinweggehen iiber 
Thatsachen, deren genaae Erforschang darch Experimente weiter 
gefuhrt haben wurde. 

Seneca erklart wie Aristoteles den Regenbogen fur ein ver- 
sogenes Sonnenbild and meint die Farben entstiinden darch Mi- 
schniig des Sonnenlichts mit dem Danklen der Wolke. Er bemerkt 
aach die Identit&t der Regenbogenfarben mit den Farben, 
die man an den Eorpern durch eokige OlassttLckchen sieht, 
erklart aber diese letzteren Farben f tb: unecht. DieBeobachtung, dass | 
man durch Glasflaschen, die mit Wasser geftLllt sind, Gegen- 
Btande wie z. B. Aepfel vergrSssert sieht, veranlasst ihn nur zu 
der Bemerkung , dass Kichts so trtigerisch sei als unser Gesicht. Man 
darf sich wundem, dass Seneca mit diesen letzten Beobachtungen nicht 
mehr anznfangen weiss, muss aber bedenken, dass es eine geniale 
Aii%abe ist, eine neue Thatsache in ihre Consequenzen zu verfolgen, 
nnd dass die romischen Philosophen weniger geneigt waren, eine neue 
Thatsache physikalisch weiter zu verarbeiten, als vielmehr moralisch 
praktische Folgerungen daran zu knfipfen. Mit moralischen Conse- 
quenzen ist auch Seneca freigebig, vielleicht ist dies vorziiglich der 
Gnind gewesen, warum seineSchrift demMittelalter so lange 
als Lehrbuch der Physik gedient hat. 

Das crrosste naturwissensohaftliohe Sammelwerk der ss ub 79 
Bomer lieferte Plinins der Aeltere in seiner Historia naturalis, pux^u;. 
^e nicht weniger als 37 BUcher enth&lt. Plinius war von Haus aus 
veder Philosoph noch Mathematiker , sondem Militair. Er betheiligte 
sich an den Feldzdgen in Germanien, bekleidete unter Claudius and 



46 Historia naturalis des Plinius. 

38 bis 79 Vespasian hohe offentliche Aemter nnd war Befehlshaber der Flotte bei 
PUnlufl. Misenum, als er beim Ausbrucli des Yesuys 79 umkam. Das Inhalts- 
yerzeichniss der 37 Bucher ist: I In'halts- und Qnellenyerzeiclmiss, 
II Mathematisch-physikalische Bescbreibang des Weltgeb&ades, III bis 
VI Geograpbie, VII Anthropologie, VHI bis XI Zoologie, XII bis XXVH 
Botanik, XXVIII bis XXXII medioiniscbe Zoologie, XXXIU bis XXXVn 
Mineralogie und Verwendung der Mineralien in der Knnst. Leider ist 
das Ganze wirklicb nur eine Sammlnng, in die Plinius Alles 
aufgenommen was irgend ibm gefiel, und leider scbeint es, als sei das 
am meisten bei dem Fabelbaften der Fall gewesen; yon einer 
Eritik des Uebernommenen ist fast nicbt und yon Verarbei- 
tung desselben erst recbt nicbt die Rede. Nocb am ersten ist 
zu erw&hnen, dass Plinius, wie scbon yorber Lucrez, sicb yiel mit der 
Wirkung des Magnetsteins besch&ftigt, und dass yon ibm die bekanote 
Fabel yon dem Scb&fer Magnus berriibrt, der den Magnetstein an der 
Auziehung erkannt haben soil, welcbe derselbe auf seine Scbubnftgel 
ausClbte. Die Nacbricbt aber, dass der Magnetstein durcb den Diaman- 
ten ganz unwirksam gemacbt werde, lasst erkennen, wie weit Plinius 
geneigt war, die yon ibm bericbteten Tbatsacben selbst zu prQfen« Wir 
durfen aus Bericbten des Plinius scbliessen, dass man auf die magne- 
tiscben und yielleicbt aucb die elektriscben Krftfte aufmerk- 
samer geworden war. Leider batten diese Anregungen keine weitere 
Folgen, weil die Kraft des Altertbums, zu grossen wissenscbaftlicbeo 
Fortscbritten scbon erloscben, kaum nocb den Stand der Kenntnisse za 
balten yermocbte. Wie weit der Forschungstrieb gescbw&cht, und wie 
sebr scbon an seine Stelle eine bequeme, wundersCLcbtige Gl&ubigkeit, 
die sicb gern inErstaunen setzen liess, getreten war, wie wenig gesunde 
mecbaniscbe und physikaliscbe Vorstellungen gemein geworden waren, 
dafuLr liefert Plinius recbt kraftige Beispiele. 

£r erz&blt, dass ein kleiner, kaum einen Fuss langer Fiscb, durch 
blosses Anb&ngen an ein ScbifiP, dasselbe alien mecbaniscben Gewalten ent- 
gegen festzubalten yermoge und z. B. aucb in der Scblacbt yon Actium 
das Hauptscbiff des Antonius festgebalten babe. „M5gen die Winde blasen 
und die Wogen rasen, dieses kleine Gescbopf meistert ibre Wuth und fesselt 
ein Scbiff, das kein Anker, keine Eetten mebr festbalten kdnnen, und dies 
yermag das Thier nicbt etwa durcb grosse Anstrengung, sondem nur indem 
cs sicb an das Scbififb&ngt. Bejammernswertbe Eitelkeit der Menscben etc* 
Von den Elmusfeuem spricbt er wie yon Stemen, die sicb auf die 
Lanzen der Soldaten und die Segelstangen der Scbiffe setzen. „Wenn 
sie einzein kommen, sind sie yerderblicb, die Scbiffe in den Grnnd 
bobrend, und wenn sie auf den Boden gesunken sind, die Eiele entziindend. 
Als Doppelsterne sind sie beilsam, Vorboten einer glucklicben Fabrt, und 
durcb ibre Ankunft wird jene schrecklicbe Helena yerscbeucbt. Deshalb 
scbreibt man Eastor und Pollux diese Erscbeinung zu und ruft sie als 
Gdtter auf dem Meere an. Aucb die H&upter der Menscben umlenohten 



De aquaeductibus Urbis Romae. 47 

de za den Abendstnnden zu grosser Yorbedentung/ Endlich das ss bis 79 
lickerlichste. Yon Olisippo (Lissabon) kommt eine Gesandtscfaafb an pumuB. 
Tiberins mit der Meldung, dass ein Tmon, in bekannter Gestalt, in 
oner Hohle anf einer Muschel blasend, gesehen nnd geh5rt worden sei ; 
aaeh habe man eine Nereide, gleichfalls in bekannter Gestalt an dem- 
selben Ufer gesehen and die Bewobner h&tten weithin das kl&gliche 
G^winsel der sterbenden Nixe gebort. 

Plinius der Jungere ruhmt von seinem Onkel , dass er nie ein Buch 
gelesen, obne zn excerpiren, dass er kein Bach so schlecht gefunden, 
dass 68 nicht etwas Gates enthalte; dass er bei den Mahlzeiten, w&hrend 
des Badens sich habe vorlesen lassen; ja dass er aas Sparsamkeit der 
Zeit sehr nngem gesehen habe, wenn ein Anwesender sich ein StUck 
des Gelesenen wiederholen liesa. Danach kann er allerdings nicht viel 
Zeit zar Yerarbeitung des Aofgenommenen Qbrig behalten haben. Es 
scheint allgemein im rdmischen Charakter za liegen, weniger selbst 
wissenschaftlich thatig za sein, als vielmehr das yon. den Griechen yor- 
znglich Geleistete sich nar einfach anzaeignen. Wo die Griechen ihre 
fieistesheroen wenigstens noch commentiren , da fasst der Bomer kritik- 
loB ein Sammelwerk zasammen. 

SextiLS Jnlius FrontintLS war, wie Yitruv and Plinius ein nam- 40 bis los 
hafter Militair. Unter Nerva mit der Oberaafsicht tiber die Wasser- prontinui. 
leitongen Horns beaaftragt, sammelte er technisches and antiquarisches 
Material za seinem Werke De aqaaedactibns Urbis Romae. 
Dieses Werk enth&lt die beachtenswerthe Bemerkung, dass die 
Menge des, aus einem Gefasse, ausfliessenden Wassers 
nicht blosB von der Grosse der Oeffnang, sondern aachvon 
der H5he des Wasserspiegels im Gef&ss abhangt. Um aber 
su erfjEihren, wie diese Abh&ngigkeit beschaffen ist, mussen wir bis auf 
TorriceUi (1608 bis 1647) warten. 

Klaudius Ptolemftus , der aas Ptolemais Hermeia in der Thebais ^^ ^^^ ^^^ 
gebortig, anffefahr von 120 an in Alexandrien lehrte, ist wohl anter alien n. Chr. 
Uelenrten der^emge, dessen Aatoritat am langsten, am an- 
bestrittensten and am allgemeinsten gegolten hat. Griechen, 
Bomer, Araber and Christen haben ihn gleichmassig yerehrt, and zoletzt 
als Bchon seine Aatoritat za wanken begann, ist noch die rdmisch katho- 
lische Kirche mit ihrer ganzen Maoht far ihn eingetreten. Biese Aatoritat 
wnrde gegrandet dnroh sein astronomisches Werk^) ^Die grosse Za- 
sammenstellang", das in dreizehn Bachern den Inbegriff der 
ganzen alten Astronomie enth&lt Kaiser Friedrich II., der Freand 
arabiflcher Gelehrsamkeit, liess es aas dem Arabischen ins Lateinische 
ftbersetzen, and obgleich es spater aach direct aas dem Griechischen ins 
Lateinische CLbertragen worden ist, hat es doch bei nns das Zeichen 



^) M&yuXri avytahs- 



48 Ptolemaisches Weltsystem. 

70bui47 seines arabischen Ursprnngs, seinen arabischen Namen Almagest, 
ptoiemftiu. beib eh alien. Ptolemaos erUart sich im Almagest f£Lr die Ruhe der 
Erde. Ruhte die Erde nioR im Gentram der Welt, so wtirden wir 
zwei einander diametral gegenCLberstehende Sterne, manchmal beide ftber 
dem Horizont, manchmal znsammen nnter dem Horizont sehen. Die 
Pole des Himmels wtirden dann nicht nnbeweglich erscheinen ; die Sterne, 
nach denen sich die Erde bin bewegte, mussten nns {prdsser, die entgeg'en* 
gesetzten kleiner erscheinen; die Wolken durfte man nor gegen Westen 
bin erblicken; senkrecht in die Hobe geworfene Edrper dCbrften nicht 
wieder an demselben Orte niederfallen ; und endlicb mOsste die scbnelle 
Bewegnng der Erde l&ngst ibre Masse zerstrent haben. Nach der 
Meinnng des Aristoteles sei ja ancb natiirlicb, dass sich alle irdischen 
Elemente in geraden Linien and die Himmelskdrper in Kreisen nm sie 
bemm bewegten. Die Menge dieser Grfinde UUist erkennen, dass 
Ptolem&os wobl gegen die Ansicht yon der Bewegnng der Erde 
zn k&mpfen hatte, wir seben aber anch, dass Ptolemaos sich, ab- 
gesehen yon der Augenscbeinlicbkeit der Himmelsbewegnng, scbon aus 
jenen GrQnden fOr die Robe der Erde entscheiden mosste. Es ist 
wenigstens schwer zn begreifen, wie man damals, wo man noch 
nichts anderes als die Aristoteliscbe Bewegnngslebre, kein 
Oesetz der Behai'rung, keine Anziebungskrafte kannte, 
wo man noch nichts yon der nngebenren Entfernnng der Fix- 
stern e wusste, im Yerh&ltniss za welcher die Erdbewegnng yerschwindet, 
gegen jene Grande hatte ankommen wollen. Diese GrCLnde 
aber ganz nnberacksichtigtla8sen,daskonntenPhilosopben efaer 
als mathematisch gebildete Astronomen, speculirende 
Pythagoreer eber als der nCLcbtern beobacbtende Alexan- 
driner. 

Um die mhende Erde bewegte sich, wie scbon Hipparch festgesetzt 
hatte, in einem excentrischen Ereise der Hond, Ptolemans bemerkte aber, 
dass sich damit nicht alle Ungleichheiten im Lanfe des Mondes erkl&ren 
liessen, er nabm damm an, dass sich der Mond nicht anf dem excentri* 
schen Ereise selbst, sondem anf einem kleineren Ereise bewege, der erst 
mit seinem Mitteipunkte anf jenem excentrischen Ereise am die £rde 
fortracke. Die krnmme Linie, die der Mond hiernach bescbreibt, heisst 
ein Epicykel. Solche Epicyklen gebrancbte Ptolemaas dann aach am 
den Laaf der Hbrigen Planeten Merkaf , Yenns, Sonne, Mars, Jupiter tind 
Satam zu erklaren, and danach erhielt die ganze Planetentheorie den 
Namen der epicyklischen. Freilich gentlgten aach die ein- 
fachen Epicyklen noch nicht, am alle Ungleichheiten des 
Planetenlaufs zu erkl&ren, and Ptolem&us war gezwun^en 
solche Gomplicationen anzabringen, dass er selbst entscbnldi^end 
sagt: es sei leichter die Planeten selbst za bewegen, als ihre 
complicirten Bewegnng en zu yerstehen. Diese Complicirtheit dea 
Ptolemaischen Weltsystems ist's denn aach trotz dieses Aosspracha 



Optik des Ptolemaus. 49 

gewesen, die schliesslich das System zn Fall gebracht. In nenerer Zeit 70 bia u? 
aber hat man Ptolemaus nicht einmal ^n Rnhm als Begrander dieses pto^emftu«. 
Systems lassen wollen und behauptet , ^ftsselbe sei ganz aof Hipparch 
laruckzafuhren. Da sicher die Grnndzflge der epicyklischen Theorie 
schon von Hipparch gefanden sind, und da die Werke Hipparch^s leider 
Terloren gegangen, stebt der Process fOr Ptolemaus nicbt ganz ganstig. 
Trotzdem darf man doch dem Ptolem&us den Rubm eines guten Beobacb- 
ters, eines nmfassenden, sorgsam ordnenden Geistes um so weniger 
Torenihalten , als aucb seine physikaliscben und geograpbiscben 
Schriflen fur seine geistige 6r5sse ZeugBiss ablegen. 

Wie in dem Almagest die astronomiscben , so fasst Ptolemaus in 
Beinen Opticorum sermones quinque die optiscben Kennt- 
nisse seiner Zeit zusammen, nicbt obne sie selbststandig weiter 
iortzubilden. Das Bucb gait lange Zeit fur verloren« ist aber in nenerer 
Zeit wenigstens als eine lateiniscbe Uebersetzung aus dem Arabiscbeu 
wieder aufgefanden worden^). Es bebandelt die Tbeorie des 
Sehens, die Reflexion, die Tbeorie der ebenen und spb^- 
rischen Spiegel und endlicb die Refraction. Der interessauteste 
und wichtigste Tbeil ist der letztere. Ptolem&us kennt zwar das 
Brechungsgesetz nicbt, €r halt vielmebr Einfalls- und 
Brechungswinkel bei denselben Medien fur proportional; 
aber er misst docb die Winkel, welcbe der einfallende 
nnd der gebrocbene Strabl mit dem Einfallslotb bilden, 
fur Lnft und Wasser, Luft und Glas und Glas und Wasser 
leidlich genau* 

Diese Messungen sind beriLbmt geworden, weil man sie fur die 
ersten Experimente, fur die einzigen des Altertbums 
erklarte. Wir mocbten dem nicbt beistimmen. Unser Experiment 
ist eine Naturbeobacbtung, mit Bewusstsein zu dem Zwecke angestellt, 
nene£igenschaften derDinge zu entdecken, oder aufgestellte Hypotbesen, 
Ahnimgen neuer GesetzmHssigkeit auf ibre Wabrbeit zu priifen. Ptole- 
maoB hat aber bei seinen Messungen solcbe Absicbten nicbt, das zeigt 
sieh am deatlicbsten darin, dass er aus seinen Messungen keinerlei 
Schlosse ziebt, nicbt einmal den , dass jene Brechungswinkel nicbt pro- 
portional sind« Mit demselben Recbt wie Ptolemaus konnte 
niaii Arcbimedes die ersten Experimente zuscbreiben, 
wenn er das specifiscbe Gewicbt yon Silber und Gold bestimmt. Hier 
wie dort feblt das Bewusstsein der Metbode, bier wie dort ist 
neben dem praktischen das wissenscbaftlicbe Interesse, ein mebr 
mathematiscbes als pbysikaliscbes, ein mebr quantitatives 

qualitative B. Das zeigt sicb bei Ptolemaus so recbt in seiner 



*) Noch zu Anfang des 17. Jahrbundertfl wird die Sohrift als bekannt er- 
wahnt; dann verschwindet sie, bis Laplace um 1800 dieselbe wieder in ein em 
bleiDischen Manuscripte der Pariser Bibliothek eutdeckt. 

Rosenberger, (*e«chichte der Physik. 4 



50 Astronomische Refraction. Harmonik. 

70 bis 147 Theorie der Aagenstrahlen; trotz Arisioteles lasst Ptoleinans die 

PtoiemaaB. Lichtstrahlen wieder wie EuUid yom Ange aosgehen, wabrscheinlich 

auch DOT, weil ihm ein Streit oartLber urn so unnfttzer erspheint, als die 

mathematische Form der optisohen Gesetze ganz dieselbe bleibt, mogen 

nun die geradlinigen Lichtstrablen yom Auge oder yom Gegenstand 

i kommen ^). 

Die Gesetze der Refraction batten f&r Ptolemaus als Astro- 
nom ein besonderes Interesse, weil er bemerkte, dass der Ort der 
Gestime dnrch die Brecbnng des Licbts in der Luft ver&ndert werde. 
Kr maasB zwar die astronomiscbe Refraction nicht, aber er bemerkte 
docb, dass die astronomiscbe Refraction im Zenitb gleicb Null ist and 
nacb dem Horizont.za immer grosser wird, and er erkl&rte durcb diese 
Refraction, waram die Gircumpolarsterne nicbt wirklicbe, sondern ab- 
geplattete Kreise am den Pol zn bescbreiben scbeinen. 

Die Harmonicorum librilll des Ptolemaas geben physikalisch 
wenig Neaes and wenig Bedeatendes, wenu sie aucb far das Yer- 
standniss der griecbischen Masik von Wertb sind. Wicbtiger ist wegen 
der strong matbcmatiscben Bebandlungsweise die Geograpbie 
in acbt BtLobern, welcbe die Lagenbestimmangen einer grossen Anzabl 
von Orten zwiscben 67^ nordlicber and 16^ sddlicber Breite, so wie 
die GrandzUge der Kartenconstructionslebre mit einer Darstellang des 
betreffenden Tbeils der Erdoberflacbe in 27 Karten entbalt. 

Wir baben die bier abscbliessende Periode anserer Gescbicbte als 
die Periode der matbematiscben Pbysik bezeicbnet and baben die 



1) Ein ZeitgenoBse (?) des Ptolem&us hat jedocb versucbt die Irrthtimer 
desselbeu theoretisch za begriiuden. Damianus, derSohn desHeliodor von 
Larissai sagt in seiner Optik: „Die Gestalt anserer Angen, welche nicht hohl, 
noch 80, wie die anderen Sinne eingerichtet sind, dass sie etwas in sich anf- 
nehmen kSnnen, sondern vielmehr eine runde Oberflache baben, beweiset, dass 
das Licht aas ihnen ausstrdme. Andere Griinde sind der Glanz der Angen, 
femer der Umstand, dass Einige bei Nacht, ohne eines fremden Lichtes zu be- 
darfen, sehen konnen.*' — „Damit das Licht so schnell als moglich zu den 
Qegenstanden gelange, muss es sich in gerader Linie fortpflanzen. Es mosa 
femer in einem Kreise auf die Gegenstftnde fallen, damit wir so viel als 
mdglich von denselben sehen konnen. Das aus den Augen konmiende Licht 
muss also entweder die Gestalt eines Cylinders oder Kegels haben. DieGestalt 
eines Cylinders aber kann es nioht haben, weil alsdann das, was wir jedesmal 
sehen, nnr von gleicher Grosse mit der Pupille sein wurde." — „Die Port- 
pflanzung des Augen- und Sonnenlichtes bis in die aussersten B&ome des 
HimmelsgewDlbes geschieht augenblicklich. Denn so wie wir, nachdem 
die Sonne durch eine Wolke verdeckt war, in deniselben Augenblicke, wenn 
die Wolke voriiber gegangen ist, durch das Licht der Sonne erreicht werden, 
so erblicken auch wir, sobald wir nur den Blick nach oben werfen, sogleich 
den Himmel." — Merkwiirdig erscheint hier, dass unserem philosophisch ge- 
bildeten Damianus der Widerspruch zwischen einer momentanen und einer 
BO schnell als mdglichen Fortpflanzung des Licht« nicht auffallt. 



Vergleichung der mathematischen u. philosophischen Methode. 51 

groisen Mathemaiiker dieses Zeitraums nicht als wii'kliohe Physiker 70 bis 147 
geltea lassen, well ihr Interesse nicht auf das Fortschreiten der p^^^o,. 
Physik als einer selbststandigen Wissensohaft gerichtet war 
and weil ihnen die Yollkoinmene Ausbildang des Experiments 
als der physikalischen Methode fehlte, die allein eine voUst&ndige 
fiatwickelong der Wissenschaft erm5glicht. Trotzdem ist nicht zu 
lengnen, dass die experimentelle Methode mit den Mathema- 
tikern einen Fortschritt gemacht hat. Die Naturphilosophen 
haben an wissenschaftlichem Material aofgenommen , was sie yorfanden, 
ue waren bemoht das Bekanate zu erklaren, aber sie konnten es nicht 
aJs ihre Anfgabe ansehen selbst der Physik neaen Stoff zuzafuhren. 
Sogar Aristoteles macht hier keine Ansnahme; er sammelte eifrig 
Beobachtungen, aber wir kdnnen auf rein physikalischem Gebiete gewiss 
nicht Ton ihm sagen, dass er beobachtet mit dem bewussten Zweck 
Nenes za entdecken« Auch den Mathematikern lag solche Absicht noch 
fern, auch diese dachten nicht daran das Experiment als physikalische 
Methode zu gebraachen, aber der Mathematiker steht an sich 
der Sache anders gegenuber als der Philosoph. Er hat zwar 
nicht die Pflicht Alles zu erklaren, aber das Interesse seiner Wissen- 
schaft treibt ihn nach Anwendungen derselben auf die Natnr 
su streben. £r darf darum einerseits bescheidener sein als der Philosoph 
nnd sich mit der Erklarung des Einzelnen zuerst begntlgen 
ond andererseits kann er doch das Beobachtungsmaterial nicht so einfach 
aufinehmen, wie es llim von der allgemeinen Erfahrnng gebot^ wird. 
DerMathematiker ist gezwungen das dargeboteneErfahrungs- 
material erst quantitatiy zu bestimmen, ehe er dasselbe zur Grund- 
lage mathematischer Entwickelungen machen kann, d. h. er muss die 
Grossenverhaltnisse der Erscheinungen messend bestimmen, 
ehe er dieselben mathematisch fassen kann. Die Astronomic wurde 
zuerst zur messenden Wissenschaft, weil die Regelmassigkeit ihrer 
Erscheinnngen die Beobachtung derselben erleichtert. Die Physik ge- 
langte etwas sp&ter zu dieser Stufe, weil die physikalische 
Ergcheinung erst zu dem Zwecke der Messung hervorgerufen 
werden muss. Es ist wahrscheinlich, dass Euklid nicht die Gleichheit 
der Beflexionswinkel gemessen, sondern nur aus der Grossengleichheit 
des Bildes und des Gegenstandes erschlossen hat. Archimedes aber, 
der den Gewichtsverlust yon Eorpem bestimmte, Ptolemaus, der die 
Refiractionswinkel maass, haben Beide zum Zweck der Messung Yersuche 
angestellt Dies ist der arste Schritt zur experimentellen Me- 
thode, nicht die experimentelle Methode selbst, wie wir schon 
anseinandergesetzt haben, aber wir durfen annehmen, dass bei ununter- 
brochener ruhiger Entwickelung dieser Schritt die ubrigen nach sich ge- 
zogen, und dass aus der mathematischen Physik, in nicht zu ferner Zeit, die 
Physik als eine eigene selbststandige Wissenschaft hervorgegangen wftre. 
Die mathematische Physik hat naoh dem „Wie gross's die Natur* 

4* 



52 Vergleichung der math, und philos. Methode. 

70 bis 147 pliiloBophie naoh dem .Warum'' der Ersoheinung gefragt, wenn 
ptoiemftna. Boide sich zur Beantwortun^ ihrer Fragen in der experimen- 
tellen Methode vereinigen, werden sie zusammen die eigentliche 
Physik erzeugen. Die Philosophie bat im Alterthmn nie das 
Yerlangen dazu gehabt, sie hat ihre Kraft stets aberschatzt; 
die Mathematik hat wenigstens den ersten Schritt dazu 
gethan. 



3. 
Dritter Abschnltt der Physik des Alterthums. 

Von 150 n. Chr. bis 700 n. Chr. 



Periode des Untergangs der alten Physik. 

Mit Ptolemaus kann man die Geschiclite der antiken Natur- 
wissenschaft schliessen, zwar bleiben aus der spUteren Zeit noch 
einigfe achtungswerthe Leistungen zu erwahnen, aber das sind nur 
Nachklange einer besseren Zeit, die die immer mehr eintretende 
Grabesstille noch fuhlbarer macben. Bis auf Ptolemaus ist die 
Physik in einem Zustande geblieben, der, wenn man nicht die ent- 
gegenstebenden ausseren Verhaltnisse beachtete, immer noch hoffen 
lie^s, sie werde sich zu einer selbststandigen Wissenschaft empor- 
ringen und so feste Wurzel fassen, dass sie eine folgende 
sterile Zeit zu iiberdauern vermochte. Die Physik hat 
sich der Alleinherrschaft der Philosophic entrissen; die Mathemati- 
ker haben schon mit physikalischen Messungen begonnen; die 
atmospharischen Erscheinungen, die geheimnissvoUe Wunderkraft 
des Magneten reizten direct zu Beobachtungen und Erklarungen; 
praktische Mechaniker, Ingenieure und Wasserbaumeister begannen 
ihre Beobachtungen auch theoretisch wissenschaftlich zu verwerthen. 
In der erstenHalfte der vorigenPeriode mehrt sich iiberall 
dieZahlderphysikalischen Arbeiter,aberschonin derzwei- 
tenHalfte beginnt derVerfall, sowohl quantitativ wie qualitativ, 
wid mitunseremZeitraumwerden die politischenund religiosen 
Einfliisse, welche dem Aufbliihen der Wissenschaft entgegen 



54 Untergangsperiode der alten Physik. 

wirken, iibermachtig. Die Geister werden herausgezogen aus der 
Ruhe wissenschaftlichen Strebens, hineingezogen in die politischen 
Wirbel des Lebens oder ganz absorbirt von einer voUstandigen 
Neuordnung des religiosen Lebens. Der junge Bau verodet, das 
Angefangene zerfallt, verschwindet von dem Erdboden, bis man nicht 
einmal raehr die Spuren von ihm erkennt. Das weltbeherr- 
schendeRom ziehtimmer mehr alle hervorragendenGeister 
an sich, die Schulen von Athen, die Akademie von Alexan- 
drien bestehen noch, aber der Geist ist aus ihnen geschwunden, 
sie vegetiren ohne schaffende Kraft. Was Thatkraft in sich fUhlt, das 
zieht nach Rom, um von der AUgewalt der Casaren Ruhm and Lohn 
zu erhalten. Rom aber ist keine Stadt fiir stille Gelehrte und der 
Romer hat nicht den Sinn dafur das bescheidene Pflanzchen der 
Naturwissenschaft gross zu Ziehen. Im Kampfe um die Weltherr- 
schaft, im steten Ringen der Menschen gegen einander, beim Wett- 
laufen um die Gunst der Grossen und des Grossten auf der Erde, 
muss das Interesse fur die sogenannte todte Natur nach und nach 
erloschen. Zwar fuhlen bedeutende Geister zeitweise das Bediirf- 
niss sich zuriickzuziehen aus dem Getiimmel menschlicher Leiden- 
schaften und im Schooss der Wissenschaft auszuruhen , aber diese 
suchen dann Trostung in der alten Philosophic, nicht in einer 
jungen Wissenschaft, die immerwahrende miihsame Arbeit er- 
fordert 

Die grosse Menge und die Wissenschaft haben an ein- 
ander nicht viel zu verlieren. Die antike Wissenschaft ist 
aristokratisch vom Anfang bis zu Ende, populare Physiker 
hat das Alterthum nie gekannt. Der Masse des Volkes ist die 
Erde, trotz der Pythagoreer, immer die ebene Scheibe geblieben, fiir 
sie hat Aristarch das krystallene Himmelsgewolbe nicht gesprengt 
und die alten Naturgotter sind bei ihr nicht durch die physikalischen 
Krafte entthront worden. Sobald die wenigen geistigen Ari- 
stokraten die Wissenschaft aufgeben, so verschwindet sie 
spurlos aus dem Reiche der Lebendigen und ruht vergessen 
in den Bibliotheken, soweit nicht die Zeit ihre Urkunden vertilgt. 
Wo das Volk doch einmal mit einer wissenschaftlichen Grosse in 
Beriihrung kommt, da erscheint ihm AUes wunderbar und zuletzt 
wird, in den Erzahlungen der Nachwelt, aus jedem Physiker und 
Philosophen ein Magier und Prophet. 



Untergangsperiode der alien Physik. 55 

Die Menge des Volks sucht in der Wissenschaft nach Wundern, 
nach Wundern als Hiilfe in der Noth, oder auch nur zur Unter- 
haltung und nach beiden 8eiten hin braucht sie starke Mittel. 
Schlaue und gewissenloseKopfe wissen solcheStromungen 
zubenutzen und durch Afterwissen^chaften zu imponiren, 
an die man um so leichter glaubt, je weniger man von den realen 
Wissenschaften weiss. So wachsen nach und nach au8 kleinen An- 
fangen die Astrologie, die Alchemic und die Magie zu sy- 
stematischen Wissenschaften heran, und dasUnkraut erstickt 
alles wirkliche Leben. Zwar gelangen diese Afterwissenschaften 
erst im Mittelalter zu voUer Entwickelung, aber die Astrologen 
haben schon unter den Romem den Hochsten wie den Niedrigsten 
ihre Zukunft, die oft so unsicher war, voraus verkiindet. Cicero 
uid Plinius erklaren sich Beide gegen die Astrologie, Tacitus 
zweifelt noch, aber Proklus schreibt schon iiber Astrologie. Trotz- 
dem ware vielleicht die Wissenschaft noch eher wieder er- 
wacht und hatte sich befreit von den Schlacken, wenn nicht noch 
andere machtige Erafte eingegriffen und die Geister ausschliesslich 
in Anspruch genommen batten. 

Mit dem absterbenden Heidenthum beginnt das Chri- 
stenthum den Eampf, einen Kampf, der so ausschliesslich den 
ganzen Menschen einnimmt, dass fiir Anderes nicht mehr Raum 
Weibt Wo es sich um die hochsten Giiter dervMenschheit 
handelt, da ist es Slinde an materielle Dinge, an die mecha- 
nische Natur auch nur zu denken. Wie die Natur gering zu 
schatzen ist dem Geist gegeniiber, so ist die Naturwissenschaft 
verachtlich religiosen Dingen gegeniiber; soil der Geist sich ganz 
in Gott versenken, so muss jeder Gedanke an die Natur, jede Natur- 
wissenschaft vergessen werden. Darum stellen sich die An- 
hanger des Christenthums der alten heidnischen Natur- 
wissenschaft direct feindlich entgegen, und erst als das Christen- 
thnm in seinem Eampfe voUstandig siegreich, als die religiosen 
Giiter ganz gesichert erscheinen, mildert sich der Gegen- 
satz und die Beschaftigung mit den Naturwissenschaften wird 
wenigstens geduldet 

Damach ist es erklarlich, wenn mit dem Untergange der 
specifisch griechischen Wissenschaft und dem Auftreten des Christen- 
thums die jungen Keime der physikalischen Wissenschaften ganz 



V * 



56 Neuplatonische Philosophic. 

erstickt und diese selbst vergessen werden. Den hereinbrechen- 
den Stiirmen der Volkerwanderung und dem siegreichen 
Vordringen der Araber bleibt dann nur wenig zu thun 
iibrig, sie haben die Wissenschaft nicht getodtet, die war schon 
vor ihnen abgestorben, nur das Wiederaufleben derselben 
wurde durch sie verzogert. Auch das hat der Wissenschaft 
allerdings viel geschadet, denn es hat den Schleier, der liber 
den Wissenschaften sich gelagert, dichter gewebt. 
Werthvolle Schiitze der alten Wissenschaft sind in den kriegerischen 
Stiirmen jener Zeit verloren gegangen; in der langen thatenlosen 
Zeit der Wissenschaft ist die Verbindung ganz zerrissen, die Tradi- 
tion erstorben, und als die Welt sich wieder den alten Wissen- 
schaften zuzuwenden anfing, mussten die Verbindungsfaden im 
wahren Sinne des Wortes wieder neu entdeckt werden, 
denn von der alten Naturwissenschaft war keine Spur der 
Erinnerung mehr in den Geistern der neuen Geschlechter. 



205 biB 270 Der Nenplatoniker Plotinus, ein Aegypter, grundet in Rom eine 

Fiotinns. Philosophenschule. Hit ihm beginnt die letzte der griechischen 
PhiloBophenschulen, der Neuplatonismus, ihren Kampf gegen 
die wachsende Kraft des Christenthums. Sein System ist darum mehr 
theologisch als philosophisch , ganz von orientalischer Mystik 
darchdrungen, ohne eine Spur von wirklicher Naturphilosophie. 
Die Welt ist eine unmittelbare Emanation Gottes; die Seele drebt sich 
kreisformig, wie der Himmel um die Erde, urn Gott als ihren Mittel- 
punkt; die ganze Welt ist von D^monen erfCLllt, davon jeder eine Seele 
begleitet. Die Seele des Menschen stammt nicht aus der Natur, sondem 
ans dem Geiste. Aus einer hoheren Region, da wo die reinen Formen, 
Ideen, wohnen, ist sie herabgestiegen in den Korper, wie in einen Kerker. 
Plotinns verachtet darum nicht bloss die Natur, er verachtet sogar seinen 
eignen Korper, so dass er dber sein Vaterland und seine Eltern gar 
nicht reden mag. Dafiir verg5ttern die Schuler ihren Meister, und diese 
Verg5tterei scheint in der neuplatonischen Schule Sitte geblieben za 
sein, denn von Jamblichus, einem Nachfolger Plotinus^ erzahlen seine 
Schtiler, dass man ihn beim Gebet oft bis zehn Ellen uber der Erde 
schwebend gesehen habe ^). 



^) Auch die alte Wiseeuschaft versuclien die Keuplatoniker mit mystischen 
Elementen zu erfallen, sehr viele der von Pytliagoras, Archimedes u. A. er- 
zahlten Wunderdinge Bind auf nenplatonlBche Geschichtsschreiber zuriick- 
zufiihreih 



Verachtung aller Naturphilosophie. 57 

FirmianuB laactantius, ein zum ChriBtenthum bckehrter Rhetor, t s^o 
der ehrifltliche Cicero genannt, widmet das dritteBacli y,de falsa sapientia** 
seiner glnstitutiones divinae'' der Aufgabe, die Nichtigkeit aller 
Philosopliie, Yorz&glich aller Naturphilosophie nachzu- 
weisen. Mortalis natora non capit scientiam nisi quae veniat extrinsecus. 
Alles menschliche Wissen ist fraglich und widerspruchs- 
foll, das wahre Wissen erlangen wir nur durch die Offen- 
barang. Wie das naturwissenschaftliche Wissen des Lac- 
tan tin a beschaffen ist, sieht man aus den folgenden Beispielen, die aus 
dem erw&hnten. III. Buch stammen. „0b die Fixsteme fest am Himmel 
stehen, oder frei in der Luft schwimmen; von welcher Form und Masse % * 
der Himmel gemacht wnrde; ob er in Bewegung oder Rnhe ist; wie 
gross die Erde sein mag, und auf welche Art sie aufgebftngt, oder im 
Gleicbgewicbt erbalten wird — uber solche Dinge zu forschen 
uad zu disputiren, ist dasselbe, als wenn wir Qber unsere 
Meinungen yon einer Stadt in einem entfernten Lande 
streiten wollten, von der Keiner mebr als den Namen ge- 
hort bat.'' — «Ist es moglich, dass Menscben so albern sein 
kdnnen zu glauben, dass auf der anderen Seite der Erde 
das Getreide und die Baume mit den Spitzen abw&rts 
H&ngen und dass dort die Menscben ihre Fttsse b6ber als 
den Kopf haben sollen?*' Dazu stimmt es, wenn der heilige 
Augastinus (354 bis 430), der zwar die Eugelgestalt der 
Erde nicht leugnen will, docb wenigstens bebauptet, die 
entgegengesetzteSeite derErde kdnne nicht vonMenschen 
bewobnt sein, weil die beilige Scbrift keine solche Men- 
Bchenrace unter den Nachkommen Adams erw&bne, und 
wenn Eusebius (270 bis 340), der Vater der Kirchen- 
geschicbte, sagt: ,yNicht aus Unkenniniss der Dinge, die 
jene bewundern, sondem aus Verachtung ibrer unnHtzen 
Arbeiten ist es, dass wir so klein von diesen Sachen denken und 
nnseren Geist zu besseren Gegenst&nden wenden/ 

FinnioiiB MatemuB schreibt auf Yeranlassung des Proconsuls Up 364 
MsTortiuB Lnllianus ein Lehrbuch der Astrologie unter dem Titel Matemus. 
Matheseos libri (die Romer nannten charakteristisch genug die Astro- 
logen mathematici), in welcbem er die emstbaftesten Yorschriften fQr 
das ebrbare Yerbalten der Astrologen giebt, die als Priester der Sonne 
und des Mondes sich bocbst wurdig betragen mussen. 

Pappus, einer der letzten der Alexandrinischen Mathematiker, Um 89o 
lunterliess in seinen acht BUchern matbematiscber Sammlun- ^^^^' 
gen') nennenswerthe Arbeiten ilber Mechanik, vorzUglich im 



^) fitt9tifiuuxut cvvayiayat, coUectiones mathematicae. 



58 Mechanische Potenzen. 

Urn 390 achten Buch. Dass din mathematischen Untersnchungen 
uber die Schwerpunkte nach Archimedes nicht ganz abgebrochen 
worden sind, dayon zengt die sp&ter vonGuldin nen aufgefundene 
nnd nach ihm benannte Regel, die schon Pappus im siebenteD jener 
Bdcher veroffentlicht und ansdrtkcklich sich selbst znschreibt. Die 
Fignren, die dnrch Rotation einer Linie oder einerFlache 
am eine Axe erzeugt werden, steheuim znsamm.engesetzten 
Yerh&ltniss mit den rotirenden Figuren und den durch die 
Schwerpunkte dieser letzteren beschriebenen Wege. Im 
^ achten Buch unterscheidet Pappus auch zuerst die funfsogenannten 
* '• mechanischen Potenzen, Hebel,Keil, Schraube, Rolle and 
Rad an der Welle und bildet den Flaschenzug ab. Die Wir- 
kung einer schiefen Ebene dnrch das Hebelgesetz zu erkl&ren will 
ihm nicht gelingen, vorzuglich darum nicht, weil er Wirkung der 
Reibung und Wirkung der Schwerkraft nicht zu trennen yermag, was 
ja bei dem damaligen Zustand der Bewegpingslehre auch nicht gut m5g- 
lich war. Er geht nftmlich dayon aus, dass schon eine gewisse Kraft 
dazu gehort einen Kdrper auf der horizontalen Ebene fortzubewegen, 
und dass diese Kraft um so mehr gesteigert werden muss, je steiler die 
Ebene wird. Hiemach yersucht er zu berechnen, um wie yiel ^die 
Kraft, die den Kdrper auf der schiefen Ebene bewegt, 
gr6Bser sein muss, als die Kraft, die ihnaufder horizon- 
talen bewegt. Pappus wtirde die Schwierigkeit, die ihn an der Be- 
antwortnng seiner Frage hindert, umgangen haben, wenn er ge&agt 
h&tte, welcher Theil yom Gewicht des K5rpers dazu gehdrt, um den- 
selben auf der schiefen Ebene zu halten. In dieser Form tritt aber 
die Frage erst mehr als 1000 Jahre sp&ter bei Cardanus auf, ohne 
auch da eine gena\ie L5sung zu finden. 

Wir haben Pappus, der bis jetzt allgemeinen Annahme nach, um 
das Jahr 390 nach Chr. gesetzt. Diese Annahme stutzt sich auf An- 
gaben des Byzantinischen Lexikographen Suidas (10. Jahrhundert), 
der bei den Artikeln Pappus und Theon bemerkt, dass diese beiden 
Mathematiker gleichzeitig unter der Regierung des Kaisers 
Theodosius I. (379 bis 395) in Alexandrien gelebt. In einer 
Handschrift der Theonischen Handtafeln aus den Jahren 913 bis 920, 
die auf der Leidener Bibliothek aufbewahrt wird, ist aber bei dem 
Kaiser Diocletian (284 bis 305) angef&hrt, dass Pappus unter 
ihm geschrieben habe. Hultsch, der Herausgeber der Werke 
des Pappus, halt an der letzteren Angabe fest; auch Cantor^) 
nimmt bei Suidas einen Irrthum an, weil er nicht glauben mag, 
dass zwei Mathematiker, wie Pappus und Theon, in derselben Stadt 
zu derselben Zeit einen Commentar zu dem Almagest des 



^) Vorlesaugen zar G^Bchlchte der Mathematik. 



Erfindung des Araometers. 59 

Ptolemaos verfasst. Pappus w&rde darnach am ein JahrbaiidertymS90 

■^* Pappus. 

frfiher, also um 290, zu setzen sein. 

Hypatia , die berahmte Tochter des Theon , hat lange Zeit far d i e ^*1^^^^ 

Erfinderin des Araometers mit conBtantem Gewioht und 

▼illkdrlicher Scala gegolten, well Mnsschenbroek in seiner intro- 

diustio ad philoBophiam nataralem behauptete, ein Brief des Ptolemfter 

Bischofs Syneeias an die Hypatia zenge f&r diese Erfindung. E.Gerland 

tbeilt aber in den Annalen far Physik und Cbemie (Neue Folge Bd. I) 

diesen Brief mit und daraus gebt im Gegentheil klar heryor, dass 

Hypatia nicbt die Erfinderin sein kann. Denn Synesios be- 

sehreibt dae Instrument so genau, dass man annehmen muss, der 

Hypatia sei dasselbe damals nocb g&nzlicb unbekannt gewesen. 

Von anderer Seite hat man schon lange die Priorit&t der Erfindung 

wenigstens der Hypatia streitig gemacht, ist aber dabei ebenfalls 

anf falschem Wege gewesen. Ein Gedicht „De ponderibus et mensuris^, 

das man dem Rhemnius Fannius Palaemon (um 30 nach Ghr.) zuschrieb, 

beichreibt namlioh das Ar&o meter ebenfalls genau und erwfthnt 

noch dabei, dass schon Archimed die Menge des Goldes in der 

Krone des Hieron durch eine hydrostatische Probe fand. Dar- 

naeh haben Einige, wie Poggendorff in seiner Geschichte der Physik, 

geschlossen, dass Archimedes schon das Ar&ometer erfunden; 

andere haben die Erfindung wenig^ns in das 1. Jahrhundert nach 

Christus gesetzt. Neuere Philologen bestreiten jedoch dieUrheber- 

Bchaft des Rhemnius und schreiben jenes Gedicht dem Gramma- 

tiker Priscianus (468 bis 562oder575) zu. Nimmt man noch hierzu, 

dass weder Seneca, noch Plinins, noch Galen das Ar&ometer 

anch nur erwahnen, und dass Synesios der gelehrten Hypatia das 

Instrument als etwas Neues beschreibt, so darf man Gerland zu- 

stimmen, wenn er an der oben erw&hnten Stelle sagt: ^^^^ verbreitete 

Ansicht, dass Archimedes das Ar&ometer erfunden, ist durch 

nichts beglaubigt; wahrscheinlich ist es im 4. Jahrhundert 

nach Christus und zwar zunachst zu medicinischen Zwecken 

znerst construirt.^ 

Hypatia wurde 415 bei einem Aufstande des christlichen Pdbels in 
Alexandrien aufs Grausamste ermordet. 

ProkltLS, ein Ffihrer der neuplatonischen Schule, yon dem, Hhnlich 412 bis les 
vie ?on Archimedes, erz&hlt wird, dass er die Schiffe der Rdmer bei 
einer Belagemng Constantinopels durch Hohlspiegel verbrannt habe, 
giebt Bcheinbar wissenschaftliche Grtinde fUr den Zusammen- 
bang der Gestirne mit den Schicksalen der lebenden Wesen. 
Die Sonne ordnet alle irdischeu Dinge , das Wachsen der FrCtchte , das 
FUessen des Wassers, den Wechsel der gesunden und kranken Zust&nde 
nach den Jahreszeiten , sie erzeugt W&rroe, E&lte und Trockenheit nach 



60 



Astrologie. Uebersetzungen. Brennspiegel. 



412 bis 486 ihren Abst&nden vom Zenith. Der Mond hat, well er der Erde am 
nftchsten steht, den grdssten Einflass auf dieselbe, die Gewftsser fallen 
und steigen nach seinem Lichtwechsel, die Ebbe und Fluth des Meeres 
wird von seinem Aufr und Untergange bedingt und nach ihm richtet 
sich auch das Zu- and Abnehmen der Pflanzen und Thiere. Die Natar 
des Mondes ist feucht, er zieht die Dtlnste an, daher werden die Korper 
durch ihn weich und zur Faulniss geneigt. Saturn ist kalt und trocken, 
well er am weitesten yon der w&rmenden Kraft der Sonne und von den 
feuchten Dflnsten der Erde entfemt ist. Mars ist trocken und scbarf, 
wegen seiner feurigen Natur, die schon durch seine rothe Farbe an- 
gezeigt wird etc. 

Bouwus"* Bofitius, ein vomehmer Rdmer, der bei dem Ostgothenkdnijor 

Theoderich in hoher Gunst stand, den dieser aber doch znletzt aus 
Argwohn hinriohten liess, hat sich durch Uebersetzen vieler grie- 
chischer Schriften philosophischen, mathematischen und 
theilweis auch physikalischen Inhalts bekannt gemacht. Das 
Mittelalter ist durch ihn zuerst mit Aristo teles bekannt geworden. 



Circa 680 
AnthemioB. 



AnthemiuB, derErbauer der bertihmten Sophienkirche in Constan- 
tinopel, lehrt, dass Brennspiegel nur durch die Yereinigung 
vieler Sonnenstrahlen in einem Punkte ztinden und zeigt, dass 
Lichtstrahlen, die von einem Punkte ausgehen, nur dann wieder in einen 
Pnnkt vereinigt werden, wenn die spiegelnde Flfiche elliptisch ist. Er 
glaubt nicht, dass Archimedes durch einen sph&rischen Spiegel die r&- 
mische Flotte entzundet, versucht aber mit einem Complex von ebenen 
Spiegeln entfemte Gegenst&nde zu verbrennen. Des Proklus, dessen 
Zeitgenosse er ungefahr gewesen sein muss, erw&hnt er bei diesen Yer- 
suchen nicht. Yon Anthemius erz&hlt man auch, er habe Dampfkessel 
im Keller seines Hauses aufgestellt, den Dampf durch Rohren in das 
Haus seines Nachbars, des ihm feindlichen Romers Zeno, geleitet und 
das Haus dadnrch so erschlittert, dass Zeno geglaubt, ein Erdbeben stflrze 
das Haus. 



^^ ^ Der ostrdmisohe Kaiser Justinian I. legt den Philoso- 

phiiosophie pheuschulen zu Athen ewiges Stillschweigen auf. Die 
letzten sieben Weisen Griechenlands, sieben Neuplatoniker, wandern bald 
darauf nach Persien aus, wo sie vom Konig Khosrau I. Fdrdemng ihrer 
Wissenschaft hoffen. Doch scheint es ihnen nicht ganz nach Wunsch 
gegangen zu sein, denn im Friedensschluss 533 zwischen Persien und 
dem ostromischen Reich bedingt ihnen Khosrau I. von Justinian freie 
Religionsflbung, wenn auch nioht Lehrfreiheit, aus und sie kehren zurQck, 
nm im Yaterlande vergessen, aber ruhig zu sterben. Unter den sieben 
Philosophen ist Simplicius der bedeutendste, er hat die 
Schriften des Aristoteles, auch seine Physik, fleissig 



Ende der alien Wissenschaft. 61 

eommentirt, freilicb nnr dorch HiDzuf^gung der Meinungen 529 
Aaderer, er selbst macht keinen Yersuch zu best&tigen oder phUosopMe 
la widerlegen. Das Ansehen des Aristoteles beginnt yon **^ ^'^^^'^' 
jetzt an stetig zu steigen. Die barbariscben Ydlker baben yor 
km griecbiscben Geist so grosse Scbeu, dass sie nor zu verebren, aber 
nicht zu andem wagen. Wie sicb die ganze Wissenscbaft mit 
dem Absterben der Naturwissenschaft wieder mebr und 
mehr auf die Pbilosopbie reducirt bat, so reducirt sicb 
nun die Pbilosopbie fast aufeine blosseReproduction und 
Erklarung des Aristoteles. 

Konig Kbosrau, der, trotzdem es den griecbiscben Pbilosopb en nicbt 
bei ihm gefiel, docb ein Freund der Pbilosopbie war, sorgte scbon ffir 
Uebersetzun^^en des Aristoteles, durcb ibn aufgemuntert Ubersetzte der 
Syrier Uranus die Scbriften des Stagiriten und Sergius gab noch 
Uel)er8etznngen einiger anderer griecbiscber Pbilosopben. Aus diesen 
[Jebersetzungen baben dann die Araber zuerst ihre An- 
regungen erbalten, bis sie leruten an die Quelle selbst zu 
gehen. 

Amru, der Feldberr des Kbalifen Omar, erobert Alexandrien. 640 
Ob dabei die Reste der Bibliotbek nocb zerstort worden sind, ist nicbt Aiex*^^ 
ncher, jedenfalls aber borte mit der Eroberung Alexan- diJTrabe? 
driens durcb die Araber'die Existenz der Akademie auf, 
und Alexandrien wurde wissenscbafblicb fur immer vemicbtet. Ala 
die Wissenscbaft neue Sprossen zu treiben anfihg, gescbah 
es nicbt auf dem alten bistoriscben Boden Alexandriens, 
aber auch nicbt in der alten Pbilosopbenstadt Atben und 
nocb weniger an dem Hauptsitz der kircblicben Macbt in 
Rom. Die alten Statten zeigten sicb ausgesogen und unfrucbtbar, daftlr 
waren einzelne frucbtbare Korner nacb Osten gewebt, und 
dort in jungfraulichem Boden scblug die alte Wissenscbaft 
neue Warzel. 



n. 



Gescliiclite der Physik im Mittelalter 



von 700 n. Chr. bis 1600 n. Chr. 



1. 

Erster Absohnitt der Pliysik des Mittelalters 

von 700 n. Chr. bis 1150 n. Chr. 



Periode der arabischen Physik. 

Im Jahre 632 starb Mohammed, sein Leben war der Ver- 
breitung der von ihm gestifteten Religion geweiht, andere Zielc 
fanden neben diesem keinen Raum in seiner Seele. Von einem 
wissenschaftlichen Streben, ja nur von einem Dulden der 
Wissenschaft kann darum bci ihm, wie bei seinen nachsten 
Nachfolgem, keine Rede sein. „6eben die Wissenschafben, was 
im Koran steht, dann sind sie iiberfliissig, geben sie Anderes, dann 
sind sie gottlos und schadlich;^^ das ist die Ansicht der glaubens- 
eifrigen Araber der ersten Zeit, und sie haben ihr unbarmherzig mit 
Feuer und Schwert gedient, wenn es auch wohl niclit wahr ist, dass 
der Khalife Omar seinem Feldherm Amru mit jenen Worten befahl, 
die Bibliothek in Alexandrien zu verbrennen. 

Je heftiger aber der neue Geist gebraust und gegohrcn, desto 
schnellcr kam er zur Reife; je machtiger sich der neueGlaubc alien 
direct widerstehenden EinflUssen gegeniiber erwiesen hatte, desto 
geneigter zeigten sich die Glaubigen, wenigstens den Wissenschaften 



Periode der arabischen Physik. 65 

iind Kiinsten gegeniiber Toleranz zu iiben. Nur wenig mehr als 
hundertJahrenach Mohammed's Tode, als die Araber ihre Herrschafb 
ansgebreitet, ibre Religion gesichert batten, als von alien Seiten 
ReiehthiimeT und damach auch Gelehrte uud Kunstler dem glanzen- 
den Hofe der prachtliebenden Chalifen zustromten, da warden die 
watbigen Glaubenshelden zu Verehrem der Wissenschaft und zeig- 
ten in dieser Verehrung fast ebenso grossen Eifer als vorher im 
Dienste der Religion. Die fanatischen Araber, welche eben 
noch geholfen batten das Ende der alten Wissenschaft herbeizu- 
(ubren, enthiillten sich nun als ihre fast einzigen Bewunde- 
rer und Pfleger. 

Im V. Jahrhundert besassen die nestorianischen Christen 
in Emesa (Colesyrien) und Edessa (Mesopotamien) beriihmte 
Schulen, die griechische Wissenschaften pflegten. Als 431 auf 
der Eircbenyersammlung zu Ephesos der Bischof Nestorius ab- 
gesetzt wurde und fliichten musste, kamen zwar diese Schulen 
in Verruf und gingen nach und nach ein, aber die Nestorianer 
selbst zogen sich nur weiter zuriick und setzten ihre Schule in 
Dschudaisabur (persische Provinz Chusistan) fort, wo sie von den 
Ronigen der Sassanidendynastie geschiitzt wurden. Diese Nesto- 
rianer iibersetzten zahlreiche griechische Schriftsteller 
in das Syrische, und aus dem Syrischen wurden zuerst, 
nachdem das Sassanidenreich durch die Araber erobert worden war, 
griechische Schriften ins Arabische iibertragen. Doch blieb 
dieser Umweg nicht lange iiblich, bald wandten sich die arabisch 
schreibenden Gelehrten an die Quelle selbst Einzelne Chalifen 
richteten formliche Uebersetzungsanstalten ein, und in ihnen wurde 
das Geschaft mit solchem Eifer und Erfolg betrieben, dass man z. B. 
nicht Moss die sammtlichen Schriften des Aristoteles, sondern auch 
die Torhandenen Commentare dazu aus dem Griechischen ins Ara- 
bische iibersetzte. 

Dieses plotzliche Eintreten der Araber in eine schon weit 
ausgebildete Wissenschaft, das Fe hi en einer langen Vorberei- 
tungszeit, der Mangel eines stetigcu Heranwachsens 
derGestaltungskraft mit der Ausbildung der Wissenschaften 
selbst, erklart manche Eigenthiimlichkeiten der arabischen 
Gelehrten. Sie treten ein in ein Gebiiude, dessen Ent- 
stehung sie nicht kennen, dessen Grosse und Kiihnheit ihnen 

fioienberger, O««chickto der Physik. 5 



66 Periode der arabischen Physik. 

aber imponiren muss. Die ganze Methode der griechischen Wissen- 
schaft ist nicht darauf angelegt zu zeigen, wie sie entstanden; ihre 
logisch mathematische Form der Beweise will nur Aner- 
kennung erzwingen^ nicht den Gang der Entwicklung 
zeigen. Die Araber, gedrangt durch die Masse der neuen Er- 
kenntnisse, konnen zuerst gar nicht daran denken, dieselben zu 
kritisiren; fiir sie handelt es sich zuerst darum, das ganze 6e- 
baude kennen zu lernen und im Einzelnen zu begreifen. 
Wer da weiss, was die Griechen gewusst, der ist jetzt schon.ein 
bedeutender Gelehrter und hat vor der Hand vollauf zu thun, diese 
Kenntniss zu verbreiten; an das Weiterentwickeln, an das Ver- 
mehren derselben kann er furs erste noch nicht denken. Dadurch 
aber bekommt die arabische Wissenschaft selbst einen commen- 
tatorischen Gharakter, sie zeigteine gewisse Unselbststan- 
digkeit, eine Furchtsamkeit, die nicht weiter gehen kann, als der 
Lehrmeister gegangen, und es entwickelt sich eine abgottische 
Verehrung der Meister, ein Autoritatsglauben, der in 
seinen weiteren Auslaufem zuletzt die Weiterentwicklung hemmt. 
Der philologisch erklarende Gharakter, das Ueberwie- 
gen der Autoritat selbst gegeniiber leicht anzustellenden 
Beobachtungen, die schiilerhaft bequemc Geniigsamkeit mit 
dem einmal Festgestellten, welche der ganzen mittelalter- 
lichen Wissenschaft anhaftet, haben zum grossen Theil 
hier ihre Quelle. 

Die Araber nahmen die Wissenschaft, wie sie ihnen geboten 
wurde, mit ihren Vorziigen, aber auch mit ihren Mangeln. Sie 
erwarben nicht bloss wirkliche Wissenschaften, sie nahmen 
mit diesen auch die Afterwissenschaften auf. Magie, 
Astrologie bliihten bei ihnen wie bei den Romem, und die 
Alchemic scheint den Arabern sogar ihre besondere Ausbildung 
zu verdanken. 

Mit ihrer passiven Aufhahme der Wissenschaften hangt auch 
derGrad deslnteresses, das die Araber den einzelnen Wissen- 
schaften widmen, und die zeitliche Beihenfolge zusammen, in 
der die einzelnen Disciplinen zur Bearbeitung gelangen. Sie ergriffen 
zuerst mit grossem Eifer die Philosophic und verehrten abgot- 
tisch den Meister der Philosophen, Aristoteles; sie wurden gute 
Mathematiker, welche die geometrischen Methoden der 



Periode der arabischen Physik. 67 

Alten, durch Einfiihrnng derAlgebra,die8ie zum Theil von den 
Indem entlehnt, sehr gliicklich erganzten; sie machten in der 
Astronomie, wenigstens durch die Genauigkeit ihrer Beobach- 
kngen, Fortschritte iiber die Alten hinaus, und sie iibertrafen in 
der Medicin und in der Grammatik theilweise ihre Lehrmeister. 
Der Physik aber bemachtigten sie sich erst spat und 
blieben darin, derMethode wie demStoffe nach, starker 
als sonst abhangig von ihren Yorbildern. Die Optik, 
welche schon die Griechen neben der Statik am sichersten ausge* 
bildet batten, wurde unter alien physikalischen Disciplinen von den 
Arabem zuerst bearbeitet In ihr haben sie die meisten Fortschritte 
aufisuweisen. Die Mechanik nahmen sie erst nach der Optik in 
Angrif^ und hier sind auch noch weniger als in der Optik die Griechen 
als die Lehrmeister zu verkennen. In den anderen Zweigen der 
Physik, i¥ie Warmelehre, Akustik^), Magnetismus und 
Elektricitat, sind die Leistungen der Araber, so weit wir sie 
kennen, fast gleich Null. 

Nach Humboldt's Yorgange hat man ofters die Araber „als 
die eigentlichen Griinder der physischen Wissenschaf- 
ten, in der Bedeutung des Worts, welche wir ihm jetzt zu geben 
gewohnt sind" ') , als die Erfinder des Experimentireng') 
bezeichnet. Ohne die Verdienste der Araber um die Beobachtungs- 
kunst in der Astronomic, in der Medicin, in der Chemie zu verken- 
nen, konnen wir uns doch fiir die Physik einer solchen 
Behauptung nicht anschliessen. Wie schon erwahnt, haben 
die Araber in beachtenswerther Weise nur die zwei physikali- 
schen Disciplinen bearbeitet, die schon die Griechen am meisten 
gefordert In diesen Disciplinen finden wir bei den Arabern, ausser 
vereinzelten Beobachtungen, nur zweierlei planvoU angestellte Ex- 
perimente, die Messungen von Brechungswinkeln und das 
Bestimmen von specifischen Gewichten. Beide Messungen 
aber kommen auch schon in der griechischen Physik vor. Bei Pto- 
lemaus haben wir austiihrlicher von ihnen gehandelt und so 



1) Einige Werke fiber Theorie der MoBik sind physikalisch von keiner 
Bedentusg. 

*) Kosmos II, S. 248. 

^ Kosmos n, S. 249 : ^auf diese letzte, im Alterthume fast ganz anbetre- 
tene Stofe haben sich vorzugsweise im Grossen die Araber erhoben." 

5* 



1 



68 Periode der arabischen Physik. 

wenig wir dort zugeben konnten, dass mit diesen Expe- 
rimenten schon unsere heutige Experimentalmethode 
der Physik begonnen habe, ebenso wenig konnen wir es 
j.etzt, wo dieselben nur mit grosserer Genauigkeit wiederholt 
werden. 

N. Khanikoff, der Uebersetzer des fiir die Mechanik wichtig- 
sten arabischen Werkes „The balance of wisdom", gebraucht die 
vorerwahnten Aeusserungen Humboldt's im Kosmos^ um aus ihnen 
zu schliessen 1) , dass unsere Kenntniss der arabischen Physik, die 
nur wenig Belege fur den Gebrauch des Experiments bei den Ara- 
bern hat, noch eine sehr mangelhafte sei und glaubt von weiteren 
Arbeiten iiber die physikalische Literatur der Araber, dass sie jene 
Behauptung Humboldt's bestatigen wiirden. Auch wir hofFen, dass 
neuere Arbeiten uns die Physik der Araber immer voUstandiger 
zeigen werden, halten aber gerade die Worte KhanikofiTs fiir eine 
Bestatigung unserer Ansicht, dass man in der uns jetzt vorliegenden 
arabischen Literatur eine Experimentalphysik in unscrem 
Sinne nicht finden kann. Weiter konnen wir uns auch der 
Hoffnung nicht hingeben, dass man bei den Arabern spater 
noch die Experimentalmethode auffinden wird; denn 
waren die Araber wirklich im Besitz dieser Methode gewesen, so 
ware es ja doch wunderbar, wie die christlichen Physiker des Mittel- 
• alters, die durch die Araber zuerst zur Wissenschaft der Alten 
gelangten, diese Methode so ganz batten vemachliissigen konnen, 
dass man bis zum Morgenroth der neueren Physik keine Spur mehr 
von ihr merkt. 

Directen Nutzen durch eigene originelle Arbeiten 
haben die Araber der spateren mittelalterlichen Physik 
fast gar nicht gebracht. Sie stcllten genauere Messungen 
an und fiihrten einige betretene Wege weiter fort als die 
Griechen; aber principiell hinterliessen sie weder der Me- 
thode noch derMaterie nach ihren Nachfolgem mehr, als sie 
von den Alten ubemommen batten. Desto mehr aber niitzten sic 
indirect, wie den Wissenschaften im Allgemeinen, so auch der 
Physik im Speciellen. Sie haben uns dieSchriften der Alten, 
die ohne sie vielleicht in den politischen Stiirmen der Volkerwan- 



') Journal of the American Oriental Society VI, p. 2. 



Periode der arabischen Physik. 69 

demng verloren gegangen waren, aufbewahrt und, was wir nocb 
hoher anschlagen, sie waren es, die in den triibsten Zeiten der 
Volkersturme wissenschaftliche Arbeit und wissenschaft- 
liches Leben so lange unterhielten, bis die christliche Welt so 
weit war die Pflege der Wissenschaft wieder von ihnen zu iiber- 
nehmen. 

Aus Europa war mit den heidnischen Gelehrten 
auch ihre Wissenschaft geschwunden, mit dem Ausbreiten 
und der Dogmatisirung ihrer Religion beschaftigt, fanden die christ- 
lichen Gelehrten unter den Sturmen der Volkerwanderung keine 
Zeit der heidnischen Wissenschaften sich auch nur zu erinnem, und 
je langer die Vergessenheit dauerte, desto mehr wurde das Erin- 
nem eine Unmoglichkeit. Was die Alten in Naturwissenschaft 
geleistet, das war fiir das Abendland in diesem Zeitraum nicht mehr 
Torhanden, und als man auch hier nach der Besanftigung 
und dem Geniigen der geistlichen Interessen wieder 
Bediirfniss nach den Naturwissenschaften fiihlte, da 
musste man und konnte es zum Gliick, bei den Arabern Spa- 
niens, im eigentlichsten Sinne des Worts, in die Schule 
gehen, um bei ihnen die alten Wissenschaften auszulosen. Be- 
wahrer der Wissenschaft sind die Araber gewesen 
und konnten sie nicht allezeit Mehrer sein, so waren sie doch 
immer getreue Hiiter. Getreue Hiiter, die ihr Licht erloschen 
liessen, so wie die christlichen Gelehrten ihre Leuchte anziindeten, 
um eine neue Revision und Bereicherung des Erworbenen zu ver- 
suchen. Als in Spanien und in Vorderasien die politische 
Herrschaft der Araber gebrochen wurde, als ihre Cha- 
lifen, die strengen Beschiitzer der Wissenschaft, ihre 
Macht verloren, da erlahmte auch die Kraft zu wissen- 
schaftlicher Thatigkeit und bald verschwanden die Araber 
spurlos aus den Annalen der Wissenschaft, ohne jemals wieder dar- 
in au£mtauchen. 

Man hat wie ihr schnelles Wachsthum ihr plotzliches Ver- 
schwinden angestaunt und dasselbe dadurch zu erklaren versucht, 
dass man dem Volke der Araber selbst jeden wissen- 
schaftlichen Sinn abgesprochen und die Bliithe der Wissen- 
schaften nur der Ruhmsucht ihrer Fiirsten zugeschrieben hat 
Richtig ist es, dass zuerst die Chalifen Bagdads die Wissen- 



70 Periode der arabischen Physik. 

schafb cultivirten und dass die arabische Wissenscbaft sich yor2ugs- 
weise an die Hofe der Fiirsten gekniipft hat. Waxen aber diese 
a He in die Trager der arabischen Cultur gewesen, so wiirde wohl 
nicht zu erklaren sein, wie allerwarts, wo doch Fiirsten verschie- 
denen Stammes regierten, die Araber aus der Barbarei so schnell 
sich empor arbeiteten. Warum dem Verlust der politischen 
Herrschaft so plotzlich auch der Untergang ihrer Wissen- 
schaft folgte, erklart sich allerdings theilweise daraus, dass diese 
Wissenschaft in der Sonne der Fiirstengunst emporgeschossen, 
aber andererseits auch daraus, dass die Wissenschaften noch 
gar nicht Zeit gehabt, zu wirklichem Eigenthum, zu 
selbst Erworbenem des Volks, zu selbstgeschaffenem 
Gut der Araber zu werden. Wie es aber gekommen ware, wenn 
die Bliithe der Araber nicht gewaltsam geknickt, wenn sie Zeit 
gehabt, Samen tief zum Keimen zu legen; dariiber sind Gonjecturen 
wohl nicht nur unmoglich, sondem auch werthlos. 

Nicht alle arabisch schreibenden Gelehrten gehor- 
ten auch der Nation nach den Arabern an; vielmehr wird 
gerade in der neuesten Zeit nach eingehenderer Bekanntschaft mit 
der wissenschaftlichen Literatur der Araber darauf aufmerksam 
gemacht, dass Syrer, Juden und Perser vielleicht die Mehrzahl unter 
diesen Gelehrten bildeten. Khanikoff^) halt es darum fiir ange- 
messener statt des Ausdrucks Arabische Civilisation besser den 
allgemeineren Ausdruck Beitrag des Orients zur Civilisation zu 
setzen. Wir woUen nicht abwagen, welche Nation hier in der Ma- 
joritat sein mag, meinen aber, dass schon die eben betonte abso- 
lute Abhangigkeit der Wissenschaft in dieser Periode von 
den politischen Schicksalen der Araber die Bezeichnung 
derselben als einer arabischen Wissenschaft gerechtfertigt er- 
scheinen lasst. 



1) Journal of the American Oriental Society YI, p. 107. Scbroffer noch als 
Khanikoff druckt sich Lewes aus, der in seiner Geschichte der Philosophie, Bd. 11, 
B. 34, sagt: ^Eine arabische Wissenachaft hat es g^nau genommen nie gegeben. 
Zuni&chst war aUe Philosophie und Wissenschaft der Mohammedaner : Griechisch, 
Judisch Oder Persisch. Sodann waren es nur selten die Araber, die sich solchen 
Studien widmeten." 



Abbassidische Chalifen. Karl der Grosse. 71 

^Der Abbasside Abu Dsohafar, genannt Almansiir (der Sieg^eiche), 764 bis 775 
grandete 762 Bagdad and zog yiele Gelehrte dorthin, die aus dem Aiaum«ftr. 
Sjriflclien, Griecbischen , Persischen und Indischen wissenschaftliche 
Werice ins Arabische tiberseizten. £r selbst war ein kenntnisareicher 
Liebhaber der Philosopbie und Astronomie, der aucb seine Sohne durcb 
griecbiscbe Gelehrte nnterrichten liess. 

Scbon nnter den Omaijadiscben Chalifen, die in Damaskus residirten, 
katten die Araber griechische Gelehrte aufgenommen oder wenigstens 
gednldet, and anter Abd Almelik (684 bis 705) waren sogar der gprie- 
ehiscbe Chri^ Sergias and sein Sohn Johann yon Damaskus, dem nicht 
nnbedeutende Kenntnisse in der Geometrie nachgerdhmt werden, Scbatz- 
meister des Chalifen gewesen. In eigentlichen Fluss kam aber das 
UeberBeizongsgesohafk wissenschaftiicher Werke erst unter den Abbassi- 
dischen Chalifen, die trotz immerwahrender K&mpfe gegen innere 
and aossere Feinde sich doch als eifrige Fdrderer und Freunde der 
WiBsenflcbafk zeigten. Almansiir folgte als der Zweite der Abbassiden 
seinem firader, dem falschen, raohstlchtigen Abul Abbas auf dem Throne 
imd ist selbst yon Grausamkeiten durchaus nicht freizusprechen. Man 
darf eben nicht yergessen, dass alle arabischen Herrscher, trotz ihrer 
Begftnstigang der Wissenschaft , zu aller Zeit echt orientalisch regieren 
nnd wohl aucb nicht anders regieren konnen. 

» 
Der dritte Nachfolger and Enkel Almansdr's, H&run Arrasohid rse bis 809 

(Aron der Gerechte), fahr in den Bestrebungen seines Vorg&ngers fort Anasohid. 
imd liess nicht nur ebenso eifrig wie jener ubersetzen , sondem sorgte 
aoch f^r die Yerbreitung der Uebersetzungen durcb zahlreiche Ab- 
schriften, 

Dreihondert Gelehrte bereisten , wie erzahlt wird , auf seine Eosten 
die ihm unterworfenen L&nder zu wissenschaftlichen Zwecken, und an 
keinem Hofe gab es so yiel Kechtsgelehrte , Philologen und Dichter als 
an dem seinigen. Trotz alien Glanzes aber, den eine sagenhafte Ge- 
schichte um das Hanpt Arraschid's gewoben, dtlrfen wir doch nicht yer- 
kennen, dass outer ihm schon die Alleinherrschaft eines Chalifen in der 
arabischen Welt zu wanken begann, obgleich auch Arraschid nicht 
▼ahlerisch in seinen Mitteln war, wenn es gait beargwohnte Gegner zu 
beseitigen. Spanien hatte sich nie den Abbassiden unterworfen , und 
noch nnter Arraschid legten in Fez und Marokko die Edrisiden, in 
Tunis und Eairawan die Aghlabiten den Grund zu ihrer Selbststandigkeit. 

Dem Abendlande ist Arraschid am bekanntesten geworden durch 
die Gesandts.chaft, die er zur Eaiserkronung Earl's des 
Grossen an diesen sohickte und welche j e n e berfthmte Wasseruhr 
fiberbrachte, die yon den Abendl&ndern so yiel bewundert worden ist. 

Auch Karl der Grosse war , wie sein arabischer Freund , ein 747 bis su 
Conner and Fdrderer der Wissenschaften. Er grandete durch den '^•'i <i* ^'* 



72 Chemie der Araber. 

747 bis 814 englisohen Monch Alkuin (786 bis 804) eine gelehrte Ge^ell- 

* Bchaft, die sich mit Matbematik, Astronomie, Yerbessenuig der 

Spracbe etc. bescbaftigte. Er erricbtete bob ere und niedere 

Scbulen im ganzen Frankenreicbe, aber alles ging nach ihm 

in der allgemeinen FinBtemiss wieder unter. 

Geber^^ Der erste bedeutende Cbemiker der Araber, Abii Miksd Dscbabir, 

gew5bnlicb Geber genannt, lebte um das Jabr 800 nacb GbrisiuB. Ueber 
seine Lebensumstande ist nns sebr wenig Sicberes bekannt^). Er ist 
nicbt bloss unter den Arabern, sondem iiberbaupt^ trotz vieler 
Nacbfolger, bis zum 15. Jabrbandert der kenntnissreicbste 
Cbemiker geblieben* den nocb Roger Bacon im dreizebnten Jabr* 
bnndert den magister magistromm nennt. Er zeicbnet sicb yor den 
Griecben dnrcb eine grossere cbemiscbe Detailkenntniss, 
sowie aucb dnrcb den Yersncb aus eine Tbeorie der Gbemie za 
geben. Nacb ibm besteben alle Metalle aus mebr oder weniger Quecksilber 
und Scbwefel, wobei unter Quecksilber und Scbwefel nicbt die gewdbn- 
licben Stoffe, sondem reinere Elemente zu yersteben sind. Wenn ein 
Metall yerbrennt, so yerliert es dadurcb den Scbwefel, der Scbwefel ist 
also das Brennbare in dem Metall, das Princip der Yerbrennung. Die 
spate ren Cbemiker des Mittelalters baben sicb, als sie diese Lebre yon 
der Zusammensetzung der Metalle annabmen, weniger ftlr diese Tbeorie 
der Yerbrennung, als fCLr die Tbeorie der Metallyerwandlung interessirt/ 
welcbe man aus jener Tbeorie der Metallzusammensetznng folgem kann. 
Geber ist dadurcb nicbt nur derYater der Cbemie, sender n aucb 
der Alcbemie geworden. Dass aber Geber selbst an dem Wachsen der 
letzteren nicbt unscbnldig ist, lasst sicb nicbt scbwer erkennen. In der 
Tbat, wenn alle Metalle aus denselben Elementen besteben, so ist nicbt 
einzusehen, warum man nicbt yersucben soil, die Metalle in einander 0ber- 
zufCtbren, und Geber bat aucb in seinen Scbriften scbon selbst den Yer- 
sucb gemacbt. 

Die Lebre yon der Metallyerwandlung konnte bei den Arabem um 
so leicbter aufkommen, als diePbilosopbie ibres yerebrten Aristo- 
teles im Gegensatz zu der atomistiscben Pbilosopbie einer 
stofflicben Yerwandlung nicbt feindlicb, yielmebr in ibrer 
Unklarbeit fiber die elementare Beschaffenbeit der Materie 
eber freundlicb ist^). Die atomistiscbe Tbeorie stebt der 



') Cantor giebt (VorleBUDgen zur Geschichte der Matbematik) an, dass 
dieser Geber, der nicht mit dem spateren Mathematiker Abii Muhammed 
Bschftbir zn verwechseln ist, der Schiiler des Dscba 'for as BAdik gewesen sei, der 
von 699 bis 765 lebte. Eine ansfuhrliche Znsammenstellung und Beurtheilung 
der verscbiedenen Nacbrichten iiber Geber fiudet man bei Kojip, Beitrage zur 
Gescbichte der Chemie, 8. Stuck, Beite 13 u. f. 

') Geber bebielt trotz seiner Elemente aucb die des Aristoteles als Haupt- 
trftger der Elementarqualitftten bei; das Waf^ser als Princip der Fliissigkeit 



Alchemie. 73 

Aleffemie direct entgegen, mit der allgemeinen Annahme um soo 
dieser Tbeorie in der Ghemie ist erst die Alchemie anm5glich ^®^®'- 
geworden. So lange die Mdglichkeit einer qualitatiyen Umwandlung 
d^ Stoffes noch festgehalten wird , kann man auch noch anf eine Ver- 
wandlang der Metalle in einander hoffen, sowie aber auch alle qaalitative 
Terandemng der Stoffe nur durch ein Trennen oder Verbinden gescbieht 
nnd eowie constatirt ist, dass die Metalle nicht zerlegt werden konnen, 
eo ist die MetallYerwandlong ausgeschlossen. Da Beides in jenem Zeit- 
alter nicht j|ctattfand, darfte man die Alchemie nicht direct mit anderen 
Afterwissenschaften wie Magie nnd Astrologie in eine Classe werfen, 
Venn sie nicht yon dem Wege des praktischen Yersuchs immer in my- 
ftische, magische Specnlationen abgewichen ware. So lange die Araber 
Stoffe misehten und trennten and Blei durch chemische Processe in Gold 
za verwandeln versachteni so lange blieben sie Chemiker, wenn sie aber 
mit dem magisterinm, das diese Verwandlnng yollziehen sollte, aach den 
Stein der Weisen, den Inbegriff aller Yollkommenheit zu erhalten glanb- 
ten, 60 waren sie ans der Wissenschaft herans und in der Afterwissen- 
whaft angekommen. Darum fallt die Alchemie nicht, wie man 
vohl behauptet hat, mit der Ghemie zusammen, so wenig wie 
die Astrologie mit der Astronomic zusammenf&llt. 

Beide Yerirrungen des menschlichen Geistes mogen der Wissenschaft 
znerst durch den Antrieb zur Arbeit genutzt haben, im Mittel- 
alter haben sie aller Natur wissenschaft, auch der Physik, mehr als es 
scheint geschadet; dadurch, dass sie auf Eosten der Phantasie die 
Denkkraft schwachten, das GemHth durch mystische Specula- 
tion erregten und den nuchternen Sinn, der immer sich selbst 
kritisirend mit langsamen Fortschritten sich begntLgt, ganzlich 
nmnebelten. Es ist noch nicht das st&rkste Zeichen fiir die Kritiklosig- 
keit des Mittelalters, wenn arabische Gelehrte behaupten diirfen, Adam 
Bchon babe eine Abhandlnng tiber Arithmetik geschrieben und dieses 
Werk sei noch in ihrem Besitz, dass aber eine solche Eritik- 
loaigkeit flberhaupt moglich wurde, dazu haben die my- 
stischen Wissenschaften ihr gut Theil mit beigotragen. 
Man konnte yersucht sein, der Alchemie wenigstens ein Yerdienst 
nnd zwar ein Yerdienst um die Physik zu retten. Die Alchemie hat 
▼ on Anfang an experimentirt und der spateren Ghemie eine 
Menge werthyolles, thatsftchliches Material zugefiihrt. Sollte sich nicht 
sachweisen lassen, dass die Experimentalphysik Anregungen 
fur ihre neue Methode yon der Alchemie empfangen? Wir 
niQasen darauf antworten, dass weder bei den Arabem noch bei den 
christlichen Physikern des Mittelalters eine Spur von einer solchen 



»pielt in seinen Schriften bei der Schmelznng, der Calcinirang u. s. w. eine 
gTosse KoUe. 



Um 800 
Oeber. 



74 Abnahme der magnetischen Kraft. Gradmessung. 

Anregang zu finden ist and yermdgen dies nur dadarch za erkl&ren, 
dasB die Alchemie keine WisBenschaft and ihr wildes, plan- 
loses Darchprobiren aller mdglichen chemischen Combina- 
tionen keine experim en telle, keine wissensohaftliche Metjiode 
war. Mechanische and pbysikalische Kunstst&cke za erfinden bat man 
im Mittelalter, wie das Geldmacben, mit Eifer yersacbt, aber die wissen- 
scbaftlicbe Pbysik dacbte niobt daran bei der Alcbemie eine wissen- 
Bcbaffclicbe Metbode za sacben, die diese aacb in der Tbat nicbt besass. 
Nocb bleibt ans bei Geber einer merkwurdigen Stelle za erw&bnen, 
die E. Wiedemann ^) aas dem „Bacb der Barmberzigkeit^ entnimmt, das 
Geber zagescbrieben wird, obne dass es sicber aacb von ibm stammt. 
Die Stelle beisst: ,)Icb batte einen Magnetstein, der 100 Dirhem 
Eisen aafbob. Icb liess ibn einige Zeit liegen and naberte 
ibn eiuem anderen Eisenstuck and er trag dies nicbt. Ich 
glaabte, das zweite Eisenstitck sei scbwerer als 100 Dirbem, 
die er docb zuerst trag, and wog es and siebe da, es wog nur 
SODirbem. Es batte also dieEraft desMagneten abgenommen, 
seine Grdsse war anverandert geblieben.^ Es ist interessant 
and zeagt ftlr den Geist des Beobacbters, dass er so genaa die Masse 
von der Kraft des Magneton za trennen vermag. Aber kein gates 
Zeicben fOr die bebaaptete experimentelle Metbode der Araber ist es^ 
dass diese Beobacbtang ilber den Magneton nicbt weitere Folgen bat 
and dass die Araber trotz ibrer Bescb&ftigang mit dem Magneten nicht 
weiter in der Kenntniss desselben gelangen. 



613 bis 833 

rogiert 

AUnftinftn. 



Wabrend der Regierang von Abdallah Almamun, des zweiten 
Sobnes von Hariin Arrascbid, erreicbten die Wissenscbaften im 
Gbalifate Bagdad ibre Bltltbe. Almamdn war darcb einen christ- 
licben Arzt Mesaa anterricbtet worden and ist nicbt nar ein Liebbaber 
der Wissenscbaft, sondem aacb, wenigstens in der Astronomic, ein th&ti- 
ger Gelebrter gewesen. Er griindete Scbalen and Bibliotbeken fast in 
alien bedeatenden Stadten seines Reicbes, and am diesen die griechisebe 
Wissenscbaft ganz zag&nglicb za macben, stellte er z. B. dem besiegten 
ostrdmiscben Kaiser Micbael III. im Frieden als Haaptbedingang die 
Aaslieferang einer grossen Anzabl griecbiscber Werke. 

Aaf seine Yeranlassang antemabmen die Araber aacb eine neae 
Gradmessung. Zwei Parteien maassen in der Ebene von Tadmor, die 
einen nacb StLden, die anderen nacb Norden, einen Meridiangrad, wahr- 
Bcbeinlicb darcb Scbrittz&blang. Beide Parteien gaben den zuruck- 
gelegten Weg aof 57 arabiscbe Meilen an. Der Cbalif liess dann durcb 
andere Astronomen nocb einen Meridiangrad in der Waste Sindjar be- 
stimmen, diese fandennar56Y4Meilen, scbliesslicb warden 56% arabische 
Meilen als wabrscbeinlicb ricbtiger Wertb angenommen. Die arabiscbe 



*) Annal. d. PhyB. u. Chemie, Neue Folge IV, 320. 



Genaue astronomische Beobachtungen. 75 

Inle wurde dabei zu 4000 Ellen gerechnet und eine schwarze Elle, ^f„^i^^^ 
wk sie Almamdn nea eingefuhrt hatte, betrug 239,69 Pariser Linien. 
Ib anBerem Maass ausgedruckt fanden danach die arabi- 
lehen Astronomen den Erdumfang gleicb 5948 Meilen. 
Ber Fehler war also gegen die erste GradmesBung des 
Eraioathenes yon Vr bis anf Vio gesunken. 

Der grdsste Astronom der Araber ist Albatt&ni, Ton den 86o bis 929 
lateinischen Uebersetzern AlbategniuB genannt^). Er war 
n Battan in Mesopotamien geboren und lebte als Stattbalter des Cha- 
tifen in Antiocbia. Als ausgezeichneter Beobaobter verbesserte er den 
Ptolemans in mancben Pnnkten. Er bemerkte, dass die Aeqainoctieu 
in 66 Jahren (72 ricbtig) statt in 100 Jabren, wie Ptolem&us be- 
lanptet batte, urn 1 Grad Torrticken, bestimmte die Excentricitat 
der Sonnenbabn genaner, entdeckte ancb, dass der Ort der Erd- 
nahe der Sonne vorriicke, ja er soil eingeseben baben, dass die 
Tbeorie des Ptolemans znr Erklarung der TerwiokeltenMond- 
bewegnng nocb nngentlgend sei; dock batibn das jedenfalls 
aicht bewogen, das System des Ptolem&us ganz anfzugeben. 
Ob er in tlbergrosser Yerebmng des Ptolemans nicbt wagte, dessen 
Lduen ganz zn verlassen, oder ob bei aller Fllbigkeit znr Beobacbtung 
Bern Geist nicbt ansreicbte nnabbangig von einer leitenden Autorit&t 
Bene Wege zn geben, das wird sicb nicbt mehr entscbeiden lassen. Je 
oaehdem man die F&bigkeiten der Araber tLberbaapt geringer oder bober 
Kbatzt, wird man sicb mebr zn der einen oder der anderen Seite neigen. 
Die Lange des Jahres bestimmte Albattani auf 365 Tage 5 Stun- 
den 46 Minuten 24 Secunden; allerdings 2 Minuten und 22 Secun- 
den zn gering, aber f&r diesen Febler entscbuldigt ibn der engliscbe 
Astronom Halley, der bebauptet, Albattani batte besser getban , wenn er 
aocb hier den Beobachtungen des Ptolem&us nicbt zu viel vertraut b&tte. 
Die Werke des Aibattllni erscbienen nocb 1537 im Druck unter dem 
Utel ^De scientia stellamm"; der bertlbmte Regiomontan versab die 
Ausgabe mit Noten. 

Nach Albategnius beginnt gleicb die friihe BliLthe der 
Wissenschaften in Bagdad zu welken. Die Cbalifen werden 
nach und nach auf die geistlicbe Gewalt beschr&nkt, die weltlicbe reissen 
die Anfthrer ihrer tilrkiscben Leibwache unter dem Titel Emir al Omra 
an sicb. Aber auch die letzteren yermdgen nicbt das Reich zusammen- 
zohalten und den Yerflall desselben in lauter kleine Staaten nicbt zu 
lundem. 945 wird Bagdad yon dem persiscben FUrstengeschlecbt der 
Bujiden erobert, diese werden 1058 von den Seldschukken gestiLrzt, und 
1258 kommt die Stadt unter die Herrschaft der Mongolen, die endlich 
die ohmn&chtige Chalifenwftrde ganz abschafiten. FUr die geistige Kraft 



^) Mubammed ibn DsehAbir ibn Sinftn Abtl Abdallah al Batt&nl 



76 



Niedergang Bagdads. Araber In Spanien. 



850 bis 929 
AlbatUnl. 



der Araber ist es ein gutes Zeicheh, dass, trotzdem den Wissen - 
schaften nan die Allmacht and derReichtham desGhalifen 
alsUnterstiitzang fehlten, dieselben inBagdad nicHt ganz 
erloschen, dass sogar die Herrscher der Seldschakkischen 
Tfirken, wie die Herrscher der Mongolen in Bagdad zu 
Pflegern derWissenschaften, vorzUglich der Astronomie, werden . 
Gleich der Erste der mongolischen Herrscher, der Enkel dee wilden 
Dschengis Chan, Ueka Chan, zog mohammedanische Gelehrte an seinen 
Hof and griindete bei Taaris eine Sternwarte, an welcher der beruhmte 
Astronom Nassir Eddin beobachtete. Dafur dass die Wissenschaft der 
Araber nicht ein reines Eanstgew&chs in den G&rten der FArsten 
war, Bondern aaf Natnranlage der Araber berahte, spricht 
ansserdem auch die Verbreitang and Aasbildang, welche die Wissen- 
schaften, von Bagdad aos, anter alien Arabem in ganz Vorderasien, 
in Aegypten and schliesslich nicht zam mindesten in Spanien er- 
langten. 



901 bis 976 
regiorte 
Hakam II. 



In Spanien, wo 756 Cordova von einem ans Asien gefluchteten 
Omaijaden Abd Arrahman I. zar Haaptstadt eines anabhangigen Cha- 
lifats erhoben worden war, blahten die Wissenschaften vorzuglich anter 
Abd Arrahman UI. (912 bis 961) and noch luehr unter seinem Sohne 
Hakam II. Unter Hakam II. erlangte die Akademie von Cordova 
einen solchen Raf, dass sie den der vorderasiatischen Schalen uberstrahlte. 
Hakam liess darch eigene Gesandte in Arabien, Syrien, Persien and 
Aegypten mit grossen Eosten Mannscripte aofkaafen, oder wenn das 
nicht anging, wenigstens abschreiben, so dass die Bibliothek in Cordova 
an 300000 Bande z&hlte. Gelehrte besoldete er nicht bloss als Lehrer, 
sondern anterstutzte sie aach, am ihnen Masse zur Yollendong ihrer 
Arbeiten za geben. Aasser in Cordova gab es aach in Granada, Toledo, 
Sevilla, Valencia and anderen Orten hohe Schalen, Bibliotheken und 
Gelehrtenakademien. Spanien warde der Mittelpankt der wissenschaft- 
lichen Bestrebungen and wie vorher von Bagdad in Vorderasien, ging 
von Cordova in Earopa die Anregang zu neaerThatigkeit ans. 

Trotz des anversohnlichen Gegensatzes zwischen Mohammedanem und 
Christen fiihlten doch auch die letzteren schon die treibende 
Kraft, die in den Arbeiten der ersteren lag, and von nan an 
gingen erst einzeln, dann in immer wachsender Anzahl die Christen zu 
den Ungl§.abigen in Spanien, nm durch diese an die Quelle der alten 
Gelehrsamkeit zu gelangen and bei ihnen vorzQglich Philosophic, Mathe- 
matik and Medicin zu stadiren. Im Verhaltniss zur Masse des Volkes 
in Italien, Frankreich, Deatschland und England waren das freilich erst 
nur wenig und das Volk hatte noch ftir ihre importirten E^nntnisse and 
ihre Bestrebungen ein so mangelhaftes Verstandniss , dass es diese Ge- 
lehrten meist fOr Zauberer hielt; aber doch bemcrkt man von nun an, 
wie sich auch das Intere'sse des christlichen Europas durch die 



Entdeckungen Gerbert's. Arabische Zifl'ern. 77 

Araber und ihre Kenntnias der Alien allmfilig wieder fttr die wi w«97e 

Hakam II. 

Wissenschaften erw&rmt. 

Cantor erklftrt es in seiner Geschichte der Mathematik fQr eine 
Fabel, dass christlicheSchaler mohammedanische Schulen, wie 
Cordova, besncbten oder aach nur besucben darften, da der 
Chalif von Cordova ebenso intolerant gewesen sei wie die cbristlichen 
Herrscber. In die angrenzenden westgotbiscben Landestbeile sei nacb 
und nacb Vieles von der arabiscben Wissenacbaft durcbgedrungen und 
erst von dort, aus der spaniscben Mark jenseits des Ebro, batten die 
franzosiscben und deutscben Gelebrten ibre Kenntnisse gebolt. Wir 
sind nicbt in derLage, zwiscben den beiden entgegenstebenden Ansicbten 
zu entscbeiden; jedenfalls bleibt sicber, dass die Araber den cbristlicben 
Gelebrten als Lebrmeister mebr oder weniger direct gedient baben. 

Gerbert, der als nacbmaliger Papst den Namen Sylvester !!• JJ^ert ^^^^ 
fubrte, ist der bekannteste unter denlmporteuren arabiscber P»p«tSyive- 

,* , Bter II. 

Wissenscbaft. Derselbe soil nacbdem er im Kloster zu Aunllac und 
anderen Scbulen Frankreicbs ausgebildet war, nacb Cordova und Sevilla 
gegangen sein, urn dort die Wissenscbaft der Araber an der Quelle zu 
Btudiren. Seinen Zeitgenossen nacb bat er seine Lebrmeister in Pbysik 
und Cbemie fibertroffen, man scbreibt ibm die Er fin dung einer 
Dampforgel, der Raderubren u. s. w. zu, docb ist uns nicbts Ge- 
naueres bekannt. Sicberer ist, dass er dieEenntniss des arabiscben 
Ziffernsy stems aus Spanien mitgebracbt. Vorerst mag freilicb 
dasselbe nur von den gelebrten Matbematikern gebraucbt worden 
sein, denn in Urkunden treten die arabiscben ZifPern frubestens mit dem 
14. Jabrbundei*t auf und ganz allgemein sind sie in dem volkstbUm- 
lichen Recbnen wabrscbeinlicb erst durcb den berubmten Recben- 
meister Adam Riese (1492 bis 1559) geworden. 

Der junge Eaiser Otto III. batte den gelebrten Priester zum Papst 
gemacbt und durcb seine Gewalt gebalten, beide starben kurz nacb ein- 
ander. Die aberglaubiscben Moncbe erzablten nacb dem Tode ibres 
Papstes, derselbe babe bei den Saracenen seine Seele dem Teufel ver- 
scbrieben, babe einen Teufelszwerg mit einem Turban verborgen ge- 
balten, babe in zwei verscbiedenen Gestalten existiren konnen u. s. w. 

Der beriibmteste Arzt der Araber, die die Medicin mit Vor- oso Wb los? 
liebe cultivirten, war Ibn Sind^), genannt Avicenna. Er war zu 
Cbarmatin in Bokbara geboren, aber von persischer Abstammung. In 
seinem 17. Jabre scbon war er Leibarzt des Emirs von Bokbara. Nacb 
dem Tode dieses Emirs ging er auf Reisen, wurde dann Vezier und Arzt 
des Emirs zu Hamadan, musste aber entflieben, weil man ibm Antbeil 



^) Abu 'AH Hasain ibn 'Abdallah ibn Husain ibn *Ali as*Schaich ar-Kais 
Ibn Slna. 



78 Wachsen des Ansehens des Aristoteles. Optik. 

980 bis 1037 an einer Verschworang schnld gab, und starb zu Ispahan. Za grosse 
yicenna. yQ^jiei^g fjjj, ^gn Wein BoU seinen Tod beschleonigt haben. Avicenna's 
Eanon der Medicin hat Jahrhanderte lang anch den earop&ischen ScHu- 
len als Handbnch gedient, nooh im 16. Jahrhundert that Scaliger den 
Ansspmch, Niemand konne ein rechter Arzt sein, der den Ayicenna 
nicht inne hatte, erst die Begruodong der empirischen Wissenschafben 
Yernichtete seine Antorit&t. Doch hat sich Avicenna nicht auf die Medicin 
allein beschr&nkt, er war anch als Philosoph fOr die Araber von bahn- 
brechender Bedeatnng, dadurch, dass er ans der Philosophie des 
Alfarabi (f 950) die uenplatonischen Elemente eliminirte nnd 
sich starker an Aristoteles anschloss. Yiele seiner Schriiten sind 
nur Bearbeitongen entsprechender aristotelischer Abhandlnngen , ^rie 
schon die Titel Logica, Physica, De Caelo et Mundo, De Anima, De 
Animalibos etc. zeigen. Trotz seines nnsteten Lebens soil Avicenna 
uber hnndert Werke verfasst haben ^) , die allerdings nur znm kleinsien 
Theile noch ubrig sind, von denen aber der beruhmte scholastiscfae 
Naturphilosoph Albertos Magnus viel profitirt haben soil. 

t 1038 Ueber das Leben des bedeutendsten Optikers der Araber 

AIhasen%sind erst in neuerer Zeit genauere Daten bekannt geworden, 
auf die wir am Schlosse dieses Artikels wieder zurilckkommen werden« 
Sein Hauptwerk, von dem 1 572 eine lateinische Uebersetzung darch 
Risner^) besorgt wurde, ist die vollst&ndigste Darstellung der 
Optik zwischen Ptolem&us und Roger Bacon. So lange man daa 
Werk des Ptolem&us selbst noch nicht kannte, meinte man Alhazen habe 
nicht yiel mehr gethan, als die Optik des Ptolem&us abzuschreiben. Seit 
aber dieses Werk, wenigstens in einer Uebersetzung aus dem Arabiscben, 
wieder aufgefunden worden ist, hat man gesehen, dass Alhazen doch in 
yielen Dingen tber Ptolem&us hinausgeht. Auch hat E. Wiedemann ^) 
in einer anderen Abhandlung Alhazen's tLber das Idcht gefunden, dass 
Alhazen seinen Vorg&nger namentlich citirt, was doch ebenfalls gegen 
eine unehrliche Benutzung der frtlheren Optiker seitens unseres An- 
tors zeugt. 

Alhazen unterscheidet am Auge vier H&ute und drei Flassig- 
keiten, die vornehmste unter diesen ist dieKrystalllinse. Von einem 
Bild auf der Netzhaut weiss er noch nichts, er meint vielmehr dasselbe 
entstande auf der Linse. Das Einfachsehen aber mit zwei Augen 
erklart er, wie es noch heute geschieht, dadurch, dass Empfindungen, 
welche auf . correspondirende Stellen der beiden Augen fallen, in dem ge- 



1) Die Zahl ist natiirlich nbertrieben, das Mittelalter kntipfbe gem die 
Werke unbekaunter Antoren an bekannte Namen an. 

^)*Opticae Thesanros Alhazeni Arabis, libri VII, nunc prim, editi. Ejasdem 
liber de crepusculis etc Item Yitellonis libri X, ed. a F. Bisuero. Basil. 1572. 

^) Annal. d. Phys. u. Ghemie. Neue Folge I, 480. 



Gesichtsslrahlen. Spiegel. Brechungsgesetz. 79 

meinsamen Sehnerven zu einer vereinigt werden. Mit der alien t loss 
Theorie der Gesichtsstrahlen bricht er griindlich. Hatte man *'^' 
froher angenommen, dass ein Strahl vom Ange nach jedem Punkte des 
angeschauten Gegenstandes gehe, so zeigt Alhazen, dass viele Licht- 
strahlen umgekehrt von jedem Pankte des leaohtenden Gegenstandes 
ins Auge kommen mussen. £r meint anch das Licht konne sich 
nicht momentau fortpflanzen. Denn wenn man in einem Fenster- 
laden ein Loch offiie and Licht in ein dnnkles Zimmer lasse, so geschehe 
das doch in der Zeit nnd w&hre also auch eine, wenn aach sehr kurze 
Zeit. Bei den Spateren hat diese Ansicht jedoch lange keinen Anklang 
gefdnden. 

Yon Spiegeln behandelt Alhazen den ebenen, %wei spharische, 
zwei cylindrische and zwei conische, wo bei den drei letzten Paaren 
entweder die innere oder die aassere Oberfl&che spiegelt. Erstelltsich 
far jeden Spiegel die Aufgabe, den Punkt za finden, wo das 
Licht reflectirt werden mass, am von einem gegebenen Punkte 
in ein gegebenes Ange za kommen. Diese Stellung der Aofgabe ist 
onpraktisch and hat wenig physikalisches Interesse. Denn wir sachen 
bei dem Spiegel nicht die Reflexionspankte auf dem Spiegel bei gegebenem 
Bildponkte; sondem wir sachen amgekehrt denOrt des Bildes, d. h. den 
Pankty in welchem die Lichtstrahlen, die von einem leuchtenden Pankte 
aosgehen, sich wieder yereinigen. Trotzdem hat das Mittelalter 
die Aafgabe in jener Form beibehalten and nach Alhazen be- 
nannt. Dies erstere geschah wohl nar deshalb, weil die Aafgabe 
mathematisch interessant ist. Aach Alhazen hatte bei Behandlang der- 
selben nar ein mathematisches Interesse, wie tiberhaupt seine Optik, 
gleich der Optik der Alten, immer der Methode and oft aach dem Inter- 
esse nach ganz mathematisch ist. 

Die Anffindang des Brechangsgesetzes gelingt Alha- 
zen ebensowenig wie Ptolemaas, aber seine Untersachungen sind 
insofem Ton Wichtigkeit, als er dem Ptolemaas entgegen zeigt, dass die 
Einfalls- and Brechangswinkel nicht proportional sind. Damit war 
immerhin der Anstoss gegeben, das Gesetz, nach welchem der Brechangs- 
winkel Yom Einfallswinkel abhangt, wieder aafzusachen. Alhazen be- 
schreibt die Methode, nach welcher die Brechangswinkel za messen sind, 
and erinnert daran, dass die Brechang am so starker, je mehr die Dichte 
der brechenden Mittel yerschieden ist; seine Messangen selbst theilt er 
aber nicht mit. Dafur entwickelt er in einer Abhandlung „aber die 
Brennkugel", za der K "Wiedemann^) in Leyden einen Gommentar aaf- 
gefunden, die aber sonst im Mittelalter nicht weiter bekannt geworden 
ist, aof Grand der Ptolemaischen Messangen mit Hilfe hochst exacter 
Figuren den Satz: Bei jeder glatten and durchsichtigen Kugel 
▼on Glas oder einer Hhnlichen Sabstanz wird die Warme der 



1) Annal. d. Phys. u. Chemie. Neue Folge, VII, 680. 



80 Glaskugeln. Hahe der Atmosphare. * Farben. 

1 1038 Sonnenstrahlen in einer Entfernuuff von der Kuffel vereint. 

die Kleiner als ein Viertel des DurchmesBerB ist. 

Die VergroBserungBkraft einer GlaslinBe von der Ge- 
Btalt einer Halbkugel war Alhazen bekannt, aber er meint 
merkwiLrdigerweiBe, man mULBse die Linse mit der ebenen Fl&che direct 
auf das zn betrachtende Object and das Ange der gewolbten Seite 
gegenuber bringen. Entweder Hat Alhazen diese Thatsache nur von 
Vorgangeru ganz mechaniBch dbernommen, was nicht unmoglicb ist, 
oder seiu Beobachtungstalent ist kein sehr groBses gewesen, was man 
nach seinen Beobachtangen der Brechnngswinkel fur nnwahrscbein- 
licher halten mochte. 

Neu and ^ehr ingenios ist seine Bestimmung der Hdbe 
der Atmosphare. Bis dahin hatte man geglaabt, dass die Atmospb&re 
sich weit, vielleicht bis iiber den Mond hinaus erstrecke; Alhazen 
schliesst aas der Dammerungsgrenze , die er nach den Alten zn 18^ an- 
nimmt, anf eine Hdhe der AtmosphHre von 52000 Schritt. Spatere 
Optiker wie Kepler haben gezeigt, dass dieses Resultat nngenau sein 
mass, weil Alhazen den Lichtstrahl nur an einem Punkt durch die 
Atmosphare reflectiren lasst, wahrend er doch bei seinem Gauge durch 
dieselbe ganz allmalig abgelenkt wird. Jeden falls l&sst sich aber auch 
bei aller Genauigkeit durch diese Methode nicht die Hdhe der Atmosphare 
selbst , sondern nur die Hdhe finden , bis zu welcher die Luftschichten 
noch das Licht bemerkbar zu reflectiren vermdgen. 

Die Erscheinung, dass wir Sonne und Mond am Horizont 
viel grosser seheu als im Zenith, giebt unserem Optiker Gelegenheit 
zu zeigen, dass er eine klare Einsicht in den Zusammenhang Yon 
Bcheinbarer Grosse und Entfernung des Gegenstandes besitzt. 
Er erklUrt, wie wir es heute noch thun, jene Erscheinung fdr eine Sinnes- 
tauschung, hervorgerufen dadurch, dass uns die im Horizont zwischen der 
Sonne und uns beflndlichen Gegenstllnde die Entfernung der Sonne am 
Horizont grosser schatzen lassen als im Zenith, die vermeintlich grdssere 
Entfernung erzeuge dann den Eindruck eines grosseren Gegenstandes. 

Da dieOptik des Alhazen immer noch vorzugsweise mathematisch 
war und oft nur vom mathematischen Interesse beherrscht wurde, ist es 
nicht zu verwundern, wenn wir auch bei ihm nicht viel Bemerkens- 
werthes ubor die Farben finden. Doch hat er wenigstens ein paar 
sichere physikalische Satze, wie die folgenden: Auf das Auge wirken 
Licht und erleuchtete Farben, die Farben der Korper er- 
scheinen verschieden nach dom auffallenden Licht; Kor- 
per, die im Dunkcln fast schwarz erschoinen, zeigen 
Farben bei starkerer Bclouchtung. 

Cantor halt in seiner Geschichte der Mathematik (S.677) fdr hochst 
wahrscheinlich , dass Alhazen identisch ist mit Abu' Ali al 
Hasan ibn al Hasan ibn Alhaitham. Von dicsem giebt er an, 
dass er in Al- Basra geborcu und im Mannesalier in Aegypton ein- 



Leben Alhazen's. Mechanik Alkhazini's. 81 

• 

gewandert sei. Alhaitham hatte namlich geaossert, dass er es fur leicht t loss 
balte, Bolche Einrichtangen za treffen, dass der Nil jedes Jahr gleich- '^^^^°* 
aasBig axistrete, woranf ihn der ftgyptische Chalif Al Hakim (996 bis 
102O) nacb Kairo rief. Ibn Alhaitham zog dann anch mit zahlreichen 
Gefahrten den Nil aafw&rts, mnsste aber schon an den ersten Nilfallen 
bemerken, dass die Yerwirklichung seines Planes unmoglich war. £r 
entschnldigte sich bei dem Ghalifen, so gut es ging; als er aber auch 
hei anderen Staatsgeschaften , die ihm darnach ubertragen warden, 
sich Fehler za Scholden kommen liess, verbarg er sich vor dem Zorne 
des Ghalifen bis za dessen Tode. Erst darnach kam er wieder zam 
Vorachein and fuhrte ein wesentlich schriftstellerisches Leben. Er starb 
1038 in Kairo. 

£. Wiedemann ^) hat in Leyden das Original eines Commentars von 
Kamal ed-din Abal Hasan al Farisi zu einem grossen optischen Werke 
von Aba Ali al Hasan ibn al Haitham al Basi entdeckt. A us der Ver- 
gleichang der in diesem Commentar enthaltenen Stelle des Original- 
werkes mit der RisnerWhen Uebersetzung des Alhazen geht mit Evidenz 
herror, dass jener Abd Ali al Hasan ibn a] Haitham al Basi 
mit unserem Alhazen wirklich ein und dieselbe Person ist. 

Das einzige mechanische Werk der Araher, das wir kennen, ist das 1121 od. 1122 

^Bucli von der Wage der WeiBheit", welches Alkhazini im Jahr 515 ^wa« der 

der Hedscbra schrieb und der russische Generalconsul N. Khanikoff im weigheit.*' 

Jahr 1857 anserer Zeitrechnung auszugsweise mit einer franzosischen 

Uebersetzung der American Oriental Society mittheilte, die den Auszug, 

mit einer englischen Uebersetzung yersehen, veroffentlichte ^). Das Buch 

handelt wirklich, was man nach dem Titel yielleicht nicht yermuthen 

Bollte, von einer Wage, die nur ihrer ausgezeichneten Eigenschaften 

wegen den merkwilrdigen Namen einer Wage der Weisheit erhalten hat. 

DieWage dient vor allemzum Bestimmen von specifischen 

Gewicbten and besteht, wie unsere Wagen, ans einem gleicharroigen 

Hebel, hat aber statt der zwei Wagschalen ihrer nicht weniger als fanf, 

und die Hebel arme sind graduirt, damit man die Wage auch wie unsere 

Schnellwagen gebrauchen kann. Zu diesem Zwecke ist mindestens eine 

der Schalen verschiebbar, mit ihrer Hulfe kann man direct ohne Gewichte 

das Gewichtsverhaltniss zweier Korper bestimmen. Eine der Wagschalen 

kann unter einer der anderen befestigt werden urn Korper unter Wasser 

zu wiegen and eine andere bewegliche Wagschale dient dann zum Equi- 

libriren dieser Wasserschale. Diese Wage hat nach Alkhazini folgende 

Yortheile: 1) sie ist so genau, dass sie bei 1000 Mithkal Belastung 

noch 1 Mithkal als Uebergewicht anzeigt, vorausgesetzt , dass der Ver- 

fertiger eine geschickte Hand hat; 2) sie unterscheidet reine Metalle 



^) Anna], fur Phys. u. Chemie. Bd. 159, 8. 656. 

*) N. Khaoikoff : Analysis and Extracts of „Book of the balance of wisdom" etc. 
Journal o{ the Am. Or. Soc. VI, p. 1—128. 

Roseaberger, Geschichte der Physik. 



82 Specifische Gewichte der Korper. 

iiaiod. 1123 von ihren Nachahmungen, und sie lehrt 3) die Constitution von Metall- 
^a^^der niischtingen kennen, in der kiirzesten Zeit und mit der geringsten MfLhe, 
weieheit.** ohne dass besondere YerSnderungen der Metalle n5thig sind; 4) sie be- 
stimmt das grossere Gewicbt bei zwei Metallen in Wasser, die in der 
Luft dasselbe Gewicbt haben und umgekebrt 5) sie kennzeicbnet darch 
das Gewicbt die Substanz des gewogenen Eorpers; 6) sie lebrt die 
Ricbtigkeit yerscbiedener Munzen kennen, wenn man einmal fdr dieselben 
das entsprecbende Verbaltniss der Hebelarme bestimmt bat, und endlich 
7) das Beste von alien, wie Alkbaztni sagt, sie ermdglicbt uns ^chte 
Edelsteine von ibren Imitationen zu unterscbeiden. 

Die Aufz&blnng dieser Vortbeile erscbeint uns unndtbig weitl&ufi^^ 
und etwas eitel, eine Tabelle der specifiscben Gewicbte von 
50 Substanzen aber, die unser Autor giebt, zeigt, dass er 
mit seiner Wage wirklicb Erstaunlicbes zu leisten ver- 
raocbte. Einige Beispiele, zu denen wir die neueren Resultate in 
Klammern setzen, mogen dafdr zeugen. Gold, gegossen 19,05 (19,26 bis 
19,3); Quecksilber 13,56 (13,557); Blei 11,32 (11,389 bb 11,445); 
Silber 10,30 (10,428 bis 10,445); Kupfer, gegossen 8,66 (8,667 bis 8,726); 
Eisen, gescbmiedet 7,74 (7,6 bis 7,79); Perlen 2,60 (2,684); Elfenbein 
1,64 (1,825 bis 1,917); kocbendes Wasser 0,958 (0,9597); Wein 1,022 
(0,992 bis 1,038); Kubmilcb 1,110 (1,42 bis 1,04)0. 

Alkbazini ertbeilt die genauesten Anweisungen filr die Construction 
wie f&r den Gebraucb seiner Wage. Die baupstacblicbsten davon grUnden 
sicb auf die Arcbimediscben Satze vom Gleicbgewicbt des 
Hebels und vom Gewicbtsverlust der Korper in Wasser und 
baben darum bier fur uns weniger Interesse. Unser Autor bolt aber, 
wie die meisten der arabiscben Gelebrten, gern etwas weit aus und bolt 
aucb gern viel berbei; dadurcb wird gerade seinBucb fQr uns inter- 
essant und zeigt ein deutlicberes Bild der arabiscben 
Mecbanik, als dies sonst der Fall sein wUrde. 

Nacbdem Alkbazini weitlaufig mit Zubiilfenabme von Koranstellen 
den Naroen seiner Wage gerecbtfertigt , nacbdem er die Fundamental- 
principien der Kilnste im Allgemeinen, sowie die Principien, auf welchen 
die Construction der Wage berubt, im Speciellen bezeicbnet bat; zablt 
er die Namen derjenigen Gelebrten auf, die scbon yor ibm Wasserwagen 
construirt und erortert baben, namlicb: Arcbimedes (yor der Zeit Alexan- 
der's!!!), Menelaus (400 Jabre nacb Alexander), Sand Bin Ali, Yiibanna 
Bin Yiisif und Abmad Bin al Fadbl (zur Zeit Almamiin's), Mubammed Bin 
Zakariya of Bai, Ibn alAmid, Ibn Sina, Abu-r-Raib^n, Umar alKbaiy&mi 
undAbii Hatim al Muzaffer Bin Ismael (die beiden Letzten Zeitgenossen 
Alkbazini's). 



^) Der erste arabische Gelehrte, welcher uns eine Tabelle speciflscber Ge- 
wichte hinterlassen hat, ist Abu-r-Baihan Albiriini, der im Jahre 1038 oder 
1039 starb. 



Bewegungslehre. Gewichtsverlust in Fliissigkeiten. 83 

Hieraaf folgt die Beschreibong jener Wasserwagen selbst and dann n2iod.u9a 

erst beginnt mit einem Eintfaeilangsplan nnd einer InhaltsQbersicht das ^ ^^'^ 

eigentliche Werk uber die Wage der Weisheit. Die Ilaupttheoreme ^'•««»>eit.* 

iiber die Schwerpunkte sollen nach Abii Sabl of Kfibist^n 

nnd Ibn al Haitbam^) gegeben werden. Es sind S&tze, die obne 

weitere Beweise neben einander gestellt werden and die anf keine Weise 

uber die S&tze des griecbiscben Mecbanikers binaasgeben :Ein scbwerer 

Kdrper ist ein solcber, der dnrcb eine eigene Kraft gegen 

das Gentrnm derWelt bewegt wird. Diese Kraft kann nicbt 

von ibm genommen werden, nnd der Kdrper rnbt an keinem 

Pnnkte ansserbalb des Centrums, wenn er nicbt aufgebalten wird, 

sondem bewegt sicb, bis er das Centrum erreiobt, dort bdrt 

seine Bewegung anf; wenn ein scbwererKorper sicb inFliissig. 

keiten bewegt, so ist seine Bewegung dem Flflssigkeits- 

grade proportional, sodass seineBewegungam scbnellsten 

ist in dem flussigsten Mittel etc. Die S&tze tkber den Gewicbts- 

yerlust der Kdrper in Wasser, iiber das Gleicbgewicbt der sobwimmenden 

Kdrper, Uber die spb&riscbe Form einer im Gleicbgewicbt befindlicben 

Flflssigkeit u. s. w. f&bren aucb bei Alkbazini den Namen des Arcbimedes 

and geben ebenfaUs nicbts Neues. Dagegen bringt ein folgendes Ca- 

pitel, welcbes Satze fiber Sob were nnd Leicbtigkeit der Korper nacb 

Euklid entbalten soil, die beiden klar ausgesprocbenen Wabrbeiten, dass 

die Gescbwindigkeit eines Korpers gemessen wird durcb das 

Yerb&ltniss Yon Raum nnd Zeit nnd dass die Scbwere im 

directen Verb&ltniss der Masse auf einen Kdrper wirkt. Inter- 

essanter nocb sind aber die nilcbstfolgenden Capitel. 

Alkbazini kennt den Gewicbtsverlust der Kdrper in Fliissigkeiten 
nnd weiss, dass der Yerlust um so grosser, je dicbter oder je scbwerer 
die Flnssigkeit ist. Vom Wasser macbt er einen Scbluss anf die Luft. 
Aucb in der Luft muss jeder Kdrper an Gewicbt verlieren 
nnd zwar in einer dicbteren Luft mebr als in einer diinneren, daraus 
folgt „wenn ein scbwerer Kdrper von irgend welcber Sub- 
stanz aus dtlnnerer Luft in dicbtere gebracbt wird, so 
wird er leicbter an Gewicbt, und wenn er von einer dicbteren 
in eine dtLnnere gebracbt wird, vergrdssert sicb umge- 
kebrt sein Gewicbt." Scbreiben wir nun aber wie dem Wasser 
80 aucb der Luft ein Gewicbt zu, was ja scbon die Alton getban batten, 
die nur das Feuer als absolut leicbt annabmen, so ist klar, dass die Luft 
je naber dem Centrum der Welt um so dicbter sein muss. Daraus folgt 
dann ganz yon selbst: »Das Gewicbt irgend eines scbweren Kdr- 
pers, der in einer bestimmten Entfernung vom Centrum der 
Welt ein bekanntes Gewicbt bat, verandert sicb gemass der 
YerSnderung seiner Entfernung von diesem Centrum; so dass. 



*) Unser beruhmter Optiker. 

6* 



84 Veranclerlichkeit der Schwere. Capillaritat. 

ii2iod.ii3a 80 oft er von diesem bewegt wird, seine Schwere sich ver- 
Wage dtt groBsert, im nmgekehrten Falle aber verkleinert. Desswegen 
Weisheit." andert sich die Schwere eines Kdrpers im directen Ver- 
hftltniss seiner Entfernung vom Centrum der Welt.** Ehani- 
kofif ist nach diesem geneigt den Arabern eine Ahnong von der Gravi- 
tationsidee, wie wir sie heatzatage besitzen, znzaschreiben ; nur findet 
er dieselbe, weil Alkhazini ausdrucklich die himmlischen Korper bei 
seiner Betrachtung ausschliesst, auf die irdischen Korper begrenzt. £r 
constatirt den Irrthum, den unser Araber begeht, wenn er die Schwere 
als direct proportional der Entfernung und nicht indirect dem Quadrat 
derselbeu proportional annimmt, aber er will doch demselben die Ent- 
deckung von der Yeranderlichkeit der Schwere in unserem Sinne zu- 
weisen. Wir kdnnen dem alien nicht beistimmen. Die Vor- 
stellung von der Schwere ist bei Alkhazini dieselbe wie bei 
den Griechen. Er fasst dieselbe immer als einen uberall gleichen 
statischen Druck auf, der die Korper nach dem Centrum bewegt und 
dort gleich Null ist. £r hat keine Idee von der Wirkung einer gleich- 
formigen, noch weniger von der Wirkung einer sich verandernden Kraft. 
Dies sieht man daraus, dass er die fallenden Korper plotzlich im Centrum 
zur Ruhe kommen lasst und dass er immer nur von der Schwere, nie 
vom Fall der Korper spricht. Das einzige Neue, was Alkhazini giebt, 
ist, dass er auf den verschiedenen Gewichtsverlust der Korper in den 
verschiedenen Schichten der Atmosphftre aufmerksam roacht, und der 
Schein einer Veranderung der Schwere entsteht nur dadurch, dass er die 
Begriffe absolutes Gewicht und Gewicht in der Luft nicht trennt. Das 
absolute Gewicht bleibt auch bei Alkhazini in alien Ent- 
fernungen vom Centrum dasselbe, nur das relative Gewicht in 
der Luft ver&ndert sich. 

Die Abschnitte des Alkhazinischen Werkes, welche auf die ersten 
mehr principiellen Untersuchungen folgen, sind fiir uns weniger wichtig; 
wir heben nur noch wenig Einzelheiten heraus. 

In dem dritten Hauptabschnitt beschreibt Alkhazini ein Gefass, 
welches Albiriini zur Volumenbestimmung von Korpem benatzte. Dasselbe 
war ein Hohlgefass, oben offen und an der Seite noch mit einer kreis- 
fbrmig gebogenen Ausflussrohre versehen. Wurde in dieses mit Wasser 
gefallte Gefass der Korper geworfen, dessen Yolumen bestimmt werden 
sollte, so floss auB der seitlichen Rohre so viel Wasser aus, als der Kor- 
per verdraugte. Aus dem Gewicht des ausgeflossenen Wassers wurde 
dessen and damit auch des betreffenden Kdrpers Yolumen berechnet. 
Alkhazini macht dazu die Bemerkung, das Instrument sei 
schwer zu handhaben, weil das Wasser sehr oft in der 
engen Rohre hUngen bliebe und nur nach und nach aus 
der Rahre in die Wagschale traufele. Khanikoff schliesst 
hierauB, dass den Arabern die Haarrdhrchena^iziehung 
bekannt gewesen sei. Uns scheint der Schluss etwas sehr gewagt. 



Thermometer. Zeitmesser. 85 

jedenfalls ist ans jener Stelle nichts Weitei'eB dartLber zu erkennen, wie ii9iod.ii2s 
weit die behauptete Kenntniss yon der Gapillaritat geht und ob sie ttber- ^5!f^0, 
hanpt irgend eine nemienswerthe Ansbildnng erlangt hat. Weuheit.*' 

Im 5. Hanptabschnitt spricht Alkhazini von d6m Wasser, das 
man bei der Bestimmnng der specifischen Gewichte gebraucht. Er 
kennt genau die Verschiedenheit der specifiBchen Schwere bei verschie- 
denen W&Bsem und, was fur die bewohdernswerthe Genaaigkeit seiner 
Beobachtongen zeagt, er kennt auch die YerHnderangen , welche das 
specifische Gewicht des Wassers mit Aenderongen der Temperatur 
erleidet. Er giebt an, wie seine Wage das geringere Gewicht des 
Wassers im Sommer mid das grossere im Winter andeatet nnd sagt 
dabei: „Die J«mperatar des Wassersist vollkommen ange- 
zeigt, beides im Winter und im Sommer." Khanikoff b&lt 
darnach fcLr wahrscheinlich, dass die Araber die Wasser- 
wage als Thermometer gebraucht haben; wir konnen dazu 
nnr, ahnlich wie vorhin, bemerken, dass dafQr die positiven Angaben 
fehlen. 

Der Schluss des Werkes von Alkhazini beschreibt die Benutznng 
der Wage zur Bestimmung der Horizo ntallinie und zur 
Bestimmung der Zeit. Die erste Art der Benutzung ist leicht zu 
errathen; fur die zweite niacht unser Autor folgende Angaben: Man 
bringe an dem Arm eines langen Rebels ein Wasserreservoir an, das 
sich durch -eine Oeffnung in 24 Stunden leert. Hat man das gefullte 
Reservoir durch Gegengewichte ins Gleichgewicht gebracht, so wird im 
Yerlaof der Zeit dasselbe sich heben und dadurch die verflossene Zeit 
genau messen lassen. 

Das Buch Alkhazini's lasst in der pragnantesten Weitfe alle Vor- 
zuge, aber ebenso auch die schwacben Seiten der arabischen Gelehrten 
erkennen. Es zeigt die erstaunliche Geschicklichkeit seines 
Autors in der Verfertigung und der Anwendung der mes- 
senden Apparate, zeigt aber auch die strenge Abhdngigkeit 
desselben von den Leistungen der griechischen Mechaniker. 
Wie der grosste arabische Astronom Albategnius an Scharfe der Beob- 
achtungen die Griechen weit ubertraf und doch principiell nie fiber seinen 
Lehrmeister Ptolemaus hinauszugehen wagte, so bloibt der grosste 
Mechaniker der Araber in der Methode und den Zielen seiner Wissen- 
schaft von Archimedes abhslngig. Das Buch des Alkhazini ist ein neuer 
Beweis dafur, dass die Araber der Hauptsache nach auf dem 
Standpunkt der mathematischen Physik stehen geblieben 
sind; dass sie das Experiment vorzQglich da, wo ihnen die Griechen 
die Aufgaben gestellt, mit vollendeter Knnst gebrauchten, dass sie das- 
selbe aber nie zur Verification erklarender Hypothesen, 
zum Auflosen complicirterer Erscheinungen, zur allseiti- 
gen Beobachtung neuer Thatsachen bewusst und planvoll 
verwendet haben. Was die Griechen an Kraft und Lust zur Hypo- 



86 Beurtheilung der Mechanik der Araber. Averroes. 

ii3iod.iiaa thesenbilduDg zu viel batten, das batten die Araber zu wenig; schon das 
WMtfder binderte bei ihnen eine allseitige Entwicklung der experimentellen Me- 
VeiBhett." tbode. Allerdings baben wir scbon frUber zagegeben, dass das messende 
Experiment der erste Scbritt zur experimentellen Metbode ist; wir d&rfen 
jetzt gesteben, dass die Araber diesen ersten Scbritt besser als die 
Griecben vollendet baben; das Ziel aber erreicbten sie niemals and erst 
zu Ende des Mittelalters erstand aus der messenden die 
experimentelle Pbysik. 

Alkbazini's Werk scbeint keinen weiteren Einflnss auf 
die Gestaltang der Mecbanik ge^bt zu baben, die arabiscbe 
Wissenschaft war zur Zeit seiner Abfassung scbon stark im Niedergeben 
und den spateren Physikern ist es bis auf die neueste Zeit.nicbt bekannt 
gejrorden. Das letztere ist wobl aucb der Grund, dass wir nicbt mebr 
von Alkbazmi wissen, als was er uns selbst in seinem Bucbe sagt. 
Selbst der Name ist uns nur darum sicber, weil unser Autor einige 
Capitel mit den Worten beginnt: So sagt Alkbazini... Das Comit6, 
welcbes mit der VerofFentlicbung der Schriften der American Oriental 
Society betraut ist, vermutbete, dass Albazen wobl mit Alkbazini iden- 
tiscb sein mocbte. Seit aber E. Wiedemann gezeigt bat, dass Albazen 
und Ibn Albaitbam ein und dieselbe Person bedeuten, ist diese Ver- 
mutbung dadurcb gauz ausgeschlossen , dass Alkbazini in seinem Werk 
Ibn Albaitbam citirt. Nacli seinen eigeneu Angaben also scbrieb Alkba- 
zini sein Bucb im Jahre 1121 oder 1122 (515 der Hedscbra)' unter dem 
(Seldscbukkiscben) Cbalifen Abu-1-Haritb San jar Bin Maliksbab Bin 
Alp&rslan und lebte in der Stadt Jurjaniyab in der Provinz Kbuwarazm, 
die nicbt weit vom Ausflusse des Oxus in den Aralsee gelegen ist. 

KbanikofF vermuthet in dieser Stadt das beutige Kuna-Urgbenj, welcbes 
4 geogr. Meilen von der Miindung des Oxus entfernt ist. 

iiaebigiioe Der letzte narahafte arabiscbe Gelebrte der West- 

Averroes. araber ist IbnRoscbd^), genannt AverroeB; bald nacb ihm erlag 
die Herrscbaft der Mauren den Anstiirmen der Christen und die arabi- 
scbe Wissenscbaft erloscb, um nie wieder zu ersteben, Averroes ist 
vorzuglicb als Verebrer und Commentator des Aristoteles 
bekannt. „ Aristoteles begann und voUendete alle Wissenschaften, kein 
Scbriftsteller vor ibm verdient erwabnt zu werden, keiner nacb ibm bat 
im Laufe von 15 Jabrbunderten irgend etwas Bedeutendes binzugefilgt 
oder irgend einen wesentlicben Irrtbum entdeckt. Aristoteles ist der 
grdsste aller Menscben , ibn bat Gott den Gipfel aller Vollkommenbeit 
erreichen lassen." In solchem Sinne hat Averroes die Schriften des 
Aristoteles in dreifacber Weise, in kiirzeren, raittleren und 
grossten Commentaren erklart. Ausser diesen bat er nocb 



') Siehe Albazen, 8eite 79. 

*) Abul Walid Mohammed Ibn Achmed Ibn Roscbd. 



Ende der arabischen Wissenschaft. 87 

besondere Abhandlungen liber ein^elne Probleme (auch ii2«biaii98 
solche aas der Physik) des Aristoteles verfasst, naturlich obne dass 
er uber seinen Lehrmeister hinaiis gegangen ware. Desto merkwurdiger 
ist es, dass er in einem Abriss des Almagest, in dem er sicb sonst ganz 
dem Ptolemaus anscbUesst, docb sagt, die Recbnungen seien zwar 
richtig, der wirklicbe Sacbverbalt aber werde durcb 
dieses System nicbt dargestellt, die Annabme der Epicyklen 
and Excentricitaten sei obne WabrscbeinUcbkeiti er wunsche, dass seine 
Worte Andere zor Forscbnng anregen mocbten, da er selbst scbon zn 
alt sei. 

Averroes war zu Cordova geboren, wo seine Familie in boben 
Aemtem and hobem Anseben stand. Er selbst worde ein Giinstling des 
Cbalifen Yussaf and stieg anfllnglicb nocb in der Gunst von dessen 
Nacbfolger Yacub Almansur. Docb war am diese Zeit dieortbodoxe 
mobammedaniscbe Geistlicbkeit so macbtig geworden, dass sie 
Averroes Yerbannung wegen Heterodoxie durcbsetzte and 
der Farst ein Edict erlassen masste, wonn er erklarte, Gott babe das 
bolliscbe Feaer fQr diejenigen bestimmt, die gottloser Weise versicberten, 
die Wabrbeit wurde allein darcb die Yernunffc gelehrt. Zwar wurde das 
Edict bald wieder aafgeboben and Averroes zariickgerafon , aber bereits 
war sein Ende nabe. Er starb in Marokko. 

Ueberbaapt ftnderte sicb in dieser Zeit der Islam, anter dem 
Drack der aasseren Yerbaltnisse ^) warde die starre Ortbo- 
doxie and der Fanatismas macbtig. Die arabiscbe Philosopbie 
mosste am ibre Existenz kampfen and der Kampf ficl gegen sie aas. 
Aristoteles warde ein verrufener Name, die Pbilosopben warden geachtet 
and ibre Werke vernicbtet; der intoleranteste Mobammedanismus trium- 
pbirte aof den Trummern der Wissenscbaft. Averroes bat daram nur 
nocb wenig Ein fl ass auf seine Glaabensgenossen gebabt 
and seine Scbriffcen sind im Original aussex^t sclteb. Dafiir baben 
Jaden and Cbristen ibn fast vier Jabrbiinderte lang ver- 
ebrt and seine Werke in zablreicben bebr&iscben and lateiniscben 
Uebersetzungen verbreitet. 



1) Beit dem Tode HiscLams (1036), des letzten omaijadisidLeo Ghalifen, exi- 
stirte kein einheitlich npauisch - arabisches Beicli mehr; die einzelnen Staateii 
erwehrten sich nur mit Miihe der christlicben Feinde. Die aus Mauretaiiien 
herbeigerofenen Morabethen Oder Amoraviden brachten zwar noch einmal (1086) 
das Vordringen der Christen zum Steheu, aber von 1236 au waren die Araber 
ganz auf Granada bescbhinkt. 



2. 
Zweiter Absclmitt der Pliysik des Mittelalters 

von 1150 bis 1500 n. Chr. 



Christliche Periode der mittelalterlichen Physik. 

Als mit dem Ende der Volkerwandening im Abendlande eine 
verhaltnissmassige Ruhe eingetreten , hatte auch das Christenthum 
nach innen und aussen sich gefestigt. Die Culturvolker waren 
langst von dem Heidenthume zuriickgetreten und die Dogmen der 
christlichen Kirche batten durch die Kirchenvater und die Concilien 
eine feste Gestalt erhalten. Jetzt nachdem dem Glauben 
Geniige geleistet, begann der Wissensdrang wieder zu 
erwachen, der Verstand beanspruchte wieder sein Recht 
zu erkennen und zu begreifen. Er fing bei dem an, was am 
nacbsten lag, was noch immer die Gemiither am meisten beschaf- 
tigte, bei den religiosen Fragen. In der Ruhe hinter den 
Klostermauern begann es sich starker und starker zu regen und 
immer mehr drangte der Verstand zum Begreifen der Glaubenssatze, 
bis endlich der beriihmte Bischof Anselm von Canterbury (1033 bis 
1109) dem allgemeinen Streben in seiuem Motto: Credo, utintelligam 
Ausdruck gab. 

Die Dogmen soUten aber nicht nur dem Inhalt nach 
begriffen, es sollte auch ihre Wahrheit eingesehen, 
d. L. sie sollten bewiesen werden. Anselm giebt schon 
den beriihmten ontologischen Beweis fiir das Dasein Gottes, wonach 
Gott, der dem Begriff nach das voUkommenste Weson ist, noth- 
wendig existiren muss, weil er sonst eben nicht vollkommen w^iire. 
Zum Beweisen gehort aber weiter eine feste Logik und zum 
Vertheidigen der oft angefochtenen Beweise cine gewandte 



Christliche Periode der mittelalterlichen Physik. 89 

Dialektik. Beide waren nur bei den alten Philosophen zu 
finden, damm wandte sich jetzt die christliche Reli- 
gionswissenschaft eifrig der alten Philosophic zu und 
die christlichen Religionslehrer wurden darum selbst Philosophen. 
Freilich nicht Philosophen nach freier griechischer Form, 
die absolut unabhangig, genialisch frei die Welt zu erklaren yer- 
suchten, sondem Philosophen ad hoc, die nur den Zweck batten, 
die christlichen Dogmen zu rationalisiren und die immer den 
Glauben als Norm des Wissens, die Kirchenlehre als 
Correctiv ihrer Untersuchungen anerkannt haben. „0b das wahr 
sei, was die allgemeine Barche mit dem Herzen glaubt und mit dem 
Mnnde bekennt, darf kein Christ in Frage stellen, sondem zweifel- 
los daran festhaltend, diesen Glauben liebend und nach demselben 
lebend, forsche er in Demuth nach den Griinden seiner Wahrheit. 
Eann er es zur Einsicht in dieselben bringen, so danke er Gott; 
kann er es nicht, so renne er nicht dagegen an, sondem beuge sein 
Haupt und bete an," sagt Anselm. Die Philosophic soil nichts 
lehren, was nicht auch die Kirche lehrt, aber sic soil 
doch auch die Kirchenlehre nach ihrer Art, d. h. unab- 
hangig von aller Erfahrung, beweisen. Anselm berichtet, 
die Briider batten ihn gebeten, seine Gedanken, die er nur miind- 
lich mitgetheilt, doch auch niederzuschreiben. „Sie baten mich, 
ich mochte keinen bedeutenden Beweis der Schrift entlehnen, son- 
dem mich der gewohnlichen Beweisfuhrung bedienen, die Allen 
Yerstandlich sei und den Regeln der einfachen Debatte treu bleiben." 

Die so beschrankte Philosophic, bekannt unter dem 
Namen der Scholastik, beherrschte nun in mannigfachen Wand- 
lungen das ganze Mittelalter. Aeusserlich hielt sie immer das 
obige Ziel fest, aber thatsachlich trug doch auch sie dazu bei, das 
Wissen vom Glauben zu emancipiren und dem Wissen wie- 
der ein eigenes, den Glauben ausschliessendes Gebiet 
zu erobem. Den alteren Scholastikem waren nurwenige Schrif- 
ten der alten Philosophen bekannt; erst im 13. Jahrhun- 
dert gelangte man durch Vermittlung der Araber zur Kenntniss 
aller Aristotelischen Schriften. Damit begann, zwar nicht ausge- 
sprochen plotzlich, aber doch allmalig, eine Umwandlung 
und Erweiterung der Philosophic. Durch die naturwissen- 
schaftlichen Schriften des Aristoteles wurde der Scholastik 



90 Christliche Periode der mittelalterlichen Physik. 

wieder die Natur zum Studium unterbreitet und damit dem religio- 
sen Element die AUeinherrschaft in der Philosophic wenigstens 
streitig gemacht. Die Scholastiker mussten in ihremverehrten 
Aristoteles auch die Naturphilosophie kennen lernen, 
und mit Aristoteles trat nun auch die Naturwissenschaft in den 
geistigen Gesichtskreis der Gelehrten des Abendlandes. Dazu kam, 
dass die christlichen Gelehrten, welche die Aristotelischo 
Philosophie bei den Arabern personlich aufsuchten und 
bei dieser Gelegenheit auch die exacten Wissenschaften 
kennen lemten, ihre Kenntnisse nicht nur in die Heimath mit- 
brachten, sondern auch den ganz naturlichen Drang fuhlten, diese 
Kenntnisse bei den Ihrigen zu verwerthen. Das 13. Jahrhun- 
dert zeichnet sich in dieser Hinsicht ganz besonders 
au8, wir verdanken ihm das Bekanntwerden mehrerer 
bedeu tender naturwissenschaftlicher Entdeckungen, 
die Griindung der ersten Universitaten des christ- 
lichen Europas, wie Bologna, Salerno, Padua, Paris, Oxford, 
Cambridge etc. und bedeutende Arbeiten auf naturwissen- 
schaft lichem Gebiete. Dies AUes, wie uberhaupt die Anzeichen 
eines gesteigerten naturwissenschafblichen Interesses, lassen das 
Erwachen der Wissenschaften schon fiir diese Zeiten 
erwarten. 

Leider rechtfertigten die folgenden Jahrhunderte die 
Erwartungen nicht, die das 13. erregt Bedeutende Kirchen- 
lehrer empfinden die beginnende Theilung der geistigen Intercssen 
zwischen kirchlichen und naturwissenschaftlichen Fragen als cine 
schwere Schadigung der Kirche. Schon Bernhard von Clairvaux 
(1091 bis 1153) halt alles Streben nach Wissen nur um des Wissens 
willen fur heidnisch und schatzt alles Wissen nur in so weit als es 
zur Erbauung dient Auf der Synode zu Paris im Jahre 1209, wie 
auch auf dem Lateranconcil unter Innocenz III. im Jahre 1215 
wurden die Physik und die Metaphysik des Aristoteles 
formlich verboten, weil sie zuKetzereien Anlass gegeben hiitten 
und zu bisher unbekannten Ketzereien noch Anlass ge])en konnten. 
Gregor IX. verordnet dazu im Jahr 1231, jene von der Synode zu 
Paris verbotenen libri naturales soUten so lange nicht gebraucht 
werden, bis sie gepriift und von jedem Verdachte des Irrtlimns 
gereinigt seien. Die beabsichtigte Begreuzung des Stu- 



Christliche Periode der mittelalterlichen Physik. 91 

diums auf die yorzugsweise dialectischen Schriften des 
Aristoteles gelang trotzdem nicht, vielinehr wurde schon im 
Jahre 1254 von Seiten der Pariser Universitat ausdriicklich 
die Erklarung sammtlicher Schriften des Aristoteles 
gebilligt und ein paar Jahrhunderte von hier ab konnte Nie- 
mand eine akademische Wiirde erlangen, der nicht vor- 
her eine geniigende Kenntniss der Aristotelischen 
Schriften nachgewiesen hatte. Die Kirche hatte sich mit 
Aristoteles ausgesohnt, weil sie eingesehen, dass nicht die Buch- 
weisheit der scholastischen Aristoteliker, die man immer zu 
halten und zu controliren vermochte, ihr gefahrlich werden 
konnte, wohl aber eine unabhangige Naturwissenschaft^ die 
auf ihrem eigenen Wege, ohne RUcksicht auf eine Autoritat und der 
Kirche uncontrolirbar, vorwarts schritt. 

Solches unabhangige Vorgehen war von der Scholastik 
nicht zu fiirchten, denn diese Philosophic war ganz darnach 
geartet, mit der voUstandigen Kenntniss des Aristoteles in alien 
realen Wissenschaften stagnirend zu werden. Den Schola- 
stikern erging es mit den alten Wissenschaften gerade 
wie den Arabern, sie kamen ihnen so unvorbereitet, so iiberwal- 
tigend, dass sie nichts Besseres zu thun wussten und auch nichts 
Besseres zu thun batten, als sich vorerst ganz in dieselben einzu- 
leben. Aber als dies so ziemlich geschehen, waren leider die 
scholastischen Philosophen so sehr an die studirte Buchweis- 
heit gewohnt, dass sie den Weg vom Buch zur Natur 
aelbst nimmermehr finden konnten. So studirten sie denn 
in den Naturwissenschaften des Aristoteles nicht die Natur, son- 
dern den Aristoteles, und da sie von Anfang an ihre Absicht 
nur auf ihn gerichtet, so stand ihnen zuletzt Alles, was Aristoteles 
gesagt, so fest wie ein Dogma der christlichen Kirche. Von der 
Erklarung des Aristoteles bis zur Erklarung der Natur 
selbst sind sie nie vorgedrungen und wer gegen Aristoteles 
lelirte, war ein Ketzer, so siindhaft vwie Einer, der die kirch- 
lichen Dogmen leugnete. Die Scholastik betrieb die Physik als ein 
Xebengeschaft, auch darum schon war ein Fortschritt von ihr nicht 
zu erwarten. 

Wenn eine sichere physikalische Beobachtungs- 
niethode geniigendes Material angesammelt hat, dann kann die 



V 



92 Christliche Periode der mittelalterlichen Physik. 

Philosophie bei der Verarbeitung dieses^Materials, bei 
dem Aufsuchen der allgemeinen Gesetze, die den Erscheinungen 
zu Grunde liegen, unersetzbare Dienste leisten, ja sie kann 
auf Grund vorliegender Data der Beobachtung selbst neue Wege 
zeigen; ohne Data der Anschauung aber schwebt die Philo- 
sophie als reine Geisteswissenschaft in der Luft. Philo- 
sophie wie Mathematik sind nur auf die Naturwissenschaften an- 
wendbar, wenn das Material zur formalen Bearbeitung vorliegt. 
Darum ist es nicht zu verwundem, wenn die mittelalterliche Natur- 
philosophie, der keine Experimental wissenschaft die Grundlage legte, 
immer wieder den von Aristoteles iiberkommenen StoflF durchkaute 
und wenn sie zuletzt, als keine Beobachtung ihr neue reelle 
Probleme stellte, sich selbst jene Quodlibetfragen vorlegte, die. 
uns, wegen derUnmoglichkeit, sie auf die eine oder die andere 
Weise zu beantworten, solacherlich erscheinen. Die Scholastiker 
woUten disputiren, aber sie woUten nicht beobachten, darum 
mussten sie sich Aufgaben wahlen, zu deren Losung die Beobach- 
tung absolut nichts beitragen konnte. Yon diesem Stand- 
punkt aus kann man Untersuchungen iiber die NaturderEngel, 
ihre Kleidung, Sprache, Alter, Rangordnung und sog'ar 
ihre Verdauung etc. recht angemessen finden. Leider batten 
diese Uebungen iiber Phantasieaufgaben den Nachtheil, 
dass die Scholastik nicht nur den Mangel einer reellen Grundlage 
gar nicht empfand, sondem auch in kolossaler Ueberhebung die 
Erfahrung negirte und sich selbst als Correctiv der Erfahrung 
hinstellte. Noch im Anfange des 17. Jahrhunderts sagte der 
Jesuitenprovincial dem Pater Scheiner, derihmdieneu entdeck- 
ten Sonnenflecken im Fernrohr zeigen woUte : „ Wozu , mein Sohn, 
ich habe den Aristoteles zweimal durchgelesen und nichts Derartiges 
gefunden. Die Flecke existiren nicht, sondern sind nur Fehler 
deiner Glaser oder deiner Augen." 

Trotzdem muss man zugeben, dass auch die Scholastik, obgleich 
die grosse Masse unbeirrt iiber nichts weiter disputirte, im Laufe 
der Zeit sich mehr und mehr dem Realen nahert. Freilich 
zeigt sich dabei erst recht deutlich, wie entgegengesetzt das 
Reale der Scholastik ist, denn jene Anuaherung ei*weist 
sich weuiger als eine Ausbildung, sondern vielmehr als eine 
Selbstzersetzung dieser Philosophie. Der grosste Schola- 



Christliche Periode der mittelalterlichen Physik. 93 

stiker, Thomas von Aquino (1226 bis 1274), der doctor angelicus, 

welcher im Jahre 1323 canonisirt wurde, giebt nicht mehr zu, 

dass alle religiosen Dogmen beweisbar sind; er trennt 

die natiirliche Theologie scharf von der Offenbarungs- 

theologie und macht dadurch schon das Wissen freier vom 

Glauben. Der ebenso beriihmte Albertus Magnus, der doctor uni- 

Tersalis, weist beim Besprechen der Schopfung fur die Theologie 

den Grondsatz : ^AusNichts wird nichts^ganzbestimmtzuriick, 

erkennt ihn aber doch fiir die Physik als maassgebend an. 

Dies Auskunftsmittel zeigt schon von einem grosseren Selbst- 

bewusstsein der Philosophic gegenuber der Theologie, 

denn es beweist, dass die Philosophen sich schon wieder anmaassten, 

aach Dinge zu lehren, welche die Theologie nicht billigte. Johann 

de Brescain entschuldigte sich im Jahr 1247 wegen seiner ^Irrthiimer^ 

mil der Bemerkung, er habe die vom Bischof ketzerisch befundenen 

Satze nur philosophisch, nicht theologisch gelehrt. Der 

Bischof liess zwar diese Ausflucht nicht gelten und viele Gelehrte 

sind in der Folge wegen philosophischer Lehren theologisch V 

verdammt worden, trotzdem aber versuchte man doch immer wieder 

durch seiche Hinterhalte der Philosophic die Moglichkeit einer freie- 

ren Bewegung zu verschaffen. Dass selbst der heilige Thomas von 

Aquino der Erfahrung wieder grossere Bedeutung beilegt, 

ersieht man daraus, dass er den ontologischen Beweis des 

An s elm nicht mehr fur ganz sicher halt und an seine Stelle den 

kosmologischen steUt, nach welchem Gott mehr erfahrungs- 

massig als Schopfer aus dem Dasein der Welt erschlossen wird. 

Doch darf man damach nicht glauben, dass Thomas nun wirk- 

lich iiberall erfahrungsmassig vorgegangen ware. Sein Hauptwerk, 

die Summa Theologiae, enthalt ein einziges physikalisches 

Capitel, das noch dazu ganz nut der Aristotelischen Physik iiber- 

einstimmt. Dagegen zeigt sich Thomas ganz vorziiglich bekannt 

mit der Welt der Engel und er erklart z. B. fiir sicher, dass 

die Sterne nicht durch physische, sondem durch geistige Krafte, 

hochgt wahrscheiBlich durch Engel bewegt werden. 

Derletzte der grossen Scholastiker,Wilhelm von Occam 
1 1270 bis 1347), der doctor invincibilis, spricht alien AUgemein- 
begri/fen die realeExistenz ab und erkennt eine solche 
nor den Einzeldingen zu. Da nun diese Einzeldinge nur an- 



94 Albertus Magnus. 

schaulich zu erkennen sind, da nur die Anschauung entscheidcn 
kann, ob ein Einzelwesen wirklich existirt oder nicht, so ist schon 
mit dem ersten Satz die Erfahrung als die einzige Grund - 
lage unserer Erkenntniss gegeben und die Scholastik, die 
ihre BegrifiFe immer ohne Weiteres als existent angenommen, unraog^- 
lich gemacht. Doch hat Wilhelm von Occam nicht selbst die letzten 
Consequenzen seiner Lehre gezogen. Wenn wir auch zugeben miissen, 
dass seine Philosophic auf die Erfahrung hingewiesen, so ist doch 
ebenso zu erwahnen, dass er selbst nichts weniger als ein Erfah - 
rungsphilosoph, sondern vielmehr ein so arger geistiger 
Klopffechter war, als irgend einer der alteren Scholastiker 
gewesen sein konnte. Von ihm vorziiglich stammt die Lehre von 
der zweifachen Wahrheit, der theologischen und der 
philosophischen, her; er versuchte scholastisch spitzfindig seiner 
Philosophic durch diese Ausflucht den Schein der Unterwerfung 
unter die Kirchenlehre zu erhalten. Wenn er auf der einen Seitc 
alle Glaubenslehren fUr unbeweisbar erklarte, so er- 
klarte er es auf der anderen Seitc flir verdienstlich, auch das 
Unbeweisbare zu glauben. Trotz alledem erkannte dieKirche 
das Gefahrliche des Empirismus, der in der Philosophic des 
Occam verborgen lag; sic belegtc den kiihnen Neuerer mit dem 
Bann und unterdriickte seine Lehre. So geschiitzt und gehalten 
von der Kirche hat dann die alte scholastische Wissenschaft weiter 
vegetirt und tyrannisirt, bis endlicli die grossartigcn Erfolge der 
erstarkten Erfahrungswissenschaften in den nachsten Epochen die 
Autoritat des Aristoteles und damit » auch die Herrschaft der Scho- 
lastik wenigstens in ihren Gebieten auf immer bes^itigten. 

1193 bii 1280 Der schon erw&hnte Albertus Magnus, eigentlich Graf Albrecht 

Magnus.' von fiollstadt, war nicht bless ein gelehrter Theologe, sondern auch und 
zwar mit besserem Recht als viele seiner scholastischen Collegen, ein 
berUhmter Ghemiker, Physiker und Mathematiker. Er studirte 
Dialektik in Paris, Mathematik und Medicin in Padua, Metapbysik an 
vielen Orten und borte, nachdem er 1223 nnter die Dominicaner ge- 
gangen, auch noch theologische Yorlesungen in Bologna. Von 1229 an 
lehrte er selbst in Koln und Paris, bekleidete dann hohe kirchliche 
WUrden, kehrte aber im Alter, nachdem er sein Amt als Bischof von 
Regensburg niedergelegt, wieder auf seinen Lehrstubl in Koln zuriick 
und starb hier in hohem Alter. Albertus Magnus kannte den Aristoteles 
in Uebersetzangen vollstandig und auch mit den arabischen Commen- 



Einfluss des Albertus. Compass. 95 

tatoren desselben war er vertraut; seine chemisohen und mechani- iiosbiii28o 
sehen Fertigkeiten aber waren so gross, dass er bei seinen Zeit- Magnaa! 
genoBsen in den Ruf eines Zauberers und Magiers kam, was Abrigens 
damals nicbt yiel sagen wollte, wenn es anch nach und nach ziem- 
lich gefahrlich wurde. Es wird gefabelt, dass er einen Automaten 
constroirt, der auf Anklopfen seine Thtlr geoffnet und sogar eine Unter- 
haltung mit den Eintretendcn Tersuoht habe, der aber von ein^ GoUe* 
gen im Zom fiber das Trugbild der menschliohen Gestalt zerschlagen 
worden sei; und weiter, dass er mitten im Winter bei einem grossen 
Festmable B&ume in voUem Blfttterschmuck, duftende Blumen, mit Gras 
bedeckte Fluren, kurz die ganze FrtLhlingspraoht herbei gezaubert habe. 
Das Letzt«re ist wohl die Uebertreibung eines Festes, welches Albertus 
im Treibhause des Elostergartens gab, welche Beschafifenheit aber der 
Automat gebabt baben soil, ist uns nicbt bekannt. 

Die Opera omnia des Albertus,- die 1651 zu Lyon in nicbt weniger 
als 21 Foliobanden erscbienen und die fUr die Gescbicbte der Chemie 
nnd der beschreibenden Naturwissenscbaften wertbvoll sind, enthalten 
keine mechanisohe und keine pbysikaliscbe Entdeckung, die 
tms jetzt den grossen Ruf. des Albertus gerecbtfertigt ersoheinen lassen. 
Ein selbststandiger Forscber war er jedenfalls nicbt, denn er rUhmt sich 
sogar, die Wissenscbaft der Alton so darzustellen, dass man seine eigene 
Ansicht nicbt erkennen kdnne. Das Verdienst unseres Albertus liegt 
darin, dass er durcb seine Arbeiten und vor Allem aucb durob seine 
Thatigkeit als Lebrer die Naturwissenscbaften im christlicben Abend- 
lande eingef&brt und das Interesse fur dieselben angeregt hat. 

Albertus spricht in seinen Werken Ton zwei Erfindungen, 
deren Gescbicbte wir hier kurz mittbeilen, obgleich er dieselben nicht 
far seine eigenen ausgiebt. Beide Erfindungen, der Compass und 
das Schiesspulver, sind alteren Datum s, aber beide werden dem 
Abendlande erst im 13. Jahrhundert bekannt und gelangen erst in 
diesem oder auoh in dem folgenden Jahrhundert zu allgemeiner 
Anwendung. 

Der Compass ist neueren Untersuchungen zufolge zuerst den Brflndong 
Chinesen bekannt gewesen, eine Nachricht aus dem Jahre 121 ' 
nach Christ! Geburt sagt, dass man mit dem Magnetstein der Nadel ihre 
hestimmte Ricbtung geben konne und in einer zwischen llllbislll? 
gegchriebenen chinesischen Naturgeschichte wird sogar be- 
scbriehen, wie die mit dem Magnetstein bestrichene Nadel nicht genau nach 
Saden zeige, sondem ungefllhr um 15^ nach Osten von der Sfldrichtung 
abweiche. Dass die Chinesen die Magnetnadel aucb als Richtungs- 
zeiger auf der See benutzten, wird in einer Schrift aus dem 
11. Jahrhundert schon als lang hergebracht gemeldet, und fdr Reisen 
aiif dem Lande, auf den weiten leeren Steppen Hochasiens sollen die 
chinefflBchen Kaiser in noch frilheren Zeiten magnetische Wagen, d. h. 



"96 Compass. Schiesspulver. 

Erflndonff die mit Magnetnadeln yersehen waren, gebraucht haben. Die erste 

, ompMe. jj^j|Qijj,jcht aber dieKenntniss derMagnetnadel bei den Arab ern 

stammt aas dem Jahre 1242, wo der Araber Bailak berichtet, dass 

syrische Seefabrer in dunklen N&cbten ein Kreaz von Holzst&bcben aaf 

Wasser und daranf einen Magnetstein legen, der ihnen mit seinen Spitzen 

die Richtung zeigt. Wahrscbeinlich kennen aber die Araber den Compass 

Bcbon langer, denn Albertos Magnus citirt schon aas einem arabischen 

Werke eine Stelle ^) , die deutlicb von der Eenntniss der Magnetnadel 

zeugt. Eine ahnlicbe Stelle, in welcber die Magnetnadel mit dentlicber 

Anspielung anf den Gebraucb durch die Seeleute (marins) Marinette 

genannt wird, kommt nocb fruber in einem franzdsiscben Gedicht 

des Guyot de Provins aas dem Jahre 1181 vor. Damacb sind 

entschieden die Anspriiche des Italieners Flavio Gioja oder 

Giri aus Amalfi abzuweisen^), der nacb der fruber allgemeinen 

^ i Annabme den Compass im Jahre 1302 erfunden haben soUte und dem 

, i man deswegen sogar anf der Bdrse in Neapel eine eherne Bildsaole 

>* gesetzt hat. Vielleicht hat Gioja bei der Verbreitung der Magnet - 

'-',') nadel bedeutend mitgewirkt, vielleicht hat er die Nadelvon dem 

:( Holzkreuz auf die Stahlspitze gesetzt und mit einem Geh&aae 

_ umgeben; Gewisses ist dariiber nicht bekannt. Ausdriicklich miissen 

wir aber erw&hnen, dass mit der Kenntniss des Compasses die 

Kenntniss der Abweichung der Nadel Von der Nordrichtung 

nicht mit fiberbracht wurde, diese ist erst viel spater in Europa 

^ unabbUngig Ton den Chinesen noch einmal entdeckt worden. Ueberhanpt 

^ hat die neue Beobachtung des Magneten nicht direct auf 

^ die Wissenschaft eingewirkt, es hat noch Jahrhunderte 

i^* gedauert bis die Entdeckung der Praxis von der theoretischen 

<' ' Physik aufgenommen wurde, gewiss ein trauriges Zeichen fur denZustand 

derselben wabrend der damaligen Zeiten. 

Erfindting Noch dunkler als die Einftihrung des Compasses ist die Geschichte 

pSSveti. *"" des SohiesspiQvers. Wenn man unter Schiesspulver nichts Anderes 
versteht als die Mischung von Eohle, Schwefel und Salpeter, dann ist 
dasselbe dem Albertus Magnus um 1250 und lange vor diesem 
dem Marcus Graecns im 8. Jahrhundert schon bekannt gewesen. 
Beide geben die Vorschrift, man soUe 1 Pfund Schwefel, 2 Pfund Kohle 
und 6 Pfund Salpeter im Morser zerreiben und mischen, doch ist dabei 
jedenfalls nicht an unser Schiesspulver im engeren Sinne gedacht, denn 
Marcus fUgt hinzu, man solle etwas von diesem Pulver in eine lange, 
enge Rohre stampfen und diese in das Feuer setzen, dann werde die 



^) AngoluB quidam magnetis est, cnjus virtns convertendi fermm eRt ad 
zorrnm, id est, ad Septentrionem, et hoc utuntur naiitae. 

^) Schon Cardaniis (1501 bis 1576) erkennt den Gioja nicht als Erflndei* 
des Compasses an, weil er weiss, dass Albertus denselben friiher gekannt bat. 



Schiesspulver. 97 

Robre dorch die Loft fliegen; auch kdnne man den Donner nachahmen, Erflndong 
Venn man etwas von dem Pulver in Papier einwickele nnd dann dieses p^vn, 
fest snsclinilre ^). Als Sprengvalver ist yielleioht die Miscbnng schon im 
12. Jahrhundert in Bergwerken, wie am Rammelsberge im Harz, ge- 
braacht worden ; aber auch das wird bestritten und behaaptet, das Feaer- 
seizen, durcb Welches die Gesteine mQrbe gemacbt werden, sei hier mit 
Sprengen verwechselt worden. Ueber die Anwendung des Pslvers als 
wirkliches Gescbutzpnlver feblen itbr die erste Zeit alle genaaen Naoh* 
richten, ziemlicb sicher ist diese Anwendung erst fQrdie zweiteHftlfte 
de8l4.Jabrbanderts. 13 38 soil der Eriegszahlmeister von Frankreicb 
scbon Pulver in Recbnung gestellt haben, 1360 brannte in Likbeck das 
Bathhaus durcb Yerwahrlosang der PQlYerma.cher ab, beide Male kdnnte 
noch yon Sprengpulver die Rede sein; aber im Jahre 1365 gebrauchte 
die Festung Einbeck eine Donnerb&cbse und 1378 gab es in Augsburg 
einen Gescbfitzgiesser, der allerdings die Kunst nocb als ein grosses Ge- 
faeimniss betrieb. Sind wir nicht sicher, wann das Pulver zuerst als 
GeschfLizpnlver angewandt worden ist, so wissen wir noch viel weniger, 
wer diese Anwendung gemacht hat; denn Barthold Schwarz ist ein 
blosser Name, von dessen Trager wir eben nichts weiter als sein ver- 
nngl&cktes Experiment zu erzfihlen wissen. Wahrscheinlich ist, wie 
der Compass, auch das Pulver den Chinesen und Indern schon 
lange vor dem 1 3. Jahrhundert bekannt gewesen und von 
ihnen zu Lustfeuerwerken oder auch zumTreiben raketen- 
ahnlicher WurfgeschoBse benutzt worden. Yon ihnen haben 
zu unbestimmter Zeit die Araber die Erfindung aufgenommen und 
nach den Zeiten der Kreuzzuge ist sie durch die Berdhrung mit den 
Arabern auch dem christlichen Abendlande bekannt geworden. Ob aber 
die Araber schon die Metallgeschatze gekannt oder ob diese erst von 
den Abendlandern erfunden worden sind, das bleibt ungewiss. 



^) Han setzt den Marcus Graecns in das 8. Jahrhundert, well der Arzt 
Mesua , der zor Zeit Harun Arraschid's lebte , ihn in seineu Schrlften citirt. 
Pa aber doch nicht ganz sicher, dass der Citirte auch uuser Marcus gewesen 
und da ein arabisches Manuscript aus dem Jahre 1225, welches von der Her- 
vorbriDgoDg von Feuem far den Kriegsgebrauch handelt, den Salpeter nicht 
enrahnt, so schliessen Andere, dass der Salpeter den Arabern vor 1225 nicht 
bekannt gewesen sei und dass somit die Scbrift des Marcus, die aus arabischen 
Qaellen schopft, erst nach 1225 geschrieben sein konne. Kun ist zwar auch 
die Scbrift des Albertus ,de mirabilibus mundi", welche dasBecept des Marcus 
erwiihnt, nicht von unzweifelhafter Aechtheit, dafiir aber bezeichnot Roger 
Bacon in seinem Opus majus um das Jahr 1267 das Prftparat des Marcus 
schon als ein vielbekanntes und sehr verbreitetes und damach ist das Bacli 
des Marcus doch wohl bedeatend friiher als 1225 geschrieben. Der Sohluss, 
dass die Araber uberhaupt den Salpeter vor 1225 nicht gekannt, weil ein 
Manuscript aus diesem Jahre ihn nicht erwahnt, ist jedenfalls kein sehr sicherer 
Kopp, Beitrftge zur Geschichte der Chemie, III. Stiick, Anmerkung 148. 

Bosenberger, Geschichte der Phyuik. 7 



98 Papier. Leben des Roger Bacon. 

Erftndung Wio die beiden eben besprochenen Erfindangen ist auch die des 

des Papiew. pg^pi^pg nicht auf ihren Urheber zurilckzafilbren. Das BaumwoUen- 
papier stammt ebenfalls von den Cbinesen, ist am das 11. Jabrhundert 
darcb die Araber in Spanien eingefiibrt and von da aas weiter verbreitet 
worden. Das Leinenpapier aber ist eine earop&iscbe Erfindang 
and kommt sicber imAnfange des 1 4. Jabrhanderts, wabrscbeinlich aber 
aacb scbQn im 13. Jabrbundert vor. In der k. k. Bibliotbek an Wien 
soil eine Urkunde von Kaiser Friedricb II. ans dem Jabre 1243 and im 
Tower za London sollen Briefe yon Alpbons X. aos den Jabren 1272 
and 1278 liegen, die aaf Leinenpapier gescbrieben sind. 

iai4bisi294 Einer der genialsten, aber aacb anfflCLcklicbsten Na- 

Boger . 

Bacon. tarforscber, Boger Bacon, ipt zu Ilcbester in der Grafscbaft 
Somerset geboren. Nacbdem er seine Universit&tsstadien in Oxford 
and Paris voUendet, trat er am 1250 in den Franziskanerorden, indem 
er boffte aaf diese Weise am angestortesten seinen aasgedebnten gelebr- 
ten Arbeiten in Matbematik, Mecbanik, ABtronomie, Optik and Cbemie 
leben za konnen. Leider sollte er aaf das Graasamste enttaascbt werden. 
Von seinem natarwissenscbaftlicben Stadiam and von dem Rabme, den 
er darcb seine Kenntnisse erworben, anangenebm berQbrt, darcb frei- 
mutbige Aeusserangen Qber Unwissenbeit and Sittenverderbniss der 
Geistlicbkeit verbittert, warden gerade seine OrdensbrUder seine grdssten 
Feinde, die ibm nie vergessen konnten, dass er keinen Gescbmack an 
ibren scbolastiscben Zftnkereien fand. Durcb sie wurde er der Ketzerei 
and der Zaaberei angeklagt and aaf ibre Yeranlassang seiner Lebrer- 
stelle in Oxford entsetzt and ins Gef&ngniss geworfen. Hierans befreite 
ibn zwar sein Gonner der Papst Clemens II., aber nacbdem Clemens ge- 
storben, bewirkte der Ordensgeneral der Franziskaner, dass Bacon in 
Frankreich, wobin er sicb gewendet, aafs Neae eingekerkert and dass 
seine Scbriften ganz verboten warden. Zebn Jabre lang daaerte diese 
zweite Gefangenscbaft , erst 1288 erlangte Bacon die Freibeit wieder, 
die er nun, nacbdem er 74 Jabre alt geworden, nicbt viel mebr za 
gef^brlicben Arbeiten gebraacbt baben mag. Seine natarwissenscbaft- 
licben Scbriflen sind alle vor seiner zweiten Gefangenscbaft gescbrieben. 
/ Bacon ist dieglanzendsteGestalt des 13. Jabrbnnderts, 

nicbt so sebr durcb seine Leistangen, als darcb die Me- 
I tbode seiner Studien. Er war kein scbolastiscber Pbilosopb, 
der nebenbei Aristotelische Physik erklarte, er war ein guter Matbe- 
matiker, der in der Yemacblassigung dieser exactesten aller Wissen- 
scbaften aacb das UaaptQbel der scbolastiscben Wissenscbaften fand. 
,,Die Matbematik ist die Tbiir and der ScbltLssel za diesen Wissen- 
scbaften,^ sagt er in seiner matbematiscben Warte. Er bescbftftigte sicb 
mit astronomiscbenBeobacbtangen, cbemiscben Versucben 
and mecbaniscben Constractionen mebr als mit geistlicben 
Dispatationen, das bebt ibn beraus aas der Reibe der scbolastiscben 



Methode des Roger Bacon. 99 

Nalurphilosophen mid hat bewirkt, dass man ilin als den erst en wirk- 1214 Ms 1294 
lichen Naturforscher des Mittelalters, als den Yorlanfer Smoq. 
der experimentirenden Physiker betrachtet hat. Bacon ist 
haofig in Parallele gestellt worden mit seinem noch berCihmteren Lands- 
mann, dem Lordkanzler Bacon von Yernlam, ja man hat sogar 
behaaptet, dass der Letztere die Werke des Ersteren sehr stark benutzt 
ond in manchen Stellen nor umschrieben habe. Obgleich nicht zu 
lengnen iat, dass Beide in der Empfehlung der Erfahrungs- 
methode, wie in der Aufzahlnng derjenigen Schwierig- 
keiten, welche einer echt wissenschaftlichen Methode 
gegennber stehen a. a. m., recht viel Aehnlichkeit haben, so darf man 
doch der letzteren Behauptang sioh nicht anschliessen, weil 
nicht bewiesen werden kann, dass Bacoh von Verulam aach nar eine 
Schrift seines Yorgangers direct oder indirect gekannt hat. 

Roger Bacon fordert allerdings die Experimentalmethode 
mit einer Entschiedenheit, die ons im Angesicht des 13. Jahrhnn- 
derts in Erstaonen setzt. „In jeder Wissenschaft mussen wir der besten 
Methode folgen, d. h. jedes in seiner richtigen Ordnnng studiren, das 
Erste richtig an den Anfang, das Leichte vor das Schwere, das AUgemeine 
Yor das Besondere und das Einfache yor das Yerwickelte setzen. 
Und die Darlegung muss Demonstration sein. Dies ist ohne Experiment 
unmSglicfa. Wir haben drei Mittel der Erkenntniss: Autorit&t, Denken 
and Experiment. Die Autoritat hat keinen Werth, wenn ihre Be- 
grnndang nicht nachgewiesen wird; sie lehrt nicht, sie fordert nur znr 
Beistimmang auf. Beim Denken unterscheiden wir gewohnlich ein 
Sophisma Ton einer Demonstration, indem wir den Schlnss dnrch ein 
Experiment verificiren.^ „Die experimentale Wissenschaft ist die 
Benin der speculatiyen Wissenschaften und hat drei grosse Yorrechte. 
Zuerst prCLft and verificirt sie die Folgerungen anderer Wissenschaften. 
Zweitens, sie entdeckt in den Begriffen, womit andere Wissenschaften 
sich befassen, herrliche Resultate, zu denen diese Wissenschaften nnfahig 
sind. Drittens, sie erforscht die Geheimnisse der Natur durch ihre 
eigenen Krafte.^ Trotz diesem scheint Bacon selbst oft phanta- 
sirend tlber die Erfahrung hinausgegangen zu sein. Aus seinen 
S&tsen wird oft nicht klar, ob er das, was er angiebt, Ton Anderen 
erfahren, ob er es selbst beobachtet, oder ob er es nur als 
moglich getr&umt hat. Seine Beschreibungen sind oft dankel und 
nnbestimmt, und trotzdem er sich in seiner epistola de secretis artis et 
natorae operibus atque nullitate magiae gegen die Magie erklart, so war 
er doch als echtes Kind seiner Zeit neben einem gem&ssigten 
Astrologen ein eifriger Alchemiker, wie schon die Titel seiner 
Schriften De lapide philosophorum, Yerbum abbreviatum de leone yiridi, 
Secretam secretorum etc. beweisen. Selbst in derstarkenAnpreisnng 
seiner Leistangen gleicht Bacon den Gelehrten seiner Zeit; nicht nur 
befaaaptet er, in drei bis sechs Monaten einem lernbegierigen Schiller Alles 

7* 



100 Schriften des Bacon. Brennpunkte der Spiegel. 

liu bis 1294 lehren za konnen, was er selbst in 40 Jahren gelernt babe, er giebt aucb 
jSifion. besonders an, dass drei Tage filr das Hebrftische oder Griechische ans- 
reichen wfirden. 

Bacon's Schriften sind sp&t erst berausgegeben worden; yon denen, 
die nns bier interessii'en , das Opus majns 1733 durcb Jebb, das Opus 
minas nnd Opus tertium 1559 dnrcb Bremer, die Perspectiva und Spe- 
cula matbematica 1614 durcb den Marburger Professor Combacb. Das 
Opus majus ist das Uauptbucb; Bacon ricbtete es im Jabre 1267 
an den Papst Clemens XL, um sicb gegen die erfabrenen Angri£fe zu Ter- 
tbeidigen. £s entb&lt, neben den Ansicbten uber die ricbtige 
wissenscbaftliche Metbode, in seinem fUnften Tbeile die fdr 
diePbysik wicbtigsten Arbeiten desBacon, die optiscben; docb 
ist das Uauptsftcblicbste biervon aucb scbon in der Perspectiva nnd der 
» Specula zu finden. Bacon sttitzt sicb in seiner Optik auf Ptolemaus und 
\ Albazen, deren Werke ihm vielleicbt im Original zug&nglicb waren, da 
/ er Griecbiscb und Arabiscb yerstanden baben soil. 

, £r bemerkt bei der Lebre yon den Spiegeln, dass dieGlas- 

' Spiegel mit Blei belegt werden; diese Belegung des Glases muss um 

I diese Zeit aufgekommen sein, denn aucb Vincenz yon Beauyais giebt 

j 1250 dayon Nacbricbt, und bis dabin batte man nur massive Metall- 

spiegel oder unbelegte Glasspiegel gekannt* DieWirkung der 

Brennspiegel wird erkl&rt dadurcb, dass Bacon einenKreisbogen und 

einen Sonnenstrabl zeicbnet, welcber, indem er yon dem Bogen gespiegelt 

wird, durcb einen Punkt in der Acbse des Bogens gebt. Wird dann die 

ganze Figur um diese Acbse gedrebt, so ist klar, dass alle Sonneu- 

strablen, welcbe mit dem in der Ebene gezeicbneten Strabl gleicbe £nt- 

femung yon der Acbse baben, aucb in demselben Punkte der Acbse 

reflectirt werden und in diesem Punkte durcb ibr Zusammentrefifen eine 

starke Hitze erzengen mussen. DieserBrennpunkt liegt nacb Bacon 

/yon dem Spiegel weniger weit entfernt als der balbe Radius des letzteren 

/ betragt, ist aber natiirlich fiir die Strabl en, die.yerscbiedene 

Entfernungen von der Acbse baben, aucb yerscbieden^}. Bacon 



/ 



gebt nicbt n&ber darauf ein, dass docb aucb bei dem spbariscben Brenn- 
spiegel alle die Brennpunkte nabe bei einander und nabezu in der 
Mitte zwiscben Spiegel und Centrum liegen milssen, er scbliesst yielmebr 
weiter, dass der Brennspiegel am gewaltigsten wirken wurde, bei dem 
alle Brennpunkte genau in einen zusammen fielen. Fiir die Anfertigung 
eines solcben paraboliscben Brennspiegels giebt er dann Vorscbriften, 
docb bleibt dabei ungewiss, ob er selbst solcbe Spiegel berzustellen ge- 
sucbt, oder solcbe bat anfertigen lassen, oder aucb sicb nicbt weiter um 
die Ausfubrung seines Yorscblags gektimmert bat. Fur den parabo- 



^) Hier hi Bacon ganz unabbaugig von Friiheren, er ist jedenfalls der 
Erste, der diese sogenannte Laugenabweichung der sphiirlBchen Spiegel con- 
Btatirt hat. 



Brechung des Lichts. Femrohr. 101 

ischen Brennspiegel bestimmte er die Brennweite auf ^/4 laubuiSM 
des Barameters, dies Resaltat geben aucb die nachfolgenden Optiker, dafiir Ba(>on. 
aber ignorirten sie dieGrenze, welcbe Bacon f&r die Brennpunkte eines ^ 

sffbariBcben Brennspiegels gesetzt batie, nnd meinteD nocb lange Zeit, 
der Brennpnnkt eines solcben Spiegels fa lie mit seinem Mittelpnnkt 
znsammen. Die Sonnenstrablen, welcbe auf einen Spiegel fallen, 
nimmt Bacon als parallel an, wegen der grossen Entfernong der Sonne, 
und er weiss, dass ibre Wirknng am so grSsser, je senkrecbter sie auf 
eine Fl&cbe fallen. 

Bei der Refraction bebandelt er die Brecbung dnrob spb&ri- 
scheFlacben und bemerkt, dass beim Hindurcbseben durcb solcbe Flacben 
die Sehwinkel der Gegenstande nnd somit die scbeinbaren Di- 
mensicnen derGegenstande selbst vergrossert werden kdnnen. 
Seine Abbildungen zeigen dabei immer nur einfacbe Kreisbogen, 
die ibre convexe oder concaye Seite dem Auge zuwenden, niemals 
Linsen, die yon zwei spbariscben Flacben begrenzt werden. 
Bacon spricbt demgemass aucb immer nur yon einer Brecbung, nie 
yon einer doppelten Brecbung an zwei spb&riscben Fl&cben. 
Er kommt darum nicbt weiter als Albazen, der ja aucb scbon yon der 
Yergrosserung der scbeinbaren Grosse der Gegenstftnde durcb planconyexe 
Linsen gebandelt bat. Bacon empfieblt scbwacbsicbtigen Personen ein 
Kugelsegment yon Glas, das kleiner als die Halbkugel ist, auf das Object 
zu legen, welcbes sie genau seben woUen. Er scbeint darnacb nicbt zu 
wissen, dass man die Linsen yiel bequemer direct yor das Auge balten 
kann. Trotzdem aber spricbt er mit ungebeurem Entbusiasmns aucb 
yon der Yergrosserung ferner Gegenst&nde und yielfacb bat man ibm 
darnacb die Erfindung des Fernrobres zuscbreiben wollen. Eine 
Ahnung yon der Moglicbkeit eines solcben Instruments darf man 
ibm wobl nicbt absprecben, aber geradejene Satze, auf die man den 
Anspmcb Bacon's stutzen will, lassen sicber scbliessen, dass er 
ein Fernrobr nie construirt oder zu construiren yersucbt 
bat. Bacon sagt, als er die Moglicbkeit yon der Yergrdsseruug der 
Sebwinkel constatirt bat: „So werden wir aus unglaublicber Entfernung 
die kleinsten Bucbstaben lesen und die Sandkdrner auf dem Boden zilblen 
kdnnen, wegen der Grosse des Sebwinkels; denn die Entfernung macbt 
nicbt die scbeinbare Grosse, wobl aber der Sebwinkel. Und so kann ein 
Knabe als ein Riese erscbeinen und ein Mann wie ein Berg geseben werden 
— et sic etiam faceremus solem ct lunam et stellas descendere secundum 
apparentiam hie inferius, et similiter super capita inimicorum apparere." 

Dass Bacon sicb gem in ktlbnen Planen ergebt, obne an den Yer- 
sucb einer tbatsacblicben Ausfiibrung seinerseits aucb nur zu denken, 
dafur zeugt aucb die folgende Stelle: „Dnrcb die Reflexion kann ein 
Gegenstand unzablige Male geseben werden, sowie man nacb den Nacb- 
ricbten des Plinius zugleicb mebrere Sonnen und Monde geseben bat. 
Dies erfolgt aber, wenn'die DClnste sicb wie ein Spiegel auftburmen und 



102 Einfluss des Bacon. Raimundus Lullus. 

1214 bie 1290 in verscbiedenen solchen Stellungen vorhanden Bind. Was aber die 
B«crau Natur schon bewirken kann, das kann die Kanst, die Yollenderin der 
Natur weit eber za Stande bringen, weshalb denn aucb Spiegel so ein- 
gerichtet and gestellt werden kdnnen, dass ein Gegenstand so oft geseben 
wird als wir woUen; dass wir also statt eines Menscben mebrere, statt 
eines Heeres mebrere erblicken werden. Sokdnnte man znmVor- 
tbeil des Vaterlandes oder zam Scbrecken der Ketzer der- 
gleicben Yorricbtnngen treffen; and sollte Jemandgar die 
Laft zu verdicbten wissen, so dass sie die Licbtstrablen 
zarfickwerfen kann, so w&rde man viele dergleicben un- 
gewobnlicbe Erscbeinungen bervorbringen kdnnen. So 
glaabt man, dass die Damonen den Menscben Lager and 
Heere and vieles Wanderbare zeigen, ja man kdnnte mit 
Hilfe der Spiegel das Yerborgenste ans entlegenen Oertern 
in Stadten and Heeren ans Licbt bringen.^ 

Bacon bat keinen weitergebenden Einflass weder aaf 
seine Zeitgenossen nocb aaf die Wissenscbaft der nacbst- 
folgenden Jabrbanderte geiibt; nicbt einer der gelebrten Dooioren 
ans dem 13. oder 14. Jabrbandert erwabnt ibn aacb nar. Die Tbeologen 
waren ibm feindselig, weil er ibre Aatorit&t angegriffen, die Pbilosopben, 
weil er ibre Dispatirkanst veracbtet, and seine eigenen Scbicksale waren 
nicbt daza angetban ibm Nacbfolger aaf dem Pfade za erwecken, den 
er selber eingescblagen. Darnacb darf man sicb aacb nicbt za arg 
dar&ber wnndern, dass selbst sein Yorscblag za einer Yerbessernng 
des Jalianiscben Kalenders, dessen Mangelbafkigkeit man scbon 
Iftngst eingeseben batte, wenig Gebor and nocb weniger Zu- 
stimmnng fand. 

1284 bia 1816 Der grosste der Alcbemiker, Baimundus Iiullus, yon dem seine 

lqUub. Zeitgenossen sicber wissen, dass er den Stein der Weisen gefonden, 
macbte den Yersacb die Wissenscbaften von Grand ans za reformiren 
and die Scbolastik za stiirzen. Er verwarf Aristoteles sogar 
als Logiker and Dialektiker and stellte selbst ein Scbema von Be- 
griffen so zasammen, dass man darnacb leicbt alle moglicben Gombi- 
nationen bilden and so za aller Erkenntniss gelangen konnte. (Ars magna 
Lulli.) Die grosse Anzabl seiner Anbfinger (I^allisten) zeigt wenigstens, 
dass man sicb aacb scbon im 13. Jabrbandert von der Scbolastik an- 
befriedigt filblte. 

Circm 1269 Zar solbon Zeit mit Bacon sammelte Vitello, ein sonst anbekannter 

Moncb, der dnrcb die Betracbtang der Regenbogenfarben in einem 
Wasserfall za optiscben Stadien angeregt warde, dieAnsicbten der 
alteren Optiker. Beim Nacbmessen der Brecbangswinkel fand er, 
dass die Winkel bei denselben Hedien dieselben bleiben, 
gleicbglUtig ob das Licbt ans dem dQnneren Mittel in das dicbtere oder 



Optik des Vitello. Erfindung der Brillen. • 103 

nmgekelurt ubergeht. In Her Theorie des Regenbogens macbte oiroa i269 
Vitello aber Aristoteles binans den Fortschritt, dass er bemerkte, der ^****|***. 
Regenbogen konne niobt durcb alleinige Reflexion des Soqnenlichts ent- , ' - ^ 
steben, es masse vielmehr der Lichtstrahl, weil der Regentropfen dnrcb- . * *. 
sicbtig sei, bei seinem Dnrchgang dnrcb den Tropfen auch gebrocben • * * 
werden. Das Werk des Vitello wurde im Jahre 1572 yon Risner, mit * 

der Optik des Albazen znsammen, berausgegeben. 



Das 13. Jabrbnndert gebort der Optik; trotzdem das Mittelalter i286 
sicb Tiel Ton den mecbaniscben Eunsten eines Albertus Magnus oder der Brmen. 
Roger Bacon zn erzablenweiss, kann docb die Mecbanik keinen Scbritt 
aber Aristoteles binaos fertig bringen, wabrend die Optik nocb am Ende 
des Jabrbunderts zu einer bedeutenden Erfindnng, znr Erfindung 
der Brillen fubrt. Die matbematiscb bebandelte Optik hat anter 
der Unganst der Zeiten nie so stark gelitten, als andere Zweige der 
Physik, wie ja aacb die Matbematik selbst in den Rdckgang nie 
80 Yollstandig hineingezogen worden ist, als andere Wissen- 
scbaflen. Die Alexandriniscben Matbematiker batten die Optik nacb der 
matbematiscben Seite bin so fest begrfindet, dass ein Weiterscbreiten 
nicbt allzu scbwer war. Die Araber und nacb ibnen die cbristlicben 
Gelebrten baben sicb darnm der Optik mit Eifer und wie wir geseben 
aucb mit Erfolg zugewandt. Darnacb muss man es nur natUrlicb 
finden, dass die erste selbststandige Erfindung der cbrist- 
licben Gelebrten eine optiscbe ist. Die Bemerkungen des Alba- 
zen nber die Vergrosserung durcb Linsen, die Experimente des Bacon 
fiber die Veranderungen der Gesicbtswinkel , welcbe durcb convex oder 
concay gekrfimmte spbariscbe Glaser bewirkt werden, mnssten bald den 
Gedanken nabe legen, durcb solcbc Glaser mangelbafte Constructionen 
der EiystalUinse des Auges zu compensiren. Bacon selbst batte, wie wir 
geseben, scbon scbwacbsicbtigen Personen geratben, convexe Glaset auf 
die Objecte zu legen, die sie genau betrachten wollten; wer aber dar- 
nacb die Glaser vor den Augen und zwar zwei Glaser vor 
beiden Augen befestigte, wer zuerst nicbt nur Brillen mit 
conyexen Glasern fur Fernsicbtige, sondern aucb Brillen 
mit concayen Glasern fiir Kurzsicbtige construirt bat, 
das wissen wir wieder nicbt genau anzugeben. Eine Cbronik 
in der Bibliotbek der Predigermoncbe zu Pisa erz&blt, dass ein irgend 
Jemand znerst Brillen verfertigte, der das Gebeimniss Nieman- 
dem mittbeilen mocbte; dass aber dann der Frater Alexander de 
Spina, der von dieser Erfindung gebdrt batte, selbststandig die 
Brillen yerfertigen lernte und die Verfertigung gem und willig 
lebrte. 'Vlelleicbt ist dieser Jemand jener Salvino degliArmati, 
dem man gewobnlicb die Erfindung der Brillen zuscbreibt, 
weil er auf seinem Grabsteine in Florenz als inyentore degli occbiali 
beseichnet war. Der Grabstein giebt als Todesjabr 1317, die Erfin- 



104- Stillstand der Naturwissenschaften im 14. Jahrhundert. 

<^285 dung selbst f&llt nach d«m Worterbnch der Academia della 

I^BffliL. CruBca in das Jahr 1285. 

m.j/n^xf^ Kein Jahrhundert macht in wissenschaftlicher Bezie- 



a . 



• t 



hang einen so armlichen and jammerlichen Eindruck als 
.%• * das 14. Jahrhundert. Mit dem 13. schien endlich eine Zeit des Aaf- 
schwungs gekommen, die Wissenschaften der Alten sind ins Abendland 
eingefiLhrt, UniTersitftten zablreich gegrundet, grosse Entdecknngen 
bekannt and die Methode der Beobachtung ist schon gegentiber der 
eommentirenden Methode der Scholastiker empfohlen worden; trotz alle- 
dem tritt kein Fortschritt, sondern vielmehr eine vollst&ndige Lahmung 
ein. Keine natarwissenschaftliche Entdeckung, keine bedeutende Per- 
sonlichkeit, die sich darch Gelehrsamkeit auszeichnet, unterbricht die 
geistige Oede des 14. Jahrhunderts. Physik, Astronomie, Mathematik, 
Chemie, ja selbst die Alchemie, liegen in todtenahnlichem Schlafe, nar 
die Scholastiker feiem in ihren Dispatationen fiber mogliche and anmogliche 
Dinge Triamphe, and Scholastiker erklaren unter dem Schatze and der 
:. Aatorit&t der Kirche die Welt. Kirche and gcholastik haben ein 

gleiches Interesse daran, den Naturwissenschaften eine feste Norm auf- 
zustellen, denn in einer anabh&ngigen Naturwissenschaft , deren Fort- 
schritte beide nicht zu ubersehen vermochten, lagen allerdings fur beide 
grosse Gefahren. Darum sehen wir auch die Scholastiker stetig beflissen 
dem m&chtigerenVerb&ndeten, der Kirche, diejenigen zu denanciren, die 
gegen ihre scholastischen Normen lehrten and die Kirche war nur zu 
bereit jede Spur einer Neuerung in den Naturwissenschaften auszarotten. 
Im Jahre 1232 warde die Inquisition, welche bis dahin mit dem bischdf- 
lichen Amte verbunden gewesen war, durch Papst Gregor IX. den Domi- 
nikanem dbertragen and seit 1252 durften Gestandnisse durch dieFolter 
erzwungen werden. Diese peinliche Seelsorge der Dominikaner hat dann 
kr&f|;ig genug gewirkt, sie hat machtig an der Ausrottung irriger natur- 
philosophischer Meinungen gearbeitet und viel dafQr gethan, nicht bloss 
das Nene, was der Kirche schadlich war, sondern dberhaupt jedea Fort- 
Bchritt zu unterdriicken. Doch ist es auch im 14. Jahrhundert nicht 
ohne Kampf und ohne Widerstand von Seiten der geknechteten Wissen- 
schaft abgegangen. Davon zeugt vor AUem das Beispiel des Nicolaus 
de Autricuria, der 1348 zum Widerruf genothigt wnrde, well er, zur alten 
Atomistik zuriickkehrend, unter anderera auch behauptet hatte, dass es 
in den Naturvorgangen Nichts gebe, als die Yerbindung and 
Trennung der Atome and dass man den Aristoteles sammt 
dem Averroes bei Seite lassen and sich direct an die Dinge 
selbst wendenmiisse, wenn man wahre Naturwissenschaft treiben 
wolle. ♦ 

Circa 1311 Ein Nachklang aus dem besseren 13. Jahrhundert scheint das 

Theodorich. optische Werk des Pred i germ one hs Theodorich. Dieser be- 

schreibt genau und richtig den Gang des Lichtstrahls durch 



Theorie des Regenbogens. Thurmuhren. l05 

i*n WaBsertropfen fftr den Hanpt- und Nebenregenbogen, cin* mi 
er giebt an, dass jeder Sonnenstrahl des Hauptbogens oben im Tropfen i^i^^<i<vi<>*« ^ 
gebrocben, an der Hinterwand reflectirt and dann nocb einmal nnten im 
Tropfen gebrochen wkd, nnd dass der Nebenbogen entsprecbend durcb * 
zweinudige Brechang und zweimalige Reflexion entsteht. Dagegen kann 
er faei seiner Unkenntniss des Brechnngsgesetzes nicht erkl&ren, wa- 
rum nnr die Strablen, welcbe anf die in seiner Zeiohnung 
richtig angegebenen Stellen fallen, in nnserem Auge das Bild des 
Bogens hervormfen. Er kilft sicb gnt scholastisck mit der Be- 
kaaptnng, diese Stellen seien von der Natur besonders dazu 
bestimmt, die Sonnenstrablen zn brecken and zu reflectiren. Die 
Sckrifl des Tkeodorick^) blieb lange Zeit im Eloster der Predigermdncbe 
zu Basel yerborgen and darnm ganz okne Einflnss anf die Wissenscbaft, 
erst 1814 kam sie darcb die BemUkangen des Italieners Ventori 
ans Lichtw 

Der berukmte deatscke Ukrmacker Heinricb von Wyk isei 
stellte 1364 anf dem Padamentsbaase in Paris eine Bftderuhr mitSchlag- fe^Th^? 
werk aof, and von da an warden die meisten Stadte ancb in Deutschland ^^^^n- 
mit Tbarmubren verseken. Dock sckeinen die Oewickts* oder 
Raderukren eine italieniscke Erfindang sckon des 13. Jakr- 
kanderts zn sein, ja es wird sogar bebaaptet, dass aac^ diese Er- 
findung Ton den Arabern za ans gekommen w&re, dass sckon 
Gerbert Rfiderakren verfertigt and dass im Jakr 1232 Saladin 
an Kaiser Friedrick U. eine Raderakr gesckenkt kabe, die 
5000 Dnkaten wertk gewesen sei. Fur die Einf&krang der R&derakren 
Ton Italien ans sprickt der Umstand, dass die Ukren nock lange Zeit 
aack in Deutsckland nack italieniscker Einricktung die Standen von 1 
bis 24 zeigten; in Breslau wurde erst 1580 darck ein Ratksdecret die 
Absckaffong einer solcben italieniscken Ukr lind die EinfCLkrnng einer 
Bogenannten kalben Ukr angeordnet, welcke die Standen von 1 bis 12 
and wieder von 1 bis 12 scklug. Ein Pendel feklte nock alien diesen 
Ukren, eine gewisse Regnlirang erkielten sie darck das Eckappement, 
d. i. ein um eine verticale Ackse drekbares Ereaz, welckes darck das 
Ukrwerk Tor- and rftckwHrts gesckleadert warde. Sekr genau kann 
aber diese Regalirang sckon danim nickt gewesen sein, weil die Gelekrten 
bb zar Erfindang der Pendelakren bei ikren Zeitmessangen Wasser- 
oder Sandakren gebrauckt and ofb ttber den Mangel an genaaeren Zeit- 
messern geklagt kaben. 

Die erste H&lfte des 15. JabTbunderts'gleickt nock ganz dem i&. jahrh. 
14. Jakrknndert, erst in der zweitenHalfte beginnt wieder das 



1) Sie fiihrt denTitel: de radialibna impresslonibns ; der Yei^fasser bezeicknet 
sick darin als f rater TbeodoriciiB , ordinis fratrum praedicatorum provinciae 
Teatonicae, tbeologiae facultatis qaalitercamque professor. 



10^ Entwicklung der Wissenschaften im 15. Jahrhundert. 

16. Jahrh. Leben in denjenigen Wissenscliaften, die nicht Scholastik odfer 
Theologie sind. Die Scholastik war bei weitem nicht mit der gan- 
zen griechiscben Wissenschaft bekannt geworden, ihre Kennt- 
.* nisB erstreckte sicb nicht viel weiter als auf Aristoteles und aach 
dieser war wenig oder gar nicht in seiner urspr&nglichen Oestalt bekannt 
Den Scholastikem fehlte die Eenntniss des Griechiscben ; was sie yon grie- 
chischer Wissenschaft wussten, batten sie aus lateinischen Uebersetznngen, 
die meist nicht einmal direct Ton dem griechiscben Original genommen 
waren. Die Werke des Averroes, wie sie den Scholastikem als Grandlage 
far das Stndiam des Aristoteles dienten, bezeichnet Lewes als lateinische 
Uebersetzangen einer bebr&ischen Uebersetzung eines arabischen Com- 
mentars CLber eine arabische Uebersetzung einer syrischen Uebersetzung 
aus dem griechiscben Urtext. Petrarka (1304 bis 1374) klagt, dass es 
in Italien nicht mehr als zehn Personen g&be, die den Homer zu wQrdigen 
wiissten und Boccacio (1313 bis 1375) verschafft; mit grosser Mflhe dem 
Leontius Pilatus einen Lehrstuhl der griechiscben Sprache in Florenz; 

f freilich nicht f&r lange Zeit, denn der griechische Weise ^im struppigen 

Barte, mit dem Philosophenmantel bekleidet*' verlftsst Italien bald vol! 
Widerwillen. Seit der Eroberung yon Constantinopel aber 
breitete sicb durch die Oelebrten, die von dort fl&chteten, die Eenntniss 
der griechiscben Sprache machtig aus , und der aufbluhende Huma- 
nismus arSeitete nicht bloss an dem Sturze der Scholastik, auf 
die er mit Verachtung herabsah, sondern fdrderte indirect auch 
die Naturwissenschaften, indem er freiere Anschauungen 
CLberhaupt und speciell auch die Eenntniss der griechi- 
scben Naturwissenschaft allgemeiner yerbreitete. 

Auf der Seite der Realwissenschaften begann in der zweiten Halfte 
des 15. Jabrbunderts die Astronomic sicb wieder selbststandig 
zu entwickeln. Wie im Alterthum erzwang sicb zuerst der Sternen- 
himmel die directe Beobachtung, und wahrend noch lange der Gelehrte 
zum Buche grifiP, wenn er die £rde erkl&ren woUte, haute schon der 
Astronom Stemwarten, die nur der Beobachtung gewidmet waren. Das 
15. Jahrhundert scheint diesen Widerspruch noch nicht zu empfinden, 
das 16. mit seinen grossen Astronomen zdgt aber klar, dass dieser 
Widerspruch far die Scholastik tddlich werden muss. Una 
Deutschen bietet die letzte Halfbe des 15. Jabrbunderts das ganz 
besonders Erfreuliche, dass jetzt nicht nur zum erstenmale 
deutsche Gelehrte in der Astronomic auftreten, sondern dass 
auch dieses Auftreten mit einer Geschicklichkeit, einem Fleiss und einem 
Erfolg geschieht, die bdchste Achtnng abzwingen. Deutschland 
beherrscht yon da an bis zum Anfange des 17. Jabrbunderts 
die Astronomic. 

i40ibist4e4 Nicolaus Erebs, genannt De Cusa oder Cusanus, der Sofan 

eines Fischers aus Eues an derMosel, der als Archidiakonus yon Ltlttioh 



Physik des De Cusa. 107 

«if dem Baaeler Concil ein heftiger Oegner des Papstes war, spfiter aber i4oibi>ii«4 
Cardinal und Bischof von Brixen wurde, erneuerte die Pythagorei- 
Bche Lehre von der Bewegang der Erde. In seinem Werke 
gDe docta ignorantia** lehrt er, daas alles Sein aoB Bewegung bestehe 
and dass die Erde schon darom nicht im Mittelpankt stehe, weil die 
Tmendliclie Welt keinen Mittelpankt baben konne. Seine Auslassnngen 
^ber die Bewegang der Erde selbst sind recbt dunkel, so viel wird aber klar, 
daas er an eine Bewegang der Erde am ihre Achse, wie am eine Be- 
wegang der Erde mit dem ganzen Sonnensystem „am die ewig kreisenden 
Pole des Universams" denkt. 

AoB einem zweiten Werke des Casaners ,Gespr&che ilber sta- 

tisohe Cxperimente** wollen wir Einiges^) anfilhren, am die dama- 

lige Mechanik za charakterisiren. Ein Meobaniker anterh&lt sicb mit 

einem Pbilosopben, der Mecbaniker tr&gt yor und der Philosopb macht 

daza meist nnpassende Bemerkangen. Die Wage dient daza die Natar 

der K5rper za erkennen. Die Flossigkeiten baben nicbt gleiobes 6e- 

widit, bei Gesunden, bei Eranken, bei Jangen, bei Alten ist das Blat 

▼erschieden scbwer, das ist wicbtig fur den Arzt. Um die Palsscbl&ge 

bei Terscbiedenen Personen and in verscbiedenen Zust&nden za ver- 

gleichen, lasse man Wasser ans der engen Oefifnnng einer Wasserabr 

fliessen, bo lange als bandert Palsschl&ge daaem and wiege dann jedes- 

mal die aasgeflossenen Mengen. Wenn man zweiSt&cke Holz, yon denen 

das eine doppelt so scbwer ist als das andere, anter Wasser drAckt, so 

steigt das grdssere scbneller empor als das kleinere, das kommt daber, 

dass in dem ersteren mebr Leiobtigkeit ist, als in dem letzteren. Die 

Starke der Anziebang eines Magneten kann man darcb Gewicbte erforscben, 

ebenso aacb die Starke eines Diamanten, der, wie gesagt wird, 

die Anziebang bindert. Wenn man 100 Pfand Erde and Pflanzensamen 

in einen Topf bracbte, wibrde man finden, dass beim Wacbsen der Pflan- 

zen die Erde wenig an Gewicbt yerliert, die Pflanzen bekommen ibr 

Gewicht meist aus dem Wasser. Wenn man yon einem bohen Tbarme 

Steine and Holz fallen and w&hrend der Zeit Wasser aas einem Gef&sse 

fliessen liesse, kdnnte man dadarcb das Gewicbt der Laft kennen lernen, 

welcbe jene Korper am Fallen bindert. F^lt man Blasebalge erst mit 

Loft, dann mit Raacb, so wird man leicbt bemerken, ob der Raacb oder 

die Loft scbwerer ist. Man kann aacb aaf die eine Scbale einer Wage 

yiel trockene and zasammengedrttckte WoUe legen and die andere Scbale 

dorcb Gewicbte ins Gleicbgewicbt bringen, dann wird die erste Scbale 

sinken oder steigen, je nacbdem die Laft feacbter oder trockener wird 

and man wird damacb aaf die kommende Witterang schliessen kdnnen. 

Die Elemente lassen sicb zam Tbeil in einander yerwandeln, das Wasser 

kann zu Lnfl oder za Stein a. s. w. werden. 



') Nacb Kftstner, Geschichte der Mathematik. 



14« bis 1464 
De CuB». 



108 Erfindung der Buchdruckerkunst. 

Mit dem Erwachen der Wissenechaften beginnen die 
beiden Zweige der alten Physik wieder ihre Th&tigkeit, 
der philoBophische and der mathematische. Die philosophische 
Meohanik bleibt ganz Aristotelisch, die mathematische zeigt bald die 
Absicht fortzuschreiten , aber behiUt doch auch die Methode and selbst 
die Ziele des Archimedes fast anverandert bei. DieMechanik des 
Casaners ist eigentlich weder philosophisch noch mathe- 
matisch, sie ist etwas von beiden; am meisten aber ist sie 
Projectenmacherei, wie sie in jenen Zeiten bis zar Begrdndang 
der Experimentalphysik h&afig vorkommt. DerMechaniker wirft 
Gedanken in die Welt, ohne dass er die Absicht hat die- 
selben auszafCLhren, ja ohne dass er nar nachsieht, ob 
dieselben aberhaapt aasfilhrbar sind oder nicht. Immerhin 
sind diese AaiTbrderangen zor Aasfiihrang von Experimenten von Natzen, 
wenn sie aach oft recht phantastisch and manchmal unsinnig sind; sie 
fahren nach and nach daza, dass der Gelehrte seine Yorschlage 
selbst aaszaftlhren yersacht, statt diese AasftLhrang 
Praktikern zu aberlassen and dass zaletzt die experimen- 
tirende Methode, neben der philosophischen and mathe- 
matischen, als wissenschaftlich ebenbartig anerksnnt 
wird. I^iese projectirende Physik ist dor erste Anfang der 
experimentirenden Physik. 



1440 

Erfindung 
der Bnch- 
dmcker- 
kunat. 



Die fUr die Wissenschaft erfolgreichste That des 
15. Jahrhanderts ist die Erfindung der Buohdruokerknnst. 
Darch diese warde erst die allgemeine Yerbreitung ermdglicht, 
welche die Wissenschaften in anseren Zeiten erfahren and darch diese 
allein sind wir starker gesichert gegen solche RClckschlage, wie 
sie die Wissenschaft des Alterthams erfahren hat. Die Streitigkeiten fiber 
den Erfinder der Bachdruckerkanst, sowie uber dieZeit derErfindang 
werden darch denUmstand begunstigt, dass man in derErfindang selbst 
drei Stadien anterscheiden kann, nftmlich erstens das Dracken mit 
ganzen Holztafein, in welche die Bachstaben eiogeschnitten warden, 
zweitens das Dracken mit einzelnen, aas Holz, Blei oder Zinn geschnitte- 
nen Bachstaben and drittens das Dracken mit gegossenen Lettern. Mit 
Holzplatten warde schon vor 2000 Jahren in China gedrackt, im 
Jahre 1440 stellte der Harlemer Coster ein Specalam hamanae salva- 
tionis aaf diese Weise her. Die ersten Dracke Gattenberg's 
(1401 bis 1468) so 11 en ebenfalls aas dieser Zeit stammen, sein 
erstes grosses Drackwerk, mit einzelnen-, geschnitzten 
Lettern gedrackt, ist die Mainzer Blbel ohne Jahreszahl (1455 bis 
1456). Mit gegossenen Bachstaben drackte zaerst Fast's 
Schwiegersohn, Peter Schdffer, den Psalter im Jahr 1459. Es 
liegt in der Natar der Sache, dass die bedeatenden Wir- 
kangen der Bachdrackerkanst sich nar lang^am nach and 



Bedeutende Astronomen in Deutschland. 109 • 

BMch fikblbar machten. Doch soUen einer Sch&tzung nach, welcbe 1440 
Draper ^) giebt, scbon in den Jahren 1470 bis 1600 mebr als zebntauBend de'r Buch? 
Amgaben ▼on BQcbem and Pampbleten gedmckt worden sein, n&mlicb k^^f 
m Yenedig 2885, in Mailand 625, in Bologna 298, in Rom 925, in 
Paris 751, in Coin 530, in Narnberg 382, in Leipzig 351, in Strass- 
burg 526, in Augsburg 256, in Mainz 134, in London 130 u. s.w. 

Der Grunder der deutscben Linie berUbmter Astrono- usabiiusi 

men, Georg Feurbach, aus einem kleinen St&dtcben Oberdsterreicbs 

gebortig, studirte an der 1365 gegrdndeten Universitllt Wien bei dem 

tuchtigen A stronomen JobanuTonGmunden Astronomie und Matbematik 

nnd warde, nacbdem er grosse Reisen zu seiner Ausbildung unternommen, 

der Nacbfolger seines Lebrers in der Professur. Peurbacb war ein aus- 

gezeicbneter Beobacbter, der vorzuglicb bestrebt war die Angaben 

der Alien zu prflfen und der aucb die vorbandenen Ueber- 

setznngen des Almagest, die von Nichtastronomen berrtibrten, yiel- 

fach Yerbesserte. Leider konnte dies nicbt so grundlicb gescbeben, 

als er wollte, weil er weder Griecbiscb nocb Arabiscb verstand. Der 

Cardinal Bessarion batte den Almagest scbon durcb Georg v. Trapezunt 

ins Lateiniscbe Hbertragen lassen, docb war diese Uebertragnng nicbt 

nacb Wunscb gelungen. £r ermunterte darum Peurbacb selbst nacb 

Italien zu geben, urn das Griecbiscbe dort zu erlernen, dieser war aucb 

dazn wiUig und bereitete sicb eifrig zur Reise vor, aber mitten in den 

Yorbereitongen ereilte ibn der Tod. 

Der bedeutendste Scbftler des so jung verstorbenen Peui'bacb l*^ *><« ^*f^ 
war Johann Mailer, nach Beinem Gebnrtoorte KSnigsberg in Franken Sit"*"" 
gewdhnlicb Regiomontanus genannt. Dieser ging scbon in seinem fiinf- 
zebnten Lebensjabre zu Peurbacb, um sicb ganz der Astronomie zu 
widmen und f&brte nacb dem Tode seines Lebrers dessen Yorbaben aus. 
Er ging mit dem Cardinal Bessarion nacb Italien, lemte Griecbiscb und 
ubersetzte darnacb nicbt nur den Almagest, sondern aucb 
eine Menge pbysikaliscber Werke ins Lateiniscbe. DaTon 
Bind Tor anderen zu nennen die Pneumatica des Heron, die Musik 
und die Optik des Ptolem&us und die mecbaniscben Probleme 
des Aristoteles; die Uebersetzung der Werke des Arcbi- 
medes, die scbon Gerbard yon Cremona besorgt batte, wurde durcb 
Regiomontan verbessert. 1471 liess sicb Regiomontan inNurnberg 
nieder, dort fand er an dem reicben Patricier Waltber nicbt nur einen 
freigebigen Forderer der Wissenscbaft, sondern aucb einen gelebrigen 
und eiirigen Scbdler. Die von den beiden M&nnern gegrundete Stern- 
warte war die erste im cbristlicben Europa. Durcb die 
Arbeiten anf derselben breitete sicb der Ruf Regiomontan's so aus, dass 
er Yon Papst Sixtus U. wegen der beabsicbtigten KalenderverbesseruDg 



') Oeschichte der geistigen Entwickelung Europas. 



« 110 EntdeckuBg Amerikas. 

1484 bu 1476 nach Rom berafen und sogar zum BiBchof yon Regensborg befSrdert 
^omon- ^Qf^^^ jj^ Bjom aber starb er scbon 1476, wie Einige sagen an der 
Pest, oder wie Andere sagen, vergiliet dorcb die Sdhne jenes scbon 
erw&bnien Oeorgs yon Trapeznnt, dessen Uebersetzungen er getadelt 
batte. Das Werk der Kalenderverbesserang blieb nach ibm noch ilber 
bundert Jabre nnyoUendet. 

Regiomontan's fUbiger Scbfller, Bernbard Walther(U30bis 1504), 
setzte die Beobacbtangen auf der Sternwarte in Numberg nocb bis za 
seinem Tode im Jabre 1504 fort. Seine Scbriften, wie aucb diejenigen 
des Regiomontan, wurden von dem onwissenden Testamentsvollstrecker 
arg verwabrlost und die kostbaren Instrumente der Sternwarte, die zum 
Tbeil nen erfanden oder docb gegen die frdberen stark yerbessert waren, 
warden grosstentbeils als altes Messing yerkauft. 

Peurbacb, Regiomontan und Waltber sind die letzten bedeutenden 
Astronomen, .die in dem unerscbtitterten Glauben an Ptolemftus gestorben 
sind, sie stellen die letzte Blutbe der Ptolemaiscben Welt* 
anscbauung dar. .Durcb sie worde Ptolemaus dem Abendlande erst 
rein und nnyermittelt bekannt, aber sie legten aucb durcb ibre genauen 
und zablreicben Beobacbtungen den Grand zu seinem Sturze. Man kann 
sicb denken, dass sie, die sich so yiele Mobe gegeben batten, um an die 
reine Quelle zu kommen, nicbt daran dacbten, diese Quelle selbst zu 
trtiben, dass sie mebr bemtLbt waren ibren Meister zu yerbessern, als 
denselben ganz zu verwerfen. Dafdr aber zogen aus ibren Arbeiten ihre 
Nacbfolger die ScblOsse, die sie selbst nicbt zu ziehen gewagt. Eoper- 
nikus war noch ein Zeitgenosse und sogar nocb ein direc- 
ter Scbiiler des Peurbacb; er batte yor seinem Lebrer wie vor 
Regiomontan den Vortbeil eines langen Lebens yoraus, w&brend dessen 
seine kflbnen Ideen Zeit batten, sicb yollstandig auszureifen. 

1492 Beyor aber nocb die grosse astronomiscbe Reyolution 

AwrSum^^ die Erde aus ihren Angeln rilckte, rUttelte eine nicbt min- 
der grosse Umwalzung auf der Erde selbst an den alten 
Anscbauungen. Nocb immer stellte sicb die grosse Mebrzabl der 
Menscben die Erde als flacbe Scbeibe yor, an deren Randern sicb Wasser, 
Luft und Wolken zu einem undurcbdringlicben Brei miscbten. Yon den 
fdnf Zonen der Erde dacbte man nur die gem&ssigten bewohnt, in der 
heissen Zone yersengte die Hitze, in den Polarzonen erstarrte durcb die 
Ealte alles Leben. Die Lebre yon den Antipoden war durcb die Kircben- 
yater genugsam widerlegt und wer nocb mit Aristoteles yon der Rundun^ 
der Erde iiberzeugt war, der bfitete sicb, allzulaut damit zu werden ^). 



1) Vergilius, Biscbof von Salzburg, kam zweimal mit Bonifacius in Biffe- 
renzen. Das erste Hal handelte es sicb um theologiscbe StreitJgkeiten und der 
Papst entschied gegen Bonifacius. Als aber dann Boni&cius bebauptete, Ver- 
gllias glaube an die Exiatenz der Antipoden, wurde dieser zur Yertheidigung^ 
nach Bom vorgefordert. 



Entdeckimg der magnetischen Abweichung. Ill 

AIb Columbna naoh fast 18j&hrigem Yergeblicheii Flehen and Bettein urn um 

Untentfttsiiiig f&r sein grosses Unternehmen an den spaniscben Hof kam, An»SLm»!^ 

wnrde er mit seinem Gesncb an das Conoil sn Salamanca gewiesen, nnd 

dieses s&amte nicbt, ibn ans der Bibel nnd den heiiigen Kircbenyfttem 

grfindlicb zn viderlegen. Ja man sagt, das Concil babe ibn sogar 

gewamt» allzaweit westw&rts zn segeln, da ja, wenn seine Ansicbt ricb- 

tig, die Rnndnng der Erde einen Berg abgeben wfirde, den er scbwerlicb 

binanfsnsegeln yermdcbte, wenn er wieder zurtLckkebren wolle. Dass 

Golnmbns troizdem bei Isabella von Spanien Oebdr fand, dass ibm die 

£ntdecknng einer neuen Welt gelang, zerbracb an einer Stelle 

den Ring, welcben Kircbe nnd Scbolastik nm die Wissen- 

Bcbaft gelegt batten, nnd mit dieser einen scbadbaften 

Stelle war bald der ganze Ring nicbt mebr zu balten. 

Dnrile der kdbne Seemann anf nnbekannten Meeren glorreicbe, nie 

geabnte Erfolge emten, wamm soUte der Naturwissenscbaftler ewig anf 

dem engbegrenzten Binnensee der scbolastiscben Aristotelik mdern. 

War es aucb Yielen nocb wobl im Ententeicb und discntirten diese ancb 

nocb das ganze 16. Jabrbnndert nnd einen Tbeil des 17. bindnrcb 

weiter fiber die Qnaestiones mecbanicae, so empfanden docb ancb viele 

Andere, die mit starkeren Scbwingen begabt waren, die Scbranken immer 

mebr als eine Scbmacb fCbr die Wissenscbafi and erdffneten, dnrcb den 

Drnck erbittert, den Kampf. 

Die Entdecknngfreise des Colnmbns wnrde in magnetiscber 149a 
Beziebnng direct fflr die Pbysik wicbtig. Die Seefabrer der magne? 
batten den Compass angenommen, aber in der, alles wissenscbafklicben ^^^^g.^~ 
Interesses baaren Zeit batte man sicb weder nm die gebeimnissYolle 
Kraft, die den Magneten ricbtete, nocb nm eine genaaere Beobacbtnng 
dieser Ricbtnng selbst gekfimmert. Entweder batte man bei dem 
Mangel einer Ereistbeilung nnter der Nadel die Abweicbnng 
der Magnetnadel von der Nordricbtnng gar nicbt bemerkt, oder man 
scbob sie, wie man das spftter ancb nocb yersncbte, aaf eine febler- 
bafte Constrnction der Magnetnadel. Jedenfalls war bis dahin 
immer nnr eine dstlicbe Abweicbnng, wie sie damals in den 
Mittelmeerl&ndem berrscbte, bemerkt worden. Golnmbns aber fand zn 
seinem grossen Erstannen am Abend des 13. September, als er 200 See- 
meilen westlicb von Ferro eine astronomiscbe Aufnabme macbte, dass 
die Nadel eine westlicbe Abweicbnng nnd zwar von nnge- 
fabr 5^ zeigte and dass diese Abweicbnng mit dem Yorriicken nacb 
Westen nicbt kleiner, sondem grosser wurde. Damit war nicbt nnr die 
Abweicbung der Magnetnadel flberbanpt, sondem ancb die Yerscbie- 
denbeit dieser Abweicbnng fflr verscbiedene Orte anf der 
Erde constatirt. Yon nun an mebren sicb die Beobacbtnngen uber 
die Ricbtnng der Nadel, nnd mit ibnen beginnen aucb die Erkl&rungs- 
Tersncbe fCLr die Ursacben der so aufifallenden Erscbeinungen. 



3. 
Dritter Absohnitt der Physik des Mittelalters 

von 1500 bis 1600 n. Chr. 



Uebergangsperiode der mittelalterlichen Physik. 

Das 16. Jahrhundert zeigt seinen Uebergangscharakter in 
dem Auftreten so zahlreicher Gegensatze, dass eine allgemeine 
Charakteiistik schwer fallt. Ueberall brechen neue Theorien hervor, 
iiberall werden neue Ziele gesteckt, liberall setzt sich das Alte 
dem Neuen, das seine Existenz angreift, mit Hartnackigkeit entgegen, 
und weil Altes und Neues noch unfahig sind einander ganz zu 
vernichten, so bleiben beide iiberall unvermittelt neben einander 
bestehen. Das 16. Jahrhundert zeigt an alien Orten Anfange 
und den Kampf widerstreitender Meinungen, und fast 
niemals tritt noch in diesem Jahrhundert die Ruhe ein; 
erst das 17. bringt in den meisten Fallen den Entscheid und 
die Vollendung. 

Der Humanismus, welcher von dem scholastisch bearbeiteten 
Aristoteles einem unvermittelten Quellenstudium der Alten 
zustrebt, hat sich von Italien aus auch in die nordlichen Lander 
verbreitet und bekampft in seinen Fiihrera, wie in Erasmus (1466 
bis 1536), die Scholastik in Ernst und Spott. Ja Ludwig Vives 
(t 1537) setzt der Scholastik direct die Erfahrungswissen- 
schaft entgegen, indem er behauptet, man wiirde vielmehr in 
dem Geiste des Aristoteles handeln, wenn man Uber ihn hinausginge 
und die Natur selbst befragte, wie die Alten es auch gethan; nicht 
aus der blinden Tradition oder aus spitzfindigen Hypothesen sei die 



I 

I 



Uebergangsperiode der mittelalterlichen Physik. *. l\S 

Natur zu erkennen, sondern allein durch directe Untersuchung auf 
dem Wege des Experiments. Trotzdem halt die Scholastik 
Stand und einzelne Uniyersitiiten vorziiglich zeigen sich als feste 
Burgen des Scholasticismus. Noch in den letzten Jahren des 
16. Jahrhunderts bezieht Cremonini von der Universitat Padua fiir 
seine Vorlesnngen iiber die naturwissenschaftlichen Schriften des 
Aristoteles 2000 Gulden Gehalt, wahrend Galilei, der schon von 
den Aristotelikem aus Pisa vertrieben worden war, an derselben 
Universitat fur ein sebr geringes Honorar matbematische Vorlesun- 
gen hielt. 

Kopernikus wendet die Arbeit seines ganzen Lebens 
daran, die Erde aus ihren Angeln zu heben, aber sie 
sitzt fest, wenigstens in den Geistern seiner Zeitge- 
n OS sen. Erst im nachsten Jahrhundert, als Tycho durch sein 
eigenes System die Geltung des Ptolemaischen erschuttert hat, als 
Galilei durch dasFemrohr dieTiefen des Himmels erschlossen, als 
Kepler den Planeten die Gesetze ihrer Bewegungen mit Erfahrungs- 
sicherheit vorgeschrieben, als auch der gefeierte Philosoph Descartes 
in macbtigen Wirbeln alle Gestime fortgerissen, da erst lasst nach 
einer letzten gewaltigen Anstrengung der conservativste Beschiitzer 
der alten Weltanschauung, die katholische Kirche, den Eampf gegen 
das neue Weltsystem nach und nach erloschen, wie es ihre Gewohn- 
heit ist, stillschweigend und ohne ausdriicklichen Friedensschluss. — 
Der umfassende Geist eines Leonardo da Vinci erweckt 
auch die so lange vernachlassigte Mecbanik aus ihrem 
todtenahnlichenSchlafe, aber seine Arbeiten werden nicht 
bekannt und bleiben ohne Einfluss. Bedeutende Mathema- 
tiker, wie Cardano, Ubaldi, Benedetti, bemuhen sich um die 
Mecbanik, docb ohne Kenntniss des physikalischen Experiments ver- 
m^en sie keine rechte Grundlage zu gewinnen, die Lehre vom freien 
Fallnnddamit dieLehre von derBewegung und derenUrsache^ 
der Kraft uberhaupt bleibt vollig unklar. Die Statik wird auf 
den GrTundlagen des Archimedes etwas gefordert, die Dynamik 
bleibt ganz in der Hand der Aristoteliker. Der Gebrauch 
des Compasses fiihrt zu weiteren Beobachtungen fiber 
die magnetische Kraft; die Theorie des Erdmagnetis- 
mus und damit das Fundament fiir die weitere Ent- 
vickelung giebt erst Gilbert am Anfange des nachsten 

Eotenberger, Qeschichte der Phyiik. g 



114 ' Uebergangsperiode der mittelalterlichen Physik. 

Jahrhunderts. Bei dieser Gelegenheit wird dann auch die 
Elektricitatslehre wieder aufgenommen. 

Die Optik findet wie immer eifrige Forderer und 
fleissige Arbeiter, aber die Untersuchungen bleiben 
nach wie vor rein mathematisch. Der Gang der gradlinigen 
Lichtstrahlen wird bei Spiegelungen und Brechungen weiter ver- 
folgt, von eigentlich physikaliscben Untersuchungen iiber 
die Natur des LichtB ist noch immer nicbt die Rede; die 
Lehre von der Empfindung der Farben bleibt auf dem alien Stand- 
punkt. Nur auf dem praktischen Gebiete herrscht grossere 
Unruhe; optische Instrumente, die auf der Wirkung von Linsen 
beruhen, wie die camera obscura, werden erfunden und die Erfin- 
dung anderer, wie die des Fernrohres, liegt in der Luft. Immer 
mehr spricbt man von den durch Linsen bewirkten Vergrosserungen, 
kiihne Optiker haben schon Ideen von Linsencompositionen, die die 
entfemtesten Gegenstande dem Auge nahe bringen, oder die nahen 
stark vergrossem soil en; die Frucht emtet auch hier erst das fol- 
gende Jahrhundert, wenn man auch die Erfindung des Mikroskops 
noch in das Ende des 16. Jahrhunderts setzt 

Akustik und Warmelehre werden fast gar nicht von 
dem neuen Geiste beriihrt Von letzterer ist das nicht sehr 
wunderbar, da auch die Alten die Warme recht stiefmiitterlich 
behandelt und Ankniipfungspunkte nicht vorhanden waren. Die 
Warme gait als ein Element, damit war wenig anzufangen, um so 
weniger, als nicht einmal ein Warmemesser vorhanden war; zur 
Construction eines solchen gelangte selbst die Experimentirkunst 
des 17. Jahrhunderts erst nach vielen vergeblichen Versuchen. Bei 
der Akustik ist der Stillstand wunderbarer, hier gab das Alterthum 
reichliche Ankniipfungspunkte und in der Praxis hatte sich die 
Musik reich entwickelt. Guide v.Arezzo (11050) hatte dasLinicn- 
system zur Bezeichnung der Tonhohe erfunden und den Tonen die 
Namen ut, re, mi, fa, sol, la gegeben, zu denen etwas spater noch 
si gesetzt wurde; Jean de Meurs (1310 bis 1360) hatte die Noten 
mit Kopfen versehen, durch welche ihre Dauer bezeichnet wurde 
Franco V. Coin (13. Jahrhundert) hatte schon den Kontrapunkt 
ausgebildet und die Niederlander den strengen mehrstiniTnigen 
Satz zu hoher Vollkommenheit gebracht. Im 16. Jahrhundert sind 
die Niederlander bereits von denltalienem iibertroflFen, durch welche 



Uebergangsperiode der mittelalterlichen Physik. 115 

die italienische Kirchenmusik in Palestrina (f 1594) ihre hochste 
Bliithe erreicht. Doch ist's hier wohl gerade die Fiille und die 
Complicirtheit der Erscheinungen, welche die physikalische Bear- 
beitung verhindert. Ohne das analysirende Experiment, ohne die 
Kunst, durch planmassige Versuche die Verworrenheit der Erschei- 
nungen aufzulosen, vermochte man weder inductiv die Gesetze abzu- 
leiten, noch eine klare Grundlage fur eine mathematische Deduction 
zu erhalten. Erst der Griinder der neueren Physik, Galilei, 
nimmt im 17. Jahrhundert auch die akustischen Unter- 
suchnngen wieder auf. 

Das 16. Jahrhundert zeigt recht deutlich die Ab- 
hangigkeit der neueren Physik von der alten, so lange 
man nor den Aristoteles kennt, so lange ist auch die neuere Physik 
ganz philosophisch, sowie aber die Bekanntschaft mit der grie- 
chischcn Sprache und damit die Kenntniss des Ganzen der griechi- 
schen Wissenschaft fortschreitet, beginnt auch die Kenntniss und 
die Bearbeitung der mathematischen Physik. Ja die Physik 
des christlichen Mittelalters kniipft directer an das Alte an, als 
alle anderen Wissenschaften. Philosophic, Mathematik, Medicin etc. 
werden zuerst durch die Araber angeregt, die Physik erlangt erst 
eigentliches Leben, als die griechischen Originalwerke selbst bekannt 
werden, und sie bleibt sogar lange Zeit da localisirt, wo diese 
Bekanntschaft am directesten vermittelt wird, in Italic n. Im Nor- 
den der Alpen erkampft sich die freie Meinungsausserung wenig- 
stens auf rcligiosem Gebiete durch die Reformation eben jetzt das 
Recht des Daseins, in Italien behauptet gerade darum desto scharfer 
die katholische Kirche ihr Aufsichtsrecht iiber die Wissenschaft. 
Fiir die Physik hat das nicht den Erfolg, den man erwarten konnte, 
im Norden absorbirt der religiose Kampf die Krafte, die sich viel- 
leicbt der Physik zugewendet batten, in Italien erhebt sich, 
trotz des Gegendrucks, die Physik siegreich zu nie geahn- 
ter Hohe. Das 1 6. Jahrhundert ist nur eine Vorberei- 
tungszeit fiir die voile Entwickelung der Physik im 
17. Jahrhundert, aber die Vorbereitungszeit, wie die erste glan- 
zendste Entwickelungsperiode unserer Wissenschaft sind die voU- 
standige, unbestrittene Domane der Italiener. 



8* 



116 Fortschritte der Mechanik. 

1462 bis 1519 . Wie Roger Bacon im 13. Jahrhnndert, ist Leonardo da Vinci, 
daTfncL der berCthmte Maler, am Ende des 15. imd Anfang des 16. Jahrbunderts 
eine Gestalt, die ihren Zeitgenossen weit yoraus sich zeigt, so weit, dass 
dieselben nicht einmal Terstanden ihre Arbeiien za benutzen. Leonardo 
ist 1452 in Yinci bei Florenz geboren und malte schon 1480 in Mailand 
fur die Dominikaner in S. Maria della Grazie sein ber^bmtes Abendmabl ; 
1502 macbie er eine Reise dnrcb Italien, am filr Valentino Borgia die 
Festungen zn nntersncben; 1507 ist er bei Mailand besonders mit dem 
Kanal der Martesana bescb&ftigt, und 1509 baut er den Kanal von 
S. Christoforo. 1511 finden wir ibn bei dem Einzug des Konigs Lonis XII. 
und 1515 bei dem des Konigs Franz I. in Mailand thatig. Im folgenden 
Jahre folgt Leonardo dem Konig als Hofmaler nach Frankreicb , wo er 
1519 stirbt. Wie seine praktiscben Besch&ftignngen, sind aucb 
seine wissenschaftlicben Studien ausserst mannigfaltig, 
sie erstrecken sicb nicbt nur uber die Theorie der Etlnste, sondem 
aucb fiber Matbematik, Pbysik, Astronomie und bescbrei- 
bende Naturwissenscbaften. Und docb war Leonardo kein 
gewobnlicher Polybistor, der sicb rein receptiT verhalt, er zeigte 
vielmebr gerade in der Pbysik einen so gewaltigen, herrschenden 
Geist, dass er seiner Zeit um mehr als ein Jabrbnndert Torans war. 

Leonardo batte die Wissenscbafb der Alten wobl studirt, er sab ein, 
dass eine bloss pbilosophiscbe Bebandlungsweise die Pbysik 
nicht fdrdern konne, dass aber die Anwendung der Matbe- 
matik zu den eigentlicb frucbtbaren Resnltaten f&bre, und sagt in 
diesem Sinne: Die Mechanik ist das eigentliche Paradies der mathemati- 
schen Wissenscbaften , weil man mit ibr zur Fmcbt des mathematischen 
Wissens gelangt. Dabei ilbersieht sein klarer Geist nicbt, dass, bevor 
eine Anwendung der Mathematik mdglich ist, dieBeobachtnngdie 
ndthigen Daten gegeben baben muss, und er empfieblt 
Beobachtung und Experiment, durch welche man die besonderen 
Thatsachen erkennt, von denen aus man stufenweis aufsteigend zu allge- 
meinen Gesetzen gelangen kann. 

So entdeckt Leonardo, dass ein Eorper anf der sobiefen 
Ebene in dem Verhaltniss langsamer fallt, als die Langs 
der schiefen Ebene grdsser ist als ihre Hdhe, und damach 
giebt er, freilicb obne Beweis, den merkwurdigen Satz, dass ein E5rper 
durch einen Bogen schneller f&Ut als auf der zageh5rigen Sebne. Anch 
in Bezug auf den freien Fall der Eorper hatte er schon richtigere Vor- 
stellungen als seine Zeit, denn er &ussert wenigstens von dem Wachsen 
der Fallgeschwindigkeiten, dass dies Wachsen in arithmetiscber 
Progression geschehe. Das Problem vom schiefen Hebel 
lost er, indem er demselben einen theoretischen Hebel substituirt, dessen 
Arme auf den Eraftricbtungen senkrecht stehen. Weiter findet man in 
seinen Werken die Eenntniss der Capillarersoheinungen, der 
camera obscura in ihrer einfachsten Gestalt, der Thatsache, dass 



Uebersetzungen. Gradmessung. Planetentheorie. 117 

das Auge eine solche camera, die Kenntniss von dem 6e- I4&2bi8i5i9 I 
wicbte der Luft, von den stehenden Wasserwellen, von der °°*^°- 
Reibung il s. w. Wenn wir trotzdem Leonardo nicht als den Be- 
grunder der neueren Physik oder doch wenigstens der neueren Mechanik 
anznsehen haben, so liegt das wobl einestbeils an der Zersplitterung 
seiner Tbfitigkeit, die ihn za einer vollstandigen systematischen £nt- 
wickelang nicht kommen liess, andererseits aber aach an der Unfabig- 
keit seiner Zeitgenossen , diese nenen Ideen in sicb aafzunehmen und 
mithelfend weiter zn verarbeiten. Leonardo's physikaliscbe Arbeiten 
finden sicb nor in Form von losen Blattern, vorziiglicb in der Bibliothek 
za Paris; Yenturi, der die Optik des Theodericb ans Licbt gezogen, 
bat aacb zuerst Nacbricbt ^) von diesen Sohriften gegeben. 

Dnrch Uebersetzunffen ans dem Griecbischen zeicbnet sicb i609bi8i675 
Commandino , Arzt uud Matbematiker des Herzogs von Urbino, aus. aino. 
£r ubertragt die Scbriften des Arcbimedes, Ptolemaus, ApoIIonius, 
Pappus, Heron, Euklid und Aristarcb; aucb bat er, durcb Arcbimedes 
aogeregt, selbst eine Scbrift iiber die Scbwerpunkte der Korper 
geschrieben. Das 16. Jabrhnndert ist das Jabrbunderfc der Ueber- 
setznngen. Als Uebersetzer waren nocb zu nennen: Maurolycus, Tar- 
taglia, Dubamel, Xylan der, Venatorins u. a. m. 

Der franzosiscbe Arzt Jean Femel bescbreibt in seinem Werke Cosmo- 1&28 
tbeoria eine im Jabr 1525 von ibm angest elite Gradmessang. 
£lr bestimmte die Polbdbe von Paris, reiste dann so weit nacb Norden, 
bis die Polbdbe am einen Grad abgenommen, und fubr von da aus, mog- 
licbst geraden Weges, mit einem Wagen, dessen Rader mit einem Z&blwerk 
verseben waren, nacb Paris zuriLck. Obgleicb er die Kriimmang des 
Weges willkurlicb compensirte, fand er docb durcb Zufall einen ziemlicb 
genauen Wertb, namlicb 1^ = 57070 Toisen, oder fiir den Umfang der 
Erde 5396 Meilen. Die Messung bat nur dadurcb Wertb, dass bei ibr 
zom ersten Mai ein ans genau bekanntes Mass angewandt warde. 

^^ Hieronymus Fracastorius , der als Arzt, Philosopb and Poet in 1538 
Verona lebte, erklarte sicb in seinem Werke Homocentricorum seu de riu»!*** 
stellis liber onus gegen die epicykliscbe Tbeorie der Planeten- 
bewegung. Seine Darstellung war dunkel und Uberzeugte Niemand, 
docb lasst uns seinWerk erkennen, dass nacb und nacb die Unzufrie- 
denbeit mit dem Ptolemaiscben System allgemeiner wurde. 

Wenige Jahre spater nur folgen Nicolai Copemioi de revolutionibus 1613 
orbium coelestium libri sex. Nioolaus Kopemikus (eigentlicb Kopper- J^o*If5enUm- 
nigk) ist am 19. Februar (alten Styls) 1473 in Tborn geboren. Sein J^^^'ISgfe'i*. 
Yater starb ir^b und sein Obeim miltterlicberseits Lukas vou Watzel- torpor. 
rode, Biscbof von Ermeland, ubernabm die Sorge far seine Erziekang. 

^) Ventori, Essai sor les ouvrages physico-math^matiques de Leonard de 
Vinci Paris 17«7. 



118 Leben des Kopernikus. 

1543 Der junge Kopernikus stadirte von 1490 an vier Jahre lang in Krakaa 

operiu us. ^^^^^^q ^^^ Mathematik und ging, nach kurzem Aufenthalt in der 

Heimath, uber Wien, wo er Pearbach und Regiomontan borte, im Jabrc 
1496 nacb Bologna. Hier trieb er Astronomie bei dem berilbniten 
Astronomen Dominio- Maria Novarra, der ibn in seinem Studium der 
Astronomie ermunterte. Um 1500 aber bielt er schon selbst matbe- 
matiscbe Vorlesungen in Rom. Wabrend dieser Zeit, ira Jabr 1497, 
hatie Kopernikus durcb seinen Oheim eine 8telle im Domcapitel zu 
Frauenburg erhalten, die ibm glucklicherweise erlaubte ganz ungebindert 
seinen Studien zn leben. 1501 finden wir ibn dann aucb in Frauenburg, 
aber nur um langeren Urlaub zu erbitten, der vielleicbi bis 1505 aus- 
gedebnt worden ist; von dieser Zeit bat Kopernikus seinen st&ndigen 
Aufentbalt in der Heimatb genommen. Er muss bei seinem Domcapitel 
in bobem Anseben gestanden baben, denn er bat dasselbe mebrere Male 
auf den Landtagen in Preussen vertreten und sicb da yorziiglicb des 
arg vernacblSssigten Miinzwesens angenommen. Die Erz&blung von dem 
Bau der Wasserleitung in Frauenburg scheint dagegen Fabel zu sein. 

Kopernikus lebte, abgesehen von den Unterbrecbungen wabrend 
seiner Studienjabre , in seiner Heimatb zuriickgezogen das stille Leben 
eines Gelebrten. Er lebte zu still und unbeacbtet fiir uns, 
die wir gem den Entwickelungsgang seiner Entdeckung verfolgen mocb- 
ten. Scbon 36 Jabre vor der Veroffentlichung, also um das Jabr 1507, 
begann er sein Werk iiber die Umwalzung der Himmelskorper , bielt 
dasselbe aber bis zur VoUendung um 1530 ganz gebeim und macbte 
erst von dieser Zeit an seinen Freunden Mittbeilungen iLber seine Arbeit. 
Er batte wobl eine Abnung davon, welcben Sturm sein AngrifP auf das Alte 
erregen wtlrde, denn er sagt: „Obscbon icb weiss, dass die Ideen des 
Philosopben nicbt von der Meinung der Menge abhangen, dass sein 
Zweck ist, in alien Dingen der Wabrheit nachzustreben, so weit dies von 
Gott dem menscblicben Verstande erlaubt ist, so musste icb docb bei 
der Betracbtung, dass meine Theorie Vielen absurd erscbeinen wird, 
lange ansteben, ob icb mein Werk bekannt macben, oder ob icb den 
Inbalt desselben nacb den Beispielen der Pytbagoreer nur durcb mund- 
liche Tradition meinen Freunden mittbeilen sollte." 

Seinen Freunden gelang es glucklicberweise ibn zur Veroffent- 
licbung seines Werkes zu bestimmen. Der Wittenberger Professor 
Rbaeticus yorziiglicb war dabei thatig und durcb seine Vermittlung 
erschien dasselbe 1543 in Nflrnberg, nacbdem Rbaeticus scbon 1540 de libris 
revolutionum Copemici narratio prima ver5ffentlicbt batte. Jobannes 
Scboner, Professor der Matbematik in Niirnberg, batte die Revision des 
Druckes besorgt, und Osiander, der bekannte lutherische Theologe, batte 
anonym eine Yorrede dazu gescbrieben, die, ihremTitel „Von don Hypo- 
tbesen dieses Werkes" gem&ss, das neue System als blosse Hypotbese, 
die weder wabr nocb aucb nur wabrscbeinlich zu sein brauche, binstellte. 
In der eigenen Yorrede des Kopernikus, die erst der Ausgabe von 1854 



1 



Griinde fur das Kopemikanische System. 119 

beigedmckt ist, findet sich nichts yon einer solchen Darstellung, und es 1543 
will eine solche auch nicht zu den Woriten des Eopernikus paesen: 
Wenn es yielleicht einige eitle Schwatzer giebt, die nichts von Mathe* 
matOc veratehen, die aber nacb einigen zu ihrer Absicht listig verzerrten 
Stellen der Scbrift ihr Urtheil fallen nnd mein Unternehmen tadeln nnd 
aDgreifen woUen, so beachte ich sie nicht weiter nnd sehe auf ihre Aus- 
gprucbe als auf unuberlegte verachtlich befab. Eopernikus starb am 
24. Mai (alien Sty Is) 1543; wahrend er schon auf dem Krankenbette 
lag, wurden ibm noch die ersten Exemplare seines Werkes tiberreicht. 
Erhatweder die Gleicbgiiltigkeit bemerkt, mit der die Mit- 
welt sein Werk zuerst auihabm, nocb die Verfolgung erlebt, die 
spater demselben yon der Eirche zu Theil wurde. 

Eopernikus scheint zu seiner Umwalzung des Weltsystems durcb 
astronomiscbe und pbysikalische Griinde gedrangt worden zu 
sein. Die ersteren lagen in der entsetzlichen Complication des 
geocentrischen Systems und in der Einfachheit) mit der sich 
die Planetenbewegung nach dem beliooentrischen System dar- 
Btellie; wie denn um nur ein Beispiel anzufuhren fiir den Mond, der 
sich mit der Erde um die Sonne bewegt, die epicyklische Bahn ganz 
natiirlich folgt, wShrend kein Grund daf&r anzuf&hren ist, wenn der 
Mond, wie jeder andere Planet, sich nur um die Erde bewegt. Die 
physikalischen Gegengriinde lagen fur Eopernikus yorzilglich in 
den uDgeheuren Geschwindigkeiten, mit denen die so unermesslicb 
weit yon der Erde entfernten Planeten ihre Ereise um die Erde in 
24 Stunden durchlaufen mussten. Er ersetzte darum die tagliche 
Drehung des Himmelsgewolbes durcb die Achsendrehung der 
Erde, den Lauf der Sonne in der Ekliptik durcb die Bewegung 
der Erde um die Sonne und fdhrte mit der Erde zugleich alle Pla- 
neten um die Sonne als das Centralgestirn. Die beiden ersten Be- 
wegongen batten schon die«Pythagoreer und Aristarcb behauptet und 
Ropemikus erz&hlt auch, dass er die Behauptungen der ersteren gekannt; 
die dritte dagegen ist dem Eopernikaniscben System ganz eigen- 
tbumlich und sie ist's gerade, die die yerwickelte Bewegung des 
MondeSy wie die wunderbaren Schleifen der oberen Planeten so yiel ein- 
facher erklaren Iftsst. 

Eopernikus sab mit klarem und kubnem Geiste die innere Wahrheit 
seines Systems, wie es aus seinen Worten leuchtet: „Alle8 dies, so schwer 
nnd beinahe unbegreiflich es auch Manchem ers chain en und so sehr os 
aach gegen die Ansicht des grossen Haufens sein mag, Alles dies woUen 
wir in der Folge unseres Werkes mit Gottes Hiilfe klarer noch als die 
Sonne machen, wenigstens fur diejenigen, die nicht aller mathematischen 
Kenntniss baar und ledig sind." Trotzdem hafteten dem System noch be- 
deatende astronomische Unrichtigkeiten an, und vom Standpunkte 
der damaligen Physik liessen sich schwer zu- widerlegende Einwflrfe 
gegen dasselbe machen. Die astronomiscben Mangel wurden 



120 Astronomische und physikalische 

1648 am ersten beseitigt. Eopernikus sah, dass dieErdachse bei derBtiwegung 

Kop as. ^^ ^.^ Sonne sich immer parallel bleiben musste, wenn der Wechscl der 
Jabreszeiten erkl&rlicb sein sollte. Unbekannt aber mit dem mechanischen 
Gesetz der Bebarrung und nocb ganz befangen in der Aristotelischen 
Lebre von den natilrlicben und gewaltsamen Bewegungen, hielt er f&r 
natiirlicb, dass die Erdacbse, wenn sie bei der Bewegung der Erde sich 
selbst Hberlassen bleibe, iiftmer dieselbe Neigung gegen die Acbse der 
Ekliptik bebalte und also einen Kegelmantel um diese bescbreibe, und 
legte darum der Erde ausser der Drebung um ibre Acbse und 
der Bewegung um die Sonne nocb eine dritte Bewegung bei, 
welcbe die Acbse in alien Lagen parallel erhielt. Seine Nach- 
folger saben den Irrtbum bald ein und gaben diese dritte Bewegung der 
Erde auf. Schwerer war die Verbesserung eines anderen astrono- 
miscben Feblers. Kopernikus batte die excentriscben Ereise des 
Ptolem&iscben Systems einfacb tlbemommen und lehrte danacb, dass 
die Planeten sicb in kreisfdrmigen Bahnen um die Sonne bewegten. 
Tycbo deBrabe's Beobacbtungen der Planetenbahnen werden bald so 
genaUf dass die Beobacbtungen mit den Ereisen nicbt mebr recbt stimmen 
wollen, docb kann aucb dieser nocb nicbt aus den ILreisen heraus- 
kommen, erst Eepler fand nacb langen mubsamen Yersucben, dass 
die Planetenbabnen Ellipsen sind, die sich allerdings stark der 
Ereisgestalt n&bem. 

Bei alle dem waren es weniger die astronomiscbenM&ngel, 
welcbe die Annabme des Eopernikaniscben Systems binder- 
ten; scbwerer als diese fielen die pbysikaliscben Einwiir£e 
insGewicbt, die, in der Aristotelischen Bewegungslebre begrdndet, 
scbon Yon Ptolem&us gegen die Pytbagoreische Lebre von der Bewegung 
der Erde yorgebracbt waren. Es ist interessant zu sehen, wie sich 
Eopernikus, der docb mit seinem Zeitalter nocb ganz in der Aristoteli- 
schen Physik befangen, gegen diese GrCinde vertbeidigt. Aristoteles 
batte gelehrt, dass alle Bewegungen mit Ausnabme der gleichmassig 
kreisformigen Bewegung der Himmelskdrper und der senkrecht auf- und 
abwarts gericbteten Bewegungen der schweren und leichten Edrper ge- 
waltsame w&ren, die von selbst verldscben mUssten; dass aber jene 
ILreisbewegung eine vollkommene und nur den Himmelskorpern natftr- 
licb sei. Eopernikus beh&lt dies Alles bei, nur hebt er den Unterschied 
zwischen den himmlischen Eorpern und der Erde auf. Die Ereis- 
bewegung ist alien Weltkorpem, aucb der Erde nattirlicb, die gerad- 
linigen Bewegungen treten nur auf, wo die Edrper gewaltsam aus ibrer 
Lage gebracht werden, und dann streben sie immer mit dem Gleicb- 
artigen sich zu vereinigen, die erdigen schweren Edrper mit der Erde, 
die leichten D&mpfe mit der Luft. Wir finden bier eine dunkle 
Abnung von der Schwerkraft, allerdings nur als ein Vereinigungs- 
bestreben des Gleichartigen , wenn es heisst: „Ich glaube, dass die 
Schwere nicbts anderes ist als das natiirliche Streben, welches die gdtt- 



Mangel des Systems. Verbreitung desselben. 121 

licfae YoTBehaDg alien Eorpem des Universums eingepflanzt hat, sich zu 1543 

doer Einheit nnd einem Ganzen zosammenzufinden nnd sich zu einer ^^ 

Kogel zu ordnen. Dieses Vereinigangsbestreben fiodet sich yielleicht 

anch aaf der Sonne , dem Mend and den anderen Wandelsternen und 

ist wohl die Ursache, dass diese immer die Kugelgestalt behalten.'^ 

Eopernikns gebraucht danach dieses Yereinignngsbestreben nur, um den 

Znsammenlialt der Erde und allerdings aucb der Himmelskorper zu er- 

klareD, zwischen den verschiedenen Himmelskorpem nimmt er kein Bolches 

Streben an. £r nimmt also keine Kraft zu HtLlfe, um die Bewegung der 

Planeten lun die Sonne zu erklaren, sondem nennt diese Bewegungen, echt 

Aristotelisch , nat&rliche Bewegungen. Trotzdem aber damit die 

Bewegung nur beschrieben, nicht erkl&rt ist, halt er dadurch 

doch den Ptolem&ischen Grunden die Wage. Es streben danach 

ganz folgerichtig nur die irdischen gleichartigen Theile nach dem Mittel* 

ponkt der Erde und dieser braucht also nicht in dem Mittelpunkt der 

Welt zu mhen, wohin, wie man frUher annahm, alle Theile streben; 

yielmehr folgen alle irdischen Korper von selbst der Erde in der auch 

ihnen naturlichen Ereisbewegung. Es bleiben auch danach weder 

die frei fallenden Korper, noch die Wolken, wie Ptolem&us behauptet 

hatiCf hinter der sich drehenden Erde zurUck. Wie es aber moglich ist, 

dass die Erdachse trotz der Bewegung um die Sonne doch immer nach 

demselben Punkte des Himmels zeigt, diesen bedeutendsten Einwand, 

der auch in der Folgezeit immer wieder erhoben wird , erledigt Koper- 

oikuB ganz richtig dadurch, dass er auf die, gegen die Entfernungen der 

Fixsteme, verschwindenden Dimensionen der Erdbahn aufmerksam macht, 

wonach allerdings die Stellungsyer&nderungen der Erdachse 

gegen den Sternenhimmel unmerklich sein mtlssen. Gegen den 

Augenschein endlich, dass das Himmelsgewdlbe sich um die Erde dreht, 

fuhrt er aus, wie man auf dem Schiffe beim Auslaufen aus dem Hafen auch 

die eigene Bewegung nicht merke und statt dessen glaube, das feste Land 

and die St&dte entfernten sich von dem unbeweglichen Schi£P. 

Die Mftngel, welche theils dem Eopernikanischen System selbst, 
theilfl seiner Begrundung noch anhafteten, haben Gelegenheit gegeben 
za dem Versuch, die Geistesgrosse des Kopernikus anzuzweifeln, 
wohl sehr mit Unrecht. Gerade darin, dass Kopernikus trotz jener 
Mangel, die nicht in ihm, sondem in seiner Zeit ihre Ursache haben, die 
innere Wahrheit seines Systems, dass er trotzdem so sicher die Bewegung 
der Erde erkannte, darin liegt ein starker Beweis fiir die geistige Grdsse, 
ein sicheres Anzeichen fur das Genie des Kopernikus. Nicht ganze Ge- 
achlechter haben vor ihm den Gedanken ausgereift, so dass er nur aus- 
znsprechen brauchte, was man schon allgemein geahnt hatte. Die Leh- 
ren, die vor ihm von der Bewegung der Erde bekannt waren, waren 
oiiTerst&ndliche, nicht begrundete und nicht beachtete Hypothesen; 
Kopernikus allein sah genial durch alles Entgegenstehende 
hindurch die neue Wahrheit. Freilich ist es danach nicht zu ver- 



I 



122 Dynamik. Wurflinie. 

1643 wnndem, wenn das neue System anfangs nur wenig Beachtung 

Koperni ub. £j^jj^^ wenn'die Menschheit fast bundert Jahre braacbte, bis sie sicb an 
den Gedanken einer BeweguDg der Erde gewohnte. Bis zu Tycbo de 
Brabe fand Eopernikus nur in Deutscbland and aucb da nur 
wenig Anbanger. Neben dem schon erw&bnten Rbaeticas ist vorziig- 
licb Erasmns Reinbold (1511 bis 1553) zu nennen, der scbon im 
Jabr 1551 seine Stern tafeln (Tabulae prutenicae) zweifacb berecbnet, 
nacb dem Ptolemftiscben und nacb dem Eopernikaniscben System, ber- 
ausgab und in der Vorrede ausdriicklicb erklarte: Wir sind dem Koper- 
nikus groBsen Dank scbuldig, fur seine miibsamen Beobacbtungen sowobl, 
als vorzuglicb fiLr seine Wiederberstellung der wabren Lebre yon der 
Bewegung der Himmelskorper. Aucb Gbristopb Rotbmann, der aof 
der 1561 gegrundeten Stern warte des Landgrafen Wilbelm IV. von Ilessen 
von 1577 an beobacbtete, war ein entscbiedener Kopernikaner. 

1501 bis 1550 Der berubmte italieniscbe Matbematiker Nicoola Tartaglia macbt 

mit seiner Nuova scienza von 1537 den Anfaug in der Bebandlung 
dynamiscber Aufgaben. Er untersucbt in dieser Scbrift die Babn 
eines geworfenen Korpers ucd findet dieselbe iiberall gekrummt, 
wiibrend bis dabin die Aristoteliker angenommen batten, die geworfene 
Kugel fliege zuerst wagerecbt, yerm5ge der ibr ertbeilten gewaltsamen 
Bewegung, gebe dann in^eine kreisformige gemiscbte Bewegung iiber 
und verfolge zuletzt, wenn die gewaltsame Bewegung ganz erloscben 
sei, ibre naturlicbe senkrecbte Bewegung nacb unten. Tartaglia sicbt 
ein, dass die sogenannte natdrlicbe Bewegung sicb von Anfang an mit 
der gewaltsamen miscben muss, setzt sicb aber docb der alten Meinung 
nicbt direct entgegen, denn er giebt zu, dass die Babn im Anfang und 
am Ende sebr wenig von der geraden Linie abweichen wird. Trotzdem bat 
seine Lebre von der directen Miscbung der Bewegungen einen augenscbein- 
licb bedeutenden Nutzen, Er bemerkt namlicb, dass eine borizontal abge- 
scboBsene Eugel sogleich nnter die Horizontale sinkt und mitbin eine Wurf* 
weite gleicb Null bat, dass aber aucb eine senkrecbt emporgeworfene Kugel 
ebenso eine borizontale Wnrfweite gleicb Null bat. Daraus scblicsst er 
dann, die borizontale Wnrfweite sei am grdssten, wenn ein 
GeschoBs unter einem Winkel von 45^ geworfen werde; ein 
allerdings nur durcb Zufall vollst&ndig ricbtiges Resultat. Die Untersucbung 
zeigt, wio nnklarman zu dieser Zeitilber die Zusammensetzung von Be- 
wegungen, sowie iiber die Gestalt der Wurflinie war. Docb liegt bier 
nocb eine gesundeldee zuGrunde, deren Verdienst man erstrecbt erkennt, 
wenn man bedenkt, dass nocb 1561 ein gewisser Santbeck bebauptet, eine 
abgescboBsene Kugel fliege so lange in gerader Linie fort, bis die ibr 
mitgetbeilte gewaltsame Bewegung ganzlicb erloscben sei, dann andere 
sie plotzlicb ibre Bewegung in die senkrecbt nacb unten gericbtete urn. 
Tartaglia stammt aus armer Familie und ist Zeit seines Lebens 
trotz seiner Bekanntscbaft mit bedeutenden Personen nicbt in glanzende 



Leben des Tartaglia und des Cardanus. 123 

Verbaltnisse gekommen. £r wnchs ohne JugeDdunterricht anf und lernte i6oibui559 
eat im 14. Jabre lesen, sein grosses Talent aber entwickelte sicb so *"^*"' 
schnell, dass er im 30. Jabre die Auflosang der Gleicbungen dritten 
Grades, woven F err eoAndeutangen binterlassen hatte, selbstandig fand. 
UDTorsichtiger Weise tbeilte er seine Entdeckung, wenn auch nar an- 
deotnngsweise, dem ebenfalls bedentenden Mathematiker Cardanus mit, 
der dieselbe yeryollstandigte and unter seinem Namen veroffentlicbte. 
Tartaglia versucbte sein Eigentbum zu reclamiren, er entrirte mit Car- 
danus einen Wettstreit in der Losung matbematiscber Aufgaben, in dem 
er obsiegte, und er versucbte seinen Gegner in eincr Disputation zn 
Mailand zu bekriegen; dort wurde aber durcb die Menge der Scbuler 
Cardans, die tLbrigens obne ibren Meister erscbienen, Tartaglia zum 
Riickzuge aus Mailand bewogen, und scbliesslicb bebielt die Entdeckung 
des Tartaglia docb den Namen des Cardanus. 

Hieronymus Cardanus selbst war ein ansserst vielseitiger i6oi bis i576 
Gelebrter, der aber Matbematik, Pby sik, Naturgescbicbto, CardanuB. 
Pbilosopbie und Medicin gescbrieben und aucb in Allem mebr 
oder weniger Bedeutendes geleistet hat; der aber dabei der 
Wonderlicbkeiten so vol! war, dass seine Freunde ihm sogar zur Ent- 
schuldigung zeitweilige Verrucktbeit nacbsagten. Libri, in seiner Ge- 
scbicbte der Wissenschafben, sagt von ihm: Wenn er nicbt selbst sein 
Leben gescbildert hatte, w&rde man nicbt an so viel Schwacbheiten , so 
viel Widersprucbe glauben. Bei einer unbegreiflichen Kuhnheit in der 
Pbilosopbie, zitterte er vor jedem bosen Yorzeichen und meinte (wie sein 
Yater) einen spiritus familiaris zu haben. Ein berilhmter Mediciner, ein 
feiner and erfindungsreicher Mathematiker, glaubte cr an Traume und 
widmete sicb der Magie und der Zauberei. Bald streng in seiner 
Lebensweise, bald ausschweifend , lebte er in Luxus oder bedeckte sicb 
mit Lumpen. Er wollte Alles wissen und Alles geniessen. Unempfind- 
licb gegen die furchterlicbsten Ungliicksfalle, sab er ohne Bewegung 
einen seiner Sobne enthaupten. 

Er bat aUe Wissenscbaften cultivirt und bat alle vervollkommnet. 
Er wagte allein das Joch ganz abzuscbHtteln und erklarte dem ganzen 
Alterthum den Krieg. Er misstraute aller Autoritat und wollte nur 
seinen eigenen Geist zum Fdhrer. Aber der kfthne Eeformator, den 
keine Barriere anbielt, glaubte, dass er am 1. April jeden Jahres, um 
8 Ubr frah, Alles vom Hiramel erbalten konne, was er nur wollte. 
De Thou erzSblt von ihm, dass er im 75. Jabre seines Alters den frei- 
willigen Hungertod gestorben sei, weil er eine seiner Propbezeiungen 
nicbt Lagen strafen wollte. 

Am bekanntesten ist Cardanus durcb sein mathematiscbes Werk 
Artis magnae sive de regulis Algebrae liber unus, in dem er zuerst jene 
Auflosnng der Gleicbungen dritten Grades gab. Seine vorziiglichsten 
pfaysikaliscben Scbriften sind De subtilitate von 1552 und sein Opus 



124 Gesetz der schiefen Ebene. Elemente bei Cardanus. 

i60Miisi676 novum von 1570; seine besten physikaliscben Leistangen 
betreffen die Mecbanik. Er stellt fur die scbiefe Ebene die Frage 
rich tig: Wie yiel Kraft gebort dazu, um einen Korper auf der schiefen 
Ebene zu halten? Dadurch umgeht er die Gefahr, fiir die horizontale 
Ebene schon eine bestimmte Kraft zur Bewegung als nothig anzunehmen, 
wie das Pappus gethan, und findet richtig, dass auf der wagerech- 
ten Ebene keine Kraft und auf der senkrecbten Ebene eine 
Kraft gleich der Schwere erfordert wird, um den Korper 
zu halten. Damit ist es aber auch bei Cardanus zu Ende und er 
Bchliesst so unrichtig wie moglich weiter, die Kraft miisse der Nei- 
gung der schiefen Ebene proportional und also beispielsweise 
fiir eine Neigung yon 30^ doppelt so gross sein, als fiir eine von 15^. 

Trotz ihrer Gegnerschaft zeigen Cardanus und Tartaglia in ihren 
physikaliscben Untersuchungen &hnliche Eigenschaften. Beide finden 
zwei Grenzwerthe zweier verS,nderlicher Grossen richtig, beide schliessen 
ohne Weiteres, dass die veranderlichen Grossen zwischen diesen Grenz* 
wcrthen mit den zu Grunde liegenden Ver&nderlichkeiten proportional 
wachsen oder abnehmen und beide Mai ist dies letztere nicht der Fall. 
Es ist kein gutes Zeichen fUr die Mecbanik des 16. Jahrhunderts, 
dass zwei so bedeutende Mathematiker wie Tartaglia und Cardanus 
nicht durch Experimente zu untersuchen vermdgen, ob das 
proportionale Wachsthum zweier Grdssen, das sie behauptet, auch wirk- 
lich stattfindet. 

Cardanus ist ein Gegner der Scbolastiker und bekampft die 
Naturphilosophie des Aristoteles, freilich in einer Art, r^^e uns auch nicht 
behagt. Er setzt statt der vier Elemente drei, Erde, Luft und Wasser; 
die Erde ist trocken, das Wasser fliissig und die Luft das flCissigste 
Element. Um die Erde bewegen sich die anderen Elemente ohne Auf- 
horen, die Luft hat die schnellste Bewegung. Sie erhalt dieselbe von 
den Sternen. Das Wasser kann sich nicht von selbst bewegen, es wurde 
in Faulniss libergeben, wenn es nicht von der Ebbe und der Fluth 
bewegt wurde, welche beide durch die Bewegungen des Himmels ver- 
anlasst werden. Die W&rme ist kein Element, sondern nur eine 
besondere Eigenschaft der Korper, die KS.lte ist Abwesenheit von 
Wftrme. Neben diesen Phantasien finden sich dann bei Cardanus auch 
Beobachtungen ; er misst die Geschwindigkeit des Windes, in Ermange- 
lung eines genaueren Zeitmessers, nach seinen Pulsschlftgen und findet, 
dass der st&rkste Sturm wahrend eines Pulsschlags 50 Schritt zuriick- 
legte; er bestimmt das Gewicht des Wassers auf 50 Mai grdsser als das 
der Luft, weiss aber auch, dass diese Zahl ungenau ist etc. 

Einen grossen Theil der mechanischen Schriften fcdlen die Nach- 
richten von mechanischen Kun ststUcken, die manchmal recht 
gauklerhaft sind; in Ermangelung wisscnschafblicher Leistungen setzte 
man damals das unwissende Publicum gem durch solche Sachen in 
Erstauncn. Ein Sitz fiir den Kaiser auf seinem Wagen hat eine doppelte 



Mechanische Eunststiicke. Gegner des Aristoteles. 125 

AniliaDgimg, wie man sie nacb Cardanns f&r die Schiffscompasse benutzt, 1501 bis istg 
damit Seine MajeBt&t bei den Stossen des Wagens unbeweglich sitzen ^^ "^*' 
bleibt. £in Scbomstein bat nacb den Weltgegenden vier Abzngsrobren, 
damit bei entgegenstebendem Winde der Raucb docb zn einer Oeffnung 
Idnaus kann ; ja Cardan erwabnt sogar, pulex egregius sei von Dentscbland 
nachMailand gebracbt worden, mit einem Haar an eineEette gebunden 0* 

In dieser Zeit mebren sicb immer mebr die Gegner der 150a bis 1572 

. Peter 

Arifitoteliscben Pbysik. Wie im Altertbum anf die Naturpbilo- Ramus. 
Bopbie die matbematiscbe Pbysik folgt, so gescbiebt dies aucb im Mittel- 
alter. Aber wabrend im Altertbum die beiden unabb&ngig und fast 
unberobrt neben einander bergeben, erzeugt die Tyrannei der scbolasti- 
Bchen Natnrpbilosopbie anf der anderen Seite einen Hass, der mebrfacb 
nber sein Ziel binansscbiesst. 

Peter Bamns, ein verdienstvoUer franzdsiscber Matbematiker, 
will von Aristoteles nicbt einmal die Logik gelten lassen 
and scbreibt selbst eine verbesserte LogiL Anf die Scbrift seines 
tebolastiscben Gegners Carpentarins „descriptio nniversae naturae ex 
Aristotele*' antwortet er mit Scbolamm pbys. libri octo 1565 und 
Scbolamm metapb. libr. quatnordecim 1566. FfUr uns baben die Scbrif- 
ten des Ramus nur dadurcb Interesse, dass er kfibn die Herrscbaft des 
Aristoteles zu brecben versucbte; f&r Ramus aber batte sein Angriff die 
scblimme Folge, dass er seiner Lebrerstelle in Paris entsetzt wurde 
and selbst aus Paris flieben musste. £igens fflr den Fall eingesetzte 
Ricbter erklarten Ramus f(ir einen kftbnen, eingebildeten und unklugen 
Menschen und ein Edict des Eonigs besagte, dass Ramus, indem er den 
Aristoteles zu tadeln gewagt, nur seine eigene Ignoranz dargelegt babe. 
Alfl er sp&ter zurdckzukebren und wieder als Lebrer aufzutreten wagte, 
wurde er in der Bartbolomftusnacbt, wie man sagt auf Anstiften jenes 
Carpentarins, seines feindlicben Collegen, ermordet. 

Gbarakteristiscb fdr die Stellung der neuen Eircbe zu Ari- 
stoteles ist die Antwort, welcbe Ramus von Beza (1519 bis 1605), dem 
Nacbfolger Calvin's, erbielt, als er um Erlaubniss bat, in Genf lebren zu 
durfen: „Die Genfer baben ein- fUr allemal bescblossen, weder in der 
Logik, nocb in irgend einem anderen Wissenszweige von den Ansicbten des 
Aiiatoteles abamweicben/ Lutber und Melancbtbon empfeblen aucb 
die logiscben Scbriften des Aristoteles, aber bedeutend kdbler als Beza. 
Der Phyaik stehen wie natflrlicb beide Reformatoren fern, docb sagt 
Melancbtbon nicbt ungtLnstig: Die Naturursacben wirken mit Natumotb- 
wendigkeit^ sofem nicbt Gott den motus agendi ordinatus unterbricbt. 

BemhardinuB Telesins aus Consenza griindete eine n a t u r - isos bia i588 
forscbendeGesellscbaft, die Academic Telesiana oder Consentina, ^®^®"^^' 



) Kastner, Qegchichta der Mathematlk. 



126 Elemente bei Telesius. Regenbogen. 

i508bi8i688 zuF Bek&mpfung der Natarphilosophie des Aristoteles. In 
seiner Hauptschrift: de rernm natura juxta principia propria 
libri IX, von det die beiden erstenBande 1565 erschienen, nimmt er eine 
primitive Materie und zwei erste Formen oder unkdrper- 
liche Wesen, Warme and Kalte, an, so dass durcb die Einwirkung 
der letzteren anf die primitive Materie alle Korper entsteben. Da der 
Himmel vorzuglicb der Sitz der Warme, der Erdkem der Sitz der 
Kalte, 80 entsteben in der Erdrinde die meisten Wesen. Der Himmel 
ist nicbt gVeicbmassig warm, die besternten Theile baben eine grossere 
Warme als die nnbesternten , durcb diese nngleicbmassige Wclrme wird 
die arspriinglicb gleicbformige Planetenbewegnng in eine nngleicbmas- 
sige verwandelt. In der kleinen Scbrift „de colornm generatione" erklart 
Telesius aucb die Farben durcb seine beiden Elemente. Warme ist die 
Ursacbe der weissen, Kalte die Ursacbe der scbwarzen Farbe. Die 
Qbrigen Farben entsteben aber dann ganz wie bei dem veracbteten 
Aristoteles durcb Mischungen dieser beiden Grundfarben. 

iJ"*?! Der Doctor der Tbeolocne und Predierer in Breslau Joh. Fleischer 

Fleischer. ... .... 

giebt in seinem Werk De iridibus doctrina Aristotelis et Yitellio- 
nis richtig an, dass die Strablen des Regenbogens zweimal 
'gebrocbcn und einmal reflectirt werden, setzt aber die 
Reflexion nicbt in dense lb en Tropfen, wo die Brecbung erfolgt, 
sondern in einen dabinter liegenden. Den Radius des Bogens 
misst er auf 42^, den Nebenregenbo'gen erklart er nicbt. 
Josse Glicbtbove (1543) batte den letzteren fur ein Bild des Haupt- 
regenbogens angeseben, weil sicb die Farben an ihm in umge- 
kebrter Ordnung zeigcn, so wie im Wasser die Bilder der Gegenst&nde 
am Ufer sicb umgekebrt darstellen. 

1494 bis 1575 Weniger glflcklicb als Fleiscber in der Erkl&rung des Regenbogens 

auroycuB. .^^ ^^^ sonst SO tuchtige Optiker PranciscuB Maurolycus in seinem 
Werk Tbooremata de lumine et umbra etc. 1575. Maurolycus war 
der Sobn eines Griecben, der aus Furcbt vor den Tiirken Constantinopel 
verlassen batte und nacb Messina ilbergesiedelt war. Er trat fr&b in 
den geistlicben Stand, lebrte aber meist Matbematik in seiner Yaterstadt. 
Seine matbematiscben Scbriften bilden den grossten Tbeil seiner Werke 
und seine Untersucbungen iiber Kegelscbnitte baben ibm den Rubm des 
grossten Geometers im 16. Jabrbundert eingetragen; am bekanntesten 
aber ist er durcb sein optiscbes Werk. Bei der Erklarung des 
Regenbogens zwar lasst er den Licbtstrabl siebenmal in 
dem Regentropfen unter einem Winkel von 45^ reflectirt und k ein- 
mal gebrocben werden, was dann freilicb zu keinem Ergebnisse 
fubren will, das mit der'Erfabrung stimmt. Daf&r weist er aber aucb 
den Irrtbum, dass der Nebenregcnbogen nur der Reflex 
des Hauptrcgenbogens sei, als unwabrscbeinlicb zuriick. Seine 



Optik des Maurolycus. 



127 



Grnode sind recbt vernCinftig, die Farben des Hanptbogens sind nicbt 
lebhaft genug, urn sicb zu reflectiren, es ist keine spiegelnde Flache 
Torhanden, die Reflexion w&rde nicbt nur die Farben, sondem miisste 
anch den Bogen nmkebren. 

Eine bedentende Tbat ist seine leidlicb ricbtige Erklarung 
Ton der Wirknng der Brillen. Indem sicb Maurolycus mit der 
Brecbung des Licbtstrabls durcb Linsen bescbaftigt, findet er, dass die 
Ton einem lencbtenden Punkte ausgebenden Strablen sicb 
ziemlicli in einem Punkte des ungebrocben bindurcb- 
gebenden Strables binter der Linse wieder vereinigen. 
Er giebt an , dies sei deutlicb zn seben , wenn man die Sonnenstrablen 
durcb eine conyexe Linse in ein dunkles Zimmer lasse. Die wirklicbe 
Tereinigungsweite , die Brennweite der Linse, kann er nicbt 
bestimmeni), weil er die Einfalls- und Brecbungswinkel nocb propor- 
tional annimmt, aber er siebt docb, dass bei Conyexglasern ein Bild des 
leucbtenden Gegeustandes binter der Linse entstebt, wabrend Concav- 
glaser die Licbtstrablen nicbt vereinigen, sondem mebr zerstreuen; und 
siebt vreiter, dass beide Arten von Linsen desto starker wirken, je mebr 
de gekrammt sind. Danacb erklart sicb leicbt die Erystalllinse 
als der wicbtigste Tbeil des Auges, der die von dem Gegen- 
stande ausgebenden divergirenden Licbtstrablen wieder zu einem Bilde 
zusammenbricbt. Dies kann bei falscber Wolbung der Ej*ystalllinse 
leicbt zu frub, bei Eurzsicbtigkeit , oderzu spat, bei Weitsicbtig- 
keit, gescbeben, und dieser Febler der Erystalllinse ist es, der dann 
durch concave oder convexe Brillenglaser ausgeglicben werden muss. 
Von der Function der Netzbaut und den Bildern auf derselben bat 
trotzdem Maurolycus nocb keine klare Idee, denn er meint, die Strablen 
muBsten vor ibrer Yereinigung auf den Sebnerven fallen. 

Yollstandig gelingt dem Maurolycus dieErkl&rung der run- 
den Sonnenbildcben, die man im Scbatten eines Baumes unter 
gfinstigen Umst&nden siebt. Er giebt an, dass jeder Punkt in dem 
Zwischenraum zwiscben den Blattern, durcb welcben das Licbt bindurcb- 
geht, die Spitze eines aus Licbtstrablen gebildeten Doppelkegels ist, 
dessen eine Grundflacbe die Sonnenscbeibe, dessen andere die Flacbe ist, 
welcbe das Licbt auffangt. Dann entstebt das Bildcben auf dieser Flacbe 
durcb eine unendlicbe Menge runder Bilder, deren Gesammtbeit um so 
mebr einen Kreis bildet, je kleiner die Oeffiiuog im Yerb&ltniss zu ibrer 
Entfemung von der Scbattenflacbe ist. Die Alton, welcbe scbon seit 
Aristoteles diese mnden Sonnenbildcben sowobl, wie aucb ibre sicbel- 



1494 bis 1576 
Maurolycns. 



^) Maurolycus weiss aber, dass nicht alle der Achse parallelen Licbtstrablen 
ID einem Punkt binter der Linse vereinigt werden, er entdeckt also die spbari- 
■chen Abweicbungen bei Linsen, wie sie Bacon bei Spiegeln entdeckt bat; die 
Brennlinien erwahnt er der Sacbe, wenn aucb nicbt dem Namen nacb, ibre 
G<»talt bleibt natiirlicb unbestimmt. 



128 Schwerpunkte. Mechanische Potenzen. 

]4Mbui675 f5rmige Gestalt bei Sonnenfinsternissen kannten, hatten echt pfailo- 
sopbiscb erklart, dass das Licbt, nacbdem es dnrcb eine 
Oeffnung bindnrcbgegangen, nm so mebr die Gestalt des 
leacbtenden Eorpers wieder an^unebmen bestrebt sei, je 
weiter es sicb von dem Hinderniss entferne. 

1677 Die Reibe der eigentlicben Mecbaniker der Neuzeit beginnt mit 

M^^ Guido TJbaldi Marohese del Monte and seinen Mecbanicoram 
librTvi li^J^i VI. In ibm zeigt sicb deutlicb die Abbftngigkeit der neue- 
ren Mecbanik von Arcbimedes, denn Ubaldi (1545 bis 1607) war 
ein Scbiiler des Gommandino, den wir als Uebersetzer der Scbrift des 
Arcbimedes fiber die scbwimmenden Korper genannt baben. Ubaldi 
selbst iibertrag die Scbrift de aeqoi ponderantibus nnd scbrieb aucb eine 
Abbandlang uber die Arcbimedisobe Wasserscbraube. Die Uebersetzung 
des Arcbimedes erscbien zebn Jabre nacb der eignen Mecbanik des 
Ubaldi. „£r babe . in seinem Bnob die Lebrsatze der griecbiscben 
Mecbaniker als vemunftig angenommen and aas ibnen mancbes bewiesen, 
das docb, wie er vernebme, nicbt Allen genug getban. Seinem Werke 
mebr Beifall za erlangen, woUe er nan die alten Scbriftsteller selbst 
Yorlegen, well docb so yiel aaf Autoritat ankomme.*' In der Yorrede 
recbtfertigt er den Arcbimedes, „dass er yon dem Scbwerpunkt der 
Ebenen gescbrieben, da docb die Ebenen nicbt scbwer sind. Man kdnne 
eine solcbe Ebene als Grandfl&cbe eines Prisma anseben, das Prisma 
aber bleibe im Gleicbgewicbt, wenn der Scbwerpankt der Grnndflacbe 
unterstiitzt werde.** In seiner eignen mecbaniscben Scbrift erklart 
Ubaldi die Wirkang der fiinf mecbaniscben Potenzen des 
Pappus, des Hebels, der Rolle, des Wellrades, des Eeils and der 
Scbraube, indem er ancb die vier letzten auf den Hebel zaruckfUbrt and 
dessen Wirkang nacb dem Yerb&ltnisse der virtaellen Gescbwindigkeiten 
erklart. Galilei bezeagt aosdruckliob, dass er darcb Ubaldi za tieferen 
Untersacbangen uber die Scbwerpunkte angeregt worden sei; trotzdem 
darf man ibn nicbt als einen eigentlicben Vorl&ufer GalUei's anseben, 
denn seine Untersucbungen sind nocb aasscbliesslicb statiscber Natur, 
und wenn er aucb beim Hebel die Wege, die za durcblaufen sind, in 
Betracbt ziebt (was aucb scbon Aristoteles getban), so ist das ein Aus- 
nabmefall fQr seine Mecbanik; nicbt einmal ftlr die scbiefe Ebene weiss 
er dasselbe Princip nutzbar zu macben. Libri ^) ruhmt sogar von ibm, 
dass er nor darauf bedacbt gewesen sei, die Geometric auf die Mecbanik 
anzuwenden, and dass bei ibm nicbts von Hypotbesen oder Principien 
a priori za finden seL 

Ubaldi, der aas einer der berobmtesten Familien Italiens stammt, 
widmete sicb frubzeitig der Matbematik and studirte in Urbino and 
Padua. Sp&ter verliess er sein Vaterland, am gegen die TQrken zu 



^) Histoire des sciences IV, 84. 



Magaetische Inclination. Kalenderreforra. 129 

kampfen; nach seiner Rilckkehr worde er im Jabr 1588 Generalinspector 1577 
der Festnngen in Toscana. In dieser Stellnng wahrscheinlich kam er 
mii Galilei zoBammen. Spater zog er sich, um ganz allein den Wiesen- 
ichafien leben zn kdnnen, anf seine GfHer znrQck nnd starb da im 
Jahre 1607. 

Der englische Seemann and Compassmacber Bobert ITorman zeigt isso 
in seinem Werkcben Tbe new attractive zuerst eine ricbtigere nnd l^^^'^J^ 
amfassendere Eenntniss von den Eigenscbaften der Magnet- attractive. 
nadel. £r entdeckt die Neignng der Magnetnadel gegen den 
Horizont nnd constmirt ein Inclinatorium, d. i. eine um eine bori- 
zontale Acbse im magnetiscben Meridian drebbare Magnetnadel, mit der 
er die Inclination fibr London anf 71^50' bestimmt. Der Nurnberger 
Georg Hartmann, der sicb viel mit der Yerfertignng von Sonnenubren 
beschaftigte, batte sobon 1544 eine Neignng der Magnetnadel 
gegen den Horizont bemerkt, batte aber dieselbe nicbt zn 
mesaen vermocbt Bis anf Norman and seine Entdeckung verlegte 
man den Anziebungspunkt fCLr die Magnetnadel an den Him- 
mel, oder man fabelte ancb von grossen Eisenbergen im Norden 
der Erde, welcbe die Scbiffe, sobald sie sicb ibnen zu weit naberten, 
festbielten oder denselben die Eisenn&gel anszogen, so dass sie auseinan- 
der fielen. Norman verlegt wenigstens wegen der Neignng der 
Nadel den anziebenden Pnnkt in die Erde, wenn er aacb diese 
selbst nocb nicbt fur einen Magneten erklart. Er bemerkte aucb, dass 
das Magneiisiren einer Stablnadel ibr Gewicbt nicbt vermebrt, dass also 
die Neignng der Nadel nicbt von einer dnrcb das Magnetisiren bewirk- 
tan Gewicbtsverandernng berrCibren kann, was vielleicbt Mancber, der 
scbon frnber die Neignng bemerkt, geglanbt batte. 

Der Papst Gregor XIII. setzte endlicb 1582, aUerdings nnr 1582 
bei den romiscb-katboliscben Staaten, die viel verlangte and eror* ^'ai^oder^^ 
terte Kalenderreform dnrcb. Die Eircbe batte wegen der Fest- verbesBo- 
recbnnng ein besonderes Interesse an der Ricbtigstellnng der Cbronologie. 
Roger Bacon batte scbon dieVerbessemngdes Kalenders verlangt, Cusanus 
schrieb de reformatione Calendarii, Sixtns TV. verbandelte deswegen mit 
Begiomontan, dem Tridentiniscben Concil lageu Verbesserungsvorscblage 
▼or, aber erst Gregor XUI. konnte, nacbdem er scbon 1577 die Yer- 
han^lnng mit den katboliscben Macbten eroffnet, dnrcb ein Breve den 
alien Ealender f&r abgescbafft erklaren. Der nacb dem Julianiscben 
Kalender alle vier Jabre eintretende Scbalttag sollte nun in jedem Jabre, 
dessen Jabreszabl dnrcb 100, aber nicbt dnrcb 400 tbeilbar ist, ans- 
fallen. Das Jabr wird dadnrcb auf 365^ 5^ 49"" 12'> festgesetzt, nacb 
Lalande betr&gt es aber 365^ 5^ 48"" 48% in 3600 Jabren wird man 
also wiedemm einen Tag zu viel baben. Wann dieser Tag anszulassen, 
ist nocb eine offene Frage; ein besondera eifriger Gbronologe, der Predi- 

Bosenberger, Oeschicbte der Phy«ik. q 



130 



Pendelbewegung. Kraftezusammensetzung. 



rang. 



1589 ger Lehmann, hat scbon im Jahre 1842 das Jabr 2000 daza bestimmt. 

K^ndfi^"* ^®^ bekannte Cbronologe Ideler findet aber keine Nstbigung den Tag 
Terbewe- gcboii jetzt aus^uscbalten und furcbtet nur Verwiming von einer za 
friiben Aendening. 

Der kircblicben Festrecbnnng wegen bescbloss man im Jabr 1582 
auf den Stand des Jabres znr Zeit des Goncils von Nic&a, also aaf 325 
n. Obr., zurtickzugeben, in welcbem Jabre die Friiblingsnacbtgleicbe auf 
den 21. Marz gefallen war, dazn waren 10 Tage ansznscbalten. Die 
notbigen Yerabrednngen verzdgerten dies bis in den October des Jabres 
1583, wo man nacb Donnerstag den 4. Ootober direct Freitag den 
15. October scbrieb. Die protestantiscben ReicbsstHnde, die sicb lange 
Zeit weigerten, einen Yorscblag des Papstes gut zu beissen, mit ibnen 
Danemark, Holland und die Scbweiz, bescblossen im Jabr 1699 die 
Kalenderverbesserung anzunebmen und sprangen im Jabre 1700 vom 
18. Februar auf den 1. Marz. England fiibrte den neuen Kalender 1752 
ein, Scbottland und Scbweden 1753. Die Anb&nger der griecbiscben 
Kircbe baben bis beute den alten Styl beibebalten, sie sind in diesem 
Jabrbundert um 12 Tage gegen uns znrQck. 



1683 
Oalilei. 
Pendel- 
bewegnng. 

1584 

Tractatus 
de motu. 



Galileo Galilei beobacbtet im Dom zu Pisa die Scbwin-^ 
gungen der Kronleucbter. 

Michael Varro versucbte in seinem Tracta^ns de motu die 
Wirkung des Keils durcb Zusammensetzung zweier bypotbetiscben 
Beweguugen zu erklaren; er bat iLberbaupt eine Yorstellung von der 
Kr&ftezusammensetzung und weiss, dass drei Krfifte, die in ibren 
Wirkungen sicb wie drei Seiten eines recbtwinkligen Dreiecks verbalten, 
im Gleicbgewicbt sein konnen. 



Stolin ^^® Kraftezusammensetzung bebandelt aucb Stevin in seinem 

Beghinseiau Begbiuseleu der Weegkonst (d. b. Principien des Gleicb- 
kontt. *^ ' gewicbts). Simon Stevin wurde 1548 in Brdgge geboren; er war 
zuerst Steueraufseber in seiner Yaterstadt, dann aber Oberaufseber 
der Land- und Wasserbauwerke in Holland und starb 1620 zu 
Leyden. Seine Werke erscbienen 1634 gesammelt unter dem Titel: 
Les oenvres matb^matiques de Simon Stevin. Stevin nimmt eine eigen- 
tbflmliobe Stellung in der Mecbanik ein, seine Spi*acbe ist klar, nilcbtern 
und bestimmt, seine Beweise sind fest und sicber gefCLbrt; er zeigt 
nicbts von der seinem Jabrbundert nocb so eigentbiimlicben Yerworren- 
beit in den mecbaniscben Begriffen, ja er belegt fast immer seine Satze 
durcb gut erdacbte und gut ausgefiibrte Experimente, so dass man ibn 
gern in das folgende Jabrbundert neben Galilei stellt. Andererseits 
aber ist er, abgeseben von dem Expenment, das docb bei ihm nocb 
nicbt die sp&tere Wicbtigkeit erlangt bat, metbodiscb nocb ganz 
den Alten zuzurecbnen, ein Statiker aus der ArcbimediBchen Scbule, 



Gesetz der schiefen Ebene. 131 

dessen Beweisen noch das dynamische Element fehlt, welches fur die iss? 
Galilei'aclie Mechanik so charakteristisch ist, and dessen Beweisart, wie ^"' 
die statische Methode uberbaupt, nicht nur den Entwicklangsgang 
Terdeckt, sondern anch einer allgemeineren Anwendung nicbt gQnstig ist. 
In Stevin feiert die Arcbimediscbe, rein statiscbe Metbode 
ihren letzten Trinmpb and die alte Statik erbalt darob seine 
Entdeckang des Gesetzes der scbiefen Ebene, wie dnrcb seine 
Untersncbangen tLber den Brack der Fliissigkeiten einen ge- 
wissen Abscbluss. 

Benken wir ans mit Stevin am ein Breieck, von dem die Grand- 
linie wagerecbt ist, eine gescblossene Kette gescblungen, die ilberall 
gleicbfonnig ans gleicb scbweren Gliedem bestebt, und die obne Reibnng 
nod Hindemiss am das Breieck bewegbar ist, so kann docb keine Bewe- 
gang eintreten, denn wtlrde eine solcbe nacb einer Seite beginnen, so 
muBste sie, weil trotz der Yerscbiebang der Kette bei ihrer Gleicbmassig- 
keit nicbta in den Verbaltnissen ge&ndert wird, obne Ende fortdauern; 
das ist anmdglicb, daram mass die Kette iiberhaapt im Gleicbgewicbt 
lein. Hiemacb folgert Stevin, dass Gleicbgewicbt aacb stattfinden musse, 
wenn keine Seite des Breiecks borizontal liegt, and endlicb, dass drei 
Kr&fte an einem Pankt im Gleicbgewicbt sind, wenn sie sicb nnr wie die 
Seiten irgend eines geradlinigen Breiecks za einander verhalten and 
diesen Seiten parallel sind. Bieser letzte Satz ist der Satz vom 
Parallelogramm der Krafte, nar in anderer Form; docb mass 
man sich hftten, von bier ans die Entdeckung dieses Satzes za datiren, 
dean erstens bat Stevin den Beweis des Satzes nicbt allgemein vollendet, 
and zweitens beziebt er sicb nar aaf den Fall des Gleicbgewicbts and 
nicht aaf die Gleicbbeit der darcb die Kr&fbe bervorgebrachten Bewe- 
gangeo. Dagegen genHgt scbon das Gleicbgewicbt der Kette am Breieck, 
am das Gesetz der scbiefen Ebene za entdecken. Ber untere 
wagerecbt liegende Tbeil der Kette ist fur sicb allein im Gleicbgewicbt, 
die Schwerkraffc ziebt seine einzelnen Glieder senkrecbt nacb anten und 
verarsacht also weder einen nacb recbts nocb nacb links gebenden Zug; 
es massen sicb also die beiden seitlicben Tbeile der Kette aacb allein 
das Gleicbgewicbt balten , and daraus folgt voUkommen sicher der Satz, 
zwei Lasten sind aaf den beiden geneigten Seiten des 
Dreiecks im Gleicbgewicbt, wenn sie sich direct wie die 
Seiten selbst verhalten. Nebmen wir nan die eine der Seiten 
senkrecbt an , so wirkt die Last auf dieser mit dem vollen Gewicht and 
es folgt direct, am eine Last aaf der scbiefen Ebene zu halten, 
ist ein Gewicbt notbig, das sicb znr Last verh&lt wie die 
Hdhe der scbiefen Ebene za ibrer Lange. 

Seine Untersacbungen fiber den Bodendruck der FlQs- 
sigkeiten beginnt Stevin mit dem Satze, dass in eiiiem parallele- 
pipediscben Gef&ss jedes Bodenstflck nur von der uber 
ihm varbandenen FlQssigkeitssaule gedruckt werde. Benn 

9* 



132 Boden- und Seitendrtick der Flussigkeiten. 

1687 erleide das BodeDstflck einen grdsseren Druck, so k5nne dieaer nor Ton 

stevin. daneben befindlicben FliUsigkeitsaaiilen herrCLbren; fiir diese ddrfe man 
aber dann ebenso annebmen, dass sie selbst anf ibr Bodenstuck aucb 
einen grdsseren Druck als ibr eignea Oewicbt ausubten u. s. w., was zu 
Absurdem fQbren wCtrde. Aus diesem Satee wird dann abgeleitet, dass 
ancb in einem beliebig gestalteten Oef&ss der Bodendrnck 
gleich dem Druck einer Fldssigkeitssfiule ist, die den Bo- 
den zur Grundflacbe, die Hdbe des Wassers im Geffiss zur 
Hobe bat. Stevin constatirt n&mlicb, dass die Ersetzung einer Fli&s- 
sigkeitsmasse durcb einen gleicbscbweren festen Korper den Bodendruck 
nicbt &ndern wird, dann denkt er sicb in einem parallelepipediscben, mit 
FlQssigkeit gefQUten Gef^se alle Fli&ssigkeit bis auf einen yon dem Niveau 
zum Boden fubrenden Fl&ssigkeitscanal durcb einen gleicbscbweren 
festen Korper ersetzt; da diese Ver&nderung den Bodendruck nicbt 
andert, muss aucb in diesem beliebig gewundenen UDd erweiterten oder 
verengten Canal, filr den der feste KSrper nnr die Wandung bildet, der 
Bodendruck nocb immer dem Druck einer Wassersfiule dber seiner 
Boden-flacbe gleicb sein. Um dieses bydrostatiscbe Paradoxon 
aucb anscbaulicb zu beweisen, nimmt Stevin Gefltose von ver- 
scbiedener Form mit gleicben Fliissigkeitsb5ben, durcbbricbt Qberall den 
Boden mit einer Oeffnung von gleicber Grdsse und zeigt direct mit Hfllfe 
der Wage, dass ilberall das gleicbe Gewicht zum Heben einer Yerscbluss- 
platte der Oeffnung n5tbig ist. 

Den Druck auf eine Seitenwand des Gef&sses findet er 
dadurcb, dass er die FKlssigkeit in borizontale Scbicbten tbeilt uftd den 
Druck auf die den Scbicbten entsprecbenden Streifen der Seitenwand 
mit einer Art infinitesimaler Grenzmetbode bestimmt, wie sie scbon 
Arcbimedes angewandt batte. Da der Druck in einer Flussigkeit sicb 
gleicbmassig nacb jeder Ricbtung bin ausbreitet, so ist an jedem Pnnkte 
der Seitenwand der borizontale gleicb dem verticalen Druck. Filr einen 
Streifen der Seitenwand ist also der Druck grosser, als der einer Wasser- 
s&ule, die den Streifen als Grundflficbe und die Tiefe der oberen Grenz- 
linie unter dem Niveau zur Hdbe, und kleiner als der Druck einer 
Wassersaule, die bei derselben Grundfl&cbe die Tiefe der unteren Grenz- 
linie zur Hdbe bat. Durcb Summimng findet dann Stevin zwei Wertbe, 
die beim Uebergang zu unendlicb d&nnen Wasserscbiisbten in einen 
Grenzwertb, den wabren Wertb des Drnckes (Ibergeben; dieser ist f&r 
eine recbteckige Seitenflftche gleicb dem Gewicbt einer 
Wassers&ule iiber der Seitenfl&cbe mit der balben Hobe 
der Flacbe als Niveaubobe. 

Den Satz von dem Gleicbgewicbt des Wassers in commu^ 
nicirenden Rdbren leitet Stevin direct aus der alleinigen Abbftngig> 
keit des Bodendrucks von der Druckflfiobe und Niveaubobe ber und 
benutzt aucb umgekebrt die Beobacbtung der gleicben Niveaiibobe in 
ungleicb weiten communioirenden Rdbren als experimentellen Beweis fQr 



Gleichgewicht in Flussigkeiten. Dynamik. 133 

sein G«6etz. Des Archimedes Lehre von den schwimmenden Kor- 1587 
pern erweitert er dnrch die allgemeinen Satze, dass beim Gleichgewicht ^^^' 
der Schwerpunkt des sohwimmenden Korpers vertical 
UDter dem imaginaren Schwerpunkt der verdrHngten 
WassermaBse liegen miisse nnd dass das Gleichgewicht urn so 
dcberer sei, je tiefer der erste Pankt onter dem zweiten liege. 

Mehr Dynamiker als Stevin ist J. Baptists Benedetti (1530 bis iss? 
1590}. In seinem Diversamm specnlationnm math, et physicaram liber Diyen. 
vidmet er der Mechanik ein eignes Gapitel und hier tritt uns J^^j^'J" 
achon eine gewisse Kenntniss der Beharrung eines Korpers, nicht 
bloBS in der Rnhe, sondem anch in der Bewegnng, sowie auch eine 
Ahnnng von der Wirknng einer gleichfdrmigen Kraft ent* 
gegen, ohschon die Kraft selbst noch immer in ecbt Aristotelischer 
Weiee ab ein gewollter Zweck vorgestellt wird. Benedetti 
Bagt gegen Aristoteles, dass ein geworfener Stein durch die Laft mehr 
gehindert als angetrieben werde und dass die Bewegung des Steines, 
nachdem er die werfende Hand verlassen, von einer gewissen 
Impeiuositatkomme, die der Stein von der ersten werfenden Kraft 
erfaalten habe. Bei der nattbrlichen Bewegung (der frei fallenden 
Korper) wachse die Impet\iositat immer fort, weil die Ursache 
derselben ebenfalls immer fort wachse, namlich die Neigung der Korper, 
den ihnen von der Natur angewiesenen Platz zu suchen. Die Ge- 
schwindigkeit dieser Korper werde darum immer grosser, je naher sie 
diesem Platze kamen. £r behauptet dann weiter, dass alle Korper, 
gleichviel welches Gewicht sie haben, von gleichen Hdhen in gleicher 
Zeit znr Erde fallen und dass Korper, die im Kreise geschwungen 
werden, in der Tangente des Kreises fortgehen von dem 
Augenblicke an, wo sie sich selbst ilberiassen werden. Endlich Idst er 
die im 16. Jahrhundert viel bestrittene Aufgabe vom schiefen 
Hebel, indem er den Satz aufstelit, dass die bewegende Kraft (virtus 
movens) eines beliebigen Gewichtes durch die Lange der Senkrechten 
erkanni wird, die man vom Mittelpunkte des Hebels auf die Neigungs- 
linieder Kraft fUllt. Dieser Satz ist interessant, weil er die deutliche 
Definition von dem enthalt, was wir heutzutage Moment einer Kraft 
nennen. 

Benedetti, ein Yenetianer von Geburt, war ein friihreifes Genie, 
das sich noch dazu fast ganz autodidaktisch bildete. Er erzahlt selbst 
von sich, dass er nie eine Schnle besucht und nur unter Tartaglia die 
vier ersten Bficher des Euklid gelesen , wonach er sich dann allein weiter 
gebiJdet habe. Trotzdem erschien schon 1553, als Benedetti erst 23 Jahre 
alt war, von ihm das wissenschaftlich bedeutende Werk resolutio 
omnium Euclidis problematum aliorumque una tantummodo circuli data 
apertora, in welchem er alle Probleme des Euklid mit einer Zirkel- 
dSbung losen lehrte. Das Hauptwerk, in dem er seine physikalischen 



1587 

Benedetti. 



1&88 

Tycho de 
Brahe. 



134 Leben des Tycho de Brahe. 

Aosichten veroifentlichte, erschien erst am Abend seines Lebens und fand 
in diesem physikalischen Theile durchaus nicht die verdiente Beaohtung- 
Pbysik musste noch in dieser Zeit nach Aristoteles oder 
znr Notb aucb, wenn es sicb um statiscbe Yerhaltnisse 
bandelte, nach Archimedes gelehrt werden, sonstkonnte 
ein^erk nicht den Beifall der zClnftigen Gelehrten finden 
und wurde, so weit es nur moglich war, todtgeschwiegen. 
Unser Gelehrter aber war, neben einem ausgesprochenen Feind des Ari- 
stoteles and der peripatetischen Physiker, anch ein ausgezeichneter Pole- 
miker, um so mehr hatte man Ursache seine physikalischen Arbeiten zu 
ubersehen. Benedetti starb im Jahr 1590 als Mathematiker des Herzogs 
von Savoyen. 

Funfundvierzig Jahre waren seit der ersten Ausgabe des Baches 
von Kopernikus verflossen und noch hatte dasselbe ausser in DeutschLind 
wenig Beachtung gefnnden; die deutschen Astronomen batten meisi 
zugestimmt, aber das hatte wenig zur Verbreitung beigetragen, 
besser sollte nun in dieser Beziehung der Widerspruch 
eines bedeutenden Astronomen wirken. 

Im Jahre 1588 wendete sich Tyoho de Brahe durch Briefe an 
Peucer in Wittenberg und an Rothmatin inCassel gegen das Eoper* 
nikanische System und in demselben Jahre begann auf seiner 
Stern warte in Uranienburg der Druck des erst 1602 in Prag vollendeten 
Werks De mundi aetherei recentioribns phaenomenis liber secundus, in 
welchem er sein eignes System dem Kopernikanischen gegenilbersteUte. 

Tycho ist 1546 als Sohn eines schwedischen Edelmannes, der im 
Jahre 1571 als Commandant yon Helsingborg starb, geboren. Im Jahre 
1560 bezog er die Universitat Eopenhagen, um da nach der Bestimmung 
seiner Familie Jura zu studiren. Doch scheint ihn dieses Studium nicht 
sehr angezogen zu haben, denn in Leipzig, wohin er 1562 gegangen 
war, besch&ftigte er sich schon mit Astronomie and beobachtete im 
August 1563 die grosse Conjunction des Jupiter mit Saturn. Seine Yer- 
wandtschaft war yon solchem unadeligen Streben nicht sehr erbautund 
hatte ihm gem dasselbe ganz untersagt, wenn sich nicht Sten BiUe, ein 
Onkel mutterlicherseits , seiner angenommen h&tte. Dieser richtete ihm 
auch, nachdem er im Jahre 1571 von mehrjfthrigen Reisen in die Hei- 
math zuriickgekehrt war, auf seinem Gute eine kleine Sternwarte und 
ein chemisches Laboratorium ein. Die Beobachtung eines neuen Stems, 
der im Jahre 1572 heller als die Venus erschien, aber schon 1574 wieder 
verschwand, verbreitete Tycho's Ruhm, und nachdem er 1574 astrono- 
mische Vortrage gehalten und in Kopenhagen dem Konige Friedrich II. 
vorgestellt war, schenkte ihm dieser die Insel Hwen im Kattegat and 
erbaute ihm wahrend der Jahre 1576 bis 1560 die berCLhmte Sternwarte 
Uranienburg. Tycho hatte auf seinen Reisen Verbindungen mit den 
besten mechanischen Ktlnstlern angeknupft; er selbst ontersuchie alle 



Unhaltbarkeit des Ptolemaischen Weltsy stems. 135 

Instramente and besonders die Kreistheilungen genau; er entwarf, was i&ss 
damals nea war, Tabellen fiber die ermitfcelten Theilungsfehler and srahe. 
bnchte sie als Correction bei seinen Beobachtangen an. So konnte es 
nicht fehlen, dass die Tjcboniscben Beobacbtungen sich dorch 
eiae Genauigkeit aaszeicbneten, die bis dahin nicht erreicbt war. 

21 Jahre lang, yon 1576 bis 1597, beobachtete Tycbo, yon einer 
bedeotenden Anzahl yon Schfilern amgeben, in Uranienburg, dann aber 
wurde seine Stellong unbaltbar. Fnedrich II. war gestorben, yier Rathe 
iohrten wahrend der Minderjahrigkeit seines Nacbfolgers Christian IV. 
die Regierang; mit einem derselben, Christoph Walkendorp, hatte sich 
Tycho wegen einer englischen Dogge yernneinigt, dadarch warde es 
eeinen yielen Feinden leicht, ihn zn yerdrangen. Er ging 1597 zuerst 
nach Kopenhagen and als ihm ■ Walkendorp dort sogar den Gebrauch 
seiner Instrnmente yerbieten liess, nach Rostock. Im Jahre 1599 gediehen 
seine Unterhandlongen mit dem Kaiser Radolph znm Abschluss. Er 
begab sich nach Prag als kaiserlicher Astronom, Astrolog and 
Alcbemiker, bekam 2000 Dacaten zor ersten Einrichtung, 3000Galden 
Jahresgehalt, ein Haas in Prag and ein Schloss Benach bei Prag zam 
Aafenthalt and, was das Wichtigste ist, den Astronomen Kepler 
zam Assistenten. Doch soUte seine Wirksamkeit hier nicht wahren, 
nach einem Gastmahl, bei dem stark getrunken warde» erkrankte er and 
starb am 24. October 1601. 

Tycho's grosser and wohlyerdienter Rnhm grfindet sich anf die 
Menge and die Sorgfalt seiner Beobachtangen, die theore- 
tischen Frachte derselben hat er selbst wenig eingeerntet, wir wer- 
den spater sehen, wie der yielgeplagte and schlecht bezahlte 
Assistent Kepler aas diesen Beobachtangen die wahren Bahnen der 
Planeten findet and damit das Kopernikanische System an einem der 
empfindlichsten Pankte berichtigt. Tycho hatte allerdings aus 
seinen Beobachtangen die Unhaltbarkeit des Ptolemaischen 
Systems erkannt; er hatte gerade daram sein Augenmerk besonders 
aof den Planeten Mars gerichtet, dessen Bahn am wenigsten mit dem 
excentriachen Kreise stimmte. Er sah aach die Einfachheit, die Leich- 
tigkeit, mit der das System des Kopernikas die yerwickelten Erschei- 
nongen der Planetenbewegang erklarte; er gab gern zu, es sei die 
beqaemste Hypothese fiir die Berechnang and war nicht karg 
im Lobe dieses Astronomen. Trotzdem konnte er sich nicht entschliessen, 
das System als den thatsftchlichen Verh&ltnissen entspre- 
chend anzanehmen, weil er sich anter keinen Umst&nden eine 
Bewegnng der Erde za denken yermochte. 

Tycho's Einwarfe sind: 1) Es ist anbegreiflich, wie auf der 
rotirenden Erde ein Stein, yon der Spitze des Thurmes 
fallend, am Fasse desselben niederfallen kann. Ein sehr 
ichwer wiegender Grand, wenn das Beharrangsgesetz nicht bekannt ist 
Kopernikas hatte dergleichen Einwande darch die Annahme za beseitigen 



136 Einwiirfe gegen das Kopetnikanische System. 

1588 versncht, dass alien irdischen Korpern mit der Erde die KreisbeweguDg 

Brahe/^ nat&rlich sei. 2) Die Erde sei ein grober, schwerer, znr Bewe* 
gung angeschickter Korper, den man anmoglich wie einen 
Stern in den Lilften hernmfahren kdnne. Der schon erw&bnte 
Rotbmann bielt dem entgegen, dass ja nach Tycho's eigenen Beobaeb- 
tnngen die Sonne 140 mal, Jupiter 14 und Saturn 22 mal grosser und 
also zur Bewegung noch nngescbickter w&ren als die Erde. Tycbo denkt 
aber wobl trotz derGrosse nicbt an eineScbwere derGestime. 3) Wenn 
die Erde eine so grosse Strecke durcblaufe, mflssten die 
Fixsterne dabei eine merkliche Verftnderung der sohein- 
baren Lage zn einander zeigen. Kopernikos batte den Einwand 
Bcbon im Voraus mit der unyerbftltnisBmassig grossen Entfernung der 
Fixsterne widerlegt. 4) Eb sei keine Kraft aufzufinden, welcbe 
die Erdaxe immer parallel erbalten sollte. Wie schon fr&ber 
bemerkt, ein riobtiger Einwurf. 5) Die Bibel widersprecbe in der 
Stelle Josua 10, 12 (Sonne stehe still zu Gideon) direct der Lebre 
yon der Bewegung der Erde. 

Dieser letztere Grand scheint Tyoho endgflltig yon 
der Annabme des Kopernikaniscben Systems abgebalten 
zu baben. Er construirte ein Vermittlnngssystem, nacb 
welcbem die Erde wie bei Ptolemaos rubt und yon Sonne und Mond 
umkreist wird, die tibrigen Planeten aber wie bei Kopemikus sicb um 
die Sonne bewegen. Madler nennt dies System des grossen Tyoho un- 
w&rdig und mdcbte gem glanben, dass jenes Werk De mundi aetherei 
recentioribus pbaenomenis, welches das Tychoniscbe System enthalt, durcb 
fremde Znsatze yerf&lscbt sei. Andere Astronomen geben zu, 
dass es gegen das Ptolemaische System einen Fortschritt bedentet, wenn 
es aucb gegen das Kopemikaniscbe ein bedeutender RQckschritt ist 

Jedenfalls bat Tycbo das Ptolem&ische System gest&rzt 
und dadurch den endlichen allgemeinen Sieg des Kopernikus 
mit yorbereitet. Durcb den Rubm und das Anseben des Tycbo 
wurde sein System scbnell bekannt. Nacbdem ein so bedeutender 
Astronom den Ptolem&us aufgegeben, wagte Niemand mehr ihn zu 
halten, jetzt blieb nur die Wabl zwiscben dem balben and ganzen 
(leliocentriBcben System and Jeder, der sicb in seinem Gewissen durch 
die Rube der Sonne bescbwert fublte, Jeder, der aus Furcht yor der 
Kircbe dem radicalen Reyolution&r Kopernikus abhold war, Jeder dessen 
Vertrauen auf den Augenscbein grosser war als sein astronomiscbes 
Verstandniss, wandte sicb berubigt dem geo-beliocentriscben System 
des Tycbo zu. Nur der eigene Assistent des Tycbo, Kepler, 
konnte sicb nicbt zur Annabme entscbliessen ; trotzdem jener bis za 
seinem Tode ihn drangte, es docb mit seinem System, das dem Kopemi* 
kaniscben so ftbnlicb sei, za yersucben. Aucb der Lehrer Kepler's, 
der Professor Michael M&stlin (1650 bis 1631) in Tabingen, 
welcber noch 1562 in seinem Epitome astronomiae das Ptolemaische 



Kometen. Astronomische Refraction. 137 

System yorgeiaragen hatte, wandte sich nicht Tycbo, sondern Kopernikus iMs 
za, ja Mastlin soil es gewesen sein, der dorch eine in Italien gehaliene Bn^e.^^ 
Beie den berQhmtesten Vork&mpfer des Eopernikanischen Systems, 
Galilei, zaerst zn dessen Ansicht bekehrte. 

Tjcho war aosscliliesalich Astronom; una bleibt nor Zweierlei zu 
berichten, was die Pbysik n&her berfibrt, seine Ansiobt fiber die 
Kometen nnd seine Beobachtangen der astronomisohen Refrac- 
tion. Bis dahin hatte man die Kometen far Ersobeinnngen in unserer 
Atmospb&re gehalten nnd sie damit der Pbysik zngewiesen. Tycbo 
konnte an dem Kometen yon 1577 trotz sorgf&ltigster Beobacbtnng keine 
Parallaxe finden, and da er mit seinen Instrumenten eine Parallaxe yon 
zwei Bogenminaten nocb entdeckt baben wfirde, so scb&tzte er die Ent- 
femnng dieses Kometen anf wenigstens 28 mal grdsser als die des Mon- 
des and stricb damit denselben eicher aos der Reihe der atmospbariscben 
Erscheinnngen. Anf die astronomische Refraction, die ja lange 
for Tycbo bekannt, aber nie recbt beriicksicbtigt worden war, nabm er 
znm erstenmale bei seinen Beobachtangen RUcksicbt and tadelte hart, 
dasB dies aaf anderen Stemwarten wie in Gassel nicht geschah. Aber 
trotzdem er aach nacb Beobachtangen eine Refractionstafel gab, kdnnen 
doch seine optischen Ansicbten nicht die richtigsten gewesen sein, denn 
er meint, die Refraction ende mit der Hobe yon 45^ fiber dem 
Horizont and sie sei ffir yerschiedene Sterne, wie Sonne, 
Mond etc., aach yerschieden. 

Eine der wanderlichsten Gestalten des 16. Jabrhanderts , balb i589 
Dilettant, balb GeJebrter and dabei ein gates Theil Marktschreier, ist Magia 
Giambattista della Porta, dessen Hanptwerk, die Magia nataralis n! Aufl! 
siye de miracalis reram nataralium libri XX, 1589 in zweiter, wirklich 
yerbesserter AnBage erschien. Porta (1538 bis 1615) war ein reicher 
neapolitanischer Edelmann, der bei seinen mannigfachen Besch&fbigangen 
allerdings manchmal mehr den EUndrack eines Liebbabers der Physik, 
als den eines wirklichen Physikers macht. Er &hnelt in etwas dem alten 
PliniuB, ist so fleissig, so sammeleifrig, aber auch so leichtglaabig and 
wandersfichtig. Er bringt einen grossen Theil seines Lebens anf Reisen 
za, sacht fiberall Neaes za erfahren, -knfipft fiberall mit beruhmten 
M&nnern an, stadirt die alten Natarwissenschafkler and giebt endlich in 
seinem grossen Sammelwerk wieder, was er so zasammengebracht. In 
einem aber erhebt er sich fiber die gewohnlichen Sammler, er ist ein 
gnter Experimentator, der dadorch die yerschiedensten Zweige 
der Physik mit neaen Entdeckangen bereichert hat^). Daffir fehlt ihm 



^) Aucb hier ist noch Manches zweifelhafb; Porta gesteht selbst, dass er 
alle Welt, Gelehrte wie Arbeiter, nach Geheimnissen unaufhCrlich beAragt hat. 
Dabei g;iebt er nie eeiue Quellen an, aasgenommen, wenn es sich um die Kennt- 
nisse der Alten handelt. 



138 Magia naturalis. 

1M9 wieder der strenge philosophische Sinn, der auf den ZuBammen- 

hang der Erscheinungen gehi, und fehlt ihm eine grundliche Kennt- 
niss der Mathematik; entgegen dem Cfeiste seiner Zeit hat er in 
Mechanik, wie Qberhaupt in der mathematischen Physik nichts 
geleistei* Selbst bei der Beschreibung seiner Ilxperimente muss man 
sich vor allzagrossem Yerirauen in Acht nehmen, weil Porta ofters Dinge 
beschreibt, die er nicht wirklich ausgefuhrt, and allerdings nach der 
Gewohnheit yieler damaliger Gelehrten, kuhne Projecte macht, deren 
AasfQhrbarkeit er nicht einmal untersncht. 

So machte er in seinen pneumaticoram libri III (einer spateren 
weiteren Ausfuhrong Yon einem Theile seiner Magia) den Yorschlag, 
Wasser dnroh einen Heber fiber Berge zu heben. Man brancht nur eine 
Rdhre fiber den Berg weg zu leiten and diese znm FfiUen an den beiden 
Enden wie auch an der hdchsten Stelle mit Hahnen za yersehen. Die 
Absioht ist nioht schwer za yerstehen; hatte aber Porta seine Idee an 
einem Berge, der hoher als 32 Fuss war, nar einmal aoszafuhren ver- 
sacht, so wurde er schon yor Galilei gefanden haben, dass der horror vacui 
eine Grenze hat. Nach seiner eigenen Aassage hat Porta die magia 
naturalis schon ina Alter yon 15 Jahren, das w&re 1553, yollendet; die 
alteste Aasgabe datirt jedoch yon 1558. Der Mathematiker Brandes 
nennt sie ^eines der nnsinnigsten Bficher, welches man sehen kann^y 
and man darf ihm beistimmen, wenn man hort, dass Porta darin eine 
Lampe beschreibt, die alle Anwesenden mit einem Pferdekopf zeigt, und 
dass er darin eine Methode angiebt, nach weloher man die Keuschheit 
einer Frau mit einem Magneten erkennen kann. Trotzdem oder yiel- 
leicht gerade deswegen fiand die Schrift nach Portals eigenem Bericht 
ungemeinen Beifall and warde ins Italienische, Franzdsische, Spanische 
and Arabische fibersetzt. Die zweite Ausgabe ist gegen die erste stark 
yermehrt and zeigt weniger yon jenen phantastischen Versuchen, dafur 
erregte sie auch lange nicht so yiel Interesse wie die erste ^). 



') Libri (bistoire des sciences IV, 16) sagt: Von alien Werken Porta's batte 
dieses den meisten Erfolg; es wurde mit soviel Eifer gelesen und ging durck 
soviet Hande, dass der uuaufbdrllcbe Gebraucb die ersteu Ausgaben ganz zer- 
stdrt bat und dass man nur Nacbdriicke davon nocb kennt. Man bat bentzn- 
tage Milbei diese Art der Zerstorung eines Bucbes, und nocb dazu eines Buches 
iiber naturlicbe Magie, auch nur zu versteben; aber AUe, die sicb mit Biblio 
grapbie bescbaftigen , wissen, dass fast alle Werke iiber die „gebeimen Wisseu- 
scbaften" dasselbe Loos erlitten baben und dass nicbt immer die Inquisitatoren 
allein an der Seltenbelt dieser Bucber scbuld sind. Dies beweist vor Allem 
der scblecbte Zustand, in welcbem Werke dieser Art auf uns gekommen sind. 
Die Moderomane von beute werden nicbt mit mebr Eifer gelesen, als es damals 
mit den Bucbem iiber die Magie and die Alcbemie gescbab, und kein Werk 
der Pbantasie bat jemals so yiel Wiederabdrucke erlebt, als dieses erste Werk 
von Porta. 8olcbe Erz&blungen von Wundem and ausserordentlicben Erschei- 
nungen ersetzien den Roman in jener Epocbe ; als der Autor nach langem Ar- 
beiten das Bucb von Neuem mit betr&cbtlicben Vermebrungen drucken liess 



Camera obscura. Auge. 139 

Der bedeatendste Theil der magia nataralis ist der isss 

optiecfae; dieser enthalt die Beschreibang der camera obscnra in 

ihrer einfachsten Gestalt. Porta sagt, man solle in dem FenBterladen 

eines dnnklen Zimmers eine kleine Oeffnung anbringen, dann wiirden 

aaf der gegenuberliegenden Wand die yon der Sonne beleuchteten Ge- 

genstande sich in ihren natfirlicben Farben, aber yerkehrt, abbilden. 

Er giebt dies nicbt fftr seine Entdeckang aus and hat dabei wobl Recht, 

denn abgesehen dayon, dass Leonardo da Yinci diese Einrichtung schon 

beschrieben, scheint dieselbe anch sonst bekannt gewesen za Bein. Die 

zweite Ausgabe des Works aber bring^ dann eine Yerbesserang , nach 

der wir doch Porta als Erfinder anserer camera obscura (wenn 

aach noch nicbt in der tragbaren Form) anseben miissen. Er fahrt da, 

nachdem er die obige Einrichtung beschrieben, weiter fort: ,,Ich will 

ein Geheimniss enthCdlen, das ich bis jetzt aus gutem Grande immer 

terschwiegen habe. Wenn Sie eine conyexe Linse in der Oeffnung an- 

briDgen, werden Sie die Gegenstande yiel deutlicher sehen, so deutlich, 

dasB Sie die ZUge derjenigen erkennen konnen, die dranssen promeniren, 

als wenn sie bei Ihnen waren." Seine Entdeckung der camera obscura 

wendet Porta auch auf das Auge und das Sehen an, er erkl&rt das 

AvLge fur eine solche dunkle Kammer, die Pupille fOr die enge Oeffnung, 

die das Licht einlasst, und die Krystalllinse — ein ganz merkwfir- 

diger Fehler bei Porta , der doch die Linse selbst in die Oeffnung des 

Ladens gesetzt hat — fQr den Sohirm, welcher die Bilder auffangt. 

Porta scheint nichts yon Maurolycus zu wissen, der schon yor ihm bessere 

Erklarungen gegeben hatte, er wiQrde sonst auch nicht die Weitsich- 

tigkeit Yon einer zu trockenen und harten and die Kurzsichtig- 

keit yon einer zu weichen, feuchten Krystalllinse bei entsprechend zu 

weiter oder zu enger Pupille hergeleitet haben. Am schonsten lost Porta 

die schwierige Frage yom Einfachsehen mit zwei Augen, denn 

nachdem er alle daruber aufgestellten Hypothesen weitlaufig aufgefahrt, 

erklart er korzweg, dass man immer nur mit einem Auge auf einmal sehe 

and zwar mit dem rechten, wenn man etwas zur reol^ten, mit dem linken, 

wenn man etwas zur linken Hand Gelegenes erblicken wolle. 

Die camera obscura wird yon Porta yorziiglich zum Yergniigen 
seiner Besacher yerwandt, aber gerade hier zeigt er sich merkwQrdig 
erfinderiacb. Er oefestigt namlich yor der Linse im Fensterladen eine 
leere Papierrohre, deren yordere Seite durch besonders dunnes Papier 
▼erschloBsen war. Auf dieses Papier malt er beliebige Figuren und yer- 
schiebt dann die Bdhre so lange, bis das Sonnenlicht die Figuren scharf 
anf der Zimmerwand abbildet; ja er weiss sogar durch das Bewegen der 



and 68 aach von emer grossen Anzahl eiugebildeter Wander reinigte, gewaun 
es zwar viel an wiasenBchafUichem Wertli, vei'lor aber ebenso viel an seinem 
Snf nnd wnrde bald zarackgelegt outer andere Werke von ahnlicher Art, wie 
de gabtilitate von Cardanus, die auch Niemand las. 



140 



Fernrohr. Brennpunkte. Magnetismus. 



1580 
Porta. 



Papierrdhre so yiel Leben in die Bilder zq bringen, dass er in den nicht 
ungefahrlichen Ruf eines Zauberers kommt. Die camera obscnra ist 
dadorch zu einer later na magica geworden nnd konnte leicht als 
Sonnenmikroskop gebrancht werden ; aber Porta, der doch sonst nicht 
bldde ist, macbt kein Anfhebens yon dieses Entdeckungen, er erkennt 
ihre Wichtigkeit nicht and, so ware es anch wohl nicht richtig, wenn 
man ihn als wirklichen Erfinder der laterna magica bezeichnen woUte. 

Noch weniger freilioh scheint es mit der Erfindung des Fern- 
rohr s auf rich zu haben, die man von gewisser Seite ebenfalls dem 
Porta hat zosprechen woUen. Es grilndet rich dies aof die Stelle, wo 
Porta sagti dnrch eine concave Linse sehe man entfemte Gegenstftnde 
dentlich, durch eine erhabene naheliegende, nnd wo er dann fortfahrt: 
Wenn da yerstehen wirst beide richtig zasammenzusetzen, wirst da 
sowohl das Entfemte wie aach das Nftchste deutlich sehen. Ich babe 
yielen Freunden, welche das Entfernte wie das N&chste undentlich 
erblickten, so geholfen, dass sie Alles aaf das Vollkommenste sahen. 
Die Stelle ist dnnkel, der letzte Satz zeigt jedoch, dass Porta an Hulfe 
fQr schwachsichtige Personen, nicht an ein Fernrohr, das auch dem 
gesunden Aage neue Welten erschliesst, gedacht hat, wobei nicht aoa- 
geschlossen ist, dass die Stelle, wie aach schon fthnliche frQher, z. B. 
bei Roger Bacon erw&hnte, den wirklichen Erfindem Veranlassang za 
ihren Arbeiten gegeben haben. 

F&r den Hohlspiegel sagt Porta zum erstenmal richtig, dass 
man die Brennpunkte aller Strahlen, die in der N&he der 
Achse einfallen, ohne merkliohen Fehler in den Mittel- 
punkt des Halbmessers setzen konne; fQr Linsen weiss er aber 
nicht mehr, als dass der Brennpunkt hinter der Linse liegt. Porta 
nennt den Brennpunkt punctum inyersionis imaginum, Umkehrungs-' 
punkt der Bilder, weil er bemerkt hat, dass ein Brennspiegel yon ein em 
Gegenstand, der zwischen Brennpunkt und Spiegel steht, yergrosserte 
aufrechte Bilder, yon einem Gegenstand aber, der ausserhalb der Brenn- 
weite steht, umgekehrte yerklrinerte Bilder zeigt. 

Ausser seinen optischen Untersuohungen sind nur noch die 
magnetischen bei Porta yon Interesse. Er weiss, dass ungleich- 
namige Pole, die er freundschaftliche nennt, sich anziehen, 
gleichnamige (feindliche) aber sich abstossen; doch glaubt er, 
dass der Magnet auch Eisen sowohl anziehe als abstosae, 
wahrscheinlich weil sein Draht, nachdem er einmal angezogen, dann 
selbst magnetisch geworden war. Durch das Streichen mit einem 
Magnetstein maoht er auch Eisen selbst zum Magnet, und 
findet richtig, indem er den erzeugten Magnet in einem Sch&lohen auf 
Wasser legt oder ihn an einem Faden aufh&ngt, dassjeder Magnet- 
pol in dem bestrichenen Eisen einen entgegengesetzten 
Pol erzeugt, auch bemerkt er, dass sich mit dem bestrichenen Eisen 
wieder anderes Eisen u. s. w. ohne Aufhoren magnetisch machen l&sst. 



lW««vt« 11 J^tU WW«Y««»«9 



\t 



Porta's Academie. Fallversuche. Mikroskop. 141 

Bel dieeen verst&ndigen Ezperimenten findet sich eine gut scholasti- i689 
sche Erklarung der Anziehung: der Magnetatein ifit ebenhaltig, 
dies Elisen ist aber in ihin in einem sehr unyollkommenen Ztuatande, es 
sdeht also anderes Eisen ani nm sich duroh solche Yerbindnng selbst 
ToUkommen za machen ^). 

Porta ist ein etwas dunkler Gharakter, prahleriach, leichtsinnig im 
Umgang mit der Wahrheit, wundergl&ubig onkritisoby ohne tieferen 
wiBsenschaftlichen Ernst nnd dock durchans nicht ohne Yerdienst; wir 
liaben schon in Cardanos ebenfalls in diesem Jahrhundert eine fthnliche 
zweifelhafle Oestalt kennen gelemt nnd h&tten noch in dem berAhmten 
nnd berttchtigten Philippas Anreolns Theophrastus Bombastns 
Paracelsus ab Hohenheim (1493 bis 1541) einen Meister der 
Marktschreier anfCLhren kdnnen, der dock ausser seinem bedeu« 
tendenWerth fiir dieMedicin auch fiLr die gesammteNatnr- 
wissenschaft als Gegner des scholastischen Aristotelis- 
muB seine Yerdienste hat. Etwas starkes Hervordr&ngen, einiges 
interessant Wunderbare soheint in dieser Uebergangsepoche dem Natur- 
wiflsenschaftler n5thig zu sein, wenn er Geltnng finden will. 

Noch bleibt der gelehrten Gesellschaft zu gedenken, die 
Porta im Jahre 1560 in Neapel in seinem eigenen Hause grQndete, nicht 
weil sie irgend Bemerkenswerthes geleistet, sondem weil sie der erste 
Gelehrtenverein einzig und allein zum Zwecke der Natur- 
forschung ist. Sienannte sich Academia secretorum naturae, hat 
aber nicht viel Geheimnisse ergrilnden kdnnen, denn als Porta vor der 
Inquisition der Zauberei nnd fibernatilrlicher Kunste angeklagt wurde, 
l5ste die Akademie sich auf , nnd sie ist nach Porta's glilcklicher Frei- 
sprechnng nicht wieder eroffnet worden. 

Galilei zeigt dnrch Fallversuche Tom schiefen Thnrm i69o 
za Pisa, dass die Eorper nicht urn so schneller fallen, je paiiver- 
schwerer sie sind. •"^*'"' 

Wir baben gesehen, dass schon Seneca die Yergrosserungskraft der iseo 
mit Wasser gefdllten Glasfiaschen kennt, Alhazen die durch sph&rische des 
Flachen bewirkten Yergrossernngen behandelt und dass Roger Bacon '^' °^*' 
and Porta mitEnthusiasmus von solchenWirkungenderLinsensprechen; 
dock finden wir bei alien diesen nie die Absicht, die Linsen zur 
Erkennang des far das Auge unsiohtbar Kleinen besonders 
zu benutzen. Der Name Hikroskopt der entschieden auf eine 
solche Absicht deutet, stammt yon Desmicianus, einem Mitglied der im 
Jahre 1603 gestifteten Academie dei Lyncei (der Luchse); die wissen- 



• I 



^) Anch Cardanus (Seite 123) wusste, dass der Magnetstein eisen^hnlich. 
Veil das Eisen vom Magnetstein augezogen wird, nannte er den letzteren 
weibliches und das erstere mftnnliches Eisen. 



142 



Erfindung des Mikroskops. 



1690 r 

£r6ndang | 
des I 

Mikroskopsi 

I 



1 



/ 



Bchaftlichen mikroskopischen Beobachtnngen datiren eigoni- 
lich erst von Hooke, Leuwenhoek and Hartsoeker (c. 1670), wenn 
anch schon Stelluti 1625 einen Theil der Biene mit dem Mikroskop be* 
trachtet hat. AUe diese Manner beobachten noch mit einfachen Mikro- 
skopen, Lenwenboek mit kleinen Olaslinsen, die bis 160 mal yergrds- 
serten, Hooke mit kleinen Olaskiigelchen and Hartsoeker scbmolz sich 
diese Glaskugelchen selbst vor der Lampe zusammen. (Nocb einfacber 
wardas Wassermikroskop des Stephan Gray yon 1696, der mit der 
Spitze emer Nadel einen Wassertropfen in die kleine Oeffnang einer 
metallenen Platte bringt, wo derselbe sich yon selbst zu einem Yergrds- 
serangsglas formt.) Wie milhsam die Beobachtungen mit diesen 
Kugelchen and wie bedeatend die Beobachtangskanst eines 
Leawenhoek sein mnsste, der mit solchen Instramenten die Infasorien, 
die Spermatozoon etc. entdeckte, kann man daraas sehen, dass nach 
Hayghen's Berechnang ein Kagelchen yon einer Linie im Darchmesser 
doch nar 128 mal yergrdssert. Der fortdaaemde Gebraach der ein- 
fachen Mikroskope zeigt, dass ein BedtUrfniss fflr zasammen* 
gesetzte, wenigstens am Ende des 16. Jahrhanderts, nooh nicht yor- 
handen war, and der sp&te Anfang der wissenschaftliohen 
Untersuchang lehrt, dass aach das Mikroskop tLberhaapt in dieser 
Zeit noch nicht yermisst wurde. 

Der Mensch besitzt einen natiirlichen, reizyoUen Drang, seinen Ge- 
sichtskreis za yergrossem; die Optik hatte schon lange in ihren Ver- 
sacheu mit Linsencombinationen dieses Verlangen machtig gesteigert 
and yiele Kopfe and Hande in Bewegang gesetzt; es war naturlich, dass 
man im Anfange des 17. Jahrhanderts zar Gonstraction des Fernrohrs 
gelangte, and der schnell allgemein werden.de erfolgreiche Gebraach 
zeigt, dass die Erfindang za rechter Zeit kam. Mit der We]t des an- 
sichtbar Kleinen aber hatte man sich bis jetzt noch wenig beschaf- 
tigt, das zasammengesetzte Mikroskop zeigt sich als eine 
Frilhgebart, welche durch die Arbeit am das Femrohr mit gezei- 
tigt worden ist, mit der al;»er die Wissenschaft znerst noch wenig 
anzafangen wasste. Dieser Ansicht ist nicht entgegen, dass man die 
Erfindnng des Fernrohrs in das Jahr 1608 and die des Mikroskops 
in das Jahr 1590, also achtzehn Jahre friiher, setzt, denn 1608 ist das 
Jahr, in welchem die Fernrdhre der Oeffentlichkeit fiber- 
geben warden, 1590 aber soil das Jahr der ersten Erfindnng 
des Mikroskops sein, and fiberdies ist das letztere Datam ansicher. 
Es wird gestfitzt aof eine Aassage des hoU&ndischen Gesandten Wilhelm 
yon Boreel (1655), nach welcher er oft gehort, dass sein frfiherer Spiel- 
kamerad in Middelbarg, der Brillenmacher Zacharias Jansen, in Ge- 
meinschafb mit seinem Yater Hans das erste Mikroskop yerfertigt, dieses 
Mikroskop hfttten die Yerfertiger an den Erzherzog Albrecht yon 
Oesterreich and dieser babe es an Cornelias Drebbel geschenkt, bei 
welchem er es dann selbst im Jahre 1619 gesehen. Aach der Sohn des 



Leben des Giordano Bruno. 143 

Zacliarias Jansen schreibt Beinem Yater die Erfindung des Mikroskops 1590 
am diese Zeit zu nnd da diesen Zengnissen keine anderen gegeniiber dea° °"^ 
steheSf so muss man ffir das Mikroskop 1690 als Jahr der Erfindnng ^•^^^'^^^op"- 
festhalten, obgleich die Zengnisse des Boreel nnd dee Jansen, wie wir 
Bpater beim Femrobr Beben werden, sicb nicbt flberall als entscbeidend 
ncber erweisen. 

Jedenfedls kann die Schenknng des Mikroskops an den Erz- 
herzog erst nacb 1596 gescbeben sein, weil erst in diesem Jabr Albrecbt 
alsGeneralgoayemenr in Brdssel eintraf nnd dem allgemeinen Bekanntwer- 
den nach ist daB Mikroskop zweifellos jiinger als das Femrobr. 
Der berfibmteHnygbens, obgleicb selbst HoU&nder, meint, dass das 
Mikroskop nicbt yor dem Jabre 1618 erfnnden nnd zaerst 
1621 bei Drebbel in England geseben worden sei. Docb bat Galilei ein 
Mikroskop scbon 1612 gefertigt nnd an den Kdnig Sigismnnd Ton Polen 
gescbiekt, aber anob dieses scbeint wenig bekannt ge worden zn sein; 
denn Hnygbens ftibrt als Beweis fQr seine Ansicbt an, dass der Italiener 
Sirtnrns, der 1618 fiber Fernrobre scbrieb, die Mikroskope nocb nicbt 
erwabnt babe. 

Der klibne Dominikanermdncb Giordano Bruno bat fSLr eine moMsieoo 

specielle Gescbicbte der Pbysik kein Interesse, fiir die Cbarakteristik Brnno. 

des stormenden nnd drangenden 16. Jabrbunderts, f&r die waobsende 

Reaction der Eircbe gegen das Fortscbreiten der Wissenscbaften ist die 

Betracbtang seines Lebens lebrreicb. Brnno, nm 1548 in Nola bei 

Neapel geboren, trat, nnbekannt wann,-in den Dominikanerorden; aber 

Zweifel an der Transsnbstantiation nnd an der Antorit&t des Aristoteles 

macbten ibn im Orden unm5glicb; er entflob. In Genf konnte seines 

Bleibens nicbt sein, da er nicbt Calvinist werden woUte, in Paris lebrte 

er mit ungebeurem Beifall. Yor dem Zwang in die Messe zn geben, 

Bchntzte ibn die Gnnst Heinricb's III., aber die Missgnnst seiner CoUegen, 

der erzilmten Aristoteliker, trieb ibn fort, nacb England. In Oxford, wo 

jeder Magister nnd Baccalanrens fQnf Scbillinge Strafe fiir jeden Febler 

gegen Aristoteles zd zablen batte, kampfte er, w&brend eines Festes des 

Kanzlers von Oxford, Leicester, in einem glUnzenden Redetnmier gegen 

die AnbUnger des Aristoteles und PtolemUns und fttopffce ftlnfzebnmal, 

nacb seinem eigenen Zengniss, seinen Gegnem so den Mund, dass sie 

nnr mit Scbimpfen antworten konnten. Trotzdem erbielt er, wobl dnrcb 

die Gnnst der EHsabetb, die Erlanbniss, Yorlesnngen zn balten, aber 

Dur fur knrze Zeit; dann bek&mpfte er in einer grossen dreitagigen 

Disputation wieder in Paris die Pbysik des Aristoteles nnd lebrte die 

Acbsendrebnng der Erde. Dies trieb ibn aucb bier wieder fort, er wen- 

dete sicb uber Marbnrg, Wittenberg nacb Helmstedt, wo ibn der Herzog 

von Brannscbweig mit Gnnst anfoabm und ibn sogar gegen die Excom- 

nmnication des Pastor primarins an der Marktkirche in Helmstedt, 

Dr. Boetbe, scbutzte. Docb wie flberall war aucb bier seines Bleibens 



144 



Weltensystem des Bruno. Kepler. 



1560 bis 1600 nicht, er elite bald nach Frankfurt and von da aof die Einladung eines 

Bniua"** Ven^tianers nach Yenedig. Hier ergriff ihn die Inqniaition und nach 

Jahre langer Haft worde der erst funfzigj&hrige Mann qnam clejnentis- 

sime et citra sanguinis effusionem bestraft, d. h. lebendig verbrannt — 

ohne widerrufen zn haben, was man wohl yon ihm erwartet hatte. 

Bnino ist kein Mitbegrilnder der neneren Physik, wie 
man wohl behauptet hat; er ist, trotzdem er gegen die Physik des 
Aristoteles kampft, ilberhaupt kein Physiker, sondem yon Grund aus 
Philosoph. Als NatnrphiloBoph kann er ftLr die sp&teren Naturphilo- 
sophen als Yorlanfer gelten; die Weltentheorie des Descartes, die 
Monadenlehre des Leibnitz klingen in einzelnen Saiten an Brnno an 
and Schelling selbst bezeugt, dass er ihm Yieles schalde. Das Haapt- 
yerdienst Bruno^s liegt fQr uns in seiner fruhenAnerkennung des 
Kopernikanischen Weltsystems and seiner mannhaften Yerthei- 
digang desselben. Schon in den Schriften yom Jahre 1584 bekennt er 
sioh ganz zur Lehre des Kopemikus and erweitert dieselbe aaf seine 
Weise. AUe Sterne sind entweder Sonnen oder Erden, die Sonnen haben 
ihr eigenes Licht and werden yon den Erden nmkreist, die ihr Licht 
erst von den Sonnen empfangen. Jede Sonne ist mit einem sehr grossen 
athererfullten Raume umgeben, in welchem die Erden sich bewegen. 
Solcher Sonnensysteme giebt es in dem anendlichen Weltall nnendlich 
viele and eq ist nicht za bezweifeln, dass noch aof yielen Erden wie auf 
unserer die Bedingungen fur die Existenz bewusster Wesen gegeben 
sind; der Mensch ist nur ein geringes, unbedeutendes Wesen in der 
Reihe der Geschopfe, wie sein endlicher, kleiner Weltkorper ein Staubchen 
ist im anendlichen Uniyersnm. 



1596 
Kapler. 



Johannes Kepler: Prodromus dissertationum cosmographicarum, 
continens mysterium cosmographicum de admirabili proportione coele- 
stium erbium, deque causis coelorum numeri, magnitudinis , motnumque 
periodicorum genuinis et propriis, demonstratum per quinque regularia 
corpora geometrica. Tfibingen 1596. 

Kepler's Wirken (1571 bis 1630) gehdrt der Zeit und dem Geisi^ 
nach dem 17. Jahrhundert an. Nur seine erste Schrift, der Pro- 
dromus , zeigt uns' in Kepler ausschliesslich den phantastischen, 
pythagorisirenden Zahlenmystiker; alle seine spateren 
Schriften stehen auf demBoden reeller sicherer Beobachtung, 
wenn sie auch manchmal noch, die eine mehr, die andere weniger, Ex- 
cursionen ins Reich der Tr&ume machen. Als die Schrift er- 
scheint, ist Kepler 25 Jahre alt, sein Lehrer Maestlin hat ihn, der fur 
den geistlichen Stand bestimmt war, zum Studium der Mathematik und 
Astronomie bewogen und ihm nach kaum yollendetem Studium 1593 
eine Stelle als Professor der Mathematik und Moral in Graz yerschafft. 
Yon hier sendet der junge Astronom 1594 einen Kalender und zwei 
Jahre nachher sein mysterium cosmographicum in die Welt. Die Schrift 



Gesetz der Planetenentfemungen. Freier Fall. 145 

enihalt hauptsacblich , wie der Titel anzeigt, ein Gesetz der Entfer- i696 
nangen der fanf damals bekannten Planeten von der Sonne, ^^^^' 
wie sie Kopemikns angegeben hatte. 

Man denke sich am die Sonne eine Engel construirt, welche dnrch 
den Merkur hiudurchgeht; am diese Kagel schreibe man ein regul&res 
Octaeder and am dieses wieder eine Eagel, so wird der Planet Venas 
aof dieser Kageloberfiacbe steben. F^hrt man in fibnlicber Weise fort 
and Bcbreibt am die letzte Kagel ein Ikosaeder, so steht anf der Ober- 
fiacbe der wieder am dieses bescbriebenen Kagel die Erde, and wenn 
man weiter nacb der Reihe aaf dieselbe Weise folgen lasst Kagel, 
Dodekaeder, Kagel, Tetra^der, Kagel, Hexaeder, Kagel, so gehen die 
drei letzten Kageloberflacben resp. darob die drei letzten Planeten, 
Mars, Japiter and Satam. Die Constraction stimmt nar ann&bernd fCLr 
die beiden letzten Planeten and bat natflrlicb fUr die Wissenscbaft jetzt, 
wo sie nicbt nar nacb Regelm&ssigkeiten, sondern aacb nacb 
den Ursacben derselben sacbt, keinen Wertb. Docb zeigt die 
Constraction von der angemeinen Combinationsgabe des Kep- 
ler, die das Weitentlegene za verbinden and Ungeabntes aafzafinden 
wasste, eine Gabe, obne welcbe er wobl niemals za seinen berflbmten 
Gesetzen der Planetenbewegangen gekommen w&re. Die Scbrift ist 
aasserdem wicbtig and verdienstlicb darcb ibre anbedingte Aner- 
kennnng and strenge Festbaltang des Kopernikaniscben 
Systems , dessen Yerbreitang aasser in Deatscbland darcbaas nocb 
keine Fortscbritte gemacbt batte. Fur Kepler batte sie gate and 
scblecbte Folgen; der Geistlicbkeit warde er durcb die Scbrift 
verhasst, den Astronomen aber rQbmlicb bekannt. Tycbo 
de Brabe irai daraufbin mit ihm in Verbindang and rief ibn, als die 
Verfolgang der Protestanten in Steiermark scb&rfer warde, zu recbter 
2jeit za aicb nacb Prag. 

Wir scbliessen die Reibe der Pbysiker dieses Zeitraams mit Piooo- 1597 
lomini, der wieder das Problem der freifallenden KSrper ^«c«>io™i«i'« 
aafgreift and die alte Ansicbt verwirft, obne freilicb die Soientiae 
Ldsang dem nenenZeitraum vorwegzunebmen, Piccolomini 
sagt in seinem Liber Scientiae de natara, dass Aristoteles in Betreff der 
leicbten and scbweren Korper mebrere S&tze aufgestellt, die gegeji die 
Erfabrang waren, and seine Regein Hber das Verb&ltniss der Ge- 
scbwindigkeiten fallender Kdrper seien sogar offenbar falscb, denn ein 
doppelt so grosser Stein falle darcbaas nicbt doppelt so scbnell als ein 
einfacber. Gegen denselben Satz bat Qbrigens aacb der Statiker Stevin 
recbt uberzeagend vorgestellt, dass zebn gleicbe Ziegelsteine, die einzeln 
gleicb scbnell fallen, nicbt zebnmal ecbneller fallen werden, wenn man 
sie verbunden fallen lasst. 



Boft«nberger, Oeschfchte der Fhysik. -^q 



146 Schlussbetrachtung. 

Das 16. Jahrhun'dert hat sich der Wissenschaft der 
Alien wieder ganz bemachtigt, was nicht verloren gegangen, 
das hat man hervorgezogen, durch Uebersetzungen und erklarende 
Umschreibungen zuganglich gemacht und hierin liegt das Haupt- 
charakteristikum dieses Jahrhunderts. Ein eigent- 
licher Fortschritt ist in der Physik noch nicht erfolgt, 
Naturphilosophie und mathematische Physik stehen einander streng 
gesondert gegeniiber, die Naturphilosophie negirt in ihrer Be- 
schrankung auf Aristoteles jeden Fortschritt und die mathematische 
Physik arbeitet sich noch an den alten Aufgaben ab, ohne rieue 
Gebiete fur ihre Untersuchungen erobem zu konnen. 

Erst das 17. Jahrhundert schreitet sicher iiber die 
Wissenschaft der Alten hinaus dadurch, dass es als 
eigentliche Methdde der Physik die Experimental- 
methode erkennt. Diese neue Entdeckung erzwingt sich durch 
ihre ungeheuren Erfolge bald allgemeine Anerkennung; Philo- 
sophen wie Mathematiker sind bestrebt ihre Friichte nutzbar zu 
machen, und in der neuen Methode suchen sich die vorher 
getrennten Zweige der Physik zu einer eigentlichen, 
selbststandigen, physikalischen Wissenschaft zu ver- 
einigen. Das ist wenigstens das Ideal, dem in den einzelnen 
Zeitraumen mehr oder weniger bewusst und mehr oder weniger 
elMg zugestrebt wird, das aber doch, wie alles Ideale, mehr oder 
weniger verborgen liegt und das in seiner VoUkommenheit nie 
ganz und selbst annahernd nur einzelnen genialen Person- 
lichkeiten erreichbar sein wird. 

Wir haben uns friiher gewundert, dass die griechische 
Physik mit einer von ungeniigend gesicherten, allge- 
meinen Satzen aus deducirenden Naturphilosophie be- 
gin nt und nicht bis zu einer sicheren Beobachtungskunst gelangen 
kann, dass sie yielmehr yon zufallig gemachten Beobachtungen so- 
gleich philosophisch zu allgemeinen Wahrheiten zu kommen, oder 
mathematisch das Erlangte zu verwerthen suchte. Wir haben aber 
gesehen, dass das Mittelalter ganz denselben Weg fast 
noch hartnackiger ging und dass die alte Naturphilosophie 
sich erst yollstandig wieder ausleben und ihre Unfahigkeit docu- 
mentiren musste, ehe der Mensch sich herabliess von yom anzu- 
fangen und den Versuch machte von den Einzelerscheinungen, die 



Schlussbetrachtung, 1 47 

sicher beobachtet waren, zu dem Allgemeinen aufzusteigen. Dar- 
nach ist es wobl nicht in der Natur des Griechen allein, 
sondern in der Natur des Menschen uberhaupt begriin- 
det, sich nicht mit den langsam vorschreitenden, erfahrungsmassig 
dcfaeren Methoden zu begniigen, sondern immer wieder den Versuch 
zu machen, alles noch Dunkle, Gott und die ganze Natur auf ein- 
mal zu erklaren. Ja wir konnen es sogar natiirlich finden, dass 
man um so eher den Erfahrungsweg als hoffnungslos 
aufgiebt und in der Speculation allein das Heil sucht, 
je weiter man noch vom Ziele selbst entfernt ist 

Auch darf man in der Physik weder die Philosophic noch 
die Mathematik unterschatzen, oder die experimentelle 
Methode, wie es leider noch heute manchmal geschieht, zu stark 
uberschatzen. Auch die reine Experimentirkunst ist fiir 
sich allein eines wirklich wissenschaftlichen Fortschritts 
nicht fahig. Die Speculation liber den augenblicklichen Stand 
der Erfahrung hinaus wird immer der Beobachtung die Wege zeigen 
und den Plan machen mussen, und eine Wissenschaft von den Natur- 
erscheinungen wird immer in den Bestimmungen der Grossenver- 
haltnisse derselben yon der Mathematik abhangig bleiben. 

Wie schon bemerkt, das Ideal der Fhysik liegt in der Ver« 
einiffung von Beobachtungskunst, Mathematik und Philosophie; 
▼on der Wechselwirkung dieser drei Factoren hangt auch der Fort- 
schritt unserer Wissenschaft in den folgenden Jahrhunderten ab. 
Wo der eine zu sehr die XJeberhand bekommt, da wird immer nach 
langerer oder kiirzerer Zeit die Entwickelung zum Stillstand gebracht; 
wo aber einmal in einer Person die drei Factoren im richtigen Ver- 
haltniss sich mischen, da haben wir es mit einem Genie zu thun, 
das einen Markstein in der Geschichte bildet. Ein solch genialer 
Qeist 8teht an dem Anftuige der neueren Physik, es ist ihr 
Begronder Galilei. 



10* 



InhaltsverzeichnisB 



zur 



Geschichte der Physik 



und 



synchronietieche Tabellen 



der 



Mathematik, der Chemie and beschreibenden 

Natarwissenschaften 



sowie 



der allgemeinen Oeschichte. 



150 



Inhaltsverzeichniss. 



Physik. 



Mathematik. 



I. GeBchichte der Physik izn Alter- 
thuxn von c. 600 v. Chr. biB c. 700 
D. Chr. 

Einleitung 8. 1. 

1. Abschnitt derPhysik desAlter- 
thums Yon c. 600 v. Chr. bis c. 300 
V. Chr. 

Einleitung S. 4. 



640—550 Thales S. 6. 
Princip aller Binge das Waaser, An- 
ziehnngskraft des Magneten und gerie- 
benen Bemstoins. Astronomische Ent- 
deckungen, Gestalt der Erde. 

610 — 547 Anaximander S. 7. 
Princip aller Dinge ein unendlicher, 
qnalitatiy unbestimmter Urstoff. 

Circa 550 Anaximenes S. 7. 
Das Princip aller Dinge ist die Loft. 
Qnomen, Sonnennhren, Sphftren, geogra- 
phische Karten, Qestalt der* Erde. 



2000— 1700 vor Chr. Ahmes, der Schreiber 
eines der Hyksoskdnige von Aegypten, 
verfaest das erste Handbuch der Mathe- 
matik, das noch erhalten. Ahmes rechnet 
mit ganzen Zahlen und Stammbruchen« 
das sind Bruche, deren Zfthler gleich 1 
sind. £r 15st Gleichungen ersten Grades 
mit einer Unbekannten, kennt arith- 
metische und geometrische Beihen. In- 
halt des Bechtecks = Grundlinie X Hdhe, 
des gleichschenkligen Dreiecks 
Schenkel X Basis 



des Antiparallelogramms 
Summe der Grundlinien 



Kreisflftche 



2 

9 



X Schenkel. 



/16 V 
= (--rj , also n = 3,1604. 

circa 1700 Sargon L, Konig von Babylon, 
Iftsst ein astrologisches Handbuch schrei- 
ben. Die T&felchen von Senkereh, ans 
denen hervorgeht, dass die Chald&er 
Zahlen nach einem Sezagesimalsystem 
schrieben, stammen aus der Zeit von 
2 300 — 1 600 V. Chr. Die Babylonier theilen 
den Kreis in 360 Grade, kennen die Paral- 
lellinien, stellen rechte Winkel her, 
vielleicht duroh ein Dreieck, dessen 
Seiten 3, 4 und 5. Fiir n rechnen sie 3; 
wahrscheiulich ist ihnen auch bekannt, 
dass der Badius gleich der Seite des 
eingeschriebenen Sechsecks. 

Dem Thales werden zngeschrieben: Kennt- 
niss von der Gleichheit der Scheltel- 
winkel und der Basiswinkel im gleich- 
schenkligen Dreieck, dem 2. Congmenz- 
satz, der RechtwinkUgkeit der Dreiecke 
iiber dem Durchmesser ; Distanzmessuug 
aus festem Band. 



Inhaltsverzeichniss. 



151 



Chemie and beschreibende Katnr- 
^ssenschaften. 



Allgemeine Geschichte. 



Die Aegypter kennen die Gewinnong und 
Bearbeitong mehrerer Metalle, mehrerer 
Fbrben, die Parstellang des Glaseg, yer- 
wenden chemiscfae PrSparate als Medi- 
camente, wie z. B. Bleiweiss zn Salben. 



c. 3000 V. Chr. Die ftgyptischen K5nige 
ChufUy Chafra und menkera erbauen 
die gr5B8teii der Pyramiden. 



1100 Der chinesische Kaiser Tschu-kong 
8oll mit eiDem Gnomon w&hrend der 
Solfltitien die Hohe der Sonne beobachtet 
and daraus die Schiefe der Ekliptik be- 
rechnet haben. 

9. Jahrhundert: Homer, Lykurg. 

8. Jahrhundert: He si da zeigt in 
seinem kosmologischen Lehrge- 
dicht gWerke und Tage" einige 
Kenntniss derVorg&nge am Ster- 
nenhimmel. 

655 — ^10 Paammetich I. bffnei'Aegyp- 
ten den Fremden. Nankratis, grie- 
chisohe Handelscolonie in Aegypten. 

650 Terpander, Begriinder der griechischen 
Musik. 

639 — 559 SoUm. 

610—595 Necho, K5nig von Aegypten, be- 
ginnt den Bau des Suezcanals, l&sst 
Afrika durch phbnicisohe Seeleute urn* 
schiffen. 



152 



Inhaltsverzeichniss. 



Physik, 



Mathematik. 



582—500 Pythagoras S. 8. 
Leben. Die Elemente der Binge aind 
die Zahlen, ZahJenmystik. Harmonische 
Intervalle aof Zahlenverhaltnisse zurtick- 
gefuhrt Philolans Fragment, Welt- 
system. 

5. Jahrhundert: Farmenides 8. 10. 
Eleaten; einziges, unwandelbai'^s Sein; 
jiingere Naturphilosophen. 



500 — 428 Anaxagoras 8. 10. 
Leben. Yerandem = Yerbinden und 
Trennen der kleinsten Theilchen, diese 
Bind qualitativ verschieden und unend- 
lich an Zahl. Notq, Plato uber Anaxa- 
goras. Weltgeb&ude. 

492—432 Empedokles 8. 12. 
Yerftndem = Yerbinden und Trennen; 
vier unwandelbare Elemente. Krafte 
= Liebe und Hass. Sinneswahmeh- 
mungen. Leben des Empedokles. 



460—370 Demokrit r. Abdera^. 13. 
Atomentheorie. 8inne8wahrneh- 
mung. Leben des Demokrit. Fortschritt 
der mecbanischen WelterklHrung. 

433 J^eton B. 14. 
Kalendervecbesserung , goldene Zahl. 
. Kalippoit. ' 



429— 347ti'fa'«o,8. 15.* 
Plato's Ansichten iiber die Welt und die 
Elemente. 

430^seh Archytatt 8. 15. 
Matltelnatische Behandlung der 
Hechanik; mechanische Erflndungen. 



c. 380 Eudox 8. 15. 

Annahme verschiedener Bpharen zur Er- 
klarung der ungleicbformigen Planeten- 
bewegung. 



600 — 400 Pythagoras und die Pytha- 
goreer: Theorie der Parallellipien and 
dadurch Beweis, dass die Winkelsumme 
im Dreieck gleich 2 R ist, Congruenz- 
satze, Satze von der Flachengleicbheit 
der Dreiecke. Pythagorischer Lehrsatz, 
goldener Bchnitt. Construction der 5 
regulfiren Polyeder. Arithmetische, geo- 
metriscbe und harmonische Yerh&ltnisae 
und Proportionen. Befreundete und voll- 
kommene Zablen. 

Anaxagoras soil zuerst ein Quadrat ge- 
zeichnet haben, das einem Kreis gleich 
war; wahrscheinlich war die Quaaratur 
eine naherungsweise , wie bei den 
Aegyptem. 

Oitwpides aus Chios fallt 8enkrechte, trftgt 
Winkel ab. 

440 Hippokrates v. Chios fuhrt das Pro- 
blem von der Yerdoppelung des Wurfels 
auf die Construction zweier mittleren 
Proportionalen zuruck. Quadratur des 
Kreises, Lunulae Hippokratis. Y e r s u c h 
eines Lehrbuchs der Geometric. 

Demokrit wird als sehr bedeutender Geo- 
meter geriihmt, von seinen 8chriften ist 
so gut wie nichts erhalten. 



Antiphon glaubt durch Yerdoppelung der 
8eitenanzahl eines regularen eingeschrie- 
benen Polygons auf den Kreis zu kom- 
men; Bryson glaubt, der Kreis sei das 
arithmetische Mittel zwischen dem letz- 
ten ein- und umgeschriebeneu Polygon. 

Plato fuhrt die analytische Methode und 
den apagogischen Beweis in die Geo- 
metrie ein. Ausbildung der Stereometric. 

Archytas lost das Problem von der Yer- 
doppelung des Wiirfels durch Cylinder- 
schnitte. 

MenaechmoSj Schiller des Plato, entdeckt 
die Kegelschnitte, die Men&chmi- 
schen Triaden; dadurch Yerdoppelung 
des Wurfels. 

Eudox erweitert die Lehre von den Pro- 
portionen. Pyramide = Vs ^^^ einem 
Prisma; Kegel := Yg von einem Cylinder. 

Aristaeos schreibt uber geometrische Oerter 
and iiber Kegelschnitte. 



V 



Inhaltsverzeichniss. 



153 



Cheznie and beachreibende Katur- 
wissenschaften. 



\ 



EmpedoJdes: Die Pflanzen sind in dem 
Kreialanf der Sonne kurz vor den Thie- 
ren entstanden, sie sind durch Warme 
aus Erde entwickelt. Die Friichte sind 
Answorfe des Feuers und des Wassers, 
die in den Pflanzen enthalten. Die 
Pflanzen nnterscheid^n sich von den 
Thieren dnrcb die Festwnrzelang und 
dorch die Vereinigung beider Geschlech- 
ter in einem Individuum. 

46«) — 377 HippoJcrates der Arzt zahlt 
nngefahr 230 Pflanzenarten auf, die er 
ak Heilmittel gebraacht. Die Krank- 
beiten entsteben nicht dorch den Zorn 
der G5tter, sondem durch unrichtige 
Hisehnng der 4 Hauptsafte im mensch- 
Uchen Korper. 



Fkdo kennt Gehirn, Herz, Magen, Leber, 
Hilz, ZwerchfeU. 



AUgemeine Geichichte. 



525—456 AeschyloSf 495-7-406 SopJiokleSy 

480—406 Euripides. 
500 — 430 Phidias : AUiene Parthenos, ZeuB. 
490 8chlacht bei Marathon, Miltiades, 
480 Schlacht bei Salamis, Themistokles. 
475 Uebertrag der Hegemonie von 

Sparta auf Athen. 
468 Perikles betritt die politische 

Laufbahn. 

c. 450 Herodot, Vater der Oeschichte. 
449 Ende der Ferserkriege. 



469—399 Sokrates. 

c. 432 Thukydides, der GeschichtBschreiber. 



452 — 388 Aristophati^s. 

•431 — 404 Peloponnesischer Krieg. 

429 Pest in Athen, Perikles stirbt. 



420 Beginn des Einflusses von Alkibiades. 

404 Einnahme Athens durch die Spartaner. 
403—379 Hegemonie Spartas. 
c. 400 Zeuxis, der Haler. 

387—362 Krieg zwisohen Theben und 
Sparta. 



371 Schlacht bei Leuktra, Epaminondas, 

362 Schlacht bei Mantinea, Epaminondas 
fallt. 



154 



Inhaltsverzeichniss. 



Physik. 



Hathematik. 



384—322 Ariatoteles B. 16. 
Leben, Schickaale seiner Scbriften. Kein 
leerer Baum, vier Elemente nnd der 
Aether, Schwere und Leiohtigkeit, 
natiirliche and gewaltsame Be- 
wegungen. Kugelgestalt der Erde, 
Buhe derselben. Qeschwindigkeit 
del freien Falls, geworfene K5rper. 
Hebelgesetz. Gesetz von der Er- 
haltung der Kraft. Horror vacui. 
AkuBtik. Optik. W&rmelehre. 
Titel seiner Scbriften, Physik, vom Him- 
melsgebaude, Meteorologie, mecbanische 
Probleme. Ursache des Fehlschlagens 
der Aristotelischen Physik. 

2. Abscbnitt der Physik desAlter- 
thnms von 300 v. Chr. bis 150 
n. Chr. 

Binleitnng 8. 26. 

c. 300 Euklid 8. 30. 
Harmonik, Optik, Katoptrik. Gesicbts- 
strahlen, Beflezionsgesetz. Mathe- 
matische Optik, wird sp&ter noch fleissig 
bearbeitet. 

c. 280 Aristarch 8. 32. 
Bewegung der Erde. Verhaltniss der 
Entfemungen der Erde von Sonne und 
Mond. 

287—212 Archimedes 8. 32. 
Leben und Thaten. Schrifben. Be we is 
des Hebelgesetzes. Hydrostatik. 
Bandrechnnng. Mecbanische Mascbinen. 
Methode des A. rein mathematisch. 
Keine directen Nachfolger. 

276 — 195 Eratosthenes 8. 39. 
Geographie, Messung des Erdumfangs. 

c. 150 Heron u, Ktesihios S. 39. 
Wassernhr, Wasserorgel des Kt. Herons 
Pneumatica, Heronsbrunnen , Aeolipile. 
Hebewinde. Beflexionsgesetz. Elemente 
der Mechanik, Bau der Geschiitze. 



160—125 Hippareh 8. 41. 
Astronomische Entdeckungen ; Planeten- 
bahnen sind excentrische Bovise; Buhe 
der Erde. Keine knhnen Hypothesen. 



Theophrast and EudemoSy Scboler dea 
Anstoteles, schreiben eine Geschichte der 
natarphilosopbiscben Theorien and eine 
Geschichte der Hathematik and Astro- 
nomie vor Aristoteles; beider Werke 
sind leider verloren. 



Euklia: Elemente der Hathematik, 
4 Theile in 15 Biichem, enthaltend Plani- 
metrie, Arithmetik, die Lehre von den 
commensurablen jand incommensarablen 
Grdssen, Stereometrie. Data sive theo- 
remata geometrica. 4 Bucher iiber Kegel- 
Bchnitte verloren. 



Archimedes: Kreismessung, 
3V7>n>3i%i; Quadratur der Para- 
bel; arcbimedische Spirale; Oberflftche 
der Kugel =4r'7T, Kubatur der 
Konoide and Sphiiroide, Schwer- 
punktsbestimmungen. 

Eratosthenes, Yerdoppelong des Wurfels, 
Sieb des Eratosthenes. 

Nikomachos entdeckt die Konchoide. 

200 Apollonius von Perga: Acht 
Bucher fiber Kegelschnitte, die 4 
ersten elementar, vielleicht die Arbeiten 
des Euklid enthaltend, die 4 letzten ori- 
ginell, reconstruirt durch Halley. De 
tactionibus, reconstruirt durch Yieta. 
De locis planlB, reconstruirt duroh Fer- 
mat und Simpson. 

Heron : Abhandlung uber die Dioptra (Feld- 
messkunst mit dem Diopterlineal). Buch 
der Geometrie, Buch der Stereometrie, 
Fliichen- und K5rperberechnungen. 

Hippareh gebraucht bei seinen astrono- 
mischen Beohnungen Sebnenverhftltnisie, 
erste Spuren der Trigonometrie. 



Inhaltsverzeichniss. 



155 



Chemie und besohreibende Natar- 
wissensohaften. 



h 



I 



Aristoteles: Historia animalimn, de par- 

tibus aniTnalimn, de generatione anima- 

lium. Ar. theilt die Thiere in blnUose 

nnd Blutthiere; die enteren in Weich- 

thiere, Krnstenthiere , Kerbthiere and 

Schalthiere; die zweiten in lebendig ge- 

barende, V5gel, Eier legends Vierfussler 

uadFische; die Eintheilung ist nur 

nebenbei gemacht, nicht klar 

darchgefiihrt nnd bewusst fest- 

^ebalten. Am bedeutendsten sind 

die pbysiologischen Kenntnisse 

(in de generatione), doch ist nberall 

die Z weckmassigkeit erstes Er- 

kl&mngBprincip. Die botanischen 

Scliriften des Ar. sind verloren gegangen. 

.390 — 286 Theophrastos ans Eresos: 

If atnrgeschichte der Qeivacbse, 9 Bii- 

cber; Pflanzenphysiologie, 6 Bacber; 

Jftineralogie. Die Botanik enthUlt die 

AiifzShlnng von 400 bis 500 Pflanzen, 

die zom Ackerbau, zur Hanswirthschaft 

Oder znr Arzneikonde in Beziebung 

steben. Tb. war der Erste, der die Pflan- 

zen irenigstens in etwas bescbrieb. Die 

Mineralogie enthalt die erste Ervr&bnnng 

der Steinkobleu, des Zinnobers, des 

Schwef^arsens ; Tb. beschreibt die Be- 

reitong des Bleiweisses and der Mennige. 



\ Medidnische nnd anatomiscbe Schole, bo- 
I tanischer and zoologischer Gai-ten, Stern- 
waite in Alexandiien. 



Allgemeine Gescbicbte. 



\ 
\ 



\ 235—150 Marc. Parttus Goto: de re ra- 
' ttiea. Neben manchen praktiscben Au- 
I tichten vieles Sonderbare and Aber- 
1 gUUibiache. 



W-27 Marc. Terentius Varro: de re 

' rmtica libri m. Bine ZtMammensteUnng 

betoDden «a» griechiwben Scbrift- 



351 Detnosthenes (383—822) hftlt seine erste 

Pbilippica. 
350 Arigtoxenos, beriibmtester Harmoniker 

der Griecben. 
344 PytheaSf Beise nacb Tbnle, 

Ebbe and Flatb. 
338 Schlacht bei Cbaeronea. Pbilipp von 

Makedonien. Hakedoniscbe Hege- 

monie. 
336 Alexander der Grosse tritt die 

'Begierang an. 
334 — 331 Alexander gegen Persien. 
332 Grandang Alexandriens. 
327 Zog Alexanders nacb Indien. 
323 Alexander stirbt. 
322 A then nnter makedoniscber Herrschaft, 

Demosthenes stirbt. 
323—276 Kampfe der Diadochen. 
323—285 Ptotemaus L Lagi, K5nig 

in Aegypten von 305 an. 
341—270 Bpihur. 
308 Zeno grnndet die stoischePbilo- 

sopbenschnle. 



250 Ptolemaua IL Philadelphua 

griindet das Maseam in Alexan- 

drien. 
214—212 Der romischeFeldherritfar- 

cellus belagert Syrakus. 
211 Hannibal ante portas. 
254—184 Plautu8y 194—155 Terentius. 
202 Schlaobt bei Zama. 
197 Die Bomer besiegen bei Kynoskephalae 

den makedoniscben K5nig Pbilipp V. 



146 Zerstorang von Korinth, Grie 
ohenland r5miscbe Provinz. 



156 



Inhaltsverzeichniss. 



Pbyaik. 



Mathematik. 



lOOv.Chr. Philo v. Byzanz S. 42. 
Construction von Geschiitzen, Abhand> 
Inng iiber Mechanik. 

103— 19v. Chr. Posidonius S. 42. 
Zweite Gradmessung. 

96 — 55 V. Chr. Lucrez 8- 42. 
Theorien des Demokrit und Epikur. 
Magnetische Auziebung durch AuBstro- 
mungen erklart; Wirbelstr5me, Des- 
cartes, Kleantbes. 

46 V. Chr. Sosigenes 8. 43. 
Julianiscbe Zeitrecbnung. 

UmCbr.Geb. Vitruv 8. 43. 
De arcbitectura. Wellenbeweguug im 
Wasser nnd in der Lnft. Entstebung 
desQuellwassers, derWinde; Spannkraft 
der D&mpfe. 

50 n. Chr. Kleomedes 8.44. 
Brecbung des Licbtes, astronomisebe 
Strablenbrechnng. Friibere Erwahnun- 
gen von Brecbungserscbeinnngen. 

2 — 66n. Cbr. Seneca 8. 45. 
Atomistiscbe Pbysik, Kometen, Begen- 
bogen, Farben, Farben an eckigen 
Glasstiickcben, Yergr osserung 
durcb Wasserflascben. 

23— 79 n. Chr. Plinius 8. 45. 
Inhalt der Naturgescbicbte, Magnet. 
Fabebi bei Plinius. 

40— 103 n. Cbr. Frontinus 8. 47. 
Menge des Wassers, das aus einer Oeff- 
nung stromt. 

70— 147 n. Cbr. Ptolemaus 8. 47. 

Almagest. Griinde fur die Bube der 
* Erde, Berecbtigung dieser Griinde. Pla- 
netenbabnen = Epicyclen. Optik des 
Pt. Bestimmung von Brecbungs- 
winkeln. Experiment? Matbematiscbes 
Interesse. Harmonik. Geograpbie. Ver- 
gleicbung der matbematischen und pbilo- 
sopbiscben Metbode. 



3. Abscbnitt derPbysik desAlter- 
tbums von 150 n. Cbr. bis 700 
n. Cbr. 

Einleitung 8. 53. 

205—270 Plotinus 8. 56. 

Neuplatoniscbe Hystik. 
t 340 Firmianus Lactantius 8. 57. 

Verachtung der Wissenscbaft ; gegen die 

Lebre von den Antipoden. 



c. 100 n. Chr. Menelaos von Alexandrien: 
Transversalensatz. Trigonometrische Ab- 
bandlung iiber die Sebnen verloren. 3 
Biicher Spbarik im Arabiscben erhalten. 

Ptolemaus gibt im Almagest diePrin- 
cipiender ebenen und spb&riscben 
Trigonometrie als einer 8ebnen- 
recbnung. Mit Hiife des nach ihm 
benannten 8ehnen8atzes berechnet er 
eine Sebnentafel Kir die Winkel von 
0® bis 180<>. 

Ntkomachus: 2 Biicher iiber Arithmetik, 
flgurirte Zahlen, Progressionslebre. Soil 
auch eine8chrifb gZahlentbeologie" ver- 
fasst haben. 



233 — 304 PorpkyriuSy der Neuplatoniker: 

nAbriss der Arithmetik", .Zablenmyste* 

rien", verloren. 
c. 300 Jamblichus: 8ammlung der pytba- 

goreiscben Lehren in lOBiichem; I, II, 

in, IV, VII erhalten. 



Inhaltsverzeichniss. 



157 



Chemie and beschreibende Natar- 
wusenschaften . 



cbOn.Cbr. Dioskorides: 5 Biicher de 
materia medica. D. zahlt 600 Arznei- 
pflanzen anf, die Beschreibunfi^en flind 
ungleich, manchmal laswn sie die Fflan- 
zen erkennen, oft auch nicht. Die Zu- 
samiDeiisteUaiig ist willkarlich, oft stehen 
Pflanzen nar zuBammen, weil sie gleiche 
Wirkungen haben. Auch werthvolle 
cbemische Kenntuiaie finden sich bei D. 

Flinius bat Tbeophrast und Dioskorides 
stark benntzt Was yon Pflanzen auf 
Zaunen nnd Wegen wachst, beschreibt 
er nicht, weil es keinen Nntzen hat. Die 
Thiere werden eingetheilt in Land-, Luft- 
und Wassertbiere. Verateinemngen dentet 
er auf den Sieg C&sar's uber Pompejus. 
Gestalt dee Bergkiystalls bekannt. 

Cbemische Kenntnisse im 1. Jahrhundert: 
Gold* Silber, Knpfer, Zinn, Blei, Eisen, 
Qnecksilber and noch die Erze Galmei, 
Grauspiessglanz, Realgar. Kochsalz, Sal- 
miak, Eiaenyitriol und Soda. Nur eine 
Sanre, Essig. Sublimation, yielleicht 
anch Destination. Seife, Zucker, StArke, 
Purpar, Indigo. 



Ul— 200 Claudius Galenos z&blt on- 
geAhr 450 Pflanzen auf und bemuht 
sich, ihre Kr^fte aus ihren Eigenschaften 
ahzuleiten. Bedtzt anatomische Kennt- 
nisse, kenntHuskeln und deren Contrac- 
tiiitftty unterscheidet Venen und Arterien, 
leitet aber die ersteren aus der Leber 
ab. Der Zustand der G^sundheit wird 
nach den Elementarqualitftten des 
Aristoteles bestimmt. Galen bleibt 
irztliche Autoritat im ganzen 
Xittelalter. ^ 






AUgemeine Geschichte. 



105 — 42v.Chr. Cicero, 

86 Einnabme Athens durch Sulla. 

66 — 62 Catilinarische Verschw5rung. 

49 — 48 Biirgerkrieg zwischen Casar und 

Pompejus. 
47 Ptolem&us XII. durch Casar gestiirzt, 

Kleopatra. 
71—19 Vergilius, 
31 Schlacht bei Actium, Aegypten r5- 

mische Provinz. 
31 V. Chr. bis 14 n. Chr. Caesar Oetavianus 

AugttstuSy rOmischer Kaiser. 
59 v. Chr. bis 17 n. Chr. Livius, 
43v.Chr. bi8l7n. Chr. Ovid 
t25n. Chr. Strahon, Geograpbie in 17 

Biicbem. 



14—37 Tiberius, 37—41 Caligula, 

41—54 Claudius, 54—68 2iero, 

64 Erste Christenverfolgung. 

68—69 Galba, Otho, ViteUius, 

69—79 Vespasian, 79—81 Titus. 

81—96 Domitian. 

93 Verfolgung der Juden, Christen 

und der Philosophen. 
54—117 Tacitus, 
50—120 Plutarch, Vitae parallelae. 



98—117 Trajan, 117—138 Hadrian, 
138—161 Antoninus Pius, Grossartige 
Bauten unter Trajan und Hadrian. 



161—180 Marc Aurel, 



160—220 TertuUianus: Credo, quia absur- 

dum est. 
284—305 Diocletian, 
330 Konstantinopel Hauptstadt. 



1 



158 



Inhaltsverzeichniss. 



Physik. 



Mathematik. 



c. 354 Firmicus Matemus S. 57. 
Astrologiscbes Lehrbiich. 



c. 390 Pappus S. 57. 
Schwerpnnkie, Guldinsche Begel, 5 me- 
chaniBcbePotenzen^achiefeEbene. 
Zeit, in der Pappus gelebt bat. 



t 415 Hypatia S. 59. 

Araometer. Nicbt Hypatia die Erfinde- 

lin, auch nicht Arcbimedes. Ansicbt 

Gerland's. 
412—485 Proklus 8. 59. 

Wissenncbafblicbe Astrologie. 
470—524 Boetiu8%. 60. 

Uebersetznng ^iecbiscber Scbriftsteller. 
c. 530 Anthemtus 8. 60. 

Ueber Brennspiegel , Brennspiegel des 

ArcbimedeB. Dampfkessel. 
529 Ende derAtbeniengiscbenPbilo- 

Bopbenscbalen durcb Justinian I. 

Kbosrau I. 8. 60. 



640 Eroberung Alexandriens durcb 
die Araber 8. 61. 



c. 350 Diophantus v. Alexandrien: 
Dreizebn Biicber aritbrnetiscber 
Probleme, 6 davon auf una gekommen, 
mit einer Abbandlung nber Polygonal- 
zablen als Anbang. Bestimmte and un- 
bestimmte Gleicbungen. Entere sind 
eraten oder zweiten Grades , die vom 
zweiten Grade werden nur gel5st, wenn 
die Wurzehi rational sind, aucb wird 
immer nur eine L&sung gegeben. 

c. 390 Pappus: Wicbtige gescbicbtliche 
Notizen. Aufgaben iiber Kegelscbnitte, 
Quadratrix, Konoboide, Spiralen. Satz 
ttber das anharmoniscbe Verh&ltniss der 
Btrecken, welcbe 4 8trablen auf einer 
Transversalen abscbneiden. Oommentar 
zu den ersten 4 Biicbem des Almagest. 

c. 390 Theon: Noten zu Euklid's Elemen- 
ten, Commentar zu dem Almagest. A n s • 
zieben der Quadratwurzel. 

Hypatia commentirt den Apollonius nnd 
den Diopbant. 



ProkluSf Commentar zu dem ersten Bach 
des Euklid, bistoriscb wicbtig. 

Boetius: 2 Biicber Arithmetlk nacb Niko- 
macbus. 2 Biicber Geometric. Ueber- 
setznng des Euklid ins Lateiniscbe. 



550 Eutokios, Commentar zu des Archi- 
medes' Biicbem iiber Kugel und Cylinder, 
bistoriKb wicbtig, Commentar zu Apol- 
lonius. 



Inhaltsverzeichjoiss. 



159 



Chemie und beschreibende Natnr- 
viflsenschaften. 



AUgemeine Geschichte. 



4. Jahrhnndert : Erste chemiBche Hand- 
scbiilt. Eine Papynuhandschrifb aoB 
Theben in Ober&gypten enth&lt 107 Be- 
oepte, welohe meistens die Chemie der 
Metalle betreffeo. Bel dem Syrer Aeneas 
Qazaeo8(£nde des 5. Jahrhanderts) erste 
Sporen des Glaubens an die Metallver- 
wandlxmg. 



TAe Kestoriaoer soUen xnerst Sammlungen 
Ton Aizneipflanzen angelegt nnd Arznei- 
baeher geechrieben haben. 



I 



324—837 Konstantin Jkr Grasse Allein- 
berrscher. Das Christentbum wi|^d 
Yom Staate anerkannt. 

325 Concil zn Nicaea. 



395 Theilung des Beichs zwisehen Arca- 
diu8 (Ostr^misch) and Honarius (West- 
rSmisch). 



410 Alarich erobert Bom. 



354-— 430 Aiigustinus der Hetlige. 

428 — 431 NestoriuSy Patriarch von Kon- 
stantinopel. Die Nestorianer grtlnden 
am 500 die Beparatkirche der chaldfti- 
schen Christen. 

451 Schlacht aaf den catalaanischen Ge- 
filden, Attila, 

476 Ende des westrdmischenKaiser- 
reichs darch Odoaker. 

480—529 'Benedict von Nursia. Die Bene- 
dictiner nutzen der Phjsik darch Sam- 
meln and Abschreiben von wissenschaft- 
lichen Werken. 

493—526 Theodorich der Grossty KSnig 
der Ostgothen. 

527 — 565 Justinian L, ostrOmischer Kaiser. 
Seine Feldherren Belisar and Narses. 
Beriihmter Gesetzgeber. Erbaaer der 
Sophienkirche. Anh&nger der strong 
orthodozen Bichtang. 

590—604 Gregor L der Grosse. Anfange 
des Papstthams. Heiligen- and Beli- 
qtiiendienst. Lehre vom Messopfer and 
Fegefeaer. Unterdriickang des Sta- 
diams der heidnischen Classiker. 
Verbesserang des Kirchengesanges. 



160 



InhaltsverzeichniBS. 



Physik. 



Mathematik. 



n. (^esohiolite d«r Fhysik im Mittel- 
alter von 700 — 1600 nach Chr. 

1. AbscbnittderPhysikdesMittel- 
alters von 700 — 1150 n. Chr. 

Einleitang; 8. 64. 

754—775 Alman84ir 8. 71. 

Griindnng von Bagdad, griechische 

Gelehrte. 
786—809 JSdrun Arraschid 8. 71. 

Yerbreitung griechischer Wissenschaft, 

Wasseruhr. 
747—814 Karl der Grosse 8. 71. 

Gelehrte Ctesellschaft, Schnlen. 
c. 800 Geber H, 72. 

Befltandtheile der Metalle, Metallver- 

wandlnng, Atomistik und AriBtotelismiu. 

Sch&dliche Wirknngen der Alohemie. 

Anziehungskraft eines Magneten. 
813-833 Aodallah Almamun 8. 74. 

Griindung von Schnlen nnd Bibliotheken ; 

Gradmemung. 



850—929 Alhaitdni 8. 75. 
Precision der Nachtgleichen, Yorrncken 
der Erdnfthe der Sonne, L&nge des Jahres. 
Niedergang der Wissenschaften in Bag- 
dad. WeitereYerbreitungderselben nnter 
den Arabem. 

961—976 Hakam IL 8. 76. 
Cordova, Schulen inSpanien, christliche 
Schuler bei den Manren oder in der 
spanischen Mark. 

999—1003 Gerbert 8. 77. 
Dampforgel, R&deruhren. Arabische 
Z if fern. Magier. 



980 — 1037 Avicenna 8. 77. 
Leben, Ansehen als Arzt, Aristotelische 
Philosophie. 

t 1038 Alhazen 8. 78. 

Optik. Auge, Einfachsehen, ge- 
gen Geffichtsstrahlen. Spiegel. Bre- 
chungswinkel. Brennweite einer Glaa- 
kngel. Yergr5s8erung8kraft der 
Line en. H5hederAtmo8ph&re. Schein- 
bare Grdsse von Sonne und Mond am 
Horizont. Farben. Alhazen=Alhaitham. 

1121 Oder 1122 Alkhazini 8. 81. 
nWage der Weisheit." Beschreibnng 
der Wage, Kutzen derselben. Specifische 
Gewichte. Construction der Wage. 



672—735 Beda VenerahiliSy englischer 
M6nch, schreibt astronomiBche Abhand- 
lungen. Yorschl&ge zur Yerbesaerung 
des. Kalenders. 

733 Die indische Arithmetik des 
Brahmagupta wird den Arabern 
bekannt. 

735 — 804 Alcuin, englischer Mdnch, schreibt 
astronomische und mathematische Ab- 
handJunffen. 

c. 825 Mimammed ibn Musa Alchwarismi 
schreibt eine Arithmetik und eine Al- 
gebra. Aufldsung der Gleichungen 
2. Grades. 

c. 850 Die drei Bruder Muhammed, Ahmed 
und Alhasan, S5hne des MClsa ibn Sch&kir, 
schreiben werthvoUe geometrische Werke. 
Sogenannte Gftrtnerconstruction der 
EUipse. 

836 — 901 Tdbit ibn Kurrah iibersetzt 
Apollonius, Archimedes, Euklid, 
Ptolemftus ins Arabische. 

Albattdni, ersteAnwendung des Sinus 
statt der Sehnen in der Trigonometrie. 

940—998 Abul Wafd ftbersetzt den Dio- 
phant ins Arabische. Buch der geome- 
trischen Constructionen. Sinustafeln. 

c. 1000 Ibn-Junisy beruhmter Astronom in 
^^gyp^^i bedient sich der trigonome- 
trischen Tangenten, Tafeln fur die- 
selben. 

Dschabir ibn Aflahy Geber, Astronomie in 
9 Biichem, 1. Buch eine voUstflndige 
Trigonometrie. 

Avicenna, Zahlentheorie, Neuneiprobe. 

Alkarchi schreibt eine Rechenkunst and 
eine Algebra. 

Alhazen besch&ftigt sich mit der Quadra- 
tur des Kreises. 

1079 Alchaijdmi, Binomialreihe fur posi- 
tive, ganze Exponenteu. 

Campanus von Novarra bringt den Euklid 
aus Spanien mit und iibersetzt ihn aus 
dem Arabischen ins Lateinische. 



Inhaltsv^rzeichniss. 



Ul 



Chemie and beschreibende Natur- 
wissensohaften. 



Allgemeine Gaschichte. 



Geber kennt die Oxydation der Hetalle, 
gelbes and rotbes Bleiozyd, rothes Queck- 
silberozyd. Schwefelmilch] Pottasche, 
Soda. Schwefelsanre, Salpeter- 
saare, Kdnig;swas8er. Destillatioii, 
Sablimatioii, FUtriren. Wasserbad, Sand- 
bad, Scluneiztiegel. Die Goldlosung er- 
weckt grocse Srwartang in der Hedicin. 
Schriften: Snmma perfectionis magi- 
Bterii ; de investi^tione perfeotionis me- 
taUomin; de inyentione verltatis etc. 



Avicenna theilt die Mineralien in 
Steine, MetallCi schweflige Sab- 
stanzen and Baize. Die Gebirge 
k&nnen durch gewaltige Erdbeben oder 
disreh. Aasvascbungen des Wassers ge- 
bildet werden, das letztere das Haofigere, 
davon zeo^n die nbrig gebliebenen Yer* 
■teinerangen. Beschreibung vieler neuer 
Pflanzen aas dem Oriente. 

1087 dmstantin der Afrikaner ubersetzt 
mediciniscbe Scbriften der Araber. 

t 1122 Ahulchassem wendet die Destilla- 
tkm zur ArzBeibereitung an, lehrt meh- 
rere woblriechende Wftsser bereiten. 
Bnrch ibn wird die Destination des 
Weias bekannter. 

Bo««abergeT ,G«<cluclite dor Pbysik. 



622 Mohammed^ 8 Flucht ^on'Mekka 

nach Medina. 
635 — 641 Euphratlander, Syrien, Aegypten 

durch die Araber erobert. 
661 — 750 Ommaijadische Chalifen in Da- 

maskus. 
711 Schlacht bei Xeres de la Fron- 

tera, Araber in Spanien. 
717 — 741 Leo IIL, oBtrSmischer Kaiser. 

Bilderstreit. 
732 Schlacht zwischen Tour and Poitiers. 

Karl Martell. 
750 AbbassidischeChalifen, 8eit766 

in Bagdad. 
756 AbdArrahmdny ommaijadischer Chalif 

in Cordova. 
800 — 877 Joh. Scotus Erigena, der 

erste Scholastiker. 



867 Trennung der Kirchen. 



945 Bagdad durch die Bujiden er- 
obert, den Abbassiden verbleibt narder 
Titel des Chalifen. Das Beich zerfftllt 
in einzelne selbst&ndige Theile: Aghla- 
biden in Kairawan, Edrisiden in Fez, 
Tahiriten in Chorasan, Saffariden in 
Persieu, Fatimiden in Aegypten u. s. w. 

970 Kairo, Hauptstadt Aegyptens unter 
den Fatimiden. 

1000 Die Christenheit erwartet das Ende 
der "S^eLt. 

1038 Das Chalifat Cordova zerfallt 
in mehrere selbstandige Fiirsten- 
thumer. 

1058 Bujiden in Bagdad durch die 

^ seldschukkischen Tiirken ge 
stiirzt 

1073—1085 Gregor VIL, 1077 Canossa. 

1092 Ro8cellinu8y der erste Nomi- 
nalist, mu8B widerrufen. 

1096—1270 Kreazziige. 

1171 Der Kurde Saladin begriindet in 
Aegypten die Dynastie der Ejubiden. 

11 



162 



Inhaltsverzeichniss. 



Phyeik. 



Mathematik. 



Schwere und Leichtigkeit. Qewichts- 
verlost in der Luft. Yer&nderlich- 
keit der flchwere. Capillaritftt? 
Thermometer? Zeitmesser. Experimen- 
telle Methode ? Nachrichten iiber Alkha- 
zlni. 
1126—1198 Averroea S< 86. 
Commentar des Aristoteleg. Leben des 
Av. Schfttzimg des Av. bei Arabern 
und OhriBten. 

2. AbflChnittderPhysikdesMittel- 
alters von 1150 — 1500 n. Chr. 

Einleitung 8. 88. 

1193 — 1280 Alhertus Magnus 8. 94. 
Leben. Werke und Yerdienste. 

Erfindung deBCompasSides Schiess- 
pulyers. Erfindung des Papiers 
8. 95—98. 

1214—1294 Roger Bacon 8. 98. 
Leben. Methode der Naturwissen- 
flchaften. Schriften. Belegung der 
Spiegel. Brennspiegel, Brennpunkte, 
Bph&risohe Abweichung , parabolische 
8piegel. Parallelit&t der Sonnenstrahlen. 
Brechung durch spharische Flaclien, 
Yergrosserung. Anspruch auf die Er- 
findung des Femrohrs. Bacon's Einfluss. 
Kalender. 

1234 Baimundus LuUus 8. 102. 
Ajigriff auf Aristoteles. 

c. 1269 Vitello 8. 102. 
Optik, Begenbogen. 

1285 Erfindung der Brillen 8. 103. 

14. Jahrhundert 8. 104. 

1311 Theodorich 8. 104. 

Beffenbogen, Gang der Lichtstrahlen 

ricntig. 
1364 Einfiihrung der Thurmuhren 8. 105. 

15. Jahrhundert 8. 105. 

1401—1464 De Cusa 8. 106. 
Bewegung der Erde. Speciflsches Ge- 
wicht, 8chwere und Leichtigkeit, Magnet 
und Diamant. 'Waohsthnm der Pflanzen 
aus Wasser. 8chwere der Luft und des 
Bauches. Projectirende Physik. 

1440 Erfindung der Buchdrucker- 
kunst 8. 108. 

1423—1461 Peurbach 8. 109. 
Leben, tJebersetzungen , Uebersetzung 
des Almagest. 



c. 1200 Durch Leonardo di Pisa wird die 
Algebra den Italienem bekannt. 

Nassir Eddin, bertihmter Astronom am 
Hofe des Ileku-Chan, commentirt den 
Apollonius. Ilekanische Stemtafeln. 

1250 Jordanus NetnoraritUj 6Bucheruber 
Arithmetik. 

John Halifax, genannt 8aoro Bosco, schreibt 
iiber die Arithmetik der Araber. 



De Cusa beschaftigt sioh mit der Quadra- 
tur des Kreises, er glaubt noch an die 
M5glichkeit einer exacten geometrisohen 
Ldsung. 



hucas de Burgo: 8umma de arithmetica, 
geometria, proportione et proportionalita. 
Auflosung der Gleichungen 2. Grades. 
Arte della coea = Begel Goss =: Aigebra. 



Inhaltsverzeichniss. 



163 



Chemie and beschreibende Natur- 
wissenschaften. 



AUgemeine Geschichte. 



t 1248 AlBeithar macht bedeatende Bei- 
Mn, um Pflanzen zu sammeln, ordnet 
aber dieseJben in seiner Schrift nach 
dem Alphabet. 

Bie Mdnche von Salerno halten eiue 
berohmte Bchule der Medicin. Begimen 
sanitatis Salemi handelt aach von 
verschiedei^n in Italien wachsenden 
Pflanzen. 

Alberttis Mctqnus: Be virtutibns herba- 
nim, de Tegetabilibus, de agricultura, de 
rebns metallicis et mineralibaa etc. H&lt 
die Metallverwandlung fur m5glich, wenn 
er vielleicht aach nicht selbst praktischer 
Alchimist ist. 

Boger Bacon bemerkt, dass Licht im ge- 
Mhloasenen Baame verlOscht, kennt eine 
Loftart, die Flammen ausldscht, r&th 
zur Yorsicht bei dem Qlauben an die 
MetaUverwandlangen. 



I 



LuUus aoll den Stein der Weisen gekannt 
haben. 5000 Abhandlongen soil er ge- 
flchrieben haben and noch 100 Jahre 
nach seinem Tode gesehen wordeii sein. 
Kennt die Barstellang des kohlensaaren 
Kalis aus Weinstein. 



c 1349 Jacob de Dondi: Ortus sanitatis, 
Abbildangen von Pflanzen in Holzschnitt. 
Torbild fiir eine Meuge spftter erschei- 
nender KrSnterbacher. 



c. 1450? Basdlius ValentinuSj viel nene 
. fpedell chemiflche Kenntnisse : Wismnth, 
2^nk, Knallgold, Bleizucker, Salzs&nre etc. 
Fillt mit Batiren nnd Alkalien. Anf&nge 
der qoalitativen Analyse. Yal. halt es 
far beseer, Medicamente zu be- 



ll 98— 1216 Innocem III,, Ohrenbeichte, 

Kreuzzug gegen Waldenser and Albi- 

genser, Bestatignng der Bominikaner 

und Franziskaner. 
1204 Eroberang Konstantinopels , Lateini- 

sches Kaiserthum 1204—1261. 
1206 Dschengis-Chan, Oberhaupt derMon- 

golen. 
1236 Cordova von den Spaniern er- 

obert, die Maaren anf Granada be- 

schrankt. 
1215—1250 Friedrich IL, deutscher Kaiser. 

Freand arabischer Gelehrsamkeit. 
1226 — 1274 Thomas von Aquino. 
1232 Inquisition den Bominikanern uber- 

tragen. 
1244 Jerusalem geht den Kreuzfahrern fur 

immer verloren. 
1255—1262 Griindung der Hansa. 
1258 Bagdad von Ileku-Chan, dem 

Enkel des Bschengis-Chan, erobert. 
1256—1323 Marco Polo, Beisen nach Ost- 

asien. 
1252—1284 Alfons X., Konig von Kasti- 

lien und Leon. Stemtafeln. 
1256 — 1273 Interregnum in Beutschland. 
1265—1321 Dante Alighieru 
1277—1318 Ervoin v. Steinbach, Bau- 

meister am Strassburger Munster. 

Pest in Euro pa. 

1309—1376 Papste in Avignon. 

1324 — 1387 WicUffe, der Beformator. 

t 1347 Wilhelm von Occam, der Nomi- 
nalist. 

1314—1375 Petrarla, 1313-1375 Boc- 
caccio, Beginn des Humanismus. 

1414 — 1418 Concil zu Constanz, Huss. 

1419 — 1436 Hussitenkriege. 

1440 Oder 1460 Erfindung der Kupfer- 
stecherkunst. 

1453 Eroberung Konstantinopels 
durch die Tiirken unter Moham- 
med 11. 

1449 — 1492 Lorenzo I. de Medici, ilMagni- 
fico. Blixthe von Florenz. 



11* 



164 



Inhaltsyerzeichniss. 



i 



Physik. 



Mathematik. 



1436—1476 Regiomontan S. 109. 

Leben. Bemhard Walter. Letzte An- 

hanger deB PtolemauB. 
1492 Entdeckung Amerikas S. 110. 
1492 Entdeckang der magnetischen 

Declination 8. 111. 



3. Abschnitt derPhysikdesMittel- 
alters von 1500—1600 n. Chr. 

Einleitung B. 112. 

1452—1519 Leonardo da Vinci 8.116. 
Leben. Vielseitige Besch&fbigungen. 
Wissenschaftliche Metbode. Ge- 
Betz dee Falls auf der schiefen 
Ebene, freier Fall der Kdrper, 
scbiefer Uebel, Haarrobrcbenan- 
ziebung, camera obscura, das 
Auge eine solche. Scbicksale seiner 
Entdeckunffen. 

1509 — 1575 Commandino 8. 117. 
Uebersetznngen. Ueber Schwerpunkte. 

1528 Jean Fernel 8. 117. 
Gradmessung. 

1538 Fracastorius 8. 117. 
Gegen die epicykliscbe Tbeorie. 

1543 Kopernikiis 8. 117. 
Leben. Zeit der Abfassung seines Wer- 
kes, Herausgabe desselben. Yorrede. 
Griinde gegen Ptolemaus. Eigenes By- 
stem des Kop., . astronomische Mangel 
desselben, physikaliscbe Einwflnde. Be- 
urtheilung der Leistiing des Kop., n&cbste 
Scbicksale seines Systems. 



1501—1559 Tartaylia 8. 122. 

Anfang der Dynamik, BaUn eiues 

geworfeuen Korpers. Streit mit Car- 

danus. 
1501—1576 Cardan U8 8. 123. 

Charakter, matbematiscbes Hauptwerk. 

Bewegung auf der scbiefen Ebene. 

PbiloBopbie des Card., mecbanische 

Kunststiicke. 
1502—1572 Ramus 8. 125. 

Gegen Aristoteles. Yerfolgungen. 8tel- 

lung der Reformatoren zu Aristoteles. 
1508—1588 Telesius 8. 125. 

Akademie Telesiana. Gegen Aristoteles. 

Eine primitive Materie und zwei erste 

Formen. Erklftrung der Farben. 



1471 — 1528 Albrecht Dourer: Institutiones 
geometricae. Perspective, Kreisrecbnung. 

Scipio Ferreo findet die Auflosong der 
Gleichong a:^ -}- p x ■= q 

1524 Christoph Rudolph : ^DieCoss." Auf- 
losung der Gleicbungen I. and n. Grades, 
EinfUbrung der Zeicben -f- ind — und X. 

1528 Johannes Werner, Tbeorie der Kegel- 
scbnitte, Trigonometrie. 

Rhaeticus vervoUkommnet die trigono* 
metriscben Tafeln. 

1544 Michael Stiefel: Aritbmetica integra; 
Beziebangen zwiscben aritbmetiscben 
und geometriscben Progressionen, Yor- 
laufer der Logaritbmenrechnung. 
Es gibt ein Quadrat, das gr5sser als ein 
Kreis, ein Quadrat, das kleiner als der 
Kreis, folglicb muss es aucb eins geben, 
das gleicb dem Kreis ist 

Tartaglia entdeckt die Auflosung 
der Gleicbungen IIL Grades nacb 
einigen Andeutungeu, die Ferreo binter- 
lassen. 

Cardanus macbt die Auflosung der 
Gleicbungen IIL Grades beka'nnt. 
Sein Bcbiiler FeiTari gibt aucb die L5- 
sung der Gleicbungen lY. Grades. 

Ramus: Scbolae matbematicae. R. ver* 
sucbt die Metbode des Euklid zu ver- 
bessem. 



Inbaltsverzeichniss. 



165 



Chemie and beschreibende Natar- 
wissenschaften. 



AUgemeine Qeschichte. 



reiten, als nach der Metallyer- 
wandlniig zu streben. Fiihrt die 
Antimonpraparate in die Medicin ein. 
Schriften : curras triumphalis antimonii ; 
de magno lapide antiquorum Sapientnm ; 
Apocalypsis chemica ; Testameutum nlti- 
mam etc. 



Leonardo wendet aich gegen die Ansicht, 
dan die YeTBteiDerungen nor Naturspiele 
seien. 



1490 — 1555 Georg Agricola, Btirgermeister 
and StadtphysikuB in Chemnitz, Be- 
grander der wissenschaftlicben 
Mineralogie and Metallargle. £r 
betrachtet die ausseren Merkmale ge- 
naner and theilt darnach : E r d e n , con- 
crete Safte (Salze, Schwefel etc.)^ 
Steine, Metalle. De re metallica 
iibri Xn, de natara fossiliam libri X etc. 

t 1534 Otto BrunfeU (Mainz, Strassbnrg) 
liefert in seinem Krftuterbuch gute 
Abbildangen, die Pflanzen zahlt er 
ganz nngeordnet anf. 

1493 — 1541 Paracelsus, berubmter Arzt 
Dringt aaf Sectionen,einpfiehltdem 
Arzt Chemie nnd Astrologie, braacht 
Antimon- and QaecksUberpriiparata, 
Opiampillen. - Drei Eleraente gibt es, 
Sdbwefel im Cebermaass im Kdrper ver- 
arsacht Fieber, SalzDurchfall and Wasser- 
flfocht, Qaecksilber, wenn ea gerinut, 
Gicbt, wenn es destillirt, Wahnsinn. 

1539 Hyronimus Bock (1494 — 1 554), „ Neaes 
Kriaterbach." B. nnterscheidet bereits 
die Familien der Lippen-, Ereuz- and 
Korbblomen. 

1509—1553 Servet, der yon Calvin als 
Ketzer Terbrannt wird, macht aaf den 
s<^enannten kleinen Kreislaaf des 
Bin tea yom Herzen zar Longe and 
zornck aafinerksam. 

Fabrieius entdeekt, dass alle Klappen 
in den Yenen nach dem Herzen 
bin lich 5 ff nen. 



1455—1522 Johann Reuchlin, 1467—1536 
Desiderius Erasmus, 1492 — 1540 Joh. 
Ludw. Vives; H&upter der Hamanisten. 

1483—1485 Bichard III., KSnig von Eng- 
land. 

1492 Eroberang von Granada, Yertreibang 
der Maaren aas Spanien. 

1498 Vasco de Gama in Oatindien. 

1474—1533 Ariosto. 



1 47 5 — 1 564 Michelangelo. 

1477—1576 Titian, 1483—1520 Baphoel, 
1494—1534 Correggio, 1497—1543 Hol- 
bein d. Jungere. 

1495 Beichstag za Worms. Maximilian L 
Ewiger Landfriede. Beichskammer- 
gericht. 

1484—1531 Ulrich Zwingli. 

1500 Peter Hele erflndet die Taachenuhren? 

1503 — 1566 Nostradamus (Michel de Notre- 
Dame), Leibarzt Karl's IX. von Frank- 
reich and Astrolog. 

1517 Luther schlagt seine 95 Streit- 
satze an die Bchlosskirche in 
Wittenberg. 

1M9 — 1522 Erste Erdamsegelang an- 
ter Ferdinand Magelhaens. 



1509—1564 Calvin. 

1519—1556 Carl V. 

1540 Ign. Loyola stiftet den Je- 

saitenorden. 
1519 — 1574 Cosimo I., 1569 Grossherzog 

von Toscana. Akademie von Florenz. 
1545 — 1575 Tridentiner Concil. 
1555 Aagsbarger BeligionsfHede. 



1566 SoUmanIL stirbt b^i der Belagening 
von Szigeth in Ungam. 



1574 Die nach dem Plane des Mathema- 
tikera Dasypodiua conatroirte Uhr d^s 
'Straaabarger Mtlnstera wird voUendet, 



166 



Inhaltsyerzeichniss. 



Phyaik. 



Mathematik. 



1571 Joh. Fleischer 8. 126. 
Erklarung des Begenbogens, MeBsaog 
des BadiuB. Clicbthove, Nebenregfen- 
bogen. 

1575 Maurolycus B. 126. 
Wenig ricbtige Erklftrung des Begen- 
bogenB, Bericbtigung des Clicbtbove. 
BreiinpanktederLinBen,Brennweite 
nicbt beBtimmt, spb&riscbe Abweicbung 
bei LioBen, BrennUnien. Wirkung der 
Kr^'Btalllinse, der Brillen. Erklii- 
ning der runden Sonnenbildcben im 
Schatten der Bftame. Erkl&mng der- 
Belben bei den ScbolaBtikera. 

1577 Guido Ubaldi S. 128. 
Uebersetzungen. Wirkung der 5 me- 
chaniBchen Potenzen. EinflusB auf 
Galilei* 

1580 Robert Norman 8. 129. 
Entdeckung der magnetischen In- 
clination. Hartmann. N. verlegt den 
Anziehangspunkt der Magnetnadel in 
die Erde, friihere Fabeln. 

1582 Kalenderverbesserung durch Gre- 
gor Xm. 8. 129. 

1583 Galilei im Dom zu Pisa 8. 130. 

1584 Mich. Varro 8. 130. 
Kr&ftezaBammenBetzung. 

1587 Simon Stevin 8. 130. 
Leben, Werke. Stellung des 8t. in der 
GeBcbicbte. Parallelogramm der Kri&fte, 
Bcbiefe Ebene, Hydrostatik. 

1587 Benedetti 8. 133. 
GleicheGescbwindigkeit frei fal- 
lender K5rper, Centrifugalkraft, 
schiefer Hebel, Moment einer Kraft. 
Leben des B. 

1588 Tycho de Brahe 8. 134. 
Gegner des Eopernikaniscben 8ystems. 
Leben. 8orgf%Itige Beobachtungen. 5 
Einwiirfe gegen das Kopernikanische 8y- 
stem. Eigenes Bystem des Tycho, wil- 
lige Annabme desselben darcb die Zeit- 
genossen. Komet von 1577. Astro- 
nomiBche Befraction. 

1589 Porta 8. 137. 

Leben und Charakter des Porta. 8ein 
Hauptwerk. Erfindung der camera 
obBcura, Anwendungauf das Auge. 
Irrige Erkl&mngen der Kurz- and Weit- 
sichtigkeit and des Einfachsehens mit 



Ludolph von Ceulen berechnet die 
ZabI n bis aaf 35 Ziffern. 



Maurolycus restaurirt das V. Bach des 
Apollonias, erweitert die Theorie der 
Tangenten und Asymptoten. 



Stevin gibt in seiner Algebra Anieitang 
zam Gebrauch der Decimalbriiche. 



Raphael BombeUi behamdelt den soge- 
nannten irredaciblen Fall der Gleichnn- 
gen ni. Grades. 



Inhaltsverzeichmss. 



167 



Chemie nnd beachreibeiide Natar- 
wiuenschaften. 



AUgemeine Qeschichte. 



1516~15«5 Conrad Gesmer^ Polyhistor. 
Qnte KataraliensammlaDg, gute Abbil- 
dnogen von Pflanzen. Versucht die 
Pflanxen nach ihren Bl&then und 
Frachten in Clasien uod Ordnan- 
gen einzatheileii. Historia ammalium. 
O. macht in seiner Beschreibung der 
Kineralien aof die Krystallwinkel auf- 
merkaam. 

Aldrovandi, Natnrgeschichte in 14 Bftnden, 
venacht eineEinUieilnng des Thierreichs, 
ebenso Wotton. Der letztere stellt die 
Zoophyten als eigenen Thierkreis aof. 



1534 — 1598 Joachim Camerarius kauft die 
Gessner'gche Sammlong von HolzBchnit- 
ten, 2500 Stuck, nnd benutzt sie bei 
seinen Werken. 



1583 CaesalpinuSf Leibarzt des Papstes 
Clemens YIIL, de plantis libri XVI. 
C»ee. fordert dringend eine Ordnung der 
Pflanzen. Er theilt dieselben in 
holzige and krantartigennd diese 
dann welter nach Frnchten nnd 
Blnthendecken. Caes. spricht sioh 
gegen eine bestimmte Gestalt der leb- 
loMn Kdrper, Hineralien, ans. Linn^ 
nennt den Oaesalpinns: Primns yems 
systematicns. 



1 562 — 1 59 8 Hngenottenkriege. 
1572 Bartholomftusnaoht. 



1558—1603 regiert Elisabeth von England, 
1564—1616 Shakespeare. 



1579 Die sieben nSrdlichen Provinzen der 
Niederlande schliesaen die Utrechter 
Union. 



168 



Inhaltsverzeichniss. 



Physik. 



Mathematik. 



zwei Aogen. La tern a magica. £r- 
findang des Fernrohrs? Brennpunkt des 
Hohlspiegels. Magnetische Abstos- 
sung, Anfertigung von Magneten. 
Erkllmng der magnetischen Anziehung. 
Marktschreierei der Gelehrten dieser Zelt. 
Academia secretorum naturae. 

1590 Oalilei^s Versttche am Thurm 
zu Pisa S. 141. 

1590 Erfindung des MikroskopB 8.141. 
Verg^dsserung durch Linsen, einfaches 
Mikroskop. Znsammengesetztes M. von 
Zach. Jansen 1590? 

1550—1600 Giordano Bruno S. 143. 
Leben. Lehre. 

1596 Johannes Kepler^s mysterium 
cosmogibaphicam S. 144. 

Gesetz der Planetenentfemangen. 

1597 Piccolomini S. 145. 
Freier Fall der Kdrper. 

SclflusBbetrachtang S. 146. 



1540—1603 FranctseusFfXaerfindet 
dieBnchstabenrechnang. Log^stica 
speciosa im Gegensatz zur alten logis- 
tica numerosa. 

a cubus -\-bin a quad/r. ^-\-a in h quadr. 
S-\-b eubo aequalia o-|-6 etibo 

d. 1. a3 -f 3 a« 6 4- 3 a 6« -f 6« 
= (a -f b)\ 



lahaltsrerzeichiiiss. 



15*1— 1*19 Johann Bavhin nnd 1550 bia 
ieS4 Ktupar Bauhin, BrEider, TeroucbeD 
eine /e>te Terminologia derBoUnik 
zn Kbcffen and Uebereinitimmiuig in 
den PJIanztnmainen herzoitellen. "' 
dabin hatte von 40 Botsnikern, 
CaTJer lagt, jede Fflanze auch 40 Namen 
erhalteo. 



1578—1612 Rudolf II., dentBcher Eaiaer, 
Aatrolog nnd Aitronom. T^cho de Brabe, 
Kepler. 



r Heister d«t uiederlliiidi- 



1 Nantat, Heinrieh IV. 



NAMEN- UND SACHREGISTER. 

(Die angegebenen Zahlen bedeaten die Seiten des Buches.) 



A. 



Abd Arrahm&n III. 76. 
Abitossnng, magnetische 140. 
Abd Dschafar s. Almansur. 
Abu Mus& Dschabir s. Geber. 
Abweichang, magnetische 96, 111. 
— iiph&riBcbe: beiSpiegeln 100; bei 

Lineen 127. 
Aeolipile 40, 44. 
Aether 18. 
Akademie: von Alexandrien 29 — 30, 

54, 61; dellaCmsca 104; Telesiana 

125 — 126; aecretomm naturae 141; 

dei Ijyncel 141. 
AkuBtik 2, 9, 12, 20, 30, 43—44, 50, 

67, 114 — 116. 
Albategnias oder Albatt&ni 76 — 76. 
Albertns Magrnus 78^ 93, 94—97, 

103. 
Albirftni 82, 84. 
Alchemie 1, 55, 66, 72—74, 99, 104, 

135. 
Alexander de Spina 103. 
Alfarabi 78. 

Alhazen 78—81, 83, 100, 101. 
Alkhazini 81—86. 
Aiknin 72. 
Allgemeine Eigenichaften der 

Materie 2, 6, 7, 8, 10, 11, 12, 

13—14, 17 — 18, 83—84, 120—121, 

124. • 

Almamun 74. 
Amra 61. 

Aikaxagoras 10 — 12, 14. 
Anazimander 7, 8. 
Anaximenea 7, 8. 
Andronikas v. Bhodos 17. 
Anselm ▼. Canterbury 88, 89. 
Anthemitts 60. 
Antipoden 57, 110. 
Anziehang: magnetische 6, 42 — 43, 

46, 74, 140; elektntehe 6. 



Ar&ometer 59. 

Archimedes 3, 28, 82—89, 49, 51, 
56, 59, 82, 108, 109, 117, 128, 131, 

133, 134. 
Archytas 15, 27. 

Ari starch 10, 82, 36, 117. 

Aristoteles und die Aristoteliker 3, 
4, 5, 6, 8, 10, 12, t3» 14, 16—26, 
26, 30, 31, 38, 40, 42, 44, 60, 61, 
65, 66, 72, 78, 86, 87, 89, 90, 91, 
92, 93, 102, 103, 106, 108, 109, 111, 
115, 120, 122, 124, 125, 126, 133, 

134, 143. 
Arraschid 71. 

Astrologie 1, 55, 57, 59 — 60, 66, 99, 

135. 
Atmosph&re, H5he der 80. 
Atomistik 5, 10—12, 13—14, 17, 26, 

42; 45, 73, 104. 
Auge 20—21, 78—79, 117, 127, 139. 
Augustinus, der heilige 57. 
Ausflussmenge des Wassers 47. 
Automaten 15, 95. 
Averroes 86—87, 106. 
Avicenna 77—78, 82. 

B. 

Bacon, Boger 78, 97, 98—102, 108, 
129, 141. 

Bacon y. Verulam 99. 

Beharrungsvermdgen 48, 133, 
135—136. 

Benedetti 113, 188—184. 

Bernhard v. Clairvaux 90. 

Bessarion 109. 

Bewegung: im Allgemeinen 17 — 18, 
83, 133 ; nattirliche und gewaltsame 
18, 22; voUkommene und unyoll- 
kommene 18; des freien Falls 
8. Freier Fall der Kdrper; Wurf- 
bewegung s. dort. 

Beza 125. 



172 



Namen- und Sachregister. 



Bibliothek: in Alexandrien 29, 30, 

61 ; in Cordova 76. 
Bilder: bei Spiegeln 101—102, 140; 

bei Linsen 127, 139—140. 
Boccaccio 106. 
BoStins 60. 

Brechang des Lichts s. Dioptrik. 
BrechungBwinkel and Brechnngs- 

gesetz 49, 67, 79, 102, 105, 127. 
Brennlinien 127. 
Brennpunkte: bei Spiegeln 31, 60, 

100—101, 140; bei Linsen 79—80, 

127. 
Brenngpiegel, Erfindung der 34, 37. 
Brill en 103—104, 127. 
Bncbdrnckerkunst 108—109. 



C. 



Camera obscnra 114, 116, 139. 
Capillarit&t 84—85, 116. 
Cardanus 96, 113, 128—126, 141 
Carpentarins 125. 
Cen trifagalbewegung 133. 
Cicero 2, 34, 38, 55. 
Chlichthove 126. 
Commandino 117. 
Communicirende B&hren 132. 
CusanUB 106—108, 129. 



D. 



Dampfe 17, 23, 44, 60. 

DamianuB 50. 

Dampfkreigel 40. 

Dampforgel 77. 

Declination, magnetiBche 96, 111. 

De Cusa s. CoBanus. 

Demokrit 5, 18—14, 26, 42. 

Deacartes 43, 113, 144. 

DesmicianuB 141. 

Dioptrik 44—45, 49—50, 79—80, 101, 

102—103, 105, 127, 137, 140. 
Doppelte Aufhangung 125. 
Drebbel 142, 143. 
Drnck der Fliissigkeiten 131—132. 
Drnckpnmpen 39. 
Dynamik IB— 19, 38, 47,83, 113, 122, 

130, 133, 141. 



E. 



Ebbe nnd Flnth 60. 
Echappement der Uhren 105. 
Echo 20. 
EkphantuB 10. 
Eleaten 7, 10. 

Elektricitftt 2, 5, 6, 45, 46, 67, 114. 

Elemente 6, 7, 8, 10, 11, 12, 13, 15, 

17—18, 19, 22, 23, 72, 107, 124, 126. 



ElmuBfeuer 46. 

EmiBsionstheorie^deB Lichts 13. 

Empedokles 12—18, 14. 

Epikur nnd die Epikareer 14, 26, 42. 

Erasmafl 112. 

Eratosthenes 89. 

Brdbeben 23. 

Erde: Kugelgestalt 6, 9, 18, 57; Buhe 
im Mittelpunkt der Welt 6, 9, 12, 
18, 36, 47 — 48, 135—136; Bewegang 
der Erde 9—10, 32, 48, 119—122, 
135—136, 144. 

Eudemos 26. 

Bud ox 15—16, 27, 37. 

Euklid 27, 28, 80—81, 44, 51, 117. 

Euktemon l4. 

EusebioB 57. 



F. 



Farbeu 12, 21, 45, 80, 114, 126. 

Fernel 117. 

Fernrohr 101, 114, 140, 142. 

Firmicus Maternus 57. 

Flaschenzng 38, 44, 58. 

Flavio Qioja 96. 

Fleischer 120. 

For tpflanznngsgesch wind igkeit 

des Lichts 50, 79. 
Fracastorius 117. 
Franco y. Coin 114. 
FreierFall der K6r per 18— 19,116, 

133, 141, 145. 
Friedrich XL, deutscher Kaiser 47, 

105. 
FrontinuB 47. 



G. 



Galilei 38, 113, 115, 128, 180, 131, 

141, 143, 147. 
Geber 72—74. 
Gerbert 77. 

Gerhard v. Cremona 109. 
Geruch 12, 20. 
Geschmack 12, 20. 
Geschiitze 41, 42, 97. 
Geschwindigkeit: Mass derselben 

83; firei fallender KOrper s. Freier 

Fall; des Lichts 50, 79. 
Gewicht der KQrper s. Schwere. 
Gewicht, specifisches, s. Speciflsches 

Gewicht. 
Gewichtsverlust in Fldssig- 

keiten 33, 36, 82—83. 
Gilbert 113. 

Giordano Bruno 148^144. 
Glasspiegel, belegt 100. 
Gleiohgewicht s. Statik. 
Gnomon 7. 



Namen- und Sachregister. 



173 



Goldene Zalil 14. 
Gradmegsangen 39, 42, 74 — 75, 117. 
Oray, Stephan 142. 
Gregor IX. 90, 104. 
Gregor XIIL 129—180. 
Gnido T. Arezzo 114. 
Gnldin'sche Begel 58. 
Gnttenberg 108. 



H. 



Hakam II. 76. 

Harmonisclie Verlialtnisae 9. 

Hartmann 129. 

Hartsoeker 142. 

Hebel 19, 35, 58, 82, 116, 128, 133. 

Heber 138. 

Heinrich v. Wyk 105. 

Heraklid v. Pontus 10. 

Heron 28, 89 — 41, 109, 117. 

Heronsbrannen 40. 

Hesiod 6. 

Hiketas 10. 

Hipparch 41--12, 49. 

Hohlspiegel 31, 37, 59, SO, 79, 100, 

140. 
Hooke 142. 

Horror vacni 20, 138. 
Hvdromechanik 19—20,35—36,43, 

47, 82 — 84, 131—183. 
HydrostatischeaParadozon 132. 
Hypatia 69. 



I. 



Ibn Bo8chd 8. Averroes. 
Ibn 8 in a s. Avicenna. 
Ideler 130. 

Inclination, magnetische 129. 
Innocenz IIL 90. 
lonische Naturphilosdphen 6 — 8, 
9, 10, 15. 



J. 



Jamblichus 56. 
Jansen, Hans und Zacharias 142. 
Jean de Menrs 114. 
Johann v. Damaskus 71. 
Justinian I. 60. 



K. 



Kalender 14—15, 43, 102, 109—110, 

129—130. 
Kalippos 15, 16. 
Karl der Grosse 71, 



Katoptrik 21, 30—31, 37, 40, 59, 60, 

79, 100, 103, 105, 140. 
Keil 58, 128, 130. 

Kepler 113, 120, 135, 136, 144—145. 
K hoar an I. 60, 61. 
Kleanthes 43. 
Kleomedes 44—45. 
Kometen 23, 45, 137. 
Kopernikus 32, 110, 113, 117—122, 

134—136, 144. 
Kraft 11, 12, 13, 19, 83, 133. 
KrftfteznsammenBetzung 130, 

131, 133. 
Krystalllinse 78, 127, 139. 
Ktesibios 89—40. 



L. 



Lactantins 57. 

Laterna magica 140. 

Lehmann 130. 

Leibnitz 144. 

Leonardo da Vinci 113,116—117, 

139. 
Leakipp 13. 
Lenwenhoek 142. 
L i c b t : geradlinige Fortpflanzang des- 

selben 12, 13, 20, 30; Geschwindig- 

keit desselben 50, 79. 
Lin sen 44, 80, 101, 140, 141. 
Lucrez 42 1 8. 
Luft: Spannkraft derselben 23, 40; 

Gewicbt derselben 18, 107, 117, 124. 



M. 



M&stlin 136—137, 144. 

Magie 55, 66. 

Magnetismus 2, 6, 42—43, 46, 67, 
74, 95—96, 107, 111, 113, 129, 
140—141. 

Marcus Graecus 96 — 97. 

Maurolycus 117, 126—128. 

Mechanik 2, 15, 17—20, 22, 23, 27, 
28, 35—38, 39—41, 42, 43—44, 47, 
57—58, 67, 79—84, 107, 113, 116, 
122, 124, 128—129, 130—133, 
133-134, 138, 145. 

Mecbaniscbe Fotenzen 58, 128. 

Melanchthon 125. 

Meton 14. 

Methoden der Pbysik 2—6, 15, 
23—25, 26—29, 31, 38, 49—52, 
67—68, 73—74, 85—86, 92, 94, 99, 
108, 111, 130—131, 134, 138, 

V 146—147. 

Mikroskop 114, 141—143. 

If ilchstrasse 23. 

Moment einer Kraft 133. 



174 



Namen- und Sachregister. 



N. 



Nasair Eddin 76. 

Nebel 23. 

N^uplatoniscbe Philosophie 1, 

56, 59, 60, 78. 
Nicolaus de Aatricuria 104. 
Norman 129. 



0. 



Ohr 12, 20. 

Optik 2, 12, 13, 20—21, 28, 30—31, 
37, 44, 45, 49—50, 59, 60, 67, 78—80, 
100—102, 102—103, 104—105, 114, 
116, 126, 126—128, 137—141, 
141—143. 

Osiander 118. 



P. 



Palestrina 115. 
Papier, ErilndiiDg des 98. 
Pappas 57—68, 117, 128. 
Paracelsas 141. 
Parallelogramm der Bewegun- 

gen und der KriLfte 130, 131, 

133. 
Parmenides 10. 
Pendel 105, 130. 
Petrarka 106. 
Peurbaoli 109, 118. 
Pbilo, der Neuplatoniker 1. 
Pbilo v. Byzanz 42. 
Pbilolans 9. 
Piccolomini 145. 
Planetenbewegung 9 — 10, 12, 

15—16, 18, 41, 43, 47-^9, 75, 

117—121, 135—136, 143-144. 
Platen and die Platoniker 1, 5, 

6, 10, 11, 15, 30. 
Plinlus der Aeltere 45 — 47, 55, 59. 
Plotinns 56. 
Porta 187—141. 
Posidoniui 42. 
ProkluB 55, 59-60. 
Ptolemans Euergetes 29, 39. 

— Pbiladelphug 17, 29. 

— Boter 29. 

Ptolem&ns, Elaadius 28, 41, 42, 
47—52, 75, 78, 87, 100, 109, 110, 
117, 135—136. 

Pump en 89, 40. 

Pytbagorai und die Pytbago- 
reer 1, 5, 8—10, 15, 32, 56. 



Q. 

Qnellen, Entatehong der 44. 



R. 



Bad an der Welle 40, 58, 128. 

Raderubren 77, 105. 

BaimunduB Lullus 102. 

BamuB 125. 

Beflexion desLiobts b. Katoptrik. 

Beflexion des ScbalU 20. 

Be fr action, astronomiBobe 44, 50, 

137. 
Befraction des Licbts s.Dioptrik. 
Begen 23. 
Begenbogen 21, 45, 103, 105, 126, 

126—127. 
Beibung 117. 
Beinbold, Erasmus 122. 
Bbaticus 118, 122. 
Biese, Adam 77. 
Botbmann 122, 134. 
Bolle 15, 58, 128. 



S. 



Saladin 105. 

Salvino degli Armati 103. 

Sandubren 40. 

Santbeck 122. 

Saugpumpen 40. 

Scball 20, 43. 

Scbeinbare Gra^o ^2, 30—31, 80, 

101. 
Scbelling 144. 

Bcbiefe Ebene 58, 116, 124, 131. 
Scbiesspulver 96 — 97. 
Schmelzen 21. 
Schnee 23. 
Scbolastiker 88—94, 104, 106, 111, 

112—113, 124, 125, 141. 
Scboner 118. 
Scbraube 15, 38, 58, 128. 
Scbwere and Leicbtigkeit der 

Kdrper 15, 18, 22, 23, 81, 83—84, 

145. 
Bcbwerkraft 120. 
Scbwerpunkte 35, 36,' 58, 83, 128, 

133. 
Scbwimmen der Kdrper 35, 36, 

128 133. 
Sebwinkei 30—31, 101. 
Seneca 45, 59. 
Sergius 61, 71. 
Simplicius 60 — 61. 
Sinnesempfindung 12, 13, 20 — 21. 
Sirturus 143. 

Sonnenbildcben im Scbatten 127. 
Sonnenfinsternisse 6, 10. 
Sonnenmikroskop 140. 
Sosigenes 48. 
Spannkraft: der Luft 23, 40; der 

D&mpfe 44, 60. 



Namen- und Sachregister. 



175 



Specifisches Gewicht 67,81 — 82, 

107, 124. 
Spiegel: ebene 31, 49; spharische 31, 

49, 59, 79, 100, 140; paraboIlBche 

101; eiliptiBche 60. 
Statik 35—36, 38, 58, 59, 82—86, 107, 

113, 128, 130-133. 
Statiaches Moment b. Moment 

einer ^raft. 
Stelluti 142. 
Sternschnuppen 23. 
Sternkaialoge 41, 122. 
Stevin ISO— 188, 145. 
Stoiker 14, 42, 43. 
Btrahlenbrechnng, astronomische 

44, 50, 137. 
Bylyester II. 77. 



T. 



Tacitas 55. 

Tartaglia 117, 122—128, 124. 
TeleeiuB 125-126. 
ThaleB 6 — 7, 8. 
Than 23. 

Theodorich 104—106. 
Theon 58. 
Theophrast 26. 
Thermometer 85, 114. 
Thomas v. Aquino 93. 
Thnrmnbren 105. 
Tonintervalle 0. 
T5ne, Entstehung der 12, 20. 
Tjcho de Brahe 113, 120, 122, 
184—187, 145. 

U. 

Ubaldi 113, 128—129. 
Uhren 7, 40, 85, 105. 
UranuB, der Syrier 61. 



V. 



Yarro, Michael 180. 
Yerdampfen 21. 

Yergr5Bserung durch BphftriaAhe 
Fiachen 45, 80, 101, 140, 141-TI3. 
Yincenz v. Beanvais 100. 
Yitello 102—108. 
Yitruv 28, 33, 
YiveB 112. 



Wftrme 2, 21, 67, 85, 114, 124, 126. 

Walther, Bernhard 109—110, 

Wassermnhlen 44. 

Wasserorgel 40. 

WasserBchranbe 37, 128. 

WaBseruhr 40, 85. 

Wellen 43, 117. 

WeltsyBtem 6, 8, 9, 10, 12, 15, 16, 
18, 22, 23, 32, 36—87, 41, 48—49, 
57, 75, 107, 119—122, 135—137, 
144, 145. 

Wilhelm ▼. Occam 93—94. 

Windbuchse 39. 

Winde 23, 44, 124. 

Wolken 23. 

Wurfbewegung 19, 22, 122, 133. 



X. 



Xenophanes 10. 



z. 



Zahnrader 40. 

ZeitmeBBung 7, 40, 85, 105, 124. 



r f 



i 



DIE ' 



GESCHICHTE DER PHTSIK. 



DIE 



GESCHICHTE DEE PHTSIK 



IN 



GRUNDZtGEN 



MIT 



SYNCHRONISTISCHEN TABELLEN 



DEB 



MATHEMATIK, DER CHEMIE UND BESCHREIBENDEN 

NATURWISSENSCHAFTEN 



SOWIB 



DER ALLGEMEINEN GESCHICHTE. 



VON 



Db. feed, rosenberger. 



ZWEITER THEIL. 
GESCHICHTE DEB PHYSIK IN DEB NEUEBEN ZEIT. 



BRAUNSCHWEIG, 

DRDCK CMD VERLAQ VON FRIEDRICH VIEWEO UNP SOHN. 

18 8 4. 



Alle Bechte yorbehalten. 



V O R W O R T 



Die Grundsatze, nach welchen ich die Geschichte der Physik zu 
bearbeiten gedachte, babe icb in der Vorrede zu dem ersten Theile 
dieses Werkes aus einander gesetzt; sie sind aucb fur den jetzt 
Torliegenden zweiten Theil unverandert befolgt worden, und ich 
darf also in Betreff derselben auf jenes Vorwort verweisen. 

Dass ich in diesem Theile die Werke deqenigen Physiker, auf 
denen mit breiter Basis unsere ganze neuere Wissenschaft ruht, 
in eingehenderer Weise als friiher behandelt habe, wird man wohl 
der Sache angemessen finden. Ebenso aber wird man kaum miss- 
billigen konnen, wenn ich auch einzelne physikalische Theorien, 
deren Wirkungen nicht bis an unsere Zeit heranzureichen scheinen, 
die aber zu ihrer Zeit gewaltigen Einfluss geiibt, diesem letzteren 
entsprechend ausfiihrlicb dargestellt habe. Abgesehen davon, dass 
ohne die Eenntniss solcher Systeme das Verstandniss der Arbeiten 
mancher Jahrhunderte fast unmoglich erscheint, ist auch ihre 
Betrachtung gerade geeignet, den grossen Nutzen zu gewahren, den 
ich nicht besser als mit den Worten Albert Lange's auszudriicken 
weiss: „Wer — in der Geschichte die unauflosliche Verschmelzung 
von Irrthum und Wahrheit sieht, wer bemerkt, wie die bestandige 
Annaherung an ein unendlich femes Ziel yollkommener Erkenntniss 
dorch zahllose Zwischenstufen geht; wer da sieht, wie der Irrthum 
selbst fin Trager mannigfaltigen und bleibenden Fortschritts wird, 
der wird auch nicht so leicht aus dem thatsachlichen Fortschritt der 
Gegenwart auf Unumstosslichkeit unserer Hypothesen schliessen. — 



VI Vorwort. 

Das wichtigste Resultat der gescbichtlichen Betrachtung ist die 
akademische Ruhe, mit welcher unsere Hypothesen und Theorien 
ohne Feindschaft und ohne Glauben als das betrachtet ^werden, 
was sie sind: als Stufen in jener unendlichen Annaherung an die 
Wabrheit, welcbe die Bestimmnng unserer intellectu^llen Entwicke- 
lung zu sein scbeint i)." 

Frankfurt a. M., im Februar 1884. 

Dr. Ferd. Rosenberger, 

Lehrer an der Musterschule (Bealgymiuwiam). 



^) Geschichte des Materialismus. 4. Ausgabe, S. 502 und 503. 



Verzeichniss der Werke, welche bei Ausarbeitung dieses Theiles der 
Geschichte der Physik haufiger benutzt worden sind: 

Montucla, Hifltoire des math^matiques, 2. ^dit., 1799 bis 1802. 

Kastner, Geschichte der Mathematik, 1800. 

Bossut, Histoire g^n^rale des math^matiqnes, 1810. 

Buter, Geschichte der mathematischen Wissenschaften, 1873 bis 1875. 

Fischer, Geschichte der Physik, 1805 bis 1808. 

Poggendorff, Biographisch-literarisches Handw5rterbach zor Geschichte 

der exacten Wissenschaften, 1863. 
Poggendorff, Geschichte der Physik, 1879. 
W he we 11, History of the inductive sciences, 8. edit., 1857. 
Whewell, Geschichte der ind. Wissenschaften, ubersetzt und mit Zns&tzen 

versehen von J. J. Littrow, 1840. 
Wilde, Geschichte der Optik, 1838 und 1843. 
Diihring, Geschichte der Principien der Mechanik, 2. Aufl., 1877. 
Karsten, AUgemeine Encyklopadie der Physik: |I. Band, Elnleitung in 

die Physik von Karsten , Harms und Weyer, 1869. 
Gehler, Physikalisches Handworterbuch, neue Ausgabe, 1825 bis 1843. 
B. Wolf, Handbuch der Mathematik und Physik, 1869 bis 1872. 
B. Wolf, Geschichte der Astronomie, 1877. 

Libri, Histoire des sciences math^matiques en Italie, 1835 bis 1841. 
Lange, Geschichte des Materialismus, 4. Ausg., 1876 bis 1877. 
Lewes, Geschichte der Philosophie, 1871 und 1876. 

Ueberweg, Grundriss der Geschichte der Philosophie, 5. Aufl., 1880 bis 188 1. 
Kopp, Geschichte der Chemie, 1843. 
Kopp, Beitrage zur Geschichte der Chemie, 1869 und 1875. 



Einthellimg der Geschichte der Physik. 



nL GeschioMe der Phjrslk in der neueren Zelt von circa 

1600 bis circa 1780. 

1. Erster Abschnitt von circa 1600 bis circa 1650. 

EntstehuDgsperiode der neueren Physik. 

2. Zweiter Abschnitt von circa 1650 bis circa 1690. 

Physik vorwiegend Experimentalphysik. 

3. Dritter Abschnitt von circa 1690 bis circa 1750. 

Physik vorwiegend mathematische Physik. 
4. Vierter Abschnitt von circa 1750 bis circa 1780. 
Periode der Reibungselektricitat. 



III. 

GescMchte der Plxysik in der neueren Zeit 

Von circa 1600 bis circa 1780. 



Je genauer man eine naturliche Entwickelungsreihe kennen 
lernt, desto schwerer erscheint es streng begrenzte Abschnitie in 
derselben aufznfinden. An keiner Stelle lasst sich das Naturliche 
ganz ohne Zwang in den Schematismus bannen, der dem mensch- 
lichen Geiste zum Auffassen nun einmal nothig erscheint Mag 
man eine Reihe yon Naturkorpem in ein System zu bringen, oder 
mag man die Entwickelungsgeschichte irgend eines Culturelements 
in Perioden zu zerschneiden yersuchen, iiberall widerstrebt das 
fliessende Material dem sondemden Verstande. Auch der Ge- 
schichtsschreiber der Physik empfindet die Schwierigkeit einer Ein- 
theilung und zwar um so starker, je mehr mit der Annaherung 
an die Neozeit alle Mittelglieder des Fortschrittes sich deutlicher 
seinem BUcke zeigen. So lange nur die Spitzen der Wissenschaft 
ans dem Meer der Vergessenheit auftauchen, so lange ist es leicht, 
dieselben als feste Saulen im Fluss der Entwickelung zu erkennen; 
80 wie aber die Lucken sich zu fiillen beginnen, so wie der fort- 
schreitende Wellenzug immer weniger unterbrochen sich dem Auge 
darstellt, so zeigt sich, dass alle Eintheilung mehr oder weniger 
wiUkiirlich and im besten Falle nur eine annahernd richtige sein 
kann. Doch steht immerhin der Systematiker einer geistigen Ent^ 
wickelungsreihe noch giinstiger gegeniiber als einer korperlichen; 
wahrend hier im langsamen Fluss der Dinge epochemachende 
Spriinge fast unmoglich erscheinen, ersetzt dort das Werden einer 

Boienberger, Oeschichto der Physik. IL i 



2 Einleitung zur Geschichte 

Geistesgrosse oft die Entwickelung langer Perioden, und niit einein 
Male tritt durch eine geniale Kraft ansLicht, was sonst im gewohn- 
lichen Lauf der Dinge nur langsam geworden ware. 

Ein solcherFall liegt vor im Anfange der neueren Physik. 
Zwar hatte ein Jabrhundert mindestens schon gerungen den siche- 
ren Grund and Boden fiir diese Wissenschaft zu finden, aber doch 
war bis zum Ende des 16. nur wenig Land zu sehen. Erst mit 
dem Anfange des 17. Jahrhunderts kam unserer Wissenschaft der 
Columbus, der den Weg zu dem geahnten Festland zeigte, und 
nach ihm war es so leicht und so sicher denselben zu geben, dass 
nun auch anderen geringeren Geistem die Nachfolge moglich wurde. 
Darum bat es iiber den Anfangspunkt der neueren Pbysik kaum 
Zweifel gegeben, und wenn man nocb einzeln dariiber streitet, ob 
Galilei oder Bacon fur jenen Columbus anzusehen sei, so macht das 
erstens fur die Datirung jenes Zeitpunktes wenig aus, und zweitens 
wird sicb zeigen, dass dieser Streit sicher dahin zu entscheiden 
ist, dass nur Galilei auf diesem Ocean des Wissens der kundige 
Seefahrer war, und dass Bacon hochstens die Segelvorschriften fiir 
denselben in ein System zu bringen vermochte. 

Sehen wir so den Anfang der neueren Physik ohne 
grosse Schwierigkeiten fest gelegt, so mehren sich 
doch dieselben unyerhaltnissmassig mit dem weiteren 
Fortschreiten der Eintheilung. Zwar sind auch femerhin 
Perioden gewiss nicht yerkennbar, sowohl die Untersuchungsgebiete, 
wie auch die Methoden der Untersuchung selbst andem sich zu 
verschiedenen Zeiten in ganz pragnanter Weise; aber weder lassen 
sich diese Aenderungen immer an ganz bestimmte Personen, noch 
an ganz bestimmte Zeiten ankniipfen. An einigen Stellen, weil 
iiberhaupt der Gang des Fortschritts ein stetigor ist, 
ohne dass er durch besonders hervorragende Geister plotzlich 
geandert wiirde; an anderen Stellen aber, weil solche hervor- 
ragende Geister nicht mehr das ganze Gebiet der Physik 
und alle Methoden beherrschen und darum die Verande- 
rungen in den verschiedenen Disciplinen nicht gleichzeitig, sondem 
nur nach und nach auftreten. Und doch macht sich mit dem 
Anwachsen des Materials eine bestimmte Eintheilung als Bediirfhiss 
immer starker geltend. Man konnte versucht werden an ganz 
bestimmte ausserliche Erscheinungen anzuknupfen, also ein kiinst- 



der neueren Physik. 3 

liches System entsprechend dem kunstlichen System der Natur- 
geschichte zu schaffen ; doch wiirde eine solche Eintheilung mehr der 
Beqnemlichkeit des Geschicbtsschreibers als dem Verstandniss des 
Lesers dienen. Wir baben uns darum bemiibt die Ein- 
theilung trotz der Scbwierigkeiten natiirlicb zu ge- 
stalten und allezeit den Gbarakte% der Gesammt- 
wissenschaft zu beriicksicbtigen. Ob wir dabei immer das 
Bichtige getroffen baben, konnen wir nicbt selbst entscheiden, und 
Ton speciellen Standpunkten, etwa eines Mathematikers, Pbilosopben 
Oder Experimentalphysikers aus, dUrfte man vielleicht zu anderen 
Besnltaten gelangen. 

Wie der I. Band dieses Werkes gezeigt hat, kannte die Physik 
Tor dem 17. Jahrhundert nur zwei physikalische Methoden, 
die naturphilosophische und die mathematische. Natur- 
philosophie wie Mathematik zogen die Grundlagen ibrer Wissen- 
schaft aus den Erfahrungen des taglichen Lebens, aus dem durch 
die gewohnliche Erfabrung gegebenen Beobachtungsmaterial, eine 
Experimentabnetbode, welcbe diese Grundlagen selbsttbatig schuf, 
gab es noch nicbt. Das Experiment wurde zwar einzeln zum 
Messen der Grossenverbaltnisse von Erscbeinungen gebraucbt, auch 
yersuchten einzelne Erfinder der Natur durch Probiren Gebeim- 
nisse abznlauscben, aber ein planvolles Befragen der Natur, 
ein Beobacbten derselben als physikalische Methode 
war nicbt bekannt Der Physiker bemiibte sich die bekannten 
Erscbeinungen zu erklaren, eine Verpflicbtung zur besseren Beob- 
achtung derselben, ja nur zur Verificirung seiner erklarenden Hypo- 
thesen gab es far ibn nicbt Das Experiment gehorte nicbt 
in die Wissenscbaft, es lag bochstens vor derselben 
und batte in derselben keine Bedeutung. Darum brauch- 
ten alle die falscben Satze von der Beobachtung wenig zu furchten ; 
die Welt A'bt Gedanken war unendlich feiner als die 
gewohnliche materielle Welt, es ware gar kein gutes 
Zeichen gewesen, wenn der pbilosophiscbe Satz sich 
Tollkommen mit der Erfabrung gedeckt batte, und jeden- 
fidls war es kein Nacbtheil fur ihn, wenn die Beobachtung ihm 
widerspracb. Noch immer steckte in der Philosophic etwas von 
der platonischen Schwarmerei fur die Idee und von der Verach- 
tung der Materie; der Naturpbilosopb hielt es unter seiner 

1* 



4 Einleitung zur Geschichte 

Wiirde, wie ein Handwerker sich ausserhalb der Studirstube zu 
beschaftigen und nihmte sich nur im Reiche der Geister zu wohneiL 
Der Mathematiker aber, der selbst die bekannten physikalischen 
Naturerscheinungen nur der geringen Minderzahl nach in seine 
mathematischen Formeln zu bannen wusste, fiihlte ebenso wenig 
den Beruf wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen, und davon, 
dass ihm das Experiment aucb bei Anwendung der Mathematik 
recht ibrderlich werden konnte, war er eben noch nicht genug 
iiberzeugt. So war, trotzdem man vielfach experimentirte und auch 
geschickt zu experimentiren yerstand, doch die Wissenschaft selbst 
noch wenig davon beriihrt. Das Experiment in die Wissen- 
schaft selbst einzufiihren, die experimentale Methode zu einer 
anerkannt wissenschaftlichen zu machen, das leistete erst das 
17. Jahrhundert. 

In der neuen wissenschaftlichen Methode vereinigten sich dann 
die friiher getrennten Zweige der Physik. Die Philosophic ent- 
warf den Plan zur Erklarung und bildete die Hypothese iiber das 
Wesen der Erscheinung; die Mathematik leitete aus den Prin- 
cipien die Maassverhaltnisse derselben ab und dieBcobachtungs- 
kunst gab nicht bios fur den philosophischen Plan das erste 
sichere Material, sondem bewahrheitete auch, durch die Verificirung 
der mathematisch abgeleiteten Maassverhaltnisse, die philosophiscbe 
Hypothese aufs Beste. So zeigt sich der Plan wenigstens in der 
Physik Galilei's, leider wurde derselbe nicht immer richtig 
gewiirdigt und bald yersuchten sich feindlich die eben vereinigten 
Zweige wieder zu trenncn. Schon in der ersten Periode der 
neueren Physik strebte in Descartes die Naturphilo- 
sophie auf neuer Grundlage wieder selbstandig zu werden, aber 
noch wirkte Galilei's Einfluss in seinen Schlilern zu machtig. Erst 
als etwa vom Jahre 1650 an, auf der anderen Seite auch die Ex- 
perimentalphysik sich eine einseitige Stellung verschaffte, 
wurde das Gleichgewicht gestort. Eine Menge neuer, friiher nie 
beobachteter Erscheinungen, wie die des Luftdrucks vor alien, 
forderte einseitig zur Beobachtung heraus. Die Physiker bo- 
gniigten sich nun mit der blossen Beobachtung der Thatsachen, 
nahmen hochstens die Ilypothesen des Descartes als bequemes 
Hulfsroittel auf, wenn nach einer Erklarung gefragt wurde, und 
bekiimmerten sich sonst wenig um eine solche. Die Mathema- 



der neueren Physik. 5 

tiker aber wussten eiuerseits das sich machtig ansammelnde Neue 
noch nicht zu bewaltigen iind waren auf der anderen Seite mit 
der Entwickelung ihres wichtigsten Hulfsmittels, der hoheren Ana- 
lysis, so beschaftigt, dass sie nur wenig in der Physik thatig blieben. 
Diese Periode eines ersten Ueberwiegens der Ex- 
perimentalpbysik konnen wir von 1650 bis 1690 da- 
tire n. Nacb dieser Zeit erfolgte ein Riickschlag, In den Jahren 
1680 bis 1690 war die hohere Analysis durch Newton uod 
Leibniz bekannt gegeben worden; Newton's Attractions- 
theorie fasste mathematisch die Bewegungen der Himmelskorper, 
die Bernoulli's, Huygbens u. a. erzielten auf mathema- 
tisch-physikaliscbem Gebiete solche Erfolge, dass nun 
wieder die Experimentalphysik zuriicktrat und die bedeu- 
tendsten Geister dieses Zeitraumes sich wieder der mathematisehen 
Physik zuwandten. Doch verschwand naturlich die Experimental- 
physik nicht ganz vom Schauplatz, vielmehr verblieben einzelne 
Zweige derselben in yerhaltnissmassig starker Thatigkeit; dafiir 
aber wurde die Naturphilosophie bis zur Vernichtung 
geschlagen. Die an keiner Seite mathematisch fassbaren Hypo- 
thesen des Descartes riefen in jenen mathematisehen Physikem 
eine ToUige Verachtung der Naturphilosophie, ja einen Hass gegen 
dieselbe hervor, die den Physikem mehr oder weniger ausgepragt 
bis auf den heutigen Tag geblieben sind« Nicht ganz zum 
Vortheil der Wissenschaft, denn die Yernachlassigung der 
Naturphilosophie ist mit eine Ursache geworden, dass an einzelnen 
Stellen das empirische Material sich unyerhaltnissmassig gehauft 
hat, ohne dass eine Erklarung gelungen, ja yielleicht nur kraftig 
Tersucht worden ware. Das Uebergewicht der Mathematik 
in der Physik dauerte ungefahr bis zum Jahre 1747, 
dami erlangte die Experimentalphysik neue Kraft durch die 
gewaltige Vervollkommnung der Kenntniss von der Reibungs- 
elektricitat, und das Interesse wandte sich in solchem Maasse 
diesem Gebiete zu, dass wir mit Recht diese vierte Periode 
▼on 1747 bis 1780 nach dem Anwachsen und Erloschen dieses 
hiteresses bemessen konnen. 

So sind diese Perioden in ziemlich bestimmter Weise abge- 
grenzt und charakterisirt, nur der Abschluss der letzten ist un- 
^cherer, well keine epochemachende Gestalt und keine epoche- 



H 



6 Einleitung zur Geschichte der neueren Phjsik. 

macbende That ihn in der Geschichte markirt. Wenn wir trotz- 
dem die Physik der neueren Zeit mit dem Jahre 1780 abschliessen 
und Yon hier aus im dritten Bande dieses Werkes die Physik 
der neuesten Zeit zu beginnen gedenken, so geschieht das, well 
mancherlei weniger herrorstechende Factoren uns doch in ihrer 
Gesammtheit fiir diesen Zeitpunkt entscheidend erscheinen. Wir 
werden am Schlusse dieser Abtheilung unseres Werkes nnsere 
Ansicht aasfuhrlicher vertheidigen. 



1. 

Erster Abschnitt der Physik in der neueren Zeit. 

Von circa 1600 bis circa 1650. 



Entstehungsperiode der neueren Physik. 

Das 17. Jahrhundert yollendete auf alien Gebieten 
der Wissenschaft den Sturz der Scholastik. Nicbt dass 
dabei die alten peripatetischen Naturphilosophen mit Feuer und 
Schwert vertilgt worden waren; sie lebten in einzelnen abgeschlos- 
senen Kreisen, unter dem machtigen Schutze der katholischen 
Eirche, auf sicheren Lehrstiihlen der Universitaten noch lange 
fort; aber sie waren auf den Aussterbeetat gesetzt, eigene Lei- 
stungen in der Wissenschaft batten sie nicht aufzuweisen; wo sie 
einmal noch auffcauchten, yersuchten sie sich in der Opposition 
gegen das Neue, aber wagten kaum das Alte zu halten. Und 
muss man auch zugeben, dass sie in dieser Opposition das Mog- 
lichste gethan haben, so waren ihre Angriffe doch melir niitzlich 
als schadlich, denn die Angriffe selbst gaben Zeugniss 
von dem neuen Geiste in der Wissenschaft. Wenn man 
FaUversuche machte in der Hoffnung die Galilei^schen Gesetze als 
unrichtig nachzuweisen, wenn man versuchte die Erscheinungen 
am Barometer iiberhaupt, wenn auch auf andere Art als durch 
den Luftdruck zu erklaren, so lag darin die Anerkennung der 
Beobacbtung als wissenschaftlicher Methode. Sowie man selbst 
zu experimentiren anfing, nahm man auch die Natur 
als die Quelle der physikalischen Wahrheit an; damit 
aber war die eigene Naturphilosophie dem Untergang§ geweiht 






8 Entstehungsperiode 

and die Grundlage angenommen, die ton selbst zur neaen Wissen- 
schaft fiihren musste. Trotzdem ware wohl durch die Physik aUein 
der Sieg der Erfahrungsmethode nicht so schnell and so offenbar 
erreicht worden, wenn nicht noch andere Factoren fbrdernd ein- 
gegriffen hatten. Machtig halfen in dieser Beziehung vor 
allem die Entdecknngen am Himmel durch das Fern- 
rohr, die jeden Widerspruch ausschlo^en. Mochten sich auch im 
Anfange die peripatetischen Professoren hiiten vor dem neaen 
Instrument, dass dem Alten sich so feindlich zeigte, die jiingere 
Generation and die nicht einseitig interessirte Menschheit ergriff 
mit Enthusiasmus die Erweiterung ihres Gesichtskreises, und damit 
wurde es auch zuletzt den Gegnern unmoglich, die Erfahrung wie 
friiher ganz zu negiren. Zwar machten einerseits der Zusammen- 
hang der physikalischen und astronomischen Entdecknngen und 
der Widerstand der Kirche gegen die neue astronomische Theorie 
auch fur den Physiker den Kampf gefahrlicher, und andererseits 
erhielten die~^Gegner der neuen Wissenschaft die machtige Inqui- 
sition *und oft auch aus protestantischen Kreisen die besorgten 
Theologen zu Bundesgenossen ; doch blieb immerhin der Vortheil 
auf Seite der Physik. Obgleich die katholiscbe Kirche aus dem 
Kampfe gegen den bedeutendsten Fuhrer der verbundenen Wissen- 
schafben, Galilei, als Siegerin hervorging, so musste sie doch bald 
auf wissenschaftlichem Gebiete die Beobachtung als eine von ihr 
unabhangige Autoritiit anerkennen und nach kurzer Zeit gehorten 
katholiscbe Priester selbst zu den eifrigsten Experimentatoren. 
Zwar hat die Kirche auch spiiterhin noch ein Aufsichtsrecht iiber 
alle Wissenschaft fur sich in Anspruch genommen und hat unlieb- 
same Theorien vorzuglich noch in der ersten Periode mit Eifer ver- 
folgt, auch merkt man wohl den geistlichen Arbeitem im Gebiete 
der Physik mehr oder weniger ihre stete Gebundenheit in Bezie- 
hung auf die Verwerthung der wissenschaftlich erlangten Resultate 
an; immerhin aber war der wissenschaftliche Boden fur die For- 
schung gereinigt, und wenn nur die Beobachtung nicht gehindert 
wird, so konnen auch die sich aus ihr ergebenden Theorien so 
lange nicht unterdriickt werden, so lange man nicht das Denken 
iiberhaupt ganzlich zu beherrschen vermag. 

Dazu kam, dass der neue Geist des Fortschreitens 
sich nicht einmal auf Physik und Astronomic allein 



der neueren Physik. 9 

beschrankte. Ah hatte der Geist der Menschen in der langen 

wissenschaftlichen Nacht Kralte aufgesammelt fiir spatere pas- 

sende Verwendung, so drangte in alien Wissenschaften derselbe 

Torwiirts und reinigte durch sichere Fortschritte die ganze wissen- 

schaftliche Atmosphare von den aberglaubischen Nebeln. Die 

Chemie emancipirte sich von der Alchemie, bedeutende 

Chemiker, wie Helmont und Boe Sylvius kampften gegen die 

Lehre von der Wandelbarkeit der Elemente und fassten alio 

chemiBche Veranderung als ein Mischen und Trennen von Stoffen 

aof. Doch vermochte sich gerade die Chemie noch nicht ganz rein 

m gestalten, sie lehnte sich an die Medicin an und versuchte in 

ihrem Satz von der Identitat aller Vorgange im Korper mit 

chemischen Processen sich wenigstens einen Theil von dem Stein 

der Weisen zu erretten. Fiir die Zoologie loste Harvey durch 

seine Entdeckung des Blutumlaufs ein lange aufgestelltes und 

schon mannigfach bearbeitetes Problem; in der Botanik begann 

man eine eingehendere Beschaftigung mit den Befruchtungsorganen, 

and das Suchen nach einem rationellen Eintheilungsprincip zeugt 

dafur, dass man den alten Niitzlichkeitsstandpunkt aufzugeben 

begann, und rein wissenschaftliche Interessen auch hier inamer 

mehr erwachten. 

Die Mathematik hat als wichtigste Entdeckung die der 
Logarithmen und der analytischen Geometrie zu ver- 
zeichnen, doch findet man hier in diesem und auch in dem nachsten 
Zeitraume noch einen verhaltnissmassig langsamen Fortschritt. 
Die Beobachtungswissenschaften scheinen in der Ent- 
wickelung einen Gegensatz zur Mathematik zu bilden, 
der leicht begreiflich ist. Eine machtige Entwickelungsperiode der 
einen Wissenschaft entzieht der anderen eine Menge fahiger Arbeiter, 
nnd umgekehrt rtisten auch die Erwerbungen der einen Wissen- 
schaft in einer Periode die *" anderen zu grosseren Fortschritten in 
der nachsten aus. 

Am merkwiirdigsten ergeht es der Philosophic in diesem 
Zeitraum. Sie hat mit der Niederlage der Scholastik einen Schlag 
erKtten, der absolut todtlich erschien, und hat tiberdies noch die 
Verachtung ihrer Besieger zu tragen. Es zeugt fiir die Lebenskraft 
dieser Wissenschaft, dass sie trotzdem sogleich wieder zu neuem 
Streben und sogar zu neuem Glanze sich aufraffte. Zu danken 4iat sie 



1 Entstehungsperiode 

das zweien ihrer genialsten Arbeiter, Bacon and Descartes. 
Bacon hielt der Scholastik die Grabrede, aber nur um den Boden 
zu reinigen fur neue Saat. Nachdem die alte Philosophic ihre 
Unfahigkeit bewiesen, war er bemiiht die neue Methode zu finden, 
welche diese Wissenschaft ergreifen muss, wenn sie ein vollkommen 
sicheres Gebaude errichten will. Als diese neue Methode erschien 
ihm die der Induction; er entwarf danach den ganzen Plan fiir die 
neue Wissenschaft, vermochte aber bei dem langsamen Fortschreiten 
jener Methode nicht das Gebaude selbst aufzurichten. Aehnlicb 
und doch ganz anders Descartes. Auch er vemichtete zuerst die 
ganze vorhergehende Philosophie, aber nachdem er den sicheren 
Grund alles Wissens gefunden zu haben glaubte, begann er schnell 
eine neue Naturphilosophie wieder voUstandig auszufiihren. Nach- 
dem er erkannt hatte, dass das Wesen der Materie nur in der 
Ausdehnung besteht, stellte er von diesem Gedanken aus (aller- 
dings mit Zuhiilfenahme ungezahlter anderer Hypothesen) das 
ganze System der Natur in einem einzigen kiihnen Werke wieder 
her. Die Idee, aus einer klaren und leicht begreiflichen Eigen- 
schaft der Materie die ganze Naturerklarung zu yersuchen, war 
zu yerlockend, als dass sie nicht hatte Au&ahme finden soUen; 
so werden wir denn in den nachsten Perioden, trotz mannig- 
fachen Widerstandes, die Cartesianische Naturphilosophie 
in Yoller Geltung finden auch auf alien Gebieten der Physik. 
Nur ein Theil der Physiker, der mehr nach der chemischen Seite hin 
neigte, wandte sich einem wiedererstandenen Zweige der alten Natur- 
philosophie zu. Nachdem Aristoteles gestiirzt, bemiihteGassendi 
sich die alte Atomistik zu bele.ben, indem er Epikur 
und seine Philosophie dem Descartes und seiner Theorie gegen- 
iiberstellte. Ihm folgten in dem nachsten Zeitraume bedeutende 
Chemiker und Physiker, wie Boyle etc., und yon da aus begann 
die Ausbildung der sogenannten neueren Atomistik. 

Was nun die Physik im engeren Sinne betrifft, so war 
darin yon den allgemeinen Eigenschafben der Materie (abgesehen 
yon den Naturphilosophen Bacon, Descartes und Gassendi) vor 
der Hand wenig die Rede. Die alte Philosophie hatte so viel 
liber das Wesen der Materie gestritten, dass man nur darauf zuriick- 
kam, wenn man gezwungen war. Das Wesen der Kraft aU Wir- 
kung hatte Galilei zum ersten Male und yoUendet behandelt, iiber 



der neueren Physik. 11 

Kraft als Ursache sprach er nicht. Im AUgemeinen nahm man 
Schwere, wie Kepler, als ein Vereinigungsbestreben des Gleichartigen 
ui, oder man Tersuchte dieselbe durch den Magnetismus zu erklaren. 
Doch horten mit Descartes nach und nach diese Speculationen auf, 
ond nach ihm gab es in der materiellen Welt keine Kraft im alten 
Sione mehr. Kein Korper wirkte auf andere Korper anders als durch 
immittelbaren Stoss, und kein Korper anderte seinen Bewegungs- 
zustand, wenn er nicht durch andere direct gestossen wurde. In 
der Statik fester Korper wurden der alten Statik nur das 
Gesetz der Kraftezusammensetzung in klarer bewusster 
Form zugefiigt und durch Galilei's Princip der virtuellen 
Geschwindigkeiten die Zuriickfuhrung statischer Verhaltnisse 
auf dynamische angebahnt. Dieses Princip der virtuellen Ge- 
Bchwindigkeit wurde dann auch benutzt, um die Gleichgewichts- 
bedingungen fiir Fliissigkeiten, wie sie schon frilher gefun- 
den, neu zu begriinden, sonst wurde hier nichts Neues geleistet. 
Die Statik luftformiger Korper erhielt am Ende des Zeit- 
ranmes ihre eigentliche Basis durch die Torricelli'sche Lehrevom 
Lnftdrack; doch war das immerhin noch ein schwacher Anfang, 
der erst im nachsten Zeitraum schnell weiter gefiihrt wurde. Die 
Dynamik dagegen feierte jetzt ihre Grundlegung als ein Zweig 
der eigentlichen Physik. Galilei behandelte die Bewegung 
eines freien Punktes, der sich nur unter dem Einfluss einer 
constanten Kraft bewegt, in erschopfender Weise; die Behandlung 
von Bewegungen, welche auf fester Bahn stattfinden, 
gelang ihm wenigstens mit Hulfe einiger unbewiesener aber rich- 
tiger Annahmen. An die Untersuchungen der Bewegungen von 
festen Punktsystemen, oder von festen Korpem, dachte man 
noch nicht; die Dynamik abstrahirte zuerst ganz von der Ausdeh- 
nnng und der Masse der bewegten Korper. Nur die Cartesianische 
Lehre vom Stoss bildet hier eine Ausnahme, jedoch keine ruhm- 
liche, wie wir sehen werden. In der Dynamik der tropfbar- 
fliissigen Korper haben wir als einen ersten Schritt das Tor- 
ricelli'sche Ausflussgesetz zu verzeichnen. Der Dynamik 
elastisch fliissiger Materien konnte man vielleicht die Be- 
stimmung der Schallgeschwindigkeit in der Luft zu- 
theilen; doch ist diese hier noch keine mechanische Ableitung, son- 
dem eine rein experimentale Untemehmung und muss also der 



1 2 Entstebungsperiode 

Akustik zugerechnet werden. Dann haben wir fiir diese nur 
nocb die ersten Gesetze achwingender Saiten und eini^e 
anscbliessende Untersuchungen zu erwabnen. Die Optik fuhr 
zuerst ganz in der alten Weise ihrer matj^ematiscben Bebandlung 
fort, gelangte aber doch auch bier zu grundsatzlich wicbtigen 
Resultaten. Die Entdeckung der neuen optiscben Instrumeiite, 
des Fernrobrs and des Mikroskops, trieb zu immerwabrenden 
Untersucbungen der Brecbung des Licbts, and das Brecbungs- 
gesetz warde nacb mancberlei Bemiibangen aucb in dieser Pe- 
riode nocb gefanden. In der Untersucbang des Aages und 
seiner Wirksamkeit war Kepler eifrig and mit bedeatendem Erfolg 
gleicb im Anfang des Zeitraumes tbatig. Spater trat aacb die 
pbysikaliscbe Optik mehr in den Vordergrund. Bacon zwar 
beklagt sicb nocb dariiber, dass man pbysikaliscbe Untersucbungen 
iibcr die Natur des Licbtes vemacblassige, und dasselbe nur matbe- 
matiscb betracbte, aber bald erfubr die Farbenlebre eine 
eifrige Bearbeitung, und wenn aucb die Qualitat der Arbeiten der 
Quantitat derselben nicbt entspracb, so naberte man sicb docb 
nacb und nacb der Ansicbt, dass mit der Brecbung des Licbtes 
immer eine Farbenzerstreuung verbunden sei. Das 
Ende des Zeitraumes bracbte endlicb nocb eine der wicbtigsten 
optiscben Entdeckungen, die aber erst im Anfange des nacbsten 
veroffentlicbt wurde, namlicb die Entdeckung der Beugung 
oder Diffraction des Licbtes durcb Grimaldi. In der 
Warmelebre scbwankten immerwabrend die Ansicbten iiber das 
Wesen der Warme und vermocbten zu wenig Festem zu gelangen; 
docb bracbte man es wenigstens zu der Construction von Tber- 
moskopen, aus denen sicb allerdings erst nacb vielen vergcb- 
licben Versucben in den nacbsten Perioden die Thermometer ent- 
wickelten. Die Lebre vom Magnetismus und von der Elektri- 
citat macbte gleicb im Anfang einen kraftigen Fortscbritt, leider 
folgten demselben wenig weitere. Nur ist zu bemerken, dass die 
Cartesianiscbe Tbeorie des Magnetismus angewandt auf die Elektri- 
citat sicb am langsten von alien Cartesianiscben Hypotbesen gekal- 
ten, und dass sie erst in der letzten Iliilfte des 18. Jabrhunderts den 
Einwirkungen der Newton'scben Principien zum Opfer gefallen ist. 
Der kurze Zeitraum der funfzig Jabre bat in der 
Geschicbte der Pbysik Leistungen aufzuweisen, wie 



der neueren Physik. 13 

sie kein Zeitraum vor und nachher gebracht hat Man 
ruhmt die Leistungen der Gegenwart and nennt die Fortschritte 
in den Natarwissenschaften erstaunliche; wollen wir aber iiber- 
hanpt yergleichen, so stehen wir nicht an zu behaupten, dass 
ansere Zeit sich mit der Periode, mit der mr ons jetzt beschaftigen, 
bam messen kann. Die Gegenwart ist in der Technik unterstiitzt 
durch die Theorie allerdings auf eine Weise fortgeschritten, die 
onser ganzes sociales Leben mngestaltet and auf diesem Gebiete 
nie geahnte Yerandeningen hervorruft; eine ganze wissenschafblicbe 
Weltanschaaang hat sie aber weder gestiirzt noch nea aafgebaut 
Unser Jahrhundert ist ohne Brach den Entwickelangen des vorigen 
Jahrhnnderts gefolgt, ist allerdings in einigen Zweigen der Physik 
reissend schnell yorwarts gegangen, ist doch aber aach in manchen 
Zweigen nicht Uber das vorige Jahrhandert hinaasgekommen , und 
hat Tor allem in der physikalischen Theorie an manchen Stellen, 
wie im Begriff der Materie and der Theorie der Elektricitat, noch 
bedenklich schwache Seiten. Die erste Halite des 17. Jahrhunderts 
aber hat die schwierigsten Theile der Physik neu aufgebaut, und 
hat den Menschen geistig ganz aus seiner Sphare geriickt, indem 
der Bhck desselben iiber die Erde in die Tiefen des Himmels hin- 
ansgefiihrt und der Glaube an die centrale Stellung des Menschen, 
in Bezog auf das ganze Weltall, mit dem Herausriicken der Erde 
aus dem Centrum der Welt unmoglich gemacht wurde. 

Verfolgen wir die Entwickelung unserer Wissenschaft 
unter den verschiedenen Nationen, so lasst sich nicht 
verkennen, dass wir fur diese Periode das Meistc den Italienern 
za danken haben. Galilei gab in seiner Mechanik zuerst ein clas- 
sisches Beispiel fiir eine richtige methodische Behandlung der 
Physik, so voUkommen, so ausgeglichen in den methodischen Fac- 
toren, and dabei ohne Vorganger so abschliessend, wie es nicht 
leicht wieder zu finden ist; auch sind es seine Schiiler und Freunde 
Tor allem, die in diesem Zeitraum wirksam sind. Mit Galilei 
erreidit Italien seine Bliithe in unserer Wissenschaft, aber mit ihm 
welkt sie auch. Seine Verurtheilung durch die Inquisition schreckte 
die Forscher, und in der Nahe der feindseligen kirchlichen Gewalt 
verstummte nach und nach die Wissenschaft. Zum Ersatze hob 
sich dann dieselbe in Frankreich. Franzosische Gelehrte batten 
Galilei's Entdeckungen mit Enthusiasmus aufgenommen, sie waren 



14 Galileo Galilei. 

eSy die seine Yerurtheilang am lautesteB tadelten, seine Arbeiten 
trotz des gewaltigen Widerstandes im eigenen Lande yertheidigten 
und auch nach seiner Yerurtheilung die Heraosgabe seiner Schrif- 
ten besorgten. England begann erst allgemeiner mit wissen- 
schaftlichen Beschaftigungen wahrend der glorreichen Regierong 
der Konigin Elisabeth, und bald wurden die politiscb-religiosen 
Stiirme der grossen Reyolution denselben wieder hinderlich; doch 
fallen immerhin Namen wie Gilbert und Bacon zu Gunsten Eng- 
lands stark ins Gemcbt. Unser armes Deutschland litt durch 
seine religiosen Kampfe mehr als jedes andere Land. Es bedurfte 
schon eines heroischen Genies wie Kepler, um unter Noth und 
Drangsalen, in den Stiirmen eines dreissigjahrigen Krieges sein 
Yaterland in der Wissenscbaft so glanzend yertreten zu konnen. 
Ausser Kepler haben wir yon Deutschen fast nur noch katholische 
Priester, Jesuiten, wie Scbeiner und Schott, zu nennen, die sich 
yor den Stiirmen des Krieges in ruhige Hafen fluchten konnten. 
Sie waren fleissige Arbeiter, welcbe ibrer Kirche zum Ruhme auch 
die Wissenscbaft pflegen woUten, denen man aber nicht selten die 
Gebundenheit und . das Fehlen eines freien wissenschaftlicben 
Geistes anmerkt Die nordischen Reiche blieben in der gescbicht- 
lichen Entwickelung der Wissenschaften noch etwas zurtick; sie 
hatten die Astronomic ergriffen, und riihmlich genug hier einen 
Tycho heryorgebracht, die iibrigen Zweige der Naturwissenschaft 
bearbeiten sie erst in den folgenden Perioden. 

Oauieo Oft- Galiloo Galilei wurde am 15. Febr. ^) 1564 in Pisa geboren. 

Mfner'me-* Sein Yater Yincenzo war ein hochgebildeter Musiker, dessen noch yor- 

ph^ikau- handene Dialoghi della musica antica e naoya auch yon einer genauen 

deckniiavn Bekanntschaft mit der griechischen und romischen Literatur zengen. 

i58»— 1609. Aber obwohl er wie auch seine Frau Ginlia aas angesehenen Familien 

stammten, waren sie doch mit Glftcksgiitem nicht gesegnet, und als dem 

erstgeborenen Galileo noch mehrere Geschwister nachfolgten, yermochten 

sie nur schwer die Kosten ffir deren Erziehung aufzubringen. Der junge 

Galilei wurde darum fidr den Tuchhandel bestimmt, der am ersten FrUchte 

zu bringen yersprach; doch besnchte er in Florenz, wohin seine £Utem 

nicht lange nach seiner Gehurt fkbergesiedelt waren, die lateinische 

Schule. Hier zeichnete er sich in den gelehrten Sprachen, in Logik und 

Dialectik so aus, dass sein Yater, trotz der nngilnstigen Yerhftltniese, 



^) Fur dieses Datum : Cantor, Zeitschria fur Math. a. Pbyg., XXVIU. Jahrg., 
1. Heft., Hi8t.-lit. Abtb., 8. 29. 



Galilei in Pisa. 15 

den Gedanken an den Tnohhandel aofgab and Galilei fflr die Medicin oauiei, 
beatimmte, die ja auch pecuniare Erfolge nicht auBBchloss. Im Jahre ^^^^^^^' 
1581 bezog Galilei die Universit&t Pisa nnd hdrte zun&ohst philoBophisohe 
ForieBungen. Mit Ansnahme eines einzigen, waren alle seine Professoren 
AriBtoteliker, nnr Jacob Mazzoni tmg pythagoreische Lehren yor, 
ilun schlosB sich Galilei yorzugsweise an. Mit RieBenschnelle entwiokel- 
ten sich die ausBerordentlichen Talente des Jfinglings* seine Beobach- 
timgBkanst, sein philosophiBcher Scharfsinn and seine mathematiscbe 
ErfindongBgabe. Im Jabre 1583 beobacbtete der 19j&brige Stadent 
der Medicin im Dom za Pisa die Scbwingnngen der lang aafgeb&ngien 
Kronleacbier and scbloss, indem er die Scbwingnngsdaaer derselben an 
Beinen Palsscbl&gen abzablte, dass gleicblange Pendel ibre Scbwin- 
gnngen in gleicben Zeiten yollenden. Bald daraof fabrten ibn 
anch seine matbematiscben Stadien za selbstftndigen matbematiscb* 
mecbaniscben Arbeiten. £s wird erzftblt, dass der jange Galilei, welober 
anf seiner Lateinscbale die Bekanntsobaffc der Matbematik nocb nicbt 
gemacbt, ganz zofl&llig einer matbemaiiscben Vorlesang des Abtes Ostilio 
Kcci beigewobnt babe, and darcb diese so angeregt worden sei, dass er 
fur sicb allein das Stadium der Matbematik begonnen. Jedenfalls war 
er in dieser WissenBcbaft bald so weit fortgescbritten, dass er dieTbeorie 
▼on den Scbwerpnnkten der festen Kdrper solbstandig yer* 
Tollkommnen konnte and gerade diese ersten Leistungen in der Matbe- 
matik dflneten ibm weitere Wege. Sein Yater, der yon seiner Yemacb- 
lasBigong der mediciniscben Stadien gebdrt and yoU Sorge nacb Pisa 
gekommen war, erlaabte ibm sicb ganz der Matbematik zu widmen and 
jene matbematiscben Arbeiten yerscbafften ibm die Bekanntscbaft der 
aosgeEeiebnetsten damaligen Gelebrten, yor allem die Ganst des berflbm- 
ten Eenners der Arcbimediscben Mecbanik, des Marqais Gaidobaldo 
del Monte^). 

Mit dieser ersten Bescbaftigang war als der eine Aasgangspankt 
der Galilei^scben Mecbanik Arcbimedes gegeben ; an Arcbimedes knilpfte 
er direct die Grandlage seiner Statik, den Beweis des Hebelgesetzes an. 
Bald danacb and scbon wabrend seiner Stadienzeit entwickelten sicb 
aucb die Grnndlagen seiner Dynamik, aber diesmal nicbt in Ueberein* 
Btimmang, sondem im Gegensatz zu den Leistungen der Grie- 
cben. Die matbematiscben Physiker des Altertbums batten fkberbaupt 
keinen Yersncb zur Losung dynamiscber Probleme gemacbt, inderDy- 
namik berrscbte Aristoteles unbescbr&nkt; seine Tbeorie der 
Bewegung war bis dabin die einzige, welcbe eine Erklarung der bimm- 
lischen wie der irdiscben Bewegungen erlaabte. Erst im letzten Jabr- 
bondert gingen aacb yon der Seite der Mathematiker immer mebr dyna- 
miscbe Yersucbe aus, die allerdings scbon den Kampf gegen die peri- 
patetiscbe Bewegungslebre erofineten. Wir baben im ersten Bande 



*) I. TheiJ d. Werkes, 8. 128 u. 129. 



16 Erste Fallversuche. 

Gkdiiei, diesor Geschichte der Physik anf die Ansichten dee Tartaglia^), in 
Bezug aof die Wnrflinie, und die Leistungen des Benedetti') u. a. in 
Bezng aof die Geschwindigkeit frei fallender Korper aufmerksam gemacht. 
In wie weit Galilei diese Arbeiten kannte, wissen wir nicht, dass er aber 
gleich, Yom Anfang seiner wiBsenschaftlichen Entwickelang an, die Wider- 
Bpruche der AristoteliBchen Dynamik erkannte, ersieht man ans der schon 
erw&hnten Nichtbeacbtnng der peripatetiscben Yorlesnngen, and ist auch 
aus den immerwabrenden Disputationen mit seinen Studienfrennden zn 
erscblieBsen, die ibm, bei seinem ewigen Widerspmcb gegen die noch 
vollst&ndig berrscbende Bewegungslebre , den Namen eines Z&nkers ein- 
getragen baben sollen. 

Es ist nns leider nicbt moglicb den Entwickelnngs- 
gang Galilei's, vorzuglicb in seinen Anfangen, genau zn 
▼ erfolgen. Dmckwerke yon ibm liegen ans der ersten Periode nicht 
Yor, weil er zu arm war nm die Eosten der Yerdffentlicbung tragen zn 
konnen; seine ersten Biograpben, wie Yiviani und Gberardini waren 
selbst nicbt vor 1630 mit ibm bekannt geworden and ausserdem wird 
ja wobl iiberbaupt das Leben eines FtLrsten der Wissen scbaft kaam ein- 
mal in seinem Werden beacbtet werden. Docb ist man in neaerer Zeit, 
wo das Anwacbsen der Galileiliteratar von nenem macbtigem Interesse 
fur die Gestalt des unglucklicben Forscbers zeugt, beatrebt. gewesen, die 
erste Periode seines Lebens so viel als mdglicb aufzubellen, und italie- 
niscbe Gelebrte vor allem baben erfolgreicb in dieser Beziebnng gear^ 
beitet. 

Der Marquis del Monte interessirte sicb fortdauemd fur den jungen 
▼ielversprecbenden Matbematiker, dessen GlCLcksguter so wenig seinem 
Talent entspracben. £in Yersucb, durcb seinen Bruder, den Cardinal 
del Monte, den jungen Galilei zum Professor in Bologna emennen zu 
lassen, gelang nicbt, dafur aber erlangte er im Jabre 1589 fiir ibn einen 
Lebrstublder Matbematik an der UniTersitftt Pisa mit jabr- 
licb 60 Scudi') Gebalt. Hier trat Galilei nun offentlicb in 
seinen Yortragen gegen Aristoteles auf, indem er, wie fruber 
Benedetti, zuerst durcb Yernunftsscblusse bewies, dass alle Korper 
gleicb Bcbnell fallen mussten, aber dann aucb direct durcb ange- 
stellte Yersucbe diesen Satz zu best&tigen versuobte. Er liess zu dem 
Zwecke Steine von dem scbiefen Tburm zu Pisa fallen und zeigte, dass 
diese ungofabr gleicb scbnell zur Erde gelangten, mocbte roan sie nun 
einzeln oder zusammengebunden fallen lassen. Aucb an anderen Eor- 
pern wies er nacb, dass die Gescbwindigkeit des Fallcs keineswegs dem 
Gewicbt proportional sein konne, uud eine bundertpfundige Bombe wicb 
von einer balbpfilndigen Kanonenkugel , bei der ungefabren Fallbdhe 



1) 8. 122 u. 123. 
'•^) 8. 133 u. 134. 
^) 1 Bcudi uugefiihr 4 Mk. 



Galilei in Padua. 17 

TOD zweihundert Fuss kaum eine Hand breit ab. Trotzdem aber oaiuei, 
batten die Versuche nicht den gewunschten Erfolg. Die ^^*'-*~^*°*- 
peripaietischen Collegen yerirauten ihrem Aristoteles mehr als der directen 
Natarbeobachtung, sie iguorirten entweder die Bemubungen des neue- 
rangssuchtigen Aufangers, oder sie hielten sich an die kleiuen Unter- 
schiede in den beobacbteten Fallzeiten, am ibre peripatetiscbe Dynamik 
zu coDserviren. Scbliesslicb eiiupfingen die Anbanger des alien Scbleu- 
driaos ibren Gegner mit Pfeifen , und als Galilei nocb , mehr aufricbtig 
als king, eine Baggermaschine des Jobann ▼. Medicis, eiues naturlicben 
Sohoes Ton Cosmus L (Grossberzogs von Toscana), ungunstig beurtlieilt 
hatte, war es fur den glUcklicben Experiment ator Zeit sicb zu entfernen, 
wenn er nicht entfernt werden wollte. 

Glucklicherweise konnte wieder der Marquis del Monte belfen; 
Galilei erhielt eine Professur der Matbematik an dor venetia- 
nischen Universitat Padua, nocb bevor man ibm in Pisa seinen 
fast abgelaufenen dreijabrigeu Contract mit der Universitat gekiindigt 
batte. Der Abscbied von Pisa mag ibm leicbt gewordeu sein und nicbt 
bloss damm, well seine ganze Habe ein Gewicbt von 100 Pfund nocb nicbt 
erreicbte. Den 26. September 1592 zog er in Padua ein; seine erste 
Vorlesung aber bielt er, durcb Familiengescbafte abgebalten, erst am 
7. Deeember dieses Jabres. 

Padua zeigte sicb sis ein frucbtbarer Boden fur die Tbiitigkeit 
Galilei^s, seine Vorlesungen erhielten an der berubraten und sebr besucbten 
Universitat nach und nacb ungebeurcn Zulauf, zuletzt war kein Saal 
gross genug lur die Zabl der Zuborer, und dieselbe soil oft die colossale 
Hohe von 2000 erreicbt baben. £r las iiber dieElemente desEu- 
klid, den Almagest des Ptolemaus, die mecbaniscben 
Schriften des Aristoteles, die Planetentbeorie Peuer- 
bach's etc. Die Yortragsspracbe war in den offentlicbcn Vorlesungen 
lateinisch, in den privaten aber scbon toscaniscb. Zu seinen Zuborern 
gehorien die hocbsten Standespersouen , die auf der berfihinten Univer- 
sitat sich aafbielt<en; sowie aucb seine spateren Frounde, der Venetia- 
ner Sagredo und der Florentiner Salviati, dercn Namen er in 
seinen Hauptwerken verewigte. 

Neben diesen Vorlesungen bescbafbigte sicb Galilei unausgesetzt 
weiter mit seiner neuen Wissenscbaft, dor Dynamik; er bemiibte sicb 
jetzt nicht bloss zu zeigen, dass allc Korper gleicb scbnell fal- 
len, 'sondem sQcbte aucb die Eigenscbaften dieser Fallbewe- 
gang naher za ergrunden. Er fand, dass diese Fallbewegung 
eine gleicbformig bescbleunigte sei, und maass im Jabre 1G02 
den Fallranm in der ersten Secunde. Docb fauden aucb andere 
Zweige der Physik grossere oder geringere Beacbtung und Forderung. 
Scbon in Pisa, wabrend Galilei mit Arcbimediscben Studien bescbufiigt 
▼ar, hatte er eine Scbnellwage, die Bilanzetta, zur Bestimmung 
voD Metalllegirungen construirt, die im Princip der Wage des Alkba- 

&o»eaberger, Oeschichte der PhyBik. II. o 



18 Erfindung des Thermometers. 

Galilei, zini ^) iiiit der beweglichen Schale ahnlich ist. Bei seinen Vor- 
1689—1 . lesiingen gebrauchte er um 1597 jene Art von Thermo- 
meter, als deren Erfinder man spater Drebbel^ u. a. aDgcgeben hat. 
Fur die Erfindung dieses Instruments durch Galilei und fur den ange- 
gebcnen Zeitpunkt, tritt aber nicht nur Viviani (der SchOler Galilei's) 
ein, Bondoru es ist auch gewiss, dass Galilei das Instrument im Jahre 
1603 dem Pater Castclli gezeigt hat, ui)d endlich geht, auseinem Briefe 
von Sagredo an Galilei hervor, dass der erstere das Thermometer in 
Voneilig bei Beobachtungen um 1613 gebrauchte. Auch spricht fur die 
fruhe Construction solcher Thermometer durch Galilei, dass nicht nur 
in Florenz, sondern auch in Padua noch Thermometer von ihm auf- 
bewahrt werdon. Das Thermometer bestand zuerst aus einer offenen 
Rohre, an welche unten eine Kugel angeblasen war. Diese erwarmte 
man schwach, stiirzte dann die Rohre um und brachte ihre Oeffuung 
unter die Wasseroberflache in eincm Glase. Dann stieg das Wasser 
beim Abkuhlen der Kugel etwas in der Rohre empor und zeigte ferner- 
hin durch scin Fallen oder Steigen bei Temperaturverandorungen das 
Eintreten solcher Veranderungen und auch in etwas die Grossc derselben 
an. Spater Hess man das mit Wasser gefiiilte Glas weg und brachte 
nur einen Tropfen Wasser in die mit der Kugel nach unten senkrecht 
stehende Rohre, dessen Steigen oder Fallen eine Vermehrung oder Ver- 
ininderung der Warme anzeigte. Galilei soil durch Heron^sche Studien 
zu diesem Instrument gekommen eein. Sicheres wissen wir nicht, da er 
in seinen Schriften die Sache nicht einmal erwahnt. Das Instrument 
wird nicht bloss durch die Temperatur, sondern auch durch den Lufl- 
druck beeinflusst, es ist also kein wahres Thermometer, son- 
dern hochstens ein Thcrmoskop; doch durfen wir es immerhin 
als die nachste Anregung zur Anfertigung eines Thermometers betracht«n, 
wenn auch die wirkliche Construction eines solchen noch eine mehr als 
hundci-tjahrige Arbeit gckostet hat. Eine andere Erfindung Galilei's, 
der Proportion a Izirkel, der ebenfalls aus der Zeit des Aufenthalts 
in Padua, ungeHlhr aus dem Jahre 1597 stammt, hat fur uns wenig 
Wichtigkeit. Doch tmg sie bedeutend zur Verbreitung Von Galilei's 
Rnhme bei durch den Streit, der sich an sie knilpfte. Der Gegner Ga- 
lilei's, Balthasar Capra, welcher sich die Erfindung aneignen wollte, 
wurde seiner ganzlichen Unwissenheit iiberfahrt und dem Gelacbter 
preisgegcben ; seine Schrift aber offentlich verurtheilt und unter- 
druckt. 

Galilei's Contract, als Lehrer an der Universitat Padua, war mit dem 
Jahre 1699 abgelaufen, die Rcpublik Vonedig verlangerte denselbeu auf 
wiederum sechs Jahre und erkannte die Verdienste ihres Professors noch 



1) Theil I, S. 81. 

^) Drebbel Imt Bein Instrument erst 1604 beschrieben (Burckhardt, Poggend. 
Ann. CXXXIII, B. 681). Die Entstehung^sgeschichte den Drebbelmythua giebt 
Woblwill, Poggend. Ann. CXXIV, 8. 163. 



Friihe Entwickelung der Mecbanik Galilei's. 19 

besonders durch eine Gehaltsznlage an. Galilei war nan in geordneten Gaiiiei, 
VerhaRnissen , sein Leben verfloss in verbaltnissmassiger Rube bis znr ~ 
Epoche seiner grossen astronomiBcben Entdecknngen und dem Verlassen 
der ibm so gonstigen Universitat. Von da ab werden wir spater seine 
Lebensbahu verfolgen nnd wenden uns jetzt ziirDarstellungseiner 
Yerdienete um die Pbysik im Specielleren. 

Den Hauptrang nebmen dabei qaantitatiy wie quali- 
tatiy die mecbaniscben Arbeiten ein. Die Mecbanik blieb eine 
der Hanptbescbaflignngen Galilei's w3.brend seines ganzen Lebens, ibr ist 
sein erstes und sein letztes Werk gewidmet. Zwar baben die mecbaniscben 
LeiBtungen ibm seiner Zeit nicbt so viel augenblicklicben Rabm eingetragen 
▼ie die- astronomiscben, die mit Riesenscbnelligkeit der ganzen damaligen 
ciTilisirten Welt den genialen Entdecker bekannt macbten, dafflr aber 
baben sie ibm ancb nicbt so yiele Verfolgnngen zugezogen. Sie zeigen dem 
Kandigen am dentlicbsten die Genialitat ibres Urbebers, and anf sie vor 
Allem grCindet sicb der Ansprucb Galilei's anf den Titel eines Begrun- 
ders nnserer neueren Pbysik. Yiele Griinde bewegen, ja zwin- 
gen nns seine mecbaniscben Arbeiten scbon bier voll- 
standig im Zusammenbang abzubandeln, obgleicb das Werk, 
Welches die Mecbanik am reifsten und voUkommensten darstellt, erst im 
Jahre 1638 erscbien. Galilei bat bis 1610, wo er die Tblitigkeit als 
offentlicher Lebrer aufgab, seine Ansicbten als Universitatslebrer Tor- 
getragen, sie wirkten vorzuglicb in ibrem Gegcnsatze gegen Aristoteles 
scbon von dieser Zeit an, ebe sie nocb im Bruck erscbienen, und wir 
▼urden die Entwickelungsgescbicbte der Pbysik entscbieden falscb auf- 
fassen, wollten wir Galilei's Einfluss erst vom Jabre 1638 an datiren. 
Zwar wissen wir nicbt, wie weit scbon in der ersten Periode die Ge- 
staltung seiner ganzen Mecbanik systematiscb voUendet war, aber alle 
Anzeicben sprecben dafur, dass Galilei die Haupts&tze seiner Mecbanik 
um diese Zeit gefdnden und bei seinen Vorlesungen in Padua vorgetragen 
hat Favaro^) bebauptet in seinem Werk ilber Galilei in Padua, dass 
zwischcn 1602 nnd 1609 Galilei die paraboliscbe Gestalt der Wurflinie 
erkannte; danach miisste um diese Zeit die neue Wissenscbaft in den 
Grandzagen vollendet gewesen sein, nnd eine sogleicb zu erwabnende 
Scbrift Galilei's datirt gewisse Ginndvorstellungen, wie wir seben werden, 
iiocb weiter zoruck. Wabrend der ersten Periode concen- 
trirte sicb die Tb&tigkeit Galilei's am moisten auf die 
Mecbanik, ibr ist die scbopferiscbe Arbeit in dieser Hin- 
sicht zuznscbreiben, sp&ter absorbirten astronomiscbe Arbeiten 
den grossten Tbeil seiner Zeit und seines Interesses , erst nacbdem die 
biqaisition diese Tbatigkeit labm gelegt, benutzte er seine Musse zur 
roDendeteren systematiscben Darstellung scbon fruber erlangter Re- 
niltate. 



') Qaiileo Galilei e lo studio di Padova. Fireoze 1883. 

2* 



20 Mechanisclie Schriften Galiloi^s. 

Oftiuei, Das mcchanische Hauptwerk Galilei's fuhrt den Titel Di so or si 

1589 — 1009. 1 X** < j't*. 1 

e deiuostrazioni matcmatiche intorno a dae nuove 
tioieflze, attencuti alia meccanica ed ai movimenti locali, 
di Galileo Galilei Linceo, Filosofo, e Matematico pri- 
mario del Serenissimo Gran Dnca di Toscana und worde 
1638 zuerst von den Elzevirs in Leyden gedruckt. £ine etwas frilhere 
Schrift, die 1634 in franzosischer Uebersctzong von Merseune^ Qi^d 
erst 1649 nach Galilei's Tode in italienischer Sprache unter dem Titel 
Delia scienza meccanica erschien, hat weniger allgemeine Wicb- 
tigkeit. Sie ist in ihrem Thema statisch und behandelt haupts&chlich 
das Gleichgewicht der sogenannten mechaniscben Poteuzeu, des Hebels, 
der schiefeu Ebeue, des Keils, der Rolle and der Schraube. Charakte- 
ristiscb ist uur die Yerbindung der Statik mit der Dynamik, die Gleicb- 
gewicbtssatze werden aus eiuem Satze abgeleitet, welcber in der ein- 
facbston Form das Princip der virtuellen Gescbwindigkeiten 
darstellt. Docb bat Galilei dieses Princip bereits viel fruber gebraacht. 
In der Schrift Discorso intorno alle cose che stanno in su 
I'acqaa o che in quellasi maovono'vom Jahre 1612 befbubt er 
sich die hydrostatiscben Satze des Archimedes gegen Angrtffe 
zu vertbeidigen and mit HCilfe der virtucllen Gescbwindigkeiten zu 
beweisen. Auch giebt er bier schon die Definition von dem Moment 
einer Kraft, einem Begrifife, den er in seiner Uauptschrift zar Be- 
Btimmang der Kraftwirkang in vielen Fallen verwerthet. 

Konnen wir schon hieraus erkennen, wie frub Galilei seine eigenen 
Wege in der Mechanik eingeschlageu, so zengt dafur noch directer die 
letzte Schrift, die wir als rein mecbanisch bier za erwahnen haben, 
namlich die Sermones de motu gravinm. Diese Sermones erschienen 
znm erstcn Male in der grossen Florentiner Ansgabe der Werke Galilei's 
im Jahre 1854, nacbdem schon von Libri u. a.') auf die Bedeutnng 
dieser friihen Arbeit fur die Gescbicbte der Galilei'schen Entwickelung 
aufmerksam gemacbt wordcn war. Obgleich die Sermones noch ans der 
Pisaner Zeit, vielleicht schon aus dem Jahre 1588 stammen, ent- 
halten sie doch die einfachsten Grundgesetze der Bewegung, die Lehren 
von der gleicben Dauer der Pendelschwingungen, vom freien Fall der 
Korper in senkrechter und schiefer Linie etc. Galilei bat 50 Jahre 
spater in den italienisch geschriebenen Discorsi die Haupts&tze seiner 
Dynamik lateinisch formulirt^), auch diese Satze stammen fast w5rtlich 
aus jener Zeit, in welcber die Sermones abgefasst wurden, und geben so 
gfiltiges Zengniss fiir die friibe Entwickelung der Galilei'schen Mechanik^). 



^) Lea m^caniqnes de Galilee. Paris 1634. 

^) Hifltoire des sciences en Italie IV, 179. 

^) In deu Discorsi unterhalten sich drei Personen: Salviati, Sagredo und 
Simplicio italienisch ; nur in dem zweiten Tlieile des Werkes, welcber die 
Dynamik entbiilt, liegen deu Unt«rredangeQ jene lateiuiscben Slitze zu Grunde. 

^) Favaro (Galileo Galilei e lo studio di Padova, Fireuze 1883) erklai't sich 



Specielle DarstelUing der Mechanik Galilei's. 21 

Die erw§hnten vier Werke Galilei's sind rein mechanisch ; ausser ibnen GaiUei, 
sind far die Beurtheilung seiner Mechanik noch wichtig sein astronomi- *^®®~^*®^* 
Bches Hauptwerk Dialogo intorno ai due massimi sistemi del 
mondo and seine zahlreichen Briefe, die sich in grosser VoUstan- 
digkeit erst in der letzten Ausgabe seiner Werke von 1854 vorfinden. 

Die Mechanik der Alten zerfallt in zwei giinzlich gctrennte Zweige, 
die rein mathematisch behandelte Statik and die rein philo- 
sophisch behandelte Dynamik. In der ersten hat Archimedes 
den Hohepunkt erreicht, und sein Ilebelgesetz, die Schwerpunktsbestim- 
maogen und das Theorem vom Gewichtsverlust der Korper in Fliissig- 
keiten bilden noch in der Penode, die wir eben behandeln, den Ilaupt- 
inhalt der mathematischen Mechanik. Die Araber and die christlichen 
Mecbaniker des Mittelalters haben kaum mehr als genauere and voll- 
tfindigere Angaben von specifischen Gewichten und einige Schwerpunkts- 
befitimmungen , jedenfalls aber nichts Grundlegendes hinzugefiigt; sie 
baben im Rahmen der Archimedischen Mechanik einige weitere Arbeiten 
Torgenommen, sind aber, einzelne wenig beachtete Versuche abgerechnet, 
an keiner Stelle uber diesen Rahmen hinausgetreten. Die Dynamik ist 
noch ganzlich an den Namen Aristoteles gebunden. Nicht 
anr tragen auf alien Schulen die Peripatetiker die Lehre von der Schwere 
and der Leichtigkeit der Korper, von den voUkommcnen und unvoll- 
kommenen, den naturlichen und gewaltsamen Beweguugen ganz nach 
Aristoteles vor; diese Lehren sind sogar zu Grundsteinen eincr ganzen 
Weltanschauung geworden, an denen Niemand rutteln darf, der nicht 
alle Folgen einer revolution aren Schandthat zu tragen bereit ist. 

Mit seinen mathematischen Studien kommt Galilei zu Archimedes, 
and wir haben gesehen, dass er durch Schwerpunktsuntersuchungen 
zaerst mit dem bedeutendsten Mecbaniker der damaligen Zeit, dem Mar- 
qw del Monte, bekannt wird. Doch Galilei war nicht nur Mathematiker ; 
er batte die Philosophen, besonders Aristoteles, in der Ursprache gelesen 
nnd sagt von sich, dass er mehr Tage seines Lebens auf das Studium 
der Philosophie, als Stunden auf das der Mathematik verwandt babe. 
Die Naturphilosophie des Aristoteles fiihrt Galilei zur 
Dynamik, aber er tritt auch gleich in den Gegensatz zu 
dieser. Die Geschwindigkeiten irei fallender Korper verhaltcn sich 
vie die Gewichte derselben, dieser Satz war schon vor Galilei durch 
Benedetti u. a. angegriffen worden; Galilei bringt neue Grilnde, 
nm die inneren Widerspriiche in der Aristotelischen Be- 
vegungslehre nachzuweisen. Wenn ein schwerer Korper schneller 
Wi, als ein weniger schwerer, so muss bei der Verbindnng zweier Korper 
der schwerere den leichteren beschleunigen und umgekehrt der leichtere 

S*Kcn K> fnihe DaUmngen and halt aach die Erzahlung Yiviani's von den Fall- 
versochen in Piiia for nnsicher. Er verlegt die Entwickelung der GaHlei'schen 
^behanik in die Zeit seines Aufentbalts in Padua, in die Jahre 1602 bis 1609, 
^ doch aach in die erate Entwickelungsperiode unseres Gelehrten. 



22 Die Fallgeschwindigkeit unabhangig von der Masse. 

Gftiiiei, den 3ohwereren verzogem. Die Geschwindigkeit der verbundenen 
1 9—1 . ][^5j.p^p muss also eine mittlere sein. Andererseits aber miisste nach 
dem Aristoteliscben Fallgesetze die ganze verbundeue Masse eine noch 
groBsere Geschwindigkeit als selbst der grossere Korper baben, was dem 
ersteren widerspricht. Ferner hat Aristoteles behanptet, dass die Ge- 
schwindigkeiten eines Korpers in verschiedenen Medien der Dichtigkeit 
dieser / Medien umgekebrt proportional seien. Ware dies richtig, so 
miisste die Geschwindigkeit eines Korpers bei unendlicher Yerdunnung 
des Mediums oder im leeren Raum unendlich gross sein, was eben&o 
undenkbar ist. 

Indessen war auf diesem Wege Aristoteles nicht end- 
gultigzu besiegen, das hatte der Erfolg sclion vor Galilei gelehrt; 
und gegen jene Einwiinde liess sich vom peripatetischen Standpunkt aus 
geltend machen, dass ein Icerer Raum uberbaupt nicht existirt und von 
einer Bewegung in demselben nicht die Rede sein kann, dass aber im 
erfullten Raume die Theile eines Korpers offenbar einzelu langsamer 
fallen als der ganze Korper, wie man am deutlichsten sieht, wenn man 
einen Korper zu Pulver zerreibt. Galilei blieb darum bei diesen Einwan- 
den nicht stehen und griS zn dem naturlichsten und trotzdem so schwierig 
anzuwendenden Mittel, zur exacten, planm&ssigen Beobachtung der Er- 
scheinung. Doch halfen, wie wir schon angedeutet, auch die 
Fallversnche am schiefen Thurm zu Pisa nichts gegen 
Vorurtheile, die durch Jahrhunderte befestigt waren. 
Die Peripatetiker machten auf die kleinen Differenzen, die sich in der 
Geschwindigkeit der fallenden Korper zeigten, sowie auf die KQrze der 
durchlaufenen Wege aufmerksam und behaupteten, die Ungleichheit der 
Fallgeschwindigkeiten wurde erst recht sichtbar werden, wenn man die 
Korper tausende von Fuss durchlaufen lasse. Solche Fallraume standen 
aber nicht zu Gebote; Galilei musste auf andere Weise Rath schaffen. 
Er nahm seine Entdeckung vom Isochronismus derPendel- 
schwingungen zu Ilulfe. Gleich lange Pendel haben gleiche 
Sehwingungsdauer, mogen die Pcndelkorper aus Holz, Stein oder Metall, 
Yon grdsscrem oder geringerem Gewichte, bestehen. Da aber die Peodel- 
bewegung nichts weiter ist als ein Fallen schwerer Korper auf kreisformiger 
Bahn, so geht daraus hervor, dass die Schwerkraft diese fallenden Korper 
gleich beschlennigt, und es l&sst sich der Ruckschlnss machen, dass, 
abgesehen vom Luftwiderstand, alle K5rper auch beim freien 
Fall gleiche Geschwindigkeit erhalten mCissen. Auch auf schiefen 
Ebenen liess Galilei verschiedene Korper abwarts rollen 
und fand hierdurch seine Behauptung von der gleichen BesohleuDigung 
aller Korper durch die Schwere bestatigt. 

Die Pendelversuche und die Yersuche an schiefen Ebenen waren in 
mancher Uinsicht geeigneter zur Entscheidung der Frage als der directe 
Fall der Korper und batten ausserdem den Yortheil, dass sie Jedermsnn 
leicht anstellen konnte. Leider erleidet ihre Bewciskraft dadnrch eine 



Hypotjiese iiber die Zunabme der Fallgeschwindigkeit. 23 

staike Scliwacbung, dass bei ihnen die Wirkung der Scbwerkraft durch QtMM, 
anssere HemmniBse modificirt wird. SoUte diese Scbwacbung beseitigt 
werden, bo musste die Art der Modification genau bestimmt werden, 
duo gehort aber eine Yollst&ndigc Tbeorie der Bewegung, 
else neue mecbanische Wissenscbaft, die Dynamik. Der 
Aofbaa dieser Wissenscbaft war ein bdcbst scbwieriger. Er konnie 
kein rein natorpbilosopbischer sein, denn es bandelte sicb urn Erfab- 
nmgsthatsacben, die yor allem einer inatbematiscben Besiiinmnng bednrf- 
ten. £r konnte aber aucb nicbt rein matbematiscb sein, denn obne 
eioe zu Grunde liegende bypotbetiscbe Annabme fand die Matbeinatik 
keioen Anbaltspunkt in den immer fiiessenden Grossen der Bewegung. 
Es blieb nnr ubrig die drei metbodiscben Factoren der 
Physik zu verbinden, und aus einer von logiscben Wider- 
sprucben freien Annabme iiber die Natur der Bewegung 
die Gesetze derselben matbematiscb zu deduciren und 
dann experimentell nacbzuseben, ob die Natur diese 
Gesetze befolge und so die erste Ilypotbese bestatige. 
Die Losong dieser Aufgabe bracbte der Physik nicbt nur durcb 
Hinzufugung eines neuen Theiles quantitative Bereicherung , sondern 
zeigte aucb zum ersten Male den Pbysikern an einem Beispiele die 
eigenilicbe Metbode ibrer Wissenscbaft. Scbon diese eine That giebt 
Galilei vollgfiltigen Ansprucb auf den Titel eines 3egrunders der neueren 
Physik. 

Es handelt sicb also darum, die wahrscbeinlicbste, wider- 
spracbsfreie Hypotbese zu finden, aus der sicb die Gesetze der 
Fallbewegung ableiten lassen. Die gewobnlicbste Erfabrung zcigt, dass 
alle Korper mit immer zunebmender Gescbwindigkeit fallen, aucb die 
Peripatetiker bestreiten das nicbt; aber welcbes ist das Gesotz dieser 
znaehmenden Gescbwindigkeit, in welcberWeise wacbsen die Gescbwin- 
digkeiten mit zunebmender Fallzeit? Galilei verwirft die Hypotbese, 
nacfa welcber die Gescbwindigkeiten den durcbfallenen Raumen pro- 
portional sein soUten, indem er zeigt, dass unter dieser Annabme gar 
keine Bewegung zu Stande kommen konne. Er meint, dass alle K of per 
aof die einfachste Weise fallen miissen, weil alle naturlicben Bewcgungen 
aaefa zagleicb in ibrer Art die einfacbsten sind. Wenn ein Stein 
zur Erde f&llt, so wird die einfacbste Art seine Gescbwin- 
digkeit ZQ yermebren, diejenige sein, die ibm in jedem 
Angenbliok auf dieselbe Weise ertbeilt wird, d. b. die- 
jenige, bei welcber die Zunabmen der Gescbwindigkeit in 
gleicben Zeiten aucb gleicb gross sind. Galilei scbreibt diese 
constante Zunahme der Gescbwindigkeit einem immer gleicben Antrieb 
tnr Bewegung, einer constanten Kraft zu, lasst sicb aber nicbt weiter 
Aof die Ursache dieser Kraftwirkung selbst ein, ubor welcbe die Mei- 
Dangen der Menscben sehr verscbieden seien. Wie man sicb die Nei* 
gVQg der Korper nacb dem Mittelpunkte der Erde zu fallen erklare, 



24 VoUstaiidiges Triigheitsgesetz. Addition von Geschwindigkeiten, 

Galilei, diese UntersuchuDg sei hier nicht nothig. Es genuge anzanehmen, dass 

~ • eine immerwahrend gleiche Kraft die fallenden Korper immer gleich "viel 

beschleunige , die Eigenscbaften eiDer solchen Bewegung zn untersnchen 

und dann dnrch Experimente festzustellen , ob die Bewegnng fallender 

Korper seiche Eigenscbaften babe. 

Abcr urn diese Eigenscbaften der Bewegung zu finden, musste Ga- 
lilei von unten auf die Bewegungslebre aufbauen. Die frilberen Natur- 
pbilosopben batten das metapbysiscbe Gesetz „Keine Wirkung ohne 
Ursacbc" mecbaniscb nur zur Halfte interpretirt: Kein ruhender 
Korper gebt ans der Rube in Bewegung liber obne eine 
Kraft, die auf ibn wirkt, und batten gemeint, jede Bewegung 
erloscbe aucb obne ausseres Hindemiss von selbst, wie ein Licbt, dem 
die Nabrung feblt, wenn nicbt eine Kraft die Bewegung unterbalte. 
Galilei sab die Einseitigkeit, die in dieser Interpretation des Gesetzes 
lag; er bemerkte, da&s das Erloscben aller irdiscben Bewegungen ohne 
unterbaltende Kraft nur an den Widerstandcn liegen konne, die alle 
irdiscben Bewegungen durcb die Luft etc. erfabren, und erganzte die 
mecbaniscbe Interpretation jenes metapbysiscben Satzes durcb die zweite 
Halfte: Kein Kdrper verandert seine Gescbwindigkeit 
weder der Grosse nocb der Ricbtnng nacb, obne Einwir- 
kung einer Kraft. Nacb dieser Erganznng des Tragbeitsgesetzes 
erst liess sicb die Bewegungslebre bebandeln. Wenn ein Kdrper nur 
kurze Zeit untcr Ein wirkung einer Kraft gestanden, so wird er nacb 
dem Aufboren der Einwirkung, sicb mit immer gleicbbleibender Gescbwin- 
digkeit weiter bewegen. Diese Bewegung beisst gleich formig 
und ist dadurcb cbarakterisirt, dass bei ibr in gleichen 
Zeiten gleiche Raume dnrcblaufen werden. Stebt aber 
der Kdrper unter der fortdauernden Einwirkung einer 
Kraft, erbalt er in jedem Aagenblicke neuen Antrieb zur Bewegung, 
so muss seine Gescbwindigkeit sicb immer vergrossern, so muss die 
Bewegung eine bescbleunigte sein. Um zu bestimmen, in 
welchcr Weise durcb eine constante Kraft die Bescbleunigung erfolgt, 
dazu bcdarf es eines Gesetzes liber die Summation der Geschwindig- 
keiten, welcbe in jedem Augenblicke dem Korper durcb die Kraft ertbeilt 
werden. Die Auffindung dieses neuen Gesetzes war eine sebr schwierige. 
Galilei ontscbied in Hinblick auf die Wabrscbeinlicbkeit, dass aus der con- 
stanten Kraft aucb eine gleiche Wirkung, also eine immer gleiche Zu- 
nabme der Gescbwindigkeit folgen musse, dafCir, dass die Hinzu- 
f Ugung einer neuen Gescbwindigkeit zu einer schon vor- 
liandeneu eine reine Addition sei, und dass also eine 
constante Kraft einem Kdrper in gleichen Zeiten gleiche 
Geschwindigkciten zufuge, gleich gfil tig ob derselbe in 
Rube odor in Bewegung sei. 

Hat nun der fallendo Korper im ersten Zeitmoment seines Falles 
eincn Anstoss und dadurcb eine gewisse Gescbwindigkeit erbalten, so 



Gleichformig beschleunigte Bewegung. 



25 



blcibt ihm dieselbe fQr alle Zeit, voraasgesetzt , dass keine fremde Ein- Oaiiiei, 
virkong die Bewegnng st5rt. Im zweiten Zeitmoment erhftlt der Korper 
emen sweiien, dem ersten gleichen AnstosB, der nach dem Summations- 
g»etz seine Geschwindigkeit um ebensoviel vergrossert, als er die Ge- 
eeliwiDdigkeit des ruhenden vergrdssert haben wiirde, d. b. die im ersten 
Zeitmoment erbaltene Gescbwindigkeit muss im zweiten Terdoppelt 
verden. Scbliessen wir so weiter, so folgt, dass uberbaupt eine 
gleichbleibende Kraft in gleichen Zeiten die Geschwindigkeit am gleich 
riel yergroBsert, dass also eine constante Kraft eine gleich- 
formig beschleunigte Bewegung erzeugt. Da umgekehrt 
Buch aus der Annahme einer gleichfdrmigen Beschleunigung einer Be- 
wegang die Constanz der bewegenden Kraft folgt, so deckt sich die Hy- 

pothese einer gleichfdrmig beschleunigten Fall- 
bewegung vollst&ndig mit der einer constanten 
Schwerkraft und kann aus der letzteren gefol- 
gert werden. Gehen wir also von einer der 
beiden Hypothesen aus, so folgt fdr die Fall- 
bewegung das erste Fallgesetz : die Geschwin- 
digkeitsgrade in jedem Zeitmoment 
yerhalten sich wie die Zeiten, welche 
seit dem Anfang der Bewegung' ver- 
flossen sind. Die experimentelle Prtlfung 
dieses Gesetzes ist direct unmdglich, weil die 
Geschwindigkeiten in jedem Augenblicke sich 
Yer2,ndem und so d^r Messung nicht Stand 
halten. £s sind also weitere Gesetze fur die 
gleichformig beschleunigte Bewegung abzu- 
leiten. 

Denken wir uns zu dem Zwecke mit Galilei 
die Grdsse einer bestimmten Zoit dorch die Strecke 
AB reprasentirt, und errichten wir im Endpunkt 
der Strecke eine Senkrechte, deren Lange BC die am Ende der Zeit 
erlangte Geschwindigkeit darstellt, so steUt jedes Perpendikel, das man 
iD einem Punkte auf J.^ bis AC errichtet, nach dem ersten Fallgesetze 
die in diesem Punkte erlangte Geschwindigkeit dar. Ziehen wir nun 
durch den Halbirungspunkt D von AC eine Parallele zn AB und voll- 
enden das Rechteck ABEF, dann ist klar, das^ die Summe aller mog- 
lichen Perpendikel im Dreieck AB C gleich der Summe aller mdglichen 
Perpendikel im Parallelogramm ABEF iei. Da diese Perpendikel aber 
Gegcbwindigkeiten repr&sentiren, so kann man den letzten Satz auch so 
ftTissprechen : die Summe aller Geschwindigkeiten, welche 
der frei fallende Kdrper in der Zeit AB gehabt hat, ist 
gleich der Summe aller Geschwindigkeiten, eines sich 
wahrend dieser Zeit gleichfdrmig bewegenden Korpers, 
dessen Geschwindigkeit gleich der halben Endgeschwin- 




26 Die Fallraume den Quadraten der Fallzeiten proportional. 

Oaiuei, digkeit des fallenden Korpers ist. Daraus schliesst Galilei, dase 
~ ' die beiden Korper gleiche Raume durchlaufea haben, und darans folgt 
als zweites Gesetz der gleichformig beschleimigten Fallbewegung : die 
Zeit, in welcher ein fallender Korper vom Aufang der 
Bewegung an eiuen bcstimmten Weg znracklegt, ist 
gleioh der Zeit, in welcher er, mit halber Endgeschwin- 
digkeit gleichformig bewegt, denselbenWeg zurilcklegen 
wtirdc. Bei gleichfbrmiger Beweguug verhalten sich aber die durch- 
laafenen Raume wie die Producte aus den Zeiten nnd Geschwindigkeiten ; 
die bis zu irgend zwei angenommenen Zeitmomenteu frei durchfalleneD 
Rdame werden sich danach verhalten wie die Producte aus den ver- 
flossenen Zoiten und den halben Endgeschwindigkeiten, oder was dasselbe 
ist, wie die Producte aus den verflossenen Zeiten und den Endgeschwin- 
digkeiten selbst Da aber nach dem ersten Gesetz die crlangten Ge- 
schwindigkeiten den verflossenen Zeiten selbst proportional sind, so folgt 
direct nun das wichtigste der Fallgesetze : die Fallraume verhalten 
sich wie die Quadrate der Fallzeiten. 

Nehmen wir vom Anfang der Bewegung gleiche Zeitabschnitte 
an, so verhalten sich die bis zu den Endpunkten dieser Zeitabschnitte 
durchlaufenen Raume wie die Quadrate der natdrlichen Zahlenrcihe, und 
durch' Subtraction ergiebt sich dann noch: die in gleichen Zeitabschnitten 
durchlaufenen Raume verhalten sich wie die Reihe der ungeraden 
Zahlen. 

Dies ist die Theorie des freien Falls unter Voraussetzung oiner 
gleichformig beschleunigten Bewegung oder einer constanten Kraft; jetzt 
bleibt noch nachzusehen , ob nun wirklich der freie Fall dieser Theorie 
genQgt. Dazu erscheint vorziiglich das dritte Gesetz geeignet: die Fall- 
raume verhalten sich wie die Quadrate der Fallzeiten. Doch zeigte sich 
immer das schnclle Wachsthum der Fallgeschwindigkeit sowohl einer 
Bestimmung der Verh^lltnisse, wie vor allem der absoluten Grossen der 
"Bewegung hinderlich, nur die nach bekannten Gesetzen verlangsamte 
Fallbewegung versprach gunstigere Resultate. Galilei wendet sich 
darum zur Theorie der schiefen Ebene. Die Schwere ist ein 
Streben der Korper nach dem Centrum der Erde; danach wird bei ver- 
sohiedenen Bewegungen die Wirkung der Schwere dieselbe gewesen 
sein, wenn sie einen Korper um gleichvicl dem Centrum der Erde 
genahert hat, mag nun diese Annaherung auf noch so verschiedenen 
Wegen erfolgt sein. Die Wirkung einer Kraft aber wird dnrch die Qe- 
schwindigkeit gcmesscn, welche sie einem Kdrpcr ortheilt hat; danach 
l&sst sich der Satz aussprechen: Zwei Kdrper, welche von gleichen 
H5hen, gleichgaltig auf welchen Wegen, gcfaUen sind, haben hierdurch 
auch gleiche Geschwindigkeiten erlangt; oder specicll auf die schiefe 
Ebene angewandt, ein Kdrper erlangt beim Fall auf der schie- 
fen Ebene dieselbe Geschwindigkeit, als wcnn or die Ildbe 
dor schiefen Ebene senkrccht durchftillt. Doch hat dieser 



Theorie der schiefen Ebene. 



27 



Sati, der keineewegs einfache Verhaltnisse betrifift, ohne weitere Begrun- Oauioi, 
dung in sich zu geringe Sicherheit. Galilei kommt auf den ^'*^^^^- 
hochst gei8treichen,aberentferntliegendenGedanken,das 
Pen del zu Haifa zu nehmen. Geben wir dem in A aufgehangten 
Pendel AB einen Ausschlag bis zu einer Hohe CD ilber der Horizon- 
talen, so etei^ das Pendel nach dem Loslaseen auf der anderen Seite 
bis zu einer Hobe JE, die der ersten Hohe CD gleicb ist. Scblagen 
wir dann an einem beliebigen Punkte K der Vei*ticalen AB einen Nagel 
ein and beben die Eugel des Pendels nun, indem der Faden sicb um 
den Nagel in K biegt, bis zu einer Hohe GH, die der Hohe CD gleich, 
80 zeigt sicb, dass das Pendel nach dem Loslassen auf der anderen 
Seite, wo ea durch den Nagel nicht gehindert ist, genau denselben Weg 
BJ wie vorher zuriicklegt. Die erlangte Geschwindigkeit muss also 
im Punkte B dieselbe gewesen sein, ob dieKugel den Weg GB oder GB 
dnrchlanfen, und wird allgemein immer dieselbe sein, wenn nur der Korper 
dnrch einen Bogen von der Hohe CD gefallen ist. Da nun der Kreisbogen 
aas geraden Linien zusammengesetzt gedacht werden kann, so muss das- 

selbe Gesetz fur die schiefe Ebene und dann 

auch fur jede krumme Linie richtig sein. 

Es gilt also fiir die schiefe Ebene 

der Satz: die Geschwindigkeits- 

grade eines Bewegten, welches 

mit natiirlicher Bewegung auf 

belicbig geneigten Ebenen her- 

absteigt, sind beim Anlangen 

auf der Horizontalen immer 

gleich, wenn die Hindernisse entfernt werden. Denken wir 

nns nun zwei Korper, den einen auf der schiefen Ebene abwartsgehend, den 

anderen die Hohe derselben bis zur Horizontalen direct durchfallend und 

coordiniren denselben zwei andere Korper, die gleichfdrmig mit der halben 

Endgeschwindigkeit der ersten, sich bewegen, so werden die letzteren 

dieselben Wege, wie die ersten in denselben Zeiten zurilcklegen. Bei 

der gleich formigen Bewegung aber verhalten sich die durchlaufenen 

Saume, wie die verflossenen Zeiten und umgekehrt; es werden also die 

letzteren und damit auch die ersteren Korper ihre Bewegungen in Zeiten 

ToUenden, die sich verhalten wie die Lange der schiefen Ebene zu 

ihrer Hohe. Da ferner, gleiche Zeiten vorausgesetzt, die Grosse der 

wirkenden Krafte durch die mitgetheilten Geschwindigkeiten gemessen 

werden kann und umgekehrt auch bei gleichen Geschwindigkeiten die 

Krafte sicb umgekehrt wie die Zeiten verhalten, wShrend denen jene 

Geschwindigkeiten mitgetheilt sind, so folgt jetzt direct, dass das 

Moment der Schwere^) auf der schiefen Ebene sich zum 




^ Moment nennt Galilei ganz allgemein die GrSsse der nnter gegebenen 
UoKtanden zur Wirknng kommendeu Kraft. In della scienza meccanica sagt er: 



.>> 



28 Verificationen. Parallelogramm der Krlifte. 

GaUiei, Moment der freien Sohwere verhalt, wie die Hohe der 
Bchiefen £bene zu ihrer Lange. 

Hiermit hatte Galilei die Mittel die Fallbewegang vollstAndig zu 
beschreiben. Er nabm ein Brett von 12 Ellen Lange und ^/^ Elle 
Breite, liess in dasselbe eine fingerbreite Rinne graben nnd dieselbe der 
geringeren Reibung wegen mit Pergament ausfuttem. Die Ebene wurde 
an dem eiuen Ende nur um eine oder auch zwei Ellen boher geboben, so 
dass die Bewegung langsam und der Luftwiderstaud gering war. Die 
Zeit wurde durch Wasser, das in einem sebr feinen Strahle aus einem 
grosseren Gefasse in ein kleineres floss, gemessen, die Fallkorper bestan- 
den aus Kugeln von Bronze. Durcb diese Versucbe auf der scbiefen 
Ebene kounte nun Galilei alle vorher entwickelten Gesetze der Fall- 
bewegung als richtig nachweisen und konnte aucb die von freifallenden 
Korpern durclilaufonen R&ume aus den auf der scbiefen Ebene gemesse* 
nen R&umen berecbnen, da ja seine letzte Untersucbung das Verb&ltniss 
bestimmt hatte, in welcbem die Fallbewegung auf der scbiefen Ebene 
verlangsamt wird. 

Galilei hat bei seiner Tbeorie des freien Falls, das alte lange behan- 
delte Problem der scbiefen Ebene ricbtig gelost, aber die Art der Ldsung 
scheint ihn selbst nicht ganz befriedigt zu haben. In der That ist 
die Annabme gleicher Geschwindigkeiten bei gleichen 
Fallhohen nicht sehr zwingend und die Zubulfenahme der com- 
plicirteren Pendelbewegung wenig beweiskriiftig. Galilei versucht sein 
Gesetz fiir die Reduction der Kraft wirkung auf der scbiefen Ebene noch 
auf andere Weise zu erhalten. 

Benedetti ^) hatte in seinem Werke von 1587 angegeben, dass beim 
scbiefen Hebel die Momente der Scbwere durch die Senkrechte erkannt 
wurden, die man vom Drehpunkt auf die Kraftrichtung ialle. Diese 
Regel scheint von da an zur Construction von Kriiftecomponenten iiUich 
geworden zu sein, und Galilei ilbertr&gt diese Art der Kr&fte- 
reduction einfach auf die schiefe Ebene. Er zeigt, dass jene 
Kraftereduction iibereinstimmt mit einem Projiciren der Kraft auf die 
Richtung der moglichen Bewegung. Das Yerhaltniss aber, in welcbem 
eine senkrechte Strecke bei ihrer Projection auf die Richtung einer 
scbiefen Ebene verkleinert wird, ist gleich dem Yerhaltniss der Lange der 
scbiefen Ebene zu ihrer Hohe und daraus folgt wieder der friLhere Satz 
von dem Yerb&ltnisse der Momente der fi*eien Scbwere und der Sohwere 
auf der scbiefen Ebene. Doch ist dieser Beweis fast noch weuiger sicber 
als der erstere. Er rubt mit seiner Reduction der Kraftwirkung auf 
dem Satz vom Parallelogramm der Kr&fte. Dieser Satz war 



Es ist aber das Moment jener Andrang hinunter zu gehen, der sich aus der 
Scbwere, der Lage und Anderem zusammensetzt, woven eine solche Neigung 
venirsacbt werden kann. 

1) Theil I, 8. 133 u. 134. 



Pendelgesetze. 29 

jichou bei Stevin angedcutet und auch Galilei gebraacht denselben mit oauiei, 
bewoBster Keuntniss. Aber ein exacter Beweis far diese 8atzo findet ^^®^"'*®®*"^- 
sch bei Galilei nicht, sie spielen die RoUe axiomatischer Atinahmen 
cder allgemeiu bekannter B^obacbtungBthatsachen und bleiben so ein un- 
sicheres Element der GaHlei'scben Mechanik, das einer spateren besseren 
Fondamentirong beddrftig ist. 

Wir werden bei Betrachtung der Wurfbewegung hierauf zuruck- 
kommen, woUen aber bier erst die wenigen Satze uber die Pendel- 
bewegung einschieben, die Galilei angiebt. Dass gleicb lange Pendel 
in gleicben Zeiten ihre Schwingungen vollenden, hatte er aus der Be- 
obachtong entnommen and seiner Bewegungslehre als beweiskraftigcs 
Material za Grande gelegt. Weitere Yersuche zeigten Galilei, dass die 
Schwingangsdauer der Pendel von angleicher Lange sich mit der Pendel- 
lange selbst verandert, and seine Theorio des freien Falls fubrte ihu 
leicht auf das Gesetz dieser Yeranderang. Nacb dem Fallgesetz ver- 
halten sich die durcblaufenen Wege wie die Qaadrate der Fallzeiten, 
mitfain amgekebrt die Zeiten wie die Quadratwurzeln aas den 
durchlaufenen Wegen. Dieser Satz gilt fdr alle Bewegungen, 
welche durcb dieselbe constante Kraft gescheben, also fiir den senk- 
rechten Fall, wie fiir das Fallen auf gleicbgeneigten Ebenen, wie fiir 
den Fall aaf paraUelen und &hnlicben Garyenbdgen. Der Satz gilt 
also auch fur ungleich lange Pendel, die gleiche Aus- 
schlagswinkel haben, bei ihnen ist die Schwingangsdauer 
der Quadratwurzel aus den Schwingungsbogen propor- 
tion aL Aehnliche Kreisbogen aber sind ihren Radien direct propor- 
tional and danach folgt (zun&chst nnr fur gleiche Ausschlagswinkel, aber 
veil die Schwingungsdauer vom Ausschlagswinkel unabh&ngig ist, auch 
allgemein), dass die Schwingungszeiten ungleich langer 
Pendel sich wie die Quadratwurzeln aus ihren Langeu 
verbalten. Hiermit ist Galilei an einer- Grenze seiner Mechanik ange- 
langt; die Formel fur die Berechnung der Schwingungszeit direct aus 
der Pendell&nge kann er nicht geben, und der Uebergang vom einfachen 
(matbematischen) znm zusammengesetzten (physikalischen) Pendel miss- 
lingt ganzlich. Er meint sogar, physikalische Pendel wflrden nicht 
iaochron sein, weil sie die Hohe ihres ersten Ausschlags nie wieder 
erreichen w&rden. Denn befestige man an einer Schnur nur zwei Ku- 
geln in yerschiedener Hohe, so wfirde, wenn die unterstc Kugel ihre 
Schwingung noch nicht yoUendet h&tte, die oberste schon auf dem Riick- 
wege begrififen sein und mithin die unterste an der Erreichung ihrer 
frnheren Hdhe yerhindem. 

Galilei's Sohn Yincenzo yersichert ^) , dass sein Yater das Pendel- 
gesetz schon 1583 durcb Beobachtung in Pisa gefiinden und mit Htilfe 
desselben die Hohe des Domes berechnet babe. Dieser Yincenzo war 



^) Poggendorff, Geschichte d. Physik, S. 239. 



30 



Wurflinie. 



Galilei, 
1589— 1609- 



B 



68 auch, der nach der Idee und Angabe seines Vaters znerst eine Pendel- 
nbr constrairte; wir werden bei liuygbens genauer bieraaf znruck- 
kommen. 

Die Zusammensetzung der Bewegungen hat Galilei am 
klarsten und sicbersien bei der Untersacbung der Wurflinie an^e- 
wandt. Denken wir uns einen Korper in borizontaler Ricbtung durch 
einen Stoss fortgetrieben, so wurde derselbe, wenn die Scbwerkraft nicht 
auf ibn wirkte, mit gleicbformiger Gescbwindigkeit horizontal sich be- 
wegen. Nehmen wir dann an, er dnrchlaufe wahrend einer bestimmten 
Zeit vermoge dieser gleichformigen Gescbwindigkeit die Horizont«le A S^ 
und denken wir uns, die Scbwerkraft fiihre den Korper in derselben 
Zeit, wenn er keine andere Bewegung h&tte, um die Strecke A C senk- 
recht nach unten; dann wird der Korper nnter dem Einfluss beider 
Agentien die Diagonale des Recbiecks, welches von AB und AC be- 
stimmt ist, durcblaufen, wenn wir den Zeittheil so klein annehmen, dass 

auch die Gescbwindigkeit des Falles wahrend dieser 
Zeit nur unendlich wenig sich verandert. In dem 
nachsten Zeittheil wurde dann der Korper von dem 
Endpunkt der Diagonale D aus, vermoge der bori- 
zontalen Gescbwindigkeit allein wieder um ein Stuck 
DE = AB fortscbreiten , wahrend er durch die 
Scbwerkraft allein eine senkrecbte Strecke DF 
durcblaufen wurde, die dreimal so gross als die erste 
Strecke A C ware; er wird also unter Einfluss beider 
Bewegungen sich langs der Diagonale des Parallelo- 
gramms DGEF bewegen. Setzen wir diese Ueber- 
legung weiter fort, so erbalten wir als Wurflinie 
eine Curve, deren Abscissen wie die Quadrate der 
Ordinaten sich verhalten. Die Wurflinie ist mithin bei bori- 
zontalem Wurf eine Halbparabel, deren Achse nach dem 
Mittelpunkt der Erde gerichtet ist. Fur einen schief gcricb- 
teten Wurf findet Galilei als Bahn des geworfenen Korpers ebenfalls 
eine Parabel und stellt auch fiir verscbiedene Elevationswinkel der Wurf- 
richtung eine Tafol der Wurfweitcn auf. Galilei yernachlftssigt dabei 
den Luftwiderstand, doch siebt er ein, dass derselbe die Wurflinie bedeu- 
tend modificiren kann. In einem Briefe an einen Unbekannten vom 
12. Nov. 1609 giebt er sogar die Wurflinien bei yerscbiedener Nei- 
gung als Curven, die alio gleiche Ilohen erreichen, die aber unsymme- 
trisch gekriimmt in ibrem absteigenden Zweige viel steiler sind als in 
ihrem aufsteigenden, wie dies auch in der That der Fall ist^). 



E 
G 




^y^ 


c 


/ 


F 



*) Fiir das Zeicbnen einer Parabel macht Galilei zwei Vorschl&ge. Ent- 
weder Ubbb man iiber eine glatte geneigte Ebene eine Kngel roUen, diese wird 
darauf eine Parabel verzeichnen. Oder man bange eine feine Kette an zvrei 
Enden auf, dieBelbe wird die Form einer Parabel annebmen. Galilei verwech- 
gelt im letzteren Falle die Parabel mit der Kettenlinie. 



Grenzen der Galilei'schen Mechanik. 31 

Nach der Wurf bewegung kommt Galilei in einem posthumen Anhang Gaiiiei, 
in den Discorsi auch auf die Lehre vom Stos^ der Korper. Er ^^^*~^*^^- 
Sadet, dass die Kraft des Stosses abh&ngt yon dem Gewicht 
and der Geschwindigkeit des bcwegten Korpers; wie aber 
diese Abhangigkeit beschaffen, yermag er nicht anzugeben. Dann ver- 
SQcht er Druck nnd StoBskr&fte in yerschiedenen Fallen zu yergleichen, 
kann aber darchaos keine Yergleichspunkte entdecken; yielmehr muss 
er der Stosskraft gegeniiber, den Druck als unendlich klein anseben; 
weil sich die Wirkung eines Korpers aus seincm Gewicbt 
und der Gescbwindigkeit zusammensetzt, nnd die Geschwin- 
digkeit beim Druck gleicb Null zu setzen ist. Es ist durcbans nicbt zu 
Yerwundern, wenn die Behandluug des Stosses nicbt gelingen will. Ga- 
lilei ist hier langst iiber die Grenzen seiner Dynamik hinans. Er bat 
obne Yor- und Mitarbeiter zuerst die Bewegung in feste Gesetze zu 
fassen yermocbt, seine ErgSnzung des Tragbeitsgesetzes ermoglicbte 
ibm die ricbtige Definition einer glcicbformigen Bewegung, seine Er- 
klarong uber die Summation der Gescbwindigkeiteu fiibrtc zur ricbtigen 
Beschrcibung einer Bewegung, die durcb eine constante Kraft erzeugt 
wird, Bie beiUbigte ibn die Tbeorie einer gleichforraig bescbleunigten 
Bewegung yoUkommen auszubilden und zu yollenden. Daruber binaus 
aber konnte selbst ein Galilei nocb nicbt, obne LUcken in der Entwicke- 
lung zu lassen. Wo es sicb um die Zusammensetzuug mebrerer Bewe- 
gnngen oder um Bewegungen unter gewissen statiscben Bedingiingen, 
am Bewegungen auf yorgescbriebener Babn handelt, da binterlasst er 
seinen Nacbfolgem mindestens die fundamentelle Sicberung seiner Ab- 
leitangeo; wie batte er zu den Stossgesetzen gelangen soUen, bei den en 
es sich am hocbst yerwickelte Compensationen mebrerer Bewegungen 
und nm Bewegungen in den einzelnen sebr yerschieden zusammenban- 
genden Tbeilen der Korper bandelte? 

Und docb bat Galilei nocb einen anderen Scbritt in 
die Molecularmecbanik gewagt, und das Genie dieses Mannes 
hat es auch bier zu einigen Erfolgen gebracbt. 

Die Discorsi sind in Tage eingetheilt, die Fallgesetze we r den 
im dritten und yierten Tage festgestellt, dann folgen als 
Appendix Tbeoreme uber Scbwerpunkte, die der Autor friiber gefunden. 
Ein funfter und sechster Tag sind erst nach Galilei's Tode angefUgt, 
von diesen bebandelt der funfte die Lebro yon den Proportionen , der 
Bechste die Lebre yom Stosse. Die Dynamik ist die zweite der neuen 
Wissenschaften , welcbe der Titel yerspricht, die erste derselben 
wird im ersten und zweiten Tag des Werkes gegeben, es 
ist die Lebre von der Festigkeit der K6rper. Galilei beginnt 
mit dem Heryorbeben der Thatsache, dass mecbaniscbe Maschinen, die 
nach denselben Yerbaltnissen in yerschiedenen Grossen ausgefuhrt sind, 
dock in ibrer Festigkeit diesen yerschiedenen Grossen nicht entsprechen. 
Dies bringt ibn darauf die Abhangigkeit der Festigkeit yon 



32 Festigkeit Jer Korper. Horror vacuL 

Galilei, den DimeDsionen der Korper and die Ursache derselben 



1689—1009. 



uberhaupt zu untersacheu. Bei faserigen Stoffeu findet er den Grand 
des Zusammenhaltens darin, dass die einzelnen Fasern sich, wie in den 
Seilen, in einander verflechten and so gleichsam eine untheilbare Masse 
bilden; bei Stoffen aber, die wie Metalle and Steine nicht aas Fasern 
bestehen, will dieser Grand nicht genugen. Irgend ein Leim kann es 
nicht sein, der diese Korper zasammenhalt, der konnte nnmoglich hohen 
Uitzgraden widerstehen; so weiss Galilei nichts Besseres als hier im 
Aasnahmefall mit seinem altesten Gegner, dem Aristoteles, ubereinzu- 
stimmen. Anstoteles hat gcsagt, wenn Korper zerreissen sollen, bo muss 
wahrend eines Zeitmomenta wenigstens zwischen den Theilen ein leerer 
Ranm entstehen, die Natar aber hat einen horror vacai, darum wirkt 
sie dem Zertrennen der Korper entgegen. Galilei adoptirt diese Ansicht 
and bildet sie weiter aas. Die Festigkeit der Korper ist verschieden, 
dies riihrt nicht von einer Verschiedenheit des horror vacai her, sondern 
hat seine Ursache in der Verschiedenheit der Poren im Innern des Kor- 
pers. Je mehr leere Raume im Innern des Korpers sicb 
finden, desto starker ist die Natar bestrebt die Materie 
in diese hinein za pressen, desto fester ist der Korper. 
Diese Poren diirfen nicht za gross sein, sonst dringt Laft hinein; es han- 
delt sich hier also am anendlich viele, unendlich kleine R&nme, deren 
Grosse and Menge von nns nicht gemessen werden kann. 

Mit dieser Theorie ist nun vieles za erklaren. Nach ihr sind FlQssig- 
keiten solche Kdrper, bei denen die Poren ausgeftillt sind, and darum 
die Theilchen nicht darch den horror vacai aneinander gepresst werden. 
Wenn ein Kdrper ei*warmt wird, so dringt der W&rmestoff in seine 
Poren ein, and wenn diese nach and nach ganz aasgefullt werden, dann 
wird der Kdrper flussig, er schmilzt. Kiihlt sich dann der Kdrper wieder 
ab, so entweicht der W&rmestoff aas seinen Poren, and der horror vacai 
Bucht aafs Neae Materie in diese Poren einznpressen , der Kdrper 
wird wieder fest. Dieser horror vacai ist aber doch bei Galilei nicht 
der alte Aristotelische geblieben; er ist nicht mehr ein anbegrenz* 
tes Widcrstreben der Natur, sondern eine ganz bestimmte 
Kraft, deren Grdsse von dem Mathematiker Galilei naturlich gemessen 
werden mass. Er benutzt daza eine an einem Ende geschlossene Glas- 
rdhre, die am anderen Ende darch einen beweglichen Kolben ge- 
schlossen ist. Darch eine Oeffnong im Kolben filllt man die Rdhre' 
ganz mit Wasser; wenn man dann diese Oeffnung schliesst and die 
Rdhre amkehrt, so wird das Gewicht, welches den Kolben aus der Rdhre 
zieht and also in derselben einen laftleeren Raam herstellt, die Grdsse 
des horror vacui fCLr die Grdsse der Kolbenflache angeben. Aaoh darch 
Wasserpampen lasst sich die Grdsse des horror vacai bestimmen. Galilei 
bemerkt, dass Wasser in einer Sangpampe nicht hdher als 18 Braocia 
(Ellen) steige, sei die Pampenrohre hdher, so reisse die Wassersaole 
darch ihr eigenes Gewicht, der horror vacui sei also so gross, 



Relative Festigkeit 33 

dasB er einer WasBersaule von 18 Braccia das Gleioh- OftUiei, 
gewicht zn halten vermSge. i689-i6<». 

Man konnte vom heutigen Standpankt der WissenBchaft aus yer- 
nicht sein, diese Untersachangen Galilei's far unerklarUche Irrungen 
sn halien and zu bel&cheln, doch mit Unrecht. Unsere Erklamng der 
Festigkeit st&tzt sich auf Molecularkr&fte der Materie, an welche damals 
ksam Jemand dachte, nnd die aach f&r uns nicht ohne alle Schwierig- 
keiten Bind. Die Annahme einer Yerflechtung yon Fasem oder eines 
Bosammenklebenden Leims erkl&rt allerdings das Problem nicht, das* 
ne erklaren soil, aber sie schiebt dasselbe etwas weiter zurtlck and ist 
nocb lange nacb Galilei gebraacbt worden« Der horror yacai ist fftr 
den Mechaniker eine unmdgliche YorBtellang; aber die Grenze, welche 
Galilei ihm setzt, Ifisst vermnthen, dasB dieser das alte Wort nur 
gebraacbt hat, um eine bestimmte Kraffcwirkang za bezeichnen, ftLr die 
er entweder nocb gar keine oder (was wahrscheinlicher) noch keine 
yoUflULndige Erkarang hatte. Ersetzen wir aber den horror yacoi darch 
den Loftdmck, so ist die YerBnchnng, ihn zar Erkl&rang der Festigkeit 
m gebranchen, eine sehr yerfahi:eri8che ; gerade diese Erklftrong hat 
aaeh nach Galilei's Zeiten grossen Beifal] gefanden and konnte selbst 
mit Hilfe der Laftpampe nar langsam beseitigt werden. 

Nacb diesen allgemeinen Betrachtangen geht Galilei fiber zur Be- 
stiinmang der Festigkeit yon Balken. Er antersacht yor allem 
die Festigkeit gegen das Zerbrechen. Wird ein Balken mit einem Ende 
in einer Wand befestigt, so konnen wir seine Festigkeit nach dem Hebel- 
gesetz beortbeilen. An seiner L&nge wirkt als Hebelarm das Gewicht 
dee Balkens wie ein etwa angehftngtes Gewicht. Dieses ist bestrebt den 
Balken zn zerbrechen, d. h. einen Qaerschnitt yon einem benaohbarten 
ED trennen, dem widersteht die Festigkeit des Balkens, and diese wirkt an 
einem Hebelarm, welcher der Hohe des Balkens gleich ist. Trotzdem diese 
YoraoBsetznngen nicht ganz zntreffen, weil dabei die Aasdehnang oder 
Compression einzelner Langsfasern yor dem Brechen nicht beracksicbtigt 
iflt, 80 findet doch Galilei aof diese Weise einige richtige S&tze. Er 
seigt, dass in der That die Festigkeit in geringerem Yerhaltniss als die 
Grrdsse eines Eorpers wachst, and dass es far alle E5rper eine Grenze 
der mdglichen Grdsse giebt, bei welcher das eigene Gewicht derselben 
ihre Festigkeit tlberschreiten wQrde, dass hohle Rohren bei gleichem 
Gewicht eine grdssere Festigkeit haben als massiye Cylinder u. s. w. 

Wir baben am Schlass des ersten Bandes dieses Werkes yon Galilei 
behaaptet, dass sich in ihm Philosophie, Mathematik and Experimentir- 
konst in bester Weise yereinigt h&tten. Nach dem bis jetzt Gesagten 
k&nnte es doch scheinen, als ob daB Gleichgewicht nicht stattgefanden 
habe, als ob die Experimentirkanst Galilei's nicht so heryorragend 
gewesen sei, dass sie zu anserer Bewnnderang seiner anderen Talente 
ein Gegengewicht za bilden yermochte. Ueberall bem&ht sich Galilei 
seine Satze philosopbisch zu begrunden and mathematisch sicher abzu- 

Roaenberger, Gesehichte der Pbyslk. II. 3 



34 Vom Schwinunen der Korper. 

Gaiuei, leiten; in der Lehre vom freien Fall der K6rper, in der Lehre von der 
1689—1609. Festigkeit tritt uberall dieses Bestreben hervor. Dagegen erscheint das 
Experiment nur als ein Mittel zur Verification schon gefandener Satze 
ohne Nutzen fUr ein eigentliches Fortschreiten der WissensohafL Docb 
ist dem nicht so, Galilei war allerdings nicht rein Experimentator, dem 
68 schon genug war, wenn er neues schatzbares Material sammeln darfte, 
er hielt wohl die Verarbeitung der Beobachtungen fur das Verdienst- 
voUste des ganzen Unternehmens ; dass aber seine Beobachtungskunst 
ebenso genial war als sein philosophisch-mathematisches Erfindongs- 
talent, ersieht man schon aus seinen Pendelbeobachtnngen und an vielen 
Bemerkungen Aber die Festigkeit der Korper nnd wird aus dem folgen- 
den noch deutlicher werden. Wie schon erwahnt, versucht Galilei in 
der Schrift Discorso intorno alle cose, che stanno in sa 
Tacqua, die von Archimedes gegebenen S&tze liber das Schwimmen 
der Korper etc. neu zu beweisen. Zu dem Zwecke denkt er sich die 
FltLssigkeit, in welche der Korper eingetaucbt wird, in ein Gefass ein- 
geschlessen und vergleicht dann den Druck des eingetauchten Korpers 
mit dem des Wassers, welches von dem Korper gehoben wird. Dieses Ein- 
schliessen der Fltlssigkeitsmenge in ein Gefass macht die Ableitung nicht 
einfacher und ist Mr den Beweis der Sfttze selbst kein Fortschritt, fur 
die spatere Entwickelung der Wissenschaft aber bleibt die Sache wichtig. 
Galilei setzt namlich zum Zwecke jener Vergleichung die Producte 
aus den Massen und den Geschwindigkeiten des einge* 
tauchten Korpers und der Flussigkeit einander gleich 
und bringt so das Princip der virtuellen Geschwindigkeiten, 
wenn auch in seiner einfachsten Gestalt, zum ersten Mai zu allgemeiner 
Anwendung. Neben dieser Yertheidignng des Archimedes beschaftigt 
sich dann Galilei besonders mit der Bekftmpfung des Aristoteles auch 
in diesem Gebiete. Die Aristoteliker behaupteten, dass das Schwimmen 
eines Korpers vor allem von der Form desselben abhange, und zwar 
sollte jeder Korper schwimmen kdnnen, wenn er nur in die Form von 
diinnen Platten gebracht werde. Dadurch erklarten sie z. B. das Schwimmen 
des Eises, das sie als verdichtetes Wasser fdr schwerer als Wasser hielten. 
Galilei widerspricht dieser Behauptung direct und zeigt, dass das 
Schwimmen eines Korpers nur von seinem specifischen 
Gewicht abhangt. Ein Korper , der auf einer Fldssigkeit in irgend 
einer Form schwimmt, thut dies auch in jeder anderen, seine Gestalt 
beeinflusst nur die Geschwindigkeit, mit der er in der betreffenden FltLs- 
sigkeil untersinkt oder aufsteigt. Eis, das immer auf Wasser schwimmt, 
muss also leichter sein als Wasser. Platten aus einem Stoife, der speei- 
fisch schwerer ist als Wasser, konnen wohl auf demselben liegen bleiben, 
aber dann sind sie nicht vollig eingetaucbt und liegen in einer Vertie- 
fung auf der Oberfl&che des Wassers, die um so tiefer, je schwerer der 
Kdrper. Wenn aber solche Platten ganz unter Wasser getaucht werden, 
so sinkcn sie unter und steigen nicht wieder in die Hohe, w&h- 



Cohasion der Wassertheilchen. Akustik. 35 

rend dunne Holzplatten unter alien Umstfinden wieder in die Hdhe Gaiiiei, 
bmmen. i589-i«o». 

Man kann Wasser dnrch Auflosen von Salz in demselben Bpecifiech 
so Bchwer machen , - dass eine vorher am Bod en liegende Wachskngel an 
die Oberflache steigt. Dnrcb Hinzugiessen von heissem Waseer l&sst 
sich dann das specifische Gewicht des Wassers wieder so weit verrin- 
gem, dasB die Wachskngel wieder sinkt. Diese Experimente sind Ansserst 
geeignet, die Abhangigkeit des Schwimmens vom specifiscben Gewicbt 
nachzuweisen ; ausserdem l&sst sicb aberaus ibnen schliessen, was Galilei 
bd der Festigkeit der Eorper bebanptet, dass die Wassertbeilcben in 
keinem Znsammenhange stehen. Zwar wirft er selbst ein, dass docb 
Wassertropfen auf Flacben, wie z. B. Koblbl&ttem, sicb lUngere Zeit 
im Znsammenbang erhalten obne zu zerfliessen. Aber er bemerkt 
weiter, dass diese Tropfen sicb sogleich losen, wenn man sie mit einer 
anderen Flassigkeit, z.B. rotbem Wein, nmgiebt, und folgert daraus, dass 
kein innerer Znsammenbang, sondem nur der Widerstand der umgeben- 
den Luil die Tbeilcben des Tropfens znsammenbalt. Zwiscben Lnft und 
Wasser bestebt Qberbanpt ein gewisser Widerstreit; wenn man eine 
Glaskngel mit engem, feinem Halse mit Wasser fullt und umkebrt, so 
fliesst kein Tropfen Wasser beraus, und keine Luftblase dringt ein. 
Tancbt man aber den Hals der Kugel in rotben Wein, der bedeutend 
schwerer ist als Luft und nur wenig leicbter als Wasser, so fliesst als- 
bald das Wasser aus, wabrend der Wein in rothlicben Linien in der 
Kugel in die Hdbe steigt. 

Galilei's physikaliscbe Leistungen, soweit sie nicbt 
dem Gebiet der Mecbanik angeboren, finden sicb zerstreut in 
Beinen Scbriften , bauptsacblicb in den Discorsi und den Dialogen 
aber die beiden Welt sy stem e. Trotz ibrer mebr apboristiscben 
Form sind sie docb von bedeutendem Einfluss auf die Pbysiker der nacb- 
folgenden Zeit gewesen. Nocb l&ngere Zeit nacb Galilei flnden wir die 
folgende Generation fast nur mit Problemen bescbaftigt, die scbon in 
Galilei's Werken anklingen, sei es nun, dass er selbst sie zuerst auf- 
gestellt, oder dass er, der alle Zweige der Wissenscbaft ubersab, sie nur 
YOB Anderen aufgenommen. 

Galilei griff die alten Untersucbungen von dem Zusammen- 
hang der Tonbobe mit der Lange scbwingender Saiten 
wieder auf, bebauptete aber dann ganz allgemein, dass die Tonbobe 
abhange von der Anzabl' der Scbwingungen, welcbe der tdnende Korper 
in einer gewissen Zeit macbt und zwar so, dass die Anzabl der Scbwin- 
gungen bei der Octave doppelt, bei der Quinte Vs ^^^ ^^^ ^^^ Quarte 
Va mal so gross sei als bei dem Grundton. Durcb dieses Gesetz wird 
dem unfassbaren pbysiologiscben Moment der Tonbdbe die matbematiscb 
bestimmte Scbwingnngszabl substituirt und dadurcb erst die Akustik einer 
pbysikaliseben Bebandlung f^big. Wir mussen allerdings dazu bemerken, 
dau Mersenne's Harmonie universelle, die man als das erste 

3* 



36 Stehende Wellen. Geschwindigkeit des Lichts. 

Galilei, wiBsenscbaftliche Werk auf diesem Gebiete ansehen darf, schon 1636, 
1689—1609. ^2g^ j^^^j Jahre vor Galilei^s Discorsi, in welchen dieser seine aknatifichen 
Untersuchungen mit veroffentlichte , erschien. Docli ist nicht anzu- 
nehmen, dass der Meister hier dem Sch&ler gefolgt^sei. Mersenne stand 
in regem Verkehr mit Galilei, dessen Mecbanik er ja lange yor deren 
eigentlichen Herausgabe in einer franzosiscben Uebersetzung erscbeinen 
Hess. So dCLrfen wir aucb diese Reihenfolge der Yerdffentlicbangen bier als 
ein Zeugniss daf&r aunebmen, dass Galilei's Arbeiten lange Zeit vor ibrem 
Druck Bcbon bekannt waren ; nm so mebr als Mersenne's Untersncbungen 
liber Saitenscbwingungen viel vollst&ndiger sind als die Galilei's and sicb 
wie eine weitere Aasfiibrung des Galilei'scben Satzes ansnebmen. Ffir 
jenes Gesetz der Scbwingungszablen batte Galilei durcb Zu- 
fall einen merkwurdigen Beweis gefunden. Als er eine Mesaing- 
platte mit scbarfem Scbabeisen reinigte, borte er mebrmals starke Tone 
und fand dann jedes Mai anf der Platte viele parallele Einscbnitte. Genane 
Messungen zeigten, dass die Entfemungen jener Stricbe fflr versebiedene 
Tonintervalle die bekannten barmoniscben Verb&ltnisse batten. An 
tonenden Glasem macbte er entsprecbende interessante Beobacbtungen. 
Er bemerkte, dass in einem zum Theil mit Wasser gefuUten Glase, das 
er durcb Anstreicben mit dem Finger zum Tonen gebracbt batte, sich 
ringformige concentrisclie Erbobungen and Yertiefungen bildeten, die 
steben blieben, so lange er denselben Ton bervorbracbte , die sicb aber 
yerdoppelten, wenn zufallig der Ton in* die Octave uberscblug. Galilei 
batte damit zum ersten Male stebende Wellen beobachtet, 
freilicb obne diesen Ausdruck zu gebraucben und obne n&her darauf 
einzugeben. Aucb das pbysiologiscbe Moment der Akuatik 
beriibrte Galilei ; er meint, dass das Obr leicbt Tone zusammen aufnehmen 
k5nne, deren Scbwingungszablen ein einfacbes Verbal tniss baben, dass 
aber zasammengesetztere Verbaltnisse dabei dem Obre unbeqaem wtirden 
and sucbt bierin den Grund fUr Gonsonanz oder Dissonanz der Interralle. 
Optiscbe Untersncbungen finden sicb bei Galilei trotz seiner 
genialen Benutzung des Fernrobrs fast gar nicbt, zerstreute Bemerkun- 
gen liber gewolbte Spiegel sind von keiner grossen Wicbtigkeit. Be- 
merkenswertb ist nur, dass Galilei eine endlicbe Gescbwin- 
digkeit des Licbts annimmt, aber sein Vorscblag, durcb Licbt- 
signale, die von zwei, nngefUhr drei italieniscbe Meilen entfernten 
Beobacbtungsorten gegeben werden, diese Gescbwindigkeit zu messen, 
zeigt, dass er keine sebr ricbtigen Vorstellungen besass. 

Bedeutender sind seine Arbeiten uber Magnetismus, bei denen 
er Gilbert's sogleicb zu erw&bnendes Werk benutzte. Er erklart die 
Yerst&rkung der Wirkungen eines nattlrlicben Magneten 
durob die Armatur, indem er darauf aufmerksam macbt, dass der 
Anker die Armatar in viel mebr Punkten und viel genaner beriibren 
konne als den Magneten selbst Er stellt aucb den Magneten (in den 
Dialogen iiber die Weltsysteme) als ein Beispiel filr Eorper bin, die zu- 



Magnetismus. Astronomische Ansichten, 37 

gleicb mehrerlei ^ewegungen haben, und fiLhrt f&r den Magneten an, Gauiei, 
dan er sich nach der Erde bin bewege, nacb der Ricbtung der magne- **®'~"**^' 
tisehen Declination, aucb nacb der Ricbtung der magnetiscben Inclination 
dnstelle, nnd dasB yielleicbt ancb ein freier Magnet um eine Acbse rotiren 
vorde. Diese letztere merkwdrdige Meinung ist nm jene Zeit mebrfacb 
anfgestellt worden, nm die Rotation der Planeten zu erkl&ren. Nacb 
dem ZeagnisB seines ScbMers Castelli betrieb er aucb die Yerfertigung 
kunstlicber Magnete mit Erfolg, and es gelang ibm einen solcben ber- 
znstellen, der bei einem Gewicbt von nur 6 Unzen docb 15 Pfund trug. 
Galilei's erste Periode war, wie wir scbon bemerkt, fast rein pbysi- 
kalisch, und vom pbysikaliscben Standpunkt aus batte er die alte Natur- 
philosopbie und vor allem Aristoteles bekampft; docb batte er aucb 
scbon in der Astronomic um diese Zeit den alten Standpunkt 
Terlassen. Im Jabre 1597 scbrieb er an Kepler, der ibm seinen Pro- 
dromns ubersandt batte, dass er viele Grtlnde fur das Kopernikaniscbe 
System und Widerlegungen der Gegengrfinde aufgescbrieben babe, dass 
er aber nocb nicbt gewagt dieselben ans Licbt zu bringen, well ibr 
Meister Kopernikns mit so viel Spott und Hobn tLberbauft worden sei. 
AIs aber im Jabre 1604 ein neuer Stern im Scblangentreter erscbien, 
benutzte er die Gelegenbeit, um eine der Hauptsttltzen des Ptolemftiscben 
Weltsystems zu untergraben, namlicb die Aristoteliscbe Lebre von der 
Dnverganglicbkeit und ewig yollkommenen Unyer&nderlicbkeit des Him- 
mels. Jener Stem war nur 18 Monate lang sicbtbar; er wurde von 
£inigen fur eine Licbterscbeinung in den niederen Regionen des Him- 
mels, von Anderen fur einen alten nur Ubersebenen Stern ausgegeben. 
Galilei bewies, dass es ein wirklicber Stem sei, den man niemals zuvor 
geseben babe, und dass er weit binaus uber die Spbare der Planeten 
stebe, fur welcbe selbst die Peripatetiker nocb einige Unvollkommenbeiten 
zugaben. Die Peripatetiker empfanden denn aucb diesen AngrifiP fast 
nocb beftiger als den auf das Aristoteliscbe Fallgesetz. Yon den Yor- 
trigen Galilei's ftber diesen Stem ber datiren die ersten Streitigkeiten 
mit Capra, und zwei peripatetiscbe Collegen Gremonino und Delle 
Colombo scbrieben mit vieler Heftigkeit gegen ibn. 

Der gefeierte Leibarzt der Konigin Elisabeth von England, William oubert, De 
Gilbert (1540 — 1603), war der erste Gelebrte, welcber ein eigentlicb iSSoT**** 
wissenscbaftlicbes Work fiber den Magneten scbrieb. Er gab zuerst 
eine vollstandige Tbeorie der magnetiscben Erscbeinungen und reibte 
dadnrcb den Magnetismus unter die pbysikaliscben Disciplinen ein. Bis 
daiun batte man, wie Gilbert selbst sagt, die Anziebung des Magneten 
«nd des Bemsteins nur zu Hilfe gerufen, „80 oft unsere Sinne in der 
Dnnkelbeit abstruser Untersucbungen berumirrten und unser Yerstand 
nicbt welter konnte." Gilbert's Werk, das erst am Abend seines Lebens ^_ 

nnter dem Titel De magnete, magneticisque corporibus et de 
magno magnete tellure, pbysiologia nova (London, 1600) 



38 Die Erde ein Magnet. Kiinstliche Magnete. 

Gilbert. Da erschien, zeigt schon ein ganz anderes Aussehen als die ubrigen physi- 
magnete, kalischen Werke des 16. Jahrhunderts. Es euthalt Nicbts von der 
gewohnlicheu peripatetiBchen Naturphilosophie, verachtet nicht die Natur- 
beobachtuug bei Ueberscbatzung der Autoritat, sondem grundet eicb im 
Gegentbeil ganz auf das Experiment und zeugt you ausserordentlicher 
Geschicklicbkeit in der Anwendang der experimentellen Methode zur 
Erfor8cbung ungeabnter Natnrerscbeinongen. Gilbert ist ein Pby- 
siker neuen Stils, der in seinem engeren Gebiete mit Galilei weti- 
eifert und an Gescbicklicbkeit im Experimentiren ihm nicbt nacbsteht, 
wenn aacb seine Kraft zur Erklarung des Beobacbteten nicbt an die des 
Galilei beranreicbt. 

Wir baben friiber geseben , dass der Engl&nder Norman ^) den An- 
ziebungspunkt fftr den Magneten, den man zuerst in den Himmel gesetzt, 
in die Erde yerlegt bat. Gilbert gebt weiter, er erklart die ganze 
Erde fiir einen Magneten und zeigt, um das zu beweisen, dass eine 
magnetisirte Eisenkugel auf eine Magnetnadel ganz so wie die Erde 
wirkt Er denkt sicb dabei die astronomiscben Pole mit den 
magnet iscben zusammenfallend, weiss aber trotzdem die Ab- 
weicbang der Magnetnadel zu erkl&ren, indem er bebauptet, dass das 
Wasser unmagnetiscb sei, und dass die Abweichung der Nadel durcb 
die ungleicbe Yertbeilung des Landes bervorgerufen werde. Nacb dieser 
Tbeorie musste die Declination auf dem freien Ocean, gleicb weit entfernt 
von den Ktisten, gleicb Null sein, und Gilbert bing naturlicb dieser An- 
nahme an. Als man aber nachber an der brasilianiscben Kdste fand, 
dass die Nadel sich ganz vom Lande abwende, und nocb mebr, als die 
Ver&nderlicbkeit der Declination aucb an ein und dem- 
selben Orte bekannt wurde, musste diese Tbeorie von dem Zusammen- 
fallen der astronomiscben und magnetiscben Pole aufgegeben werden; 
Damit fiel dann aucb ein Project, das Gilbert auf jene Tbeorie basirte. 
Seit man den freien Ocean befubr, wurde mebr und mebr das Bedflrfniss 
fiiblbar, eine sicbere und leicbte Metbode zur Bestimmung der geogra- 
pbiscben Breiten zu erbalten. Auf dem Festland batte man dazu die 
grdsste and kleinste Sonnenhobe an einem Orte benutzt, Tycbo ge^ 
braucbte zuerst die zwei Uoben des Polarsternes im Meridian. Damit 
war aber zor Bestimmung der geograpbiscben Breite auf der See nocb 
wenig anzufangen, und Gilbert scblug darum vor, die geograpbiscbe 
Breite nacb der Inclination der Magnetnadel zu bestimmen. 

Dass man Stabl durcb Streicben mit einem Magneten selbst mag^- 
netiscb macben konne, hatte scbon Porta ^) angegeben; Gilbert aber 
zeigte nun seiner Tbeorie entsprechend, dass man aucb durcb den 
Einfluss der Erde Magnetismus in Stabl hervorrufen 
kdnne. Er batte wabrgenommen , dass Eisendrabte Magnetismus an- 



^) Theil I, S. 129. 

») Theil I, S. 140— Ut. 



Fadenaufhangung, Armatur des Magneten. Magnet. Induction. 39 

nehmen, wenn man sie wahrend des Streckens in der Richtung von Oiiberi, 
Korden nach Suden halt, ja, dass sie oft dieselbe Eigenschaft nur dadnrch leoo!^^'*^ ^' 
erhalten, dass man sie langere Zeit in der Richtung des magnetischen 
Meridians liegen l&sst; und er hat noch genauer beobachtet, dass der 
Magnetismus starker wird, wenn der Eisenstab in der Richtung der In- 
clination snadel, als wenn er senkrecht oder wagerecht gehalten wird. 

Ansser der Theorie des Erdmagnetismus finden wir noch bei Gilbert 
eine Menge neuer Specialkenntnisse uber natflrliche wie dber 
konstliche Magnete. Er fuhrte zuerst bei Gelegenheit seiner Unter* 
sachungen die Fadenaufhangang der Magnetnadel ein. Er 
fand, dass der Magnet reines Eisen starker anzieht als Eisenerze, und 
Terhinderte die Schw&chung des Magneten, st&rkte sogar denselben da- 
dnrch, dass er ihn in Eisenfeilspane , oder dass er ein Eisenst&bchen 
oder einen zweiten Magneten an denselben legte (erste Spuren des 
Ankers). Die Wirknng der naturlichen Magnete yermehrte er zuerst 
darch eine Armatur, die aus einem breiten Stahlband bestand, welches 
urn den Magneten durch beide Pole gelegt wurde. Porta, welcher geglaubt 
hatte, ein Magnet ziehe nur an seinen Polen an, wurde benchtigt, indem 
Gilbert zeigte, dass der Magnet in alien Punkten seiner Ober- 
flache und an den Polen nur am st&rksten anziehe. Die 
Pole des Magneten aber bestimmte er durch eine kleine st&hlerne Nadel, 
die uber den Magneten hinweggefuhrt wurde und uber den Polen sich 
senkrecht stellte. Welter lehrte Gilbert, dass ein Magnet, den man zer- 
schlagt, wieder in kleiue Magnete zerfllllt, dass zwei Magnete oder auch 
ein Magnet und ein Stuck Eisen, die in kleinen K&hnen auf Wasser 
Bchwimmen, sich mit gleichen Geschwindigkeiten einander n&hern, dass 
ein starker Magn'et die Pole eines schwacheren umzukehren vermag, dass 
ein Magnet durch Eisen und andere Edrper hindurch wirkt, und auch 
dass ein Magnet durch einen Eisendraht weiter als durch die Luft wirkt. 
Trotzdem aber findet man bei ihm noch keinen klaren 
Begriff der magnetischen Induction, und von dem Unterschied 
des weichen und harten Eisens in seinem Yerhalten zum Magneten 
scheint er noch nicht genaue Kenntniss zu haben, obgleich er vor- 
Bchreibt, dass man zum Magnetisiren nur Nadeln vom besten Stahl nehmen 
soil. Dieses Erzeugen kUnstlicher Magnetnadeln durch Streichen von 
StahlstcLcken mit Magneten, beschreibt er wie Porta, nur will er dabei 
die Nadel nach Norden gerichtet haben und warnt merkwUrdigerweise 
Tor Wiederholen des Streichens, well dieses die Pole umkehre. Wahr** 
Bcheinlich hat er dabei, ohne den Magneten von dem zu magnetisirenden 
Stahl zu entfemen, ruck warts gestrichen. 

Die magnetischen Untersuchungen leiteten Gilbert auch auf dieelek- 
trischen Erscheinungen. Bis auf ihn wusste man nur, dass Bern- 
stein und das nns unbekannte Lynkurion gerieben, leichte Eorper an- 
zogen; er erst untersuchte, ob nicht andere Eorper ebenfalls solcheAnzie- 
kimgskr&fte bes&ssen, und wurde dadurch in noch ausschliesslicherem Sinne 



>» 



40 Elektrische und nicht elektrische Korper. Unterschied zwischen 

oubert, der Vater einer neuen physikalischen Disci plin. Er betrachiete zaerai 

^^^' diese Anziehnng als eine neue selbstet&ndige Naturkraft und gab ihr 

nach dem rjkBXXQOv (dem griechiscben Namen des Bemsteins) den 

Namen der elektriscben Kraft, docb gebraucht er nocb nicbt das 

Sabstantiv Elektricit&t, ebenso wenig wie den Namen Magnetismas. 

Gilbert f&brt neben dem Bernstein eine Menge Edrper 
an, die durcb Reiben elektriscb werden: Demant, Sapbyr, 
Amethyst, Opal, Bergkrystall, alle Glassorten, die meisten spatbigen Sub- 
stanzen, dann Schwefel, Harze, Steinsalz, Talk and Bergalaun and einige 
andere; dagegen als solcbe, die nicbt elektriscb werden: Smaragd, 
Acbat, Perlen, Cbalcedon, Alabaster, Marmor, Knocben, Elfenbein nnd 
endlicb die Metalle. Die elektrisirten Edrper zieben fast alle dicbten 
Korper an, nur sebr feine Stoffe, wie Flammen and gliibende Kdrper, 
fo]gen der Anziebung nicht. Trockene Luft, Nord- nnd Ost* 
winde wirkten beim Elektrisiren gtlnstig .nnd im Sonnen- 
schein blieben geriebene Kdrper nocb zebn Minnten lang nacb dem 
Reiben elektriscb. Dagegen schwachten Feuohtigkeit, daz 
Ansathmen, das Besprengen mit Weingeist and Wasser 
die elektriscben Kdrper ungemein, Besprengen mit Gel aber 
war nicbt hinderlich. 

Dies sind die Kenntnisse Gilbert^s in Betreff der elektriscben Krafte. 
Wir seben, dieselben erstrecken sich nur auf die Anziebung geriebener 
Kdrper, die Abstossung derselben blieb ihm nocb unbe- 
kannt. Bei diesem immerhin nocb sehr niedrigen Stand diirfen wir 
uns nicht wundem, wenn Gilbert die Aehnlicbkeit der Elek- 
tricitat mit dem Magnetismas weniger erkennt and 
gerade die Unterschiede zwischen beiden be' tout. Er giebt 
als solche Unterschiede: 1) die Elektricitat entsteht nur darob Reiben, 
der Magnet zeigt die Anziebungskraft als natilrliche dauemde Eigen- 
schaft; 2) die Elektricitat wird durcb Feucbtigkeit aufgehoben, der 
Magnet verliert selbst bei Dazwischenkunft fester Kdrper seine Kraft 
nicbt; 3) der Magnet zieht nur wenige Kdrper an, die Elektricit&t wirkt 
fast auf alle Stoffe; 4) der Magnet bewegt Kdrper von betr&ohtlicbem 
Gewicht, die Elektricitat nor leichte Materten; 5) bei der elektriscben 
Anziebung wirkt nur der elektrische Kdrper, und nur der angezogene 
bewegt sich, beim Magneten bewegen sicb beide gemeinscbaftliob. Hier- 
nach ist es natOrlicb, wenn Gilbert f&r beide Kr&fbe aucb ganz verscbie- 
dene Entstebungsweisen annimmt. Den Magnetismas halt er 
ftir eine dem Stoffe eigenthikmliobe, vom Anfang inne- 
wobnende Kraft und fichreibt demselben eine merkwCLrdig weite 
WirkungsfUhigkeit zu. Die elektrische Anziebung aber wird 
von ihm, wie yon den alten Physikem, duroh Ausfltisse erkl&rt, 
welche das Reiben aus den Kdrpern berauspresst. Die- 
jenigen Kdrper, welche nicht elektriscb werden, haben, weil sie erdiger 
Natur sind, alliu grobe Aasflasse. Diese gehen nicht duroh die ansa- 



Elektridtat und Magnetismus. De mundo. 41 

liehenden Korper hindurcfa nnd bo yiel diese in den entstandenen leeren Giib«rt, 
Riam hineingetrieben werden, so viel werden sie durch die groben Aus- ^^^' 
fosse wieder znrtkckgestossen. 

Noch bleibt una eines posthamen Werkes yon Gilbert zu erwabnen, 
dessen Them^ etwas weiter sich erstreckt; wir meinen De mundo 
Dostro sublunari Philosophia nova (Amsterdam, 1651). £r 
wendet sich darin direct gegen die noch herrschende 
Philosopbie des Aris to teles. Wie Cardanns polemisirt er gegen 
die Lehre Yon den Aristoteliscben Elementen and schliesst yor allem das 
Feoer yon denselben ans, weil eine Feuermaterie nie ans den Korpem 
abgesehieden werden kdnne. Fener ist nur der bdcbste Grad 
Ton Warme, diese aber der Actus einer yerfeinerten Fl&s- 
sigkeit, etwa eines sebr feinen korperlichen Aethers. 
Doch wendet sich Gilbert nicht der Atomistik zu, er 
erUart yielmehr alle Edrper fUr continuirlich und l&sst auch die Edrper 
nicht durch blosses Mischen und Trennen entstehen; er steht deshalb 
der Umwandlung der Elemente nicht direct feindlich gegenUber und 
glaabi an den Uebergang yon Lufb in Wasser, allerdings durch Zwischen- 
stufen^). Andererseits aber nimmt er mit den Atomisten das Dasein 
eines leeren Raumes an; die Ausstrdmungen aus der Erde und damit die 
Aimoeph&re derselben reichen nur bis wenige Meilen tiber die Ober- 
fliche hinaus, yon da an bis zum Monde und -zwischen den Gestimen 
ist der Raum leer, sonst warden die Himmelskorper nicht frei sich 
bewegen und das Licht nicht momentan yon diesen Korpem bis zu uns 
sich fortpflanzen k5nnen. Gilbert ist ein Anhanger des Koper- 
nikns und folgt ihm auch in seiner Yorstellung yon der Schwerkraft. 
Die Schwere ist der Zug des Korpers zum Kdrper, der 
Theile zum Ganzen, der Bruchstdcke zu ihrer eigenen 
Kngel, aber nicht der Zug zu dem raumlichen Orte der Kugel, wie die 
Aristoteliker annehmen. Absolut leichte Edrper giebt es nicht, 
Yielmehr ist die Bewegung der leichten Edrper nur ein Auftrieb, der 
durch die dichteren, sie umgebenden E5rper bewirkt wird. Neb en 
der Schwere, die nur zwischen den Theilen eines Planeten th&tig 
ist, giebt 68 noch eine weiter reichende magnetische 
Kraft, die zwischen den Gestimen selbst wirkt. „Die Eraft, 
die aus dem Monde strdmt, reicht bis zur Erde, und auf dieselbe Weise 
dorchliuft die magnetische Kraft der Erde den ganzen Himmelsraum 
big zum Monde ; beide Kr&fte correspondiren und conspiriren , wenn sie 
nch yereinigen, nach bestimmten Yerhftltnissen und Bedingungen; die 
Wirknng der Erde ist aber yiel grosser, da ihre Masse yiel grosser ist. 
Die Erde zieht also den Mond an und stosst ihn wieder ab und ebenso 



^) Eine eingebendere Darstellung der Lehre yon den Elementen wahrend 
dieier and der yorhergebenden physikalisGhen Periode giebt Lasswitz in dem 
^rognmm des Gymnasiums zu Goiha vom Jahre 1882. 



menft, 1604. 



42 Optik Kepler's. Farben. Runde Sonnenbildchen. 

Gilbert, thut auch in bestimmten GreDzen der Mond mit der £rde, and zwar 
^^^' nicht auf die Weise, wie magnetieche Erafte thun, um sie mit sich zii 

yereinigen, sondern so, dass ein Korper um den anderen in best&ndigem 
Laufe sich bewege." 

Die YorBtellung einer zwischen den Himmelkorpem wirksamen 
magnetischen Kraft, die zugleicb auzieht und abstosst, ist augenschein- 
lich nur gemacht, um das Beharren eines Trabanten in seiner Bahn z*u 
erklaren, das man anf mechaniscbe Weise nocb nicht erkl&ren konnie. 
Die Darstellnng der Erde als eines grossen Magneten liess solche Wir- 
kungen natfirlich erscheinen und fuhrte in dieser Zeit zu mannigfachen 
Yersuchen, den Magnetism us mit der Bewegung der Himmelskorper in 
Yerbindung zu bringen. Fur die spatere Himmelsmechanik 
haben diese Ideen wohl die Nachwirkung gehabt, dass 
sie der Yorstellung einer actio in distans leichteren 
Ein gang vers chaff ten. 

Kepi6r, Ad £in leuchteudes Dreigestiru grosser Phvsiker ziert den Anfang des 

Paraiipo- 17. Jahrhunderts ; zu Gahlei und Gilbert gesellt sich Kepler, der ein- 
zige wurdige Yertreter der deutschen Nation in dieser Zeit. Angeregt 
durch die Untersuchungen des Tycho de Brah^') fiber die as tro- 
nomische Refraction, wandte sich auch Kepler dieser Erscheinung 
zu, und wie in vielen anderen Dingen ging auch hier der Assistant tiefer 
als der beruhmte Hofastronom selbst. Kepler begnugte sich 
nicht mit der Untersachang jener einzelnen optischen 
Erscheinung, sondern erstreckte seine Studien iiber das 
ganze Gebiet, um von der Kenntniss der allgemeinen optischen £r- 
Bcheinungen aus auf die besonderen der astronomischen Refraction zu 
schliessen. Er griff zu dem Zwecke auf die Schrift ^) des Yitello aus dem 
13. Jahrhundert zurdck und gab seine Untersuchungen als Supplemente 
zu dieser unter dem Titel Ad Yitellonem Paralipomena quibus 
astronomiae pars optica traditur (Frankfurt a. M., 1604). 

Das erste Gapitel dieses Werkes handelt von der 
Natur des Lichts und der Farben. Ohne Yorarbeiten von Seiten 
wirklicher Physiker bleibt hier Kepler gajxz in den Kreisen der peripa- 
tetischen Naturphilosophie. Die Farben entstehen wie bei Aristoteles ^) 
durch die Mischung von Licht und Finstemiss; Farbe istLicht der 
Moglichkeit nach, in der Materia verborgenes, d. h. durch 
verschiedene Materien mehr oder weniger getrilbtes 
Licht. Das zweite Gapitel handelt von der runden Ge- 
stalt des Sonnenlichts, das durch eine enge Oeffnung in 
einen dunklen Raum fa lit. Ohne Maurolykus zu nennen, dessen 



») Theil I, 8. 137. 
2) Theil I, S. 102. 
8) Theil I, S. 21. 



Kepler's Brechungsgesetz. 43 

Sehrift Kepler uberhaapt nicht gekaont zu haben scheint, giebt er hier* Kepler, Pa- 
fur die gleiche Erklarung ^) wie dieser, wenn er auch fttr den Beweis einen iSo^**"*"** 
colossalen geometrischen Apparat verwendet. iDteressaDt ist die Be- 
sehreibung des Weges, aaf dem er zu seiner Erkl&rung gekommen ist: 
«Ich legte ein Bach, das mir die Stelle des leuohtenden Korpere ver- 
treien soUte, an einen bochgelegenen Ort. Zwischeu dieses Bach and 
eine Wand stellte ich eine Tafel mit einer Oeffnang, die viele Winkel 
hfttie. Hieraaf befestigte ich an die eine Ecke des Baches einen Faden, 
zog ihn darch die Oeffnang hindurch and beschrieb Iftngs der Grenzen 
derselben mit dem anderen Ende des Fadens eine Figur mit Kreide aaf 
die Wand. Ich erhielt hierdurch eine der Oeffnang &hnliche Figar. 
Daaselbe geschah, als der Faden an der zweiten, dritten and yierten 
Ecke and an mehreren anderen Stellen des Baches befestigt wurde. Aas 
alien diesen Figuren entstand endlich eine, die der des Baches um so 
ahnlicher wnrde, je weiter die Wand von der Oeffnang entfemt war." 
Das dritte Capitel enthalt Untersuchangen &ber den Ort 
derBilder, welche darch Spiegel entstehen. Kepler nimmt 
hier besondere Riicksicht daraaf , dass wir mit zwei Aagen sehen and 
bemerkt aach, dass hiervon ansere Beartheilang der Entfemung eines 
Gegenstandes abhangt, wenigstens da, wo die Entfemung der Aagen 
gegen die des Gegenstandes nicht yerschwindend klein erscheint. Das 
yierte Capitel behandelt die Brechung des Lichtes. Trotz 
derEinwfirfe desAlhazen^) hatte man doch wieder, wie es selbstMauro- 
lykos gethan, die Einfalls- and Brechungswinkel fur dieselben Medien 
als proportional angenommen. Kepler misst diese Winkel bei Luft und 
Glas far Strahlen, die unter yerschiedenen Neigangen einfallen, and 
findet, dass nur bis za einer Abweichung yon ohngef&hr 30^ yom Ein- 
fallsloth das Yerhaltniss des Einfalls winkels zum BrechungswinkeP) 
gletch 3 : 1 zu setzen sei, wie es schon Ptolemaus *) gethan hatte; dass aber 
far grSssere Einfallswinkel der Brechungswinkel grosser wtirde, als er 
es nach diesem Yerhaltniss sein durfte. Er nahm darum an, dass 
der Brechungswinkel in zwei Theile zu zerlegen sei, yon 
denen der eine dem Einfallswinkel, der andere aber der 
trigonometrischen Secante des Einfallswinkels propor- 
tional w&re. Das war, wie wir wissen, ein falscher Gedanke; fdr die 
weiteren Berechnangen Kepler's genugte indessen auch diese nur nahe- 
rnngsweise richtige Annahme. Die Ursache der Ungleichheit der Brechung 
bei den yerschiedenen Materien suchte Kepler in den yerschiedenen Dich- 
ten der Stoffe, wurde aber bald durch den Englander Harriot (1560 



') TheU I, S. 127. 

>) Theil I, 8. 79. 

*) Unter Brechungswinkel ist hier immer der Winkel, welchen die Yer- 
liogenmg des einfaUenden Strahles mit dem gebrochenen bildet, also die Ab- 
ienbmg, yerstandes. 

«) TheU I, 8. 49. 



44 Astronomische Refraction. Einrichtung 

Kepler, p»- bis 1621) belehii, dass ein erkennbarer Zusammenhang 
leoT*"***** zwischen der Dicfate und der brechenden Kraft nicht be- 
st ebe. Harriot schickte in einem Briefe an Kepler Tafeln uber die 
Brecbnng des Licbtee dorch verscbiedene Medien, die das bewieeen. 
Docb bat man sicb nocb Iftnger mit diesem Gedanken beacb&ftigt and 
nocb Descartes bemerkt in einem Briefe an Mersenne, dass Terpen tindl 
leicbter sei als Wasser und docb das Licbt mebr brecbe. 

Bei Tycbo baben wir erw&hnt, dass derselbe eine Yer&nderlicb- 
keit der Refraction mit der Entfemnng der Sterne yon der £rde 
annabm. Dies findet seine Erkl&rung darin, dass man damals an eine 
Erstreckung der Luft bis zu den Sternen glaubte, wonacb ja aller- 
dings das Licbt der weiter abstebenden Sterne ancb starker gebrocben 
werden konnte. Der bessiscbe Astronom Rotbmann liess die Brecbnng 
nnr am Horizont stattfinden nnd kam deswegen in Streit mit Tjcbo, 
der docb bis zu einer Hdbe yon 45^ die Refraction nocb fur merk- 
licb gross bielt. Kepler erkl&rt, dass diese Brecbnng bis 
zum Zenitb sicb erstreokt, nnd betont gegen Tycbo, dass sie in 
gleicber Hdbe fur alle Sterne gleicb sein mtLsse, weil die Hdbe der 
Atmospbare nicbt allzu bedeutend sei und keineswegs bis zu den Sternen 
reicbe. Dabei passirt es ibm freilicb, dass er aus der astronomiscben 
Refraction nur eine Hdbe der Atmospbare yon 0,48 Meilen beraus- 
recbnet, weil er dieselbe uberall gleicb dicbt und an der Grenze scbarf 
abgescbnitten annimmt. Das rotblicbe Licbt, welcbes der Mond bei 
totalen Mondfinsternissen zeigt, leitet Kepler zum ersten Male ricbtig 
aus der Strablenbrecbung in der Atmospb&re der Erde ab. * 

Die Paralipomena entbalten merkwtlrdige Unricbtigkeiten und 
ermudende Weitscbweifigkeiten, wunderbarerweise gehdrt der 
Tbeil zu den klarsten, in welcbem yon dem Yorgang des 
Sebens und der Einricbtung des Auges die Rede ist. Es 
ist dies das fiinfte Gapitel. Nacb den Anatomen Jessenius und Platter 
bescbreibt Kepler zuerst die anatomiscbe Bescbaffenbeit des Auges und 
gebt dann zur Entstebung der Bilder im Auge ftber. Die Strablen- 
kegel, die yon den Punkten des Gegenstandes ausgeben, 
und deren gemeinscbaftlicbe Basis die Pupille ist, wer- 
den yon der Krystalllinse so gebrocben, dass sie binter 
ibr wieder Kegel bilden, deren Spitzen auf der Netzbant 
liegen und dort ein Bild des leucbtenden Gegenstandes 
geben. Dieses Bild ist ein yerkebrtes, weil sicb die Acbsen jener Kegel 
in der Krystalllinse kreuzen. Die Netzbant aber empfindet die Ricbtung, 
aus welcber die Licbtstrablen kommen, und so bleibt es der Seele niobt 
zweifelbaft, dass das Untere des Bildes dem Oberen des Gegenstandes 
entspricbt und umgekebrt. Kepler macbt darauf aufmerksam, dass nach 
Wegnabme der iibrigen Haute an der Hinterseite des Auges das Bild 
auf der Retina sicbtbar werden mtlsse; docb bat er selbst das Experi- 
ment nicbt ausgefubrt. Die Accommodation des Anges iXa ent- 



des Auges. Fernrohr. 45 

femte and nahe Gegenst&nde fuhrt Kepler aiif eine Zusammenziehung Kepler, Pa- 
imd * Ausdefanimg der KrystalUinse oder auf ein Annftliem der Retina an leoiT^™^"*' 
die Idnse oder auf beide Ursachen zuruck. Die Weit- und Knrz- 
sicbtigkeit erkl&rt er danach darch eine falsclie Wdlbang der Linse, 
wie Bcbon Manrolykns getban bat. Ancb die Irradiation yersncbt 
Kepler darcb seine Tbeorie zu erklaren. Er weist darauf bin, dass bei 
einem knrzaicbtigen Auge yon jedem Pankte des leucbtenden Gegen- 
standea ein kleiner Licbtkreis auf der Netzbaut erzeugt, dass dadurcb 
der Gegenstand mit verwascbenen Randem, aber etwas grdsser geseben 
werden muss, und dass wir uns sebr entfernten leucbtenden Objecten 
wie Stemen gegeniiber immer in einem solcben Zustande der Kurzsicb- 
tigkeit befinden. Kepler's Scbrift zeigt trotz yielfacber Irrtbumer docb 
einen ganz anderen Geist als die optiscben Scbriften des 16. Jabrbnn- 
derts. Eine so klare Yerfolgung der Licbtstrablen aucb 
beim Durcbgang durcb brecbende Medien, eine solcb 
erfolgreicbe Untersucbung complicirter optiscber Pba- 
nomene findet man selbst bei Maurolykus nocb nicbt, der docb Kepler 
in aeiner Eigenscbaft als bedeutender Matbematiker am nacbsten stebt. 
Kepler's Tbeorie des Sebens bleibt fur lange Zeit muster- 
gfiltig,und seineAnn&berungandasBrecbungsgesetztrftgt 
sebr bald bei der Betracbtung des neu erfundenen opti- 
scben Instruments, des Fernrobrs, ibre ersten Frucbte. 

Die Erflndunf^ des Fernrohrs ist neben deijenigen der Dampf- Erflndung 
maacbine die yielumstrittenste in der ganzen Gescbicbte der Pbysik. ruhrs, leos. 
Nicbt nur dass man Spuren der Erfindung bis mebr als 1000 Jabre yor 
das allgemeine Bekanntwerden derselben yerfolgen will, dass sicb nacb- 
iraglicb Erfinder melden, die den Ansprucb erbeben, ibre Erfindung yor- 
datiren zu darfen ; aucb fiir die Zeit, in welcber das Fernrobr unleugbar 
erfunden wurde, baben wir nocb zwiscben mebreren Erfindem zu w&blen^ 
aber deren Primat scbwer zu entscbeiden ist. Diejenigen Optiker, welcbe 
wir nacb einzelnen Aeusserongen in ibren Scbriften als Vorlaufer des 
Erfinders betracbten dtirfen, wie Roger Bacon, Porta *), baben wir 
sehon im ersten Band dieses Werkes erwabnt. Auf Datirungen , nacb 
denen womoglicb scbon Moses das gelobte Land yom Berge Nebo 
ans mit einem Femrobre ftberscbaut bat, woUen wir nicbt naber ein- 
geben; dann bleibt uns f&r die Zeit der Erfindung nur der Zeitraum 
yon 1590 bis 1610 und unter den Personen nur die Wabl zwiscben 
drei Brillenmacbern aus Holland, n&mlicb Zacbarias Jansen, Jacob 
Metius 'und Hans Lippersbey (Lippersbeim , Laprey?). Dass uns 
der Entscbeid tSber die AnsprUcbe dieser drei Personen jetzt, 2^/4 Jabr- 
bunderte nacb der Erfindung, scbwer wird, darf wenig wunderbar 
erscbeinen, wenn wir boren, wie unsicber sobon die Zeitgenossen der 



1) Theil I, a 101 und 8. 140. 



46 Scheiner iiber die Erfindung des Fernrohrs. 

Erfindang Erfinder selbst waren. Rudolf Wolf ^) giebt ans einer Scbrift, die er 
rohr^^ieos. ^i^ Sicberheit dem Pater Scbeiner and dem Jabre 1616 znecbreiben 
kann, folgende in dieser Beziebung cbarakteristische Stelle: „ — Man 
muss gesteben erstens, wenn wir das, was das Femrobr leistet, ins Ange 
fassen, so wird hierfur nicbt nar verdientermaassen Baptist. Porta ala 
Erfinder gelten, weil er ein solcbes Instrument, wenn aucb nacb seiner 
Weise in dunklen Worten und ratbselbaften Ansdriicken bescbreibt, wie 
es das Fernrobr ist. Man muss aber aucb sagen zweitens, wenn wir 
Yon dem Femrobr sprecben, wie es nacb allmftliger Yeryollkommnung 
beute angewandt wird und allgemein bekannt ist, so ist weder besag^r 
Porta nocb Galilei der erste Erfinder gewesen, sondern das Fernrobr in 
diesem Sinne wurde in Deutscbland und bei den Belgiem erfunden and 
zwar zufallig durcb einen Erilmer, der Brillen yerkaufte, indem er con- 
cave und convexe (Glaser), entweder spieleud oder Yersucbe mit ibnen 
macbend, combinirte, und es dabin bracbte, dass er einen ganz kleinen 
und entfernten Gegenstand durcb beiderlei Glftser gross und ganz in der 
Nabe erblickte, durcb welcben Erfolg erfreut, er einige gleicbe Glftser- 
paare in ein Robr einftigte und sie um einen boben Preis vomebmen 
Leuten anbot. Auf diese Weise kamen sie (die« Femrobre) nacb und 
nacb unter die Leute und verbreiteten sicb allmalig nacb anderen Ge- 
genden." Diese Worte des Scbeiner sind in mancher Beziebung merk- 
wdrdig, aber fiir uns docb yon geringer Bedeutung. Der gute Pater 
spricbt dem Porta obne Weiteres die Erfindung des Fernrohrs zu, rtWeil 
derselbe ein solcbes Instrument, wenn aucb in dunklen Worten, bescbrie- 
ben.*' Wir baben geseben wie dunkel die Worte waren, aber aucb abge- 
seben da von sind wir beutzutage nicbt 'mebr gewobnt, denjenigen fur 
den Erfinder einer Sacbe zu balten, der einige dunkle Andeutungen Yon 
der Moglicbkeit derselben giebt, sondern nur denjenigen, der zum ersten 
Male dieselbe wirklicb berYorbringt. Dann deutet Scbeiner an, dass 
wobl die Fernrobre aus uuYollkommenen Anfangen nacb und nacb heran 
gewacbsen. Wie dies aber gescbeben und durcb wen, dariiber giebt er 
uns leider keine Auskunft. Endlicb berubigt sicb der sonst so wiss- 
begierige Scbeiner merkwQrdig scbnell dabei, dass ein boU&ndiscber 
Kramer das Fernrobr erfunden, obne uns nur einen Wink tiber die 
Person oder den Namen des Kramers zu geben. Aber gerade um den 
Namen dieses Er&mers, wie um den genauen Zeitpunkt der Erfindang 
drebte sicb der Streit, der allerdings jetzt endgtiltig za Gunsten des 
einen Kramers entscbieden zu sein scbeint. 

Der franzosiscbe Arzt Pierre Borel yeroffentlicbte im Jabre 1655 
eine Scbrift De Yero telescopii iuYentore, in welcber ergericbtlicb 
beglaubigte Zeugnisse aus Middelbnrg in Holland, sowie einen Brief des in 
Middelburg geborenen bollandiscben Gesandten Wilbelm Boreel Torbracbte, 
aus dcnen alien bervorzugeben scbien, dass der Brillen- 



^) Wiedemann, Ann. d. Physik nnd Chemie, I, 8. 478 bis 480. 



Zeugnisse fiir Jansen. 47 

macher Zacharias Jansen za Middelbnrg znerst ein Fern- Erflndang 
rohr construirte, und dass Lippersheim and Metius erst nach oder rohn,*^i608. 
aiuh durch diesen zor Anfertigung von Femrobren gelangten. Es 
bezengte namlich Johannes Jansen, dass sein Yater Zacharias Jansen 
im Jahre 1590 Mikroskope und kurze Fernrohre and dann im Jahre 
1618 auch lange Fernrohre erfiinden, and dass erst 1620 Metius das 
Fernrohr nachmachte. Die Schwester desselben, Sara Goedard, 
bezeugte ebenso, dass ihr Yater Zacharias Jansen das Femrobr erfan- 
den, aber sie verniochte die Zeit der Erfindung nicht genaa anzageben 
nnd setzte dieselbe angeffthr in das Jahr 1611 oder 1613. Wilhelm 
Boreel erzahlte endlich, dass er als Knabe mit Johannes Jansen gespielt 
and oft gehort habe, dass dessen Yater das Mikroskop im Jahre 1590 
und die langeren Fernrohre am 1610 gemeinschaftlich mit seinem Sohne 
Johannes Jansen erfanden habe. Dem Prinzen Moritz von Nassaa sei 
ein solches Instrament fiberreicht worden, and obgleich man die Sache 
als tiefes Geheimniss behandelt, seien doch Geruchte in die Oeffentlich- 
keit gedrangen. In Folge dessen habe ein Unbekannter sich am ein 
solches Instrament bemiiht, sei aber nicht zu dem wirklichen Erfinder, 
sondem za dem in der Nahe wohnenden Brillenmacher Laprey (Lippers- 
heim) gekommen; die Fragen des Unbekannten batten dann Laprey aaf 
das Instrament aafmerksam gemacht and danach sei auch dieser znr Con- 
Btraction desselben gelangt. Adrian Metius wie aach Cornelius Drebbel 
h&tten erst 1620 die Yerfertigung von Femrobren von Zacharias Jansen 
gelemt. Die Zeugnisse des Johannes Jansen and des Wilhelm Boreel 
decken sich in Betreff der Erfindung des Mikroskops, und da den- 
selben nicht widersprochen wird, so haben wir im ersten Bande dieses 
Werkes dem Zacharias Jansen diese Erfindung zugeeignet and wenn auch 
mit einigen Zweifeln^) in das Jahr 1590 gesetzt. In Betreff der Fern- 
rohre fehlt eine solche Uebereinstimmung und auch die tibrigen Zeug- 
nisse, die jenes Buch enthalt, und die noch dazu von wenig sachverstan- 
digen Bewohnem Middelburgs herstammen, widersprochen sich vielfach, 
indem der eine die Erfindung dem Jansen, der andere aber dem Lippers- 
heim zuschreibt '). 

Wir warden darnach kaum im Stande sein, ein abschliessendes 



') TheU I, B. 142. 

^ IMe AuBsagen des JohanneB Jansen widersprechen , wie wir sogleich 
seben, in Betreff der Yerdienste des Lippersheim und des Metius direct noch 
Torhandenen amtlich aufbewahrten Documenten. Das macht misstraoisch gegen 
diesen Zeugen and lasst an die Mdglichkeit denken, dass Johannes Jansen vor- 
datirt and seinem Yater Erfindungen zaschreiht, die derselbe erst in zweiter 
Linie oder doch sp&ter als angegeben, gemacht hat. Lippersheim starb schon 
1619 and Metius jedenfalls zwischen 1624 bis 1631 ; diese beiden waren also 
(twaigen Backdatirungen bei jenem YerhQr, das 1655 stattfand, nicht mehr 
hinderlich. DerGesandte Boreel aber, gegen dessen Unparteilichkeit wir nichts 
einwenden kdnnen, erzahlt von lange vergangenen Zeiten nur nach Horensagen ' 
and ist also jedenfalls in seinen Aussagen nicht entscheidend. 



48 Officielle Dokumente far Lippershey. 

Eifindung Urtheil za fallen, wenn nicht neuere Untersacfanngen mehr Licht gebrachl; 

rohn^^iMB. Hatien. Diese Uniersachungen Bind niedergelegt in dem Werke 6e - 

Bchiedkundig Onderzoek naar de eerste Uitfinders der 

. Vernkykers uit de Aantekeningen van wyle den Hoogelaar 

yan Swinden zamengestelt door G. Moll (Amsterdam, 1831); 

die haapte&chlicliste Aofkl&mng erbielt Swinden durch Benaiznng des 

ArchivB in Haag. In diesem Werke wird erz&blt, dass Adrian Antho- 

nieszoon, BCLrgermeister yon Alcmar und FestungBbaameister der Staaten^ 

yier Sohne gehabt, yon denen zwei besondere Berllhmtheit erlangten. 

Der eine dayon war Adrian Adriaansz, der auf der Uniyersitat seinea 

mathematiBcben FleisBes wegen den Beinamen Metins erhielt (die ganze 

Familie nahm darnach denselben an), und der fflr das YerhftltnisB der 

355 
Kreisperipberie zum Durchmesser den beriibmten Brucb — r- gab. Der 

andere, Jacob Adriaansz oder Jacob Metins, ein Sonderling, men- 
scbenscben und ungelebrig, lemte yon einem Brillenmacber das Glas- 
Bcbleifen und yerfertigte dann yiele Brennspiegel und Brennglaser. £r 
Hberreichte am 17. October 1608 den Generalstaaten eine Bittscbrift: 
„er sei seit zwei Jabren durcb Fleiss und Nacbdenken auf 
ein Instrument gekommen, wodurcb man entfernte, sonst 
gar nicbt oder ganz undeutlicb zu sebende Dinge dent- 
licb seben k5nne. Das jetzt pr&sentirte gei zwar nur 
auB scblecbtem Material bloss zur Probe gefertigt, aber 
es leiste docb nacb demUrtheile Sr. Excellenz und anderer, 
die beide Ihstrumente yerglicben baben, eben so yiel als 
dasjenige, welches ein Burger aus Middelburg U. E. D. M. 
ganz kUrzlicb yorgelegt babe.^ £r bittet um ein Yerbot des 
Yerkaufens oder Kaufens auf die Dauer yon 22 Jabren ftlr AUe, die 
nicbt sobon yorber diese Erfindung gemacbt und ins 
Werk gestellt. Supplicant wird bescbieden, das Instrument zur 
Yollkommenbeit zu bringen, dann solle fiber ein Yerbot besoblossen 
werden. Der wunderlicbe Jacob Metius liess damacb nicbts weiter yon 
sicb bdren, der Middelburger Burger aber, welcber ibm zuyorgekommen, 
war Lippersbey. Am 2. October 1608 scbon batte Hans Lippershey 
(gebiirtig aus Wesel, Brillenmacber in Middelburg) den Generalstaaten 
die Bittscbrift uberreicht: „dass ibm ftlr ein yon ibm erfundenes 
Instrument, um in die Feme zu seben, ein Octroi auf 
30 Jabre oder auch eine jahrlicbe Pension, unter der Be- 
dingung, solcb Werkzeug allein zum Dienst des Landes 
zu yerfertigen, bewilligt werden m5ge." Die Generalstaaten 
setzen eine Commission zur PrOfung der Sache ein, yerbandeln dann 
wieder mit Lippershey, endlicb am 13. Februar 1609 wird ange- 
zeigt, dass derselbe zwei Instrumente (mit zwei Augen 
•zu seben, wie yerlangt worden) abgeliefert babe und 
bescbloBsen, ibm den yereinbarten Preis fur dieselben an- 



Schnelle Verbreitung der Fenirohre. 49 

laweisen. Eine Octroi wird ihm verweigert, weil schon andere ErflDdang 

Kenntniss you der Erfiadang haben^). Das letztere bezieht sich wohl rohn,^i«08. 

lof Jacob MetioB, wenigstens ist Jansen bei diesen Verhandlungen 

Dieht erwahnt worden. Darnach ist sicher Hans Lippershey 

der erste gut beglaabigte Yerfertiger der Fernrohre nod 

wir dorfen nicbt ansteben ihn als Erfinder derselben zu bezeichnen , da 

kein anderer auch nor mit einiger Sicberbeit ibm gegeniiber gestellt 

werden kann. Die ersten Femrobre bestanden, wie allgemein bekannt, 

nor aus einem concaven und einem convexen Glase ; sie gestatten nor 

eine geringe Vergrdsserimg, baben aber den Vortbeil, dass sie kurz sind ' ' • 

and aofrecbte Bilder geben. Diese sogenannten holl&ndiscben oder 

Galilei^Bcben Fernrobre werden in den Zeugnissen des Jansen und 

Boreel mit dem Namen knrze Fernrohre bezeicbnet; iiber die Erfindong « 

der langen, der sogenannten Kepler'scben oder astronomiscben 

Fernrobre werden wir nocb bericbten. 

Die Bcbnelle Verbreitung, welcbe die Fernrobre vom 
Jahre 1608 an fanden, scbeint uns das st&rkste Zeugniss, 
dass dieser Zeitpunkt derjenige der Erfindung ist. Das 
Femrobr ist kein Instrument, dessen Wertb erst bei langerer Bescbafti- 
gnng mit demselben eingeseben werden konnte; yon einem Punkte 
aus weit in die Feme zu sehen, mit dem Auge wenigstens ein Stuck 
Allgegenwart zn erlangen, das ist ftlr den Menscben ein zu yerlocken- 
der Gedanke, als dass nicbt aucb das unvollkommenste Instrument, das 
nor einigermaassen der menscblicben Sebnsucbt genugt, mit reissen- 
der (reschwindigkeit seinen Weg macben sollte. Wir geben darum 
Nicbts darauf, wenn man dem G&sar oder dem Ptolemaus den Gebrauch 
Ton Femrobren zuscbreibt und baben wenig <}ewicbt darauf gelegt, 
Venn man einzelne dunkle Aeusserungen eibes Porta etc. zu Andeu- 
tnngen des Femrobres macben mocbte. 

Die Generalstaaten wunscbten die ibnen wicbtig erscbeinende Er- 
findung gebeim zn balten, aber yergeblich. Scbon am 28. December 1608 
Bchrieb der franzdsiscbe Gesandte im Haag, Prasident Jean- 
nin, dem Eonig Heinricb IV. und dessen Minister Sully yon diesem In- 
itmment: er babe gewiinscbt beimlicb ein solches VTerkzeug yon dem 
Middelburger BriUenmacber zn erhalten, allein dieser babe sicb geweigert, 
weil er yersprocben koines obne Zustimmung der Staaten abzuliefern ; docb 
batten die Staaten zwei far Seine Majestat und Sully bestellt. Nocb frUher 
scheinen die Femrobre nacb Deutscbland gekommen zu sein. In einer 
Scbrifl yom Jabre 1614 erz&blt Simon Marius (Mayer), markgraflicb 
brandenborgiscber Mathematiker in Anspacb : Auf der Herbstmesse des 
Jahres 1608 zu Frankfurt a. M. babe ein Eaufmann dem Freunde des 
Marios, Fucbs y. Bimbacb, erzablt, dass sicb in der Stadt ein Belgi^ 



^) GroMtentheils nach Nam berg er, Aitron. Handwdrterbnch, iUrt.^ 
Pernrohr. 

Itoienberger, Oeachlchte der Phyiiik. II. 4 



50 Erate Benutzung des Femrohrs. 

Erflttdong aufhalte, der ein Instrument erfunden habe, mit welchem man die ent- 
rohn,*i606. femtesten Gegenstande so deutlicb wie die nachsten sehen konne. Fachs 
habe sich das Instrument zeigen lassen und trotzdem das Glas einen Riss 
bekommen, habe es doch die Gegenst&nde einige Mai vergrossert gezeigt. 
Fuchs habe Lost gehabt das Instrument zu kaufen, der Handel sei jedoch 
nicht perfect geworden, weil der Belgier einen zn hohen Preis gefordert. 
Darauf sei Faehs zu ihm (Marius) nach Anspach gekommen und daselbst 
hatten sie beide ein erhabenes und ein hohles Glas zu einem solchen 
Instrument zusammenzusetzen versucht, sie h&tten auch eine yergrdssernde 
-- Wirkung erzielt, seien aber doch nicht recht zum Ziele gelangt, weil die 
Conyexit&t des einen Glases zu gross gewesen. Sie hatten nach Num- 
berg um andere Glaser geschrieben, aber die Sache habe sich doch ver- 
zogert, bis sie im Sommer 1609 ein recht gutes Instrument aus Belgien 
erhalten. Nach It alien scheint die Erfindung erst im Jahre 1609 ge- 
kommen zu sein. Der Mailander Gelehrte Hieronymus Sirturus 
berichtet^X iniMai 1609 sei ein Franzose in Mailand gewesen und habe 
sich dem Grafen Fuentes als Erfinder des Femrohrs ausgegeben, da 
aber in Mailand kein taugliches Glas zu erlangen gewesen, so sei der- 
selbe nach Yenedig gegangen. Auch an den Cardinal Borghese soil 
am diese Zeit yon den Niederlanden selbst aus ein Femrohr geschickt 
worden sein. 

Der ersten directen Verbreitung des Femrohrs diente nur das Ver- 
langen, dem Auge Entferntes n&her zu r&cken, an eine nutzliche Yer- 
wendung scheinen die Erfinder nur in sofern gedacht zu haben, als 
dasselbe dem Heerfuhrer und Gommandeur bei Recognoscirung entfemter 
Feinde nutzlich erschien.. Nur der geniale Geist eines Galilei 
griff mit sicherer Hand in ein ganz neues Gebiet, ihn inter- 
essirte nicht das billige Yeilgnugen, weit yon Kirchthilrmen aus mit dem 
Femrohr zu bewundem, was man in der N&he ohne das Femrohr yiel 
besser betrachten konnte; er sah mit dem ersten Anblick in dem 
neuen Instrument das machtige Hulfsmittel aus dem engen 
Kreis der Erde sich zu entfernen und in die Tiefen des 
Himmels einzudringen. Mit diesem grossartigen Gedanken, der 
nicht so nahe lag als man jetzt wohl denkt, wurde das Femrohr aus 
einem Spielzeug eine m&chtige Waffe. Wie in so yielen Fallen 
ging auch in der Benutzung des Femrohrs die Astronomie 
der Physik yoran. Zwar benutzte auch sie zuerst das Femrohr nor 
als Yergrosserungsglas , aber nach und nach lemte sie die wichtigere 
Anwendnng als Messinstrument kennen und dann nahm auch die 
Phjsik wiederum das Instrument, welches sie erst der Astronomie ge- 
schenkt, fCLr sich in Gebrauch. Doch ehe wir sehen, wie Galilei mit 

^) Telescopium s. ars perficiendi noyum illud Galilei viao- 
rium instrnmentum ad sidera. Frankfurt a. M., 1618. Wir finden hier 
■ zum ersten Male den Namen Teleskop (statt perspicilli etc.)* derselbe wie auch 
der Name Mikroskop soU vun Demiscianus stammen. 



Leben Kepler's. 51 

fleinem Fernrohr aas eiaem bahnbrechenden Physiker za einem grossen Erfindtmg 
Aitronomen mit erstaunlicher Geschwindigkeit sich nmbildet, mussen rohr^^ieos. 
wir eni noch einer That der Astronomie erw&hnen , welcbe, bo fern sie 
der Physik za liegen scbeint, doch eine Vorbereitung bildet ftbr eine der 
gnssten Reyolationen aach in dieser Wissenschaft. 

Wir Bchicken dieser Betrachtung der bedeutendeten wissenscbaft- 

lichen That Kepler's eine knrze Skizze seines Lebens voraus. Johannes 

Kepler (ancb Kbeppler nnd Keppler^) iat am 27. December 1571 za Kepien 

Mftggtadt^), einem Dorfe bei der ehemaligen Reichsstadt Weil im Wurt* n^TAT^sikft. 

tembergischen geboren. Sein Yater war aas adeligem, aber verarmtem 

Geschlecht, seine Mutter eine nngebildete Fran, die weder lesen noch 

schreiben konnte ; die Erziehnng des schwftchlichen and oft kranken ^ " 

Kindes Hess darom viel za wdnschen ilbrig. Der Schulbesuch war im 

Anikng oft anterbrochen, bis man den Knaben 1584 in die Klosterschule 

za Adelberg and 1586 aaf die za Maulbronn brachte. Nachdem er sich 

1588 die Baccalanreatswurde erworben, bezog er das theologische Stift 

der UniTersit&t Tubingen. Hier mnsste er als Yorstadium der Theo- 

logie, f^ die er von Anfang an bestimmt war, Mathematik treiben and 

dabei zeigte er so viel Talent, dass sein Lehrer Mastlin sich anch pri. 

Tatim mit ihm beschaftigte und ihn mit dem Kopernikanischen Welt- 

systeme bekannt machte, das Kepler dann schon als Stadent in Wort 

and Schrift Yertheidigte. Dadarch wnrde er den orthodoxen Theologen 

aorachig and da Kepler selbst sich mit der Orthodozie nicht befreanden 

konnte, so nahm er aaf Anrathen seines Lehrers Mastlin im Jahre 1594 

die Stelle eines Professors der Mathematik in Graz an. Hier bekam er 

120 Gulden Gehalt und aasserdem noch 20 Guldeu ftir Abfassang eines 

Kalenders, den er von 1595 an veroffentlichte, Der Kalender machte 

ihn dorch gelnngene astrologische Prophezeiangeft , von denen er selbst 

oicht viel hielt, vortheilhaft bekannt; im besseren Sinne aber war das 

der Fall mit seinem Mysteriam cosmographicam ^), darch das er mit 

G&Iilei, Tycho u. a. in Yerbindang kam. Letzterer veranlasste ihn nach 

Prag za kommen, am sich von ihm bei seinen Arbeiten anterstutzen za 

lassen. Und da Kepler schon durch die Religion sverfolgangen, die nach 

der Uebemahme der Regierang darch den Erzherzog Ferdinand im 

Salzborgischen begonnen batten, heimgesacht worden war, so ging er 

trotz onsicherer Aassichten im October 1600 mit seiner Fran nach Prag. 

Nach Tycho's frOhem Tode erhielt er dann dessen Stelle. Seine Aafgabe 



^) Die Bchreibang der Kamen ist wUhrend der beiden yorletzteu Jahrhan- 
derte in Deutschland eine besonders nnbestimmte, die gebraachliche Latini- 
nrongr mag hieran die Haaptschald tragen. 

») Nach Wolf (aeschichte der Astronomie, 8. 281) in ,Weil der Slfcdt* 
aelbtt geboren and nur bei dem verwandten protestantischen Pfarrer BcoU in 
K>«Btadt getauft. 

«) Theil I, 8. 144. 

4* 



^ to 



52 Leben Kepler's. 

Kepler, War vor allem die Herausgabe neuer Sterniafeln, aber weder flossen ihm 
uronom a, ^^^^^ Besoldungen noch die fur eine solche Arbeit sonst ndthigen Gelder 
in nar einigermaassen ertraglicber Weise za. Yon seiner Anstellong an 
bis ans Ende seines Lebens hatte er mit Nahrungssorgen zu k&mpfen; 
der Kaiser and die Reicbsstande, an die der erstere ihn gewiesen, waren 
gleicb sanmselig mit ihren Zablungen, and Kepler klagt, dass er mehr 
Zeit anf die Erlangung ihm rechtmassig zakommender Gelder yerwenden 
muBse, als ihm filr seine astronomischen Arbeiten iibrig bleibe and dass 
er kaum einen Rechner fOr sich halten konne, was ihm bei seinen baa- 
** figen Rechenfehlern besonders onangenehm sei. Im Jahre 1612 starb 
Kaiser Rudoph II«, and sein Nachfolger Matthias bestatigte Kepler. 
Leider warde aach darch diese Aenderang des Regiments seine Geldnoth 
nicht gehoben. Er nahm daram eine Stelle an der Landschaftsschale 
in Linz an, wo er Mathematik lehren, die Landmappe revidiren, aber 
aach noch immer ffir den Kaiser die Stemtafeln voUenden soUte. Sein 
Gehalt als Kaiserlicher Mathematicus lief nach wie yor schlecht ein and 
als er, nachdem Ferdinand II. Kaiser geworden, aach in Linz heftiger 
religidser Yerfolgung wegen seine Stelle aufgeben musste, war ihm der 
Kaiser noch 12000 Gulden schuldig. Kepler hatte sich nach Ulm be- 
geben, am dort trotz der unzareichenden Hiilfe die Stemtafeln drucken 
za lassen. Da er aber doch dem Kaiser darch seine Bemuhangen um 
sein Geld l&stig wurde, so Hberliess ihn dieser an Wallenstein. Wallen- 
stein berief ihn za sich nach Sagan in Schlesien, yersuchte aber, als 
Kepler zum Hofastrologen nicht za gebraachen war, ihn mit einer Pro* 
fessur in Rostock abzaspeisen. Kepler ging im Jahre 1630 nach Regens- 
burg, um dort bei dem Reichstage seine Beschwerden yorzubringen. Doch 
seine Kraft war gebcochep, er starb in Regensburg am 15. Noyember 
noch nicht 59 Jahrd alt. 

Kepler's Leben war eine Kette yon Missgeschicken. Sein Vater 
ging 1589 in den Krieg ohne wiederzukehren ; seine erste Ehe, die er 
1597 schloss, war keine gluckliche; seine Matter warde 1620 derllexerei 
angeklagt and nur darch die Yertheidigung Kepler's, der 70 Meilen weit 
yon Linz nach dem Wilrtembergischen eilte, yor der Tortur gerettet. 
Endlich fiel der letzte Theil seines Lebens in den Anfang des dreissig- 
j&hrigen Krieges, der neben der Unruhe, die er in das Leben Kepler's 
brachte, aach die thatige Hidfe yerhinderte, die unter anderen Umst&nden 
der grossd Astronom doch wohl antev den Fursten des Reiches gefanden 
hatte. Es^gehorte wahrlich nicht nur ein genialer Geist, sondem aach 
ein grosser kraftiger Charakter daza, um in der immerwahrenden Geld- 
noth, bei' den driickenden Familienyerhaltnissen , anter dem L&rm des 
grosses Krieges and der religiosen Streitigkeiten die Thaten Kepler's za 
yoUbringen. Er war kein M&rtyrer, der passiy einige Augenblicke der 
Qaal ertrug, sondem ein Held, den Jahre der Leiden in seiner Kraft nicht 
3a brechen yermochten. 

Kepler's gelehrter Nachlass hat yielfach den Besitzer gewechselt; 



Astronomia nova. 53 

1718 gab Han 8 ch mit kaiserlicher Unterstiitznng einen ersien Band der Kepier, 
aimmtJichen Werke, die Briefe entbaltend, heraus, aber eret 1856 biB "oSl"**°""' 
1971 erechienen znm ersten Male Joannis Kepleri opera omnia 
ii aeht Banden, besorgt von Prof. Cbrist. Friscb in Stattgart. 

Die bedentendste aatronomiscbe Scbrift Kepler's ist die Astrono- 
nia noya atr(oAo}/i}ro^ sea pbysica coelestis tradita com- 
Bentariis de motibus stellae marti8(Prag 1609); ihrer Betrach- 
tasg scbliessen wir gleicb die Erw&bnung der anderen an. Abgeseben 
TOO dem ProdromuB, der schon besprochen, sind dies: Epitome astro- 
nomiae copernicanae (Linz 1618); De cometis (Angsbarg 1619); 
Barmonices mundi (Linz 1619) und Tabulae Rudolphinae 
(Ulm 1627). 

For die Mecbanik des Himmels, speciell ftlr die Bewegnng der 
Planeten, hatte man drei Gesetze aufgestellt, die fiir das Ptolemftiscbe 
wie ffir das Copernikaniscbe Weltsyetem gtiltig waren , wenn man nur 
entsprechend die Erde mit der Sonne vertaascbte : 1. die Bahnen der 
Planeten sind excentriscbe Kreise; 2. es giebt innerbalb 
jeder dieser Babnen einen Pankt (punctnm aequans), aus 
welcbem geseben, die Bewegnng des Planeten gleicb- 
fdrmig erscbeint; 3. dieser Pnnkt ist in der Erdbabn das 
Centrum derselben, in den iibrigen Planetenbabnen liegt 
er mit dem Centrum und der Sonne in gerader Lijiie und 
svar 80, dass das Centrum den Abstand der Sonne von 
jenemPunkte balbirt. Als Kepler mit Tycbo in Yerbindung trat, 
war dieser gerade mit der Babn des Mars bescb&ftigt, der sicb nur 
Bchwer fugen wollte. Tycbo nabm desbalb ap , dass in der Marsbabn 
das ponctnm aequans einen anderen Abstand vom Centrum der Babn 
babe als der Mars und erbielt dadurcb eine Tbeorie, die mit den Beob- 
acbtungen bis auf einige Minuten stimmte. Er war geneigt sicb mit 
diesem Erfolge zu begnugen, konnte aber Kepler nicbt zu gleicher 
Mtoigkeit bewegen. Da Kepler jene Abweicbungen nicbt durch Beob- 
achtungsfebler erklaren konnte, so begann er, als ibm nacb Tycbo's Tode 
deflsen Beobacbtungen vollst&ndig zu Gebote standen, seine Betracbtungen 
Ton Neuem und konnte endlicb im Jabre 1609 in der Astronomia nova 
den vollstandigen Erfolg seiner Bemilbungen melden. In der Dedication 
des Werkes an den Kaiser besohreibt er die Mflben soiner Arbeit in 
hoebst bumoristiscber Weise.* nVor allem sei in dem Kriege zu preisen 
der Fleiss des Heerfubrers Tycbo, wdicber in zwanzigj&brigen Nacbtwacben 
alle Gewobnbeiten des Feindes ausgekundscbaftet , seine Kriegskunst 
Wbacbtet und seine Plane aufgedeckt babe. Durcb die binterlassenen 
Sehrifien Tycbo's belebrt, babe er nun als sein Naobfolger im Amte 
den Feind nicbt mebr gefurcbtet, vielmebr sicb die Zeiten genau ge^ 
merkt, an welcben er zu denselben Orten zuriickzukebrea pAegte, die 
Tychoniscben Mascliinen , die mit feinen Diopteren vers^en 9 auf ibn • 
gericbtet und endlicb, indem er den Wagon der Mutter Erde im Kreise 



54 Kepler's Gesetze 

Kepler, herumgeiuhret , die ganze Gegend aasgekundscbaftei. Der Kampf babe 
Mtronomia, ^-^^^ ^^j ScbweisB gekostet. Oft b&tten die Mascbinen gefeblt, wo sie 
am notbigsten gewesen, oder seien vo^ ibren Ftlbrem scblecbt bedient 
oder gericbtet worden. Haufig babe aucb der Glanz der Soone oder die 
Nebel die Angreifenden am Seben gebindert, aacb die dicke Loft die 
Gescbosse vom recbten Wege abgelenkt. Dazn sei gekommen des Feindes 
Gewandtbeit im Ausweicben, sowie seioe Wacbsamkeit; wabrend seine 
Yerfolger oft gescblafen. Im eigeDen Lager sei UDgluck aller Art aus- 
gebrocben; der Tod defl Fiibrers Tycbo, Aufmbr UDd Krankbeit; im 
R&cken sei sogar, wie er in seiner Scbrift uber den neuen Stem gemeldet, 
ein neuer scbrecklicber Feind aufgestanden, daraof babe nocb ein grosser 
Dracbe mit einem ungebeuer langen Scbwanze alle seine Truppen in 
Furcbt versetzt. Er selbst aber babe sicb durcb nicbts scbrecken lassen. 
Obne zu rasten babe er den Feind auf alien seinen Scbwankangen Ter- 
folgt, bis dieser endlicb, da er sicb nirgends mebr sicber geseben, 
seinen Sinn zumFrieden gewendet und sicb ffir besiegt erklart, und sei, 
bewacbt von Aritbmetik nnd Geometrie, mit grosser Heiterkeit in das 
feindlicbe Lager eingeriickt. Zuerst babe er, an Rube nicbt gewobnt, 
versncbt ibnen Furcbt einzuflossen, als ibm aber dies nicbt gelungen, 
babe er jeden Scbein der Feindscbaft abgelegt und sicb als treuen Frennd 
bewabrt. Nur eins erbitte er yon Seiner Majestat. Er babe nocb viele 
VerwaH^lteam Himmel, Vater Jupiter, Grossvater Saturn, Scb wester und 
Freundin Venus und den Bruder Merkur, Gleicbbeit derSitten yerbanden 
alle diese Verwandten mit einander. Mars wunscbe sebnlicbst, dass die 
ganze Familie so freundscbaftlicb wie er mit den Mensoben yerkebre 
und gleicbe Ebre geniespe." Seine Majest&t mocbten docb den Kerv 
des Krieges, das Geld f&r weitere Kampfe liefern. 

In dem Werk selbst bescbreibt dann Kepler die unendlicbe Menge 
von Yersucben, die er macbte, um nnter Beibebaltung der excentriscben 
Kreise die Tbeorie mit der Erfabrung in Uebereinstimmung zu bringen. 
Er findet zuerst, dass aucb fQr die Erdbabn das punctum aequans aus 
dem Centrum des Kreises berausgelegt werden muss und dass sicb dann . 
die Bewegung der Erde ziemlicb bescbreiben l&sst. Aber die Bewegung i 
des Mars will sicb der Annabme einer kreisf&rmigen Babn mit keiner 
Bedingung fOgen und so kommt er zur Annabme erst einer ziemlicb 
unbestimmt ovalen, dann einer elliptiaohen Babn. Da mit einer solcben 
alle Ungenauigkeiten weicben, so debut er die Annabme auf alle Planetes 
aus und erbalt dadurcb sein erstes Gcscfz: Die Babnen aller Pla- 
neten sind Ellipsen, in deren einem Brennpunkt die Sonne 
sicb be findet. Indem dann Kepler den alten Satz yom punctum 
aequans auf die neuen Babnen anwendet, fClgt sicb sogleicb das zweite 
Gesetz an: Die Planeten bewegen sicb mit solcben Ge- 
scbwi adigkeiten in ibren Babnen, dass die radii vectores 
(die yon der Sonne nacb den jettfeiligen Orten der Planeten gezogenen 
Linien) in gleicben Zeiten gleicbe Fl&cbenr&ume fiber- 



der Planetenbewegungen. 55 

itreichen. Soweit reicht die Astronomia nova, das dritte Gesetz ent- Kepler, 
bilt sie noch nicht und es vergehen noch zehn Jabre, ehe dasselbe i609?"^"^^* 
^nden wird. 

Die AstroDomie ist das Werk Kepler's, welches am freiesten ist 
Ton jenem Hajige zur Schwarmerei and der Liebhaberei am Wander- 
laren, die Kepler immer aDhaffcen; aber bier gerade zeigt sicb wie 
genan die weitscbweifende Pbantasie nnseres Astro- 
s-omen mit seinerErfindungsgabe zusammenbangt. Kepler's 
«rsteB astronomiscbes Werk, der Prodromus, bescb&ftigte sicb mit 
einem Gesetz der Planetenentfernungen , das pytbagorisirend nur in 
algebraiscber Regelmassigkeit gesucbt wurde. Nacb der Astronomia 
nova arbeitete er wieder an der Losung desselben Problems, aber nun 
innerlicber, indem er diese Entfemnngen mit anderen Eigenscbaften der 
Planetenbabnen zu vergleicben sucbte. Dabei kam er aucb auf die Um- 
laafiBzeiten nnd sab da mit eineu genialen Blick den Zusammenbang, 
der zwiscben den letzteren und den Entfemnngen der Planeten yon ibrem 
Centralkorper bestebt. In den Harmonices mnndi erzablt er, dass 
er am 18. Marz 1618 zam ersten Male daran gedacbt babe, die Qua- 
drate der Umlanfszeiten mit den Gaben der mittleren Entfernungen 
ZQ Tergleicben, ein Recbenfebler babe damals die Erreicbung des Zieles 
gehindert. Am 15. Mai desselben Jabres scbon sei er wieder zn dem 
Gedanken zuruckgekebrt und babe nun die bekannte Proportion ent- 
deckt, die man mit dem Namen des dritten Kepler'scben Gesetzes 
bezeicbnet: Die Quadrate der Umlanfszeiten verbalten sicb 
bei den verscbiedenen Planeten wie die Guben ibrer mitt- 
leren Abstande von der Sonne. 

Kepler bat durcb seine Gesetze die Pbysik des Him- 
mels, wie er sagt, oder wie man beute bestimmter sagt, die Me- 
chanik des Himmels begrundet. Er fand diese Gesetze empiriscb, 
er erkannte genialiscb direct aus dem Gewirre des yorliegenden Beob- 
achtongsmaterials die tief verborgene Regelmassigkeit. Den Grund dieser 
Regelm&Bsigkeit selbst aber bat er nicbt gefunden und docb lag es nicbt 
ZQ fern, bei der erkannten aritbmetiscben Abbangigkeit der Umlanfs- 
zeiten von den Entfernungen, aucb nacb einer pbysiscben Abbangigkeit 
dieser Grdssen zu sucben. Wie kam es, dass Kepler dieten.Scbritt nicbt 
▼ollendete, warum wurde er ni^t der Entdecker der ajlgemeinen Gravi- 
tation? Es scbeint nacb seiiiMl Werken nicbt so, als ob er gar nicht 
an eine solcbe Kraft gedacb{ babe, und er befasst sicb wenigstens in der 
Astronomia nova sebr viel mii^ der Scbwere. Wir kommen damit wieder 
nnserer engeren Aufgabe naber und betracbten Kepler's mecba- 
niflcbe Ansicbten, aus denen man den inneren Grund dieser Er« 
seheinung ziemlicb klar erkennen kann. 

Kepler wendet sicb zuerst scbarf gegen die alte .Vorgt^Unng von 
der Bewegnng aller scbweren K5rper tAch dem Mittelpmiki der Welt 
nnd definirt ganz wie Kopemiku^ fflle Sbbwere als ein Vereinigungs- 



56 Ansichten von der Schwere 

Kepler, bestreben des Gleichartigen. Aber er geht dann weit iiber Kopernikus 
1609?°°°*^ hinans. Das Centrum der Welt als ein mathematischer Punkt kann 
schwere Eorper nicht yeranlassen, dass sie sich ihm n&hern, denn die 
Dinge konnen keine Sympathie haben zu dem, was nichts ist; aus ahn- 
lichem Grunde konnen auch die Eorper nicht deswegen nach dem Mittel- 
punkte streben, weil sie die Grenzen der runden Welt fliehen. Yielmehr 
ist jede korperliche Sabstanz, insofern sie korperlich ist, gescbickt an 
jeder Stelle des Weltalls zu ruhen, wenn sie nor an diesem Orte ansser- 
halb des Wirkungskreises eines verwandten Eorpers liegt. Schwere 
ist^das Yereinigungsbestreben verwandter Korper. Der 
Stein strebt nicht zu einem Punkte im Raume, sondern die Erde zieht 
den Stein an sich, so dass er folgt, wohin sie geht. W&re die Erde 
nicht rund, so gingen die fallenden Korper nicht nach 
dem Mittelpunkte, sondern nach yerschiedenen Punkten. 
Wurden zwei Steine nach einem Orte ^pebracht, wo keine anderen Eorper 
anf sie wirkten, so wilrden sie wie zWei Magnete in einer mittleren Stelle 
zusammenkommen und zwar wilrden sich die Wege der beiden umge- 
kehrt yerhalten wie ihre Massen. So wurden auch die Erde und 
der Mond, wenn nicht irgend eine lebendige Kraft in 
ihrem Umschwunge sie erhielte, sich mit einander yer- 
einigen, indem der Mond etwa um 53 Theile und die Erde 
um einen Theil ihrer gegenseitigen Entfernung zu ein- 
ander gingec, beide yon gleicher Dichtigkeit yoransgesetzt. Die 
Anziehungskraft, welche der Mond auf die Erde auaubt, 
bemerkt man deutlich am Meerwasser. Dieses wiirde ganz 
zum Monde abfliessen, wenn nicht die Erde es hielte. Da aber letzteres 
der Fall, so bildet es einen Berg an der Stelle, uber welcher der Mond 
gerade vertical steht, dieser Berg bewirkt die Meeresfluth. Sie folgt 
dem Monde bei seinem Laufe um die Erde, bleibt aber schliesslich, weil 
die Welle nicht so schnell nachkommen kann, etwas hinter dem Monde 
zuruck Die Aristotelische Vorstellupg yon der absoluten Leichtigkeit 
einiger StoiFe ist falsch; keine Materie ist an sich leicht und keine hat 
das Bestreben sich yon der Erde zu entfernen, wo das geschieht, da wird 
sie nur durch eine schwerere emporgetrieben. Die Erde h&lt alle irdi- 
schen Dinge an ^ich geblinden und fuhrt alles, auch die Wolken, bei 
ihrer taglich«B Utndrehung mit sich um ihre Achse. 

Dies siiid die Vorstellungen yon der Schwere, wie Kepler sie yorzug- 
lich in der Astronomia nova ausspricht In den Harmonices^mundi 
geht er noch weiter und yergleicht di^ Abnahme der yon einem Welt- 
korper ausgehenden Schwere mit der Abnahme des Lichts, die im qua- 
dratischen Verbal tniss der Entfernung geschieht. Doch benutzt er 
diese Vorstellungen keineswegs zu einem Versuch [die 
Rotatiox|ejv der Planeten um die Sonne zu erkl&ren. Die 
Schwere igt fiir Kepler nur die Ursache des Zusammenhalts^im Planeten- 
system, hat aber sonst keine Vorbindong mit derBewegung der Planeten 



nnd der Ursach« der Planetenbewegungen. 57 

# 

vn die Soune. Zur weitMPen Ausbildung einer Theorie Kepler, 
dieser Bewegungen ^ehlt ihm eiae gesunde Theorie der ^oe?*^^ ^* 
Bewegnngen uberhanpt, fehlt ihm die Kenntniss der Galilei'- 
BcheD DjDamik, yor allem als Grundlage das yollBt&ndige Beharmngs- 
geietz. Kepler spricht ganz klar die statische Halfte 
desselhen aas, aber von dem dynamischen Theile hat er 
kfline Ahnung. Dass der Umathwung der Himmelskorper von einer 
ihnen f^ immer innewohnenden geradlinigen Geschwindigkeit herriihren 
ko&ne, die in nnbestimmier Zeit auf nnbestimmte Weise einmal erhalten, 
daran ist bei ihm nicht zu denken, weil er noch ganz in der alien 
Vontellang lebt, dass eine .Bewegung wie ein Licht yon selbst er- 
loeehen miisse, wenn nicht lliimer «ine "^raft dieselba nnterhalte nnd 
Dahre. Kepler sucht immerwahrend eine solche Kraft zu entdecken, 
welche die Planeten nm ihre Achs^in dreht nnd nm die Sonne herum- 
iohrt nnd da er keine solche Ansserhalb der Planeten anffinden kann, 
to kehrt er in seiner Epitome nnd seinen Harmonices zu friiheren mysti- 
Bchen Anschannngen znrilck. Alle Himmelskorper, die sich nm 
eine Achse drehen, haben (fine Seele, welche die Ursache 
dieser Bewegung ist. Als Beweise fur die Seele der Erde giebt er 
ilire innere nnterirdische Warme (die Materie an sich ist kalt), das Aus- 
flchwitzen yon Fenchtigkeit und das Bilden yon Fldssen (die den Adem 
in dem thierischen K5rper gleichen), das Erzeugen entzundharer Fossi- 
lien, die sich in Licht yerwandeln lassen, die innere Gestaltung der Ma- 
terie, wie der Krystalle etc. Da die Sonne alles belebt und erw&rmt, so 
hat sie erst recht eine Seele und dreht sich durch diese um ihre Achse. 
Dureh diese Umdrehung werden dann auch die Planeten 
mit um die Sonne gefuhrt, &hnlich wie ein Magnet Eisen 
mit sich herumf&hren kann, wenn er gedreht wird, nur 
folgen die Planeten bei dieser Umdrehung mit yerschie- 
denen Geschwindigkeiten, weil sie yerschieden schwer 
sind. Wir wollen nicht naher auf diese Muterie eingeten, auch darauf 
nicht, dass Kepler die Aehnlichkeit der Grayitation mit*der magnetischen 
Aoziehung noch weiter ausmalt; es war eben damals Mode geworden, 
slie noch unerkl&rbaren Wirkungen auf magfletiscbe Ursachen zur^ck- 
mf&hren. Selbst Galilei war nicht abgene»gt die tUgliche Umdrehung 
der Erde mit ihrem Magnetismus in Vef%indt|pg zu bringen und in 
eioigen Kopfen waren solche Vorstellungen so eingewurzelt, dass sie 
meinten, das Kopemikanische Weltsystem zu stilrzen, als sie zeigten, dass 
eine magnetische Eisenkugel sich keineswegs yermoge ihres Magnetis- 
moB unauf hdrlich um ihre Achse dreht. 

Gtalilei war noch Professor in Padua, als er im Juni 1609 bei einem Gajiiei, Pe- 
nlalligen Aufenthalt in Yenedig yon dem neuentdeckten Fernrohr horte. Mteonom^^' 
Er reiste sogleich nach Padua zurtkek und fand dort nach mannig^chem S^c^^en 
Xaehdenken die Construction des Fernrohrs, wie sie die HoIT&nder i60»— leie. 



58 Astronomische EirMkckungen 

Galilei, gefunden; yervoUkommnete aber dasMlbe durch bessere venetianiscbe 
miB<^he'Eiit. Glaser bald so sehr, dass seine Instrumente bis 30 Mai yergrdsBerten, 
1600^-^616.' wahrend die Holl&nder kaam eine ftinffaohe Yergrdsserang ssa Stande 
brachten. Man streitet yiel darilber, in wie weit Galilei bei der Con* 
struction selbstandig gewesen und wie yiel er yorher yon dem Insim- 
ment gebort, ja.ob er yielleicbt ein solches yorher geseben. Galilei 
selbst hat nicht behanptet, d«8s er dasselbe ganz nnab- 
hangig erfunden, und es scheint, ale babe er mindestens 
eine Beschreibang des Instrnmentes benntzen konnen. 
Danach interessirt una der Streit um so weniger, als Galilei's Haaptver- 
dienst nicht in der Constmctioa des Inetruments, sondem in der genialen 
Anwendang deseelben liegl. Galild. bliel^ nicht im durapfen Sinn auf 
der Erde haften , sein kuhner Blick bemerkte nnd ergriff mit Eifer die 
Moglichkeit ganz neue Welten der menschlichen Kenntniss zu erobern. 
Nur zehn Monate nach seiner Conatmction des Fernrobrs gab er 
seinen Nnncius sidereus heraas^ dei' eine FuUe nener Entdeckungen 
nachwies. Der Mond zeigte im Fernl'ohr eine unebene Oberfl&che mit 
hohen fiergen und tiefen Kratem, die Milchstrasse loste sich an ein- 
zelnen Stellen in lauter Sternhaufen auf. Auch andere Gegenden des 
Himmels fanden sich mit zahllosen kleinen Sternen bedeckt, die dem 
blossen Auge unsichtbar waren, und die Planeten unterschieden sich im 
Fernrohr durch ihr ruhiges stilles Licht ganz deutlich yon den funkeln- 
den kleinen Fixsternen. Als bedeutendste Entdeckung aber 
giebt der Sternenherold selbst das Mondensystem des Ju- 
piter s. Am 7. Januar 1610 namlich hatte Galilei drei kleine Steme 
geseben, die sich um den Jupiter bewegten, wie der Mond um die Erde, 
und sechs Tage spftter entdeckte er noch den yierten. Es zeigte sich 
zwar in der Folge nicht moglich die Umlaufszeiten dieser kleinen Sterne 
so genau zu bestimmen, dass man die Bewegungen ganz bestimmt hatte 
yoraussagen konnen ; aber Galilei beobachtete die Yerfinsterungen der« 
selben wenigstens so weit, dass er ihre Analogie mit dem Erdtrabanten 
sicher behaupten und die Sterne als Jupitersmonde bezeich- 
nen konnte. 

Die Schrift machte imgeheures Aufsehen und yerbreitete sich und 
den Ruhm des Galilei mit reissender Geschwindigkeit ; noch im Jahre 
1610 wurde sie in Prag, FMinkfurt a. M. und in Paris gedruckt Der 
grosse Rath yon Yeuedig, der yon dem Fernrohr weitere Yortheile 
ffir die Beherrschung der Meere hoffte, hatte schon die Besoldung Ga- 
lilei's auf 1000 Goldgulden erhoht und die Yerpflichtung zu Yorlesnngen 
in Padua auf ein Minimum beschr&nkt, trotzdem blieb Galilei nicht im 
Dienste der Republik. Schon im Juli 1610 ging er nach Flo- 
renz, wo er den Titel eines Mathematikers nnd Philosophen des Gross- 
herzogs und neben bedeutenden Geschenkon einen Gehalt yon 1000 
Scudi ^ohhe irgend eine Yerpflichtung zu offentlicher Wirksamkeit er- 
hielt. Die Yenetianer bedanerten seinen Yerlust schmerzlich, und ein- 



' Galilnij'is. Nuncius sidereus. 59 

fvEreiche., angesehene Freaode wamten ihn vor Florenz, wo die Jesuiten Oaiiiei, 
kerrschten, und der Ho| ganz nnier rdmiscbem EiDflusse Bland; aber mi\Xe^Eni- 
6dilei w^nBchie, wie aos einem Briefe ^) beryorgeht, seine ganze Zeit SotJ^????' 
rem wisseiiBcbaftlicben Arbeit en widmen zu konnen und liess darum 
jete Wamungen unbeadhtei. In den erwiibnten Briefe macbt er die 
fioeker nambaft, welcbe er zu yoll«iiden wdnscbt: zwei Bticber de 
fjstemate seu constitutione uuiversi, drei Bucber de 
notu locali, drei Bf^cberron der Mecbanik und dann ^ocb 
einige andere yon verscbieden'en pby sikaliscben Gegen- 
standen. Diese Titel erinnern an seine spftter erscbei- 
Denden Hauptwerke, sie 8>nd eia weiteres Zeicben dafUr, 
dass Galilei das Matarial ftlr die«6 Scbriften scbon in 
Padua beisammen batte. Leider sollte er in Florenz die gewunscbte 
Rube docb nicbt finden und die Befurcbtungen seiner venetianiscben 
Freunde wurden bald, zur Wabrbeit. Galilei i^astete aucb in Florenz in 
seinen Arbeiten nicbt, obne Stillstand folgten den erw&bnten neue astro- 
nomiBche Entdeckungen, aber wie die Zabl seiner Bewunderer, yermebrte 
sicb damit aucb in wacbsendem Verbaltniss die Zabl seiner Feinde. 

Scbon in einem Briefe an Vinta yom 30. Juli 1610 erwabnt er 

neue Entdecknngen am Saturn; an Kepler tbeilt er dieselben in einem 

Anagramm mit und gab am IS.Noyember 1610 als Erklarung: ^altissi- 

mum planetam tergeminum obseryayi'^; er batte den Saturn gestfitzt 

geseben durcb zwei kleine seitlicbe Sterne. Bei weiterer Beobacbtung 

Terscbwanden diese Sterne, und endlicb zeigte sicb der Planet auf beiden 

Seiten mit einer Mutze yerseben. Weiter kam Galilei nicbt, entweder 

weil die beginnende Scbwftcbe seiner Augen ibn an femeren Beob- 

acbtungen binderte oder weil sein Fernrobr weiterer Deutlicbkeii nicbt 

^big war. Ende September 1610 sab er die Venus sicbelformig 

und faod, dass sie iiberbaupt einen Licbtwecbsel abnlicb dem des 

Mondes zeigte. Endlicb bemerkte Galilei aocb am Ende des Jabres 

1610 (seiner Yersicberung nacb) die Flecken aiff der Sonnenscbeibe, 

nacbdem Kepler scbon am 28. Mai 1607 einen selcben beobacbtet, den- 

selben aber f&r den yor der Sonne yor&bergeb«i)den Merkur gebalten 

batt«. 

So scbloBs das Jabr 1610, fUr Galilei reicb an bei- 
spiellosen Erfolgen; die nacbstexi Jabj*e gleicb sollten 
Ern&cbterungen bringen. Ueber die Entdeckung der Son- 
nenflecke erhob sicb ein beftiger Streit, aus dem Galilei nicbt einmal 
ganz siegreicb beryorging. Der friesiscbe Astronom Job. Fabricius 
war ihm in der Bekanntmacbung der Entdeckung jedenfalls zuyor- 
gekommen und der Jesuitenpater Scbeiner, welcber mit grosser 
Heffcigkeit die Frioritat der Entdeckung fiir sicb in Ansprucb nabm, 



^) An Yinta, ersten Btaatwecretftr des Grossherzogtboms Toscana (27. Mai 
1610). 



60 Einfluss der neuen Entdeekungen 

Oauiei, blieb Yon da an sein erbitterter Feind. In einem 1614 erschienenen 
Werke behanptete Simon Marias^) (allem • Anschein nach sehr mit 
Unrecht), dass er achon im Sommer 1609 die Jupitersmonde gesehen 
and liess darnach schliessen, dass er noch vor Galilei das Femrohr zur 
Erforscbnng des Himmels gelnmcht babe; Doch waren das Wider- 
wartigkeiten , denen Galilei wohl gewacbsen; schlimmer war es, dass 
man nacb und nacb, als man wissenscbaftlicb ihn nicht 
zu beherrscben vermocbte, die* kircblicbe Macht gegon 
ibn zu interessiren sacbt^. 

Wabrend der ersten Jabre scbeinen die neuen Entdeckungen ver- 
bluffend gewirkt zu baben, maa borte von keiner Opposition gegen die- 
selben. Ueberall drSngte «ian sicb zur Benutzung des neuen Instru- 
ments, jeder wollte die neuentdeckten Wander des Himmels seben. Die 
peripatetiscben Pbysiker blieben mit ibren Bucbern allein und konnten 
nur passiv den Strom YortLberflieBsen lassen; die Kircbe batte noch 
keinerlei Stellung genommen, ja viele ibrer Glieder zeigten sicb per- 
sdnlicb als eifrige Bewunderer Galilei's. Nacb und nacb aber erwacbten 
die Gegner aus ibrer fDrstari'ung , und jemebr sie bei der Betracbtan§^ 
des Neaen bemerkten, wie gefEbrlicb dasselbe sei, desto mebr rtlsteten 
sie zu einem letzten YerzweifiungsYollen Entscbeidungskampfe. Die 
pbysikaliscben Entdeckungen Galilei's batten die peripatetiscben Collegen 
zu Feinden des neuen Physikers gemacbt; docb durfte die Feindscbaft 
dabei nocb eine academiscbe bleiben. Man macbte es dem jungen Ge- 
lebrten so scbwer als moglicb, seine reYolutionaren Ideen zu Yerbreiten, 
aber wenn er den alten Herren ibre Cirkel nicht direct storte, so konnte 
man ibn reden lassen. Die grosse Masse war zu sebr an die alte Eost 
gewobnt und die neue Wissenscbaft war Yiel zu scbwer zu Yerstefaen, 
als dass man eine scbnelle ReYolution batte befilrcbten mUssen. In der 
That siebt man weder in der Wissenscbaft um diese Zeit bedeutende 
Spuren einer Bekanntsohalb mit der Mecbanik, wie sie Galilei in Padaa 
Yorgetragen, nocb findet man, dass die Erfabrungsmetbode in der Gunst 
der Menge grosse Fortsabritte gemacbt batte. Es ist wabrscbein- 
licb, dass die neue Metbode nur -sebr langsam in die 
Pbysik eingedr.ungen ware, wenn nicht die Beobachtung 
des Himmelsgewolbes mit nnwidersteblicher Macht das 
Geb&ude des Aristotelismus gest&rzt batte. Als das Fem- 
rohr die Sphare der Fixeteme in eine Welt Yon unendlicber Tiefe aaf- 
loste, als in der Sonne Flecken entdeckt wurden, als man Planeten, wie 
die Erde Yon Monden umgeben fand, da war ein Fortschritt weit dber 
die Wissenscbaft der Alten bin aus auf diesem Gebiete nicht mebr su 
langnen, und nachdem so der starre StiUstand am Himmel gebrochen, 
kamen auch auf der Erde die Dinge in Fluss. Scbritt die Erfahrung 
am Ilimmel iiber die alte Doctrin hinaus , so Yerlor diese auch auf der 



1) Mandus joyialis. Niimberg 1614. 



auf die Physik. Gegner Galilei's. 61 

Erie ihre Jahrhunderte lan^ behauptete Geltung, und die Erfahrung Gauiai, 
xarte aach hier in ihre Rechte eingesetzt werden, um so mehr ala nun ^^^*~^^^^* 
udi den astronomisclien Ent^clningen die Bewegung aach weitere 
Tolksschichten ergrifP. Wenn Kapler bewies, dass die Bahnen der Pla- 
■^en nicht die Grestalt der yoUkommensten Linie, der Ereislinie haben 
koimten, so machte das den Aristotelikerti und den Klerikem noch wenig 
US, dena die Masse ihrer Anh&nger kHmmerte sich kaum um so gelehrte 
Saehen; wenn aber Galilei Jedem, der as nur sehen wollte, 
den Jupiter mit seinen yier Monclen als ein Modell des 
Sonnensystems nach Eopernikani^cher Lehre zeigte, so 
wurde es h6chste Zeit einzuschreiten, falls man in diesen 
Dingen den alien Standpunkt noph*«u halten gedachte. 

Yon peripatetischen Professoren wird erz&hlt, dass sie sich gehfltet 
m ein Femrohr zu sehen aus Furcht, die Jupitersmonde mochten ihnen 
dirin entgegen leuohten. Diese Methode blieb nicht lange anwendbar, 
man mnsste sich direct gegen die ueue Lehre wenden. Die Jesuiten 
hatten sich zuerst dem Neuen nicht unfreundlich gezeigt. Galilei schreibt 
(17. December 1610) an Welser in Augsburg: ^Endlich sind einige 
Beobachtungen uber die Medicei' sehen Sterne (Jupitersmonde), welche 
Ton einigen Jesuiten, Schftlem des P. Glayius, gesehen worden, er- 
lehienen. Ich babe sie alien bier in Florenz wohnenden und anderen 
darcbreisenden Jesuiten gezeigt und diese haben sich derselben in 
Predigten nnd Reden auf sehr woUwoUende Weise bedient." Ebenso 
schreibt er an Vinta (1. April 1611): „Ich finde, dass die Herren Je- 
Boiten die neuen Medicei'schen Planeten endlich angesehen und seit 
dem 12. Mai fieissig beobachtet haben. Sie geben sich alle Mdhe ihren 
periodiBchen Lauf zu entdecken , sind aber mit dem kaiserlichen Mathe- 
matikos einerlei Meinung, dies sei sehr schwer und fast unmoglich.^ 
Auch andere Geistliche zeigten sich Galilei geneigt, sein alter Gonner, 
Cardinal del Monte, schrieb an den Grossherzog yon Toscana: „ Galilei 
hat seine Entdeckung so augenscheinlich bewiesen, dass alle grossen 
und sachyerstandigen MUnner dieser Stadt die Wahrheit eingesehen und 
bewnndert haben.** Im Marz 1611 war Galilei in Rom; der Car-, 
dinal Bellarmin, in dessen Garten er die Sonnenflecke zeigte, wandte 
sich an die Jesuiten, darunter Glayius, und diese yerwarfen die neue 
Entdeckung damals noch nicht. Galilei fand auch in Rom neue Freunde, 
die Gesellschaft del Lyncei erwahlte ihn zu ihrem Mit- 
gliede und wirkte eifrig fUr ihn; doch zog ihm gerade seine 
eifrige Yertheidigung der neuen Ansichten yiele Gegner zu, und diese 
mehrten sich noch bedeutend im folgenden Jahre. Der Grossherzog yon 
Toscana yersammelte gem Gelehrte, um sie Aber natnrwissenschaftliche 
Binge sprechen zu horen; in einer solchen Versammlung kam man auch 
auf die Behauptung der Peripatetiker, dass das Schwimmen yorz&glich 
Ton der Form der Kdrper abh&nge. Galilei wandte sich nicht nur 
sogleich gegen diese Ansicht, sondern schrieb auch im gleichen Sinne 



62 Kirchliches Verbot der Lehre 

Galilei, jene Schriffc uber die schwimmenden K5rper, deren Inhalt wir achon 
1609—1610. angegeben. Diese erste Schrift, in der er gegen Aristoteles auftrat, 
erbitterte die Peripatetiker befbiger als alle xnundlicbeD AngrifiEe. Y i n - 
zenzio di Grazia, Lud. delle Coiombe, Coresio und Palme- 
rini wandten sicb in eigenen Scbriffcen gegen die Galilei'sche Abhand- 
lung und obgleicb sicb Galilei nar durch seinen Freund und Schiller 
Benedict Gastelli vertbeidigen liess, so richtete man doch auob femer 
alle Angriffe gegen ibn, veil man annabm, dass die Yertbeidigangs- 
scbrift von dem Meister selbst berrCLbre. Yon kircblicher Seite begannen 
die Dominikaner den'Angriif gegen die neuen Entdeckungen und ihren 
Urbeber; der Pater Caccini predigte 1614 in Florenz selbst gegen den 
grossberzoglicben Matbemaliker und begann seine Predigt mit den 
Worten (Apostelgescbicbte Cap. 1, Yers 11): Ibr galilaeiscben M&nner, 
was stebet ibr und sebet gen Himmel? 

Galilei batte in einem der drei Briefe^ die er in An- 
gelegenbeit der Sonnenflecken an Welser in Augsburg 
scbrieb, sicb offen fiir die Bevegung der Erde erklart; 
dieser Brief erscbien 1618 im Druck Hier nun glaubte man 
ibn am leicbtesten yerwundbar und gegen die Anerkennung des Eoper- 
nikaniscben Weltsystems ricbteten sicb jetzt die Angriffe, die sonst keine 
Anbaltspunkte finden konnten. Galilei wurde priyatim yon Caste Hi und 
dann aucb offentlicb von demCarmeliterFoscarini und dem Augustiner 
Didacus a Stunica yertbeidigt, die alle bebaupteten, dass aus der Bibel 
kein Beweis gegen die Bewegung der Erde genommen werden kdnne 
und Galilei spracb sicb in mebreren Briefen ftbnlicb aus; aber gerade 
dadurcb wurde die Sacbe scblimmer. Galilei batte sicb damit auf das 
tbeologiscbe Gebiet gewagt und sei es, dass dies am meisten yer- 
dross ^), sei es dass man ibn bier am sicbersten zu treffen wusste; es 
concentrirte sicb yon nun an der Angriff auf die bibliscbe 
Frage. Galilei bielt es fur geratben im September 1615 selbst wieder 
nacb Rom zu geben und dort fiir die Wabrbeit des Eopernikaniscben 
Systems zu sprecben und darauf aufmerksam zu macben, dass sicb die 
Kircbe durcb einen Kampf gegen die Wabrbeit selbst den ungebeuersten 
Scbaden zufiigen werde. Personlicb wurde er aucb yom Papste Paul Y. 
sebr liebenswurdig aufgenommen, und angesebene Geistlicbe, wie der 
Cardinal Orsini, adoptirten seine Ansicbten. Aber Galilei irrte sicb, 
wenn er an die Moglicbkeit einer Erreicbung seiner Absicbten glaubte; 
am 5. Marz 1616 wurden yon der Congregation des Index 
alle Bticber yerboten, welcbe lebrten, dass die Bewegung 
der Erde der beiligen Scbrift nicbt widersprecbe; der 
gedruckte Brief des Foscarini (Lettera sopra Topinione dei Pittagorici 

^) Wolf (Geschicbte d. Astronomie, S. 247) erzilhlt, dass Kepler von Beinetn 
v&terlichen Freunde Hasenreffer ermahnt worden sei, nichts zu ver5ffentliclieii, 
worin er die Kopernikanisclien Leliren nicht als blosse Hypothesen behasdele 
und dabei jede Erwabnung der Bibel zu vermeiden. 



des Kopernikus. Farbentheorie. 63 

f U Copemico della mobilita della terra e stabilita del Sole) von 1615 Oaiiiei, 
WBide ganz nnierdriickt, und das Werk des Kopernikus wie die Schrift ^^^"•^•**- 
deiDidaciLS wurden so lange suspendirt, bis sie an denStellen gereinigt 
Ksn, wo sie jene Lehre vortrtigen. Galilei war in dem Decrete 
sichterw&bnt;ja er erhielt am 26. Mai von dem Cardinal Bellarmin 
iif sein Yerlangen ein Zengniss, worin gesagt wurde, dass Galilei 
veder seine Lehre abgeschworen, noch dass ihm Bnss- 
abnngen auferlegt worden w&ren, es «ei.ihm nnr das Er- 
kenntnisB der heiligen Gongreg.ation nnd das Yerbot der 
Kopernikanischan Lehre notificirt wordea. Anf Weisung des 
Groesherzogs you Toscana, der ihn in Rom nicht mehr fur sicher hielt, 
kehrte Galilei im Jani'1616 nach Florenz zurflck and blieb dort dem 
Yerbot gemass ruhig und ftber die Bewegung der Erde schweigend bis 
ins Jahr 1623. Doch erwuchs ihm auf anderen Gebieten ein neuer 
Streit, der doch auch die Anh&nger des Aristoteles erbitterte und noch 
mehr einflossreiche Mitglieder des Jesuitenordens zu seinen Feinden 
machte. Im Jahre 1618 n&mlich fielen dreiKometen auf, fiber welche der 
Jesuit Orazio Grassi eine Schrift veroffentlichte; der Schtder Galilei's, 
Marias Guiducci, schrieb 1619 mit sichtlicher Untersttltzung seines 
Meisters dagegen Discorso sulleComete und danach wandte sich 
Grassi gegen Galilei selbst. Zum Schrecken seiner Freunde schwieg der 
Uiztere nicht, sondem erwiderte in seinem Saggiatore. Diese Schrift 
stellte nicht bessere Ansichten fiber die Cometen auf als diejenigen Grassi's, 
war aber so elegant und mit so grossem polemischen Talent geschrieben, 
dass sie fiberall reges Interesse und vielen Beifall herrorrief. Sie erbit- 
terte die Jesuiten und speciell Grassi aufs Aeusserste und wenn man 
auch kein Yerbot derselben zu erwirken yermochte, so war man nun 
um so mehr bemfiht den unbezwungenen , siegreichen Gegner selbst zu 
Terderben. 

Das Erstarken des physikalischen Interesses zeigt sich zu Anfang DeDominis, 
des 17. Jahrhunderts auch in der Optik. Mehr und mehr bemfiht man ^^^^* 
aich zu einer Theorie der Farben wenigstens zu kommen, zuerst 
noch ganz auf der Anschauunng der Alten fussend, dann aber auch 
selbst&ndiger. Auch Marous Antonius de Dominis behandelt in seinem 
Werke De radiis yisus et lucis in yitris perspectiyis et 
iride tractatus (Yenedig 1611) dieses Thema ziemlich ausffihrlich. 
Er theilt die Farben in zweierlei Arten, in wahre oder 
permanente, die den K5rpem eigenthfimlich sind, und scheinbare 
oder apparente, die nur durch gewisse Lichtstrahlen auf K6rpern 
erzeugt werden und mit diesen Lichtstrahlen wieder yon den Kdrpem 
yerschwinden 0> Dominis zweifelt nicht, dass diese letzteren Farben 



^) Franciscus Aguilonius (1566 — 1617) schrieb 1615 einen starken 
FoliADten nur fiber die geradlinige Fortpflanzung des LichtB. Er zeigt darin 



64 Erklarung des Begenbogens. 

DeDominis, dem Licht an sich zugehoren, ja das Licht selbst seien. Das weisse 
^^^^' Licht wird, wie bei Aristoteles, farbig, wenn es mit Dankelheit zasammen- 

trifft, ohne dass es vollig ausloscht. Wenn weisses Licht durch 
ein Prisma geht, so wird ihm von der Materie des Prismas 
mehr oder weniger Dunkelheit beigemischt, je nachdem 
es eine dickere oder eine diinnere Schicht des Prisma 
durchlauft; der unterste, der brechenden Eante nachste Strahl er- 
scheint daram nach dem Dorchgang in der hellsten Farbe, namlich roth, 
und der Lichtstrahl, welcher dnrch die dickste Stelle des Prisma hin- 
darchlaoft, erscheint in der dunkelsten Farbe, also btan. Obgleich dieser 
Farbentheorie jede mathematische Bestimmtheif mangelt und obgleich 
ihre Widerlegung kein grosses Kunststuck ist, so war sie doch fCLr ihre 
Zeit nicht ohne Verdienst und fuhrte direct zu.oiner Erkl&rung des 
Regenbogens. 

De Dominis hing Glaskugeln auf, die mit Wasser gefilllt waren, and 
liess das Sonnenlicht auf die vordere Seite dieser Kugeln faUen. Dann 
fand er, dass man nicht bloss Farbenlichter hinter der Kugel bemerkte, 
sondem anch dann wenn man, wie in der Figur, schief yon vom aufw&rts 

nach der Kugel sah. £r lehrte darnach, dass 
die Lichtstrahlen, welche auf die vordere Seite 
der Kugel fallen und nach der hinteren Flache 
gebrochen werden, nicht alle durch diese 
Jbla]a____________-^^g^ hindurchgehen , sondern auch nach unten 

^^^^^^IL^- " reflectirt werden und dann an der vorderen 

Seite nach wiederholter Brechung wieder aus 
der Kugel treten. Dabei durchlauft der Lichtstrahl, welcher zu unterst 
austritt, die geringste Strecke in der Kugel, wird also am wenigsten mit 
Dunkelheit gemischt und erscheint darum roth, w&hrend die anderen 
Strahlen nach oben zu immer weitere Wege in der Kugel zurdck- 
legen mussen und dadurch immer dunkler werden. Wenn die Sonne 
auf die Regentropfen scheint, so wird das Licht auf dieselbe Weise wie 
in der Kugel verftndert, wir konnen dann von einem Tropfen rothes Licht, 
yon einem anderen grtines Licht u. s. w. ins Auge erhalten, und da 
diese Verhaltnisse in derselben Weise auf Kreisen um den Gegenpunkt 
der Sonne am Himmel stattfinden, so werden wir concentrische farbige 
Kreise sehen, deren gemeinsames Centrum eben jener Gegenpunkt ist. 
De Dominis hat so die alte Ansicht yon der Entstehung der Farben fftr 
dieErkl&rung des Hauptregenbogens erfolgreich angewandt; weiter aber 




wenig^ Kenntniss von den bedeutenden Entdeckungen solcher Zeitgeuossen, wie 
Kepler, bereichert aber die Farbenarten noch nm eine dritte, die der inten- 
tionellen Farben. Diese entstehen z. B., wenn ein Kdrper auf der Platte 
der Camera obscura sich abbildet. Sie Bind insofern apparente Farben als sie 
nicht den K5rpern selbst angehdren, an denen sie erscheinen, unterscheiden 
sich aber yon denselben (den prismatischen Farben) dadurch, dass doch etwas 
Gemrbtes ihre Quelle ist. 



Leben des De Dominis. Kepler's Dioptrik. 65 

kann er bei seiner UnkenDtniss des Brecbungsgesetzes und der Abb&ngig- d« Domiiiit, 
keit der Farben yon den Brecbungswinkeln nat^rliob nicbt kommen, 
die Radien jener concentriscben Bogen oder die Grosse 
des Regenbogens kann er nicbt bestimmen, und tiber den 
Nebenregenbogen bat er sogar merkwurdig falscbe Yor- 
stellnngen. 

Wie yiel er bei seiner Bescbreibung des Weges der Licbtstrablen 
von den Arbeiten seiner Yorganger b^nutaen konnte, bleibt zweifelbaft. 
Die wicbtigste Scbrift iiber diesen Pankt, das Werk Tbeodoricb's ^), scbeint 
er nicbt gekannt XA-biben, bei der Abhandlnng Fleischer's^) w&re dies 
eher moglicb. Piesem gegeniiber aber bleibt ihm das Yerdienst, einen 
anscbaalichen Y^yrsaclx luagegeben und die Reflexion des Strabls mit der 
Brechung in denselben Tropfen yerlegt zu baben. Doob scbeint nm 
diese Zeit das Letztere scbon mehrfacb der Fall gewesen zu sein, aucb 
der Engl&nder Harriot lasst urns Jabr 1606 den Regenbogen durch 
Brecbung des Licbts an dei' erhabeAon und Reflexion an der bohlen 
Seite desselben Tropfens entstehen. 

De Dominis wurde im Jabre 1566 geboren, trat frilb in den 
Jesuitenorden und bracbte es bis zum Erzbiscbof yon Spalatro. Als 
Bolcher wurde er der Hinneigung zum Protestantismus angeklagt und 
nur unter strengen Drobungen aus dem Kerker der Inquisition ent- 
lassen. Er ging nacb England und lebte dort zuletzt als Deoan von 
Windsor bis 1622. Dann kehrte er, weil man ibn einen Cardinals- 
hut boffen liesB, nacb Rom zuruck und scbwor den ProtestantismuB 
ab. Als er damach wieder Verdacbt erregte, wurde er abermals 
in den Kerker geworfen und starb darin auf unbekannte Weise im 
Jabre 1624. 

Jo. Kepleri Dioptrice, seu demonstratio eorum quae Kepler, 
visui et yisibilibus propter conspicilla non ita pridem m*^*'**'**' 
inyenta acc'idunt (Augsburg 1611). Die Entdeckung der Femrobre 
scbeint ein neuer Anstoss fdr Kepler gewesen zu sein, die optiscben 
Untersucbungen, yorzilglicb insofem als sie sicb auf die Brecbung des 
Licbts durcb Linsen bezieben, wieder aufzunebmen. Er kommt auch 
bierbei nicbt zum genauen Brecbungsgesetz, aber die An- 
naberung an dasselbe, die er in den Paralipomena ge- 
geben, ist fur Kepler docb genugend, um das Problem yon 
den Bild- und Brennweiten der Linsen wenigstens tbeil- 
weise zu Id sen. Kepler nimmt bei Betracbtung der Linsen nur auf 
solcbe Riicksicbt, welcbe einen Bogen yon hocbstens 30 ^ zur Grenze 
baben. Da nun beim Aufsucben des Brennpunktes nur Strablen in 
Betracbt kommen, welcbe zur Acbse parallel sind, so ist der gr5sste 



^) TheU I, S. 104 bis 105. 
2) Theil I, 126. 
Boaenberger, Gkschiclite der Phyeik. II. 




66 Brennweiten. Totale Reflexion. 

Kcpior, EinfalVswinkel (x = cd) hdcbstens 15®; fttr solch kleine Winkel aber 
161K **' setzt Kepler die Einfalls- und Brechungswinkel einander noch propor- 
tional and begeht damit auch keinen allza 
groBsen Febler. Znerst bestimmt er die Ver- 
einigungsweite paralleler Strahlen oder die 
Brennweite far eine conyexe spba- 
riscbe Flacbe and flndet dieselbe gleicb 
andertbalb Durcbmessem derselben ;dieBrenn- 
weite einer concaven Flacbe wird da- 
nacb dem Durcbmesser «oft»t gleicb gefimdeo ^). 
Daraus folgt direct, dass aucb die Brennweit# einer plan- 
convexen Glaslinse gleicb dem DarolMaie8«ier der Kngel- 
flacbe ist, und fur die doppelt, aber gl'eicbseitig convexe 
Glaslinse leitet dann Kepler nocb ab, dass deren Brenn- 
weite dem Radius der Flacben gleicb ist. Die Bildweite 
(d. i. die Vereinigungsweite der yon einem Punkte ausgebenden Strab- 
len) einer solcben Linse kennt er nur fur den Fall, dass der leucbtende 
Punkt in einer Entfernung gleicb dem Durcbmesser yor der Linse stebt; 
weiter aber yermag er bier nicbt zu gelangen. Die Brennweiten anderer 
als der plan- und gleicbseitig conyexen Linsen findet er nicbt, dagegen 
fAbrt ibn sein Brecbungsgesetz zur Entdeckung und Erklamng der 
totalen Reflexion des Licbts. Kepler bemerkt, dass beim Ueber- 
gang yon Luft in Glas, falls die Trennungsflacbe eben ist, kein gebrochener 
Strabl in dem Glase yom Einfallslotbe mebr als 42® abweicben kann', 
wenn aucb die einfallenden Strablen alle moglicben Winkel yon 0® bis 90® 
durcblaufen. Er kebrt dann die Sacbe um und scbliesst, dass kein Strahl 
in dem Glase, der mebr als 42® yom Einfallslotb abweicbt, aus diesem 
beraustreten kann, dass also jeder dieser Strablen an der Trennungs- 
flacbe in das Glas zuriickkebren, d. b. total reflectirt werden muss. 

Die Tbeorie der Brecbung in Linsen wendet Kepler dann auf das 
Fernrobr an und giebt damit nicbt nur zum ersten Male eine Er- 
klarung des bollandiscben Fernrobres, sondem macbt aucb 
Yorscblage zu neuen, scbarferen Instrumenten. Er bemerkt, 
dass die yon einer Sammellinse kommenden Strablen, wenn sie yor ibrer 
Yereinigung an ricbtiger Stelle durcb eine Hobllinse aufgefangen werden, 
darnacb diyergiren und ein yergrossertes subjectiyes Bild des Gegen- 
standes, welcber seine Strablen auf die Sammellinse sendet, erzeugen 
kdnnen. Nacb dieser Betracbtung des bollandiscben Femrobrs priift er 
eine Menge anderer Linsencombinationen auf ibre Tauglicbkeit zur Con- 
struction yon Femrobren und bescbreibt ein solcbes mit zwei 
nnd dann aucb mit drei doppelt conyexen Glasern. Ueber 



') Es ist natiirlich immer ein Uebergang des Lichts von Luft in Glaa 
anj^euommen, dag conBtante VerhaltnisB des Einfallswinkels zur Ablenkung wird 
gleich % gesetzt. 



Kepler'sches Femrohr. Mathematische Optik. 67 

das erste, das man naeh ihm das Kepler'scbe oder aach das astronomische Kepiar, 
Femrohr genannt hat, sagt er: „Da8 Objectivglas sei in solcher Ent- fiif^^' 
femung, dass das von demselben bewirkte amgekehrte Bild entfernter 
Gegenstande, wegen der zn grossen Divergenz der aus jedem Punkte 
desselben kommenden Strablen, undentlich sein warde. Wird nun 
zwischen dieses Bild und das Auge ein zweites Sammelglas and zwar 
nahe dahinter gestellt, so wird jene zu grosse Diyergenz, in welcher die 
Strahlen ins Auge kommen, durch die Ocularlinse aufgehoben und das 
Bild daher deutlicb. Die dem Beobachter nahere Linse macht es grosser, 
als sie es yon der entfemteren empfangt, ohne seine umgekehrte Lage 
zu Sndem/ Leider hatte Kepler selbst nicht die Mittel, nicht die Zeit 
nnd yielleicht aach nicht das Interesse, diese Ideen praktisch auszafQhren, 
and hat nie ein Femrohr, wie er es beschrieben, wirklich construirt. 
Als interessant erwahnen wir nocb, dass ein Brief Kepler^s vom 18. De- 
cember 1610 schon hervorhebt, das Objectivglas des Femrohrs masse 
grosser sein als das Ocular, sonst w&re es wohl nothig, eine Blendung 
anzubringen, aach rousse man dasRohr selbst verlangern and verkiirzen 
k5nnen, damit sich das Werkzeag nach dem Gesicht einrichten lasse; 
bis dahin hatte man haufig die Glaser in Bleirohren gefasst , die jeden* 
falls onverkurzbar waren. 

Kepler's Dioptrik ist vorwiegend mathematisch, uber die Natar des 
Lichts findet sich bei dem sonst an Ideen so reichen Kepler wenig oder 
gar niohts; wenn er in den Paralipomena noch die Farbenlehre mit vor- 
getragen, so unterbleibt das hier aach. Kepler war ein genialer 
Beobachter, ein scharfsinniger Mathematiker, aber bei 
alledem doch einseitig; eine gesunde, gut geschulte Na* 
tarphilosophie fehlte ihm, unddas hat sich aach an diesem 
grossen Geistegeracht. Fur die Dioptrik hat er die wissen« 
achaftliche Grandlage gelegt, sein Brechangsgesetz erlaubte zam 
ersten Male, den Lichtstrahlen auch nach ihrer Brechung nachzugehen, 
and er selbst hat die Gesetzmassigkeiten dieser Wege trotz aller Schwie- 
rigkeiten an vielen Stellen aafzafinden gewasst. Doch hatte er wie 
in der Mechanik des Himmels aach hier seine Grenze, 
uber die mathematische Auffassangsweise der Erschei- 
nnng hinaas konnte er keinen erfolgreichen Schritt 
wagen. 

KepWs Nachfolger in manchen Dingen ist der Pater Scheiner, 
der sich wie dieser mit astronomischen und optischen Studien beschaf- 
tigte, aber sein en Yorg&nger in keiner Weise erreichte. Christoph scheiner, 
ScheineT (1575 za Walda bei Mindelheim in Schwaben geboren) trat tr^ter!^^ 
1595 in den Jesoitenorden, lehrte Hebraisch and Mathematik zu Ingol- le^^^so. 
stadt, Freiburg imBreisgau and Rom and starb als Rector desJesuiten- 
coUegiums zaNeisse in Schlesfen imJahre 1650. Seine optischen Unter- 
Buchungen sind in zweiWerken verdffentlicht. Das erste mit dem Xitel 

5* 



68 Untersuchung des Auges. Construction 

Boheinar, Oculus, hoc est f uu da m en tum opticain (Innebruck 1619} be- 
Unter^^ handelt hauptsacfalich die Theorie des Sehens. Das zweite Rosa 
i6i9u!^i^o. Ursina^) eive sol ex admirando facularum et macularum 
saarum phaenomeno varins (Bracciano 1630) giebt eine lange 
Reihe von sorgfaltigen Beobachtangen von Sonnen fleck en und 
Sonnenfackeln und beschreibt das neue yon Schemer nach Kepler's 
Ideen construirte Fernrohr. 

Scheiner bescbaftigt sich damit, die brecbende Kraft 
der y erscbiedenen Flussigkeiten im Auge zu bestimmen, 
und da er das Brechungsgesetz noch nicbt kennt, so giebt er die Brechungs- 
winkel yon Grad zu Grad. Darnacb meint er, dass.die brecbende Kraft 
der KrystalUinse wenig yon der des Glases abweicbe, die der wasserigen 
Feucbtigkeit mit der des Wassers iibereinstimme und die der glftsernen 
Feucbtigkeit die Mitte zwiscben beiden balte. £r tiberlegt auch, wo 
eigentlicb der Sitz des Sebens im Auge sei und kommt wie Kepler zu 
dein Scblusse, dass dies nur die Netzbaut sein konne. Aber was Kepler 
nicbt getban zu baben scbeint, Scheiner schneidet an einem 
Ochsenauge und an einem Kalbsauge die binteren H&ute 
bis aufdie Netzbaut weg und zeigt direct, dass aufdieser 
die Bilder der aussercn Gegenstande entstehen. 1625 soJi 
er in Rom dieses Experiment an einem menscblicben Auge wieder- 
bolt baben. Das Aufrecbtsehen der Gegenstande erklart er wie Kepler, 
giebt aber fiir die Durcbkreuzung der Lichtstrablen in einer engen 
Oeffnung (wie der Pupille) einen interessanten Beweis. Man soUe eine 
spitze Flamme durch eine enge Oefifnung in einem Papiere betrachten, 
dann werde eine Messerklinge, die man zwiscben dem Papiere und dem 
Auge yon unten nach oben filhre, zuerst die Spitze der Flamme yer- 
decken. Die Accommodation des Auges fiir yerscbiedene Entfernungen 
gescbiebt nach Scheiner durch eine Verlangerung und Verkurzung des- 
selben, auch bemerkt er dabei eine Erweiterung oder Verengung der 
Pupille. 

Bei Gelegenheit seiner yielen Sonnenbeobachtungen yersucbte Scheiner 
auch die Methode dieser Beobachtungen selbst zu yerbessern. Zuerst 
beobachtete er nur, wenn Wolken yor der Sonne waren, dann yersucbte 
er durch farbige ebene Glaser yor den Augen diese zu schfltzen, hierauf 
woUte er dieLinsen selbst aus farbigem Glase herstellen lassen, scbliess- 
lich aber fiel ihm dasBeste bei. Ein Fernrohr wurde etwas weiter aus- 
gezogen, als es zum deutlichen Sehen gehort. Wenn dasselbe dann nach 
der Sonne gerichtet wurde , so entstand in einem dunklen Zimmer auf 
einem weissen Schirm, den man hinter das Fernrohr setzte, einBild der 
Sonne, an dem nan Scheiner mehreren Personen zu gleicher Zeit die 



^) Die SonDe hat nichts dawider, wenn Bian sie mit einer Bose vergleicbt, 
UDd da das Buck dem Herzog vou Braoeia&o, aus der Familie der Ursi, g®' 
widmet ist, no fuhrt es diesen Nanien. 



eines Kepler'schen Fernrohrs. Mikroskop. 69 

Sonnenflecken zeigen konnte. Seine ConpAtrcs and seine Vorgesetzten Soheiner, 
waren zuerst nicht sehr erbaut von einer fleckigen Sonne, und Scheiner 
tlieilte seine Entdeckung im Jahre 1611, auf Yeranlassnng seines Jesniten- 
provinzials Busaus, nnr anonym an Welser in Augsburg mit, spater aber 
wiirde doch die Rosa Ursina mit Erlaubniss der Oberen gedrnckt. 
Scbeiner nannte das Fernrobr, wie er es zu Sonnenbeobacbtnngen 
gebraacbte, Helioskop, dasselbe ist fur die Physik besonders wichtig, 
indem es das erste Fernrobr mit zwei convexen Linsen 
ist. Nacb der Rosa Ursina hat Scbeiner scbon „vor 1^ Jabren" dem 
JErzherzoge Maximilian Yon Oesterreich die Sonnenflecken mit Hulfe 
eines solcben Femrobres gezeigt, die Construction desselben wurde also 
vor 1613 oder docb vor 1617 zu setzen sein, da derDruck jenes Werkes 
von 1626 bis 1630 wahrte^). Scheiner erwahnt ubrigens nicht 
bloss das Fernrobr mit zwei convexen, sondern aucb ein 
Bolchesmit dreiLinsen, durch welches man die Gegenatande aufrecht 
seben konne, was bei Betrachtnng irdischer Gegenstande von Vortheil sei. 
Des Mikroskops gedenkt er mit einem Entbusiasmus , der nicht un- 
gerechtfertigt ist, wenn das Instrument leistete, was er von ihm erzahlt, 
dass es eine Fliege zu einem Elephanten und einen Flob zu einem Kameel 
vergrossere. 

Scheiner war kein epochemacbender Physiker, dazu fehlte ihm das 
Ckniale; seine Optik lehnte sich im Theoretischen stark an Kepler an, 
dessen Erklarungen er meist aufnimmt. Aber Scheiner zeigt sich iiberall 
als ein guter Beobachter, and nicht selten reicht seine Beobacbtungskunst 
weiter als seine Kraft zur Erklftrung; er ist gerade darum wobl za 
beacbten als ein erster Vertreter kommender Geschlechter, 

Die Aufflndung des Brechungsgesetzes durch Sn ell schloss fiir einige Enttiecktmg 
Jahre die Reihe der optischen Entdeckungen, mit denen das 17. Jabr- change- 
hundert begonnen hatte. Willebrord Snell war der Sohn des Pro- ca. 1020! 
fessoFB der Mathematik Rudolph Snell in Leyden. Er wurde im Jahre 
1591 geboren and starb 1626 als Professor der Mechanik in Leyden, 
wo er 1613 der Nachfolger seines Vaters geworden war. Dies knrze 
Leben von 35 Jabren geniigte ihm, seinen Nam en als Mathematiker und 
Physiker unsterblicb zu machen. Wfthrend der Jahre 1615 bis 1617 
vollendete Snell zum ersten Male eine Messung des Erdum fangs 



^) Harting hat in einer hoMndischen Abhandlang vom Jahre 1867 fiir 
Hans and Zacharias Jansen weuigstens die Erfiudung der Bogenannten astrono- 
mischen Femrohre zu retten versncht. Er macht daraaf aufmerksam, dass 
Boreel demselben die Erfindung der langen Fernrohre urn das Jahr 1610 zu- 
schreibt and dass die bekannte Erzahlung von den spielenden Kindern des 
Jansen sagt, sie hfttten den Wetterhahn nicht bloss grSsser, sondern anch „het 
onderste boven gekeerd" gesehen* (||achGerland in ^Bericht tiber die wissen- 
scbafblichen Apparate auf der I^ondoner internationalen Ausstellung im Jahre 
1876*^, 8. 45.) 



70 



Entdeckung des Brechungsgesetzes. 



dea Bre- 
chongv- 
gesetzet, 
ca. 1620. 



Entdeokang nach derMethode, die allein eine Gewfthr yon Sicberheit bietet; er 
maasB durcb Triangulation yon Alkmar nacb LeydeQ and Bergen op 
Zoom einen Meridianbogen von 1® 11' 30" Lange. In der Scbrift Era- 
tostbenes Batavus (Leyden 1617) yerdffentlicbte er die bocbst inubsamen 
Recbnungen (derGebraucb yon Logaritbmeu wai* ibm unbekannt), durch 
welcbe er fur einen Meridiangrad die Lange yon 28 473 Rutben rbeinisch 
oder 55 100 Toisen fand. Snell entdeckte selbst Febler in der MeBsnng 
und Recbnung, sein friiber Tod binderte ibn aber an der YerbesBerung 
derselben. MuBscbenbroek reyidirte spater auB Pietftt die Recbnaugen 
and fand fiir einen Meridiangrad 29514 Rutben rbeiniscb oder 57033 
Toisen. 

Seine optische Entdeckung, das Brecbungsgesetz, bat 
Snell nicbt selbst yeroffentlicbt. Die Scbrift, welcbe dasselbe 
entb&lt, ist ungedruckt geblieben; aber Huygbens yersicbert in seiner 
Dioptrik, dieselbe geseben za haben, und Isaak Voss sagt in seinem 

Werke De natura lucis yom Jabre 1662au8druck- 
licb, dasB der Sobn des Willebrord Snell ibm diese 
Scbrift gezeigt, sie babe ans drei BClcbem bestanden. 
Nacb dem Bericbt des Huygbens giebt Snell das 
Brecbungsgesetz mater iell yollkommen ricbtig, wenn 
aucb in etwas unbequemer Form. Wenn einAuge 
in den in einem dicbteren Korper z. B. Wasser 
befindlicben Punkt F in der Ricbtung CD zu 
seben geglaubt, und man denkt sicb FC senkrecbt 
gegen die brecbende Fl&cbe AD gezogen, so bat 
der wahre Einfallsstrabl DF zn dem scbeinbaren 
CD ein unveranderlicbes Verbaltniss, so lange die brecbende Materie die- 
selbe bleibt. Die Strecken CD und DFyerbalten sicb wie die Cosecanten 
der Winkel, welcbe der gebrocbene und der eintretende Strabl mit dem 
Einfallslotb DE bilden, und so konnte Snell sein Brecbungsgesetz aucb so 
aussprecben: Bei denselben Medien beb&lt das Verbaltniss 
der Cosecanten der Einfalls- und der Brecbungswinkel 
immer denselben Wertb. Da die Cosecanten zweier Winkel sicb 
umgekebrt wie die Sinus derselben yerbalten, so stimmt dieses Gesetz 
ganz rait der Form iiberein, die Descartes spater dem Brecbungsgesetz 
gab und die es bis beute bebalten bat. Wir werden bei Descartes 
wieder bierauf zurQckkommen. 




Bacon v.Ve- Der erste Pbilosopb der neueren Wissenscbaft, Francis Bacon, 

■"' * wurde am 26. Januar 1561 in London geboren, wo sein Vater keine 
geringere Warde als die des Grosssiegelbewabrers bekleidete. Der junge 
Bacon studirte zu Cambridge und bescb&ftigte sicb dort yiel mit der 
alten Pbilosopbie, ging dann zu seiner weiteren Ausbildung mit dem 
engliscben Gesandten nacb Paris, keKrteaber bald, als sein Vater im 
Jabre 1580 starb, nacb England zuruck. Sein Erbtbeil war nicbt sebr 



Leben und Schriften Bacon's. 71 

bedeatend, and da er mit Wenigem nicht auszukommen wusste, gefietb Bacon v. Ve- 
er in Scbulden, wegen deren die Glaubiger ibn sein ganzes Leben lang "*^"' ^^^' 
geplagt haben. Bacon wurde des Gelderwerbs wegen zunachst Advocat 
and erwarb sicb als solcher einen bedeutenden Raf, aber sein Ehrgeiz 
strebte nacb einer Staatsstellung yon starkem politiscben EinfluBs. Um 
diese za erreichen, wandte er alle moglichen Mittel an; er scbmeichelte 
der Konigin Elisabeth, so sehr er konnte, er wandte sicb an seinen Onkel, 
den Scbatzkanzler Lord Barleigb, er wurde der Gunstling des Grafen 
Essex; doch so lange Elisabeth lebte, konnte er sein Ziel nicht in der 
gewjinschten Weise erreichen. 1598 sass er sogar auf kurze Zeit im 
Scholdgefangniss. Zwei Jahre spater fiel Essex in Ungnade, und Bacon, 
der wenigstens Eronanwalt gewordep. war, musste die Anklageschrift 
verfertigen. Diesmal noch entledigt® er «ich des unangenehmen Auf- 
trages in so geschickter Weise, dass Elisabeth sicb besanftigen liess. 
Als aber bald darauf Essex in verratherische Umtriebe mit Konig Jacob 
Yon Scbottland angeblich sicb eingelassen hatte, wurde er auf Antrag 
des Generalprocurators Coke und des Kronanwalts Bacon am 25. Februar 
1601 hingerichtet. Diese Anklage, der ein festerer Charakter als 
Bacon sich trotz seines Amtes wohl entzogen hatte, erweckte allseitigen 
Unwillen gegen ihn; trotzdem aber erlangte er in kurzer Zeit sogar die 
Gunst jenes Eonigs Jacob, der 1603 nach Elisabeth's Tode deu Thron 
yon England bestiegen hatte, und dieser ertheilte ihm schon 1604 die 
Ritterwtirde. 1605 erschien Bacon's erstes Werk, das auch die Natur- 
wissenschaften beruhrte, unter dem Titel: The two books ofFran- 
cis Bacon on the proficience and advancement of learning 
divine and human. Seine Wunsche nach einer einflussreichen Stellung 
gingen nun schnell inErfiillung; 1607 wurde erSoUicitor general, 1615 
Attorney general, und 1617 und 1618 erreichte er die hochsten Wilrden, 
die einem Unterthan in England zuganglich sind, er wurde Grosssiegel- 
bewahrer und endlich Grosskanzler. Wahrenddem hatte er im Jahre 1612 
seine Schrift Gogitata et visa veroffentlicht, dieselbe arbeitete er bis 
1620 um, und in diesem Jahre erdchieu die Bearbcitung unter dem Titel 
Novum organon scientiarum als ein Theil des grossen Werkes, 
der Instauratio magna, durch welche Bacon eine Neubegrundung 
und Umgestaltung der gesammten Wissenschaften zu bewirken gedachte. 
Diese Schrift enthalt von der Instauratio magna den Haupttitel, 
die Widmung an Eonig Jacob, die Yorrede des ganzen Werkes 
and auch noch die Eintheilung desselben. Nach dieser soil dasselbe 
aas secbs Theilen bestehen. Der erste soil die Eintheilung 
and allgemeine Uebersicht der Wissenschaften geben, so 
dass nicht nur dargestellt wird, was bis jetzt erreicht ist, sondern auch 
was nocb fehlt. Der zweite Theil soil das Werkzeug aller 
Wissenschaften, d. h. den Gebrauch der Vemunft bei £rforschung 
der Dinge, and die wahren HMfsmittel der Erkenntniss behandeln. Der 
dritte wird dann die Erscheinungen des Weltalls, d. h. die 



72 Leben und Schriften Bacon's. 

Bacon v.Ve- ErfahruDgen aller Art und die Naturgeschichte, sowie sie der zu errich- 
niiwn, 1620. |.g^^gjj Philosophic als Grundlage dienen soil, beschreiben. Dervierte 
Theil wird an einzelnen Beispielen zeigen, wie man den 
zweiten aufden dritten anwendet, d. h. wie man das neue Werk- 
zeug der Wissenschaften ziir Ableitung allgemeiner Gesetzo ans dem Erfah- 
rungsmaterial gebraucht. Der fiinfte Theil wird dann diese 
Ableitungen selbst geben, so weit das Material bis dahin dcm 
Bacon vorliegt, und der sechste Theil endlich soil mitVoUen- 
dung aller moglichen Ableitungen die ganze Wissen- 
Bchaft selbst vollenden. 

AuB alle dem geht schon hervor, dass Bacon ffir seine Person allein 
nicht an eine wirkliche YolLenditng des angezeigten Werkes dachte, 
sein Eintheilungsplan soil augenscbeinlich nur als Schema dienen, nach 
dem sich nicht bloss die jetzigen, sondcrn auch alle spateren nach seiner 
Methode zu erlangenden Resultate einordnen lassen. Bacon aber ist in 
seiner Riesenarbeit auch nicht einmal so weit gekommen, als er sich 
selbst Yorgenommen zu haben scheint. 1620 erschien ausser der ange- 
gebenen Eintheilung des Werkes nur der zweite Theil, das Novum 
organon. Der erste Theil folgte 1623 unter dem Titel De 
dignitate et augmentis scientiarum, es war die 1605 er- 
schienene, neu ins Lateinische iibersetzte und theilweise vermehrte 
Schrift. Endlich gab nach dem Tode Bacon's sein Secretar Rawley 
noch den dritten Theil unter dem Titel Sylva sylvarum sive 
historia naturalis heraus, und damit blieb das Werk selbst un- 
vollendet. 

Bacon erreichte mit dem Erscheinen seines Hauptwerkes denGipfel 
seines Ruhmes; noch in demselben Jahre wurde er zum Baron von Ve- 
rulam und im folgenden auch zum Viscount von St. Albans ernannt; 
aber schon im April 1621 stellte ihm das Oberhaus des Parlaments eine 
Anklageacte zu, auf die er sich in alien Punkten schnldig bekennen 
musste. Er gab zu, dass er als Kanzler des hochsten Gerichtshofes von 
den Parteien Geschenke bis zu 1000 Pfund Sterling angenommen hatte, 
und machte nur zu seiner Entschuldigung gel tend, dass er nie vor ent- 
schiedener Sache eine Belohnung angenommen und die Aussicht auf 
eine solche nie sein Urtheil beeinflusst habe. Bacon wurde vom Par- 
lament am 3. Mai 1621 zu einer Geldstrafe von 4000 Pfund und zum 
Verlust aller seiner Aemter verurtheilt und sollte, wie die gebrauchliche 
Formel lautet, so lange gefangen bleiben, als es dem Eonig beliebte. 
Dem Konig zwar beliebte es nur zwei Tage, und auf vieles DrUngen und 
Bitten wurde Bacon im Jahre 1624 auch ganz begnadigt, doch konnte 
er dieser Begnadigung nicht lange mehr froh werden. Sein Gesund- 
heitszustand verschlechterte sich mehr nnd mehr, und am 9. April 
1626 starb er auf dem Schlosse des Grafen Arundel in Highgate bei 
London. 

Bacon ist ein zweifelhafter Charakter; man darf wohl danlber 



Urtheile iiber Bacon. 73 

Btreiten and bat viel geBtritten, wie man die rathselhafte MischuDg von Bacon v.ve- 
guten und schlechten Eigenschaften in seiner Person beartheilen and '^■^» ^^^' 
ob man ein Uebergewicbt der ersteren oder der letzteren constatiren 
soil. Aber der Streit fiber den Cbarakter des Bacon ist nichts gegen- 
fiber demGewirre derMeinangen iiber die wissenschaftlichen Leistnngen 
dieses seltsamen Mannes. Abergl&ubische and eitle Unwissen- 
beit findet Lange bei ihm^), Liebig macht ihm den sobwersten Vor- 
warf, den man einem wissenschaftlichen Manne macben kann „die 
Natar, die ihn so reicb mit ihren schdnsten Gabon ans- 
gestattet, batte ihm den Sinn fur die Wahrbeit und die 
Wahrhaftigkeit versagt; ihm, der sich der Natur mit der Liige 
im Herzen nabte, offenbarte und geborciAe sie nicht; seine Experimente 
konnten Menschen tanschen, aber in ihYem Gebiete konnten sie nicht 
gelingen. Als Naturforscher war Alles an ihm unecht^ ^). Auf der 
anderen Seite ruhmt man Bacon als ein lumen scientiarum'), als 
einen in aller Kiicksicht grossen Mann^X nndLiebig selbst giebt 
zn ^dasB die Biograpben und die meisten Schriftsteller , die sich mit 
seinen Werken beschftftigt haben, ihn als den Gegner der Scho- 
lastiker, als den Erneuerer der Wissenscbaften, als den 
Grunder einer neuen Methode der Forschung and einer neuen 
PhiloBophie, der empirischen oder Nutzlichkeitsphilosophie, schildern und 
betrachten" und dass noch beute „nach drei Jahrhunderten sein 
Name gl&nzt, wie ein leuchtender Stern, der uns — so 
behauptet man — den rich tig en Weg und daswahreZiel der 
Wissenscbaften gezeigt hat.** 

Wo liegt nun die Wahrbeit und was ist die Ursache einer so 
grossen Verscbiedenheit in der Beurtheilung ? Wir wollen in kurzen 
Zfigen eine Darstellung der Ansichten Bacon^s geben, und dann wird 
sich zeigen, dass die Verscbiedenheit der Urtheile zum guten 
Theile auf einer Verscbiedenheit des Standpunktes der Beur- 
theiler beruht, und dass die extremsten Urtheile insofern Unrichtigkeit 
in sich tragen, als sie die historische Stellung Bacon^s verkennen und 
den Stand der Wissenscbaften zur damaligen Zeit nach einer oder der 
anderen Seite bin unrichtig auffassen^). 

Bacon geht davon aus, dass die Wissenschaft (bei der er yorziiglich 
die Scholastik im Auge hat) abgestorben und seit Jahrhunderten un- 
fruchtbar gewesen sei, dass aber dem gegenuber die mecbanischen Kiinste 
ngleicb als wftren sie eines lebendigen Odems theilhaftig, sich taglich 



^) Lange, Geschichte des Materialismus. 4. Aufl., S. 175. 

^ Liebig, Bede in der 5ffentl. Bitzung der konigl. Akademie d. WisAensch. 
Hanchen, 1863. 

') So steht aof dem Grabstein. Poggendorff, Gesch. der Physik, 8. 222. 

^) Fischer, Gesch. der Physik, Bd. I, 8. 30. 

^) Wir geben die Siltze aus dem Novum organon nach der Ueber- 
setzung von J. H. v. Kirchmann. Philosophische Bibliothek, Bd. 32. 



74 Verwerfung der deductiyen, 

BMonT.Ve- vermehren and verYollkommnen. Bei dem ersten Erfinder erscheinen 
' ' sie meist roh, ziemlich schwerf^llig und unformlich; aber spater gewinnen 
sie immer neue Vortheile und werden taglicb beqaemer. Die Philo- 
Bopbie und die b6beren Wissenscbaften dagegen werden den Goiter- 
bildern gleich zwar verebrt and gefeiert, aber nicht welter gebracbt.^ 
Die allelnige Ursacbe and Wurzel dieser Uebel aber ist, ^dass man die 
KrS.fte des menscblicben Verstandes falschlicb bewundert und erhebt and 
seine wabren HUlfsmittel nicbt aafsucbt." „Die Feinbeit der Natur 
Ubersteigt vielfacb die Feinbeit der Sinne und des Verstarides. Jene 
schonen Erwagungen, Speculationen und Begrundungen der Menscben 
sind nicbts als ungesundes Zeug." „Die Logik, mit der man jetzt Miss- 
braucb treibt, dient mebr d«eu\ die in den gewobnlicben Begri£feii 
steckenden Irrtbamer zu befest^an als die Wabrbeit za erforscben." 
„Zwei Wege zur Erforscbung der Wabrbeit sind moglich. 
Auf dem einen fliegt man von den Sinnen und dem Ein- 
zelnen gleicb zu den allgemeinsten S&tzen binauf und 
bildet und vermittelt aus diesen obersten Satzen, als der 
unerscbCLtterlicben Wabrbeit, die mittleren S&tze. Dieser 
Weg ist jetzt im Gebraucb. Der zweite ziebt aus dem 
Sinnlicben undsEinzelnenSiltze, steigt stetigund allmalig 
in die H5be and gelangt erst zuletzt zu dem Allgemeinen. 
Dies ist der wabre aber unbetretene Weg." Dieser zweite 
Weg stutzt sicb ganz aaf die Erfabrung. „Die Erfabrung ist bei 
Weitem das beste Beweismittel, wenn sie bei dem Ver- 
sucbe selbst steben bleibt." „Die Erfabrung ist, wenn man ihr 
begegnet, Zufall, wenn man sie sucbt, Versucb oder Experiment." Nur 
das Experiment ist zur Erforscbung der Wabrbeit zu gebraucben. ^Wie 
man die natiirlicbe Gemiltbsart eines Menscben nur dann ricbtig erkennt 
and erprobt, wenn man ibn reizt und berausfordert oder, wie Proteus 
sicb nur in yerscbiedene Gestalten verwandelte, wenn man ibn fest urn- 
scblossen und gefangen bielt, so offenbart sicb aucb die Natur weit 
deutlicber, wenn man ibr kunstgerecbt Zwang antbut, als wenn man sie 
sicb selbst uberlasst" ^). Aucb ist die gewdbnlicbe Erfabrung durcb die 
Sinne eine sebr unsicbere. n^er Febler der Sinne ist ein zweifacber, 
entweder sie lassen uns im Sticb oder sie tauscben." „Desbalb gebe 
icb auf die unmittelbare Sinnesempfindung nicbt yiel, sondern icb ricbte 
die Sacbe so ein, dass die Sinne nur uber den Versucb, der Versucb aber 
uber die Sacbe das Urtbeil fallt." Zuerst muss also „eine genA- 
gende and gate Naturgescbicbte und eine Sammlung der 
Versucbe bescbafft werden, am die Grundlage der Arbeit 
zu bilden. Denn man soil nicbt erdicbten, nicbt ausdenken, sondern 
auffinden, was die Natur tbnt und ertr&gt." „Es ist aber aucb nicbt 
zulassig, dass der Geist yon dem Einzelnen sofort zu den entlegenen 



^) De augmentis scientiarum. 



Empfehlung der inductiven Methode. 75 

und allgemeinsten S&tzen, die man Principien der Ktlnste and Dinge Bacon T.Ve- 
nennt, tiberspringe und {kberfliege, wobei dann deren Wahrbeit far un- "***"» ^**®* 
yeranderlicb gilt und die mittleren Grunds&tze darnach eingericbtet and 
abgemeBsen werden.*^ »UiQ die Wissensobaften wird es erst 
dann gut steben, wenn man aafeiner ricbtigen Leiter von 
Stufe zu Stufe, obne Unterbrecbung und Sprftnge, von 
dem Eijizelnen zu don untersien Lebrs&tzen, dann bober 
zu den mittleren und nur zuletzt zu den allgemeinsten 
aufsteigf." Sonacb „8oll man dem menscblicben Geist keine Fldgel, 
sondern eber ein Bleigewicbt beigeben, welcbes alles Springen und 
Fliegen bemmt. Bis jetzt ist das nocb nicbt gescbeben und wenn es 
gescbeben sollte, kann Besseres von den Wissenscbaften erbofft werden.^ 
gBei der Ableitung der LebrsStze mittelst solcber Induction muss aucb 
gepruft and erprobt werden, ob der aufgestellte Satz nur dem Maasse 
der Einzelfalle, aus denen er abgeleitet ist, angepasst ist, oder ob er 
von weiterem und grosserem Umfange ist. Im letzteren Falle muss 
man seben, ob diese Weite und dieser Umfang durcb neue Einzelfalle, 
die man beacbtet, gleicb Biirgen bestatigt wird, damit man nicbt 
in den bekannten stecken bleibt, oder durcb zu weite Fassung in 
Scbatten und inbaltsleere Formen statt in das Feste und Bestinimte 
geratbe/ 

Soweit ist alles bei Bacon ricbtig; er bek&mpft mit glUn- 
zendenWorten und entscbiedenem Erfolge die alten scbolastiscben Wissen- 
scbaften auf alien Wegen und in alien ibren Scblupfwinkeln and macbt * 
eie in den eigentlicben Wissenscbaften unmoglicb, er empfieblt fiir alle 
Wissenscbaften die Erfabrungsmetbode , er bringt das Experiment als 
die Grundlage aller Wissenscbaften zu siegreitber Anerkennung, ja er 
dentet metbodiscb ecbt und gut an, dass das £lxperiment nicbt nur als 
die Grundlage, sondern als ein stetiges Correctiv alles Fortscbreitens 
gebraacbt werden miisse. Wie ist es moglicb, diese Verdienste, diese 
Tbaten zu verkennen? Liebig findet gerade bier einen Be- 
trug Bacon^s, der alle diese Satze ftlr neu und ibm eigen- 
tbamlicb a^^fegeben, wabrend dochdieErfahrungsmetbode 
zur Zeit Bacon's langst geubt und empfoblen und die 
Scbolastik besiegt gewesen ^ei. „Die Bekampfung der Scho* 
lastiker durcb Bacon war derStreit dfes berubmten Ritters mitdenWind- 
mublen; denn ein Jabrbundert vor ibm waren die starren Fesseln der 
Scblolastik scbon gebrocben; in alien Zungen pries man die Erfabrung, 
Leonardo da Vinci in Italien, Paracelsus in Deutscbland, Beide ein balbes 
Jabrbnndert vor ibm , und zu seiner Zeit Harvey und Gilbert in Eng- 
land" ^). Docb erscbeint es uns zu weit gegangen, wenn 
Liebig far Bacon gar kein Yerdienst nm die Experimental- 
metbode anerkennen will. Y orerst bat Bacon das Eigentbtlmlicbe, 



^) Liebig, Bede etc. Mtincben 1863. 



76 Wiirdigimg der 

Bacony.Ve- dass er die inductiYe Methode nicht nur fiir die NaturwisseDscbafben 
ruiam, 1620. Q^jpfigy^ , sondem dieselbe aucb auf alle anderen Wissenscbaften ange- 
wendet wissen will, und wenn dann die Philosopben in Bacon 
den BegrCLnder einer neuen pbilosopbischen Ricbtung' 
yerebren, so ist das kein geringer Rubm and jedenfalls 
ein Rubm, der ihm von keinem Naturwissenschaftler vor- 
weggenommen werden kann^ In solcher RUcksiobt sagt JIalleri) 
von ibm: „Bacon's Yergleicb mit Galilei ist bocbst ungerecbt; der letz- 
tere war freilicb ein besserer Matbematiker und Kenner der Bterne, aber 
er war auf wenige Wissenscbaften eingescbr&nkt^), and Baoon fibersali 
sie alle, wie einWesen von einem boberenOrden und wie nocb Niemand 
sie vor ibm geseben batte." Ueberweg erkennt (in seiner Geschichte 
der PbiloBopbie, III, S. 37, 5. Aufl.) Bacon ausdr&ckliob als den ^^e^ 
griinder — zwar nicbt der empiristisch-metbodiscben Naturforscbung, 
wobl aber — ■ der empiristiscben Entwickelungsreibe der neueren Pbilo- 
sopbie'' an.. Und Lewes erkl&rt^): „Bacon, scbwacb in der positiven 
Wissenscbaft, war stark in der Pbilosopbie, welcbe Stoff in ibr suchte. 
Bacon war der Erste, der den Gedanken an eine Pbilosopbie der posi- 
tiven Wissenscbaften fasste. Dies tbat er mit der Erklarang : Die Pbysik 
sei die Mutter aller Wissenscbaften." 

Aber wir sind gar nicbt gewillt, fiir Bacon nur ein 
pbilospbiscbes Verdienst gelten zu lassen, wir meinen, 
dem Blicke des Historikers kann nicbt unklar bleiben, 
dass Bacon aucb den Naturwissenscbaften in bervor- 
ragender Weise genutzt bat. Es istja wabr, die Experimental- 
metbode war schon lange vor Bacon fur die Pbysik eifrig empfoblen 
worden, wir braucben ja nur an Bacon^s Namensvetter and Landsmann 
im dreizebnten Jabrbundeit; zu erinnern, es ist aucb ricbtig, wie Liebig 
anfubrt, dass Leonardo da Vinci und Paracelsus scbon im vorbergebenden 
Jabrbundert die Erfabrungsmetbode als die einzig moglicbe betont, dass 
die Zeitgenossen und Landsleute Bacon^s, Gilbert and Harvey (1598 bis 
1657), sie mit Erfolg anwandten, ja wir miissen nocb anfflgen, daas 
Galilei and Kepler vor alien Anderen in vollstandig klwrer Erkenntniss 
ibres Wertbes sie gebraucht, abjsr.damit ist docb nicbt jedes Verdienst 
Bacon's beseitigt. Roger Bacon's und Leonardo's bierber gebdrige 
Scbriften waren bis dabin so gut wie gar nicbt bckannt geworden, Para- 
celsus und Gonsorten waren nicbt die Leute, deren Empfeblung irgend 
einer Sacbe zum Siege verhelfen konnte, und die Tbatsacbe, dass geniale 
Pbysiker diese Metbode benutzten, batte dieselbe nocb lange nicbt zu 
allgemeiner Anerkennung und nocb weniger zu allgemeinem Verstandniss 
gebraobt. Nocb sassen docb factiscb auf den pbysikaliscben LebrstClblen 



') Nach Bohme: Ueber Francis Bacon etc. Erlangen 1864. 
3) Was wir natiirlich nicht unterschreiben wiirden. 
^) Geschichte der Fhilosophie, U, B. 130. 



Verdienste Bacon^s. 77 

der meisten Uniyerntateii die Peripatetiker mit fetten Gehftltern, noch BaconT.V«- 
war 68 nicht lange her, dass die Naturphilosophen Galilei von der Uni- "^' ^* 
yersit&t seises Yaterlandes vertreiben konnten, and noch gab es nur 
wenige junge Gelehrte, die ausnahmsweise das Experiment mit Ges chick 
zn handhaben yerstanden. Wenn Harvey sagt, Bacon habe tiber die 
Wissenschaft wie ein Lordkanzler geschrieben, so woUen wir nichts 
dagegen sagen, aber dass ein Mann von solch hohem wissenschaftliohen 
Ansehen wie Bacon so eifrig die alten scholastischen , philosophischen 
Metho^M vnrdammte, das ntktzte der Natorwissenschaft wie den Nator- 
wissedlifllhaftlem , und ich glaube, man darf nicht anstehen, 
Bacon als einen Mitbegrunder der neuoren Naturwissen- 
schaft anzuerkennen, wenn man nur dabei weniger an 
die Schopfung als an das Geltendmachen und die Yer- 
breitung ihrer Methode denkt. 

Freilich mehr als dies darf man ihm nicht zuschrei- 
ben, obgleich Bacon viel fur sich in Ansprnch nimmt. Er 
will nicht so einfach nur auf eine schon vor ihm gebrauchte Methode 
aofmerksam machen, er will der Natorwissenschaft eine neue Me- 
thode schenken, und er polemisirt ebenso wie gegen die Scholastiker 
gegen die Empiriker, die schon vor ihm Experimente angestellt. 
Bacon ist zu sehr Philosoph, als dass er dem Naturwissenschaftler das 
Experiment so einfach zum beliebigen Gebrauch ilberlassen soUte, er 
will vielmehr eine ganz genaue, allgemeine, fur alle Fftlle passende An- 
weisung geben, wie sich die Naturwissenschaften zu entwickeln haben. 
Bacon verspncht eine Methode, nach welcher Jedermann den Fortschritt 
bewirken kann. „Meine Weise, die Wissenschaften aufzn- 
Buchen, ist so beschaffen, dass der Schftrfe und Starke 
des Geistes nicht viel ubrig gelasseft wird; vielmehr stellt 
sie die Geister und Anlagen einander eher^leich. Denn sowie zur Zie- 
hung einer geraden Linie oder Beschreibung eines vollkommenen Kreises 
mit der blossen Hand viel Sicherheit und Uebung gehdrt, aber wenig 
oder gar keine, wenn das Lineal oder der Zirkel dazu benutzt wird, so 
verh&lt es sich auoh mit meiner Yerfahrungs weise/ Nach ihm haben 
die Natur^ssenschaftler bis dahin gar keine Methode 
gehabt, sie gebrauchten zwar datf'.Kxperiment, aber bei diesero Ge- 
brauch wie bei dem Yerarbeiten der erkaltenen Thatsachen tappten sie 
ohne jeden Leitstem ganz im Dunklen. „Diejetzt gebrauchliche 
Art der Erfahrung ist blind und thoricht. Man irrt und 
Bchweift auf unsicheren Wegen, bestimmt gleich nach dem, was man 
trifft, macht sich an Vieles, bringt aber wenig vorwarts, ist bald aus- 
gelassen, bald zerstreut, und immer bleibt Anlass, weiter zu suchen. 
So kommt es, dass man'leichtsinnig und nur spielend Yersuche anstellt, 
indem man die bekannten Yersuche nur wenig verandert, und gelingt 
es nicht, so wird man der Sache tiberdruBsig und giebt sie auf. Wird 
aber auch emster, beharrlicher und fleissiger an die Yersuche gegangen, 



78 Darstellung der Methode Bacon's 

Bacon T. Ye- 80 wird doch alle Mahe nur auf die Er5rteriing eines Yersiiches ver- 
* ' wendet, wie Gilbert es bei dem Magneten mid die Chemiker bei dem Golde 
thun." „Diese Art der Erfahrang ist aber nur ein Besen 
obneBand und ein bloBsesHerumtappen, wie es desNaclits 
gescbiebt, wo man Alles befUblt, bis man zaf&llig den 
recbten Weg getroffen bat, wahrend es sicberer ware, 
den Tag abzuwarten oder ein Licbt anzuz&nden und dann 
den Weg zu betreten." rJ^ie^ welcbe Wissenscbaften bearbeiteiiy 
waren entweder Empiriker oder Dogmatiker. Jene sammeln -v^d ver- 
braucben wie die Ameisen, letztere aber, welcbe mit der Vernanft 
beginnen, zieben wie die Spinnen das Netz aus sicb selbst beraus. Das 
Yerfabren der Bienen stebt zwiscben beiden; diese zieben den Saft aus 
den Blumen in Garten und Feldern, aber bebandeln und verdauen ihn 
durcb eigene Kraft. Aebnlicb ist das Geschaft der Pbilosopbie ; es stfitzt 
sicb nicbt ausscbiiesslicb oder baupts&cblicb auf die Erafte der Seele, 
und es nimmt den von der Naturkunde und den mechaniscben Yersucben 
gebotenen Sto£f nicbt unyerandert in das Gedacbtniss auf, sondem Ter- 
andert und yerarbeitet ihn im Geiste.^ Solcbe Grundsatze sind gewiss 
Yortrefiflicb und mtissen fur alle Zeit die Grundregeln der wissenscbaft- 
licben Metbode « bleiben ; leider entspricbt Bacon^s eigenes 
Yerhalten nicbt ganz diesen Regeln, wie sicb das nun bei 
naberem Eingeben zeigen wird. 

„Bei der grossen Zabl und Masse des Einzelnen, was durch seine 
Zerstreuung und Ausbreitung den Geist spaltet und irre f&brt, ist yon 
einem blossen Anfubren und leichten Yersucben und Uebersicbten wenig 
zu erwarten, yielmebr muss das, was zu einem bestimmten Gegenstande 
gebort, geordnet und mit Hulfe yon Tafeln zusammengestellt werden, 
die zur Entdeckung geeignet sind und in ibrer guten Anordnung leben- 
den Wesen gleicben." Di^ Tafeln werden in folgender Weise aofge- 
stellt Um das l/Tesen oder nacb Bacon die Form einer Sacbe, sagen 
wir z. B. der Warme, zu ergrQnden, scbreiben wir alle bekannten Falle 
auf, bei denen Warme yorkommt, bierdurcb erhalten wir die Tafel 
der positiyen Instanzen. Dann stellen wir jedem der gefundenen 
Falle ganz ahnlicbe gegenUber, bei denen die Warme f^t/i, dies giebt 
die Tafel der negatiyen Ihstanzen. Da nun in alien jenen 
Fallen die entwickelte Warme in qabr yerscbiedenen Graden auitreten 
kann, so miissen wir uns nocb cine Tafel anlegen, auf welcher die Er- 
scbeinungen dem Grade nacb yerglicben werden, diese beisst die Tafel 
der Yergleicbung oder der Grade. In diesen drei Tafeln ist 
nun das Material fur die eigentlicbe Induction entbalten. Die 
ersten Arbeiten dieser besteben dann in dem Ausscbliessen aller 
Falle, die nicbt notbwendig mit dem Wesen der zu untersucbenden 
Erscbeinnng zusammenbangen, und in der Zusammenfassung aller 
0brigbleibenden, die nun jedenfalls das Wesen der Erscbeinnng 
ausmaobcn. In unserem Beispiele sind also anszuschliessen alle Bestim* 



durch das Beispiel von der Warme. 



79 



mungen, die einmal vorhanden sind, wo die Warme fehlt, oder einmal 
fehlen, da wo sicb W&rme entwickelt, xmd es eind noch aasziischliesseii 
alia Bestimmungen, welche dem Grade nach wachsen, wo die Warme 
abnimmt mid umgekehrt. Nehmen wir dann die Bestimmungen zu- 
aammen, die nach yoUendeter Ausschliessung tibrig bleiben, so baben 
wir das Wesen der Warme in notbwendigen Bestimmungen ansgedruckt 
and damit die ersteLese voUendet. Mit dieser ist jedocb die yoU- 
kommene Induction nocb nicht abgeschlossen , sie giebt bocbstens das 
Wesen einer Erscheinung, Bacon's Methode aber soil bis zu den allge- 
meinsten Grundsatzen aller Wissenscbaften fubren. Indessen yer- 
folgt er selbst den Weg principiell nicbt weiter, er giebt 
nur weitere, zablreicbe Hulfsmittel und Anweisungen 
fur die Induction, eine Menge oft recbt bemerkens- 
wertber Vorscbriften zur Bebandlung der ^yornebmsten 
Falle^'y welcbe bei derlnduction yorkommen, undschliesst 
damit das neue Organon, einen Tbeil der niemals zu 
yollendenden Instauratio, selbst unvollendet. 

Wir geben im Folgenden zur Illustration die Tafeln Bacon's fiir die 
erste Lese in moglicbst abgektirzter Form. 



Bacon t. Ve- 
rulanif 1820. 



Tafeln zur Untersuchung der Form der Warme. 



Tabelle der positiven Instanzen. 


Ta 


belle der negativen Instanzen. 




Warm Rincl: 






1. 


IMe Sonnenstrahlen, vorzuglich im 


1. 


Die Strablen des Mondes, der Sterne 




Sommer tmd des Mittags. 




nnd der Kometen werden nicht als 
warm empftmden. 


2. 


Die zurnckgeworfenen und zusam- 


2. 


Die Sonnenstrahlen warmen nicht 




mengedrangten Sonnenstrahlen 




in der sogenannten mittleren Region 




(z. B. bei Brennspiegeln). 




der Luft 


3. 


Peurige Ijufterscheinungen. 


3. 


Stpmschnuppen und Nordlicht slnd 
nicht warm. 


4. 


Zundende Blitze. 


4. 


Das Wetterleuchten ist nicht warm. 


5. 


Flammen, welche aus den Hoblen 


5. 


Yulcane kommen in kalten wie in 




der Berge brechen. 




warmen Gegenden vor. 


6. 


Jede Flamme. 


6. 


Irrlichter sollen wenig Hit.ze haben ; 
wie es mit dem St. Elmsfeuer steht, 
ist nicht bekannt. 


7. 


Alles Gliihende. 






8. 


Heisse Quellen. 




s 


9. 


Erw&rmte FliiRfligkeiten. 


9, 


Alles Fliissige wird zuletzt kuhl, 




• 




anch die &tzenden Fltissigkeiten 
sind beim ersten Anfiihlen kfihl. 


10. 


Heiflser Dnnst und Bauch. 


10. 


Dftmpfe von Oelen sind zwar leicht 
entztindlich, aber nicht warm. 


11. 


Heisse Winde. 


11. 


Die Nord winde sind kalt. 



80 



Tabellen zui* 



Bacon T.Ye- 
rulam, 1620. 



Tabelle der positiven Instanzen. 



Warm sind: ^^.-^^'^ 

12. Die Luft in uoterirdiachen Hohlen 
wahrend des Winters. 

13. WoUe, Pelze and daa Qefieder der 
Yogel (haben einige Warme). 



14. Die K5rper, welche dem Fener 
eine Zeit lang nahe gewesen sind. 

15. Fonken aus dem Kiesel. 

16. Geriebene Kdrper. 

17. Ghriines zusammengepresstes Gras. 



18. Gebrannter, mit Wasser bespreng- 
ter Kalk. 

19. Eisen, das in atzendem Wasser ge- 
158 1 wird. 

20. Thiere, haapts&chlich in den inne- 
ren Theilen. 

21. Pferdemist und fiiscbe Excremente. 

Wie die Wclrme wirken: 

22. Vitriolol aiif Leinwand, 

23. Origandl auf' die Zahne. 

24. Starker Weingeist. 

25. Aroinatische Kraater. 



26. Essig und Sauren an Gliedem, wo 
die Oberhaut fehlt. 

27. Starke Kalte auf Gefiihl. 



Tabelle der negativen Instanzen. 



13. Man weiss nicht genau, woher die 
W&rme kommt, ob sie noch anhangt 
von dem lebenden Thier, ob sie von 
der oligen Beschaffenheit oder der 
Abgeschlossenheit der Luft stammt. 



17. Genauere IJntersuchungen sind 
notbig, die griinen Graser scheineu 
noch etwas verborgene W&rme in 
sich zu haben, die nicht entweichen 
kann, wenn sie zusammengepresst 
sind. 



19. Blei in Scheidewasser und Gold in 
Kdnigswasser geben keine Warme. 



28. Noch manches Andere. 



22. Vitriolol fiihlt sich zuerst kalt an. 



25. Aromatische Krauter werden inner- 
lich beim Einnehmen noch warmer 
empfuuden. 



27. K&lte und Warme haben manche 
Wirkung gemeinsam, so schiitzt 
die Kalte wie dasFeuer dasFleisch 
vor dem Faulen. 



Tafel der Grade. 



Feste Korper and aucb Wasser sind nicht vonNator warm, sondem 
werden es erst darch andere Korper; doch behaupten einige Korper, die 
Yorber warm gewesen sind, noch Ueberbleibsel der Warme, wie Pferde- 
mist und gebrannter Kalk. Kein Theil eines Tbieres bebftlt aucb nacb 
derTrennung vomKdrper eine fublbare W&rme; docb baben einige noch 
eine moglicbe oder versteckte Warme. So die Leicbname Yon Thieren, 



ersten Lese. 81 

,aach sollen die Orientalen ein feines und weiches Ge- Baconv.ve- 
webe haben, was aus Vogelfedern gemacht wird and durch 
seine innewohnende Kraft die in dasselbe eingewickelte 
Butter anflost und fliissig macht." Der niedrigste Warmegrad, 
der durch Fuhlen wahrnehmbar ist, Bcheint die Warme der Thiere za sein ; 
indess wird von einigen Menschen, deren Korper von sehr trocke- 
ner Beschaffenheit war, behauptet, sie waren bei hitzigein 
Fieber so beiss geworden, dass man sich bei ihrer Berub- 
rung die Haut etwas verbrannt babe. Von den Sternen gelien 
die Sonne, Mars, Jupiter, Venus, Sirius fiir warmer als die anderen, 
sie warmen am meisten, wenn ibre Strahlen senkrecbt auffallen; diePla- 
neten wirken ausserdem st&rker, wenn sie in Erdnahe sind, and aucb wohl, 
wenn sie in der Nahe grosserer Fixsteme steben. Von den Flammen scbeint 
die des Weingeistes die gelindeste zu sein, wenn nicht das Irrlicbt oder 
das Leucbten des thieriscfaen Scbweisses nocb gelinder sind. Die starkste 
Hitze ist bei Pecb, Harz and nocb mehr bei Scbwefel. Gliihende Korper 
sind manchmal heisser als die Flamme, ancb die beissen Wasser und die in 
Oefen eingescblossene Luft ubersteigen einigeMal die Hitze der Flamme. 
Bewegung vermebrt die Warme, desbalb scbmelzen die harten Metalle 
nicbt durcb rubiges und todtes Feuer, sondern nur, wenn es dureb 
Blasen angeregt wird. Die Flamme erzeugt sicb nur dann, wenn sie 
einen boblen Raum bat, wo sie spielen kann, ausgenommen die Dampf- 
flamme bei dem Pulver etc. Bei porosen brennenden Korpern erliscbt 
die Flamme sofort, wenn die Bewegung durch starken Druck gehindert 
wird. DerReiz der Kalte ringsum steigert die Warme, wie man an dem 
Kamin bei strenger Kalte bemerken kann. Am lebbaftesten von alien 
K5rpem nimmt bei uns die Luft die Warme an und tbeilt sie am leb- 
baftesten mit, damach kommen vielleicbt Eis und Schnee und Quecksilber ^). 



Tafel der Ausschliessung. 

Wegen der Sonnnenstrahlen und des unterirdischen Feuers ist die 
Warme an sich weder irdisch nocb himmlisch. Weil die Korper, welche 
andere erwSrmen, nicbt an Gewicbt abnehmen, so ist jede Mittheilung 
einer Substanz zu verwerfen. Weil aucb dunkle Korper warmen, gebort 
das Licht nicht nothwendig zum Wesen der Wiirme. Weil alle Korper 
durch Reiben warm werden, ist jeder selbstandige Wfirmestofl* ausge- 
Bcblossen. Aus mancberlei Ursacben wird aucb die Bewegung der Korper 
als Ganzes bei der Warme ausgescblossen. 

Damach folgt endlich die erste Lese, welche das Wesen der 
Warme giebt: „die Warme ist eine ausdebnende Bewegung, 
die gehemmt wird und in den kleineren Theilen erfolgt. — 



*) Man vergleiche: Theil I, B. 21 bis 22. 
Rosenberger, Geschlchte dor Physik. II. n 



82 



Fehler Bacon's bei Anvendang seiner liethode. 



1 



\Y^ Wenn man in einem Natorkorper eine Bewegnng anf Erweitenmg and Aus- 
' dehnang seiner selbst erwecken konnte, and wenn man diese Bewegang bo 
zorockdrangen and aaf sich aelbst richten konnte, daas jene Aosdehnung^ 
nicht gleichmassig yor sich ginge« sondem theils gesch&he, theils 
zariickgestoBsen warde, bo worde man anzweifelhaft Warme erzeagen.*^ 
£s ifit wenig, was Bacon nacb so rielen Muhen von der Warme 
wirklich heransgebracht hat; aber wenn man das leichtsinnig zasammen- 
getragene Material, die oft scbanderhaft falscben Daten, mit denen er 
arbeitet, ansiebt, so moss man sicb wnndem, dass er nocb za einer Yer- 
haltnissmassig richtigen Definition der Warme gelangte. Zu einem 
epochemachenden Pbysiker gehdrt ein gnter Experimen - 
tator, ein guter Mathematiker ond aacb ein guter Philo - 
soph. Bacon war nar das letztere, vom Experimentireu 
verstand er im Grande so gat wie nichts and von der 
Mathematik erst recht nichts. Als Pbilosoph erkannte er mit 
klarem Aage die Unfrachtbarkeit der alten, rein dedactiven Metbode; 
in seiner Kritik der Erkenntnissvermdgen, der Sinne and des Verstandes, 
ist er im beaten Sinne des Wortes epochemacbend. Wenn er fdr alle 
Wissenscbaften yerlangt, dass sie mit der Erfabrnng beginnen and aaf 
der Grandlage der Erfabrang sicb aafbaaen sollen, wenn er ausdrfick- 
lich das Hinausstreben des menscblicben Verstandes fiber alle mogliche 
Erfabrang hinaas als ein Irrlicbt der Wissenschaft bezeicbnet, so ist er 
dadarcb zum Begrunder einer neaen pbilosophiscben Wissenschaft und 
in gewissem Sinne auch der Vorlaafer anseres heutigen pbilo- 
sophiscben EriticismuB ge word en. Wenn er aber dann seine 
Metbode ppeciell auf die Natarwissenscbaften and yor AUem auf die Physik 
anwendeu will, so macht sich seine flinseitigkeit geltend, and seine 
weitcren Anweisungen werden anbrauchbar and oil lacherlich. Trotz- 
dem Bacon das Experiment als die Grandlage aller Natarwissenscbaft 
empfahl, machte er fQr seine eigene Person doch so geringen Gebrancb 
dayon , dass es recht zweifelbaft wird , ob er selbst uberhaapt experi- 
inentirt hat. Sein Secretar Rawley sammelte yiel Material, er selbst 
nabm yon anderen auf, was er fand; Icider war das Aafgenommene 
darchaus nicht immer sicher and zayerlassig. Bacon yemahm als gater 
Jurist sorgfiiltig alle yorgeschlagenen Zeugen pro et contra; aber er 
yergaKS zu sehr, die Glaubwiirdigkeit der Zeagen selbst zu prufen. Seine 
Verarbeitang des Matenals ist reich an geistreichen , auch den Natar- 
wisseoschaften niitzlichen Bemerkangen, er hat aacb bier die besten 
Einsichten, doch wie schon bemerkt, folgte er denselben nicht immer: 
„In der Auswahl der Versuche and Erzahlungen glaube ich besser als 
die, welche sich bis jetzt mit der Naturkunde beschafligt haben, fur die 
Menschen gesorgt zu haben. Nur das, was sich auf den Augenscbein 
uud eine genaue Untersuchung stutzt, babe ich and zwar erst nach 
strenger Prufung aufgenommen. Nichts ist des Wunderbaren wegen 
yergroBScrt worden, sondem was ich mittheile, ist rein und unbefleckt yon 



Fehler dieser Methode selbst. 83 

Dichtung and Eitelkeit. — Bei jedem neaen und schwierigen Versuche Bacon v. Ve- 
babe ich, wenn mir auch das Ergebniss sicher und festgestellt schien, '^*™* ^^^^' 
doch das beobachtete Verfahren offen dargelegt, damit man durch die 
Mittheilung, wie icb das Einzebie gewonnen babe, erkenne, ob ein Irr- 
tham dabei sich eingescblicben haben konne, und damit sicbere und aus* 
gewabltere Beweise erreicbt werden, soweit solcbe moglicb sind.^ 

Liegt 80 der erste Febler Bacon's, die mangelhafte 
Gonstatirang der Tbatsacben, nur in der scblecbteu An- 
wendang seiner Metbode, so ist der zweite scblimmer, 
well er in der Metbode selbst begriindet ist. Bacon's Metbode 
soil rein inductiv sein, sie ist danacb ein reines Recbenexempel, das von 
dem Aofgenommenen nacb und nacb alles Unwesentlicbe abziebt, um 
das reine Wesen der Erscbeinung als Rest zu bebalten. In dieser 
Metbode bat dieHypotbese keinenRaum; die neuere Naturwissen- 
flcbafi aber macbt gerade yon dieser den ausgedebntesten und kraftigsten 
Gebraucb. Wir bypotbesiren z. B., das Licbt sei eine Wellenbewegung 
des Aetbers, wir leiten aus dieser Annabme sorgfUltig alle Erscbeinungen 
ab, die eine solcbe Wellenbewegung zeigen muss, und wenn wir dann 
durcb exact ausgefubrte Experimente finden, dass das Licbt alle jene 
Erscbeinungen zeigt, so erklaren wir unsere Hypotbese far bocbst wabr- 
scbeinlicb oder naturwissenscbaftlicb sicber. Jede naturwissenscbaftlicbe 
Hypotbese erbalt ibre grossere oder geringere Sicberbeit dadurcb, dass 
yon ibr deductiy eine grossere oder geringere Menge neuer Sfttze abge- 
leitet werden, die sicb dann durcb Experimente yerificiren lass6n. 
Bacon kann aber dieHypotbese nicbt als metbodiscb an- 
nebmen, weil er die Deduction metbodiscb ausscbliesst; 
damit fallt der starkste Gebraucb des Experiments, und darin liegt der 
Hauptunterscbied der neueren naturwissenscbaftlichen 
Metbode yon der Bacon's, und darin liegt aucb der Hauptfebler 
der letzteren. Es erscbeint wunderbar, dass Bacon diesen Febler 
begeben konnte, da docb grosse Pbysiker, wie Gilbert und Galilei, die 
beide aucb dem Bacon bekannt waren, scbon vor ibm den ricbtigen 
Weg sicber and bewusst gegangen. Als Entscbuldigung kann man nur 
anf&brent dass ibm als Pbilosopben das Experiment docb nicbt das 
gewobnte Instrument war, und dass ibm die starkste deductive 
Wissenscbaft, die Matbematik, wie es scbeint, ganzlicb 
feblte. Die Hypotbese ist nicbt ohne Deduction zu gebraucben, denn 
aus ibr mussen erst die Satze abgeleitet werden, die das Experiment 
bestatigen soil. Die sicberste Deduction aber ist die matbematiscbe ; 
wo wir aus einer Hypotbese matbematiscb Gesetze abgeleitet baben, 
welche die Maassverb&ltnisse der Erscbeinung bestimmen, und wo wir 
dann finden, dass die wirklicb beobacbteten Maassverbaltnisse mit den 
deducirten tibereintreffen , da sprecben wir wobl der Hypotbese eine 
matbematiscbe Sicberbeit zu, wenn wir aucb nur eine recbt grosse Wabr- 
scbeinlicbkeit bebaupten durfben. Bacon bracbte fur die Wissenscbaft 

6* 



84 Bacon's geringe Kenntniss der Mathematik. 

Bacon v.ve- einen starken philosopbischen Geist, auch eine ziemliche Neigung znr 
' ' Beobachtung mit, das mathematische Yerstandniss aber 
fehlte ibm fast ganzlicb; dadarch nur werden seine Mangel erklar- 
licb. Bacon hat als Beispiel fiir die Anwendung seiner Metbode durch 
Zufall oder mit Absicbt dasjenige pbysikaliscbe Gebiet, die Warme, 
erwahlt, wo nocb am wenigsten die Matbematik eingreifen konnte; h&tte 
er sich nicbt, wie es scbeint, geflissentlicb von Optik und Mechanik fern 
gebalten, so batte ibm der Mangel seiner Anlage zum Bewusstsein kommen 
miissen. Docb scbeint er gerade bier za wenig befabigt gewesen zu sein. 
Bacon kannte das Tbermometer in seinem robesten Anfang und bescbreibt 
sogar dessen Anfertigung, aber er interessirt sicb nur fur die Empfindlicb- 
keit der Luft gegen die Warme und unterlasst weitere Messungen derselben. 
Wo er auf die Bewegung zu sprecben kommt, da versucbt er nicbt, die 
Gescbwindigkeit, Zeit und Raum derselben messend zu bestimmen, son- 
dern tbeilt im Novum organon alle Bewegungen auf die curioseste Art 
ein oder macbt, wie in Be augmentis scientiarum, den Vorscblag, nacb- 
znseben, welcbe Korper durcb die Schwere, oder durcb die Leicbtigkeit, 
oder durcb keins von beiden bewegt werden etc. Wie wenig Bacon 
eine Abnung batte von der Sicberbeit, welcbe das Uebereinstimmen 
matbematiscber Deductionen mit den Erscbeinungen giebt, gebt aus 
seiner Benrtheilung des Kopernikus bervor. In dem Artikel des Orga- 
non, wo er diesen erwlibnt, spricbt er von Astronomen, „die gern den 
Sinnen obneNotb Gewalt antbun und dieSacbe verdunkeln", und fruber 
nocb bat er Kopernikus als einen von den Mannern bezeicbnet, „die es 
fiir nicbts acbten, alles Beliebige in der Natur zu erdicbt^n, wenn es 
nur in ibren Recbnungen aufgelit." Von dieser Seite aus betracbtet, 
kann man ein Urtbeil verstebeu, wie es DUbring^) ausspricbt: „ Franz 
Bacon war obne Sinn fiir Matbematik und exactes Denken und nur der 
Prediger einer so zu sagen bandgreiflicben Empirie, die wobl fiir die 
mebr bescbreibenden Tbeile des Naturwissens, aber nicbt fiir das mecba- 
niscbe und pbysikaliscbe Forscben an seinem Platze war. — Er batte 
keine Abnung von der Tragweite des matbematiscben und constmirenden 

^ Benkens — in der That bat aucb die ganze bobere Natur- 
wissenscbaft nur dadurcb weiter kommen konnen, dass sie 
nie in Yersucbung geratben ist, von den Recepten des 

i engliscben Kanzlers Gebraucb zu macben.^ 

Docb gehen solche Urtbeile in ibrer Einseitigkeit entscbieden zu 
weit und entbalten eine Ungerecbtigkeit gegen Bacon. Man darf erstens 
nicbt verkennen, dass verscbiedene Zweige der Pbysik, vor Allem die 
Optik, nocb immer zu einseitig matbematiscb behandelt wurden, und dass 
bier eine Aufforderung zu fleissiger Beobachtung nocb 
Ansprucb auf Neubeit macben konnte; dann aber er- 
scbeint aucb sein entscbiedenes Hervorbeben der induc- 



1) Qeschicbte der allg;em. Principien d. Mechanik, 2. Anfl., S. 108 bis 104. 



Galilei's Dialog iiber die Weltsysteme. 86 

tiven Methode als solcher, seine Empfehlung dieser Me- Baconv.Ve- 
thode fur die WisBenschaften im Allgemeinen als ^ j ^ "» »™» ^<^2o. 
unbestreitbares Verdienst. Fur die Naturwissenschaften 
im Speciellen bleibt dann noch immerzu bedenken, dass 
Bacon ibnen durchsein entschiedenesEintreten fiirihre 
Metbode zu schnellerer Anerkennung und allgemeinerer 
Wardigung gewiss verholfen bat. In dieser Beziebung stimmen 
wir ganz mit Lewes^) uberein: „Obgleicb seine Methode nicbt die Kraft 
hatte, welcbe er ibr zuversicbtlicb znschrieb, so wirkten docb seine Be- 
redsamkeit und seine weittragenden Gedanken macbtig auf seine eigene 
and die folgenden Generationen. Er adelte die wissenscbaftlifibe Hal- 
toDg, er macbte die Menscben stolz auf die Forschnngen, die sie sonst 
gering geacbtet baben mocbten, er bielt ibnen die Eitelkeit der snbjec- 
tiven Metbode vor und drang eifrig auf die Notbwendigkeit gcduldiger 
Befragung der Natur. Der Glanz seines Styls gab seinen Gedanken un- 
widersteblicbe Gewalt." 

Wir baben sfeseben, dass im Jabre 1616 unter Papst Paul V. dem Gauiei's ab- 
Galilei bekannt gegeben wurde, die Lebre des Kopernikus sei der bei- Periodef^ 
ligenScbrift zuwider, und dass Galilei daraufbin iiber dieses Tbema sicb i^'i^"'^**^. 
scbweigsam yerbielt. Im Jabre 1621 aber starbPaulY. und sein zweiter 
Nacbfolger wurde im Jabre 1623 Urban VIII., der noch vor drei Jabren 
als Cardinal Barberini in einem lateiniscben Gedichte Galilei besungen 
hatte. Der Letztere beeilte sicb nacb der Thronbesteigung seines Gon- 
ners nacb Rom zu geben und wurde dort aucb so freundlicb aufge- 
nommen, dass seinem Sobne sogar. eine Pension versprocben wurde. 
Damacb scbopfte Galilei neuen Mutb, sein grosses Werk iiber die Welt- 
systeme zu Yollenden, er macbte in den Jabren 1628 und 1630 zwei 
neue Reisen nacb Rom und legte scbon wabrend der ersten das fertige 
Werk den geistlicben Censoren vor. Im Jabre 1630 erbielt es aucb das 
Imprimatur und die Gesellschaft Dei Lyncei in Rom, welcbe scbon den 
Saggiatore berausgegeben hatte, wiirde aucb den Druck dieses Werkes 
besorgt baben, wenn nicbt eben um diese Zeit ibr Stifter und Prasident, 
derFurst Cesi, gestorben ware. Dadurcb verzogerte sicb der Druck und 
als im Jabre 1631 wegen der Pest in Toscana der Papst seine Staaten 
dnrcb einen Grenzcordon abschloss, wurde der Druck in Rom unmoglich. 
Das Werk erscbien in Florenz 1632 unter dem Titel Dialogo di Ga- 
lileo Galilei Linceo, Matematico supremo dello studio 
di Padova e di Pisa, e filosofo e matematico primario del 
serenissimo Granduca di Toscana, dove noi congressi di 
quattro giornate, si discorre sopra i due massimi sistemi 
Tolemaico e Copernicano del mundo. Das Bucb giebt eine 
Vergleicbung des Ptolemaiscben und Eopernikanischen Weltsysteme in 



*) Geschichte der Philosophie II, 8. 128. 



86 Erster und zweiter Tag. 

Galilei's ab- Form eines Dialogs, der vier Tage hindurch von den Freunden Galilei^s, 
Periodo, Joh. Franc. Sagredo und PhiL SaWiati, als Anhangern des Kopernika.8, 
1816— i«4a. ^^^ ^^j^ peripatetisohen Philosophen Simplicins, als Anhanger des 
Ptolemaus, im Paiast des Sagredo abgehalten wird. Am ersten Ta^e 
werden die peripatetische n Lehren widerlegt. Der Unter- 
schied zwischen der Bewegnng der himmlischen and irdischen Korper 
existirt nicht, vielmehr bewegen sich (was schon Kopernikas bebaaptet^ 
auch die irdiscben Korper wie die bimmliscben kreisformig , denn nar 
wenn alle Bewegungen wieder an den Ausgangspunkt zuruckfuhren, ist 
ein Bestand des Universunis denkbar. Anch in der Unveranderlicbkeit 
und Unzersiorbarkeit besteht kein Unterschied zwischen den bimmliscben 
Korpern und der Erde, denn erstens bezieben sich alle Yeranderungeu 
der irdischen Korper nur auf geringe Yeranderungeu an der Oberfl&che 
der Erde, und zweitens ist auch der Himmel nicht unveranderlich; denn 
die Kometen erscheinen und verschwinden am Himmel, ebenso die Flecken 
auf der Sonne, und in den Jahren 1572 und 1604 sind sogar neue Sterne 
erschienen, die unter den entferntesten Fixstemen stehen. Die Erde 
braucht nicht im Mittelpunkte der Welt zu rufaen, denn wir sehen nur, 
dass alle irdischen Korper nach dem Mittelpunkte der Erde streben, und 
wenn wir daraus schliessen, dass sie sich nach dem Weltcentrum bewegen, 
so tragen wir unsere Behauptung erst in den Beweis hinein. Die Welt- 
korper sind auch nicht durchaus kngelformig, denn der Mond zeigt eine 
rauhe Oberflache. 

Aus den hellen und dunklen Stellen auf dem Monde darf man aber 
nicht auf Meere schliessen, sonst mfisste man auf dem Monde Wolken- 
bildungen bemerken. Der Mond dreht der Erde immer dieselbe Seite 
zu, was wahrscheinlich durch die magnetische Anziehung^ 
derselben zu erklaren ist; das secundare Licht, durch welches man 
die ganze Mondscheibe zur Zeit vor und nach dem Neumonde schwach 
erleucbtet sieht, ist von der Erde reflectirtes Sonnenlicht (nicht directes 
Sonnenlicht, das durch den durchsichtigen Mond hindurchscheint); der 
Tag wahrt auf dem Monde einen Monat, der Jahreswechsel fehlt ganz, 
die heisse Zone betragt nur 10^, es fehlt an Wasser, darum kdnnen dort 
unmoglich organische Geschopfe gleich den unserigen existiren, — doch 
das Maass unserer Erkenntniss ist nicht das Maass der 
vorhandenen Dinge. 

Der zweite Tag des Dialogs behandelt die Achsen- 
drehung der Erde und widerlegt die alte Ansicht theils mit Koper-: 
nikanischen Grunden, theils mit eigenen neuen. Kein irdischer Korper 
bewegt sich geradlinig, der Schein einer solchen Bewegung entsteht nur 
dadurch, dass wir unsere eigene Bewegung nicht merken. Es ist nicht 
nothig, dass durch die Schwungkraft H&user und Menschen von der Erde 
hinweggeschleudert werden, denn die Schwungkraft ist um so 
kleiner, je grdsser der Radius der Kreisbahn ist, bei der 
Grdsse des Erdradius aber genflgt die Sob were zur Ueberwindung der 



Dritter and vierter Tag. Inquisitionsprozess. 87 

SchwuDgkraft. Die Welt ist iu einen beweglichen und anbeweglichen Gaiiiei»8 ab- 
Theil getheilt, ea iat fur die Eracheinung gleiohgiiltig, wel- pWode*" * 
chem Theile man die Bewegung zuschreibt. Nun bewegen "^*~*^*^ 
sicfa die Planeten um so langsamer, je weiter sie von der Sonne entfernt 
Bind, der Saturn vollendet seinen Umlauf erst in 30 Jabren ; es ist darum 
richtiger, die Fixstemapbare ruben zu lassen, atatt ibr einen Umscbwung 
Ton 24 Stunden zuzuacbreiben. Die Bewegung derErde um die 
Sonne yertbeidigt Galilei am dritten Tage wieder wie Koper- 
nikos, nur bericbtigt er die Annabme desselben von einer dritten Bewe- 
g^nng der Erde, darcb welcbe ibre Acbae immer eine parallele Lage 
bebalten soil. Die Rotationsacbse erb&lt sicb vielmebr aucb 
ohne beaondere Kraft beijedem freiscbwebenden Korper, 
denn wenn man eine Holzkugel auf einer Scbussel mit Wasser scbwiin- 
men lasst und die Scbtiaael bewegt, so folgt docb die Eugel der Bewe- 
gung nicbt, sondem bebUlt ibre Lage gegen die Wande des Zimmeis 
bei. Der Dialog am vierten Tage ist der Erklarung der 
Ebbe und Flutb durcb die Bewegung der Erde gewidmet, 
doch ist diese Erklftrung eine der scbwacbsten Leistungen Galilei^s, wir 
wollen nicbt naber darauf eingeben. 

Galilei glaubte vorsichtig zu bandeln , wenn er in der Yorrede ^) 
seiner Scbrift dieselbe als ganz gemass dem Willen der Kircbenberrscher, 
ja sogar als fQr dieselben ntitzlicb darstellte, trotzdem aber erbob 
sicb bald ein ungebeurer Sturm gegen diese neue Ver- 
theidigung des Kopernikus. Der Professor der Philosopbie in 
Pisa, Scipione Gbiaramonti (1565 bis 1652), scbrieb beftig gegen 
das neue Werk, der Peripatetiker Glaude Berigard (1578 bis 1663) 
behanptete, Galilei babe dem Simplicius nicbt die starksten GrQnde gegen 
die Bewegung der Elrde in den Mund gelegt, in Rom arbeiteten die 
Jesuitenpatres Grassi und Scbeiner mit dem Eifer persoulioben 
Hasses gegen Galilei, und endlicb wusste man aucb den Papst umzu- 
stimmen, indem man ibm beibracbte, er sei selbst unter der Gestalt des 
Simplicius lacberlicb gemacbt. In Rom wurde nun eine Commission 
zur Untersucbung der Sache zusammengesetzt, welcbe aus lauter eifrigen 
Peripatetikem bestand, und Gbiaramonti wurde eigens als Mitglied dieser 
Commission von Pisa nacb Rom berufen. Jetzt fand sicb aucb plotzlicb 
aof dem Protokoll fiber die Ermabnung Galilei^s durcb Bellarmin die 
Bemerkung, dass es Galilei ausdrCicklicb verboten wo'rden, 
die Eopernikaniscbe Lebre fiir wabr zu balten oder zu 
vertbeidigen, und dass ibm angedrobt worden, im Ueber- 
tretungsfalle werde das beilige Officium gegen ibn ver- 
fabren, und dass Galilei sicb hierbei berubigt und Ge- 
borsam angelobt babe'). Da war es denn nicbt wunderbar, wenn 

') Kach Wolf (Gesch. d. Astronomie, 8. 255) ist dieses Vorwort von dem 
Obercensor, Dominikaner Niccolo Biccardi, dem Galilei abgetrotzt. 

') Galilei hat stets gelllugnet, dass er ein seiches Yersprechen gegebeu, und 



88 Verurtheilung Galilei's. 

Galilei, befunden wurde, Galilei habe das Verbot von 1616 ubertxeten and Bei 
1616-164 . ^^^ ^^g Inquisitionagericht zn stellen. Im November 1632 wurde er 
Yorgefordert, uitd obgleich der Grossherzog von Toscana emport war, so 
leistete doch der erst zweiundzwanzigjabrige Fiirst (Ferdinand II., regiert 
1620 bis 1670) nicbt genugenden Widerstand. Der kranke Galilei 
musste am 20. Januar 1633 seine Reise antreten and langte, nachdem 
er an der Grenze des Kirchenstaates eine vierzehntagige Qaarantaine 
ausgebalten batte, am 13. Febraar in Rom an. Er wobnte zaerst bei 
dem ioscanischen Gesandten Niccolini (der sich tiberhaapt mit alien 
Kraften auf seine eigene Gefahr bin des Gelehrten annahm), wnrde am 
1 2. April in die Kerker der Inquisition ubergefiihrt, aber scbon nacb vier- 
zebn Tagen seiner Eranklicbkeit wegen wieder entlassen. Endlich am 
21. Juni wieder vorgefiihrt, blieb er denselben Tag und 
die folgende Nacht in dem Inquisitionsgebaude, wurde 
am anderen Morgen nacb dem Dominikanerkloster Alia 
Minerva gebracbt, und bier musste er seine Irrtbdmer 
knieend abscbworen^). 

Was w&brend der Nacbt vom 22. auf den 23. Juli im InquisitioDS- 
gebiiude mit dem damals scbon neanundsecbzigjabrigen kranklichen 
Greise vorgegangen ist, wird wobl nie bekannt werden. Dass ibm mit 
der Tortur gedrobt worden, dariiber berrscbt kein Zweifel; ob aber die- 
selbe an ibm wirklicb vollzogen, darum drebt sicb ein Streit, der gerade 
in der letzt«n Zeit eifrig gefiibrt worden ist, ohne dass er ganz un- 
zweifelbaft entscbieden ware. Woblwill (Zeitscbrift fur Matb. und 
Pbysik, XXIV. Jabrgang, 1879) fasst seine Ansicbt in die S&tze zn- 
sammen: Es ist den Entbiillungen von Silvestro Gberardi 
mit voller Sicberbeit zu entnebmen, dass am 16. Juni 
1633 von dem Papst und von der Congregation der Be- 
scblusB gefasst worden, Galilei unter Androbung der 



da die betreffeude 8telle in dem ProtokoU keine Unterscbriften trUgt, so ist 
eine Falschung hochst wahrscheinlicb. (Wolf, Qescb. d. Astr., 8. 255.) 

*) Die Abschworungsformel lautet: „Ich schwore ab, verwunsche und ver- 
fluche niit auf rich dgem Herzen und nicht erkeucheltem QIauben die genannten 
Irrthiiiner and Ketzereieu, sowie jeden anderen IirUium und jede der genannten 
beiligen Kircbe feindliche Secte, auch scbwdre ich, fiirderhiii weder miindlicb 
nocb Bchriftlich etwas zu behaupten, wegen dessen ein fthnlicber Yerdacbt 
gegen lAich entstehen konnte, sondern, wenn icb eioen Ketzer oder der Ketzerei 
Verdacbtigen antreffen sollte, werde ich ihu diesem beiligen OfHciom oder dem 
Inquisitor und dem Bischof des Orts, wo icb micb beiinde, anzeigen. Ausser- 
dem schwore und versprecbe icb, alle Bussen zu erfullen und vollst&ndig zn 
yerricbten, welcbe mir dieses heilige Gericbt anferlegt hat oder nocb auferlegen 
wird. Sollte es mir begegnen, dass ich irgend einem dieser meiner Yersprecben, 
Froteste und Eidschwure (was Gott verhiiten mdge) zuwider handle, so unter- 
werfe ich mich alien Bussen und Strafen, welcbe durch die beiligen Canones 
und, andere allgemeine und besondera Constitutionen gegen derartige Uebel- 
thater bestimmt und verh&ngt sind: so wahr mir Qott belfe und die beiligen 
Evangelien, die icb mit meineu H&nden beriihre." 



Letzte Lebensjahre. 89 

Tortur dem Examen de intentione zu unterwerfen nnd aauiei, 
ifan, falls er dabei bliebe, die KopernikaDische Gesinnung 
zu Terlaugnen, zu weiterem Verfahren in die Folter* 
kammer abzufuhreu. Es ist durch die Sentenz verbiirgt, 
dass diesem Beschlusse gemass eine Abfuhrung in die 
Folterkammer stattgefunden hat. Die Actenst&cke des 
Yaticanmanuscripts, die in vollem Widerspruche mit dem 
Originaldecrete und dem Bericbt der Sentenz behaupten, 
dass am 16. Juni befoblen worden, sich aufdie Androbnng 
mit der Tortur zu beschranken und am 21. Juni demgemaes 
verfahren sei, sind aus inneren wie ausseren GrUnden 
einer in neuerer Zeit erfolgten F&lschung dringend ver- 
dSchtig. 

Galilei war auseer zum Abschworen seiner Meinung auch zum 
Eerker verurtheilt worden, doch ward dieser sogleich in Hausarrest in 
der Villa Medici umgewandelt und bald auch in Yerweisung nach dem 
erzhiBchdflichen Palast in Siena. Er langte am 8. Juli bei dem Erz- 
bischofe Ascanus Piccolomini, seinem Freunde, an, dann bezog er am 

18. December 1633 die Yilla Bellosguardo bei Florenz und endlich am 

19. Noyember 1634 eine Yilla am Monte Rivalto im Eirchspiel Arcetri; 
hier starb er am 8. Januar 1642 an einem langsam zehren- 
den Fieber. Bis zuletzt stand er unter director Aufsicht der Inqui- 
sition, und wie seinen Umgang beobachtete und controlirte man seine 
Arbeiten; es war ihm verboten, musikalische oder gelehrte Gesellschaften 
zu halten oder grosse Mahlzeiten und Lustbarkeiten zu geben. Ueber 
seine Schicksale bei der Inquisition war ihm Stillschweigen auferlegt, und 
er hat sich gehutet, dasselbe zu brechen. Selbst mit seinem Tode erlosch 
der Hass der Eirche nicht ; an seinem Grabe wurde keine Leichenrede 
gehalten, nnd der Leichnam selbst durfte nicht in der Familiengruft der 
Galilei, sondern nur in einer Nebencapelle der Eirche bestattet werden 
und auch da ohne Monument und Grabschrift. 

Galilei war in der letzten Zeit seines Lebens sehr kranklich, von 
1616 an wurde er schwerhorig, und von 1637 an bildete sich der Staar . 
auf beiden Augen aus, von 1639 an konnte er nicht mehr schreiben, 
sondern nur noch dictiren, und 1640 erblindete er ganz. Trotzdem 
hlieb er nie milssig; da ihm die Inquisition die Besch&ftigung mit der 
Astronomie unmoglich gemacht hatte, wandte er sich wieder ganz der 
Physik zu und begann seine mechanischen Entdeckungen systematisch 
zu verarbeiten. Im Jahre 1634 erschien seine Mechanik in 
franzdsischer Uebersetzung von Mersenne und 1638 sein 
bedeutendstes Werk, die Discorsi e demostrazioni. \Es 
war immerhin eine muthige That von Mersenne, schon zwei Jahre nach 
der Yerurtheilung Galilei's eine Schrift desselben herauszugeben ; fiir 
Italien war ansdr&cklioh verboten worden, ein neues Werk desselben zu 
drucken oder auch nur ein altes neu aufzulegen. Die letztere Schrift 



90 Schiiler Galilei's. Gesammtausgaben seiner Werke. 

Galilei, Galilei^B konote daruin ebenfalls nicht in Italien erBcheinen: wie er in 

IBlfl 1B41I 

der Widmung derselben an den Grafen de Noailles (franz. Gesandten in 
Rom) erzahlt, wollte er dieselbe im Manuscript an verschiedene Orte 
Benden, damit sie nicht verloren ginge, wenn ihre Heraasgabe nicht zu 
bewirken ware. Auch dem Grafen hatte er bei einem Besuche in Ar- 
cetri eine Copie ilbergeben; damach schrieben ihm unerwartet 1638 die 
beriihrnten Elzevirs auB Leyden, dass sie das Werk drucken warden, 
er moge die Dedication senden, nnd bo erschiendasselbe zuerstinLeyden. 
Ob diese Erz&hlang richtig, oder ob sie Dur erfunden, nm Galilei wegen 
der Heraasgabe bei der Inquisition zu entschuldigen, mag dahingestellt 
bleiben. 

VonSchQleru war imHerbBtl638 der langjahrige Freund Castelli 
wieder zu Galilei gelassen worden, weil man Bchon damals sein Hin- 
scheiden fQrchtete; demselben durfte der Meister unter Aufsicht eines 
Dritten seine noch unvollendeten Untersuchungen mittheilen, mit Aas- 
nahme solcher, die sich auf die Bewegung der Erde bezogen. Vivian i 
erhielt im Sommer 1639 die Erlaubniss, bei Galilei verweilen zu dftrfen, 
und im October 1641 erlangte Torricelli die gleiche Yergflnstigung. 
Diese beiden Schiiler standen mit seinem Sohne Vincenzo und den 
Vertretern der Inquisition am Sterbebette des grossen Mannes. 

Galilei's Werke sind viele Male in stets vermehrten Ausgaben 
erschienen. Er selbst hatte schon durch Micanzio im Jahre 1636 mit 
den Elzeviren fiber eine Gesammtausgabe seiner Werke verhandelt, aber 
bei den damaligen schwierigen Yerhaltnissen zerschlug sich die Sache. 
Viviani brachte im Jahre 1656 mit Halfe des Fursten Leopold von 
Medici bei Carlo Manolesiin Bologna eine solche zuStande, die- 
selbe enth&lt nur zwei Yolumina in Quart, der gef&hrliche Dialog Ciber 
die Weltsysteme findet sich selbstverstandlich nicht darin. Die zweite 
Gesammtausgabe erschien 1717 in drei Quartb&nden zu 
Florenz bei Tortini und Franchi, wieder ohne jenen verhassten Dialog. 
Dieser war zuerst (mit Beigabe der Abschworungsformel) in der v i e rb a n - 
digen Ausgabeenthalten, die im Jahre 1 744 in Padua erschien. 
In Mailand kam 1811 eine Ausgabe in dreizehn Banden 
heraus, und dieser folgte die bis jetzt vollstandigste und schdnste Le 
Opere di Galileo Galilei, Prima Edizione completa con- 
dotta sugli Autentici Manoscritti Palatini (Firenze 1842 
bis 1856), welche durch Eugenio Alberi besorgt wurde und auch 
eine Sammlung von Galilei'schen Briefen enthalt^). Biographien 
Galilei's sind erschienen von dem Florentiner Ganonicus Gherar- 
dini (der Galilei 1633 personlich kennen gelernt hatte), Viviani 
(1654), Paul Frisi (1777), Jagemann (1783), SenatorNelli (1793), 



1) Briefs von Sagredo, Micanzio, Cavalieri, Castelli u. A. an Gtililei in: 
Carteggio Galileano inedito con note ed appendici per cura di 
Giuseppe Gampori. Modena 1881. 



Biographien. Apparate. Athanasius Kircher. 91 

TiraboBchi (1796), Libri (1841), Martin(1868), Oggioni (2.Aufl. Gauiei, 

io<7e\ A 1616-1643. 

1875) u. A. 

Von physikalischen Apparaten Galilei^s werden noch aaf- 
bewahrt: zwei Teleskope, ein Objectivglas, ein natftrlicber Magnet 
(arniirt), Thermometer und ein Mikroskop ohne Glaser (in Florenz); ein 
Apparat, um zn zeigen, dass ein Korper die Sehne eines Kreises in der- 
selben Zeit wie den Durcbmesser durchf&llt, ein Teleskop, Luft- und 
Wasserthermometer und ein armirter naturlicber Magnet (in Padua) i). 

Nacb mehr als dreissigjahriger Pause wurden die magnetischeii Magnetische 
XJntersuchuxigen wieder mehrfacb aufgenommen. Im Jabre 1634 suohangeiL, 
erscbien von Pater Kircher Magnes sive de arte magnetica tri- " 
partitum in erster Auflage, und scbon 1641 folgte die zweite. Kircher 
lehrt in dieser Schrift die Kraft eines Magneten messen, er h&ngt 
namlicb denselben an eine Seite der Wage und gleicht sein Gewicht auf 
der anderen Seite dnrch Sandkorner aus. Dann bringt er den Magnet 
mit einem Stflok Eisen in Berfthrung und siebt nacb, wie viel man Sand 
zugiessen mass, um den Magnet yon dem Eisen loszureissen. Er bemerkt 
dazu, dass man auf diese Weise die Kraft des Sud- und Nordpols ver- 
gleichen und auch tiber den Vortheil der Bewaffnung des Magneten ent- 
scheiden konne. Kircher beobachtet, dass der Magnet gliibendes wie 
kaltes Eisen mit der gleicben Kraft anziebt, er lebrt auch die Verferti- 
gung Yon Nadeln und Boussolen; den grSssten Theil des Werkes abcr 
fuUt die Bescbrei bung von magnetischen Spielereien, wie eines Per- 
petuum mobile, eines eisernen Igels, zweier Widderkopfe, die zusammen- 
etossen etc. Hierbei giebt er auch ein Verfahren an, wie 
sichPersonen, die meilenweit entfernt von einander sind, 
mit einander durch Magnetnadeln unterhalten kdnnen. 
Doch war der Gedanke nicht neu, auch Galilei erziiblt von einem Manne, 
der das Geheimnisa einer solcben Telegraphie zu besitzen vorgab, fugt 
aber hinzu, derselbe babe sein Kunststftck nicht durch wenige Zimmer 
bindurch zu bewerkstelligen vermocht. Kirchor's Werk hattrotz 
der guten Vorarbeiten Gilbert's die Wissenschaft nur 
wenig gefordert, und man wird das nicht wunderbar finden, wenn 
man noch von Kircher hdrt, dass der Magnet bedeutend verst&rkt werde, 
wenn man ihn zwischen zwei trockene Blatter von Isatis sylvatica lege. 
Zwar versucht er die ihm selbst wunderbare Wirkung durch die in der 
Pflanze enthaltenen Eisen theil chen zu erklftren, trotzdem fldsst die An- 
gabe wenig Yertrauen zu seinen Erklarungsprincipien oder zur Genauig- 
keit seiner Yersuche ein. 

Athanasius Kircher, den wir spHter noch einmal als Optiker 
erw&bnen werden, wurde am 2. Mai 1601 in Geisa bei Fulda geboren. 



^) Ans Gerland : Yersuch eines Yerzeichnisses der bis auf unsere Zeit erhed* 
tenen Originalapparate. Leopoldlna, Heft XYIII, 1882. 



92 Niccolo Cabeo. Gellibrand. 

Magnetische trat 1618 in den JeBuitenorden , lehrte in WQrzburg, dann in Avignoo, 
BQ^bungen, zuletzt in Rom Philosophie, Mathematik und orientalische Sprachen and 
1630—1640. Qf^g^Yh am 30. October 1680. Er schrieb ansser seinen physikalischen 
Schriften auch archaologiscbe Werl^ und stiftete eine werthvoUe Kunst- 
sammlung, das Museum Kircherianum in Rom. Ueberhaupt war er 
ein Mann von sebr ausgebreiteten Kenntnissen, aber kein eigent- 
licberPhy^iker, mehr Sammler alsSelbetprodncent, eine 
Gestalt von einiger Aehnlichkeit mit Porta, nur entspreohend dem neaen 
Jahrhundert solider, docb dafQr auch weitschweifiger und langweiliger, 
wie sie sich noch mebrfach in dieser Zeit vorfinden. 

Ein zweites magnetisches Werk gab der Jesuit Niccolo Cabeo in 
seiner Philosophia magnetica (Ferrara 1639), das aber ebenfalls 
nur in Einzelheiten uber Gilbert hinausgeht. Der Magnet zieht 
das verrostete Eisen scbwacher an als das gewobnlicbe, 
zwei Magneto konnen sich in ihren Wirkungen auf ein Stuck Eisen 
verst&rken oder aufheben, je nacb der Lage, in die man sie bringt; 
eiserne Nadeln, die aufWasser schwimmen, richten sich 
nach dem Meridian, auch wenn sie nioht magnetisch sind, 
eiserne Werkzeuge nehmen von selbst magnetische Kraft an, auch 
eiserne Fensterstabe, die senkrecht stehen, werden nach und nach von 
selbst magnetisch und zwar am unteren Ende nord-, am anderen sud- 
magnetisch. Wenn ein Magnet zwei Pfund Eisen tragen 
kann, so tr&gt er doch nicht ausser einem Pfund Eisen 
noch ein Pfund Blei, das man an das Eisen befestigt hat. 
Trotz vieler solcher guter Beobachtungen, die alle auf magnetischer 
Induction beruhen, hat Cabeo den allgemeinen Gesichtspunkt ftlr die- 
selben nicht zu finden gewusst; ein Zeiohen, dass auch die blosse Expe- 
rimentirkunst allein wenig geeignet ist, einen wirklichen Fortschritt za 
machen. Die Erkl&rung der elektrischen Anziehung giebt 
Cabeo etwas anschaulicher als frdher. Die durch Reiben aus den elek- 
trischen Korpern ausgehenden AusflCtsse stossen die zunachst anliegende 
Luft fort, welche aber wegen des Widerstandes der entfemteren Luft 
in eine kleine Wirbelbewegnng versetzt wird, mithin den Ausfliissen 
nicht weiter zu gehen gestattet, sondern dieselben und mit ihnen leichte 
Korper zu dem elektrischen Korper zuruckf&hrt. 

Ein bedeutender Schritt geschah dagegen in der Kenntniss des 
Erdmagnetismus dadurch, dass die Y eranderlichkeit der 
magnetischen Declination an ein und demselben Orte fest- 
gestellt wurde. 1625 zog Henry Gellibrand (1597 bis 1637, erst 
Pfarrer in Kent, dann Professor der Astronomic in London) in einem 
Garten zu London eine Mittagslinie und beobachtete mit Hulfe einer 
langen Magnetnadel die Declination oder die Variation, wie die Seelente 
sie noch heute nennen. Durch diese Beobachtungen und durch die Yer- 



Veranderlichkeit der magnet. Declination. Mersenne. 93 

^leichiing derselben mit fruheren stellte er fest, dass die magnetische Magnotische 
Declination zu London im Abnehmen begrififen sei nnd schloss daraus auohangen, 
anf die Veranderlichkeit derselben ilberbaupt. Er machte seine Ent- ^^30-i64o. 
deckong bekannt in dem Werke A discourse mathematical on 
the variation of the magnetic needle (London 1635). Die 
Franzosen batten schon fr&her jene Veranderung bemerkt, ohne sie zu 
beachten; bei dem seefahrenden Volke der EnglUnder aber yerursachte 
sie grosse Besturzung und damach fortgesetzte genaue Beobachtnngen. 
Diese Periode ist eine der gunstigsten fur den Magnetismus; die 
nahere Bekanntschaft mit dieser eigenthiimlichen Kraft, ihre erfahrene 
allgemeine Yerbreitung liessen ein reges Interesse fiir dieselbe wach 
werden. Eine Zeitlang sah man in jeder unerklarlichen Einwirkung 
eines Korpers auf einen anderen Magnetismus; aber wenn auch diese 
Neigung bis heute nicht ganz geschwunden ist, so musste man doch 
bald bemerken, dass trotz dem Anwachsen des empirischen Materials in 
der Sache selbst nicht viel weiter zu kommen war. Man begnfigte 
Bich damach mit der Beobachtung der fiir die Schifffahrt 
so wichtigen Erscheinungen des terrestrischen Magne- 
tismus und liess theoretische Speculationen ruhen, bis mit 
der wachsenden Eenntniss der elektrischen Kraft auch ihre Verwaudt- 
schaft mit der magnetischen deutlich hervortrat. 

Die Stelle eines wissenschaftlichen Journals, einer gelehrten Aka- Mersenne, 
demie far Mathematik und Naturwissenschaften , vertrat in der ersten 
Halfte des 17. Jahrhunderts der „naturforschende Theologe*' Mersenne. 
£r stand mit den bedeutendsten wissenschaftlichen Mannern seiner Zeit, 
mit Galilei, Descartes, Gassendi, Roberval, Hobbes etc. in lebhafter Ver- 
binduDg, yermittelte den Austausch ihrer Ansichten und regte die allge- 
meine Behandlung wissenschaftlicher Fragen an. Von ihm stammt die 
Sitte, f&r grossere oder kleinere Kreise Preisaufgaben yon wissenschaft- 
lichem Interesse zu stellen, die in der Zeit der grossen Bernoulli's so 
heftige Bewegungen in den gelehrten Kreisen heryorrief und sp&ter in 
modificirter Gestalt yon den wissenschaftlichen Akademien aufgenommen 
wnrde. Marin Mersenne wurde 1588 zu Soultiere in Le Maine 
geboren, bei den Jesuiten in La Fleche erzogen, trat spHter in den Orden 
der Minoriten und starb 1648. Er selbst war kein epoche- 
machender Physiker oder Mathematiker, doch hat er nicht 
nur Antheil an alien Theilen der Wissenschaften genommen, 
sondem auch durch , yersttlndiges Experimentiren, dnrch 
Borgf&ltiges Nachprufen der Ideen bedeutenderer Geister 
der Physik directe Dienste geleistet. Montucla (Geschichte der Mathe- 
matik) findet bei ihm einen Ocean yon Beobachtnngen aller Sorten, yer- 
achweigt aber nicht, dass sich eine grosse Anzahl ziemlich kindlicher 
darunter befinden. Mersenne's physikalische Hauptwerke sind Har- 
monie nniyerselle (Paris 1636) und Phaenomena hydrau- 



94 Akustik. Pendelbewegungen und freier Fall. 

Mexvenne, 1 ico- pn 6 am aticft ^) ; am bedeutendsten sind seine akustischen 
1588-1.48. Arbeiten. 

Er setzt wie Galilei und aach Bacon die Verschiedenheit der 
Tone in die verschiedeneAnzahl vonSchwingungen, welche 
die tonenden Kdrper in gleichen Zeiten machen, und durch eine Menge 
von Versucben findet er die bestimmten S§,tze: die Sobwingungszablen 
Yon Saiten derselben Substanz yerbalten sich bei gleichen Langen und 
Dicken wie die Quadratwurzeln der Spannungen, bei gleichen Dicken 
und Spannungen umgekehrt wie die Langen und bei gleichen Langen 
und Spannungen umgekehrt wie die Quadratwurzeln der Dicken. Nach 
diesen Gesetzen (bei deren letztem nur die einfache Dicke statt der 
Quadratwurzel zu setzen ist) bestimmte er dann die absolute 
Schwingungszahl eines Tones. Eine Saite von 15 Fuss Lange, 
welche durch einGewicht von GYg Pfund gespannt wurde, machte in der 
Secunde 10 Schwingungen ; darnach musste eine Saite von Y4 Fuss Lange 
unter sonst gleichen Verhaltnissen 200 Schwingungen in der Secunde 
maohen. Den Ton, welchen diese Saite gab, schlug Mersenne als Grund- 
ton des ganzen Tonsystems vor, doch wurde sein Yorschlag kaum 
beachtet. Eine andere Entdeckung verstand er selbst nicht zu wurdigen. 
Er bemerkte, dass eine Saite durch eine andere zum Mittonen gebracht 
wurde, anch wenn sie um eine Octave oder Qninte von der ersten abstand, 
dass sie also ausser dem ihr eigenthiimlichen Tone noch zwei andere 
hohere Tdne geben konnte; aber sowohl er wie auch Galilei, der eine 
&hnliche Bemerkung machte, legten auf diese Obertdne kein beson- 
deres Gewicht. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des 
S oh alls bestimmte Mersenne zuerst und zwar, wie schon Bacon vorge- 
sohlagen hatte, durch die Beobachtung des Zeitunterschiedes zwischen 
dem Aufblitzen und dem Horen eines abgefeuerten Geschtitzes, er fand 
so fiir diese Geschwindigkeit 1380 Fuss. 

Weniger gliLcklich als hier war er in seinen ubrigen physikalischen 
Untersuchungen. Er priifte das Pendelgesetz und fand dasselbe 
richtig. Dann bemiihte er sich nachzusehen, ob wirklich das Pendel 
in seiner aufsteigenden Bewegung gerade so retardirt, 
als es beim Herabfallen beschleunigt werde; konnte aber zu 
keinem Resultate kommen, und ebenso erging es ihm bei der Ver- 
gleiohung der Pendelbewegung und der des freien Falls. 
Uier fand er so entschiedene Differenzen, dass er fast an den Galilei'- 
schen Fallgesetzen irre geworden ware; schliesslich aber wagte er doch 
nicht, seinen Zahlen, die zumeist auf blossen Sch&tzungen beruhten, allzu 
grossen Werth beizulegen. Als Mersenne entgegen den Ansichten Ga- 
lilei's doch Stoss und Fall zu vergleichen suchte, indem er schwere 
Korper aus verschiedenen Hohen auf eine Wagschale fallen liess, war er 



^) Das letztere ist ein Tbeil des umfassenderen Werkes Cogitata physico- 
mathematica. Paris 1644 bis 1647. 



Hydraulik. Spiegelteleskop. 95 

«ach dabei nicbt ganz glflcklich. Denn er fand die Wirkung des Menenne, 
Stosses dem Product aus Gewicht und der einfachen Ge- ^*88— 1648. 

schwindigkeit (statt dem Quadrat derselben) proportional; sein 
Freand Descartes ¥nirde dadurch mit veranlasst, dieses Product als das 
allgemeine Kraftmaass anzunehmeD. Bei der Bewegung von FlQs- 
sigkeiten kam er zn ahnlichen Resultaten, wie sie schon TorricelU 
am diese Zeit bekannt gemacht hatte; nor bemerkt er richtig, dass 
der aus einem Gefftsse aasfliessende Wasserstrahl des 
Luftwiderstandes wegeu keine vollkommene Parabel 
beschreibe, und er erkenntauchin diesemLuftwiderstande 
die Ursacbe, warum ein senkrecht aufsteigender Wasser- 
strahl nicht wieder die Niyeauhohe des Gefasses erreicht. 
Er giebt auch an, der Luftwiderstand zeige sich dorcb die Zertheilung 
der Wassertheilchen in Wasserstaub , meint aber trotz aller Erkenntniss 
des Luftwiderstandes, die Regentropfen fielen langsamer als gleich scbwere 
feste Eorper, weil in die flflssigen Korper, deren Theile keinen Zu- 
sammeuhang zeigten, dieLuft eindringe, wahrend das bei festen Kdrpern 
nicbt geschehen konne. Vom Luftdruck weiss Mersenne in den 
Phaenomena nocb nicbts, und da der Horror vacui ihm aucb nicbt 
passt, so kommt er auf den Gedanken, dass die Lufttbeilcfaen 
Hakcben besassen, durcb welcbe sie das Wasser in den 
Pumpen in die Hobe z5gen. Der Gedanke war so scblecbt, dass 
er nicht ohne mannigfachen Beifall blieb. 

Yon den optiscbenUntersucbungen Mersenne^s sagt Wilde ^), 
dass sie fast nichts Anderes entbielten, als eine bdcbst trockene Zu- 
sammenstellung damals langst bekannter Satze, meist obne Beweise. 
Trotsdem war er nabe daran, der erste Verfertiger eines Spie- 
gelteleskops zu werden. Im Jabre 1616 schon hatte der Jesuit 
Niccolo Zuccbi (1586 bis 1670) durcb ein Hohlglas in einen Hobl- 
Bpiegel geseben und dadurch entfernte Gegenst&nde vergrossert beob- 
achtet. 1644 scblug nun Mersenne vor, einen paraboliscben Hohlspiegel 
mit einer Oeffnung nicht grosser als die Pupille zu durcbbohren und 
durcb diese Oeffnung in einen zweiten yiel kleineren Hohlspiegel zu sehen ; 
die Spiegel soUten in eine gescbwarzte Rohre eingescblossen werden, 
damit seitlicbe Licbtstrahlen nicbt stdrend wirkten. Descartes, dem er 
sein Project mittheilte, versprach sich sehr wenig von dessen Ausfilh- 
ruDg, und auf diese Autoritat bin gab Mersenne den ganzen Gedanken auf. 

Direct an Galilei knupft sein bedeutendster Scbfller Torricelli an. TorriceiH, 

1608—1 647 

SvangeliBta Torricelli wurde zu Faenza am 15. October 1608 geboren; 
von Castelli erhielt er in Rom seinen ersten matbematiscben Unterricht; 
sein erstes Werk wurde durcb die Discorsi Galilei's veranlasst. Castelli 
zeigte dasselbe bei Gelegenheit einer Reise seinem Meister, und dieser 



1) Oeschichte der Optik I, S. 290. 



96 Castelli. Ausflussgeschwindigkeit der Fliissigkeiten. 

TorriceUi, Hef daraufhin den jungen Gelehrten selbst zn sich, damit derselbe ih 
1608-1647. ^^j Vollendung seiner Arbeiten behulflich ware. TorriceUi kam erst i 

October 1641 nacb Arcetri nnd hatte so nur nocb kurze Zeit den Yor- 
theil des Umgangs mit dem ganz erblindeten Lehrer. Nacb Galilei* s 
Tode erbielt er selbst die Stelle eines Hofmatbematikers in Florenz, und 
wenn jemals ein Nacbfolger seines genialen Yorgaugers wurdig gewesen, 
so war es bei diesem jungen Hofmatbematicus der Fall. Leider sollte 
ein so glorreicb begonnei^s Leben nicbt lange wabren; TorriceUi starb 
scbon im Jabre 1647 zu Florenz. 

Das Werk, welcbes Castelli an Galilei iiberbracbt hatte, erscbien im 
Jabre 1641 in Florenz unter dem Titel Trattato del mo to dei 
gravi und 1644 aucb in lateiniscber Uebersetzung als De motu gra- 
vium natoraliter descendentiam et projectorum libri duo. In demselben 
vertbeidigt TorriceUi das Galilei^scbe Gesetz, dass beim freien Fall die 
erlangten Gescbwindigkeiten der Zeit proportional sind, gegen den peri- 
patetiscben Satz, dass dieselben den durcblaufenen Raumen proportional 
waren, best&tigt die Galilei^scben Satze nber die Wurflinie nnd kommt 
dann zu seinen berQbmten Untersucbungen tlber die Art des Aub- 
flusses der Fliissigkeiten aus Gefassen. Sein Lebrer Cas- 
telli^) hatte scbon im Jabre 1628 ein Werk Delia misura del- 
I'acque correnti berausgegeben, in welobem er die Bewegung des 
Wassers in FlQssen und Canalen, sowie die Ausflussgescbwindigkeiten 
desselben aus freien Oeffnungen behandelte. £r bemerkte darin ricbti^^ 
dass die Gescbwindigkeiten der Flussigkeiten in natiir- 
licben Canalen den Querschnitten an den einzelnen Orten 
nmgekebrt proportional sind, tauscbte sich aber insofem, als er 
glaubte , dass die Ausflussgeschwindigkeit des Wassers aus der Oeffhung 
eines Gefasses im directen Yerb&ltniss zur Niyeanhobe stebe. TorriceUi 
bericbtigte bier seinen Lehrer, indem er zeigte, dass die aus einer am 
Boden eines Gef&sses befindlicben Geffnung in gleicben Zeit-en abfiies- 
senden Wassermengen sich wie die Reihen der ungeraden Zablen yer- 
halten, wenn man die im letzten Zeittbeil abfliessende Menge gleich 
1 setzt. Die Ansflussgeschwindigkeiten miissen damacb umgekebrt wie 
die Reibe der ungeraden Zablen abnebmen, d. b. die Ansflussgeschwin- 
digkeiten verbalten sich ganz wie die Gescbwindigkeiten eines in die 
H5he geworfenen Eorpers. Daraus folgt dann aucb, dass ein Wasser- 
theilcl^en aus der Geffnung abfliesst mit einer Geschwin- 
digkeit, die derjenigen gleich ist, welche es erhalten 
wCLrde, w^nn es seine ursprAnglicbe Hdhe tiber der Geff- 
nung frei durcbf alien hfttte. Da nun aber die erlangten Gescbwin- 
digkeiten den Quadratwurzeln aus den durcblaufenen Wegen proportional 
sind, so konnen sich die Abflussgeschwindigkeiten nicbt wie die 



^) Benedetto Castelli, geboren 1577 in Breiicia, ProfoMor der Matbematik 
in Rom, Btarb daselbst im Jahre 1644. 



Luftdruck. 97 

Niveauhohen, sondern nar wie die Qnadratwnrzeln aas den- Tomoeui, 
selben yerhalten. Aus dieser Regel gehen durcb Vergleichang mit ^•®®~***'' 
den Gesetzen des freien Falls noch weiter die S&tze hervor : derWasser- 
Btrahl, welcher aus einer seitlichen Oeffnung ausfliesst, 
hat die Gestalt einer Parabel; bei gleich grossen Oeffnungen yer- 
halten sicb die Mengen, welche in gleicben Zeiten ansfliessen, vrie die 
Quadrat warzeln ana den Niveauhdhen ; ebenso verbalten sicb bei Gef&ssen ^ 
Ton gleicbem Qaerscbnitt und bei gleicber OefPniAg die Entleerangs- 
zeiten; und aus einer karzen, mit dem Gefass in Verbindung 
stebenden Rdbre, die senkrecht nach oben gericbtet ist, 
ninss das Wasser, von anderen Hindernissen abgesehen, so hocb 
springen als es im Gefftsse selbst stebt. 

Bekannter noch als dnrcb diese wicbtigen Entdeckungen ist Torri- 
celli dnrcb seine Gonstatirung des Lnftdruckes geworden. Er 
selbst hatte nicbt mebr Gelegenbeit gefunden, diese Untersucbungen zu 
beschreiben, aber dieselben waren so uberrascbend und griffen so kr&ftig 
in das allgemeine offentlicbe Leben ein, dass der Name des Entdeckers 
diesmal nicbt in Gefabr gerieth, vergessen zu werden, sondem dass er 
sehr bald ancb dem grosseren Publikum, das sonst auf mecbaniscbe 
Gesetze nicbt viel Gewicbt zu legen pflegt, rubmreicb bekannt wurde. 
Torricelli wusste von seinem Meister Galilei, dass Wasser durcb Saug- 
pnmpen sicb nicbt bober als 32 Fuss beben lasse, und kannte jedeufalls 
defisen Ansicbten iiber den Horror vacui. Er sab, dass weitere Versucbe 
mit einer so boben Wassersaule nur scbwer auszufiibren wftren, und bielt 
68 ancb aus anderen Grunden fur interessant nacbzuseben, ob nicbt 
eine andere, scbwerere FltiBsigkeit scbon bei geringerer 
Hobe dem Horror vacui widersteben wiirde. Am bequemsten 
fand er fur diesen Zweck das Quecksilber, das scbon bei einer Hobe 
▼on ^VijFuss Oder 28Zoll dem Horror das Gleicbgewicbt balten musste, 
wenn derselbe nach Galilei eine begrenzte Kraft darstellen soUte. Torri- 
ceUi bescbftftigte sicb vorlaufig noch nicbt selbst mit dem Yersucbe; er 
beaoftragte mit der AusfQbrung seinen Scbtder Vincenzo Viviani, 
und dieser sab im Jahre 1643, nacbdem er eine lUngere Robre, die an 
einem Ende geschlossen war, mit Quecksilber gefftUt und umgekehrt mit 
dem offenen Ende in ein weiteres Gefass mit Quecksilber getaucbt batte, 
dass wirklicb die Quecksilbersaule in der Robre bis auf 
eine Hobe von 28 Zoll berabsank und dann rubig steben blieb. 
Bamacb grifiP aucb Torricelli selbst die Sacbe wieder auf und zwar mit 
unl&ugbarer Genialitat. Mit jenem Yersucbe war anscbeinend nicbt 
mebr bewiesen als mit der Wasserpumpe. Wenn Galilei dem Horror 
einmal eine Grenze gesetzt, so war es ganz natiirlicb, dass diese 
Grenze nicbt in einer gewissen Hobe, sondem in einem 
gewissen Druck bestand, und das Experiment mit dem Quecksilber 
drangte an sich nicbt weiter. Torricelli aber spracb sogleicb 
aus, dass der Horror vacui mit einer Grenze, uber welcbe 

Boaenberger, Oeschichte der Phjrsik. II. y 



98 Erfindung des Barometers. 

Torriceui, hinaus die Natur in ihrem Abschea ohnmachtig ware, ein 
-164 . Unding sei, und schrieb die Ursacbe von dem Aufsteigen der FlCLssig- 
keiten in luftleeren Raumen direct dem Luftdnicke zu. £r schritt 
auch sogleich dazu, diesen Druck der Laft zu messen und 
bemerkte, Yollkommen klar uber seine Aufgabe, in einem Briefe an Michel 
Angiola Ricci^ in Rom vom Jahre 1644: er babe den Yersuch nicht 
allein damm angestellt, am einen leerenRaam bervorzubringen, eondern 
vorzuglich in der JAsicbt, ein Instrument zu verfertigen, an welchem 
man die Yeranderungen der Luft erkennen konne, welche bald schwerer 
und dicbter, bald leicbter and feiner w&re. 

Torricelli hatte also scbon erkannt, dass das Queck- 
silber seine Hohe in der Robre yerandere, und dieseBeob- 
acbtung ist es wobl YorzAglich gewesen, welche ihn yer- 
anlasste,den Horror vacuidurch den Luft druck zuersetzen. 
Denn so lange nur constatirt ist, dass durch die Kraft, welche eine 
Wassersaule yon. 32 Fuss tragt, aucb eine Quecksilbersaule yon 28 Zoll 
Hohe gehalten wird, so lange hat man nur wenig Ursache, die Yorstel- 
lungen yon dieser Kraft zu andern. Wenn aber beobachtet wird, dass 
die Grosse dieser Kraft Schwankungen unterworfen ist, so wird es hochste 
Zeit, die Yorstellungen yom Horror yacui aufzugeben; denn man kann 
doch uumoglich yermuthen, dass die Natur wie ein coquettes 
Madchen launenhaft ihre Neigungen und Abneigungen 
Verandere, selbst dann noch, wenn man zngegeben hat, dass sie solche 
Abneigungen besitzt^). Doch diirfen wir nicht unterlassen zu bemerken, 
dass selbst dann, wenn durch Beobachtungen yon Schwankungen der 
Quecksilberhohe die Yorstellung eines Horror yacui beseitigt, 
doch noch nicht ganz sicher festgestellt ist, dass gerade ein Druck der 
Luft die Ursache jener Erscheinungen sei. Uns scheint die 
Yorstellung yom Druck der Luft so naturlich, dass wir nicht begreifen 
konnen, wie man sie laugnen mag. Und doch ist nicht nur die Yorstel- 
lung eines Druckes, der auf uns lastet, ohne dass wir ihn fflhlen, eine 
recht schwere Aufgabe, es ist die Yorstellung yom Schwanken des Luft- 
drucks ein Problem, dessen Erklarung noch jetzt Manchem, der doch 
mit der Yorstellung yomLuftdruck selbst Uber alleBerge zu sein glaubt, 
Schwierigkeiten bereitet. Fur Torricelli war mit seinen Yersuchen eine 
feste Anschauung gegeben, er hat die Sache bis zu seinem fruhen Tode 
nicht weiter yerfolgt; fUr das allgemeine Publikum aber wurde die Frage 
erst entschieden, als Pascal den Zusammenhang der Barometerhohe mit 
der Erhebung Aber die Erdoberfl&che nachwies, und noch griindlicher, 
als die Yersuche mit den Magdeburger Halbkugeln demLuftdruck 
Pferdekrafte entgegensetzten. 

*) Den spateren Correspondenten der Florentiner Akademie. 

^ Poggendorflf(Ge9chichte d. Physik, B.324) iibersah wohl die Bedeutung dieser 
Beobachtung, die nur an einem Barometer gemacht werden kann, wenn er sskgt, dass 
dasselbe im Gninde den Lnftdmck nicht strenger erweist als eine Wasserpumpe. 



Leben des Descartes. 99 

MerkwtLrdig bleibt das geringe Interesse, welches Torricelli TorriceUi, 
fur die Herstellung eines leeren Raumes zeigie. In seiner Gedanken- ^^^^~^^^- 
reihe ganz auf die Yorstellung des Luftdrucks gerichtet, kam ihm die 
Wichtigkeit nnd Brauchbarkeit eines luftleeren Raumes wobl nicbt Tor 
Aagen. Desio mebr aber ubte das AnfQnden der Torricelli^scben Leere 
ikre Wirkung auf Andere. Der Streit dber die Existenz eines leeren 
Raumes faatte seit Aristoteles und den alien Atomistikern die Gemtitber 
bescbaftigt. Jetzt war man nicbt abgeneigt, die Barometerleere ftir die 
Existenz eines absolut leeren Raumes ins Gefecbt zu fiibren, und die 
Gegner eines solcben batten einen scbweren Stand* Docb war mit der 
Torricelli^scben Leere in Wirklicbkeit wenig anzufangen, weil man die- 
selbe nicbt zuganglicb zu macben wusste; das Bestreben, einen leeren 
Raum zu schaffen, der Versucbe in seinem Innern erlaubte, fUbrte dann 
Gnericke zu seinen Demonstrationen des Luftdrucks^). 

Rene Descartes (Renatus Cartesius) ist am 30. Marz 1596 zu La Desoartos, 
Hay in der Touraine geboren, sein Yater war Parlamentsratb zu Rennes, phupao-'* 
seine Familie geborte zu den ftltesten des Tourainer Adels. Im Alter p**"*' '^**- 
Ton 8 Jabren kam der kleine Descartes, dessen Mutter bald nacb seiner 
Geburi gestorben war, in das Jesuitencollegium zu La Fl^cbe in Anjou, 
wo er scbon Matbematik mit grossem Eifer studirte. Von 1612 bis 1616 
lebte er in Paris, die ersten zwei Jab re den Yergnugungen der Gross- 
stadt ergeben, die letzten zwei einsam in der Yorstadt St. Germain, 
wieder yorzugsweise mit Matbematik bescbaftigt. Im Jabre 1617 ging 
er nacb Holland nnd diente in der Armee des Stattbalters Moritz von 
Nassau, 1619 nabm er in der Armee des EurfElrsten yon Baiem am 
dentscben Eriege Tbeil. Damacb bereiste Descartes fast ganz Europa, 
lebte aber yon 1629 an meist zurUckgezogen und einsam an verscbie- 
denen Orten Hollands. Bis 1629 batte er sicb in yerscbiedenen Berufs- 
zweigen yersucbt, yon da an aber widmete er sicb ganz der Philosopbie. 
Im Jabre 1637 erscbien sein erstes Werk Discours de la m^tbode 
pour bien conduire sa raison et cbercber la yerite dans 
les sciences. Plus la dioptrique, les m6t^ores et la geo- 
metric, qui sont des essais de cette m^tbode (Leyden 1637) 
welcbes eine neue Metbode zu pbilosopbiren bekannt macbte und die 
Frucbtbarkeit dieser Metbode in ihrer Anwendung auf die Dioptrik, 
die feurigen Lufkerscbeinungen und die Geometrie zeigen wollte. Der 
geometriscbe Tbeil der Scbrift entbalt als wicbtigste Entdeckung die der 
analytiscben Geometrie, auf die Dioptrik und die Meteore werden 
wir nocb zurQckkomroen. Yier Jabre spater entwickelte Descartes nacb 
der neuen Metbode seine Metapbysik in den Meditationes de 



^) Yon Apparaten Torricelli'B werden ein Teleskop nnd zwei Barometer- 
r5liren nocli in Florenz aafbewahrt. (Gerland, Leopoldina, Heft XYIII, 
1882.) 

7* 



100 Leben und Schriften 

Descartes, prima philosophia, in quibus Dei existentia et animae 
phiioso-^ humanae immortalitas demonstrantur (Amsterdam 1641). 
phiae, 1644. Wie Bacon in seinem Novum organon, schatzt auch 

Descartes alle Wissenschaften seiner Zeit gering und ist 
von alien mehr oder weniger unbefriedigt; uberall sieht er 
Irrthum und Unsicherheit, und ganz wie Bacon findet auch or die Quelle 
alles Uebcls in der falscheo Methode der Wissenschaften. 
Wie Bacon halt er die richtige Methode f&r das Nothwen- 
digste und das Fehlen einer solchen fur einen genugenden Grund zum 
Misserfolg. ^Der gesunde Yerstand ist das, was in der Welt am besten 
vertheilt ist; denn Jedermann meint damit so gut yersehen zu sein, dass 
selbst Personen, die in alien anderen Dingen schwer zu befriedigen sind, 
doch an Yerstand nicht mehr als sie haben sich zu wunschen pflegen, 
— es kommt nicht bloss auf den gesunden Yerstand, sondern wesentlich 
auf dessen gute Anwendung an" ^). Sobald aber dann Descartes seine 
Methode selbst darlegt, beginnt der Unterschied, ja der directe 
Gegensatz zu Bacon. Die neue Methode hat vier Grundregeln: 
1. keine Sache fiir wahr anzunehmen, die man nicht ganz klar und 
deutlich erkannt hat; 2. jede zu untersuchende Frage in so viel ein- 
fachere als moglich und erforderlich aufzuldsen; 3. mit den einfachsten 
und leichtesten Gegenstanden zu beginnen und 4. alles vollstandig zu 
Oberzahlen und im Allgemeinen zu beschauen, um gegen jedcs Yersehen 
gesichert zu sein. Gem&ss der erstcn Kegel beginnt dann Descartes seine 
Philosophie mit dem Zweifel an Allem, was ihm bis jetzt als 
wahr erschienen, und findet nach grundlicher PrUfung nur einen 
in sich sicheren Satz, den beruhmtesten seiner Philosophie: co- 
gito, ergo sum; ich denke, also bin ich. Meine Sinne tauschen 
mich oft, ich babe Traume, denen gar nichts Wirkliches entspricht, meine 
Yorstellungen von der Aussenwelt konnen ebensowohl Traume als Wahr- 
heit sein, nur eins bleibt sicher, ich denke, ich bin ein denkendes Wesen. 
Yon diescm einen Satze kommt Descartes zur Erkenntniss Gottes. 
Ich finde in mir die Idee einer unendlichen Substanz, diese Idee kann 
ihre voUstandige Ursache nicht in mir haben, der ich eine endliche Sub- 
stanz bin, sie muss also Ursache ihrer selbst und zugleich aller endlichen 
Wesen, auch meiner selbst sein. So ist die Existenz Gottes als einer 
unendlichen Substanz so sicher, ja sicherer noch als meine eigene. A us 
der Idee Gottes leitet sich aber alle Sicherheit meiner 
Erkenntniss ab. Gott muss wahrhaftig sein, daraus folgt, dass er 
uns nicht fur Lug und Trug nur geschaffen hat, vielmehr dass Alles 
wahr ist, was wir mit den Erkenntnissvermogen , die er uns gegeben, 
klar und deutlich erkannt haben. So bedingt die Existenz Gottes die 
Sicherheit unserer eigenen Erkenntniss, damit baut Descartes das Gebaude 



') Wir gebeu die deatechen TJebersetznngen 2umei«t nach J. H. v. Kirch 
mann: Eeuu Descartes, philosophische Werke (Philosopbische Bibliothek). 



des Descartes. 101 

seiner ganzen Erkcnntnisstheorie weiter. Was wir klar und dent- Descartos 
lich erkannt haben, das muss wahr und wirklich sein, so phuoao-^ 
wahr als wir selbst und ein wahrhaftiger Gott existiren, das ist die erste p*^**®» ^^*- 
Erkenntnissregel der neuen Philosophie. Trotz alledem ist dem Des- 
cartes doch einGefuhlvon der Unsicherheit unserer Erkeuntniss geblieben. 
For die Pbilosophie batte das den Yortbeil, dass damit dieselbe aucb in 
Descartes scbon auf die kritiscbe Hicbtung einlenkte. FtLr die Pbysik aber 
hatte es den Nacbtheil, dass danacb der Pbilosopb die Sicberbeit der Beob- 
acbtung gegeuuber der des reinen Denkens erst recbt zu gering schatzte. 
Die Hauptresultate seiner Pbilosopb ie giebt Descartes in seine m Hauptwerk 
Principia pbilosophiae (Amsterdam 1644). Es entbalt im erst en 
Theile eine Wiederbolung der Meditationen und ibrer Grund- 
legnng der Erkenntniss, im zweiten die Lebre von der Materie 
und ihren Eigen scbaften, im dritten die Untersucbung 
uber den Bau der Welt und endlich im vierten die Betrach- 
tung der Erde. 

Zur tirundlegung der Moral sucbte Descartes seine Metbodc in 
Les passions de Pame (Amsterdam 1650) zu verwertbeu. Das 
Werk ist zunacbst filr eine Scbiilerin, die Prinzessin Elisabetb von der 
Pfalz, gescbrieben; 1647 sandte er es an die Konigin Cbristine von 
Schweden, mit welcber er durcb den scbwediscben Gesandten in Verbin- 
dang gekouimen war. Cbristine lud daruacb Descartes nacb Scbweden 
zu sich ein, und dieser folgte 1649 derEinladung, vielleicbt umStreitig- 
keiten auszuweicben, in welcbe er aucb in dem protest antiscben Holland 
init den Tbeologen geratben war. Docb befiel ibn in Stockbolm scbon 
nach 4 Monaten eine todtliche Krankbeit, welcber er am 11. Febrnar 
1650 erlag. Lateiniscbe wie franzosiscbe Gesammtausgaben der Werke 
Descartes^ simi ofter erscbieuen; die beste ist die franzosiscbe 
in 11 Banden, welcbe Victor Cousin 1824 bis 1826 beraus- 
gegeben bat. Sie entbalt ausser den Bricfen nocb mebrere nicbt ganz 
vollendete Scbriften, unter denen wir nur eine 1636 in Eile gear- 
beitete Abbandlung iiber die Mecbanik crwabnen, 

Wir geben fiber zur Darstellung der pbysikaliscben Lebren Descai'tes' 
nach seinem Hauptwerke, den Principien der Pbilosophie. Man 
kann vom Korper alle Eigenschaften wegdenken bis auf eine, die Aus- 
debnung; darum besteht die Natur des Korpers in der Aus- 
debnuug und nur in der Ausdebnung. Es giebt also keinen 
leeren Raum und keine Atome. (Docb werden wir seben, dass trotzdem 
die Lebre des Descartes der Atomistik sich stark annahert.) Mit dieser 
Definition der Materie fiillt direct der alte Unterschied zwiscben den 
irdiscben und bimraliscben Korpern, denn die Materie, deren Natur nur 
in der Ausdebnung besteht, muss unterschiedslos alle Raume erfullen. 
Bewegung eines Korpers ist die Ueberftibrung desselben 
aus der Nacbbarschaft derjenigen, die ibn beruhren, in 
die Nacbbarschaft anderer. Der Begrifif der Bewegung ist also 



102 Bewegungsgesetze. Stoss der Korper. 

Deioartee, durchaoB reciprok, nnd wenn ein Kdrper A von dem Korper B fortbewegi; 

^**** wird, BO ist es ebenso richtig zu sagen, der Korper B werde von -A fort- 

be wegt. Daraus folgt der sehr wichtige Satz, dass zur Bewegnng^ 
nicbt mebr Action gebort als zur Knhe und dass jeder Kor- 
per zugleicb viele Bewegungen baben und jede Bewegung^ 
aus vielen zusammengesetzt gedacbt werden kann. Die 
letzte Ursacbe aller Bewegungen ist Gott; weil aber Gott immer der- 
selbe bleibt, so muss die in der Welt vorbandene Bewegungsmenge immer 
dieselbe bleiben. (Dies ist der merkwurdige Beweis Descartes' fur die 
Erbaltung der Kraft.) Aus dem Satze, dass zur Rube und Bewegung 
gleicbviel Action gebore, kommt das vollst&ndige Bebarrnngsgesetz : 
Jeder Kdrper bebarrt in seinem Zustande der Rube oder 
der Bewegung, so lange nicbt eine aussere Ursacbe diesen 
Zustand andert; speciell wird bier nocb binzugefugt, dass obne 
ausseren Widerstand der bewegte Korper aucb seine Ricbtung immer 
beibebalt. Trotzdem giebt dann Descartes das dritte in seinem zweiten 
Tbeile merkwurdig falscbe Bewegungsgesetz : Ein Korper, der 
einem anderen begegnet, verliert soviel von seiner Bewe- 
gung, als er diesem mittbeilt, wenn er ibn Uberbaupt zu 
bewegen vermag; wenn der Widerstand des zweiten Kor- 
pers aber grosser ist als die Kraft des ersten, so bebalt 
dieser seine Bewegung vollstandig und biegt nur aus 
seiner Bewegungsricbtung aus. Aus diesem Bewegungsgesetz 
werden 7 Regeln iiber den Stoss vollkommen barter (eine unbestimmte 
Vorstellung ftir vollkommen elastiscbe Korper) Korper abgeleitet: 1. zwei 
gleicbe Kdrper B und C mit gleicben aber entgegengesetzten Gescbwin- 
digkeiten prallen nacb dem Stoss mit umgekebrten Gescbwindigkeiten 
zuriick; 2. ist aber B nur ein wenig grosser als (7, so geben beide nach 
dem Stoss in der Ricbtung des B mit gleicben Gescbwindigkeiten weiter ; 
3. sind B und C wieder gleicb, B aber etwas scbneller, so giebt B die 
Ilalfte seines Uebersobusses an (7 ab ; 4. rubt G und ist etwas grosser als 
B, so wird G unbewegt bleiben und B mit entgegengesetzter Gescbwin- 
digkeit zuruckprallen ; 5. ist aber unter denselben Umstanden G kleiner 
als B, so werden sicb beide Korper mit gleicben Gescbwindigkeiten 
weiter begeben, und zwar wird B an G nacb Yerbaltniss der Massen 
von seiner Gescbwindigkeit abgeben; 6. waren unter denselben Um- 
standen B und G gleicb, so wiirde G in der Ricbtung des B weiter 
geben, B aber zurilckprallen, die Gescbwindigkeiten wurden siob nacb dem 
Verb&ltniss der Massen vertbeilen; 7. in der siebenten Regel betracbtet 
Descartes den Fall , dass B und G gleicb gericbtete Gescbwindigkeiten 
baben, und giebt je nacb dem Yerbaltnisse der Gescbwindigkeiten ver- 
scbiedene Yorscbriften ftLr die Bestimmung der Bewegungen nacb dem 
Stosse. Yon den 7 Regeln ist keine unter den gegebenen Bedingungen 
ganz ricbtig, wobl aber sind die mittleren bauptsacblicb ganz unbegreiflicb 
falscb. Alles ist demZufall preisgegeben, weil Descartes' Gesetz liber die 



Zusammenhang der Korpertheilchen. Weltsysteme. 103 

MittheiliiDg von Bewegungen nar in seiner ersten Halfte richtig ist, weil er Desoartea, 
elastische und nnelastische Eorper nicht scbarf unterscheidet, and endlich, 
was Tielleicht der Gmnd von alien Fehlern, weil er eineUmwandlung 
Ton ausserer Bewegang in innere (Moleoalarbewegnng) nicht 
kennt nnddarum einVernichten von ausseren Bewegangen 
unter keinen Umstanden znlassen kann. Montacla(GeBchiclite 
der Math.) bewundert nnr die Gelehrigkeit der Scbuler des Descartes, 
welche seiche Satze glauben konnten ; Descartes selbst aber glaubte gegen 
alle Anfechtnngen geschdtzt zn sein, wenn er nach dem Aossprechen 
jener Gesetze daranf hinwies, dass es keine vollkommen harten 
Korper gabe und mithin jene Gesetze sich bei Versuchen 
niemals als g.anz richtig erweisen konnten. 

Da das Wesen eines Kdrpers nor in der Ansdehnang besteht, so 
darf Descartes demselben keinerlei innewohnenden Krafte, weder 
abstossende noch anziehende, zugestehen. Dass irgend ein 
Leim die Theilchen der Eorper zusammenhalte, ist undenkbar, darum 
kann dieser Zusammenhalt seine Ursache nur in der Tragheit der 
Materia haben, and der Widerstand, den ein Korper der Trennang 
seiner Theilchen entgegensetzt, kann kein anderer als der Tragheits- 
widerstand der Materie sein. Bei den Flussigkeiten findet ein 
Bolcher Widerstand nicht statt, weil deren Theilchen in immer- 
w ah render Bewegang sind. Ein fester Eorper aber, der sich in 
einer FlfLssigkeit befilndet, wird darch die Bewegang der kleinen Flussig- 
keitstheilchen weder in der Rahe gehindert, noch in seiner Bewegang 
beeinfloBst, weil die Stosse der Theilchen aaf ihn sich gegenseitig auf- 
heben. Die merkwardige Thatsache, dass ein fester K5rper so schwer 
zu zerbrechen ist, erklart sich dadurch, dass er als Ganzes der Bewe- 
gang Widerstand leistet, wahrend die Hand nar mit einzelnen Theilen 
ihn angreift. 

Von den Weltsystemen ist das Ptolemaische mit Recht ver- 
worfen worden, das Kopernikanische und das Tychonische sind ziemlich 
gleich gut, aber das erste hat die grossere Einfachheit fur sich; jetzt 
soil eine Hypothese aufgestellt werden, die noch einfacher und 
zugleich besserist. Descartes giebt sein Weltsystem uberall nur 
als Hypothese; er sagt schon in dem Discours: „Um meine Ansichten 
&eier aussprechen zu konnen, ohne den unter den Gelehrten herr- 
schenden Meinungen nachgehen oder sie widerlegen zu mussen, beschloss 
ich, diese irdische Welt bier ihnen ganz zu ihren Streitlgkeiten zu iiber- 
lassen and nor das zu besprechen, was in einer ganz neuen geschehen 
wiirde, wenn Gott an einem anderen Ort in dem Weltenraume gentigen- 
den Stoff zu ihrer Gestaltung erschufe, und wenn er den verschiedenen 
Theilen dieses Stoffes mancherlei Bewegungen g&be. — Nachher m5chte 
Gott dieser Natur nur seinen gewohnlichen Beistand leisten und sie nach 
^ren Cresetzen sich entwickeln lassen." Doch sieht man deutlich , dass 
er nor den Streitigkeiten der Gelehrten und den Anfechtungen der 



104 Erstes und zweites Element Wirbel. 

Desoartes, Theologen entgehen wollte^) und dass er selbst seiner Hypothese alle 
mogliche Sicherheit zuschrieb. 

Im Anfange war die Welt erfullt mit materiellen Theilchen 
von gleichem Stoff und gleicber mittlerer Grosse. Dieses 
Siofifmeer war nicbt rufaig, sondern in viele ungef&br kugelfor- 
mige Wirbel getbeilt, die sich jeder urn eine Acbse drebten. Die 
einzelnen Tbeilcben des Stoffes konnten anfangs nicbt kugelformig sein, 
weil sie sonst den Raum nicbt ausgefullt batten, aber nacb und nacb 
schliffen sie sicb io den Wirbelbewegungen an einander zh Eugeln ab 
und nun bestanden zweierlei Materien in der Welt, n&mlicb 
die Eugelcben, diese nennt Descartes die Tbeilcben des zweiten 
Elements, und die von ibnen abgescbliffeneu, viel kleine- 
ren Tbeilcben, welcbe die Zwiscbenraume des zweiten Elements aus- 
fiillen, diese beissen Tbeilcben des ersten Elements. Die im An- 
fange geringe Menge der Tbeilcben des ersten Elements vermebrte sicb 
immer mebr, wie sicb die Tbeilcben des zweiten Elements mebr und 
mebr an einander abrieben, und da nun die Menge derselben grosser 
wurde, als zur AusfuUung der Ltlcken notbig war, so floss diese 
ubrigo Masse nacb der Mitte des Wirbels und bildete dort 
einen bocbst flUssigen Korper, den Gentralkorper des 
Wirbels. Das war um so leicbter, als erstens die Kiigelchen des zwei- 
ten Elements durcb das Abscbleifen kleiner wurdcn und zweitens ibrer 
bedeutenderen Grosse wegen starker als die Tbeilcben des ersten Ele- 
ments nacb aussen drangten, so dass nun fur das erste Element in der 
Mitte des Wirbels ein Raum frei blieb. Jeder Korper eines Wir- 
bels zeigt namlicb wie der Stein in einer Scbleuder ein Streben 
nacb aussen zu geben, und zwar uberwiegt dabei das Streben des 
grosseren. Diesem Bestreben kann aber obne Weiteres kein Tbeilcben 
des zweiten Elementes fulgen, denn jedes innere Tbeilcben wird von den 
ausseren zuruckgehalten , und die aussersten werden von den angren- 
zenden Wirbeln zuriickgedrangt. Docb setzt sicb weuigstens der Druck 
vom Gentralkorper aus, wo der Stoff des ersten Elements dicbt znsammen 
liegt, im ganzen Wirbel geradlinig nacb aussen fort und wirkt auch nocb 
auf die benacbbarten Wirbel. Diesen Druck empfindet das Augc 
als Licbt, und von dieser Ansicht aus lassen sicb alle Eigentbiimlicb- 
keiten des Licbts erklaren. 

Die an einander grenzenden Wirbel im Uimmelsranmo werden sicb 
in ibren Bewegungen beeinflussen und mussen ibre Bewegungen einander 
so anpassen, dass sie sicb am wenigsten bindern. Dies wird nur dann 
der Fall sein, wenu die Pole des einen Wirbels den Aequa- 
torialgegenden des anderen nabe liegen; denn wurden die 



^) Descartes hatte schon 1633 eine Schrift liber das Weltsystem fast voll- 
eudet, als er aber von der Verurtheilung Galilei's horte, anterliess er die 
Herausgabe derselben. 



Drittes Element Fleckenbildung. 105 

Wirbel mit den Polen an einander liegen, so milssten sie bei gleicber Descartes, 
Rotationsricbtong in einander fliessen, bei entgegengesetzter aber sicb ^^^^' 
am starksten bemmen. Der dnrcb die Rotation bewirkte Druck nacb 
aiiBsen ist in jedem Wirbel am grdssten am Aequator und am kleinsten 
an den Polen ; wenn also Aequator and Pol von zwei Wirbeln zusammen- 
fttossen, 80 wird der Aussendruck des ersteren im Allgemeinen (er baDgt 
ancb Ton der Grosse der Wirbel ab) an dieser Stelle grosser sein als der 
des andereo, nnd es wird Stoff aus dem ersten Wirbel in den zweiten 
fibei-fliessen. Dies wird vor allem Stoff des ersten Elements sein , deun 
dieser hat weniger Bebarrung und dringt leicht durcb die Gange zwiscben 
den Kfigelcben des zweiten. £s stromt also in jedem Wirbel 
Stoff des ersten Elements in der Ricbtung der Acbse ein 
und in der Ricbtung des Aequators wieder aus. Der aus 
einem fremden Wirbel in den eigenen Wirbel eindringende Stoff ersten 
Elements druckt aucb auf die Kiigelchen zweiten Elements und erzeugt 
damit im Auge Licbtempfindung, was in Bezug auf das Seben frem- 
der Centralkorper von Wicbtigkeit (aber docb nicbt geniigender Wir- 
kxmg) ist. 

Wenn Tbeilcben des ersten Elements durcb einen Wirbel in der 
Ricbtung der Acbse bindurcbgeben, so mussen sie sicb, da die Zwiscben- 
r&nme zwiscben den Kugelcben des zweiten Elements dreieckig sind, 
dreikantig formen, und da sicb der Wirbel w&brend ibres Laufes 
dreht, so werden sie sicb nacb Art der Scbneckenhauser win- 
den und zwar in entgegengesetzter Ricbtung, je nacbdem sie in 
einer oder der anderen Ricbtung durcb den Wirbel gegangen sind^). So 
lange diese so gestalteten Tbeilcben des ersten Elements nocb zwiscben den 
Kugelcben des zweiten Elements sicb befinden, wird ibre Gestalt obne 
Einfluss sein, sobald sie aber im Raume des Centralkorpers sicb unge- 
trennt zusammenfinden, so werden sie sicb zusammenfilzen und 
grossere Masseh bilden, die nun (des Aussendrucks wegen) in 
dem Centralkorper nabe dem Aequator emporsteigen. Diese scbwerer 
beweglicben Massen werden als ein neues drittes Ele- 
ment bezeicbnet. Wenn iiber die Oberflacbe eines Centralkorpers ein 
Flecken aus solcber Masse bestebend sicb gelagert bat, ho bindert dieser 
den Stoss der Tbeile des Centralkorpers auf die umgebenden Kiigelcben 
des Wirbels. Dieser Stoss war im Verbaltniss recbt stark, weil alle die 
gleicbartigen Tbeilcben des Centralkorpers in ibrer Wirkung zusammen- 
stimmten; wird er jetzt gebindert, so wird iiberhaupt der Druck nacb 
anssen an dieser Stelle stark vermindert, und das Licbt des Central- 
kdrpers wird durcb den Flecken stark gescbwacbt oder 
yielleicbt aucb ganz ausgeldscbt. Die Verminderung des Aussen- 
drncks durcb den Flecken wirkt jedocb nocb bedeutender. Mit dem 



') Das ist fiir eine spatere Erkl&rung der magnetischen Erscheinungen 
wichtig. 



106 Entstehung von Kometen und Planeten. 

Descartes, Aussendruck wird aach der Widerstand des Wirbels gegeo die benach- 



1644. 



barten geringer, die Theilchen der benachbarten Wirbel werden dann in 
ihn eindringen, seine Theilohen mit eich fuhren und ihm so von seinem 
Stoff mehr oder weniger entziehen. Ja es kann gescbehen, wenn der 
Gentralkorper sicb ganz mit Flecken bedeckt, dass der Wirbel von einem 
starkeren Wirbel gftnzlich aufgesogen wird und dass sein Gentralkorper 
voUstandig in den zweiten Wirbel eintritt. Die fortscbrei- 
tende Bewegung, die er dabei erbalt, h&ngt von seiner Dicbtigkeit und 
Masse ab; ist sie so gross, dass der erloscbene Gentralk5rper durcb 
den Wirbel bindurcbgebt , so wird er zu einem Wandelstern oder 
Kometen; ist dies aber nicht der Fall, so wird ibn der Wirbel mit 
sicb um seinen Gentralkorper fiibren und er wird zu einem Planeten 
desselben. 

Jetzt liegt das Weltsystem Descartes' klar vor uns. Jeder Wirbel 
bildet ein Son nensy stem; sein Gentralkorper, die Sonne, bestebt aus 
Tbeilcben des ersten Elements, nur ibre Flecken gebdren dem dritten 
Element an; der Wirbel selbst bestebt aus Kiigelcben des zweiten Ele- 
ments. Ein solcher Wirbel kann mebrere dunkel gewordene Fixsterne 
aufgesogen haben; dies sind seine Planeten, die nocb immer die Rota- 
tion ibres verloren gegangenen Wirbels in der Drehung um ibre Acbse 
zeigen und vielleicbt vorber scbon andere Gentralk5rper aufgenommen 
batten und also selbst Trabanten mit sicb fiibren. Nacb diesem Welt- 
system bewegt sicb also die Erde wie alle Planeten mit dem gesammten 
Himmelsstoff unseres Wirbels um die Acbse unseres Sonnensysteme ; 
daraus folgt, dass weder Erde nocb die anderen Planeten 
strong genommen eine eigene Bewegung baben. Keiner der 
Planeten entfernt sicb aus der Nacbbarscbaft des ibn berubrenden Him- 
melsstoffes^ vielmebr trennt sicb bald dieses bald jenes Tbeilcben des 
fldssigen Himmelsstoffes von dem Planeten mit einer Bewegung, die eben 
diesen Tbeilcben und nicbt dem Planeten zuzuscbreiben ist. Die Erde 
bewegt sicb also nicbt, die Gegner des Kopernikus durfen Descartes 
ausser Verfolgung lassen. 

Nacb der Betracbtung des Weltsystems wendet Descartes sicb zur 
Erde, und war er scbon vorber nicbt furcbtsam bei Hypo- 
tbesen uber die Gestaltung der Materie, so wird er bierin 
nun nocb fruobtbarer. Immer mebr werden die kleinsten Tbeilcben, 
die wir nie beobachten k5nnen, mit Ecken und Zweigen versehen, und 
wo nur einmal die ErklSrung zu stocken beginnt, da fliegt gleicb den 
Tbeilcben ein neuer Auswucbs an. Wir konnen alle diese Wandlungen 
nicbt mitmacben, sondern mussen nocb ktirzer als frdher in den Einzel- 
beiten verfabren. Die Erde bestebt in ihremlnnersten (nocb von 
ibrer frOberen RoUe als Gentralgestirn ber) ausTbeilcbendes ersten 
Elements, darauf folgt eine ganz dunkle Hulle aus Tbeil- 
cben des dritten Elements, die bei dem Erkalten aus den Flecken 
sicb gebildet bat Yon beiden erfabren wir direct nicbts, nacb diesen 



Zusammensetzung der Erdrinde. Warme. Elasticitat. 107 

Hflllen kommt erst die ftussere Rinde, die aus Trummern DeBcartes, 
der zweiten g'ebildet und mit vielen himmliscben Theilen 
Termischt ist. Weil die irdische Materie in groBsen Massen zu- 
sammenhftogt, so folgt sie nicht so leicbt dem Dracke nach aussen, der 
durch die Rotation der Erde erzeugt wird, wie der himmliscbe Stoff, der 
zwischen der irdiscben Masse sicb befindet. Der bimmliscbe kann aber 
nicht Ton der Erde in den dorcbaus mit Stoff erf&llten Himmelsraum 
sich entfemen, obne andere Stoffe nieder, d. b. nacb dem Centrum der 
Erde, za driicken. Und da nun uberall der bimmliscbe Stoff das gleicbe 
Sireben nacb aussen besitzt und der irdiscbe Stoff iiberall diesem nacb- 
steht, so wird an alien Orten der irdiscbe Stoff nacb dem Centrum 
gedrangt, und diese Erscbeinung ist's, die man als die Scbwere bezeicbnet. 
Schwere ist also kein dem Stoff an sicb innewobnendes 
Streben, sondern nur der Ruckstoss, den die vom Centrum 
sich entfernenden Himmelsktigelcben auf die irdiscbe 
Materie aus ii ben. Aucb die Ebbe und Flutb erklart Descartes 
naturlicb nicbt durcb eine Anziebung des Mondes, er leitet dieselbe ab 
aos einer Yerengerung des Erdwirbels an der Stelle, wo der Mond stebt. 
Da der ganze kreisende Himmelsstoff sicb zwiscben Erde und Mond durcb- 
drangen muss, so driickt er an dieser Stelle das Meerwasser zurdck und 
erzeugt dadurcb die Ebbe *). 

Die Luft ist eine Anbaufung von Tbeilcben des dritten 
Elements, die so fein und so weit you einander entfernt 
sind, dass sie alien Bewegungen des Himmelsstoffes folgen. 
Darch Warme wird die Luft ausgedebnt. W&rme ist namlicb die 
darcb den Stoss der Himmelskiigelcben bewirkte Erzitte- 
rang der irdiscben Tbeilcben; wird die Erzitterung starker, so 
hrauchen die Tbeilcben, welcbe im AUgemeinen mebr lang als breit sind, 
mehr Raum, und darum debnen sicb alle Korper wie aucb die Luft beim 
Erwarmen aus. Da femer immer eine gewisse W&rme und somit aucb 
eine gewisse Bewegung der Tbeilcben vorbanden ist, so erkl&rt sicb 
hierbei aucb die Elastioitftt der Korper und vor allem die der 
Lnfi Dass die oberste ErdbuUe in ibren G&ngen Himmelsstoff entbalt, 
haben wir scbon bemerkt; aber aucb die zweite Erdbillle lasst aus dem 
Innern Tbeilcben des ersten Elements aufsteigen, welcbe die Tbeilcben 
der oberen HuUen zum Erzittern bringen, also erbitzen, und welcbe die- 
selben aucb in gewisser Weise umformen. Die scb&rfsten der da- 
durcb entstebenden Tbeilcben bilden das Salz, die weicb- 
«ten den Scbwefel und die scbwersten und runden den 
Merkur, das sind die drei Urstoffe der Cbemiker. Alle Erd- 
theilchen baben, wenn sie einzeln und getrennt der scbnellen Bewegung 



*) Nacb der Attractionfftheorie tritt gerade dem Mond gegeniiber Fluth ein. 
Doch verzSgert rich der Eintritt derselben um einige Stuuden, so dass die 
Beobachtaug*auch dem Descartes nicht direct widerspricht. 



108 Maguetismus. 

Descartes, doB ersten Elements folgen, die Form derFlamme; wenn sie aber wenigcr 
^^*^' schnell mit den Eftgelchen des zweiten Elements sich bewegen, die Form 

der Luft. Aus dem Eieselstein kann man mit einem harten Stoffe Fun* 
ken Bchlagen, indem man die KQgelcben des zweiten Elements zum 
Herausspringen nothigt. Blitze, Irrlicbter, Sternschnnppen entsteben 
auf gleicbe Weise durcb NiederstCLrzen von Wolken auf einaoder. Wasser 
ist dem Feuer desbalb so entgegen, weil es nicht bloss aus dickeren, son- 
dern aucb weicberen und klebrigen Theilcben bestebt. „Nicbt8 fangt 
scbneller Feuer und behalt es kQrzere Zeit als Scbiesspulver , was aus 
Scbwefel, Salpeter und Koble gemacbt wird. Denn der blosse Scbwefel 
ist scbon sebr feuerfangend, weil er ausTbeilcbeu scbarfer Safte bestebt, 
die in so dunne und gespaltene Zweige des ubrigen Stoffes eingebtlllt 
sind, dass sebr viele Gange nur dem ersten Element ofifen stebcn. Des- 
balb gilt aucb der Scbwefel als die bitzigste Medicin." In Todten- 
gewolben konnten Lampen nocb nacb vieleu Jabreu brennend gefunden 
werden, weil der Rubs ein kleines Gewolbe bildete, innerbalb dessen der 
Stoff des ersten Elements, wie bei einem Stern sicb scbnell um sicb 
drebte und alle anderen Tbeilcben znriickstiess. Auf solcbe Weise 
erklart Descartes aus der Gestalt der Tbeilcben alle ibm 
bekannten Naturerscbeinungen, wobei er nur in GonRtatirung 
der Tbatsacben, wie aucb Bacon, nicbt sebr sorgfaltig ist. 

Wir beben nur nocb seioe magnetiscbe Tbeorie beraus, weil 
sie eine bessere tbats&cblicbe Grundlage bat und weil sie besonders zeigt, 
mit welcb erstaunlicber Gescbicklicbkeit Descartes alle Wirkung in 
die Feme durcb unmittelbare Stossbeweguugen erklart. 
Der Stoff des ersten Elements stromt an den Polen eines jedeu Wirbels 
ein und gebt in der Kicbtuug der Acbse durcb den Wirbcl, also aucb 
durcb den Centralkorper hiudurcb. Dabei uimrat er eiue scbnecken- 
formig gewundene Gestalt an und scbneidet danacb beim Durcbgang 
durcb die Masse des dritten Elements in diese entsprecbend gewundene 
Ganale ein. Aucb die Erde bat von ibrer Stelle als Central- 
gestirn ber solcbe Ganale, nur sind dieselben nicbt in 
alien irdiscben Stoffen geblieben, vielmebr gebt aus der Bc- 
scbaffenbeit der kleinsten Tbeilcben bervor, dass sie nur im Eisen 
sicb off en erbalten baben. Durcb diese Ganale stromt der Stoff 
des ersten Elements, da dieselbcn aber entgegengesetzt gewuuden sind, 
so kann der Stoff des ersten Elements durcb Ganale, die vom Siid- nacb 
dem Nordpol fubren, nur gcben, wenn er selbst durcb den Wirbel bin- 
durcb diese Ricbtung scbon verfolgt bat und umgekebrt. Ist also dieser 
Stoff von einem Pol zum anderen durcb die Erde bindurcbgegangen, bo 
kann er wegen der Ricbtungen seiner Windungen nicbt direct zuruck, 
weiter kann er aber aucb nicbt, weil Luft und Wasser und audere Korper 
keine solcben Gange baben , er muss also um die Erde bcramlaufen, nm 
an dem ersten Pole wieder eintreten zu konnen. Ninimt man nun einen 
natiirlicben Magneten, d. b. ein StSick Eisen, in welcbes 



Ungerechtfertigte Sicherheit Descartes'. 109 

Bolcbe Gange eingeschDitten siud, aus der Erde, so werden die Descartoa, 
Strome des ersten Elements nur ungebindert durch den Magneten bin- ^^^' 
dnrchgeben, wenn dessen Gange dieselbe Ricbtung baben 
wie in der Erde; im anderen Falle treffen die Tbeilcben scbief auf 
die Glinge und sind somit bestrebt, den Magneten so aafznstellen, dass 
seine Acbse der Erdachse parallel wird. Wie aber die Erde 
und ein Magnet, bo verbalten sicb ancb im Kleinen zwei Magnete 
sa einander; die ricbtende Kraft derselben ist somit erkl&rt, die 
anziehende leitet Descartes ans dem Ruckstoss der Tbeilcben beim 
Anstritt aus den Magneten in die Loft ab. Aach das verscbiedene Ver- 
balten von weicbem Eisen und Stabl, sowie die Scbwacbung 
des Magneten darcb Erbitzung folgt nun leicbt aus der Tbeorie. 
Descartes giebt seine Wirbeltbeorie als blosse Hypotbese, indessbn 
ist leicbt zu seben, dass er derselben eine einzige Berecbtigang zuspracb. 
Nachdem er zuerst an allem gezweifelt, was uberlieferte Gelebrsamkeit 
biess, ist er mit Hdlfe seines Fundamentalsatzes der Existenz Gottes und 
mit diesem als Burgen seiner eigenen Erkenntnisskraft ganzlicb sicber 
geworden. Da wir nun so das Fundament gewonnen, dUrfen wir wieder 
rnhig pbilosopbiscbe Tbeorien ausbilden und braucben nicbt angstlicb 
zu sein, dass irgend eine moglicbeErfabrung uns widerlegen 
konnte. Vor allem dUrfen wir obne jede experimentelle 
Prafung verwerfen, was unserer Definition der Materie 
widerspricbt; denn ware diese, deren Ricbtigkeit wir klar und dent- 
licb erkannt baben, trotzdem falscb, so musste der wabrbaftige Gott 
nns mit einem Erkenntnissvermogen betrogen baben, das uns Unwabres 
for Wabres gabe. In Ansebung dieses Standpunktes kann man es begreif- 
licbf wenn aucb nicbt entscbuldbar finden, dass Descartes in einem Briefe 
an seinen Freund Mersenne scbreibt: Galilei babe, obne die ersten 
Ursacben der Natur zu betracbten, nur die GrAnde einiger besonderen 
Wirkungen gesucbt und so obne Fundament gebaut; alles was er von 
der Gescbwindigkeit der Korper sage, welcbe im leeren Raume Relen, 
sei obne Fundament; denn er batte zuvor bestimmen miissen, was die 
Scbwere sei, und wenn er das Ricbtige gewnsst batte, so wiirde er wissen, 
da3S sie im leeren Raumc gar nicbt vorbanden. „Was zunacbst Galilei 
betriift, so will icb Ibnen sagen, dass icb ibn niemals geseben und aucb 
keinen Yerkebr mit ibm gebabt babe und dass icb folglicb von ibm 
nicbts cntlebnt baben kann und aucb in seinen Biicbern nicbts sebe, 
was icb beneidete und fast nicbts, was icb als das Meinige eingesteben 
mocbte^ i). 

Da wir klar und deutlicb eingeseben baben, dass keiner Materie von 
Natur aus irgend eine Kraft inne wobnen kann, so ist keine andere 

') Fur den Mechaniker besonders bezeichnend ist der folgende, gegen Ga- 
lilei gericbtete Satz: Es ist offenbar, dass ein Stein nicbt auf gleicbe Weise 
geneigt ist, eine nene Bewegung oder eine Vermebrung seiner Gescbwindigkeit 
anzunebmen, wenn er sich bereits sebr scbnell, oder wenn er sicb langsam bewegt. 



110 Vernachlassigung der quantitativen Verhaltnisse. 

Descartes, Hypothese moglicb als die Wirbeltheorie. Wir brauchen ans also gar 



1644. 



nicbt mit einer Begrttndung derselben anfzubalten , sondern nur zuzu- 
seben , wie alle Erscbeinungen aus diesem Fundament zu erMaren sind. 
Nun muss man zugeben, dass in der Moglicbkeit einer solcben 
Erklarung die beste Verification einer Hypotbese liegt; 
aber bier passirt docb unserem Pbilosopben etwas Merkwiirdiges. Des- 
cartes ist einer der bedeutendsten Matbematiker seines Jabrbun- 
derts, die Erfindung der analytiscben Geometric wird ewig seinen Namen 
glanzend erbalten, bei der Betracbtung seiner Optik werden wir ibn 
aucb als bedentenden matbematiscben Pbysiker kennen lernen; 
nur bei Aufstellung seiner Wirbeltbeorie bat er den 
Matbematiker g&nzlicb vergessen. In dem ganzen Bacbe 
kommt nicbt eine einzige exacte Grossenbestimmung Yor; Descartes 
bekilmmert sicb weder urn die wabren Grossen der Massen, nocb der 
Raume, nocb der Gescbwindigkeiten, nnd dies wird tddtlicb fiir die ganze 
Theorie. Eine Hypotbese kann nicbt besser beglaubigt werden, als wenn 
wir matbematiscb die Grossenverb&ltnisse aus ibr deduciren und dann 
experimentell nacbweisen, dass diese Grdssenverb&ltnisse in Wirklicbkeit 
stattfinden. Die matbematiscbe Deduction ist absolut sicber; erlaubt die 
Hypotbese eine solcbe und stimmen die deducirten Verbaltnisse mit den 
an den Erscbeinungen gemessenen, so bat die Hypotbese die genaueste 
Probe bestanden, die sie besteben kann. Descartes aber zeigt in 
seiner Wirbeltbeorie keinen Gedanken an eine matbe- 
matiscbe Verification, er ist nur Pbilosopb, der aus 
seiner Definition der Materie alle Erscbeinungen der 
Korperwelt ableitet. Und da aus dem Satze „die Natur der Ma- 
terie besteht nur in der Ansdebnung'^ allein nicbt yiel berauszuklauben 
ist, so wird er im Verlauf der Untersucbung gezwungen, immer mebr 
neue Htllfsbypotbesen tLber die Gestaltung der Materie binzuzufugen. 
Das ist auf der einen Seite bequem, denn direct experimentell lasst sicb 
uber die Gestaltung der unsicbtbar kleinen Tbeilcben nicbt entscbeiden, 
bat aber auf der anderen Seite den alles vernicbtenden Nacbtbeil, dass 
mit H&ufung der Hypotbesen die Wabrscbeinlicbkeit der 
ganzen Tbeorie der Null immermebr sicb annabert. Man 
kann nicbt verkennen, dass der Versucb, die Annabme eines 
Vereinigungsbestrebens aller gleicbartigen Kdrper un- 
ndtbig zu macben, bdcbst geistreicb ist, es ist aucb entscbieden 
kein unverdienstlicbes Unternebmen, aus der Pbysik alle 
unvermittelte Wirkung der Kdrper aufeinander zu elimi- 
niren; aber dieses Weltsystem war docb zu luftig gebaut, als dass es 
langere Sicberbeit b&tte gew&bren konnen und sowie ein matbematiscb 
festes Gebaude ibm gegenuber erricbtet wurde, musste es verlassen werden^). 



^) Am unjirangtigBten ist immer das Unternebmen des DeRcartes von den 
Astronomen beurtheilt worden, die Grnndlagen fiir ibre Rechnimgen verlan^en. 



Verbreitung der Cartesianischen Theorie. Optik. Ill 

Za ihrer Zeit aber fanden die Ansiohten des Descartes DMoartos, 
allgemeine andscbnelle Verbreitung. Die Peripatetiker batten ^^^^' 
f&r jede nnerklarlicbe Erscbeinung an der Materie eine besondere Fabig- 
keit (qnalitas occulta) derselben eingepflanzt, die jedocb ebenso wenig 
erklart wurde; die bimmliscben Korper z. B. bewegten sicb kreisformig, 
die irdiscben geradlinig, nur weil es ibnen so natiirlicb war. Solcben 
verborgenen Qualit&ten gegendber waren dieAnnabmen des Descartes in 
imlaagbarem Vortbeil. In dem Systeme des Descartes wirken keine 
Terborgenen Kr&fte, das Ratbselder Scbwerkraft selbst 
existirt nicbt, leicbt verstandliobe Hypotbesen iiber die 
Form der Materie sind die Qrundlagen der Ableitungen. 
Wenn man damals daruber binweg sab, dass es doob der Hypotbesen zu 
▼iel wurden, so darf man entscbuldigend anfubren, dass eine bessere 
Erklamng yieler der £rscbeii)ungen nicbt yorbanden und dass eine Ver- 
bessemng aucb der Mangel ja nicbt ausgescblossen erscbien. In Frank- 
reicb wie in England wurde einige Zeit nacb Descartes 
di.e Physik nur nacb seinen Anscbauungen gelebrt; Ro- 
hault's Traite de pbysique, der 1673 zum ersten Male erscbien 
nnd ganz auf Descartes basirt war, gait fur das Hauptscbulbucb. Als 
Newtonsein System bekannt macbte, batte es einenlangen 
Kampf gegen das Descartes'scbe zn besteben und befand 
sicb langere Zeit in ung&nstiger Lage. 

Wir geben nun Uber zur Betracbtung der Ansicbten Des- 
cartes' uber dasLicbt, wie sieyor allemin denAnb&ngen zu seinem 
Discours, in der Dioptrik und den Meteoren entbalten sind. Das Licbt 
bestebt, wie scbon bemerkt, in einem Druck der Himmelskugelcben (der 
Kugelcben des zweiten Elements) auf das Auge. Damit bait Descartes 
die Mitte zwiscben der Emissions- und der Undulationstbeorie des Lichts. 
Daa Licbt wird nicbt erzeugt durcb eine Wellenbewegung oder durcb eine 
Aussendung yon Licbtmaterie, yielmebr pflanzt sicb momentan yon Himmels- 
kugelcben zu Himmelskugelcben nur ein Druck fort, der dann yom Auge 
als Licbt empfunden wird. Ein solcber Druck wird, wie wir geseben, yon 
jedem Fixstern ausgeiibt, aber aucb yon jedem leucbtenden irdiscben 
Korper, weil ein solcber durcb die beftige Bewegung seiner 1 a n g 1 i c b 
gestalteten kleinsten Tbeilcben die Kdgelcben zweiten Ele- 
ments, welcbe sicb in ibm und um ibn befinden, immerw&brend druckt, 
und stosst. Descartes glaubt aucb, dass die Netzbaut des 
Auges selbst einen solcben Drpck ausilben und dadurcb 
die Korper gleicbsam tastend aucb im Dunkeln seben 
konnte. Von seiner Tbeorie aus lost dann Descartes die gewdbnlicben 



De lam bra sagt: Descartes hat dleMethode der alten Griechen emeuert, die ins 
Blaue hineinredeten, ohne jamais za beobachten oder zu rechnen ; aber Irrthum 
gegen Irrthum, Boman gegen Boman gehalten, sind mir die soliden SphSlren 
des Aristoteles noch lieber als die Wirbel des Descartes. 



112 



Brechungsgesetz. 



Descartesi 
1644. 



Probleme der Reflexion nnd Refraction. Denken wir ans, ein Himmels- 
kagelcben stosst schief gegen eine harte Wand, so lasst sicb nach den 
Stossgesetzen leicht zeigen, dass es unter demselben Winkel znr&ckprallen 
moss, unter dem es aufgefallen, and dass mi t bin Ein falls- und Re- 
flexionswinkel einander gleicb sein miissen. Denken wir uns 
aber, um dasBrecbungsgesetz abznleiten, dass ein solcbes Kiigelcben 
an eine Wand kommt, in welcbe es eindringen kann, und setzen wir 
vorauB, dass in dem dicbteren Stoffe der Wand sicb das Kugelcben mit 
grosserer, z. B. zweimal so grosser Gescbwindigkeit als vorber fort- 
be wegt, so wird folgende Construction zum erwunscbten Ziele fubren. 
Bezeicbnen wir die Wand mit AB^ eine der Gescbwindigkeit des Licbts 
proportionale Strecke mit CD, und scblagen wir mit CD um D einen 
Kreis, so wird das Kfigelcben in der Wand den Radius des Kreises in 
der Halfte der Zeit durcblaufen, in welcber es den Radius CD durcb- 
laufen bat. Zerlegen wir dann die Bewegung CD in die senkrecbten 
Componenten CE und ED, so wird in der Wand die parallel gebende 
Bewegung nicbt verandert werden (so setzt Descartes voraus), sie wird 

also in der Halfte der Zeit nur die Halfte von 
ED gleicb DF durcblaufen; die Veranderung 
der Bewegung der senkrecbten Componeute in 
der Wand braucben wir nicbt zu discntiren, denn 
|b durcb die Grosse der ganzen Bewegung und 
die Grosse und Ricbtung der einen Componente 
ist scbon derWeg des Kugelcbens in der Wand 
bestimmt. Das Yerbaltniss der Wege, welche 
ausserbalb und innerbalb der Wand parallel 
zur Wand zuruckgelegt werden, wird dabei fur 
jeden £infallswinkel immer dasselbe , in unserem Beispiel 2:1, bleiben 
und da dieses Yerbaltniss , wie sicb aus der Figur ergiebt , gleicb dem 
der Sinus yom Einfallswinkel nnd Brecbungswinkel ist, so 
folgt daraus direct, dass das Yerbaltniss dieser Sinus fur die- 
selben Medien immer dasselbe ist. 

Descartes bat mit seinem Brecbungsgesetze wenig Rubm oingeerntet. 
Man bat betont, dass Snell dies Gesetz scbon vor Descartes, wenn aucb 
in unbequemerer Form gegeben, und bat aucb geradezu bebauptet, Des- 
cartes babe die SnelTscbe Entdeckung gekannt und 
benutzt und sicb folglicb, als er denselben bei Angabe des Gesetzes 
nicbt nannte, eines Plagiats scbuldig gemacbt. So tbat das Isaac Yoss 
yom Jabre 1662 an, und Hugbens batte sogar erfabren, dass Descartes 
die betreffende Snell^scbe Handscbrift selbst geseben babe. Die Ge- 
scbicbtsscbreiber der Matbematik und Pbysik baben diese Bescbuldi- 
gungen meist fOr wabr angenommen; jetzt bat Dr. P. Kramer zu 
zeigen versucbt^), dass die bei weitem grdssere Wabrscbeinlicbkeit 




1) Zeitschrift f. Mathem. u. Physik, XXYH. Jahrg. Histor. lit. Supplement. 



Verhaltniss des Descartes zu Snell. 113 

for die selbst&ndige Entdecknng des Brechungsgesetzes durch Descartes DMcartM, 
sei. Kramer setzt diese Entdecknng in die Jahre 1627 oder 1628, weil ^**** 
Descartes nm diese Zeit ein Instrument znm Scbleifen von Linsen con- 
strairt habe, welches von der Eenntniss des Brecliangsgesetzes zenge. 
£r nimmt als wahrscbeinlich an , dass Descartes bei Gelegenbeit seiner 
beiden karzen Aufentbalte in Holland wahrend der Jabre 1619 und 
1621 bis 1622 nichts von Snell's Entdecknng (wenn sie ^berbanpt bis 
dahin feriig) gebort baben kdnne, und da der lange Aufentbalt Descartes' 
in Holland erst 1629 beginnt, so ware damit eine unabbangige Auffin- 
dang des Gesetzes durcb diesen constatirt. AUes das vor der Hand zu- 
gegeben, darf man docb annebmen, dass Descartes bis znm Jabre 1637, 
wo die Veroifentlicbung seines Werkes erfolgte, von Snell's Entdecknng 
Kenntniss bekommen batte, um so sicberer, als der Prof. Hortensius das 
Gesetz von 1634 an dffentlicb nacb Snell vortrug. Wenn das aber der 
Fall, was aucb Kramer fur moglicb bait, so erscbeint erst recbt sonder- 
bar, dass Descartes in seiner Dioptrik sicb das Recbt der unabb&ngigen 
Entdecknng nicbt ausdrCLcklicb aucb gegen Snell gewabrt bat. Kramer 
bemObt sicb zu zeigen, dass Descartes bier nicbt die Pflicbt batte, seinen 
Vorganger zn nennen; wir meinen aber, es batte eine solcbe Erwabnung 
b seinem eigenen Interesse gelegen, und da er, wie wir aucb sp&ter 
nocb seben werden, gerade in dieser Ricbtung seine Recbte immer zu 
vahren bemubt war, so scbeint uns die UnterlassuDg an dieser Stelle 
docb gegen ibn zu sprecben. Wir balten darum eine stillscbweigende 
Benutzung der Snell'scben Entdecknng durcb Descartes nocb immer 
for wabrscbeinlicb und um so mebr, als Descartes (wie er selbst aus- 
spracb und wie Kramer nacbweist) es eben nicbt fiir seine t'flicbt bielt, 
in einem Werke, das ja keine Gescbicbte der Optik sein sollte, seine 
Vorganger namentlicb anzufQbren. Wenn Yoss und Huygbens erst nacb 
dem Tode des Descartes mit ibren Er6£Fnungen bervortraten , so kann 
man daraus nocb keinen Scbluss gegen die Ricbtigkeit derselben zieben, 
nnd Descartes fiir ganzlicb obne Scbuld erklHren , beisst bier leider 
Bchwere Vorwurfe gegen Manner wie Voss und Huygbens erbeben. 

Descartes muss zu seiner Ableitung des Brecbungsgesetzes 
verscbiedene Yoraussetzungen macben: 1. die Gescbwindigkeit des 
Lichts in einem dicbteren Mittel ist grdsser als in einem dunneren; 
2. diese Gescbwindigkeiten baben bei denselben Medien ftir alle Einfalls- 
winkel dasselbe Yerbftltniss, und 3. die zur Trennungsflficbe der Medien 
parallele Componente wird beim Uebertritt aus einem Medium in das 
andere nicbt ver&ndert, woraus nocb folgt, dass die normale Componente 
in einem Yerb&ltniss geandert wird, welcbes mit dem Einfallswinkel 
Belbst sicb ver&ndert. Alle diese Hypotbesen baben in sicb 
wenig Wabrscbeinlicbkeit und werden erst durcb Erlan- 
gnng eines ricbtigen Resultats plausibel, Der engliscbe 
Philosopb Hobbes (1588 bis 1679) und der berftbmte Matbematiker 
Fermat (1590 bis 1663) vor allem griffon dcnn aucb diesen Beweis in 

Hoienberger, Oesohichte der Phyrik. II. 3 



114 Verschiedene Beweise fur das Brechungsgesetz. 

Deeoartes, alien Pnnkten an, und Descartes konnte kaum zu einem Waffenstillstande, 
^^^' geschweige denn zn einem Siege gelangen. Ja, als nach dem Tode 

Descartes' sein Scbuler Clerselier in den sechziger Jabren mehrere un* 
gedruckte Schriften wie auch die Brief e^) desselben herausgab und seine 
Ableitung des Brecbungsgesetzes vertbeidigte, nabm aucb Format den Streit 
yon Neuem auf and gab selbst einen Beweis, der in seiner Gmndlage einer 
Descartes'scben Annabme direct widerspracb. Fermat glaubte yoraussetzen 
zu durfen, dass das Licbt den Weg von einem Punkt in einem 
Medium bis zu einem Punkte in einem anderen Medium in 
der kurzesten Zeit zurdcklegen werde, und wandte seine 
neue Metbode der Maxima und Minima an, um diesen Weg 
zubestimmen. Er fand dadurcb ein dem Descartes^scben Brecbungs- 
gesetz entsprecbendes Resultat, musste aber dabei die Geschwindig- 
keit im diobteren Mittel geringer annebmen als im dun- 
neren. Da die Natur keine Yerscbwendung begeben darf, so bielt er 
sein Princip der kleinsten Wirkung fdr natiirlicb sicber und meinte so 
seinen Gegner ganzlicb widerlegt zu baben. Glerselier jedocb gab sicb 

nicbt gefangen; er entgegnete, dass jenes 
Princip Fermat^s fUr die Physik docb aucb 
keine andere als bypotbetiscbe Geltung 
baben konne, und so baben sicb aucb in der 
Folge jene beiden Ansicbten fiber das Ver- 
baltniss der Licbtgescbwindigkeiten in dun- 
neren und dicbteren Mitteln unversobn- 
licb gegeniibergestanden. Desbalb gingen 
yiele Optiker den principiellen Scbwierig- 
keiten aus dem Wege und gaben fur das Brecbungsgesetz jenen an- 
scbaulicben Beweis, den man wobl den Soldatenbeweis 
n e n n t. Die Licbtstrablen verbalten sicb beim Auftreflfen auf die Tren- 
nungsflticbe zweier Medien wie ein in breiter Front marscbirender Sol- 
datenzug, der von der glatten Strasse scbief auf ein Ackerfeld trifift und 
dadurcb in seiner Front verandert und von seiner Ricbtung abgelenkt 
wird. Einen solcben Beweis geben Barrow in seinen Lectiones opticae 
(1669) und Descbales in seinem Mundus matbematicus (1690); nacb 
Montucla (Gescb. d. Matbematik) stammt der Beweis yon Pater Maignan 
aus dem Jabre 1648. 

Ueberzcugender als in der Ableitung des Brecbungsgesetzes war 
Descartes in der Erklarung des Regenbogens, die er in seinen 
Meteoren gab. Er versucbte zuerst den Gang der Licbtstrablen experi- 
mentell festzustellen. Zu dem Zwecke nabm er eine mit Wasser gefUllte 
Glaskugel und bing sie so auf, dass die Sonnenstrablen auf sie fielen. Indem 
er nun, den Rucken gegen die Sonne gewendet, nacb der Kugel sab und 
dieselbe auf- und niederzog, bemerkte er, dass ibm am unteren Ende der 

^) LettreR de Descartes sur la morale, la physique, la medicine et lee matb^- 
matiques. 3 Vol. Paris 1667. 




Erklarung des Regenbogens. 115 

Kngel bei h Farben erscbienen, BOwie die Yisirlinie ab nach dem Tropfen mit Deaoartes, 
derYisirlinie Sa nacb der Sonne einen Winkel von ungeiUbr 42^ bildete ^^*** 
ond zwar, dass bei einem etwas grosseren Winkel Roth und mit abneh- 
mendem Winkel Gelb and Blaa auftraten. Yergrdsserte er den Winkel 
dnrch Emporziehen der Kngel immer mebr uber 42^ binaus, so ver- 
achwanden bald die Farben ganz, traten aber nocb einmal matter und 
in amgekebrter Reibenfolge am oberen Rande der Kugel auf , wenn der 
Winkel ungefahr die Grdsse von 52^ erreicbte. Indem danacb Des- 
cartes die Stellen, an welcben er den Darcbgang der Licbtstrablen dnrcb 
die Eogel vermntbete, mit Papier bedeckte, fand er, dass der Licbtstrahl 
im ersten Falle den Weg Sdcha und im zweiten den Weg Shgfe ver- 
folgte nnd batte damit experimentell bewiesen, dass wirklicb^er Haupt- 
regenbogen durcb zweimalige Brechung und einmalige 
Eeflexion, der Nebenregenbogen aber durcb zweimalige 
Brechung und zweipialige Reflexion entstebt. Docb begniigte 
Descartes sich hfermit nicht, sondern yersucbte anch nachzuweisen, 
warnm nur die Tropfen uns Licht znsenden, aus denen die 
Strahlenunter jenen Winkeln gegen ihre Anfangsricbtung 
aastreten. Er uberlegte, dass die Sonnenstrablen , welcbe parallel 
aof den Tropfen fallen, je nacb den Stellen, auf die sie fallen, unter sehr 
rerschiedenem Winkel, also sehr divergent wieder austreten werden. Es 
▼ird also durcb die Regentropfen das Sonnenlicht zerstreut, und wir 
sehen damm durcb die Strahlen, welcbe durcb die Tropfen in unser 
Auge gelangeu, im allgemeinen kein belles Bild; nur wenn verbaltniss- 
massig yiele solcher Strahlen zusammenbleiben , wenn sie wieder 
naheztt parallel aus den Tropfen treten, werden sie ein* 
belles Bild geben. Descartes berechnete nun ftLr 1000 Strahlen, die 
er auf den Tropfen in verschiedenen Punkten auffallend dachte, die Ab- 
lenkungen. Er fand, dass bei einer zweimaligen Brechung und ein- 
maligen Reflexion die Strahlen wenig divergent austreten, deren Ablen- 
kung unge^hr 42^ betr&gt, und dass bei zweimaliger Brechung und 
zweimaliger Reflexion dasselbe fiir eine Ablenkung von 51 bis 52^ der 
Fall ist. Descartes batte so zum ersten Male die Grosse der Bogen 
richtig bestimmt and eine Erklarung der Erscheinung gegeben , die wir 
Doch heute als die richtige anerkennen. Nur eins fehlte nocb, Descartes 
konnte wohl die bellen Bogen, aber nicht das Auftreten von Far- 
ben und die Reibenfolge derselben erklaren; er betonte nur, dass 
su ihrer Entstehung eine einmalige Brechung nothig und dass sie mit 
den prismatiscben Farben identisch seien. 

Descartes' optische Untersuchungen zeichnen sich in mancher Rich- 
tang vortbeilbaft aus. In diesem Theile der Physik zeigt er 
nicht nnr sein mathematisches Genie im hellsten Lichte, 
auch das Experiment ist mit grossem Geschick zur Grund- 
legung der matbematiscben Deduction verwandt. Dass er 
m den Principien der Philosopbie dieser schon so gut benutzten Fahig- 

8* 



116 



Leben Gassendi^s. 



Descartes, 
1644. 



keiten fast ganz vergessen und seine Beobacbtungskunst wie sein matbe- 
matiscbes Talent yemaohl&ssigt bat, darf man bedaaern, muss aber 
dabei aucb bedenken, dass es ein anderes ist, den geradlinigen Strablen 
des Licbtes nacbzngeben, bei denen nocb daza nur der Weg und keine 
Gescbwindigkeit, keine Kraft in Frage kommt, als die complicirten Pro- 
bleme der Himmelsmecbanik matbematiscb aufzulosen. Nur in einem 
Pankt konnen wir keine Entscbuldigung finden, das ist 
in seinem Yerbaltniss zu Galilei. Dass Descartes nocb secbs 
Jabre nacb dem £r8cbeinen der Discorsi so merkwurdig falscbe Bewe- 
gungsgesetze geben konnte, wie das in seinen Principien der Fall ist, 
dass er aber die Wabrbeit und Wicbtigkeit der Galilei'scben Arbeiten 
so unklar sein konnte, wie er sicb in seinen Briefen an Mersenne zeigt, 
das konnen wir nur durcb eine straflicbe Ueberscbatzang der 
Sicberbeit seines eigenen Denkens erklaren. 



Gasiendi, 
1592— 1956. 



Der bedeutendste Gegner des Descartes, Pierre Gassendi, wurde 
1592 in der Nabe von Digne in der Provence als Sobi» armer Landleute 
geboren. Fin Verwandter scbickte ibn nacb Aix, nm dort Pbilosopbie 
zu studiren, und dies gescbab mit solcbem Erfolge, dass er scbon 1608, 
also 16 Jabre alt, Lebrer der Rbetorik in Digne und drei Jabre spater 
der Nacbfolger seines vormaligen Lebrers in Aix wurde, Scbon damals 
scbrieb er seine Exercitationes paradoxicae adversus Aristo- 
teleos, die erst spater gedruckt wurden, nacbdem er auf den Rath 
seiner Gdnner einen Theil der beftigsten Angrifife ausgemerzt batte. 
Unter diesen Gdnnern befand sicb der Prior Josepb Gaulterius und vor 
allem der gelebrte Parlamentsratb Peirescius; auf deren Veranlassung 
trat .er in den geistlicben Stand und wurde aucb bald durcb die Gunst 
des Letzteren Canonicus und dann Probst in Digne. 1646 zum Pro- 
fessor der Mecbanik in Paris ernannt, kebrte er docb bald seiner scbwacben 
Gesundbeit wegen nacb Digne zurtlck. Erst 1653 ging er wieder nacb Paris, 
erkrankte aber bald aufs Neue und starb am 24. October 1655, nacbdem 
er, scbon vom Fieber gescbw&cbt, nocb dreizebn Aderlasse ausgebalten 
batte. Seine Werke ei-scbienen 1658 gesammelt in secbs starken B&nden. 

Gassendi gebdrt zur naturpbilosopbiscben Linie der 
Pbysiker, er batte kein luteresse am Experiment um des Experiments 
willen, er war nicbt bloss darauf bedacbt, beobacbtend Neues zu entdecken ; 
aber er war aucb nicbts weniger als ein einseitiger Speculant, sondem 
prufte selbstandig, was ibm der Beacbtung wertb scbien. Nur eins 
Iftsst er an mancben Stellen vermissen, das matbematiscbe Inter - 
esse und vielleicbt aticb das matbematiscbe Talent. Er war vor 
allem darauf angelegt, kritiscb zu prilfen , alte Irrtbumer zu beseitigen 
und neue, scbwer verstandlicbe Ideen einzufubren; darum nimmt er eine 
bedeutsame Stelle unter den Begrundern der neuen Weltansobauung ein 
und ist einer der llauptleute im Eampfe gegen die alte 
Pbysik, die sicb auf die Autorit&t des Aristoteles grtln- 



Epikur. Neuere Atomistik. 117 

dete. Gassendi setzte dem AriBtotelismus direct ein anderes philosophi- GMsendi, 
Bches System entgegen, er kehrte za dem zariick, das dem Aristotelismus ^ ^ ^^ ' 
am feiDdlichsten war, and wurde der Emeuerer der Atomistik; iu 
Bolcher Absicbt empfahl er die Philosopbie des Epikur i 

and macbte sie zur Grundlage seiner Naturanschauung ^). 
Dass ein Kdrper bis ins Unendliche getheilt werden konne, ist un- 
denkbar, sonst musste derselbe in Nicbts sich auflosen laseen; alle 
Kdrper besteben vielmebr aas untbeilbaren Tbeilcben 
oder Atomen, zwiscben denen eicb ein absolut leerer Raum befindet. | 

Die Atome sind undnrcbdringlicb, untbeilbar und baben 
eine gewisse Grosse und eine gewisse Scbwere, d. b. eine 
nat&rlicbe Bewegung oder wenigstens ein Streben zur Bewe- 
gang. Die Atome sind sebr verscbieden geformt, kugelig, oval, langlicb, 
spitz, eckig u. s. w% und besitzen danacb eine ganz verscbiedene Tragbeit, 
die glatteren weniger, die eckigen mebr. Die Bescbaffenbeit eines 
Korpers b&ngt von der verscbiedenen Lagerung seiner 
Atome ab, ban^en dieselben nur in wenig Punkten zusammen, so ist 
der Korper flussig, b&ngen sie in mebr Punkten zusammen , so ist er 
fest Das letztere ist yorzuglicb der Fall, wenn die Atome sebr unregel- 
massig gestaltet sind; bier spielt aucb bei Gassendi die Yorstellung yon 
hakig gebogenen Atomen als der bauptsftcblicbste Grund der Festigkeit 
herein. Die grdssere oder geringere Dicbtigkeit der Kdrper ist natQr- 
lich dorcb die geringere oder grossere gegenseitige Entfernung ibrer 
Atome bedingt. Alles Entsteben und Vergeben ist nur ein 
Verbinden und Trennen der Atome, dieses Verbinden und 
Trennen gescbiebt nur durcb Krafte, die den Atomen 
selbst innewobnen, also nicbt direct durcb den Scbopfer 
der Welt. Docb ist Gott die erste Ursacbe aller Yorgange in der 
Welt, denn er scbuf alle Atome mit ibren Kraften als Samen der Dinge. 
Die irdiscben Atome sind in immerwabrender Fallbewegung nacb dem 
Mittelpnnkt der Erde in Folge der gegenseitigen Anziebungs- 
kraft der Atome. Diese Anziebung ist jedocb nicbt als 
eine unyermittelte Fernwirkung (actio in distans) zu 
denken, sie gleicbt yielmebr der magnetiscben Anziebung, und die 
magnetiscbe wie die elektriscbe Anziebung erkl&rt Gassendi 
nacb seinen alten Mustern fQr eine directe Wirkung der yon 
den betreffenden Korpern ausgebenden Ausfliisse. Ein 
directer Ausfluss yon Materie aus einem Korper ist dem 
Gassendi aucb das Licbt; er ist ein Anbanger der reinen Emana- 
tionstbeorie und tritt scbon dadurcb in einen starken Gegensatz zu Des- 
cartes, dessen ganzes pbilosopbiscbes System er 1643^) an der Wurzel 
angnff, indem er beftig gegen das Cogito ergo sum polemisirte. Gassendi 

*) De vita, moribus et doctr. Epicuri (Leyden 1647); Philosophiae Epicuri 
syntagma (Haag 1655). 

^ DisquiBitiones Anticartesianae. 



118 Schallgeschwiiidigkeit. Kalte. Erdbeben. 

Gassendi, faod auch in seiner Licbttbeorie viele Anbanger, docb bat er gerade in 
169--1 ^^^ Optik mebr Falscbea als Ricbtiges zu Tage gefordert. 

Die Scballgesobwindigkeit bestimmte Gassendi wie Mersenne, 
aber indem er dabei sowobl Kanonen wie Pistolen benutzte, widerlegte 
er zugleicb einen alten Irrtbum der Peripatetiker. Er fand entgegen 
den Bebauptungen jener, dass der Soball sicb anabb&ngig yon 
seiner Quelle und von der Tonbobe in der Luft immer mit 
derselben Gescbwindigkeit fortpflanze and zwar mit einer 
Geacbwindigkeit yon 1473 Fuss in der Seconde.' DerAnsicbt, dass E&lte 
nur negative Warme sei, tritt er direct entgegen; vor allem weilWasser 
und Salpeter bei ibrer Yermiscbung ebenso Kalte, wie andere Korper 
Warme erzeugen; er nimmt also wie eine Warmematerie aucb eine beaon- 
dere Kaltematerie an. Die Atome der Kftlte sind tetraedrisch, 
sie dringen in die fl&ssigen Materien ein und yerfilzen 
deren Atome so mit einander, dass die FlQssigkeiten feet 
we r den; die Spitzen der K&lteatome sind es aucb, die auf unserer Haat 
das eigentbumlicb prickelnde Gefubl der Edrlte erZ^ugen. Wie man 
siebt, ist aucb Gassendi trotz seines Gegensatzes zu Descartes nicbt 
angstlicb mit dem Formen der unsicbtbaren Atome, das 
liegt wobl in dem Cbarakter der Natnrpbilosopbie.- Docb ist Gassendi 
aucb auf so unsicberen Gebieten, wie der Pbysik der Erde, nocb immer 
ein scbarferer Beurtbeiler als mancber Pbysiker seiner Zeit. Er ist 
gegen die Ansicbt von einem im Erdinnern best&ndig brennenden. 
Central feuer, weil keine Flamme sicb obne Licbt erbalten kann. 
Wo Flammcn aus der Erde beryorbrecben , da steigen sie aus Hoblen 
und Spalten auf, in denen sicb Scbwefel und barzigeStoffe angesammelt 
baben. Die Entzilnduug dieser Stofife aber ist nicbt wunderbar, da man 
ja weiss, dass eine Miscbung yon Salpeter, Scbwefel und lebendigem 
Kalk sicb von selbst entziindct. Aucb die Erdbeben entsteben durcb 
solcbe Feuer, nicbt durcb beftige Winde, die aus den Spalten der Erde 
weben. Das Meerwasser ist salzig, weil es immerw&brend mit colossalen 
Salzlagern und Salzbergen, die an seinem Grunde sicb finden, in BerCLb- 
rung ist. 

Gassendi^s mecbaniscbeLeistungen waren baupts&cblicb durcb 
seine Betbeiligung an dem Streit iiber die Weltsysteme bedingt. In 
Italien war mit der Yerurtbeilung Galilei's das Kopernikaniscbe System 
fur langerc Zeit abgetban; in Frankreicb aber, wo sicb eben eineMenge 
bedeutender Gelebrten zusammenfanden , fdbrten diese, unterstdtzt von 
eiufluBsreicben Gonnern der Wissenscbaft, wie Peirescius, den Eampf 
weiter, und die Anbanger des Kopernikus siegten endlicb auf der ganzen 
Linie. Das Ptolemaiscbe System war nicbt mebr zu balten, 
soweit war man klar; jetzt bandelte es sicb nur um Kopernikus 
oder Tycbo. Eine Menge bedeutender Manner waren far Tycbo, sein 
Scbiiler Longomontanus, der Kapuziner Ant. Mar. Scbyrl^lus 
de Rbcita, die Jesuiten Riccioli, Descbales u. a. Am beftigsten 



Weltsysteme. Fallgesetze. 119 

jedoch trat Jean Baptiste Morin (1583 bis 1656) in einer Schrift GAssendi, 
aoB dem Jahre 1631 gegen Eopernikns auf. Morin brachte zwar keine ^^®*~'*®**" 
neuen Grande vor, aber sein Einfluss in Paris war bedentend nnd damit 
geilhrlich. Er war 1629 Professor der Mathematik in Paris geworden 
(onpriinglich war er Arzt, nebenbei aucb Astrologe) und hatte sich 
bei Richelieu (wie auch bei dessen Nachfolger Mazarin) in Gunst 
n setzen gewnsst. Danacb feblte nicht viel, dass sicb die Sorbonne 
dem Bannfluch des Papstes angeschlossen and Kopemikus ebenso in 
Frankreich zu anterdriicken versucbt hatte, wie das in Italien geschah. 
Gegen diesen Morin und seine Grunde far das Tychonische System wandte 
sich Gassendi in zwei Briefen an Peter Pateanus Yom Jahre 1640. 
Morin antwortete 1643 in einer Schrift mit dem bescheidenen Titel 
Alae telluris fractae; Gassendi replicirte 1645 in einem dritten 
Briefe an seinen Gonner Gaulterius, and 1 649 erschien die ganze Wider- 
legung Morin's als das Werk De motu impresso a motore trans- 
late. Morin erkl&iie sich zwar aach dadurch noch nicht f&r besiegt, 
aber die Sorbonne htltete sich doch durch Eingreifen in den Streit sich 
bloeszastellen. In der Schrift De motu impresso handelt ' es sich vor 
allem urn die Erhaltung einer Bewegung auch in dem Falle, 
dass dem bewegten Korper noch eine neue Bewegung mit- 
getheilt wird. Die Gegner des Eopernikanischen Systems wollten 
trotz der Galilei^schen Untersuchungen iiber die Zusammensetzang der 
Bewegnngen nicht begreifen, dass ein Edrper, der yon der Erde geworfen 
wird, neben dieser Bewegung auch die alte, die er mit der Erde hatte, 
noch beh&lt ; Morin hatte wieder geltend gemacht, dass, wenn die Erde sich 
bewege, ein fallender Edrper hinter derselben zur&ckbleiben musse. Um 
die Frage endgultig zu erledigen, liess Gassendi im Hafen von Marseille 
auf einer Rudergaleere, die in einer Yiertelstunde yier milliaria (1 mil- 
liarium = 1000 Schritt) zurUcklegte, Steine yon der Spitze des Mastes 
fallen. Dieselben fielen parallel dem Maste, blieben also trotz der Yor- 
wartsbewegung des Schiffes nicht hinter diesem zartick, damit war nun 
der fast zweitausendj&hrige Einwurf yon dem Zurtickbleiben der Wol- 
ken etc. hinter der bewegten Erde endlich beseitigt. Auch for das Ga- 
lilei'sche Fallgesetz yon dem Wachsthum der Fallgeschwindigkeit 
proportional mit der Zeit trat Gassendi^) iu Briefen an den eifrigsten 
Gegner desselben, den Pater Casraus, ein und zeigte ihm sowohl die 
Fehlerhaftigkeit seiner Schlusse als die Ungenauigkeit seiner Yersuche. 
Gassendi bekannte sich trotz alledem nicht direct zu dem 
Kopernikanischen System; er bemuht sich nur zu zeigen, dass 
alle Einw&nde gegen dasselbe falsch seien. Auch in seiner Institutio 
astronomica, die 1647 erschien, hatte er sich nicht entschieden. Er 
da im ersten Bache die spharische Astronomie, im zweiten das 



^) De proportione qua gravia decidentia accelerantur Epistolae III. Paris 
1640. 



120 Gassendi und die Kirche. Kircher's Optik. 

■ 

GMiendi, PtolemHische and iiu dritten das Kopernikanieche und Tychoniscbe 
169a— 1665. gygi^jjj^ ])ag Ptolemaische verwarf er ganz, das Eopernikanische erklarte 
er fiir das einfachste und der Wirklichkeit am besten entsprechende — 
aber das Tychoniscbe miisse man annebmen, weil die Bibel 
offenbar der Sonne eine Bewegung zuscbreibe. Die Sache 
war wobl durcbsicbtig genug, das zeigen auch die fortdauernden An- 
griffe Morin's, die Kirche jedoch begnugte sich mit dieser scheinbaren 
Unterwerfung. Ob sie in Frankreich ihrer Macht nicht so sicher war 
als in Italien, ob sie sich scheute, zum zweiten Male gegen einen beruhm- 
ten Gelehrten einen gehassigen Inquisitionsprocess anzustrengen , oder 
ob Galilei mit seiner riicksichtslosen Polemik gegen halbgelehrto Monche 
den Ilauptgrund zu seiner Yerfolgung gelegt? Schon die Zeitgenossen 
waren verwundert, dass man die Erneuerung der Atomistik, die Ver- 
ehrung des verrufenen Epikur, die erneute Discussion des Kopernikani- 
schen Weltsystems so ruhig hingehen liess. Dem liebenswQrdigen , mil- 
den, nie yerletzend polemischen Gelehrten, dem der Kirche immer 
unterwurfigen Priester, dem naiven Gassendi, der so ahnungslos die 
gefUhrlichsten Lehren vortrug, wurde so viel verziehen, dass der ver- 
gleichsweise freisinnige Theologe Launoy iiber Gassendi ausruft: „Wenn 
das Ramus, Litaudus, Yillonius und Clavius gelehrt batten, was wiirde 
man mit jenen Menschen angefangen haben." 

Kiroher, Wir habcu schon friiher die magnetischen Arbeiten des Athanasius 

1646.™**^** Kircher erwahnt, jetzt miissen wir seines optischen Werkes ge- 
denken, und hieran schliessen wir gleich die Betrachtung einiger anderer 
Schriften an. Wie schon friiher bemerkt, steht Kircher in unserer Wisseu- 
schaft auf keiner sehr hohen Stufe, und mancher Physiker diirfte ihn nicht 
einmal als Collegen anerkennen wollen, aber seine Arbeiten sind doch 
beachtenswerth. Sie geben ungef&hr den Stand des damali- 
gen exacten Wissens und die Richtungen, in denen gear- 
beitet wurde; wenn man auch dabei vorsichtig sein muss und nicht 
manchen abenteuerlichen ErklHrungsversuch des dilettantischen Experi- 
mentators seinem Zeitalter uberhaupt als charakteristisch zurechuen 
darf. Kircher's optisches Werk erschicn 1646 in Rom und 1671 in 
Amsterdam in yermehrter Auflage unter dem Titel Ars magna lucis 
et umbrae. Obgleich Descartes schon 1637 seine Yeroifentlichung des 
Brechungsgesetzes bewirkt hatte, nimmt Kircher darauf noch keine Ruck- 
sicht; er theilt uber die Brechungen aus Luft in Wasser, in Wein, in 
Oel und in Glas Tabellen mit, aber er erg&nzt fur Wasser diese Tabellen 
noch nach der Kepler'schen Hypothese. In der Amsterdamer Ausgabe 
beschreibt Kircher ausfuhrlich die Zauberlaterne, latema magica, 
fast ganz in der noch jetzjb gebrauchten Form und giebt noch zur Yer- 
deutlichung zwei gut ausgefiihrte Abbildungen. Man hat darum Kircher 
filr den Erfinder dieses Instruments angesehen, yielleicht mit Unrecht, 
aber wir legen keinen Werth darauf, da ja im Princip Porta dieselbe 



Zauberlateme. Fata morgana. Phosphore. 121 

Bchon angegeben hat. Kircher hatte als Begleiter des Landgrafen Fried- Kircher, 
rich TOD Hessen im Jahre 1636 eine Reise nach Sicilien unternommen ^ ^' 
and dort auch Syracus besehen. Er kam dabei zu der Ueberzeugnng, 
daas die romische flotte bei der Belagerong im Jahre 212 v. Ghr. den 
Maoem wohl bis dreissig Schritt nahe gewesen sein konnte, und als es 
ibm nan gelang, mit einer Combination von fiinf ebenen Spiegeln noch 
in einer Entfemung Yon 100 Fuss brennbare Stofie zu entzunden, so 
meinte er damit die Verbrennung der romischen Flotte durch Archi- 
medes plausibel gemacht zn haben. Wir sprachen unsere gegentheilige 
Ansicht schon Bd. I, S. 34 dieses Werkes aos. 

Aaf dieser Reise nach Sicilien wurde Kircher auf die wunderbare 
Erscheinnng der Fata morgana aufmerksam, die sich haufig an der 
Meerenge von Messina zeigt, und hatte auch hierfilr eine Erklarung. 
Aaf dem Grunde des Meeres an der calabrischen Seite enthalt der Sand 
riel gypsige, spiessglanzartige und glasartige Materien; die ausser- 
ordentliche Hitze der Sonne in jenen Gegenden verfiQchtigt von diesen 
Theilchen so viel, dass sie in der Luft eine spiegelnde Flache bilden, 
und diese zeigt dann dem erstaunten Auge weit entfernte, sonst unsicht- 
bare herrliche Gegenden. 

Eine andere nicht minder wunderbare Lichterscheinung fing erst urn 
diese Zeit anAufsehen zu erregen. Nach einer Erzablung Priestley's 
in seiner Geschichte der Optik hat der Schuhmacher Vincenz Casca- 
riolo im Jahre 1630 bei Gelegenheit alchemistischer Yersuche zuerst 
bemerkt, dass der um Bologna sich findende Schwerspath, wenn man ihn 
laogere Zeit dem Sonnenlicht ausgesetzt hat, die Fahigkeit besitzt, im 
Bunkeln mit schwachem Licht zu leuchten. DieErz&hlung kann wenig- 
Btens der Zeit nach nicht richtig sein, denn La Gal la erzahlt schon in 
seinem Buche De phaenomenis in orbe lunae yon 1612, dass Galilei 
in einem Gesprach jenes Steines und seiner wunderbaren Eigenschaft 
erwahnte und daraus schloss, dass das Licht nicht eine unkorperliche 
Qaalitat sein konne. Kircher beschreibt diesen Stein genau und giebt 
an, dass man denselben auch noch an verschiedenen Orten ausser bei 
Bologna fande, und dass das Nachleuchten des Steins noch viel starker 
werde, wenn man ihn zu Pulver zerreibe, mit Wasser, Eiweiss und 
Leinol durchknete und dann im Ofen calcinire. Auch macht er die ver- 
nAnflige Bemerkung, aus dem Lichteinsaugen des Bologneser Steins sei 
ebensowenig auf einen besonderen Lichtstoff zu schliessen, als aus dem 
Nachleuchten eines gluhenden Eisenstabes, den man vom Feuer genommen. 
Seiche Leuchtsteine oder Phosphore sind danach mit Yorliebe 
nntersucht und die Erscheinung ist zur Erklarung aller moglichen Er- 
scheinungen yerwandt worden; selbst der gauze Mond wurde zu einem 
Bolchen Phosphor gemacht, um filr das schwache Leuchten der nicht yon 
der Sonne beschienenen Flache einen Grund zu haben ^). 

^) Die UntersuchoDg der Phosphore hat man nicht bloss das 17., sondern 
auch das ganze 18. Jahrhundert in vollem Eifer fortgesetzt. 1675 entdeckte 



122 Subjective Farben. Fluorescenz. 

Kiroher, Der Haaptwerth der Kircher^scben Ars magna liegt in seiner Be- 

bandlang der Farben. Eircber bat zn wenig matbematiscbes Verst&iid- 
niss, als dass er eioh mit einer rein matbematiscben Tbeorie des Liclits 
vertraut macben konnte, er sncbt darum nacb Aufgaben, wo dieser Fehler 
weniger bervortritt, and findet solcbe gerade aof dieaem Gebieie. Zwar 
ist er aucb bier nicbt babnbrecbend, seine Farbenlehre 
stebt der Tbeorie nacb ganz anf dem alten Standpunkte, 
aber er giebt docb eine ganze Menge neaer interessanter 
Beobacbtnngen. Eircber ist der erste Pbysiker, der die Tbatsache 
der BOgenannten pbysiologiscben (sabjectiven) Farben und der 
Nacbbilder, an denen diese Farben erscbeinen, erwftbnt. Ein gewisBor 
Josepb BonacursiuB batte in einer Unterbaltung mit Kircber erwabnt, 
dass man aucb im Dunklen seben k5nne. Eircber bracbte danacb in 
der Oeffnung eines Fensterladens in einer dunklen Eammer aof einem 
Papier eine leicbte Zeicbnung an. Nacbdem er dieselbe eine Zeit lan^ 
fixirt, scbloss er die Oeffnung des Ladens, and sab nun auf einem weissen 
Papier, auf welcbes er sein Auge wendete, Ereise mit allerlei Farben, sowie 
aucb ein Bild jener Zeicbnung. Eircber empfieblt diese Erscbeinun^ 
der Aufmerksamkeit aller Naturforscher; er selbst meint, das Auge ver- 
balte sicb dabei wobl wie ein Bononiscber Stein, der das Licbt einsau^e 
and dann in der Dunkelbeit wieder von sicb gebe. Ein Gbamftleon, 
das ein Franziskanermdnoh 1639 aus Palastina mit nacb Rom gebracfat, 
beobacbtete Eircber mit grossem Interesse; den wunderbaren Farben- 
wecbsel des Thieres erklarte er aus Zweckm&ssigkeitsgrCtnden. Am 
merkwflrdigsten aber ergebt es Eircber bei einer andercn bedeutenden 
Entdeckung. Aus Mexiko batte er einen Becher zum Gescbenk erbalten, 
der aos einem Holz gefertigt war, das man Nierenbolz^) nannte, weil 
es bei Blasen- und Nierenkrankbeiten als Heilmittel angewandt warde. 
Eircber bemerkte, dass Wasser, welcbes in diesem Becber langere Zeit 
gestanden, beim Hindurcbseben keine Spur von Farben, beim Darauf- 
seben aber entscbiedene Farben, vor allem ein intensives Blau zeigte. 
Boyle bat spftter diese Beobacbtnngen fortgesetzt und dabin bericbtigt, 



der Amtmann Balduin zu GroBsenbain in Sachsen, dans audi der Buck stand bei 
der Destination von Kreide in Salpetersaure das Licbt eiusau^ (Balduin'scber 
Phogphor). Dieselbe Eigenscbaft fand Homberg 1712 an dem fixen Salmiak, 
dem Chlorcalcium (Homberg'scber Pbospbor). Da Fay bemerkte 1724, dass 
aucb Amethyst, Hyaciutb und viele andere Korper als Pbospbore wirken. 
Unser Element Phosphor entdeckte Brand aus Hamburg 1669. luteressaut ist 
aucb die Aeusserung. Bacon's (Organon 1620): Man moge untersucben, ob das 
Licbt an einem Orte verweilen konne, einige Gelebrte hielten die Dammenmg 
fur verursacbt durch zuriickgelassenes Sonuenlicbt. 

1) Burckbardt (Poggendorff s Ann. CXXXIII, 8. 680) tbeilt mit, dass scbon 
Nicol6 Monardes jene Eigenscbaft des Nieren- oder nepbritiscben Holzes beob- 
acbtet und in einer spaniscben Scbrift bescbrieben bat, von welcber 1575 eine 
italienische Uebersetznng in Venedig erscbien. Nacb Borckbardt bat Kircber 
diese Bchrift aucb benuizt. 



Sprachrohr. Physik der Erde. 123 

dan ein AiifguBS von jenem Holz in darchgehendem Licht goldfarbig Kircher, 
QBd in znrdckgeworfenem Licht blau erscheine. Kircber gab sicb yiel ^^^^* 
Mnhe nm die Erkl&mng der Sacbe, fand aacb nacb langen Versncben 
den richtigen Grand der Erscbeinung nnd Terspracb denselben an einem 
anderen Orte mitzutbeilen , leider aber bat er sein Yersprecben 
Tergessen, nnd wir wissen nicbt, wie er sicb mitdieser Fin ore seen z* 
erscbeinung abgefunden bat. 

In zwei akustiscben Scbriften^) yon 1650 nnd 1673, in denen 
riel Yon merkwurdigen Ecbos nnd Spracbgewolben die Rede iet, bescbreibt 
Eircher znm ereten Male zwei neue Instrumente, die Aeolsbarfe nnd 
dasSpracbrobr. Docb ist ancb bier sein Yerdienat nicbt aber alien 
Zweifel erbaben; denn in Betreff des eraten wnsate man langst, daas 
dorch den Wind Saiten barmoniscb erklingen, nnd das zweite Inatrument, 
das Spracbrobr Eircber's, erscbeint wenig ffir aeinen Zweck geeignet. Das 
Sprachrobr in der nocb jetzt gebrancblicben Form bat znerat der Eng- 
lander Samuel Mori and im Jabre 1671 bescbrieben. 

Ala das abentenerlicbate Werk Eircber's erscbeint nns sein Mun- 
dna Bubterranens in quo universae naturae majestas et 
diyitiae demonstrantnr (Amsterdam 1664). Wenn ea ancb nur 
giebt, was die damalige Zeit fiber daa Innere der Erde dacbte, so siebt 
man docb, dass bier tief unter der Erde das Fabuliren nocb leicbter war 
ala an der bellen Oberfl&cbe. Mundus subterraneus leitet die meisten 
Erscbeinnngen im Erdinnern aus dem Centralfener desselben oder 
docb wenigstens aus den in Hoblen eingescblossenen brenn- 
baren Dunsten ab. Das Centralfener der Erde (ancb die Sonne 
bestebt aus einer ungebeuren wallenden Fenermasse) entz&ndet die in 
den Erdhoblen aufgespeicberten nitrosen Ddnste, dadurcb entateben die 
Erdbeben; ea treibt aber ancb aus diesen Hoblen, welcbe die Erde wie 
einen Scbwamm duroblpcbern, die wasserigen Tbeile in die Atmospbare. 
IHeae yerdicbten sicb dann in den kalten Luftscbicbten nnd fallen als 
Regen, oder wenn sie yorber mit nitrosen Dunsten zusammengetroffen 
lind'), als Scbnee oder Hagel berab. Der Mond ist der Erde abnlicb, 
er besteht wie diese aus Erden, Wasser und alien mdglichen Salzen. 
Wegen dieser Aebnlicbkeit findet zwiscben Erde und Mond eine gegen- 
seitigeEinwirkungstatt; sobald dasMondlicbt das Meer bescbeint, leben 
die nitrosen Geister, die aonst yom Wasser zurUckgebalten wurden, im 
Meere anf and treiben das Wasser mit Gewalt in die Hobe. Der Salz- 
gehalt dea Meerwassers rCLbrt yon grossen Salzlagern am Grunde des 
Meeres ber, daber nimmt der Salzgebalt mit der Tiefe zu, und das ins 
Meer einfliesaende Flnsawasser bleibt oben scbwimmen und macbt, dass 
die D&mpfe dea Meerwassers nur siisses Wasser entbalten. 

Kircber ist ein Pbysiker der alten Scbule, der nur yon 

') Mosargia a. Ara magna consonl et dissoni (Bom 1650) und Pbonnrgia 
nova (Kempten 1678). 

^ Kirdier denkt^bier an die Kftltemiscbangen. 



Kircher, 
1646. 



Schott, 
1608—1666. 



Cavalieri, 
1017. 



124 Anamorphosen. Luftpumpe. Taucherglocke. 

der Nenzeit einige Beobachtungkunst aufgeDommen bat. Er ist darch- 
ans bewandert in der Naturpbilosopbie der Alten und gebt nocb gern in 
ihren Babnen, wenigstens da, wo ibn die Beobacbtnng nicbt gewaltsaxn 
beraustreibt; die matbematiscbe Ader dagegen scbeint ibm ganz zn 
, feblen, and das giebt seinen Scbriften einen nocb mebr dilettantiscben 
Anstricb als sie obnedies baben w&rden. 

Aebnlicbes gilt aucb von Kircber's Freund, Scbiiler und Ordena- 
bmder Kaspar Schott, der 1608 in Konigsbofen beiWurzburg geboreii. 
Professor der Tbeologie and der Matbematik in Palermo war und 1666 
als Professor der Matbematik und Pbysik in Wiirzburg starb. £r hat 
ein Werk Magia universalis naturae et artis (Wurzburg 1657) 
binterlassen , in dessen erstem Tbeile er ziemlicb dieselben Gegenst&nde 
wie Kircber in Beiner Optik bebandelte. Wir erwabnen daraus nur die 
Anweisong zur Anfertigung von katoptriscben Anamorphosen, 
das sind Zerrbilder, die durcb coniscbe oder cylindrisobe Spiegel als regel- 
massige Bilder erscbeinen, fur welcbe dbrigens aucb Kircber and einige 
andere vorber Anweisungen gegeben batten. In einer anderen Schrifl, 
Mecbanica hydraulico-pneumatica (Wurzburg 1657), behalt 
Scbott nocb immer den Horror vacui bei und bebauptet, die Torricelli'sche 
Leere sei nicbt luffcleer, sondern nur luftverdilnnt ; als Zeugniss dafur 
fiibrt er an, dass man in den leeren Raum iiber einer Wassersaule ein 
Ubrwerk gebracbt babe, das trotzdem gebort worden sei. Otto v. Gue- 
ricke aber macbt scbon auf die geringe Beweiskraft dieses Experiments 
aufmerksam. Das Werk hat reellen Nutzen dadurcb gebracbt, dass Schott 
darin zuerst (mit Guericke's Erlaubniss) die Luftpumpe hescbrieb. 
In einem sp&teren Werke, Tecbnica curiosa von 1664, wurde diese 
Bescbreibung wiederbolt; dort findet sicb aucb die Nacbricht von der 
Taucherglocke, welcbe am weitesten zurUckdatirt. Im Jabre 1538 
sollen sicb vor Kaiser Karl Y. zwei Griecben zu Toledo in einem umge- 
kebrten kupfernen Kessel ins Wasser gelassen baben und unbescb&digt 
beraufgekommen sein. Bacon bescbreibt in seinem Novum organon 
(Buch II, art. 50) scbon eine wesentlicb voUkommnere Vorricbtung und 
erwabnt aucb dabei, dass man dieselbe scbon mebrfacb zurUntersuchung 
untergegangener Scbiffe gebraucbt babe, ja erwabnt ger&cbtweise eines 
Kabnes oder kleinen Scbiffes, mit welcbem man auf weite Entfemungen 
unter Wasser fabren konne. Nacb einem Briefe von Tbomas Bartbolinus 
dem Jangeren bat Franz Kesler aus Wetzlar 1616 einen ^Wasser- 
barnisch^ bescbrieben, in welcbem man auf dem Grande des Meeres 
spazieren geben, lesen, scbreiben, essen, zecben und singen kann^). 

Auf Kircber folgen direct nocb zwei Optiker, beide in ibrer Art 
sebr verscbieden und docb beide von grosser Bedeutung. Bonaventura 



^) £. Badde in Wiedemann's Ann. Xm, S. 208. 



Brennweiten von Linsen. 125 

Cavalieri^), geboren 1598 zu Mailand, trat frflh in den Orden der cavaiieri, 
Jesoaten oder Hieronymiten. Seine Oberen sendeten ihn seiner Ta- ^^^^' 
lente wegen aof die UniTersitat Pisa, 1629 wurde er Professor zu Bo- 
logna, und dort starb er 1647. Er war ein Scbuler Galilei's und ein 
Frennd Castelli's. Seinen Haupiruhm erbielt er darch seine n e u e M e - 
thode der Flftcben- and Korperberechnung; f&r die Physik 
wnrde er durcb eine Abhandlung Speochio ustorio (Bologna 1632) nnd 
Yor allem darcb seine Exercitationes geometricae sex (Bologna 
1647)wichtig. In den letzteren gab er zum ersten Male die Brenn- 
weiten oder die Yereinignngsweiten parallel auffallender 
Strahlen fur Glaslinsen von ungleicher ErCLmmung anf 
beiden Seiten. Unter der Voraussetzung, dass das Brechungsverbalt- 
niss Ton Lofb in Glas Y2 ^^t, findet er die richtigen Sfttze: In alien 
convexen oder concaven Linsen, welche nacb verscbie- 
denen Seiten gekrummt sind, yerbalt sicb die Summe aus 
den Radien der Linsenfl&cben zu dem Radius der Linsen- 
flacbe, welcbe den parallel auffallenden Licbtstrablen 
zugewandt ist, wie das Doppelte des Radius der anderen 
Linsenflacbe zur Brennweite; fallen aber die Erummungen der 
beiden Linsenflacben nacb derselben Seite, d. b. sind die Linsenflacben 
oicht beide concav oder conyex, sondem die eine concay und die andere 
convex, so gilt nocb dieselbe Regel, nur ist statt der Summe die Difife- 
Tens derselben zu setzen. Da die Matbematiker zu Cayalieri's Zeit nocb 
nieht daran gewobnt waren, entgegengeaetzte Ricbtungen yon Strecken 
durcb Yorzeicben derselben auszudrtioken, so musste Cayalieri seine 
Regel fQr alle yerscbiedenen Gombinationen yon concayen und conyexen 
Flacben besonders entwickeln; daber rCLbrt es, dass die Regel nicbt 
die entgegengesetzte Lage der Brennpunkte bei yerscbiedenen Linsen 
andeutet, yielmebr nocb einen Zusatz dariiber erfordert, auf welcber Seite 
in jedem besonderen Falle der Brennpunkt liegt. 

Die Yereinignngsweiten aucb fur Strablen, die nicbt parallel sind, 
also die Bildweiten leucbtender Punkte, gab zuerst Isaac Barrow in 
aeinen Lectiones opticae, welcbe Newton im Auftrage Barrow's 
herausgab. Aucb er konnte, da er eine ganz geometriscbe Metbode 
befolgte, nur jeden Fall besonders bebandeln; eine allgemeine Formel, 
welcbe fur alle Gl&ser und Spiegel gOltig war, erreicbte erst Hal ley 1693. 

Johannes Marcus Maroi (de Kronland) war 1595 zu Landskron Manms 
in Bobmen geboren nnd bis 1667, in welchem Jabre er starb, Professor u.^i648. 
der Medicin in Prag. Nacbst der Medicin widmete er sicb mit beson* 
derem Eifer den Naturwissenscbaften, und man kann ibm nicbt absprecben, 
dasB er den macbtig fortstrebenden Wissenscbaften zu folgen und aucb 

^) 80 acbreibt Poggendorff und wamt vor einer Verwecbslung mitCaval- 
l«ri (Prof, der Matbematik in Cahors, 1698 bis 1768). Moutucla und Wliewell 
schreiben: Cavalleri; Wilde: Cavaleri; Figeber: Gavallerie. 



126 Stossgesetze. Condensation des Lichts. 

Marcus Doch weitere Ziele zu erreichen wusste. Leider leiden seine Werke viel- 
n. 1648/^^ ^A<^^ &n Unklarheit und Unbestimmtheit, und das mag unter anderen mit 
eine Ursache dafiir gewesen sein, daes dieselben wenig Wirkung &bten 
und bald vergessen wurden. 

In seinem 1639 in Prag erschienenen Werke De proportione 
motuB sea regula Bphymica ergriff er mit wunderbarem Erfolge 
das Bchwierige, von Galilei and Torricelli eben nur beriibrte, von Des- 
cartes 80 unglucklich bebandelte Problem vom Stoss der Eorper. 
Er beginnt mit der Eintbeilang derKorper in weiche, zerbrechliche and 
harte. Mit den letzteren (unter denen er elastiscbe versteht) beschaftigt 
er sicb besonders und findet a. a. folgende merkwflrdig richtige Regeln: 
Wennein bewegter Eorper a ufeinen anderen ihmgleicben, 
ruhenden stosst, so bleibt er selbst in Rube, wahrend der 
andere seine Bewegung aufnimmt; wenn zwei gleiche Kor- 
per mit gleichen aber entgegengesetzten Geschwindigf- 
keiten aufeinanderstossen, bo werden sie beide nacb dem 
Stoss mit den gleichen, aber entgegengesetzten Geschwin- 
digkeiten zur&ckprallen^). 

In einem zweiten Werke Tbaumantias. Liber de area coe- 
lesti deque colorum apparentium natura (Prag 1648) bebandelt 
Marci die prismatischen oder die damals sogenannten apparenten 
Far ben. Er spricht sich entschieden gegen die alte Meinung aus, dass 
diese Farben nur an der Grenze von Licht und Schatten entsteben und 
macht den sehr bemerkenswertben Yorschlag, zar genaueren Untersncbung 
das prismatiscbe Bild an einem dunklen Orte aufzufangen 
und zu betrachten. Er behauptet auch, dass Licbtstrahlen, 
welche parallel auf daa Prisma fallen, beim Austritt aus 
demselben divergiren, und dass einmal gebrocbenes Licbt 
nachwiederholten Brechungen immerdieselbeFarbe zeige; 
ja er kommt zn dem Schlusse, dass verscbieden gebrocbenes 
Licbt aucb verschiedene Farben zeigen miisse. Das konnte 
man fur eine Anticipation der NewtoD^scben Entdeckungen ansehen und 
ist jedenfalls ein entscbiedenes Zeugniss dafur, dass scbon um diese Zeit 
uber die Abbangigkeit der Farben von den Brecbungsexponenten ver- 
bandelt wurde; leider sind die erklarenden Vorstellungen des Marci 
gerade an dieser Stelle nicbt die bestimmtesten. Er glaubt namlicb bei 
der Untersucbung verscbiedener Pigmente gefanden zu haben, dass man 
jede Farbe durcbCondensation in eine andere verwandelo 
kdnne; da er nun beobachtet hat, dass das Licht beim Uebergang aus 
einem dunneren in ein dichteres Mittel auf einen kleineren Brechungs- 
winkel beschrankt wird, so meint er dadurch erklart zu haben, wie bei 
der Brechung Farben tlberhaupt entsteben. Und da jede verscbieden 
Starke Brechung aucb das Licht mehr oder weniger condensirt oder 



1) Montucla II, 8. 406. 



Leben Pascal's. 127 

zentreat, so folgt noch weiter, dass zu jeder bestimmten Brechung auch micum 
eine befltimmto Farbe gebo'rt. S?^"** 

Man siebt, die Condensation des Licbts als Ursacbe der 
Far ben iat eine Yorstellung, mit welcber sicb mancbes deuten laest; 
doch ist dieselbe matbematisob wenig fassbar und darum fflr eine Weiter- 
eotwickelnng wenig geeignet. 

Den Spuren Torricelirs folgte Blaise Paaoal. Derselbe wurde p»m!«i*b 

am 19. Jani 1623 zu Clermont-Ferrand in der Anvergne geboren, wo liBcheUnter- 

•MD Vater Prasident der Steuerkammer war. Von seinem frubreifen JSJ^^fSf.' 

6«nie wird bo Erstannlicbes erzablt, dass man sicber diese Erzablungen 

fUr Fabeln balten wftrde » wenn nicbt das kurze Leben des Gelehrten in 

den yerscbiedensten Gebieten so grosse Frucbte getragen batte. Im Jabre. 

1631 war Pascal mit seinem Yater nacb Paris gezogen; in dem yaterlicben 

Haose verkehrten die bedentendsten Matbematiker und Pbysiker wie 

Robenral, Carcavi, Mersenne etc., und wobl in Folge dessen begann der 

junge Pascal selbst lebbaftes Interesse an der Geometric zu nebmen. Der 

Yater, welcber fdrcbtete, sein Sobn mocbte fiber dieser Wissenscbaft die 

Sprachstudien vemaoblassigen , yerweigerte demselben jeden Unterricbt 

in Mathematik, entzog ibm alle darauf bezQglioben Btlcber und yerbot 

anch den Freunden , jene Yorliebe des Knaben zu nUbren. Glucklicber- 

weise nur so lange , bis er bemerkte , dass dieser sicb seine eigene Geo- 

metrie mit ganz entscbiedenem Erfolge construirte. Mit 16 Jabren 

war Blaise Pascal bereits so weit, dass er ein Bucb fiber Eegelscbnitte 

schreiben konnte, welcbes bleibende wissenscbaftlicbe Bedeutung bat. 

Mit dem Jabre 1647 begannen seine pbysikaliscben Ar- 

beiten; aber leider yerminderte sicb scbon yon 1650 an 

seineTb&tigkeit in dieser Ricbtung, und yon 1653 an b5rte 

dieselbe ganz auf. Seine angestrengten Arbeiten batten seine Ge- 

snndheit untergraben, sein Gemfitb neigte zur llypocbondrie , und als er 

1653 bei Gelegenbeit einer Fabrt nur mit knapper Notb dem Tode ent- 

rann, wandte er sicb ganz religidsen Dingen zu. Er war ein Freund 

der Jansenisten Arnauld, Nicole etc.; zur Yertheidigung Arnauld's gegen 

die Sorbonne scbrieber 1656 die berubmten Lett res ecrites par Louis 

de Montalte a un proyincial de ses amis, die mebr als 60 Auf- 

lagen erlebt baben» Er starb im Jabre 1662, erst 39 Jabre alt. Seine 

gesammelten Werke erscbienen 1779 durcb Bossut in Paris. 

Wir baben scbon frfiber bericbtet, dass TorriceUi seine Entdeckung des 
Barometers im Jabre 1644 an Ricci mitgetbeilt batte. Durcb diesen kam die 
Nacbricbt zu dem Factotum der Pbysiker Mersenne, und von diesem erfunr 
sie Pascal. Auf diesem langen Wege aber war die Erklarung des Instru- 
ments yerloren gegangen, und Pascal, der die Torricelli'scbenYer* 
suche mit Quecksilber, Wasser, Rotbwein etc. wiederbolte, 
nabm in der kleinen Scbrift Experiences nouyelles toucbant le 
"TQide (Paris 1647) als Grund dieser Erscbeinungen das alte Auskunfts- 



128 Barometerversuche auf dem Puy de Dome. 

Pascal, mittel, den Horror vacui an. Ale dann aber die Torricelli'scbe Lehre 
1647— 165S. ^^^ Luftdruck der ersten Nachricht nachgekommen war, suchte Pascal um 
so eifriger nach sicheren Beweisen fur die sogleich angenommene Erkl&run^. 
Das Schwanken der Qaecksilbersanle im Barometer erscbien ihm 
allein nocb nicbt gen^gend fiir die Constatirung des Luftdrucks. Er 
bemabte sich damm fiber dem Qnecksilberreservoir des Ba- 
rometers die Luft ganz oder tbeilweise zu entfernen and 
sab aucb wirklicb, als ibm das gelang, das Quecksilber in der Rohre 
fallen. Damit nocb nicbt genug, bescbloss er nocb auf andere Weise 
den Zusammenbang zwiscben Luftdruck und Qnecksilber- 
bobe zu zeigen. Am 15. November 1647 scbrieb er an seinen Scb wager 
Perier (Ratb an der Steuerkammer zu Clermont): „Du siebst, dass 
wenn die Hobe des Quecksilbers auf dem Gipfel des Berges kleiner sein 
sollte, als an dem Fusse desselben (was icb aus mancben Griinden glaube, 
obscbon alle, die bisber daruber gescbrieben baben, entgegengesetzter 
Meinung sind), dass dann darans folgt, dass das Gewicbt der Luft die 
einzige Ursacbe dieser Erscbeinung sein muss, nicbt aber jener Horror 
vacui, da es offenbar ist, dass an dem Fusse des Berges mebr Luft ab- 
zuwagen ist, als auf dem Gipfel desselben, und da wir docb unmog- 
licb sagen konnen, dass die Lufb am Fusse des Berges eine grossere 
Scbeu vor dem leeren Raume baben soUe, als auf dem Gipfel." Perier 
stellte darauf nacb Torricelli^s Art zwei Barometer ber; mit dem einen 
bestieg er am 19. September 1648 den circa 4300 par. Fuss 
boben Puy de Dome bei Clermont, das andere liess er wab^end der 
Zeit in Clermont unter der Bewacbung des Pater Cbastin zurdck. 
Beim Besteigen des Berges zeigte sicb ein stetiges Fallen 
des Barometers, und als man nacb Beendigung der Expedition die 
gleicbzeitigen Barometerstande am Fusse des Berges und auf dem Gipfel 
desselben verglicb, fand man eine DifPerenz der Quecksilberrobren von 
3 ZoU und 15 Linien. Perier bericbtete das Gelingen des Versucbes 
sogleicb an Pascal, und dieser, CLber die Grosse der Differenz erstannt, 
wagte nun aucb Yersucbe an geringeren Hdben. Er bestieg in Paris 
den circa 150 par. Fuss boben Tburm der Eircbe St. Jacques de la 
Boucherie und fand aucb fur diese Hobe eine Differenz der Barometer- 
stftnde von 2 par. Linien. Nocb im Jabre 1648 macbte Pascal in einer 
kleinen Flugscbrift R6cit de la grande experience de T^qui- 
libre des liqueurs die neuen Entdeckungen bekannt, und damit 
verscbied der altersscbwacbe Horror vacui. Die Reste der 
Peripatetiker versucbten zu retten, was nocb zu retten war, und erfreuten 
sicb an dem Gedanken, dass docb die Torricelli^scbe Leere kein eigentlicb 
leerer Raum, sondern wobl nocb mit verdflnnter Lufb gefiillt sei; aber 
ibre Ansicbt, dass die Luft nicbt auf scbwerere Eorper drCLcke, war docb 
fCLr die Wissenscbaft von nun an unmoglicb ^). 

^) Descartes nahm einen Theil von PascaPs Buhme fur sicb in Anspmch. 
Er beklagte sicb in Briefen vom Jnni und August 1649 an Carcavi, dass 



Dichte der Luft. fiarometerschwankungen. 129 

Pascal begnugte sich noch nicbt mit den erlangten ResultateD, er Pancai, 
TeranlasBte wahrend der Jahre 1 649 bis 1 65 1 weitere Ba- ^°"~''®'^^- 
rometerbeobachtuDgen and yerwendete dicselben bei Abfassnng 
Miner Schrift Traite de I'eqnilibre des liqueurs et de la pe- 
santeur de la masse de Tair, die schon im Jahre 1653 yoUendet 
▼ar, aber erst 1663, ein Jahr nach dem Tode ihres Yerfassers, erschien. 
Id dieser Schrift erklfirte er durch den Luftdruck alle Erschei- 
nnngen des Saugens, freilich aber dabei auch (wie schon Galilei 
darch den Horror yacui) manche AdhHsionserscheinungen. Er 
iKmerkte, dass das Barometer zum Messen der Hohenunterschiede der 
Oiie dienen konne; sah aber auch, dass dieseSache noch weiterer schwis- 
riger Untersuchungen bedurfe. Die meisten Forscher der damaligen 
Zeit nahmen zuerst an, dass die Luft uberall yon gleicher Dichtigkeit 
lei, nnd schlossen danach, dass die Hohen der Beobachtungsorte den 
Barometer hoh en umgekehrt proportional w&ren. Pascal jedoch bemerkte, 
dass die Luft yon den untersten bis zu den obersten Sohich- 
ten an Dichtigkeit stetig abnehmen milsse und dass darum 
jene Proportionalit&t nicht stattfinden koune. Das Gesetz aber, nach 
▼elchem die Abnahme der Luftdichtigkeit mit der Hohe erfolgt, wurde 
erst bedeutend spater gefunden. Wie Torricelli bemerkt hatte, dass der 
BanSmeterstand an demselben Orte sich yerftndere, so sah das auch Pascal, 
nnd die Art der Ausfuhrung des Experiments am Pay de D6me weist 
schon deutlich auf eine solche Kenntniss bin. Pascal fand aber noch 
weiter, dass diese Schwankungen des Barometers oder des 
Lnftdrucks mit den Yerftnderungen desWetters zusammen- 
Hingen und fuhrte diese ersteren, richtiger als man es spater yielfach 
gethan hat, auf den Wechsel desWindes and auf den Wechsel 
derTemperatnr zur&ck. Doch auch hier 'waren seine Beobachtungs- 
reihen noch zu knrz, und er neigte sich der yerkehrten Ansicht zu, dass 
das Barometer gewohnlich falle, wenn es hell werdc, und dass dasselbe 
bei trabem Wetter steige. 

Wie der Titel anzeigt, behandelt Pascal in seiner Schrift ausser den 
Erscheinungen , die yom Luftdruck abhangen, auch das Gleich- 
gewicht der Fliissigkeiten im AUgemeinen. Er stCLtzt sich dabei 
wie Galilei, yon dessen Schrift er wohl beeinflusst ist, auf das Princip 
deryirtuellen Geschwindigkeiten und leitet mit Hillfe dieses 



Pascal nicbt ihm zuerst den Erfolg seiner Experimente gemeldet hatte, da er 
e« doch gewesen, der ilim dieselben angerathen habe. Er giebt als muthmaass- 
Kchen Grand dieser Riieksichtslosigkeit die Freundschaft Pascal's mit Roberval, 
seinem Gegner, an. Muss man einerseits zugeben, dass das System des Descartes 
nut einem Horror vacui nicht vertraglich war, und mag es fur m5glich gelten, 
dass er Pascal zuerst in dem Glauben an den Horror erschiittert habe , so ist 
man doch andererseits ganz allgemein nicht geneigt, sehr viel Werth auf die 
whlecht begrenzten Anspriiche jener Briefe zu legen, und das um so weniger, 
aU diese Briefe erst ein Jahr nach jenen Vorgftngen geschrieben wurden. 
Boaenberger, Oesohichte der FhyBik. IT. 9 



130 Hydrostatik. Fallversuclie. Luftwiderstand. 

PMcai, Princips die Satze her, die schon Stevin in seinen Begbinselen der 
1647—1663. "^eegkoDst statisoh abgeleitet hatte, wabrscbeinlicb ohne diese Abhand- 
lung za kennen. £r denkt sicb znm Beispiel einen mit Flassigkeit 
gefallten Cylinder durcb zwei Stempel von yerscbiedener Oberflacbe 
gescblossen. Dann wird allerdings ein Druck, der anf den einen Stempel 
ansgeubt wird, anf den anderen nacb dem VerbftltniBs der Oberfl&cben 
beider wirken; aber dafOr werden bei einerBewegung die durchlaofenen 
Wege beider Stempel wieder im nmgekebrten Verhaltniss ibrer Ober- 
flacben steben, und gerade aus diesem Yerbaltnisse der Wege folgt das 
Yorber bebauptete Yerbaltniss der Druckkrafte. Pascal macbtans- 
drucklicb auf das Verbaltniss der virtuellen Gescbwin- 
digkeiten als auf das allgemeine Princip des Gleicb- 
gewicbts der Mascbinen aufmerksam, indem er sagt: ,,Man 
muss bewundem, dass sicb in dieser neuen Mascbine jene bestandige 
Ordnung findet, die bei alien fruberen, n&mlicb dem Hebel, der Scbraabe 
obne Ende n. s. w. statt bat, dass der Weg in demselben Verbaltnias 

wie die Kraft vermebrt wird was man sogar far die wabre 

Ursacbe jener Wirkung nebmen kann, da es offenbar dasselbe 
ist, 100 Pfund Wasser einen Zoll Weges als ein Pfund Wasser 100 ZoU 
macben zu lassen/ 

siccioii, Einer der letzten Gegner des Kopernikus, Giovanni Battista Bic- 

novu^Si ^^^^> wurde 1698 zu Ferrara gebi[>ren, trat in seinem 16. Jabre in den 
Jesuitenorden , lebrte Tbeologie und Pbilosopbie in Parma, durfte sich 
aber spater ganz der Astrcmomie widmen und lebte in dem Ordenabause 
zu Bologna bis zu seinem Tode, der 1671 erfolgte. Sein Hauptwerk 
Almagestum novum, das im Jabre 1651 zu Bologna in zwei Folio- 
banden erscbien und 1665 in der Astronomia reform ata eineFort- 
setzung erbielt, ist ein Sammelwerk von grossem Umfang, in welchem 
dieEntwickelung der Astronomie bis anf seine Zeit mitriibmens- 
wertber Sorgfalt dargestellt ist. Fur uns bat dasselbe besonders durch 
die Bescbreibung der Fallversucbe Interesse, welcbe Riccioli mit 
seinem Scbtiler und Freund Grimaldi gemeinscbaftlicb wabrend der Jabre 
1640 bis 1650 in Bologna anstellte. Riccioli liess Kreidekugeln von 
Tbtlrmen, besonders von dem Tburme degli Asinelli in Bologna, mit 
einer Fallb6be von 200 Fuss fallen und maass die verflossenen Zeiten 
durcb Scbwingnngen eines Pendels , das Vs Secunden scblug. Die V er- 
Bucbe wurden einmal so angestellt, dass die Rfiume, welcbe in gewissen 
Zeiten durcblaufen werden, gemessen wurden, und das andere Mai so, 
dass die Zeiten beobacbtet wurden, in denen gewisse Raume durcblaufen 
werden. Jedesmal aber fand man, dass die in gleicben Zeiten durcb- 
laufenen Raume sicb ganz genau, wie die Reibe der ungeraden Zablen 
verbielten. Das ist im Grunde genommen der Genauigkeit 
etwas zu viel, Luftwiderstand und Beobacbtungsfebler werden bier 
wie immer abandernd eingewirkt baben, und es ist docb wenig wabr- 



Griinde gegen Kopernikus, Gradmessung. 131 

idiefDlich, dass sich diese abandemden Ursachen gerade zu Nail auf- Ricoiou, 
kbou Riccioli hat danach aacb selbst Yersnche fiber die Wirkung ^^^' 
iit Lnftwiderstandes angestellt und gefanden, dass schwerere 
Engeln etwas eher zu Boden kommen als leichtere. Hatte Riccioli so 
anf der einen Seite Galilei bestatigt, so benutzte er gerade diese Thai, 
un Oin auf der anderen Seite zn widerlegen. 

Er war, ob ans Ueberzeugung oder als fflgsamer Sohn der Eirche, 
im mag dahingestellt bleiben, Gegner des Eopernikanischen Systems 
ad Btellte in seinem Almagest nicht weniger als 77 Griinde gegen dieses 
Srstem anf. Unter diesen findet sich der alte £inwurf von dem 
Zsruckbleiben der fallenden KSrper hinter der bewegten Erde, nnr in 
oener scb&rferer Form. ' Wenn die Erde sich bewegt nnd alle zn 
lia gehorigen Korper sicb mit ihr bewegen , so wird sich die wirk- 
liclie Bewegnng eines fallenden E5rpers aus seiner Fallbewegung nnd 
der Rotationsbewegung, die er mit der Erde gemeinsam hat, znsammen- 
KtieD. Die wirkliche Bewegung desselben wurde also auf ein ganz anderes 
Otisets als die einfache Fallbewegung fiihren; ja da die Bewegung der 
Erde gegen die Fallbewegung sehr gross ist, so musste die wirkliche 
Bewegang (wie die Rotation) nahezu gleichformig vor sich gehen. Doch 
^e schon Galilei bemerkt, dass man auf der bewegten Erde immer 
Qor die relatrye Bewegung eines Korpers gegen dieselbe beobachten 
tenne, und die Zeitgenossen widerlegten bald die Behauptung Riccioli's, 
d»8 er durch seine Yeranstaltnngen die absolute Bewegung eines 
Ulenden Korpers gemessen habe. 

Riccioli hatte uberhaupt als Physiker und auf der Erdo viel weniger 
£rfolg wie als Astronom und am Himmel. Die Fluthbewegung 
erklart er durch eine Anziehung der Sonne auf die Diinste des Meerwassers 
nnd damit auf dieses selbst und l&sst auch noch einen Wind zu HClIfe 
kommen, der bestandig yon Osten nach Westen weht und das Meerwasser 
treibt Eine Gradmessung, welche er 1645 mit Grimaldi anstellte 
lud bei welcher sie die Horizontaldistanz der betreffenden Orte durch 
Triangulation bestimmten, ergab fUr den Grad 62 650 Toisen; wahrend 
Richard Norwood durch blosse Messung mit derMesskette im Jahre 
1636 Tiel richtiger 57 300 Toisen erhalten hatte. 



1618—1668. 



Riccioirs Gehlilfe" Grimaldi hat ein optisches Werk hinterlassen, das Grimaldi, 
lor die Physik wichtiger ist als alle Arbeiten Riccioli's. Franoesco 
ll&ria Grimaldi wurde 1618 in Bologna geboren, war wie Riccioli 
Jesuit nnd starb als Lehrer der Mathematik am Jesuitencollegium zu 
Bologna noch Yor jenem im Jahre 1663. Das erw&hnte Werk erschien 
erst jwei Jahre nach dem Tode des Verfassers unter dem Titel Phy- 
sico-mathesis de lumine, coloribus et iride aliisque an- 
^exi«, libri II; es ist vor AUem beruhmt durch die Entdeckung 
^er Diffraction des Lichts. Grimaldi liess durch eine kleine 
Oeffnnng Licht in ein dunkles Zimmer fallen , das sich hinter der OefiF- 

9* 



132 BeugUDg des Lichts. 

Orimaidi, nuiig naturlicb in einen Lichtkegel ausbreiteto. In dieson Lichtkegel 
1618-1668. |jj.hjj1j^ gj. ziemlich entfemt von der Oeffnnng einen Stab und fing den 
Scbatten desselben aaf einer weissen Fl&cbe auf. Hier zeigten sicb ver- 
scbiedene uberraschende Erscbeinungen, erstens war der Kernscbatten 
des Stabes breiter, als sicb bei Annabme einer nur geradlinigen 
Fortpflanzung durcb Berecbnung ergab, dann aber waren zu beiden 
Seiten dieses Scbattens nocb (je nacb der Helle des Licbts) ein, 
zwei oder drei Streifen zu seben, die nacb der Scbattenseite za 
blau und nacb der anderen Seite rotb waren, aber yon innen nacb aussen 
an Intensitat des Licbts und der Farben abnabmen. Aucb in dem 
Scbatten selbst waren bei ganz bellem Sonnenlicbt nocb farbige 
Streifen za seben. Danacb war klar, dass das Licbt nicbt allein sicb 
geradlinig fortpflanze, sondern aucb bei seinem Voruberstreifen an einem 
Korper sicb sowobl yon demselben ab, wie aucb um denselben 
berumbiege. Gnmaldi nannte diese neue Eigenscbaft die Dif- 
fraction des Licbts, und um zu zeigen, dass dieselbe weder in 
einer Reflexion nocb in einer Refraction bestebe, yariirte Grimaldi 
seine Yersucbe. Er bracbte, um den Zwjscbenkdrper zu eliminiren, in 
den Licbtkegel eine undurcbsicbtige Platte mit einer kleinen Oeffnung 
und fing das durcbgegangene Licbt wieder auf einem weissen Scbirm 
auf; aucb bier zeigte sicb der erleucbtete Kreis grosser, als er nacb der 
Dimension der Oeffnung biitte sein durfen. Weiter bracbte er dann in 
dem Laden des verdunkelten Zimmers zwei Oeffnungen an und fing die 
Bilder auf einem Scbirm in einer solcben Entfemung auf^ dass dieselben 
sicb tbeilweise deckten. Dann bemerkte er zwei dunkle, sicb scbnei- 
dende Ringe um jeden bellen Kreis und sab die Fl&cbe, welcbe don 
beiden Ringon gemeinscbaftlicb war, bedeutend beller als die jedes ein- 
zelnen Ringes; sab aber aucb den Rand jedes Kreises dunkel in der 
erleucbteten Fl&cbe des anderen Kreises. Hieraus zog Grimaldi aos* 
driicklicb den Scbluss: ein erleucbteter Korper kann dunkler 
werden,wennza dem Licbte, das er empfangt, nocb neues 
Licbt tritt, und damit ist aucb die Interferenz des Licbts sicber 
ausgesprocben , wenn aucb nicbt erklart^). Mit der Erklarnng 
batte es bei Grimaldi iiberbaupt seine Scbwierigkeiten. 
Er liebt es nicbt eine neue Meinung ganz selbstandig auszubilden, oder 
yermeidet es wenigstens dieselbe klar auszusprecben , sondern fubrt 
lieber alle moglicben Meinungen referirend an, obne sicb fest und klar za 
einer zu bekennen. Grimaldi denkt ganz gewiss an eine We 11 en be we- 
gi^ng des Licbts, die Anfange der Undulationstbeorie sieht 
man ganz deutlicb in seiner Scbrift, wenn er sagt: „Sowie siob, wenn 

^) Bacon hat unter seinen Fragen nacb der Natur des Licbts aucb die: 
Man solle untersachen, aaf welche Weise das Licht verdunkelt werde, wie 
z. B. durch stftrkeres Licht. Doch erscheint natthiich, dass er nicbt an eine 
Interferenz, sondern nor an das Ueberstrahlen eines Lichtes durch ein hellere? 
denkt. 



Dndulationstheorie. Farben. 133 

man einen Stein ins Wasser wirft, am diesen, wie um einen Mittelpunkt, Orhnaidi, 
kreisiormige Erhohangen des Wassers bilden, gerade bo entsteben nm '^^^"i^®^. 
den Schatten des imdarchBicbtigeii Gegenstandes jene glanzenden Strei- 
fen, die sicb nacb der Yerecbiedenbeit der Gestalt des letztereo, entweder 
in die LaDge aasbreiten , oder gekriimmt erscbeinen. Und bo wie jene 
kreisformigen Wellen nicbts anderes sind als angebauftes Wasser, am 
welches sicb auf beiden Seiten eine Farcbe ziebt, so sind ancb die glan- 
zenden Streifen nicbts anderes als das Licbt selbst, das durcb eine bef- 
tige Zerstreuung angleicbmassig vertbeilt and durcb scbattige Intervalle 
getreniit wird." Es ist aber etwas anderes, die Ursacbe einer Erscbei- 
nang abnen, als aas dieser Ursacbe alle Eigentbiimlicbkeiten der Er- 
scbeinung wirklicb ableiten; von einer Erklarung aller beobacbteten 
Erscbeinangen aas einer bypotbetiscben Wellenbewegung war Grimaldi 
Boweit entfemt, dass er vielfacb nar mit Gleicbnissen zu erklaren ver- 
BQcbte. Bei Besprecbang der Farben taacbt eine Ansicbt aaf, dass 
dieselben wobl von angleicb gescbwinden Erzitterungen 
des Licbtstoffes berriibren mogen, wie die verscbiedenen Tone 
Ton ungleicber Gescbwindigkeit der Luftscbwingangen ; aber daneben 
stebt ancb die scbon bei Marcus Marci anklingende Meinung, dass 
uberall da, wo die Licbtstrablen dicbter auffallen, die 
Farben aucb beller sein mussen; eine Vorstellung, die nocb ein 
Nacbklang von der Entstehung der Farben aus Licbt and 
Schatten ist. Docb bricbt Grimaldi ganz entscbieden mit der Tbeorie 
Ton den perman en ten und apparen ten Farben; er halt die Farben nur 
fur Bestandtbeile des Licbts and erklart, dass alle Farben nur 
im Licbt existiren and dass also aucb die permanenten Farben 
der Eorper nur dadurcb entsteben, dass diese das Licbt in einer 
besonders modificirten Weise zuruckwerfen. Zur Vorstel- 
lung der grosseren oder geringeren Dicbtigkeit des Licbts in den ver- 
scbiedenen Farben trug bei Grimaldi dieselbe Beobacbtung bei, die wir 
ebenfalls scbon bei Marcus Marci gefunden baben. Grimaldi bat wie 
Marcus Marci beobacbtet, dass das Licbt beim Durcbgang durcb ein 
f!A|na zerstreut wird, dass also ein Tbeil des Licbtstrabls mebr gebrocben 
vird als der andere. Daraus folgt die Vorstellung, dass da, wo das Licbt 
am wenigsten gebrocben wird, dasselbe am dicbtesten und also roth ist, 
dass aber da, wo das Licbt am meisten gebrocben wird, dasselbe dunner 
und die Farbe blau oder violett ist. 

Wir baben mit Grimaldi den berubmtesten der jesuitiscben Pbysiker 
behandelt; sie treten in dieser Zeit baufig auf und zeigen im Grunde 
genommen alle eine gewisse Familienabnlicbkeit. Fast alle 
Bind keine Bcblecbten Beobacbter, sie nebmen fremde Entdeckungen mit 
Gluck and Gescbick auf und wissen sie oft weiter auBzabilden. Neue 
Wege zu eroffnen ist aber weniger ibre Sacbe. Eine Aas- 
nahme biervon macht nur Grimaldi, er bat wenigstens die Er- 
scheinung der Beugung des Licbts unbestritten zuerst 



134 Beurtheilung Grimaldi's. 

Grimaidi, aufgefasst and, ohne yon scholastisch-philoBophischen 
1618—1663. j^eigmigen beirrt zu werden, gut beobachtend studirt. 

Theoretisch aber welter zu gehen, eine ganz neae Anschaaung 
nnd Grundlage der Theorie auszabilden hat aach er nicht 
T e r m o c h t ; wo er zu einer solchen ansetzt, da wird er ansicher, schwan- 
kend, stellt Neues und Altes neben einander und bleibt angstlich in 
Gleicbnissen stecken. Yielleicht finden wir in dieser Farcbtsamkeit doch 
uoch eine Folge Beiner Erziehung and des Bewasstseins der druckenden 
Disciplin seines Ordens, die ohne Billigung der hoberen Aatoritat keinen 
weitergehenden Scbritt erlaubt. 



2. 

Zweiter Absohnitt der Physik in der neueren Zeit. 

Von circa 1650 bis circa 1690. 



Physik vorwiegend Experimentalphysik. 

Im vorigen Zeitraum erst hatte die Physik sich das Experi- 
ment als wissenschaftliche Methode erobert und dasselbe zu hohem 
Ansehen gebracht, in diesem Zeitraum steigert sich schon die 
Verehrung des Experiments bis zu einer Einseitigkeit, 
welche die anderen Factoren der Wissenschaft ofters 
ganz iibersehen lasst. Die Florentiner Akademiker 
nehmen sich von Anfang an vor zu experimentiren und nicht 
zu discutiren; der grosse Experimentator Boyle ist so wenig 
darauf bedacht weitere Schliisse aus seinen Beobachtungen zu 
Ziehen, dass ein Schiller ihm in der Entdeckung des sogenannten 
Mariotte'schen Gesetzes zuvorkommen kann, und fast an alien 
, ^en wirft sich die Arbeit auf Themata, in denen dem Ex- 
periment die Hauptentscheidung zusteht. Die neu er- 
fundene Luftpumpe wird iiberall eifrig benutzt, und alle mog- 
lichen Versuche, die man sonst in freier Luft angestellt, werden 
nun auch im luftleeren Raume nachgepriift. Die Capillar- 
erscheinungen, die Glasthranen etc. erregen grosses Inter- 
esse. Die Instrumente, welche zu meteorologischen Beobach- 
tungen dienen, werden allmalig vervoUkommnet; man construirt 
unzahlige Barometer, Thermometer, Hygrometer, Anemometer, 
Regenmesser, in alien mSglichen Formen und zu alien moglichen 
besonderen Zwecken. Leider fehlte alien diesen Instrumenten die 



136 Einleitung zur zweiten 

nothwendigste Eigenschaft, die Uebcreiiistimmung und die Ver- 
gleichbarkeit ihrer Angaben. Trotz aller Bemiihungen kani maa 
nicht zu einer festen Scala fiir die Thermometer, und selbst die 
Barometer zeigten unter einander solche Abweidiungen , dass sie 
fiir genauere Messungen unbrauchbar waren. Immerbin wurdeu 
die Thermometer so weit ausgebildet, dass sie Phantasien, wie wir 
sie noch Uber Warme bei Bacon gefunden haben, unmoglich 
machten und dass man mit ihnen zur Kenntniss fester Temjfferatur- 
punkte, wie der Siedepunkte etc., gelangen konnte. Ueber ein- 
zelne metcorologische Fragen begannen lange Verhandlungen, die 
viele und mannigfaltige Beobachtungen veranlassten, und die man 
doch meist nicht zu Ende fiihren konnte. Die Ausdehnung der 
Korper durch die Warme, das Sieden der Fllissig- 
keiten, Gefrieren des Wassers, naturliche oder kiinst- 
liche Kalte behandelte fast jeder Experimentator. 
In der Akustik war noch wenig fiir die Experimental physik zu 
gewinnen, nur die Messungen der Schallgeschwindigkeit 
wurden mit Eifer fortgesetzt. In der Optik wurde vorziiglich die 
Farbentheorie gefordert. Die Spectralerscheinungen, 
die Farben diinner Blattchen, die natiirlichen Farben 
der Korper, die Farben, welche bei der Beugung des Lichts 
auftreten, erfuhren eine fast erschopfende Beobachtung; audi 
phosphorescirende Korper nahmen die Aufmerksamkeit 
noch immer stark in Anspruch. Nur Elektricitat und Magne- 
tismus blieben merkwiirdigerweiso ausserhalb des allgemeinen 
Stromes. Der Magnetismus wurde fast nur aus praktischen Riick- 
sichten fiir Zwecke der Schififahrt, allerdings hier mit grossem 
Fleiss bearbeitet, und die Elektricitat trotz der Entdeckungen Gue- 
ricke's nur in Bezug auf ihr Verhalten im luftleeren Raume unter- 
sucht. 

Besonders wirksam zeigt sich auch die experimen- 
tale Tendenz bei der Griindung der grossen natur- 
wissenschaftlichen Akademien, die in diesem Zeitraume 
erfolgte. Der Philosoph, der Mathematiker bedai'f der Einsamkeit 
zur Losung seiner Probleme , Mithiilfe Anderer ist ihm hochstens 
bei Aufstellung derselben und bei der Kritik der Losung niitz- 
lich. Der Experimentalphysiker dagegen hat in sehr vielen Fallen 
Mitarbeiter, Gehiilfen bei der Arbeit selbst und wegen der 



'Periode dei^noaeren J^hy^k. 137 

m 

Eostspieligkdit der Untersucljungeu audi die pecuiiiare Unter- 
stiitzuiig des Staajes oder besser aituirter Froiinde der Wissenschaft 
nothig. Bis zu dieser Zeit* hatte 'loan • sifth rneist mit einem aus- 
gedehnten Briefwechsel t>egnugl., um yod- den Arbeiten Anderer 
za erfahren mild die eigenen Flntdeckztogen schnell bekannt zu 
geben. Mersenne bildete lange ZeiWeioft Gentralstelle fiir den 
Verkehr der Physiker und Pfcilosophen*, und auch mancher eifrige 
Liebhaber der Physik spielte gern den' ehrlichen Makler in den 
wissenschaftlichen Geschaften. Nun aber traten in Italien auf 
Anregung von Schiilern Galilei's Physiker zusammen, 
um mit Unterstiitzung des Grossherzogs von Toscana 
pliysikalische Experimente zu machen, zu denen dem 
Einzelnen die Arbeitskrafte wie die Geldmittel mangelten, und der 
grossartige Erfolg dieses Dnternehmens ennuthigte an anderen 
Orten zur Bildung ahnlicber gelehrter Gesellschaften. 

Scbon seit 1645 vereinigten sich im Hause des Dr. God dart 
in London einige bedeutende Manner zur Besprechung natiir- 
wissenschaftlicher Gegenstande ; aber unter den politischen Kampfen 
in Englandj kam die Gesellschaft lange Zeit nicbt weiter. Erst 
1659, ein Jahr nach Cromwell's Tode, versammelte sich die Ge- 
sellschaft offentlich in Gresham College zu London, und 1660 
nach der Thronbesteigung Karl's 11. ordnete sich die Vereinigung 
zu einer bestimmt organisirten Gesellschaft. Derselben gehorten 
nnn Hooke, Boyle, Wallis, Wren, Brounker etc. an; Wil- 
kins war Prasident, Balle Schatzmeister und Oldenburg Se- 
cretar; die Gesellschaft errichtete eine Instrumentensammlung und 
eine Bibliothek und bestellte sich einen eigenen Curator of expe- 
riments. Der Konig zeigte sich der neuen Griindung sehr geneigt; 
am 5. December 1660 sicherte er ihr seinen koniglichen Schutz 
zu, und am 15. Juli 1662 erhielt sie den Namen Royal Society 
nnd in einem Freibrief das Recht liegende Griinde und Gerichts- 
barkeit zu besitzen. Nach einem Decret vom 18. October 1662 
soUte jede physikalische und mechanische Erfindung ihrer Priifung 
nnterbreitet werden. Seit 1664 nahm die Gesellschaft auch aus- 
wartige Mitglieder auf; zu den ersten gehorten Huyghens und der 
Danziger Astronom Hevel. Mit dem Jahre 1665 begann die Ge- 
sellschaft durch ihren Secretar Oldenburg die Herausgabe eines 
besonderen Journals, Philosophical Transactions of the 



138 'Ein^eitung «ur ^weiten * 

Royal Society of Loadon, das regelmassig bis heute fort- 
gesetzt worden ist. 

Auch in Paris bild^ ^ch dann nacb dem Vorbilde der Boyal 

Society eine Akademie dev Naturnissensefiaften. Zwar hatte scbon 

/> 

seit Mersenne in Paris eiu© Vereinigung gelehri:er ^fS-nner bestanden, 
die sich mit Naturwifisettsclmften beschaftigte, aber erst 1666 wurde 
eine Gesellschaft gegriindet, die mH grosseren Mitteln arbeitete. 
Sie erhielt auf Anregung" Colbert's die Bestatignng Ludwig's XIV., 
den Titel Akademie der Wissenschaften und die Erlaubniss 
sich in einem Saale der koniglichen Bibliothek zu yersammeln, 
blieb aber sonst Privatgesellschaft. Diese Akademie zog Huyg- 
hens aus Holland, Dom. Gassini aus Rom, Romer aus Dane- 
mark nach Paris; Roberval, Auzout, Picard, Carcavi u. A 
gehorten zu ihren ersten Mitgliedem. Von ihr gingen seit 
1669 die beriihmten Gradmessungen, astronomische and physika- 
lische Beobachtungen in den Aequatorialgegenden etc. aus, und 
bald wurde sie zur ersten gelehrten Gesellschaft in Europa, der 
nur die Royal Society Concurrenz machte. Ihre Veroffentlichungen 
bewirkte dieselbe bis 1699 in dem 1665 gegriindeten Journal 
des savants; als aber im Jahre 1699 die Akademie zur eigent- 
lich koniglichen Gesellschaft umgestaltet wurde, erschien von 
ihren Schriften jahrlich ein Band unter dem Titel Histoire et 
memoires de I'academie Royale des sciences, bis 1798 
unter der Republik die Akademie abermals umgewandelt wurde. 

In Deutschland bildete sich nach dem grossen Kriege eben- 
falls eine gelehrte Gesellschaft. Im Herbst 1651 schon hatte der 
Stadtphysikus Job. Lorenz Bausch in der freien Reichsstadt 
Schweinfurt die Anregung zur Griindung einer Akademie der 
Naturforscher, einer Academia Naturae Curiosorum (ad 
excolendas res naturales) gegeben. Am 1. Januar 1652 wurde die 
erste Versammlung abgehalten, welche feste Statuten annahm. 
1672 erhielt die Gesellschaft durch Kaiser Leopold I. zuerst noch 
als Privatverein die Bestatignng; 1677 am 3. August erhob Leo- 
pold dieselbe zur Reich sakademie unter dem Titel Sacri Romani 
Imperii Academia Naturae Curiosorum, setzte die aussere Ein- 
richtung fest und suchte die Erforschung insbesondere der Natur- 
und Heilkunde zu regeln. Am 7. August 1687 erfolgte eine wei- 
tere Verleihung von Rechten, die Akademie erhielt den Namen 



•■ Periode der neuereft Physik. 139 

Caesareo-Leopoldina Naturae Curiosorum Academia, 
das noch JQtzt'||efulirte Wappea, ^Uige Qensurfreiheit, Privilegien 
gegen Nachdruck, das Recht Doq^ren 2u creiren etc. Am 12.Juli 
1742 bestatigte und erwejterte aJiemiMs Kaiser Karl VII. ihre 
Privilegien, und die Akademie n^l^ln -z«m Danke in iliren Titel 
isib Wort Carolina auf. Die Publicatimeii ier Akademie begannen 
1670 und sind in verschicdenen Periodeift* und unter verschiedenen 
Titeln bis heute, mit einer einzigen Ausnahme von 1792 bis 1817, 
imunterbroclien erschienen i). 

Doch sind dieselben fur die Physik und Chemie von gerin- 
gerer Bedeutung gewesen als fiir die beschreibenden Naturwissen- 
schaften. Die deutschen Physiker veroflFentlichten ihre Arbeiten 
meist in den Acta eruditorum, welche 1682 von dem Professor 
Otto Mencke in Leipzig gegriindet und dann von seinem Sohne, 
seinem Enkel u. A. fortgesetzt wurden. Sie erloschen 1776, nach- 
dem 117 Quartbande erschienen waren. Andere Akademien ausser 
den angefuhrten wurden entweder erst spater gestiftet oder sind 
fiir die Physik von wenig Bedeutung. 

Die grossen Akademien von Paris und London aber waren 

auch in dieser Periode nicht einseitig auf die Experimentalphysik 

beschrankt, sie forderten, wenn auch noch nicht so kraftig als in 

der nachsten Periode, die mathematische Physik, und diese 

blieb selbst in dieser Zeit nicht ohne erfolgreiche Bearbeitung. 

Wenn hier nur wenig Arbeiter zu finden sind, so erweisen sie sich 

desto genialer und ersetzen oft durch die Qualitat der Arbeiten 

die fehlende Quantitat. Borelli und nach ihm Hooke forderten 

die Theorie der Planetenbewegungen; die Lehre vora 

Stoss wurde mathematisch entwickelt; Huyghens gab in seinen 

mechanischen Arbeiten der mathematischen Physik einen 

colossalen Aufschwung, und Newton eroberte ein ganz neues 

Gebiet, die Farbenlehre, fur diese Disciplin. Doch sieht 

man auch in diesen grossen Mathematikern die Ten- 

denz des ganzen Zeitraumes wirksam; sie waren, wie 

Huyghens, Newton, die Bernoulli etc., in ihrer Jugend 

wenigstens mehr oder weniger experimentell thatig. Erst nach 

und nach, als sich die Mathematik machtiger eutwickelte und sie 



1) Leopoldina, Heft XVin, No. 13 and 14. 



140 Eiiileitung zur zweiten 

selbst ihrer starksten Anlage ^ich.mebv und mehr bewusst wurflen, 
wandten sie sich von dm Expefpiiudntirkunst ao, mn. dem grossen 
mathematischen Zuge dernftch^a Penode zu folgen oder viel- 
mehr ihn zu begriinden. * . ' • ■ , 

Die Naturphilosop1ilo% dagegen machte kemen neuen 
Schritt in diesem Zeitjsauim • Man merkte allmalig, dass "es 
fiir die Begriindung ei*ner eigenen, unabhangigen Natur- 
philosophie noch lang^ nicht Zeit sei, wenn man nur 
iiberhaupt noch an die Moglichkeit einer solchen glaubte. Die 
Philosophie selbst theilte sich nach und nach in zwei Schulen, 
die inductive, welche von Bacon anhub, und die deductive, 
welche von Descartes ausging. 

Die inductive Schule blieb vorziiglich in England ver- 
breitet. Sie konnte ihrer Begriindung nach nicht an eine von der 
Experimentalphysik getrennte Naturphilosophie denken. Darum 
wandte sie sich, so weit sie rein philosophisch blieb, immer mehr 
von der ausseren Natur ab und neigte starker anthropologic 
schen Aufgaben zu. Der nachste Nachfolger Bacon's, Hobbes 
(1588 bis 1679), steht noch am meisten den Naturwissenschaften 
nahe, doch fuhrt auch seine Philosophie schon nothwendig zur 
Erkenntnisstheorie als dem Hauptproblem der Philosophie. Hobbes 
negirte ganzlich dieMaterie als besonderen Begriff ; eine schlecht- 
hin unbestimmte Materie giebt es nicht, es existiren 
nur Korper, von denen man den Begriff Materie ab- 
strahirt hat. Die einzige Art der Wirkung der Korper ist die 
Bewegung; was Anderes bewegt, muss sich selbst bewegen, min- 
destens in seinen kleinsten Theilen. Es existirt also bei Hobbes, wie 
bei Descartes, keine andere Kraft als die der Beharrung und eine 
actio in distans ist unmoglich. Auf der anderen Seite be- 
riihrt sich Hobbes mit den Atomisten, indem er die Korper 
aus kleinen Theilchen zusammengesetzt sein lasst, die jedoch nicht 
untheilbar gedacht zu werden brauchen. Wenn die Wirkungsweise 
eines Korpers nur in der Bewegung besteht, so sind die sogenann- 
ten Sinnesqualitaten , wie Farbe, Ton, Geruch etc. nicht Eigen- 
thiimlichkeiten der Korper, sondern nur Arten der Aufnahme der 
von den Korpem ausgehenden Bewegungen durch die Sinne eines 
empfindenden Subjects. Jeder Bewegung eines Korpers, die durch 
ein Medium, wie die Luft, auf unsere Sinnesorgane iibertragen und 



Periode der neueren Physik. 141 

Ton diesem in unseren Korper weiter geleitet wird, entspricht in 

diesem eine Gegenbewegung. Diese Reaction unseres Korpers ist 

die Empfindung. ^ Alles, was wir als Sinnesempfindung 

bezeichnen,- ist also nur eine Modification unseres 

eigenen Korpers, die durch die Bewegungen der ausse- 

ren Korper veranlasst wird, aber mit diesen der Art 

nach gar nichts gemein hat. Dieser Sensualismus, der 

noch heute unsere Physiologic beherrscht, deckt aber nur weitere 

Schwierigkeiten auf. Erkennen wir mit unseren Sinnen nicht direct 

das Wesen der Korper, geben unsere Sinne nur Zeichen von Be- 

wepngen, die von diesen ganz verschieden sind, so drangt sich 

mit voUer Gewalt die Frage an uns heran, wie iiberhaupt noch 

eine sichere Erkenntniss der Aussendinge moglich ist. 

Die Philosophic muss dann vor Allem dieses Problem behandeln 

und damit zu allererst zur Erkenntnisstheorie werden. Als 

seiche tritt sie in dem nachsten Nachfolger Hobbes', in John 

Locked) (1632 bis 1704) und seinem philosophischen Hauptwerk 

An Essay concerning human understanding (London 

1690) auf; als solche steht sie aber auch mit der Physik in geringer 

Verbindung und kann erst dann, wenn sie zu festen sicheren End- 

ergebnissen gelangt ist, wie fiir alle "Wissenschaften, so auch fiir 

diese von grosser Bedeutung werden. Vor der Hand muss sie 

mehr von den exacten Wissenschaften ihr Material der Unter- 

snchung entlehnen, als dass sie diese selbst reguliren konnte. 

Etwas anders geht die Entwickelung auf der deductiven 
Seite der Philosophic vor sich, um doch zuletzt auf denselben 
Punkt, die Erkenntnisstheorie, zu fiihren. Descartes glaubte 
zwar seine Naturphilosophie sicher begriindet und gegen jeglichen 
AngriflF gesichert zu haben, und mit ihm glaubten es die meisten 
seiner Schiller. Die bedeutendsten Nachfolger des Descartes aber, 
die Philosophen Geulinx (1625 bis 1669) und Malebranche 
(1638 bis 1715), merkten schon das Bediirfniss und die 
Wichtigkeit erkenntnisstheoretischer Untersuchungen 
und versuchten das System ihres Meisters nach dieser Richtung 
hin starker zu begriinden. Indessen hielt immerhin auf dieser 
Seite die Sicherheit noch langer vor als auf der anderen, und die 

1) Ancli Locke ist in seiner Naturanschaaung Atomist and erklart alle 
Sensation en clnrch die Bewegang der kleinsten Theilchen der Korper. 



142 Einleitung.. 

Naturphilosophie des Descartes herrschte noch wah- 
rend unseres Zeitraums und dariiber hinaus in Frank- 
reich, Deutschland, Holland und auch i^ England. 

Unter den Bearbeitern der Physik selbst ging eine starke 
Verschiebung vor sich. Die Wissenschaft riickte nach Nor- 
den und fand in unberiihrtem Boden neue Nahrung zu 
weiterer schneller Entwickelung. In Italien, wo die 
katholische Kirche misstrauisch und drohend die freie Wissenschaft 
beobachtete, wo man einen Cardinalshut fiir die Schliessung einer 
wissenschaftliclien Akademie austheilte, wo kein machtiger Staat 
gcgen den unmittelbaren Einfluss der nahen papstlichen Macht 
aufzutretcn wagte, erlosch nach und nach der wissenschaftliche 
Geist fast ganz. In Frankreich nahm das wissenschaftliche 
Leben, durch die Griindung der Pariser Akademie machtig gefor- 
dert, einen colossalen Aufschwung, aber auch da folgte durch reli- 
giose Einfliisse ein Ruckschlag. Die lange vorher drohende Auf- 
hebung des Edicts von Nantes, welche 1685 wirklich erfolgte, trieb 
nicht nur eine Menge bedeutender industrieller Krafte, sondern 
auch wissenschaftliche Grossen, wie Huyghens, Romer, Papin u. A. 
aus dem Lande, deren Weggang sich langere Zeit fuhlbar machte. 
In England hinderten im Anfang dieses Zeitraums ebenfalls poli- 
tische und religiose Kampfe den wissenschaftlichen Aufschwung; 
nachdem aber mit der Restauration 1660 die Ruhe wieder einge- 
treten war, kamen die Naturwissenschaften zu solcher Bliithe, dass 
die Englander im nachsten Zeitraume unbestritten die fuhrende 
Nation werden konnten. 

Deutschland litt noch immer unter den Folgen seines 
grossen Erieges; ausser dem genialen Guericke, der auch unter 
den Sturmen des Krieges sein wissenschaftliches Interesse und seine 
Kraft nicht verier, haben wir kaum einen deutschen Physiker von 
grosserer Bedeutung in dieser Periode zu erwahnen. Dafiir lie- 
ferte Holland einen Huyghens, sowie mehrere der bedeutend- 
sten Mathematiker, und auch die nordischen Reiche begannen 
ihren Eintritt in die Physik in sehr wiirdiger Weise durch 01 af 
Romer, Erasmus Bartholinus u. A. 

Oaerieke, Otto V. Querloko wurde am 20. November 1602 in Magdeburg 

rimente^S! geborcn. Sein Vater war der Magdeburger Patrizier Hans Guericke, 
1650- ic«8. aging Mutter Anna eine Geborene v. Zweidorff aus Braunschweig. Den 



Leben Guericke's. 143 

Elementaranterricht erhielt er anf der Stadtschule seiner Vaterstadt, Gnericke, 
welche damals in hoher Bluthe stand. Seine Universitatsstudien begann lees. ^ 
er scbon 1617 in Leipzig nnd setzte dieselben 1620, als der bobmische 
Erieg sicb mebr den s&cbsiscben Grenzen naberte, in Helmst&dt fort. 
Im September 1620 starb sein Yater, and seine Mutter bebielt ibn 
den Winter 1620—21 bei sicb. W&brend der Jabre 1621 bis 1623 
besacbte er die Universitat Jena, widmete sicb da besonders seinem 
Berafsstadium, der Jorisprndenz ,' und ging 1623 zur Yollendung seiner 
Studien nacb Leyden, wo er sicb yiel mit neueren Spracben, aber ancb 
mit Pbysik and angewandter Matbematik, Mecbanik and Fortifications- 
lehre bescbaftigte. Nacb einer mebr als neanmonatlicben Reise durcb 
England und Frankreicb kebrte er in seine Vaterstadt zurClck, tratl626 
in das RatbscoUegium ein and verbeiratbete sicb nocb in demselben 
Jahre mit Margarethe Alemann, aas einer der angesebensten Familien 
Magdebargs. Dieser £be entsprossen drei Elinder, von denen aber zwei 
sebr frub starben; nar ein Sobn, Otto, iiberlebte seinen Yater. Nacb 
einer Neaordnang der stadtiscben YerbUltnisse im Jabre 1630, bei der 
er sicb wenig betbeiligte, wurde Guericke (neben dem Ratbsmann Grote) 
das Amt eines Scbutz- oder Kriegsberrn der Stadt Magdebarg &bertragen, 
and er bat bei der Belagerang derselben darcb Tilly 1631 yollauf seine 
Pflicbt getban. Erst als am 20. Mai jeder Widerstand gegen den ein- 
dringenden Feind gebrocben, eilte er za seiner Familie and flucbtete 
mit dieser, nacbdem sein Haas total aasgeplundert , seine Dienstleate 
ermordet worden waren, in die Bleckenbarg, das Haas eines Obeims, 
welcbes die Kaiserlicben scbonten. Yon dort warde er mit den Seinigen 
ins Feldlager za Fermersleben ubergefubrt, mit Milde und Scbonung 
bebandelt, aber docb erst gegen ein Losegeld yon 300 Tblrn. entlassen. 
Nacb karzem Aafenthalt in Scbonebeck bei Magdebarg and wabrscbein- 
licb aucb in Braunscbweig bei den Yerwandten seiner Mutter, erbielt 
der yon Subsistenzmitteln entblosste Guericke eine Anstellung als Ge- 
neralquartiermeister und Ingenieur Gustay Adolfs. Docb ging er, als 
der scbwediscbe General Bauer endlicb Magdeburg besetzt batte, dabin 
zaruck, am sein yerlassenes Grundeigentbum wieder in Besitz zu nebmen. 
Er war beim Aufbau und der Wiederbefestigung der Stadt tbatig, legte 
aucb eine Scbiffbrucke tLber die Elbe und diente der Garnison Magde- 
bargs als Ingenieur; daneben trieb er Ackerwirtbscbaft and brauteBier, 
weil eine Braagerecbtigkeit auf seinem Hause lag. Als 1635 Kursacbsen 
seinen Frieden mit dem Kaiser macbte, wurden die Scbweden aus der 
Stadt yerdr&ngt. Diese bekam eine kaiserlicbe und sAcbsiBcbe Garnison, 
welcbe der Stadt sebr lastig fiel, aber erst nacb yielen Bemiibungen 
Guericke's, der yon 1642 an yerschiedene Male Reisen zu dem Kurfiirsten 
yon Sacbsen untemommen, durcb eine stadtiscbe ersetzt wurde. Die 
dankbare Stadt w&blte Guericke 1646 zu ibrem yierten 
Bilrgermeister and braucbte ibn yon da an yorzugsweise 
zu diplomatiscben Gescbaften. 



144 Leben Guericke's. Nova Experimenta, 

Gnericko, Noch iiu Jahre 1646 ging er za dem schwedischen Feldberrn Tor- 

liics.'^^ *" stenson and verehrte diesem, als er der Stadt seinen Schutz versprochcii, 
ein kostbares Schreibzeng , mit einer aus Messing gearbeiteten , ver^ol* 
deten und dureh ein Uhrwerk inBewegung zn setzenden Himmelskug^el, 
das wohl von ihm selbst gearbeitet war. Im October 1646 warde 
er nach Osnabrdck za den Friedensverhandlnngen ge^ 
. s a n d t , am seine Stadt vor AUem gegen die Geluste des Administrators 
Yom Erzstift Magdeburg za vertbeidigen. Er erreicbte seinen Zweck, 
kebrte im Angast 1647 wieder nacb Magdeburg zaruck 
and im Friedensinstrument warden der Stadt ibre alten Freibeiten 
bestatigt. Aber damit waren dieselben nocb lange nicbt gesicbert. 
1649 (14. Marz) masste Gaericke desbalb abermals nacb 
Osnabriick; als dieGesandten derM&cbte sicb nacb Ndrnberg begeben 
batten, auch dorthin and nacb kurzem Aafentbalt daselbst nacb Wien 
zum Kaiser. Erst An fangs 1651 kebrte Gaericke nacb Magde- 
burg zaruck, nacbdem er in Wien yiel mit Krankbeit gekampft und 
obne dass er ein en entscbeidenden Spruch f&r seine Stadt erwirkt. 

1652 ging er in derselben Angelegenbeit nacb Prag and 

1653 nacb Regensburg zum Reicbstag, von wo er erst 1654 
wieder abberufen wurde. 165 9 war Guericke nochmals in Wien 
und blieb bis 1660; nacb dieser Mission endlich, die seine letzte 
war, lebte er in grosserer Rube zu Hause^). 

Seinen so fruchtbaren pbysikalischen Yersucben batte er bis dabin 
nur bei den kurzen rubigen Zwiscbenzeiten seiner diplomatiscben Tbatig- 
keit nacbh&ngen konnen. Jetzt aber blieb ibm neben seinen nicbt allzu 
anstrengenden Gescb&ften als Bdrgermeister Zeit genug, in einem grossen 
Werk seine Ansicbten and Erfindungen bekannt za geben. Wie die 
Yorrede sagt, wurde dasselbe scbon am 31. Marz 1663 
vollendet. Umstande aber verzogerten das Erscbeinen. Guericke 
wandte sicb namlicb wegen des Dracks an den Bucbbandler Jacob Blaea 
in Amsterdam, dieser war nacb seinem Briefe uberzeugt von der Yor- 
trefflicbkeit desWerkes, entscbuldigte sicb aber mit Ueberbaufung; end- 
licb nahm 1669 der Bucbbandler J. Jansson von Waesberge zu Amster- 
dam den Yerlag an. Honorar: funfundsiebzig Freiexemplare ftir die erste 
und zwolf fCtr jede folgende Auflage. Wegen der dem Werke beige- 
f&gten Zeicbnungen erscbien dasselbe erst 1672; der Titel lautet: 
Ottonis de Guericke Experimenta Nova (ut vocantar) Magde- 
burgica De Yacuo Spatio Primum a R. S. Gaspare Scbotto, h So- 
cietate Jesu, et Herbipolitanae Academiae Matbeseos Professore: nnuc 
Yer6 ab ipso Auctore Perfectius edita, yariisque aliis Experimentis aucta. 
Quibus accesserunt simul certa quaedam de Aeris Pondere circa Terram; 
de Yirtutibus Mandanis, et Systemate Mundi Planetario; sicat et de 



^) Bekanntlich behielt Magdebarg seine Reichsfreiheit nicbt, vielmebr 
muBSte (lie Stadt am 14. Jnni 1666 dem Kurfiirsten von Brandenburg huldigen. 



Leben Guericke's. 145 

Stellis Fixis, ao Spatio illo Immenso, quod tarn intra qaam extra eas Gaericke, 
fanditiir. Die Schrift wurde an FUrstenhofe und Freunde Guericke's lici^ **** 
Tersandt und trug sehr viel Lob ein. Der Kurfttrst von Brandenburg 
rahmte Guericke's Fleiss in der Naturforschung , %nd die Konigin Chri- 
stine Ton Scbweden schrieb, dass sie das Bucb von Anfang bis zu £nde 
mit Aufinerksamkeit und erstaunlichem Vergniigen gelesen habe; dass 
Andere zwar mehr als sie befahigt sein wurden, den Werth desselben 
sn beurtheilen und zu bewundern; ihre Unwissenheit aber yerhindere 
doch nicht, dass sie das Werk als eins der wiirdigsten und bewunderns- 
wertbesten erachte, die in diesem Jabrbundert bervorgebracbt seien. 
Docb war auch schon vor dem Erscheinen des Werkes 
Gnericke als Physiker keineswegs unbekannt geblieben. 
Auf dem Reicbstage zu Regensburg batte er befreundeten Personen 
zuerst seine neuerfundenen Masobinen gezeigt, bis er die Versucbe vor 
den versammelten Reicbsfiirsten und dem Kaiser selbst wiederholen 
dnrfle. Kaspar Scbott batte in seiner Mecbanica bydraulica 
(16 57) und Technica curiosa (1664) die meisten der Guericke'- 
schen Versucbe bescbrieben, und scbon 1663 war dessen Ruf soweit 
Terbreitet, dass der Herzog yon Cbeyreuse, der Deutscbland durchreiste, 
eigens nacb Magdeburg kam, um Guericke und seine Mascbinen zu sehen. 
1666 wurde er yom Kaiser Leopold I. in den Adelstand erhoben und 
schrieb sich yon da an, wie in seinem Diplom stand, yon Guericke statt 
(jericke; der KurfQrst Friedricb Wilhelm yon Brandenburg ernannte ihn 
zu seinem Rath. 

Von 1676 an wurde Guericke die Fiibrung seiner Bilrgermeister- 
geschafle lastig, er bat wiederbolt um Entlassung, erlangte dieselbe aber 
yollstandig erst am 7. September 1678. Im Jabre 1681 bracb in Magde- 
burg die Pest aus; der kranklicbe alte Mann, der mit den Bebdrden 
seiner Vaterstadt in &rgerlicben Streitigkeiten tiber seine Gerecbtsame 
lebte, begab sich zu seinem einzigen Sobne nacb Hamburg, der dort 
Resident des niedersacbsiscben Kreises war. Hier starb er am 11. Mai 
1686 an Altersschwache in den Armen seiner Gattin und seines Sobnes. 
Sein Leicbnam soUte in seine Vaterstadt iiberbracht werden; ob es aber 
gescbeben, bleibt zweifelbaft ^). 

Guericke kam zu seinen Versucben und damit zur £r- 
findung der Luftpumpe durcb den alten pbilosopbiscben 
Streit uber die Ezistenz eines leeren Raumes, ein Streit, der 
eben damals, wo der Aristotelismus in der Naturwisseuscbaft scbon kraft- 
los geworden und die alte Atomistik wieder auflebte, neue Nabrung 
erhalten. Guericke, ganz auf der Seite der Empiriker stebend, bebaup- 
tete: ^Daber k5nnen die Pbilosopben, welcbe nur an ibren Meinungen 
und Argumenten festbalten, die Erfabrung aber unberiicksicbtigt lassen, 
nie zu sicberen und ricbtigen Scbliissen binsicbtlicb der natiirlicben 



1) Nach Hoffmann: Otto v. Guericke, Magdeburg 1874. 
Botenberger, Oesohichie der Physik. II. 10 



146 Erfindung der Luftpumpe. 

Guericke, Erscheinungen in der Korperwelt gelangen; wir sehen ja, dase der 
lees. " menschliche Yerstand, wenn er die durch Erfahrung gewonnenen Resul- 
tate nicht bcachtet, oftmals viel welter yon der Wahrheit sich eDtfernt, 
als der Abstand der Sonne yon der Erde betragt.^ 

Er bemuhte sich deswegen den leeren Raum durch ein Experiment 
festzustellen ^). Daza nahm er ein Fass , fiillte es mit Wasser und ver- 
suchte durch eine Saugpumpe, die am Bo den dee Passes, senkrecht nach 
untcn gerichtet, angebracht war, das Wasser herausziehen zu lassen. 
Das gelang auch, aber statt des Wassers drang mit Zischen dieLuft 
durch die Wande in das Fass ein. Als auch das Einsetzen dieses Passes 
in ein mit Wasser gefulltes grdsseres nicht half, Snderte er seinen Ver- 
such in fundamentaler Weise. Er liess eine kupferne Blase, ctwa 60 bis 
70 Magdeburger Maass haltend, anfertigen, in welche eine kurze mit 
eincmHahn yerschliessbare Rohre mtludete; mit dieser Rohre wurde die 
Blase auf einen Pumpenstiefel geschraubt, der durch einen luftdicht 
eingeschlilfenen Metallstopsel nach aussen geoffnet werden mnsste, 
wenn derKolben nach einw&rts gedriickt wurde. Mit diesem Instrument 
erlangte Guericke endlioh Resultate, es war seine erste Luftpumpe. 
Sie hatte das Ueble, dass zwei Arbeiter, wenn die Kugel 
allmalig luftleer wurde, nur mit Muhe den Eolben 
bewegen konnten. Spater vcrbesserte er darum die Luftpumpe 
in der Art, dass er den Stiefel an einem starken Dreifuss befestigte, 
welcher an den Boden geschraubt werden konnte und den Kolben nicht 
direct an einem Ilandgriffe, sondern durch einen Hebel, der ebenfalls 
mit einem Ende an dem Dreifuss befestigt war, bewegte. Piir die bes- 
sere Dichtigkeit des Verschlusses am Hahn der Blase sorgte Guericke 
dadurch, dass er den Dreifuss rait einem Trichter an der betreffendeo 
Stelle versah, welcher mit Wasser gefUllt wurde ^). 

Gleich mit seiner ersten Luftpumpe erzielte Guericke erstaunliche 
Wirkungen, durch welche sowohl die bedeutende Grosse des Luft- 
drucks, wie auch die Elasticitat der Luft deutlich nachgewiesen 
wurden. Wenn die Kugel nach dem Evacuiren oben vom Stiefel abge- 
schraubt und der Hahn geo£Pnet wurde, stromte die Luft mit einer 
solchen Heftigkeit in die kupferne Kugel, als wollte sie den gegentiber- 
stehenden Mann gleiohsani mit sich fortreisseu. Schon aus ziemlicher 
Entfernung ward einem sich Nahernden der Athem benommen; und 
man konnte nicht die Hand ilber den Hahn halten, ohne sie der Gefahr 
auszusetzen, dass sie mit Heftigkeit hineingezogen wurde. Wenn die 
Luft in einem abgeplatteten glasernen Gefass mit parallelen Wanden 
▼erdiinnt wurde, so zersprang dasselbe zuletzt durch den Druck der 
ftusseren Luft in tausend Stiicke. In einem kupfemen Cylinder von 
etwa V4 ^^^^ ^^ Durchmesser, dessen Boden halbkugelig gestaltet war 



^) Torricelli's Vacuum war ihm damals noch nicht bekannt. 
^ AbbUdung, Seite 157. 



Luftdmck. Magdeburger Halbkugeln. 147 * 

nnd der yermittebt eines Hahnes mit einem luftleer gemachten Ballon ouericke, 
ID Yerbindung stand, worde ein dicht schlieBsender Kolben bis an den ^553. 
Boden eingeschoben. Diesen Kolben zogen dann 40 bis 50 Personen 
80 weit als moglich (das war ungefahr bis zur Halfte des Cylinders) in 
die Hohe. Wenn aber danach der Cylinder mit einer luftleer en Kugel 
in Yerbindung gesetzt wnrde, so vermocbten alle die Personen an den 
Seilen den Kolben nicbt zu halten, der trotz ibres Widerstandes in den 
Cylinder bineingedrCLckt wurde. Das Experiment mit den sogenannten 
Magdeburger Halbkageln zeigte Guericke auf dem Reich stage zuRegens- 
bnrg kurz vor Scbluss desselben, der am 8. Mai 1654 erfolgte. Er 
scbreibt selbst dardber: „Icb liess mir zwei kupfeme Halbkugeln macben, 
die nngef&br ^/^ Theile einer Magdeburgiscben EUe im Durchmesser 
hatten, oder richtiger, weil die Meister es mit den Maassen der bestellten 
Gefasse nicbt so genau zu nehmen pflegen, 67 Hunderttbeile einer EUe. 
Beide Halften waren einander vollig gleicb. An der einen war ein 
H&hn oder yielmebr ein Ventil angebracht, vermittelst dessen die inwen- 
dige Luft aus der Kugel berausgezogen , die ftussere wieder hinein- 
gelassen werden konnte. Ausserdem befanden sich an beiden Hd.lften 
noch eiseme Ringe, durcb welcbe Stricke gezogen werden konnten, um 
daran Pferde anzuspannen. Dann liess icb mir noch einen Ring aus 
Leder macben, welcber mit einer Auflosung yon Wacbs und Terpentin 
wobl getrankt war, damit keine Luft durcbgeben konne. Diesen Leder- 
nng legte ich dann zwischen die an einander gefiigten Halbkugeln, liess 
aus ibnen die Luft schnell berauszieben und sab nun, mit welcber Ge- 
walt beide an den ledernen Ring gepresst wurden, so dass sechzehn 
Pferde sie entweder gar nicht oder nur mit MUhe yon einander reissen 
konnten. Wenn dies aber endlicb, wie es bisweilen gescbab, der Fall 
war, dann yemabm man einen Knall, wie wenn ein Scbiessgewebr abge- 
schossen wurde. Sobald aber wieder Lufb in die fest an einander 
gepressten Halbkugeln eingelassen war, konnte Jedermann dieselben 
leicbt yon einander trennen. Weil aber beide Halbkugeln beim Aus- 
einanderreisseu immer etwas bescbUdigt wurden, und besonders beim 
Niederfallen auf die Erde leicbt an ibrer yollkommenen Rundung yer- 
loren : so liess icb zwei grossere macben, yon einer yoUen EUe im Durch- 
messer. Da aber die Kupferschmiede selten ein Gefass genau nach dem 
aafgegebenen Maasse fertigen, so fand ich auch jetzt den wahren Durch- 
messer nur 95 Hunderttbeile einer Elle gross. Luftleer gemacht, konnten 
diese beiden Halbkugeln nicht yon 24 Pferden auseinander gezogen, 
wieder mit Luft gefdllt yon Jedermann aber mit leichter Miihe getrennt 
werden." 

Auf dem Reichstage in Regensburg gewann sich Guericke yor Allem 
den Beifall des Kurfiirsten yon Mainz und des Bischofs yon Wtlrzburg, 
Jobann Philipp. Dieser kai^fte ihm seine Apparate ab und liess die 
Professoren in Wflrzburg die Versuche Guericke's in dessen Beisein 
nacbahmen. Dadurch wurde Kaspar Schott mit Guericke bekannt und 

10* 



148 Elasticitat der Luft. Manometer. 

Guericko, vetanlasst in seinem 1657 erschienenen Werke die Versuche zu be- 

1663. schreiben. 

Die Elastieitat der Luft bewies Guericke besonders dadurch, 
dass er eine glaserne Eugel loftleer machte and dieselbe mit einer 
anderen lufterfiillten Eugel in Yerbindung setzte; aus dieser stromte 
dann mit grosser Gewalt die Loft in die leere Kugel und warf darin 
befindliche kleine Eorper wie ein Sturm wind bin und her. Guericke 
brachte aucb eine mit Luft gcfiillte Blase in seine Halbkugeln uild 
zeigte, dass mit dem Evacuiren die Blase sich mehr und mehr aus- 
debnte, bis sie endlicb mit lautem Enall zersprang. Aus der Elasti- 
citllt der Luft schloss Guericke sicher auf eine grossere 
Dicbtigkeit der Luft in den unteren Scbicbten der Atmo- 
sphere und bewies dieselbe unabhS.ngig yon seiner Luftpumpe. Er 
brachte glaserne Eugeln, die am Fusse einesThurmes oder Berges durch 
einen Habn abgeschlossen worden waren, auf die Gipfel derselben und 
fand, dass dann di% Luft mit Zischen ausstromte, dass aber, wenn er 
dann den Hahn oben wieder schloss und nun zum zweiten Male den- 
selben am Fusse offnete, die Luft ebenso wieder in die Eugel einstromte. 
Diese Beobachtung einer verschiedenen Dichte der Luft brachte ihn auf 
den Gedanken einen Dichtigkeitsmesser oder ein Manometer 
zu construireD. Dieses bestand aus einer kupfernen Eugel von etwa 
einem Fuss Durchmesser, welche luftleer gemacht und dann fest yerkittet 
ward. Diese Eugel befestigte er an das eine Ende des Balkens einer 
empfindlicheu Wage, und an das andere kniipfte er ein Gegengewicht 
yon moglichst kleinem Yolumen. Da dies Gegengewicht einen sehr un- 
bedeutenden Raum in der Luft einnahm, so glaubte Guericke annehmen 
zu dilrfeu, dass es bestaudig gleich schwer bleibe. Die Eugel aber, 
deren Umfang ein weit grosserer war, yerlor von ihrem Gewichte so yiel, 
als das Gewicht der yon ihr yerdrangten Luft betrug, mithin mehr, 
wenn letztere dichter, und weniger, wenn sie dunner ward. In diesem 
Falle gab die Eugel, in jenem das Gewicht den Ausschlag, zu dessen 
nahercr Bestimmung ein oben am Wagebalken angebrachter , in Grade 
getheilter Ereisbogen diente. Dies Instrument beschreibt zuerst Gue- 
ricke in einem Briefe an E. Schott aus dem Jahre 1661; damals kannte 
er schon Torricelli's Entdeckungen , mit denen er durch den Eapuziner 
Valerian us Magnus auf dem Ileichstage zu Kegensburg bekannt 
geworden war. 

Noch vor diesem Manometer hatte Guericke die Construction eines 
Barometers und zwar eines Wasserbarometers versucht. Er 
fuhrte an der Hofwand seines Hauses eine 20 Ellen lange und einen 
Finger weite MeseingroLire hinauf, die mit dem unteren Ende in einem 
Gefasse mit Wasser stand, und an welche sich oben eine Glasrohre 
anschloBS. Wenn dann das obere Ende eyacuirt wurde, so stieg das 
Wasser nur ungefahr 19 Ellen hoch und blieb dort stehen, aber, wie 
Guericke bald bemerkto, nicht immer in derselben Hohe. Er schloss, 



Wasserbarometer. Luftverbrauch beim Brennen. 149 

dass das Steigen und Fallen der Wassersaale, welcHes mehrere Hand- Guericke, 
breiten betrug, von einer Veranderung des Luftdruckes abhange, und ues?^ **" 
dass mit dieser Teranderung des Luftdrucks auch die Aenderung des 
Wetters in Verbindung stunde. Er brachte darnm auf die Flussigkeit 
des Instruments eine aus leichtem Holze geschnitzte menschliche Figur, 
die mit dem ausgestreckten Finger der einen Hand auf eine an der 
Bohre angebrachte Scala hinwies. Der Sobn Guericke^s behanptet in 
^em Briefs an den Schlossbanptmann Lnbienictzky zu Leipzig yom 
Jabre 1665, dass die taglicbe £rfabrang wabrend eines Zeitranms von 
6 bis 7 Jabren die Abbangigkeit des Wetters yom Stande des Manncbens 
bewiesen babe; danacb wCLrde die Erfindung des Instru- 
ments in das Jahr 1657 oder 1658 zu setzen -sein. In der 
Tbat sagte aucb Guericke scbon am 9. December 1660 aus dem sebr 
tiefen Stande seines Wettermanncbens einen Sturm voraus, der zwei 
Stonden spater eintraf. Gaericke bielt die Einricbtung seines Instru- 
ments geheim, dasselbe war yerdeckt bis auf den Theil der Glas- 
rdbre, in dem sicb das Manncben befand; das Staunen aber, welcbes 
die Bewegungen des MSnnchens bervorriefen, lasst erkennen, wie lang- 
sam die pbysikaliscben Entdeckungen um diese Zeit nocb sicb yer- 
breiteten. 

Guericke wurde nicht miide seine Luftpumpe nacb alien Seiten bin 
za yerwerthen, und die Mannigfaltigkeit seiner Yersucbe zeugt fur den 
weiten Blick unseres Gelebrten. Er bestimmte das Gewicbt der 
Lnft dadurcb, dass er eine glaserne Kugel mit Luft gefUllt 
und dann aucb luftleer wog, bemerkt aber zugleicb dabei, dass 
man yon dem Gewicbt der Luft eigentlich nicbt reden konne, weil sie 
ja nacb ibrer yerscbiedenen Dicbtigkeit ein verschiedenes Gewicbt besitze. 
Er bracbte in einem Gefasse ein Ubrwerk mit bell klingendem Glockcben 
an und zeigte, dass der Ton immer mehr scbwinde, je mebr man die 
Loft in dem Gefasse yerdiinne; damit widerlegte er die Peripatetiker, 
die nacb einem Versuch des Kaspar Bertus in Rom bebauptet batten, 
die Torricelli'scbe Leere sei gar nicbt luftleer, weil man den Ton einer 
im Vacuum befindlicben Glocke bore. Er bracbte dann in ein Gefass 
eine brennende Kerze und bemerkte, dass dieselbe erloscb, wenn das 
Gefass luftleer wurde. Weil er daraus scbloss , dass zum Brennen 
Luft gebore, so ging er nocb weiter und bracbte ein Licht in ein 
Gefass, das durcb Wasser abgescblossen war; sowie das Licbt langer 
brannte, stieg das Wasser in dem Gefass in die Hobe zum Zeicben, dass 
die Flamme die Luft yerzebre. Aber die Flamme erloscb immer, 
ehe die Luft aucb nur zum grossten Tbeil yerzebrt war; Guericke 
meinie, weil die Flamme selbst die Luft yerunreinige. Zuletzt warf er 
nocb die Frage auf, ob die Luft durcb die Flamme zu Nichts yerzebrt, 
oder ob sie zn einem erdigen Bestandtbeile aufgelost werde, er neigt 
mehr zu dem letzteren. Wenn man den freien Geist Guericke's und den 
sorgsamen Gebrauch des Experiments in dieser damals so scbwierigcn 



150 Thermometer. 

Guericke, Frage der Verbrennung recht bewundero will, so braucht man nur das 
iMf^^ ^^ Verhalten Descartes' hiermit zu vergleichen , der in seinen Principieu 
(1644) noch zu erklaren sich abmiiht, wie es moglich ist, dass Lampen 
in Inftdicht yerschlossenen Gefassen Jahre, ja Jahrbnnderte lang das 
Feaer erhalten kdnnen. Guericke bemerkte, dass sich beim Ein- 
stromen der Laft in ein luftleeres Gef&ss wolkige Nebel 
niederschlagen, widersprach aber trotzdem der damals fast allge- 
mein giiltigen Annahme yon der Verwandlung der Luft in Wasser and 
erklarte jene Wolken als aus Wasserdampfen entstanden, die immer in 
der Luft enthalten seien. Auch zur Construction einer Windbuchse 
gebrauchte Guericke die Luftpumpe, aber die Gonstmction erschien ihm 
selbst unyollkommen and sie ist auch fernerhin nicht weiter angewandt 
worden. Dagegen yerwandte er mit entschiedenem Vortheil die Luft- 
pumpe zur Verfertigung eines Thermometers. 

Wir haben gesehen, dass Galilei um den Anfang des 17. Jahrhan- 
derts ein Luftthermometer erfunden hatte; dieses Instrument brachte 
Guericke auf eine Form, die seiner Vorliebe f&r kraftige Wirkungen 
besser entsprach. An eine sehr grosse hohlo kupfeme Kugel schloss 
* sich eine kupferne lange Rohre yon einem ZoU Durchmesser an, diese 

Rohre ging- yon der Kugel nach abwarts und bog sich heberartig wieder 
bis fast zur Hdhe der Kugel in die Hohe. Die R5hre war mitWeingeist 
gefQllt, und auf dem Weingeist schwamm eine kleine Messingkapsel, yon 
welcher ein Faden oben uber eine Rolle ging, der an dem anderenEade 
eine kleine Figur trug. Diese wies auf eine Scala an der Rohre, welche 
fur Magdeburg grosste W&rme, grosste Kalte and dazwischen eine mitt- 
lere Temperatur angab; das ganze Instrument, wieder bis auf Kugel, 
Scala und Figur yerkleidet, hing an einer yon der Sonne nie besohie- 
nenen Aassenwand des Guericke'schen Hauses. Die Kugel war blau, 
mit goldenen Sternen bemalt und trug in grossen Goldbuchstaben die 
Inschrift Perpetuum mobile. Dieses Thermometer war im Allgemeinen 
nicht genauer als das yon Galilei, es wurde ebenso wie jenes nicht nur 
yon Warme yerandert, sondern auch yon Aenderungen des Lufbdmcks 
beeinflnsst; aber einen Schritt zur weiteren VeryoUkommnung that doch 
Guericke. Er sah, dass die grdsste Wichtigkeit bei yer- 
schiedenen Thermometern in der Vergleichbarkeit ihrer 
Angaben beruht and yersuchte seiner Scala einen festen 
Punktzusohaffen. Er nahm als Mitteltemperatur diejenige um die 
Zeit der ersten Nachtfroste oder des ersten Reifs und stellte seine Figur 
dadurch auf den angenommenen Punkt ein, dass er mittelst der Luft- 
pumpe aus einer yerschliessbaren Geffnung der Kugel so lange Laft 
zog, bis die Figur auf den bestimmten Punkt zeigte. Leider war dieser 
nur sehr wenig geeignet als fixer Punkt einer Thermometerscala zu 
dienen. 

Wir haben noch Guericke's Entdecknngen auf einem den bisherigen 
Untersuchungen ganz fre m den Gobi ete, dem der Elektricitat and des 



Elektrische Abstossung. Leitung. Leuchten. 151 

Magnetismus, zu erwahnen. Gaericke war immer bemCiht die Arbeiten Ouerioke, 
fremder Gelehrien kennen za lemen, za prtifen und wenn moglicb weiter iQeS^ 
su fahren; in keinem geringen MaasBe gelang ihm das Letztere anch bei 
den Arbeiten Gilbert's and seiner Nachfolger Hber Magnetismus nnd 
Elektricitat. Um seine elektrischen Yersuche beqnemer als Gilbert 
anstellen nnd starkere Wirkungen als dieser heryormfen zu konnen, 
stellte er sick eine Schwefelkngel Yon der Grosse eines Kinderkopfes 
her, steckte dieselbe anf eine eiserne, mit einer Handhabe versehene 
Acbse nnd brachte sie anf ein holzernes Gestell. Beim Umdrehen hielt er 
die flacbe Hand als Reibzeng an die Eugel. Mit diesem Embryo einer 
Elektrisirmascbine gelang es ihm, die durftigen elektrischen Kenntnisse 
seiner Zeit in wichtiger Weise zn yervoUstandigen. Er sah, dass eine 
Flanmfeder von der geriebenen Kugel nicht bios angezogen, 
sondern nach einiger Zeit anch znriickgestossen wurde; 
er konnte sogar, wenn er die Kugel vom Gestell nahm, die Feder IS^n- 
gere Zeit in derLuft frei schwebend erhalten. Ferner bemerkte er, dass 
die Feder, wenn sie von der Kugel einmal abgestossen 
worden war, zu anderen Korpern, anch nach derNase, bin- 
gezogen wurde, und dass dieKugel sogar dieFeder wieder 
anzog, sobald man die letztere nur mit einem anderen 
Korper, wie z. B. mit einem leinenen Faden, berfthrt hatte. Wenn 
man der Feder, welche eben yon der Kugel angezogen worden war, den 
Finger entgegen hielt, so flog sie an diesen, dann wieder zur Kugel und 
wiederholte dies so einige Male. Wenn an eine Bank ein senkrechtes 
Holz befestigt wurde, yon dem ein Leinenfaden yon mehr als einer Elle 
Lange hemnterhing, und man legte dann ungefSrhr einen Daumen breit 
yon dem Ende des Fadens einen anderen Gegenstand bin, so n&herte 
sich der Faden diesem Gegenstande, sobald nur die erregte Schwefel- 
kngel an die Spitze des senkrechten Holzes gebracht wurde. Auf diese 
Weise konnte Guericke zeigen, dass die elektrische Kraft sich 
in einem Leinenfaden bis zur Lange einer Elle fort- 
pflanzt. Wenn er die Kugel mit der Hand im Dunkeln rieb, sah er 
ein schwaches Leuchten, wie man es beim Zerschlagen yon Zucker 
wahmimmt, und wenn er die Kugel ganz nahe an das Ohr hielt, hdrte 
er anch ein schwaches Knistern. Doch ist es sehr wohl moglicb, ja 
wahrscheinlich, dass Guericke hierbei nicht das Gerausch der elektrischen 
Entladnng, sondern nur das Knistern bemerkt hat, welches in geschmol- 
zenem und wieder erkaltetem Schwefel beim Erwarmen mit der Hand 
durch das Yoneinanderreissen der Krystalle bewirkt wird. Die betref- 
fende Stelle heisst namlichO^ n^^^ Kugel besitzt anch die Kraft des 
Tdnens; denn wenn man sie in der Hand halt und so ans Ohr bringt, 
yemimmt man ein Rauschen und Knistern in derselben.^ Merk- 
wtkrdiger aber noch, als dieser Satz ist deijenige, welcher ihm yoran- 



1) Experimenta nova, 4. Bach, 15. Oapitel, 6. ArtikeL 



152 Magnetismus. Hohe Bedeutung 

Gnaricke, geht ^). „Auch die Drehkraft kann bci der centralen Umdrehang dieser 
1663. ' Kugel niclit zweckentsprechend dargestellt werden, da die Feder sofort 
(sowie sie seitwarts yon der Kugel von der lothrechten Linie abweicht) 
gemass der Anziehungskraft der Erde zu sefar erdwarts gezogen nnd so 
an ihrem UmlaUfe gebindert wird. Diese Kraft kann aber, was die 
Umdrebungsbewegnng in der Feder selbst anlangt, deatlicb ancb durch die 
Umdrehang der Kngel um die Feder ebenso gut bervorgerofen werden.*' 
Wenn man namlicb die Kugel nm die Feder heramfUhrt, so drebt sich 
diese um ibre Acbse und wendet der Kugel stets dasselbe Gesicbt zu. 
Guericke komrat bier auf die scbon friiber erw&bnten Yorstellungen, 
dass dnrcb magnetiscbe oder aucb elektriscbe Krafte die Rotationsbewe- 
gungen der Himroelskorper erzeugt wurden. Auf demGebiete des Mag- 
netismus macbte Guericke ebenfalls einige interessante Beobacbtungen. 
£r fand, dass Eisendrftbte magnetiscb wurden, wenn man sie von Nord 
nacb Sdd gericbtet auf einem Ambos etwas b&mmerte ; and er bemerkte, 
dass die eisernen Stabe an Fenstergittern im Laufe der Zeit von selbst 
Magnetismus annabmen, und dass sie oben einen Nord-, unten einen 
Siidpol erbielten. 

Guericke als Erfinder der Elektrisirmascbine zu 
bezeicbnen erscbeint kaum tbunlicb; seinem Apparate zur 
bequemeren Elektrisirung grosser Korper feblte vorAUem der Conductor, 
der doch fiir unsere Yorstellung einer Elektrisirmascbine cbarakteristisch 
ist; dafur aber durfen wir ibm die Entdeckung der elektrischen 
Abstossung, des elektrischen Leucbtens (nicht des Fankens) 
und der ersten Tbatsacben, welche auf die Yorstellungen der 
elektrischen Leitungsfabigkeit und der elektrischen In- 
duction fubren, zusprecben. Yon alien Untersuchungen Guericke's 
baben die elektrischen das wenigste Aufseben erregt. Guericke liebte 
es mit grossen Massen zu operiren; aucb bei seinen elektrischen Unter- 
suchungen erzielte er grossere Wirkungen als man vorher geahnt; aber 
sie waren doch nicht so bedeutend, dass ibre Kenntniss sich mit Noth- 
wendigkeit in weitere Kreise verbreitet hatte. 

Wenn man zum ersten Male von den Entdeckungen des berAhmten 
Magdeburger Burgermeisters bort, ist man wobl geueigt ihn als genialen 
Erfinder pbysikaliscber Instrumente zu betrachten, aber denkt doch 
weniger daran, ihn als eigentlicb wissenscbaftlicben Physiker anzusehen. 
Seine vielfachen, grossartigen Experimente erscheinen dann gerade wegen 
ibrer Augenftilligkeit und Massigkeit mehr auf die Unterbaltung der 
grossen Menge berechnet als eigentlicb wissenscbaftlicben Zwecken 
dienend. Solche Ansicbten aber konnen nicht bestehen, sowie man 
etwas tiefer geht. Guericke hatte durcbaus nicht nur die 
Absicht das Yolk zu orstaunen, er war uberall durch rein 
wissenschaftlicbc Interessen gcleitet und zog aus seinen 

V r.. Artikel. 



Guericke's fur die Physik. 153 

YeTBXLchen zwar keine phantastischen Ideen, aber sichere, Gnencke, 
gnt wiBsenschaftliche Schlusse. Die Suche nach dem leeren leesV 
lUun, der fur die neue Atomistik bo wichtig schien, fuhrte ihn atif die 
Lnftpompe, der Streit um den Luftdruck niachte seine colossal beweisenden 
Halbkngeln nothig; die Elasticitat der Lnft wurde nnwiderleglicb nacb- 
geviesen, die Notbwendigkeit der Luft fCir das Brennen wnrde sicber 
erkannt etc. etc., and fast nie finden wir bei Guericke einen dilettantiscb 
physikaliBchen Zweck oder Scbluss, .wie sie mancbem Experimentator 
jener Zeit mit nnterliefen. Zwar war Gruericke kein Pbysiker, 
der nach festen Normen einer bestimmten Scbule seine 
Ansichten einricbtete; aber er war mebr als das, ein 
genialer Geist, der sicber erkannte was der Wissenscbaft notb tbat, 
ein sebr gescbickter Experimentator nnd ein kenntniss- 
reicher Matbematiker, der Qberall ein Interesse fiir Maass und 
Zahl zeigte. Aucb bescbr&nkt sicb Guericke in seinem Werk nicbt auf 
die bis jetzt angegebenen Materien. Wir finden vielmebr in den sieben 
Bdcbem desselben aucb weitergebende nnd immcr gesunde Betracbtun- 
gen, wie Ansicbten uber das Licbt, tiber die G&brung nnd 
uber das ganze Weltgebaude. Dass Guericke seine pbysikaliscben 
Entdeckungen nicbt systematiscb vollkommen durcbbildete , lag mit 
daran, dass er ein Pionier der Wissenscbaft war, dem die Ver- 
mesBung und vollstandige Einordnung der eroberten Gebiete weniger am 
Herzen lag, aber batte aucb yor AUem in den damaligen politiscben Zu- 
standen Deutscblands und in der eigenen socialen Stellung Gue- 
ricke 'b seinen Grrund. Dass er nocb in der Zeit des grossen deutscben 
Krieges und der Erscbopfung solcbe Thaten yoUbracbte, erfiillt uns mit 
bdchster Bewunderung und l&sst uns bier in der Gescbicbte der Pbysik nur 
bedauem, dass er der diplomatiscb in bocbster Unrube bescbaftigte Biir- 
germeister yon Magdeburg gewesen. Trotz alledem bleibt Gue- 
ricke neben Kepler der grosste deutscbe Pbysiker des 
17. Jabrbunderts und einer der bedeutendsten Pbysiker 
uberbaupt, f&r uns Deutscbe ein leucbtendes Trostbild aus der Zeit 
unseres grossen nationalen Ungliicks. 

Guericke bat nicbt selbst die Zeit seiner Erfindungen bezeicbnet. 
Bisber gab man immer das Jabr 1650 fQr die Erfindung 
der Luftpumpe an. Dieser Termin ist jedenfalls falscb, 
denn yom M&rz 1649 bis Marz 1651 war Guericke yon Magdeburg ab- 
wesend in OsnabrQck, Niirnberg und Wien, und man kann docb nicbt 
annebmen, dass er bier unter aufregenden diplomatiscben Gescb&ften 
and bei seiner Kr&nklicbkeit in der letzten Zeit zu der Erfindung 
gekommen sei. Dr. Zerener^) yerlegt alle pbysikaliscben Entdeckun- 
gen Guericke's in die Jabre 1632 bis 1638, weil der Urenkel Guericke's, 



^) Otto V. Gaericke'8 Exp. uova, nen edirt und mit einem histor. Nachwort 
▼enehen von Dr. Zerener. Leipzig 1881. 



n 



154 Zeitpunkt der Erfindungen Guericke's. 

■ 

Ouerioke, von Biedersee, diese Ansicht vertritt and well diese Jahre in Oue- 
1663^^^^" ricke's Leben bis 1663, wo die Experimenta nova vollendet waren, die 
ruhigsten gewesen seien. Una scheint diese friibe Datirung docb recbt 
unsicher. Die Ansicbten Biedersee's zcigen sich nicbt dberall fest and 
entscbeidend; denn dieser setzt aacb dieErfindang des WettermftnncbenB 
in die Zeit vor dem Antritt der diplomatiscben Missionen Guericke*s 
wabrend der Jabre 1646 bis 1660. Der Sohn Gaericke^s sagt aber in 
einem Briefe yom 1. Aagast 1665, es sei durcb secbs- bis siebenjabrige 
Erfabrang bewiesen, dass das Steigen and Fallen des Wetterm&nncbens 
mit den Veranderangen des Wetters zusammenb&nge. Danach wurde 
diese Erfin dung docb ziemlicb sicber in die Jabre 1657 oder 1658 fallen, 
wabrend der en Guericke aucb in Magdebarg sich aafbielt. Was aber 
die Zeit Guericke^s za wissenscbaftlicben Arbeiten betrifft, so ist ricbtigy 
dass yon 1638, oder besser von 1642 an Guericke's Tbatigkeit sebr yiel- 
facb fAr andere als wissenschaftliche Interessen in Ansprucb genommen 
wurde; damit ist aber nicbt bewiesen, dass sie ganz von solchen absor- 
birt wurde. Es erscheint ganz wobl mdglicb, dass Guericke wab- 
rend seines andertbalbjabrigen Aufentbalts in Magde- 
burg yom August 1647 bis Marz 1649, oder aucb wabrend 
eines ebenso langen yom Anfang 1651 bis August 1652, 
frubere Yersucbe >zum Abscbluss bracbte und jetzt erst 
zur Construction seiner Luftpumpe gelangte. Ja dies ist 
una sogar um so wabrscbeinlicber, als bei der Grossartigkeit der Gue* 
ricke'scben Yersucbe das Feblen aller Nacbricbten yon denselben w&h- 
rend der Jabre 1638 bis 1651 entscbieden merkwiirdig ware. Munke^) 
bat (nacb Ilindenburg'sMagazinX, 120) angegeben, dass Guericke scbon 
1651 dem Magistrate zu Eoln eine Luftpumpe zum Gescbenk gemacht 
babe. Gerland^) erklart dieses Citat fur falscb; wenn damit aucb das 
Factum beseitigt ist, so ware f&r die Erfindung der Luftpumpe 
docb als spatester Termin das Jabr 1652 anzunebmen, da 
yom August 1652 bis 1654, wo Guericke in Regensburg seine Ebc- 
perimente zeigte, derselbe in Magdeburg nicbt yier Monate lang an- 
wesend war. 

In Bezug auf Guericke's elektriscbe Yersucbe bebauptet 
Dr. Zerener, dass dieselben nicbt nacb 1653 fallen konnen, weil aus den 
Briefen Guericke'« an Easpar Scbott beryorgebe, dass der erstere yon 
1653 an seine Forscbungen ganz dem Yacuum zu und yon anderen 
pbysikaliscben Gebieten abgewandt babe; dann aber mussten nacb dem 
Fruberen aucb die elektriscben Entdeckungen wabrend der Jabre 1632 
bis 1638 gemaobt worden sein. Gegen dasLetztere gelten unsere obigen 
Einwande in derselben Weise, und da una aucb das negatiye Zengniss 
der Briefe nicbt genugend sicber erscheint, so geben wir nur als sp&te- 



1) Gehler, Phygik. WSrterbuch, 2. Auagabe, VI, 527. 
^) Bericht uber die wissensch. Apparate, 8. 33. 



Leben Boyle's. Atomistik. 155 

sten Termin der elektriscben Entdecknngen Guericke^s Guericke, 
das Jahr 1663, in welchem nach Gaericke's eigenem Zeagniss sein 1663^.^^^"* 
Wark Yollendet war. 

Yon Apparaten Guericke's werden noch eine Laftpumpe and zwei 
Halbkngeln anf der Bibliothek in Berlin aofbewabrt (Gerland, Leopoldina, 
Heft XYTII). Aucb die Stadtbibliotbek in Magdeburg besitzt nocb eine 
angeblich Yon Guericke herriibrende Laftpumpe (Hoffmann, S. 220). 
Ueber die erste Elektrisirmascbine (?) Guericke^s, welcbe 1815 in die 
Sammlung des Braunscbweigiscben Polytecbnikums kam, siebe Zerener, 
Nachwort, S. IX und X. 

Der directe Nacbfolger Guericke^s in dessen pneumatiscben Ver- soyio, phy- 
suchen ist Boyle. Bobert Boyle, der Sobn des Grafen Ricbard von unSr?^® 
Cork, wurde am 25. Januar 1627 in Lismore (Grafscbaft Cork inlrland) Sg^^fjf; 
geboren. Yorgebildet auf dem College zu Eton und dann im vaterlicben 
HaoBe, vervoUstandigte er seine Kenntnisse durcb Reisen in Frankreicb, 
der Schweiz und Italien. Als er nacb dem Tode seines Yaters durcb 
den Besitz eines bedeutenden Yermogens unabbangig wurde, lebte er 
zuerst auf seinem Landgute Stallbridge in Irland und bescbaftigte sicb 
Yorzdglicb mit religiosen and pbilosopbiscben StudieD. Im Jabre 1654 
aber zog er nacb Oxford, wandte sicb dort mebr der Cbemie und Pbysik 
zu and trat aucb in die sicb eben bildende Gesellscbaft der Wissen- 
Bcbaften ein; 1668 folgte er dieser Gesellscbaft nacb London, wo er am 
30. December 1691 starb. Er war nie verbeiratbet und bekleidete kein 
offentlicbes Amt; sein Leben war der Religion und den Naturwissen- 
scbaften geweibt. Als stronger, fast unduldsamer Anbanger der angli- 
kaniscben Kircbe und entbusiastiscber Yertbeidiger und Yerbreiter des 
Christentbams, vermocbte er docb das YYeltall durcbaus mecbaniscb zu 
betracbten und zog nur aus der Zweckm§,8sigkeit des ewig sicb selbst 
regierenden Mecbanismus einen um so sicbereren Scbluss auf einen in- 
telligenten, allmftcbtigen Urbeber der Welt. Seine sebr zablreicben ein- 
zelnen Scbriften erscbienen zuerst in engliscber Spracbe, dann aber meist 
aucb in lateiniscber Uebersetzung ; viele seiner Abbandlungen sind in 
den Pbilosopbical Transactions entbalten. Eine Gesammtausgabe seiner 
Werke besorgte Tb. Bircb in fiinf Banden (London 1744). 

In Bezug auf die pbilosopbiscbe Grundlage seiner 
Kataranscbauungen war Boyle ein Anbanger Gassendi's 
and mit diesem ein Bewunderer Epikur's. Er^) nimmt, wie 
die alten Atomisten, einen absolut leeren Raum an, in dem die kleinsten 
Tbeile der Materie, die eine bestimmte Gestalt, Grosse und Bewegung 



1) Bojle's Ansichten fiber die Materie und ihre allgemeinen Eigengchaften 
in Sceptical Chemist (1661); Origin of forms and qualities accord- 
ing to the Corpuscular Philosophy (1664); Physiological Essays 
(1661). 



15G 



Elemente der Korper. Verbesserung 



Boyle, 
1659—1691. 



haben, sich befinden. Bei Beurtheilnng der Aggregatzustande 
erklart er &bnlich wie Descartes, dass die Atome der Flus- 
sigkeiten in steter Bewegung, die der festen Korper aber. 
in Rube sicb befinden; aacb meint er, dass die Zwiscbenraume 
zwiscben den Tbeilen nicbt ganz leer, sondern mit einer sebr feinen 
Materie gefuUt sind, welcbe fast keinen Widerstand leistet. F&r die 
bestandige Bewegnng der Fliissigkeitstbeilcben werden die Aafl5sung 
fester Korper, sowie die allmaligen Vermischungen , z. B. von rotbem 
nnd weissem Wein, angefubrt. Docb halt Boyle nicbt wie Descartes 

die Tragbeit der Materie fur den einzigen Grand 
der Festigkeit; er denkt sicb vielmebr 
die Atome der festen Korper yon lang- 
licber Gestalt and yielfach mit ein- 
ander verflocbten; ja fur grdssereMas- 
sen nimmt er aacb nocb, wie Galilei den 
Horror vacui, den Luftdruck als Ursache 
der Festigkeit zur Hulfe. Boyle kam zu 
der letzteren Annabme durcb die Beobacbtang, 
dass mattgescbliffene Glasplatten fest an ein- 
ander bangen; zwar entging ibm nicbt, dass 
unter der Luftpampe die Attraction fort'daaerte, 
aber er glaabte dieselbe docb dabei vermindert ^). 
Da Boyle alle Veranderung der Stoffe durcb Ver- 
binden and Trennen der Atome erklarte, so 
verwarf er nicbt nur die vier Aristo- 
teliscben, sondern aucb die drei alcbe- 
mistiscben Elemente und bebauptete viel- 
mebr, dass yiele solcber Elemente exi- 
stirten, welcbe aber erst nacb und nacb bei 
fortgesetzter Zerlegung der Sto£fe zu erkennen 
sein wiirden. 

Durcb das Werk Kaspar Scbott's yom 
Jab re 1657 wurde Boyle mit den Yersuchen 
Guericke^s bekannt; er begann sogleicb die- 
selben zu wiederbolen und gab seine Resultate in der Scbrift New 
experiments pbysico-mecbanical, toucbing tbe spring of 
tbe air (Oxford 1660). Er bescbrieb darin eine neue Luft- 
pnmpe, die er mit HUlfe yon Hooke zu Stande gebracbt, and die 
zwar im Princip ganz die Guericke^scbe, aber docb in der Anwendnng 
bequemer als diese war. Boyle behielt die erste Luftpumpe mit Habn 




Boyle's Luftpumpe. 



^) Aehnliclie Ansichten iiber die Ursachen der Festigkeit waren damals 
allgemein verbreitet. Honor6 Pabri lelirt in seiner Physic a (1669), dass die 
Theilchen fester Korper mit Erliohungen and Yertiefangen wie Sagezahue in 
einander greifen oder wie die Fasern des Holzes in einauder verflochten sind. 



der Luftpumpe. Versiiclie mit derselbun, 157 

■ndStSpselventil be), nor befestigte er den Apparat auf einem Gestell und b 

gab dem Stiel des Eolbeaa Zshne, Id welclie ein Zabnrad wit eioer 

Enrbe] eingriff. Aa dieser Loftpampe Termochte dann Bcboa eio Mann 

alleia zn arbeiteri ; daa Eiperimentiren wttrde ausserdeni noch daduroh 

erleicfatert, dasa an dem flaBcbeniormigen Recipienten oben eine mit einer 

Ecbeibe verBcbliesabare Oeffaung angebracbt war. Wir baben Bcbon 

enrabnt, daes Gaericke darauf bin die Luftpumpe ebenfoUe verbeaserts 

Dnd seine Construction batte jedenfalls den WaaaerTerBchluss am Kolbea 

nnd am Habn vorana, durcb welcben er die Verdflnnnng yiel weiter au 

treibcD vermocbta als Boyle, Die nebenetebenden acbematischen Zeicb- 

nnogen geben eine Idee 

dieser Inatrumente von 

Boyle und Guerioke. 

Boyle bestutigte durcb 

seine Experimente alle 

bekanntea Vereucbe 

Guericke's nnd fQgte 

aucb aogleicb einige 

neue binzn. Er beob- 

acbtete, dass das 

Quecksilber fiel, 

wenn man uber deiD 

Gefaas dea Baio- 

meterB die Luft 

wegnabm; dass der 

Heber im iuftver- 

dannten Raume zn 

niesaen aufborte; 

dass der Rauob in 

einem luftleeren 

GefaBB, nacbdem er 

allerdings znerBt etwaa 

sicb bald wie jeder acbwcrc Kdrper zu Boden 

ienkte; dasa aacb im Inftleeron Raume beim Reibcn ge- 

wiEser ESrper an einander, wie aucb beim Loacben von 

Kalk eicb Warme entwickle; endlicb macbte er nocb zu aeinem 

groBsen Erataunen die Entdeckung, dasa warmes Wasaer, wenn 

man fiber demselbendie Luft verdunnte, zu kocben anfing, 

wahrend kaltes Wasser auf diese Weise nie zum Sieden zu bringen war. 

Boyle fand aucb, dasa die Luft beim Brennen verandert werde, und dasa 

im loftleeren Raume eine Menge sonat leicht brennbarer Kdrper aicb 

nicbt entzunden lieasen, kam aber bier nicbt ao weit ala Gnericke nod er- 

kannte nicbt, daaa beim Breunen immer ein Tbeil der Luft verzebrt wird. 

Trotz aller aogenecbeinlicben Beweiae aber vermocbten aich doch 

Tiele Anbtloger dea Alten nocb immer nicbt davon zu ilberzeugen, dass 



Gnericte'B verlwBserte Luftpum|ie. 



158 Mariotti'sches Gesetz. Elektrische 

Boyle, eine so dunne and nach alien Seiten nachffebende FlQssiffkeit wie die Luft 

eine 28 Zoll hohe Qnecksilbersanle schwebend erhalten konne, und der 
Liitticher Professor Franciscas Linus (1595 bis 1675) hattc scbon 
gefunden, das Quecksilber bange mit unsicbtbaren Faden (fnnicnli) an 
dem oberen Ende der Barometerrdhre, ja er hatte diese Faden wirkUcb 
gefublt, als er einen Finger als oberen Verscbluss der Barometerr5hre 
benutzte. Gegen diesen Linus scbrieb Boyle A defense of tbe doc- 
trine touching spring and weight of the air (London 1662), 
und in dieser Schrift sind die experimentellen Beweise fur ein Gesetz 
enthalten, das wichtiger war als die ganze Bekftmpfung des Herrn Pro- 
fessors. Um Linus von der Widerstandsfahigkeit der Luft zu uber- 
zeugen, nahm Boyle eine heberartig gebogene Glasrohre, deren ktirzerer 
Schenkel geschlossen war. Wenn er dann durch den langen Schenkel 
Quecksilber in den Heber goss, so presste dieses die Luft in dem kUr- 
zeren Schenkel zusammen und zwar um so mehr, je mehr er Quecksilber 
in den Heber einftillte, doch vermochtc immer bei entsprechender Zu- 
sammenpressung die Luft den grosseren Quecksilbersaulen das Gleicb- 
gewicht zu halten. Boyle stellte danach fiir die yerschiedencn Grossen 
des Druckuberschusses im langen Schenkel und die entsprechendeu Laft- 
Yolumina im kurzen Schenkel Tabellen zusammen, knilpfte aber daran 
keine weitercn Schlusse uber das Verbal tniss der beiden Grossen. Erst 
einer seiner Schtiler, Richard Townley, bemerkte, dass nach jenen 
Tabellen die Volumina der eingeschlossenen Luft den 
Druckkr&ftenumgekehrt proportional seien, und danach griff 
auch Boyle dieses Gesetz auf und bewies weiter, dass dasselbe auch fur 
Druckkrafte, die geringer sind als der Druck der Atmosph&re, seine Gel- 
tung behiilt. Doch erhielt dieses Grundgesetz der Aerostatik nicht den 
Namen seines ersten Entdeckers, sondern ist uns unter dem Namen Ma- 
riotte's bekannt, eines Mannes, der allerdings dieBedeutung desselben 
mehr als Boyle zu wurdigen wusste. Gegen den alten Satz, dass leich- 
tere FlQssigkeiten gegen schwerere keinen Druck ausiiben, wandte sich 
Boyle und verSffentlichte seine Untersuchungen fiber das Gleichgewicht 
der Flussigkeitcn in der Schrift Hydrostatical paradoxes vom 
Jahre 1666. Doch reichen seine Untersuchungen principiell nicht iiber 
dieStevin's hinaus und die Schrift ist ffir uns. am meisten dadurch merk- 
wfirdig, dass sie solche Satzc um diese Zeit noch als paradox anktindigen 
durfte. 

Nach dem Erscheinen des Guericke'schen Originalwerks von 1672 
wicderholte Boyle auch dessen elektrische und magnetische Ver- 
suche und ffigte auch bier einiges Neue zu. Alle Korper zeigten 
eine grossere elektrische Kraft, wenn man sie vor dem 
Reiben rein abwischte und erwarmte, der Ranch einer 
Flamme wurde wie andere leichte Stoffe von den elek- 
trisirten Korpern angezogen; nicht nur der elektrische 
Korper zog den unelektrischen an, sondern dieser konnte 



Versuche. Farben der Korper. ' 159 

auch umgekehrt den ersteren zu sich bewegen. Endlich Boyie, 
zeigte sich, dass auch im luftleeren Raume die elektrischen **'^^""^^"- 
Yersache wie sonsryon statten gin gen; nar der Magnet hielt 
zwar zaerst beim Evacniren das Eisen noch fest, liesa es aber doch bei 
fortgesetztem Verdunnen der Luft fallen. Boyle schloss daraus, dass 
die Luft wohl nicht beim Anziehen des Eisens aber doch beim Fest- 
halten desselben am Magneten thatig sei; wfthrend er hatte ahnen 
Bollen, dass durch die fortdauemde und starker werdende Erschutte- 
rang des Apparates beim Evacuiren das Eisen vom Magneten gelost 
worden sei. 

Seine Untersuchungen tlber das Licht gab Boyle in einer 
Schrift Experiments and considerations touching colours, 
die zuerst 1663 in London erschien. Eine Menge yon Beobachtungen 
hatte ihm gezeigt, dass oft Veranderungen an der Oberflache der Korper, 
die keine eigentlich stofflichen Veranderungen waren, doch eine Menge 
FarbenveranderuDgen hervorbrachten. Er fiihrt als solche an: die Far- 
benyeranderungen des Stahls beim Harten, die Farbenyeranderungen 
des geschmolzenen Bleies, wenn man schnell die Aschenschicht weg- 
nimmt, die Farbenyeranderungen der Friichte beim Reifen u. s. w. 
Danach halt er die Farben fur nichts, was den Korpern an 
sich eigenth&mlich wftre, negirt also ganz die perma- 
nenten Farben, und glaubt, dass dieselben durch gewisse ModiEca- 
tionen erzeugt werden, welche das Licht an der Oberflache der Korper 
erleidet und nach denen es in yerschiedener Weise auf das Auge wirkt. 
Die weissen Korper sind diejenigen, welche das Licht am 
meisten zurtlckwerfen, die schwarzen diejenigen, welche 
es am meisten yerschlucken. Beweise fur diese Behauptung sind: 
ein Dachziegel, zur Halfte weiss, zur Halfte schwarz gefarbt, wird in der 
Sonne an der letzteren Halfte bedeutend warmer als an der ersteren, 
ein Brennspiegel entztindet yiel eher schwarzes als weisses Papier und 
selbst die Hand wh*d in einem scbwarzen Handschuh warmer als in 
einem weissen. Die i&brigen Farben ordnen sich zwischen Weiss und 
Schwarz so ein, dass Roth, Gelb, Griin, Blau nach der Menge des reflec* 
tirten Lichtes folgen. Die Farben dflnner Hautchen erwahnte 
Boyle zuerst, er beobachtete sie an Weingeist, an Terpentinol, die 
er Bchuttelte, bis sie Blasen warfen, ebenso an Seifenblasen, wie an Kugeln 
aus ganz dQnnem Glase, und er erwahnt, dass man solche Farben an 
jeder Flussigkeit sehen konne. Auch die grtlne Farbe, welche dunne 
Goldbl&ttchen in durchgehendem Lichte zeigen, bemerkte Boyle. Eine 
Erklarung dieser merkwiirdigen Erscheinungen gab er 
nicht, ja yersuchte nicht einmal eine solche; immerhin aber 
war seine Ansicht, dass die Farben nur gewisse, durch die Korper 
bewirkt« Modiflcationen des weissen Lichtes seien, ein entschiedener Fort- 
schritt nach Newton bin, der denn auch drei Jahre nach demWerke des 
Boyle die erste Notiz dber seine Farbentheorie an die Royal Society schickte. 



160 Versuche mit Wasser uud Eis. 

Boyle, Nocb bleiben uns-einige andere interessante Versucbsreihen Boyle^s 

~ ' ' za erw&hnen. Er wiederholte die alien Versuche dber das Wacbsen der 
Pflanzen in Wasser und bielt danacb fur wahrScheiolicb, dass dabei 
das Wasser sich in Erde yerwandle. Dasselbe fand er aucb, 
als er Wasser ungefahr 200 mal destillirte und bei jeder Destination 
eine gewisse Menge Erde erbielt; indessen schien ihni docb die Sacbe 
damit nocb nicbt genug erwiesen, und er Hess ausdrucklicb nocb zweifel- 
haft, ob nicbt etwas von der Erde aus dem Glase stamme, in welcbem 
die Destillationen yorgenommen wurden. Die Elasticit&t des 
Wassers bielt Boyle ebenfalls fflr wabrscbeinlicb, weil 
sowobl bei starkem Evacuiren das Wasser sicb auszudebnen als aucb 
nacb Einlassen der Luft wieder zusammen zu zieben schien, und weil 
Wasser aus einer verscblossenen Hohlkugel von Zinn, die er mit einem 
Hammer platt gescblagen und dann mit einer Oeffnung verseben batte, 
bocb empor spritzte. Dabei entging ibm aucb nicbt, dass das Wasser 
immer etwas Luft unsicbtbar entbalt, und er meint, man konne jene 
Elasticitatserscbeinungen des Wassers aucb wobl dieser Luft zuscbreiben". 
Boyle constatirte die grossere specifische Leicbtigkeit 
gefrorenen Wassers und war geneigt dieselbe den Luftblascben zuzu- 
scbreiben, die im Eise sicb befinden. Die gewaltige Kraft der 
Ausdehnung gefrierenden Wassers zeigte er dadurch, dass ein 
Flintenlauf , der mit Wasser gefUllt und der KaJte zwei Stunden ausge- 
setzt war, an einem Ende zersprengt wurde. Eis verdunstete 
immer, selbst in strenger Kalte; yon Flilssigkeiten waren scbwer 
oder gar nicbt zum Gefrieren zu briugen: Scheidewasser , Weingeist, 
Salpeter- und SalzgeiBt(8aure), atherische Oele; fOr das Quecksilber 
wiinschte Boyle Versuche in kalteren Gegenden. Ueber kiiustlicbe 
Kiiltemiscbungen stellte er zablreiche Versuche an und macbte dabei 
die wichtige Entdeckung, dass alle Salze, wcnu sie mit Eis 
oder Schnee Kalte erzeugen, aucb dabei sicb yerflUssigen. 
Boyle war ein ausgezeichneter Experimentator, der 
den Florentiner Akademisten, yon denen wir gleicb zu baudeln babeO) 
iu yielen Punkten erfolgreicbe Concnrrenz macbte und in vielen Punkten 
sicb mit ibnen beruhrte. Seine Versuche sind ausserst ge- 
schickt entworfen und ausgefiibrt und mit grossem Fleisse 
oft zahlreich wiederbolt. Er greift fast alle Gebiete der Physik 
experimentoll an, tiberall finden wir ihn beschaftigt, sowobl Altes wie 
Neues, das ihm in seinem Verkebr mit zablreichen Gelebrten der dama- 
ligen Zeit iibermittelt wurde, sorgfaltig zu prilfen, und was man bis 
dabin so vcmachlassigt, uberall bescbreibt er seine Versuche 
mit solcber Genauigkeit, dass eine Nachprtifung der- 
selben nicbt scbwer fallt. Er ist, soweit es das Experiment 
betrifft, jedem neueren Physiker ebenburtig, freilich aucb nur in bo 
weit. Boyle begniigte sicb damit, seine Experimente musterhaft anzu- 
stellen, sowie aber dieses gelungen, sowie ein nacb Umstanden mdglichst 



Boyle vorwiegend Experimentator. Chemische Verdienste. 161 

dcheres Besultat erhalten war, scheint sein Interesse zu erloscben. An Boyie, 
der Gonstatirang der Thatsachen lag ihm AUea, an der ^^^'^~^^^^- 
Erklftrnng derselben oft so wenig, dass er sich nicht ein- 
mal fiir eine bestimmte nnter mehreren zalassigen Er- 
klarangen entschied. Eine gcschickte Anweudung der 
Hypothese ist bei ibm so selten zu finden, dass man wobl 
in dieser Beziebung einen starken Einfluss der Bacon^- 
schen Lebren constatiren darf. Wie es Bacon yerlangt, bat 
Boyle in einzelnen Gebieten eine Grundlage fiir Inductionsscbltlsse gelie- 
feri and aacb in freier Weise positive nnd negative Instanzen einander 
gegenuber gestellt; nnd wenn er diesen Instanzengang nicbt weiter ver- 
folgte, so gescbab das vielleicbt nur, weil er dessen Unfracbtbarkeit 
einsah. Boyle bat nacb dem Allen die Pbysik weniger gefordert, als 
man bei der Menge seiner Arbeiten und seiner Gescbicklicbkeit erwarten 
soUte; seine grosste pbysikaliscbe Tbat, die Entdeckang der indirecten 
Proportionalitat von Drnck and Gasvolamen, bat er erst vollendet, als 
ein Scbuler aus seinen Resultaten den ersten Schlass gezogen, und 
daram bat gerade bier die Wissenscbaft seine Prioritat iiberseben. 

Nur an einer Stelle bat Boyle einer weiter ausgesponnenen Tbeorie 
geholdigt; icb meine die Tbeorie der Atome, von der er ausdrUcklicb 
bedaaerty sie erst spater als notbig kennen gelernt zu baben. Und 
obwohl er sicb aucb bier b&tete, den Gonsequenzen derselben zu weit 
za folgen, so liegt docb gerade in diesem Punkte Boyle's grosste Bedeu- 
tong. Indem er die Atomistik seinen cbemiscben An- 
Bchaaungen za Grunde legte, indem er die alten natur- 
philoBopbiscben, wie die alcbemistiscben Elemente verwarf 
and aaf die Grundstoffe aufmerksam macbte, die man 
dnrcb fortgesetzte Zerlegung der Korper finden wiirde, 
indem er alle cbemiscben Y eranderungen als ein Yer- 
binden oder Trennen der Atome auffasstc, empfabl er 
der Gbemie den Standpunkt, den sie mit solcbem Erfolg 
in der Neuzeit bebauptet bat, und wurde bis zu einem ge- 
wisaen Grade der Begriinder der neueren, rein wissen- 
schaftlicben Gbemie. Docb scbeint selbst aaf cbemiscbem Gebiete 
seine Kraft der Erklarang nicbt ganz gereicbt za baben. Seine Beob- 
achhmgen uber die Yeranderang der Luft beim Brennen konnten ibn 
nicbt za der Ueberzeugung von einem dabei stattHndenden Yerbraucb 
eines Bestandtbeils derselben bringen, die Beobacbtung der Gewicbts- 
znnabme der Metalle beim Yerkalken wosste er ebenso wenig zu be- 
nntzen, and die wicbtigen Entdeckungen fiber Erzeugung von Gas- 
arten, aos Kalk and Essig, oder aus Eiseu and Salzgeist, verwertbete 
er nur zu dem Aussprucb, dass sicb Luft aucb kiinstlicb darstellen 



Die Wissenscbaft bat trotzdem und mit vollem Recbt Boyle's Yer- 
dienste immer sebr dankbar anerkannt; seine Landsleute aber baben 

Bosenberger, Gesohfohto der Phjaik. II. H 



162 Mitglieder der Accademia del cimento. 

Boyle, ihm in ihrem Enthusiasmus Dicht bloss unzweifelhaft eicfene Entdeckun- 

gen, sondern auch solche zugeschrieben, die er nach fremden Gelehrten 
nur prilfend wiederholte, und haben in ihrem patriotischen Eifer die Ver- 
dienste Guericke's z. B. zu Gunsten ihres Ijandsmannes Boyle an mancben 
Stellen mebr als entscbaldbar tlbersehen. 

Acca4oinia Unter dem Einflnsse des Grossberzogs Ferdinand II. von 

i667-'i6«7.' Toscana (1 610 bis 1670) und seines Bruders des Fursten Leo- 
pold V. Medici (1617 bis 1675) wnrde in Florenz im Jahre 1657 
die beriibmte Accademia del cimento, die Akademie der Vorsucbei 
gestiftet. Beide Manner zeigten ein reges Interesse fur Pbysik, aber 
bei Beiden war dieses Interesse nicht stark genug, der Wissenscbaft auch 
in sebwierigen Umstanden Treue zu balten. Ferdinand II. versagte im 
Jabre 1632 seinem Matbematiker und fruberen Lebrer Galilei den nothi- 
gen Scbntz gegen die Inquisition, und beide Fiirsten gaben im Jabre 
1667 ibre blahende Scbopfung, die Akademie, Preis, als fiir Leopold ein 
Gardinalsbut nur gegen Auflosung der Rom verbasstcn Bildungsst-atte 
zu baben war. Die Akademie bestand also nur 10 Jabre lang unter 
dem Vorsitze des Fursten Leopold und zwar aus ueun Mitgliedern und 
einigen Corrcspondenten. 

Die bedeutendsten Mitglieder waren: 1. Vincenzo Vi- 
vian i (1622 bis 1703), den wir scbon als Schuler Galilei's genannt; 
2. Giovanni Alfonso Bore Hi, den wir nocb weiter mit selbstan- 
digen Arbeit on zu erwabnen baben werden; 3. Francesco Redi (1626 
bis 1697), Leibarzt des Grossberzogs; 4. Lorenzo Magalotti (1637 
bis 1712), Secretar des Grossberzogs und der Akademie; 5. Antonio 
Uliva (t 1668); 5. Carlo Renaldini (1615 bis 1698), Professor der 
Mathematik in Pisa und dann in Padua; und 7. Candido del Buono 
(1618 bis 1676). Von Correspondenten der Akademie waren 
zu erwabnen; der Cardinal Ricci (1619 bis 1682),, der Astronom 
Giovanni Domenico Cassini (1625 bis 1712), der Professor der 
Matbematik Montanari (1633 bis 1687), der ausgezeicbneto Geolog 
Nicolo Stenone (ein Dane, dessen Name wabrscheinlicb Steen), der 
Gustos der koniglichen Bibliotbek in Paris Th eve not (1620 bis 1692) 
und der Jesuit Honore Fabri (1606 bis 1688). Die Akademiker 
arbeiteten gemeinscbaftlicb und gaben die Resultate ibrer Untersuchung 
gemeinecbaftlicb obne Sonderung der Verdienste der Einzelnen beraus. 
Das betreffende Werk erscbien unter dem Titel Saggi di naturali 
espcrienze fatte nelT Accademia del Cimento (Florenz 1667); 
der Hollander Pieter van Musschenbroek lieferte davon eine latei- 
niscbe Uebersetzung Tentamina experimentorum naturalium 
captorum in Accademia del Cimento (Leiden 1731), und 1841 
wurde, als Festgescbenk des Grossberzogs von Toscana Leopold II. an 
die Versammlnng der italieniscben Naturforscber, eine vermehrte und ver- 
besserte Ausgabe des Workes von Antinori besorgt. 



Inhalt der Saggi. 163 

Die Saggi zerfallen in dreizehn Gapitel, deren Inhalt wir kurz an- Aocademia 

geoeiL. 1667—1667. 

1. Yon den Messinstrumenten. Die Florentines gebrauchten 
zaerst ein wirkliches Thermometer, bei dem die Roll re mit 
der Kugel luftleer gemacht und das Instrument oben her- 
metisch mit Siegellack geschlossen, also der Luftdruck 
ohne Wirkung aaf das Instrument war; auoh fullten sic zum 
ersien Male das Instrument mit Weingeist statt mit gefarbtem Wasser. 
Doch war die Scala der Thermometer ganz willkUrlich, 
die Anzahl der angenommenen Grade bei yerschiedenen Instrumenten 
Yerschieden und die Eintheilung nur nach der groasten Winterkalte und 
der grossten Sommerhitze in Fh>renz festgelegt; eine Yergleichung der 
Angaben verschiedener Thermometer war also noch immer unthunlich. 
Das Instrument existiHe iibrigens schon 1641, also vor der Grundung 
der Akademie, und ist hochst wahrscheinlich vom Grossherzog Ferdi- 
nand 11. selbst angegeben worden ; wie viel seine Gelehrten dabei geholfen 
haben, wissen wir nicht. Ebenso wird auch dem Grossherzog die Erfin- 
dung dee Hygrometers, welches die Florentiner gebrauchten, zuge- 
Bchrieben. Bei De Cusa und Mersennc finden sich schon Andeutungen 
uber das Beobachten der atmospharischen Feuchtigkeit ; doch war das 
Instrument der Florentiner das erste, welches zumMessen geeignet war. 
£s bestand ans einem Trichter von Weissblech, der innen mit zerstossc- 
nem Eis gefullt wurde; an der Aussenfl&che condensirte sich die Feuch- 
tigkeit, welche von der Spitze des Trichters heruuter in ein Maass- 
gef^ss floss. Endlich ware noch zu erw&hnen, dass die Florentiner 
Gewichts- und Volumenaraometer zur Bestimmung der specifi- 
schen Gewichte und bi filar aufgchangte Pendel als Zeitmesser 
gebrauchten. 

2. Vom Luftdruck. Die Arbeiten der Florentiner bringen hier 
wenig, was uber Gnericke oder Boyle hinausgeht, wenn sie auch deren 
Versuche mit grosser Sorgfalt wiederholen. Xur konnen wir hervor- 
heben, dass sie nachwiesen, dieHaarrohrchenanziehunghangekeineswegs 
vom Luftdruck ab. 

3. Ueber das kunstliche Gefrieren des Wassers. Fast 
dieselben Versuche wie bei Boyle iiber Ausdehuung und geringeres spe- 
cififlches Gewicht des Eises und Ober Kaltemischungen. 

4. VomnatiirlichenEise. Dieses Capitel ist vor allem merk- 
wilrdig durch die Beobachtung, dass sich Kalte wie Warme strahlend 
fortpflanzt. Die Akademiker stellten einer 500 Pfund schweren Masse 
Eis in bedeutender Entfernung einen Hohlspiegel gegenuber und fanden, 
dass im Brennpunkte des letzteren ein Thermometer bedeutend fiel. 

5. DieAusdehnungderKorper durch die Warme bewiesen 
die -Florentiner mit Hulfe verschiedener Apparate , welche meist darauf 
hinausliefen, dass ein Korper kalt einer Oeffnung angepasst war, durch 
die er erwarmt nicht mehr hindurch ging. Doch stiessen ihnen dabei 

11* 



164 Inhalt der Saggi. 

Accademia eine Menge merkwtirdiger Sacben auf, die mehr oder weniger unerklart 
itt?-™???. ' blieben. Ein Glastbermometer, in siedendes Wasser getaucbt, fiel zuerst, 
wie sie ricbtig bemerkten, weil das Glas sich starker ausdebnte als die 
Fliissigkeit. Als sie aber ein kleineres Gefass, das mit zer- 
stossenem Eis gefiillt war, in siedendes Wasser taucbten, 
fiel das Tbermometer nicbt und stieg nicbt. Die Floren- 
tiner batten dadurcb die Constanz des Schmelzpunktes 
entdeckt, aber wussten damit nicbt viel anzafangen und 
beacbteten dieselbe wobl deshalb nicbt, weil sie diese Erscbeinung nicbt 
erklaren konnten und die allgemeine Bedeutung derselben nicbt abnten. 
Ebenso unklar blieb das Steigen eines Eisenst&bcbens , das mit einem 
anderen gleicben Stabcben an der Waage ins Gleicbgewicbt gesetzt worden 
war, bei seiner Erwarmung; wenigstens scblossen die Florentiner nicbt 
auf eine Erleicbterung der Kdrper durcb eine Erwarmung derselben. 

6. Die Yersucbe Cber die Zusammendruckbarkeit des 
Wassers lieferten ein negatives Resultat. 

7. Bei den Yersucben iiber die absolute Leicbtigkeit 
der Korper zeigte sicb, dass selbst scbwerere Korper in einer leicbteren 
Fliissigkeit nicbt emporstiegen , wenn nicbt etwas von der Flussigkeit 
unter die Korper kam. 

8. Yersucbe uber den Magneten, 9. tiber Elektricitat 
und 10. uber Farbenyeranderungen einiger Fltissigkeiten 
ergaben nicbts Neues. 

11. Das Capitel iiber die Fortpflanzungsgescbwindigkeit 
des Scballs entbUlt eine nacb den Metboden von Gassendi und Mer- 
senne nur nocb genauer ausgefiibrte Yersucbsreibe, aus welcber sicb eine 
Scballgescbwindigkeit yon 1111 Par. Fuss in der Secunde ergab. 

12. Bei den Yersucben iiber die Wurfbewegung wurden 
die betrefifenden Satze Galilei's yollkommen bestatigt. 

13. Das dreizebnte Capitel entbalt die Bescbreibung verscbiedener 
Experimente, unter denen besonders die Yersucbe zur Messung 
der Licbtgescbwindigkeit bemerkenswertb sind. Dieselben wur- 
den ganz nacb der Metbode zur Bestimmung der Scballgescbwindig- 
keit ausgefiibrt und lieferten naturlicb kein Resultat^). 

Die Accademia del cimento ist viel gepriesen worden, und wir 
beabsicbtigen in keiner Weise, ibr den gebiibrenden Rubm zu scbma- 
lern. Diese ersten naturwissenscbaftlicben Akademiker 
der Neuzeit baben nicbt nur alle pbysikaliscben Tbat- 
sacben, soweit sie nur irgend fraglicb erscbienen, und 
Boweit es ibnen moglicb war, constatirt; sie baben 
aucb &u8serst sorgf&ltig gemessen, und yiele pbysi- 
kaliscbe Messinstrumente yerdanken ibnen ibre erste 



') Da8 VerzeichniBs der Mitglieder der Akademie und die Inhaltsangabe 
der Saggi haupts&chlich nach Poggendorff, Gescbicbte d. Physik, 8. 350 bis 403. 



Beschrankung der Akademiker auf das Experiment. 165 

Gestaltung; sie haben sick endlich auch in der Verwerthnng ihrer Accodemia 
VerBncbe als vorsichtige Danker' gezeigt nnd manchen falschen Schlass, il^i^wi?' 
der for weniger bedenkliche Physiker nabe gelegen b&tte, nicbt gezogen. 
Sie gleicben in alien diesen Stucken dem englischen Physiker Boyle, 
mit deseenUntersucbangen sicb ja aucb die ibrigen an so yielen Stellen 
berobrten. Aber was wir bei Boyle bemerkt, das miissen wir bier wieder- 
bolen. Wenn man das Verdienst der Florentiner gerecbt 
scbatzen will, so darf man docb nicbt uberseben, dass sie 
nnr Ezperimentalpbysiker waren und nur solcbe sein 
wollten, and dann werden wir uns nicbt wundern, dass 
wir zwar (bre Spuren iiberall da finden, wo es sicb um 
sicbere Bestimmung der Tbatsacben bandelt, aber kaum 
da, wo eine Entwickelung weittragender und frucbtbrin- 
gender pbysikaliscber Tbeorien bemerkbar wird. Die 
Florentiner spracben direct als ibre Absicbt aus, sie wollten beobacbten, 
aber sie wollten nicbt erklaren. Fur eine erste gemeinsame Arbeit 
yieler Gelebrten wird das gewiss aucb dasRicbtige sein, denn man kann 
mit yereinten Eraften und vereinten Mitteln besser als vereinzelt expe- 
rimentireu, aber man kann nicbt besser gemeinsam denken oder gar 
gemeinscbaftlicb denkend erfinden. Docb bleibt dann immer notb- 
wendig, dass der Einzelne zur Erganzung der gemeinsamen Tbatigkeit 
sicb um die unterlassene Erklarung und eine umfassende Tbeorie 
bemubt und nCLtzlicb wird es obne Zweifel sein, wenn dann die Gesammt- 
beit die gegebene Tbeorie beurtbeilt und gemeinsam pr&ft. Die Be- 
scbrankung der Akademie auf das Experiment ist ein 
Zeicben der Zeit; nacbdem man glucklicb dem Experiment Ansebeu 
und Geltung verscbafft batte, war scbon das Tbeoretisiren und Hypo- 
tbesiren einigermaassen in Yerruf gekommen, und mebr als niitzlicb 
neigte man nacb beiden Seiten bin zu extremen Ansicbten. Galilei 
war nicbts weniger als ein blosser Experimentator gewesen, seine Scbuler 
erster, zweiter und dritter Linie aber griindeten eine reine Experimental- 
akademie. Es ist wobl zu beacbten, dass wir von den Mitgliedern 
der Akademie, Borelli ausgenommen, fast keine Leistun- 
gen in der tbeoretiscben Pbysik zu erwabnen baben und 
dass die Akademie des Yersucbs in Italien nicbt den An- 
fang einer neuen Bliitbe unserer Wissenscbaft anzeigt, 
sondern vielmebr das Ende einer der rubmreicbsten Epo- 
cben italieniscber Wissenscbaft einleitet. Dem Licbt der 
Akademie, das kleinere Kreise bell erleucbtete, feblten zur Erganzung 
dieStrablen, welcbe weiter binaus in die Feme fiibrendeWege erbellten, 
and die Wissenscbaft vermocbte wenigstens in Italien nicbt sicb weitere 
Gebiete zu erobem. 

• Docb liegt es uns fern, bierfdr die Akademie allein oder aucb nur 
zum grossten Tbeile yerantwortlicb zu macben; politiscbe und reli- 
giose EinflClsse waren macbtiger als alle anderen, ja waren 



166 Theorie der Planetenbewegungen. 

Accademia vielleicht schon mit die Ursache, dass die Akademie jene 
inA7^667. ' ^inseitiigkeit erhielt. So feindselig sich die Eirche der neaen 
Naturwissenschaft gezeigt hatte, so konnte sie doch niemals die blosse 
Auf&ndang yod Thatsachen bestrafen. Dagegen war das Schlosseziehen 
aus den BeobachtuDgen eine yerhaltnissmassig gefahrlicbe Sache and 
wer dariu der Kirche unbequem wurde, kam schlecbter weg. Die Floren- 
tiner Akademie, deren Beschutzer schon einmal dem romischen Stuhle 
gegeniiber sich machtlos erwiesen, hatte damm alien Grund ihren 
Schwerpunkt in die Beobachtung zu verlegen, and dass sie aacb damit 
sogar nicht voile Sicherheit sich erkaafte, bewies ihr friihes £nde nach 
kaam zehnjahrigem Bestande. * 

Von Apparaten der Florentiner Akademie werden noch 
anfbewahrt: Weingeistthermometer, Ariiometer, Hygrometer, yerscbliess- 
bare Metallkugeln (um die Compressibilitat des Wassers za prdfen) and 
ein armirter naturlicher Magnet. (Gerland, Leopoldina, Heft XVIII.) 

Boreiii, me- I^^r ideenreichste der Florentiner Physiker war Giovanni Alfonso 

u!J5S^/°**® Borelli, mit Viviani die treibende Kraft der Accademia del cimento. 
i66o~ifi8o' Sor^l^i ist am 28. Januar 1608 zu Castelnuovo bei Neapel geboren, 
studirte in Rom, wurde 1649 Professor der Mathematik in Messina, 
1658 Professor der Mathematik in Pisa und dann Mitglied der Acca- 
demia del cimento. Nach Aufhebung derselben kehrte er nach Mes- 
sina zar&ck, musste aber 1674, da er an dem ungldcklichen Aufstand 
gegen die Spanier betheiligt, fiuchten. Er starb am 31. December 
1679 zu Rom in grosser DUrftigkeit. 

Borelli's Wirken war sehr vielseitig; aasser einem bedeutenden 
Physiker war er auch ein guter Mathematiker und Astronom. 1666 
erschien von ihm Theoria Mediceorum planet arum ex caasis 
physicis deducta; einWerk, das sich auf laugjahrige Beobachtungen 
der Jnpitertrabanten grflndete, und das fUr die Physik durch eine Gra- 
vitationstheorie sehr bemerkenswerth ist. Borelli behauptet za- 
erst, dass die Centralbewegung der Himmelskorper nicht 
nur durch eine Attractionskraft des Centralgestirns, son- 
dern auch dureheine aus der Beharrung derKorper resulti- 
rende Centrifugalkraft erklart werden musse. „Nehmen wir 
also an, dass der Planet zur Sonne hinstreht und dass er zugleich durch 
seine Bewegung im Kreise von diesem Gentralkorper, der im Mittelpunkt 
jenes Kreises liegt, weggehen muss. Sind dann diese entgegengesetz- 
ten Krafte unter sich gleich, so werden sie eine wie die andere auf- 
heben und der Planet wird weder naher zur Sonne hingehen, noch auch 
weiter als bis zu einer bestimmten Grenze von ihr weggehen konnen, 
und auf diese Weise wird er im Gleichgewichte um die Sonne schwebend 
erhalten werden." Damit war das Suchen nach einer Drehkraft, durch 
welche der Gentralkorper die Trabanten mit sich herumfflhrt, die man 
so h&u6g durch eiuc Rotation des Gentralkorpers und eine magnetische 



Stoss. Pendelbewegungen. Capillaritat. 167 

Attractionskraft desselben hatte erkUren woUen, beseitigt und einer Boreiu, 
eigentlichen Gravitationstheorie der freie Weg geoffnet. leeo— leso. 

Ancb das eigentliche physikalische Hanptwerk Borelli's war um 
dieselbe Zeit wie diese Theorie schon voUendet. Es wird erzahlt, dass 
der Forst Leopold dasselbe den Saggi der Akademie einzuyerleiben 
wanscbte, daaa aber Borelli, der uberhaupt misstrauischen, uuyertr&g- 
lichen Gharakters war, sich nicht von der besondereu Herausgabe des- 
selben abbringen liess. Es erschien erst 1670 unter dem Titel De 
tI repercussionis et motionibus naturalibus a gravitate 
pendentibas. Wie der Titel sagt, beschaftigte sicb Borelli in dem 
Werke mit dem Stoss derEorper and brachte auch einiges Bessere 
als seine Vorganger Descartes, Honore Fabri etc.; aber seine 
Untersachungen bezieben sich nur auf besondere Falle ohne besonderen 
Zosammenbang and werden dadarch wie darch eine unbequeme Art der 
Betrachtung ziemlicb wertblos. Die Bewegung des Pendels dagegen 
erklart er ia ganz richtiger Weise aus einer durch einen Stoss erbal- 
tenen seitlicben Anfangsgescbwindigkeit , der Schwere and der vorge- 
schriebenen Kreisbabn. Dabei zeigt er, dass nur darch die Schwere 
die Bewegong beschleunigt and verzogert wird, und da die Wirkung der- 
selben beide Male als gleich anzunehmen ist, so muss das Pendel in der- 
selben Weise auf der anderen Seite aufsteigen, wie es auf der ersten 
niedergefallen ist; ein Satz, mit dem sich Mersenne, wie wir sahen, 
erfolglos beschaftigte. Der Hauptwerth des Werkes liegt jedoch 
in den sorgfaltigen Untersachungen iiber die Capillaritat 
and den Yersuchen zur Erklarung derselben. Wir haben im 
ersten Bande dieser Geschichte derPhysik erw&hnt, dass yon einer Seite 
dem Araber Alkhazini^) die Entdeckung der Capillarit&t jedoch mit 
Unrecht zugeschrieben wird, und dass man bei Leonardo da Vinci ^) 
die Kenntniss derselben findet, ohne dass sich diese Kenntniss verbreitet 
hatte. Auch dem Franz Aggiunti (1600 bis 1635) wird die Kennt- 
niss der Capillaritat zugeschrieben, ohne dass diesclbe ganz sicher ware. 
Der als Correspondent der Florentiner Akademie erwahnte Honore 
Fabri hat in seiner Physica in decern tractatus distributa 
(Lyon 1669) die richtigen Satze gegeben, dass in engen Rohren, 
welche in Wasser getaucht werden, dieses hoher ansteigt, 
als es ausserhalb der Rohre steht, und dass dieses Steigen 
urn so bedeutender, je enger die Rohre ist, dass aber das 
Wasser nie oben aus der Rohre la-uft, und dazu noch den falscben 
Satz gefugt, dass es in la ngeren Rohren hoher steigt als in 
kurzen. Da aber Borelli bedeutend friiher als Fabri geschrieben, so 
bleibt ersterem doch der temporelle Vorzug, abgesehen dayon, dass Bo- 
relli bedeutend umfassendere und yiel klarere Eenntnisse yon diesen 



i) Theil I, 8. 84. 
2) Theil I, 8. 116. 



lfj'8 Ursachen der Capillaritat 

Boreiu, ErBcheinuDgeii hatte. Fabri z. B. betrachtete noch den Luftdruck als 
1660—1680. Uraache der Capillaritat, Borelli aber wies nach, dass anch im luft- 
yerdiliiiiten Raume diese Erscheinungen statthaben. Nach 
ihm bestehen die Wasscrtheilchen ana Korpercben, von denen nach alien 
Seiten biegsame Aeste auBgehen. Diese Aeste legen sicb in einer Glas- 
rohre an die Erbabenheiten der Wand mit einem Ende fest an und 
wirken danacb wie einarmige Hebel, die an der Wand ihre Stutzpunkte 
haben. Dadurch wird aber die Schwere der Wassertbeilcben in der 
Rohre zum Theil aufgehoben, nnd das Wasser in derselben steigt erapor, 
nni das Gleichgewicht mit der ausseren Wassermenge wieder herzustellen. 
Die Erklftrung war so gut als sie ohne Annahme einer Molecularanziehung 
damals m5glich war, bald aber mehrten sich die Schwierigkeiten , und 
Borelli beobacbtete inehr als er erklaren konnte. Er fand zunachst, 
dass die Fliissigkeit nocb in der Rohre h&ngen blieb, auch 
wenn man dieselbe ganz ans dem Wasser zog, und zwargerade 
so boob als die Steighohe yorher im Wasser betragen hatte, und dass 
diese Steighohen sich umgekehrt verhielten wie dieDurch- 
messer der Rohre n. Selbst soweit blieb noch die Hebeltheorie an- 
wendbar; als aber Borelli dann weiter entdeckte, dass zwei auf 
Wasser gelegte Messingbleche sich zn einander bewegten, 
als zdgensiesich an, dass dies ebenso mit zwei Holzteller- 
chen geschah, und dass umgekehrt ein Messingblecb und 
ein Holzteller auf Wasser sich abzustossen schienen^): da 
musste er doch gestehen, dass bier die Hebelmaschinerie zur Erklarung 
nicht mehr reichen wolle. Wie die Capillaritat wollte man auch die 
Kugelgestalt der Wassertropfen durch den Luftdruck erkliiren, von dem 
man ja damals alles erhoffte; die Florentiner Akademiker batten aber 
schon gezeigt, dass diese Kugelgestalt der Tropfen auch im Vacuum 
bestehen bleibe. Borelli bemerkte noch, dass zwei Wassertropfen, wenn 
sie zur Beriihrung gebracht wurden, sich in einen Tropfen vereinigten 
und versnchte auch diese Beobachtung aus der angenommenen Gestalt 
der Wasscrtheilchen abzuleiten, wie natiirlich ohne wirklichen Erfolg. 

Die Capillarit&t beschaftigte damals viele Physiker. Geminiano 
Montanari (1633 bis 1687) veroffentlichte in Pensiere fisiche e 
matematiche (Bologna 1667) ahuliche Resultate wie Borelli. Isaak 
Voss (1618 bis 1689) erwahnt in seinemWerke De Nili et aliorum 
fluminum origine (Haag 1666) zuerst die Depression des 
Que cksil bars in engen Rohren und weist schon die Ansicht zurCLck, 
als wflrde das Quellwasser durch die Capillaritat auf die Hohen der Berge 
gehoben. Boyle zeigte wie die Florentiner, dass die Capillarit&t 
auch im Vacuum statthat, und dass sie also nicht durch den Luftdruck 



^) Fischer (Gesch. d. Ph3's. I, 317) giebt an, dass Borelli diese Yersuche 
schon 1655 dem GrosMherzog von Toscana nnd dem Fiirsten Leopold gezeigt 
habe. 



De motu animalium. Hooke's Leben. IG9 

Terarsacht sein konne , liess sicli aber wie gewobnlicb anf weitere Er- Boreiii, 
klamngsTersucbe nicht ein. Mit nacbbaltigerem Erfolge als bei der Ga- ~~ 
pillaritat gebraucbte Borelli seine Hebel in dem berUhmten pbysiologischen 
Werke De mota animalium (2Theile, Rom 1680 nnd Leyden 1685). 
Er lebrt darin, dassArme und Beine derXbiere undMenscbeu 
wie einarmige Hebel wirkeu, deren Lastarm langer als 
ibr Kraft arm ist, und berecbnet die Kraft, wclche Armmuskeln aus- 
uben miissen, um an einem Finger 9,5Pfund zu halten, auf 1900Pfand. 
Er scb&tzt die Sicberbeit des Stebens nacb der Grosse der 
Unterstutznngsflacbe, erklart das Laufen fiir ein immer- 
wabrendes Fallen, das Zuriickzieben der Fusse oder das 
Yorbeugen des Leibes beim Aufsteben durcb die notb- 
wendig werdende Yerscbiebung des Scbwerpanktes ilber 
die Unterstfitznngsflacbe u. s. w. Borelli's Werk ist von classi- 
scber Bedeutung fiir die Tbeorie der Korperbewegungen der Thiere und 
Menscben geworden and bat lange Zeit auf einen wurdigen Nacbfolger 
zu varten gebabt. 

Mit Borelli berftbrt sicb in einigen Punkten Robert HookOt der Hooke, 
uberbaupt, wie sein Landsmann Boyle, bei fast alien Problemen, welcbe unier-^° 
die damalige pbysikaliscbe Welt bewegten, seinen Einfluss geltend oravitatfon, 
macbte. Robert Hooke ist am 18. Juli 1635 auf der Insel Wigbt, ^««^-^'^^-' 
wo sein Yater Pfarrer war, geboren. 1658 bezog er die Universitiit 
Oxford, wurde dann Assistent von Boyle, den er vor allem bei der Con- 
struction seiner Luftpumpe unterst^zte, und erbieltl662 die Stelle eines 
Experimentators der neugegrundeten Royal Society. Bald darauf wurde 
er aucb wirklicbes Mitglied und 1678 Secretar dieser Gesellschafb. Noben- 
bei bielt er Yorlesungen fiber Mecbanik, die von Sir Jobn Cutler ver- 
anlasst und bonorirt wurden, und war Professor der Geometrie am Gres* 
ham College in London. Er starb, durcb viele Arbeiten und Nacbtwacbeu 
gescbwlicbt, in London am 3. Marz 1703. 

Seine Stellung an der Royal Society bracbte ibn in Beriibrung mit 
alien neuen Erscbeinungen in der Wissenscbaft , seine experimentellc 
Gescbicklicbkeit liess ibn iiberall nicbt bloss fremde Beobachtungcn 
wiederbolen, sondern denselben aucb Neues binzufiigen; die Zerstreut- 
beit seiner Bescbaftigungen binderte ibn aber aucb in den meisteu Fallen, 
seine Arbeiten weiter zu verfolgen und seine Ideen vollstandig auszu- 
bilden. So erklart es sicb, dass er Alles zuerst gekannt, 
Alles zuerst getban baben wollte, sicb mit alien Ent- 
deckern undErfindern fiber die Prioritat ibrer Arbeiten 
in ftrgerlicbster Weise berumzankte und docb sebr oft die 
Welt nicbt von der Gere cbtigkeit seiner Sacbe fiberzeugen 
koonte. Ja man wirft ibm geradezu Unredlicbkeit vor; Wolf (Ge- 
Bcbicbte der Astronomic, S. 461) nennt ibn einen wissenscbaftlichen 
Raubritter und erklart ibn als „zum mindesten verdacbtig, einzelne 



170 Undulationstheorie des Lichts. Farben diinner Blattchen. 

Hooke, Mittheilungeo, die durch seinen Canal an die Royal Society gelangen 

1666—1700. gQ^i^gjj^ 2u eigenen Gunsten unterschlagen zu haben''. Trotzdem 

aber muss manaufder anderenSeite auch an yielen Snellen 

die Kuhnheit seiner Ideen und zu aller Zeit die Genanig- 

keit seiner Beobachtnngen anerkennen. 

Hooke wurde an zwei l^tellen mit Newton uneinig, welche gerade 
fur die Physik von weittragendeter Bedeutung sind; wir meinen die 
Lehre von der Gravitation und die Lehre vom Licht. Hooke's 
fruheste optische Untersuchungen sind in seinem ersten beruhm- 
ten Werke Micrographia or philosophical description of 
minute bodies (London 1665) enthalten ; die spateren £nden sich in 
den Schriften der Royal Society, sowie auch in den Posthumous 
works (London 1705). Schon in der Micrographia stellte er fiir das 
Licht eine Undulationstheorie anf, indem er sagte, dass dasselbe 
aus einer schnellen und kurzeu vibrirenden Bewegung bestehe und dass 
es in einem homogenen Medium so fortgepflanzt werde, dass jede Vibra- 
tion des leuchtenden Korpers in dem Medium eine spharische Oberflache 
erzGuge, die immer wachse und grosser werde, ganz auf dieselbe Weise, 
(obschon ungleich schneller) wie die ringformigeu Wellen auf der Ober- 
flache des Wassers immer grossere Kreise um einen Punkt im Innern 
beschreiben. In einer Abhandlung, die er im Jahre 1672 der Royal 
Society yorlegte, sprach er sogar aus, dass die Richtung derVi- 
brationen auf der Fortpflanznngsrichtung der Wellen 
senkrecht stande, leider wurde dieser Gedanke in der Folgezeit 
wieder ganzlich vergessen. Hooke untersuchte auch (wie Boyle) die 
Farben der Seifenblasen und beobachtete, dass diese sich mit 
dem Diinnerwerden des Hautchens veranderten, er bemerkte 
die Farben der dtinnen Glimmerblattchen, beobachtete die- 
selben durch das Mikroskop und erkannte auch hier die Abhangigkeit 
ihrer Ausdehnung von der Dicke der Bl&ttchen. Nach seiner Licht- 
theorie erklarte er dieselben dadurch, dass er angab, von der yor- 
deren wie yon der hinteren Seite der Blattchen wurden 
zwei hinter einander herlaufende Lichtstrahlen reflec- 
tirt, die bei ihrem Zusammentreffen auf der Retina die 
yerschiedenen Farben erzeugten. Leider waren seine Yorstel- 
lungen nicht deutlich genng, um zu einer richtigen Theorie der Inter- 
ferenzerscheinungen zu fuhren. Er behauptete namlich, dass die Farben 
durch die yerschiedene Weise, wie yerschiedene Vibrationen auf der Re- 
tina zusammenschlagen , erzeugt wurden, und da er nur zwei Weisen 
eines solchen Zusammenschlagens fand, so nahm er auch nur zwei 
Grundfarben Roth und Blau an, aus deren Miscl^ung alle anderen ent- 
stiinden; bei Roth sollte eine starkere Erschutterung einer schwache- 
ren nachfolgen, bei ^ Blau umgekehrt. Diese Theorie der zwei 
Grundfarben wollte aber schon nicht mehr helfen, als Hooke zwei 
prismatischo Gl&ser mit blauer Knpferlosung und rother Aloetinctur 



Beugung des Lichts. GraYitation. Glasthranen. 171 

iollte und beim Hindurchsehen gar kein Licht bemerkte. Auch die Hooke, 
Beugung des Lichts hat Hooke (ohne Grimaldi zq erwahnen) *'*^*~"^^" 
spater beobachtet und mit keiuem grdsseren Erfolg za erklaren versucht. 
Hooke yermochte seine Hypothese der Undulation, die ja eine gauz 
richtige Grundlage hatte, nicht weiter auszubilden, und so konnte sie 
gegen Newton's fcstgeschlossene Theorie, von der dieser 1672 die erste 
Nachricht gab, nicht aofkommen. Sie verwickelte ihren Urheber nur in 
einen, wie er bei Hookers Natur zn erwarten, erbitterten Streit, der der 
Wissenschaft nicht geniitzt hat. 

Doch war hier der Eampf noch nicht so heiss, als bei der Ent" 
deckung des allgemeinen Gravitationsgesetzes, wo Hooke den 
Newton direct des Plagiats beschuldigte. Hooke beschrieb seine Ideen 
yon der Planetenbewegung in der Schrift An attempt to prove the 
motion of the Earth (London 1674). Hier verspricht er eine Er- 
klarung yon dem Weltsjstem zu geben, wie sie bis jetzt noch Niemand 
gegeben babe, die aber yollkommen mit alien Gesetzen der Mechanik 
ubereinstimme. Diese Erklarung grilndet sich auf drei Regeln: 1. Alle 
Korper sind nicht allein gegen ihren eigenen Mittelpunkt schwer, son- 
dem auch wechselseitig gegen einander selbst innerhalb ihrer Wirkungs- 
kreise; 2. alle Korper, welche eine einfach geradlinige Bewegung haben, 
setzen dieselbe in gerader Linie fort, wofern nicht eine Kraft sie be- 
standig ablenkt und sie zwingt einen Kreis, eine Ellipse oder eine andere 
zusammengesetzte Curve zu beschreiben; 3. die Anziehung wird um so 
st&rker, je naher der anziehende Korper sich befindet. Hooke fugt hier 
hinzu, dass er &ber das Gesetz, nach welchem diese Anzie- 
hung zunehme, noch keine nahere Untersuchung ange- 
stellt babe; spater hat er dann behauptet, dieses Gesetz noch vor 
Newton gefunden zu haben, und bei diesem werden wir auf den Streit 
zuruckkommen. 

Wollten wir nun weiter von alien einzelnen Arbeiten Hookers Be- 
richt geben, so mussten wir fast alle Gebiete der Physik und auch der 
Astronomic beruhren; wir heben nur Einzelnes hervor. Er beschftftigte 
sich in seiner Micrographia mit den Glasthranen, die um diese Zeit 
allgemeiner bekannt wurden; nach einer Behauptung des Subrectors 
Schulenbnrg aus Bremen aber schon um 1625 in mecklenburgischen 
Glasfautten bekannt gewesen sind. Er erklarte das Zerspringen 
derselben, ahnlich wie auch J. Yoss, durch den Druck der 
eingeschlossenen Luft; der Luftdruck musste eben damals bei alien 
Erscheinungen eine Rolle spielen. Die richtige Erklarung aus 
denanomalenSpannungsverhaltnissenindenGlasthranen, 
welche durch die plotzliche Abkilhlung des geschmolzenen Glases erzeugt 
sind, gab en Hobbes und Montanari (1670). Eine besondere Art 
Ton Barometer, das sogenannte Radbarometer, beschreibt Hooke eben- 



^) £r bezeichDet sie als Deflexion des Lichts. 



1665—1700. 



172. Barometer. Femrohr als Messinstrumcnt. 

Hooke,^^^ falls in seiner Micrographia ; dasselbe hat aber weiter keine Wichtigkeit, 
als dass wir daran den Gebrauch des Heberbarometers schon am 
diese Zeit erkennen; wer das Letztere erfanden hat, ist unbekannt. 
Ueberhaupt beschaftigte man sich um diese Zeit viel mit der Anferti- 
gung verschiedener Arten von Barometern, die fCir irgend welche spe- 
ciellen Zwecke besonders geeignet erschienen; Descartes, Hnyghens, 
Morland, Amontons nnd andere bedeatende Physiker waren 
hier za nennen. Die meisten dieser Physiker bemiihten sich, das In- 
strument fur eine bequemere Ablesung einzorichten , schadeten aber 
dabei fast immer der Genauigkeit desselben. An die Erzielung einer 
bequemeren Transportfahigkeit dachte man um diese Zeit, wo das Baro- 
meter kanm zu Ilohenmessungen gebraucht wurde, noch nicht. Doch 
suchte bald nach dieser Zeit Mariotte eine ertragliche Formel fur 
die Berechnung von Hdhen aus Differenzen der Baro- 
meterstande zu geben, und Hooke offhete anch hier, allerdings ohne 
Absicht, den Weg, indem er, um die Hohe der Atmosphare zu berechnen, 
dieselbe in Schichten theilte und danach das Gesetz der Yerdtinnung der 
Luft mit Zunahme der H5he aufzufinden sich bemiihte. Merkwurdig 
ist, dass er auf Grund hierzu angestellter Versuche schon die exacte 
Geltung des Boyle*schen Gesetzes von der indirecten Proportionalitat des 
Druckes und des Luftvolumens bestritt. 

Viel Arbeit verwandte Hooke ferner auf die Yerbesserung der 
Fernrohre und deren Anwendung als winkelmessende In- 
strument e. Mit der Entdeckung des Femrohrs war dasselbe noch 
nicht zugleich als Messinstrumcnt gegeben, vielmehr wurde noch lange 
Zeit dasselbe nur zur Yergrosserung entfernter Gegenstande benutzt. 
Erst von William Gascoigne (1621 bis 1644) ist sicher, dass er 
1640 den Durchmesser des Jupiters mittelst zweier paralleler Platten 
am Femrohr maass, die durch Schrauben einander genahert und von 
einander entfernt werden konnten; aber ganz eingefuhrt wurde das 
Femrohr als Yisirinstrument erst durch Auzout (Traite du mi- 
crometre. Paris 1667) und Picard, die beide schon Fadenkreuze 
aus Metallfaden anwandten. Uooke hatte ebenfalls das Femrohr als 
Messinstrumcnt und speciell fur das Mikrometer, statt derFfiden aus 
Seide oder Metalldraht, Haare^) empfohlen, und da der beruhmte Dan- 
ziger Astronom Hevel noch immer mit Diopterlinealen beobachtete, 
so zweifelte Uooke sogar in einer nicht allzu hoflichen Schrift die Ge- 
nauigkeit von dessen Beobachtungen an, wie man ihm aber bald bewies, 
sehr mit Unrecht. 

In dieser Schrifl (Animadversions to the first part of 
the Machina coelestis ofJoh. Ilevelius. London 1 674) beschrieb 
Hooke zum ersten Male eine Maschine zur Kreistheilung. Man 



') Fadenkreuze aus Spinmvebenfiiden kamen erst Anfang des 19' Jahrhim- 
derls allgemein in Gebrauch; 1755 empfabl sie Felice Fontana ausFlorenz. 



Libelle. Spiegelteleskop. Uhrfeder. 173 

lolle mit einer Scliraube ohne Eiide Zahne in den Rand eines Qaadran- Houke, 
ten einschneiden, den'Abstand derselben werde man dann leicht bestim" 
men konnen, docb erwies sich diese Methodo bald als unpraktiscb. Auch 
dieErfindung der Libelle tbeilt Poggendorff ^ dem Hooke zu 
nnd giebt fur die Zeit der Erfindung 1666 an; Wolf^} zeigt aber, dass 
dieaelbe dem Melcbisedec Tb^yenot zuzuscbreiben ist, der scbon 
1661 seine Erfindung in einem Brief e an Viviani mittbeilte und aucb 
wie Hooke Weingeist fur die geeignetete Flussigkeit zum Fiillen der 
Libelle erklarte. 

Endlicb ist Hooke bei der ersten Construction der Spiegeltele- 
skope, wenn aucb nicbt bei deren Erfindung, betbeiligt. Aebnlicb wie 
Zncchi uud Mersenne, welcbe scbon die Idee eines Spiegelteleskops 
hatten, dieselbe aber nicbt ausf&brten, erging es auch James Gre- 
gory. In seiner Optica promota (London 1663) scbl&gt dieser yor, 
ein Spiegelteleskop, wie es unter seinem Namen in den Lehrbuchern der 
Physik bescbriebea und abgebildet ist, zu construiren, weil die Linsen- 
femrobre zu lang und durcb yiele Linsen zu licbtscbwacb w^urden. Da • 
aber Gregory selbst keine solcbe Instrumente yerfertigen und auch and ere 
damit nicbt zu Stande kommen konnten, so gab er die Ausfiihrung seines 
Planes auf. Erst 11 Jahre spater construirte Hooke ein Spiegelteleskop 
ganz nach den Gregory^schen Angaben; w&hrend dem war ihm aber 
Xewton scbon zuyorgekommen, der 1668 das nach ihm benaunte Spiegel- 
teleskop yollendete '). 

Hooke hatte, wenn man ihm glauben will, immer das Ungliick, dass 
andere seine Ideen benutzten nnd noch yor ihm selbst bekannt machten. 
Mit Auzout wurde er aus solchen Grunden ebenfalls tiber die Con- 
struction yon Fernrohren uneinig, und Huyghens nabm ihm auch die 
Construction der Luftferurohre yorweg, namlich der Fernrohre ohue 
Rohr, deren Linsen nur an einer langen Stange befestigt sind. Doch 
war das noch nicbt das Scblimmste yon Huyghens; bei der Erfindnng 
der Uhrfeder wurde auch er yon Hooke des Plagiats und der Se- 
cretar der Royal Society, Oldenburg, der Beihillfe beschuldigt. Nach 
seiner Angabe hat Hooke scbon 1658 den Gedanken gehabt, eine Stahl- 
feder ala Regulator fiir Taschenuhren zu yerwenden und auch spater mit 
Boyle, Robert Morey und Lord Brounker wegen Erlangnng eines 
gemeinflchaftlichen Patents yerhandelt. Doch wurde erst 1675 eine 
Tascbenuhr mit Spiralfeder nach Hooke's Angaben fertig, nachdem 
Huyghens, wie man annehmen muss, ohne unerlaubte Benutzung fremder 
Ideen, schon 1674 eine Uhr mit Feder durcb den Uhrmacher Turet in 
Paris hatte herstellen lassen. 



') Gesch. d. Physik, 8. 565. 
^) Geflch. d. Astronomie, 8. 572. 

^ Einen kleinen Reflector von Newton bewahrt noch die Royal 8ociety. 
Gerland, Leopoldina, Heft XVIII. 



174 Abhandlung von Wallis. 

Entdeckung Im Jabre 1668 gab die Royal Society ihren Mitgliedern denWnnsch 

des stoeaes, bekannt, sie mochten UDtersuchungen iiber die Lehre vom StosB der 
1688—1669. Korper anstellen und die gefnBdenen Resultate einreichen. Auf diese 
AufiforderuDg bin liefen drei AbbandluDgen ein; am 26. November 1668 
von JobnWalli8(1616bi8l703, Prof, der Mathematik an der Univereitat 
Oxford), am 17. December von Cbristopher Wren (1632 bis 1723, 
Prof, der Matbematik, Oberanfseber aller kdnigl. Bauten in England) nnd 
endlicb am 4. Januar 1669 von Christian Huyghens, welch letzterer 
nocb im Februar desselben Jabres einen Nachtrag sandte; die drei Ab- 
bandlungen warden in den Philosophical Transactions veroffentlicht. 

Wallis betracbtet in seiner Arbeit nur den Stoss unelastiscber 
K or per, dehnt aber in einem besonderen Werke Mechanica sive 
de motu (London 1670 — 71) die Untersucbung auch auf den Stoss 
elastischer Eorper a us. Er geht in der Ableitung der Stossgesetze 
am directesten zu Werke, indem er annimmt, dass die gesammte 
vorhandene Quantitat der Bewegung (Product aus Masse 
und Geschwindigkeit) sich beim Stoss gleicbmassig auf 
die Mass en beider Korper vertheilt; wobei aber die Bewegungs- 
mengen mit dem Yorzeichen ibrer Geschwindigkeit behaftet gedacht 
werden mQssen, tso dass gleicbe Bewegungsmengen , deren Geschwindig- 
keiten entgegengesetzt gericbtet sind, sich aufbeben. Hierdurch wurden 
Descartes^ Vorstellungen berichiigt. Descartes batte nicbt einzuseben 
vermocht, dass Bewegungsmengen beim Stoss verschwinden konnen, er 
batte darum die Constanz der Bewegungsmengen im absoluten Sinne 
behauptet und war damit zu g&nzlich falscben Gesetzen gekommen. 
Wallis kann ebensowenig das Verschwinden entgegengesetzter Bewe- 
gungsmengen erkl&ren, an ein Uinsetzen der Massenbewegang beim 
Stoss in Molecularbewegungen denkt auch er nocb nicbt, aber er nimmt 
als tbatsacblicb sicher an, dass gleicbe unelastische Eorper bei entgegen- 
gesetzt gleichen Geschwindigkeiten durch den Stoss zur Rube gelangen, 
und findet so die wabren Gesetze fiir den Stoss unelastiscber Korper. 
Das Gartcsianische Gesetz von der Constanz der Bewe- 
gungsmengen gilt auch bei Wallis nocb, nur m&ssen eben 
diese Bewegungsmengen mit dem Yorzeichen der Rich- 
tung verseben werden. Aus den Gesetzen fiir den Stoss unelasti- 
scber Korper folgert Wallis leicbt die Satze fdr den Stoss elastischer 
Korper. Wenn zwei elastiscbe Korper auf einander stossen, so pressen 
sie sich wie unelastische Korper zusammen und gleichen zunacbst ibre 
Bewegungsmengen wie diese aus; aber damit ist es bei elastischen K5r- 
pern nocb nicbt zu Ende, vielmehr wirken dieselben, indem sie sich 
wieder zu ibrer urspriinglicben Gestalt ausdehnen, nocb einmal auf ein- 
ander, und da die Wirkung der Gegenwirkung gleich ist, so wird die 
erste Wirkung hierdurch verdoppelt, d. h. bei elastischen Korpern 
ist der Gewinn und Yerlust an Geschwindigkeit doppelt so 
gross als bei unelastischen. 



Arbeiten von Wren und Huyghens. 175 

Wren gab nur die Gesetze far den Stoss elastischer K6rper in stoBs- 
einem sehr kurzen Satz. Aach Hnygheiis sandte damals an die Royal leel^^eee. 
Society nnr die Gesetze ffir den Stoss elastischer Korper oline Beweise, 
aber er holte diese spater in einer Abhandlang De motu corporum 
ex percnssione noch nach, die 1703 in seinen Opascala post- 
hum a erschien. In derselben schlagt er eine merkwurdig geistreiche 
Metbode ein, nm ans einem Grandsatz die Stossgesctze abzuleiten, ohDe 
weiter anf die eigentlicben molecularen Vorgange eingehen zu mussen. 
Dieser Gmndsatz ist: Zwei gleicbe elastische Korper, die mit 
entgegengesetztgleicbenGeschwindigkeitenaufeinander 
Btossen, prallen mit denselben Geschwindigkeiten von ein- 
ander zurack. Um hieraus z. B. den Satz abzuleiten, dass ein ela- 
stischer Korper, der auf einen gleicben ruhenden stosst, selbst in Ruhe 
komfnt, wahrend der andere mit der Geschwindigkeit des ersten weiter 
geht, denkt er sicb, dass auf einem Schiff gleicbe Korper A und B mit 
gleicben Geschwindigkeiten auf einander stossen und giebt dann dem 
Schiff eine Geschwindigkeit, welche der des einen Korpers, z. B. A, gleicb 
nnd gleicbgericbtet ist. Eine Person am Ufer des Sees oder Flusses, 
auf welcbem das Schiff fabrt, beobacbtet dann die absoluten Bewegungen 
der Korper A und B. Auf dem Schiff stossen nun A und B mit gleicher 
Geschwindigkeit auf einander, der Beobachter am Ufer aber siebt den 
Korper B in Ruhe, wahrend A sich mit verdoppelter Geschwindigkeit 
bewegt. Nach dem Stoss haben beide Korper auf dem Schiff, dem an- 
genommenen Grundsatz gemass, ihre Geschwindigkeit ausgewechselt, 
der Beobacbter am Ufer siebt also jetzt A ruhen, wahrend B sich mit 
verdoppelter Geschwindigkeit weiter bewegt, was zn beweisen war. Huyg- 
hens hatte schon in seiner Nachsendung an die Royal Society den spe- 
ciellen Stossregelu' zwei allgemeine Satze zugefugt : 1. Die Quantitat 
der Bewegung ist nur constaut, wenn man die algebraische 
Summe der Bewegungsmengen nimmt und 2. bei dem Stoss 
elastischer Korper bleibt die Summe der Productc aus 
den Massen und den Quadraten der^ugehorigen Geschwin- 
digkeiten vor und nach dem Stoss dieselbe. Diese Gesetze 
spielten dann in dem langen Streite uber lebendige und todte Krafte 
eine bedeutende Rolle. 

Die Stossgesctze sind, trotz des Enthusiasmus der damaligen Zeit 
fur die rein experimentale Metbode, doch fast rein deductiv ge- 
funden oder wenigstens dargestellt worden. Wallis nnd Huyghens leite- 
ten aus einigen Erfabrungssatzen alles Uebrige ohne weitere Zub(ilfenahme 
der Beobachtung ah, und nur Wren hat seine Satze auch cxperimentell 
bestatigt ^). Umfassendore Versuche zur Bewahrheitung jener Deductionen 



^) Wren war bei einer Menge physikalischer Untersuchungen bervorragend 
bethelligt, leider hinderten seine vielfachen Berufsgeschafte eine systematische 
Durchbildung seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Als solcbe sind zu nennen: 



I. 



Stoae- 
goeetxo, 
16G8— 1669. 



176 Stossmaschine. Leben des Huyghens. 

hat erst Mariotte mit einer Stossmaschine angestellt and in seinem 
Traite de la percussion (Paris 1677 j beschrieben. Diese Stoss- 
maschine bestand der Hauptsache nach aus zwei Kugeln, welche an 
Faden so aufgeh&ngt waren, dass sie gerade einander beruhrten. Die 
Hohe, aus der man die Kugeln fallen liess, konnte man an einem Maass- 
stab ablesen und danach die Stossgeschwindigkeit berechnen. 



Huyghens, 
Krfliidung 
(Icr Pondcl- 
uhren, me- 
chaniHcha 
Untcr- 
Buchuiigon, 
1657—1673. 



Christian Huyghens wurde am 14. April 1629 zu llaag als der 
zweite Sohn des Eonstantin HuyghenSi Herrn von Zelem und Zuylichem, 
Secretar des Prinzen von Oranien, geboren. Sein Vater, ein vermdgender 
und sehr kenntnissreicher Mann, gab ihm selbst den ersten Unterricht 
in Mathematik und Mechanik. Mit sechzehn Jahren bezog er die Uui- 
versitftt Leyden und studirte dort, wie auch in Breda Jurisprudenz. 
Doch Bcheint er auch das Stadium der Mathematik nicht vernachlassigt 
zu haben; denn schon 1651 erschien von ihm als erstes Werk Theo- 
remata de quadratura hyperboles, ellipsis et circuli etc., 
dem 1654 De circuli magnitudine inventa nova und yon da an 
noch mehrere sehr bedeutende mathematische Abhandlungen, vor allem 
eine solche uber Wahrscheinlichkeitsrechnung von 1657 folgten. 
Neben dieser fruchtbaren Beschaftigung mit der Mathematik betricb er 
auch die Verbesserung der Fernrohre. Er verfertigte bald ein 
so gutcs Instrument, dass er mit demselben auch am Saturn einen 
Mond entdeckte, und gleich darauf gelang ihm ein noch grosseres, mit 
Hiilfe dessen er erkannte, dass jene merkwiirdigen Erscheinungen am 
Saturn, welche Galilei und andere nach ihm beobachtet batten, yon 
einem um den Saturn frei schwebenden Ring herruhrten. Wah- 
rend dem hattc er auch seine Ycrsuche zur Construction von Pendel- 
nhren begonnen und war schon 1657 zumZiele gelangt, wie wir gleich 
noch weiter sehen werden. Anfang der sechziger Jahre machte er Reisen 
nach Paris und London, wurde 1663 zum Mitglied der Royal Society 
und 1666 auch zum Mitglied der neu errichteten Pariser Akademie der 
Wissenschaften ernannt. Mit der letzteren Wurde erhielt er einen an- 
sehnlichen Jahresgehalt undWohnung im koniglichen Bibliotheksgebaude 
in Paris. Doch gab er 1681 diese Stellung auf und kehrte in seine 
Vatcrstadt Haag zuriick, seiner ganzlich geschwachten Gesundheit wegen, 
wie einige sagen, der Aufhebung des Edictes von Nantes halber, wie 
andere mit mehr Recht behaupten^). Hier beschaftigte er sich wieder 
mit der Construction stark yergrosserter Fernrohre, mit der Verfer- 



Untersuchungen iiber den Widerstand, den bewegte Korper in Flussigkeiteu 
fiaden, iiber die beste ConBtruction der Scliiffe, fiber die Wirkung der Ruder 
und der Segel, iiber die Bewegung der Pendel, iiber die Ursachen der Bewe- 
gungeu der liimmlischen Korper, iiber das Scldeifeu hyperboliscber Glaser etc. 
^) Das Edict von Nantes wurde zwar erst 1685 forniell widerrufen, aber 
schon Yorher mebrten sich die Religion sverfolgungen ; auch Bo me r and Papiu 
verliessen in derselben Zeit wie Huyghens Paris. 



Zahlwerk Galilei's. 177 

tigangeineBPlanetariams, einer Schrift fiber W e 1 1 s y s t e m e undvor Hnygheiu, 
allem ancb mit theoretisch optischen Untersachungen. £r uhSren^me- 
Btarb in Haag am 8. Juni 1695. SeiDe Werke warden von 'a Grave- unTel-'i''***' 
sande gesammelt und berausgegeben ; zwei Bande Opera varia 1724 ^Qc^^^f??* 
and zwei Bande Opera posthnma 1728. Haygbens war, wie vielc 
groBse Pbysiker der damaligen Zeit, nie verbeiratbet , ein unabbangiger 
Gelebrter, der sein Genie, seine Arbeit und sein Vermdgen ganz im 
Dienste der Wissenschaft verwandte. 

Wir betracbten in diesem Abscbnitt nur Haygbens' 
rein mechaniscbe Entdeckungen, die zum grdssten Tbeil 
in die Zeit von 1657 bis 1673 fallen und mebr oder weni- 
ger mit der seiner nouen Constrnction der Ubren zu- 
sammenhangen. Yon fruber ber ist bekannt, dass man jedenfalls 
im 14. Jabrbundert scbon Gcwicbtsubren^) verfertigte und dass bei 
diesen aucb baldHemmungen angebracbt warden, welcbe den bescbleu- 
nigten Ablauf des Gewicbts verbindern sollten. Diese Heraraungen aber 
boten in sicb keine Gew&br fur einen gleicbm&ssigen Gang der Ubr; fQr 
genauere, wie astronomische Zeitrecbnungen griff man nocb lange Zeit 
gem zu Wasser- oder Quecksilberubren und bielt die Raderubren nur auf 
Tburmen fur zweckmassig. Zwar batte scbon Waltber 1484 auf seiner 
Stemwarte R&derubren, die nocb Viertelsecunden ablesen liessen^filr die 
Sternwarte in Cassel fertigte Jost Bilrgi beriibmte Ubrwerke, and 
Tycbo de Brabe batte Rieseninstruraente in Gebraucb; aber diese 
Zeitmesser bedurften taglicber Justificirungen und 
kamen ofter in gef&brlicbe Unordnung. Man griff des- 
wegen nacb Galilei's Entdeckungen mit Freuden zum 
Pendel und Galilei selbst, wie sp&ter Riccioli, Grimaldi, Mer- 
senne, Kircber, Hevel etc., bedienten sicb sow obi bei astronomiscben 
wie bei pbysikaliscben XJntersuchungen desselben als Zeitmesser. Docb 
hat das Pendel dabei das Unbequeme, dass es die verflossene Zeit nicbt 
selbstandig anzeigt, wie aucb, dass es obne neuen Anstoss bald zur Rube 
kommt. Galilei batte darum scbon den Gedanken gefasst, 
das Pendel mit einem Zahlwerk zu verbinden, so dass dieses 
die verflossene Zeit durcb die Anzabl der voUendeten Pendelscbwingungen 
anzeigt, und er setzte diese Ideen woitlaufig in einem Briefe vom 5. Juni 
1636 an Laurens Reaal, vormals Gouverneur von Nederlands Indien, 
auseinander. Galilei stand namlicb mit den Generalstaaten von Holland in 
Unterhandlungen wegen einer genauen Methode zur Langenbestim- 
mung der Orte durcb Beobacbtungen der Jupitersmonde, und 
Reaal gehorte der Commission an, welche die Generalstaaten zurPrdfung 
der Galilei'schen Yorscblage niedergesetzt batten. Yerscbiedener Um- 
stande halber aber zerscblugen sicb die Unterhandlungen, und man hdrte 
danach aucb nicbts weiter von den Zeitmessern Galilei's. 



') Theil I, 8. 105. 
Bosenbarger, Oeschichte der Phyaik. II. 22 



178 Pendeluhren von Galilei und von Huyghens. 

Huyghens, Erst 20 Jabre nach jenemBriefe griff Huyghens das Problem von 

1667—1673. Qiner anderen Seite auf. £r ging nicbt vom Pendel ans and ver- 
sucbte nicbt zu demselben ein Zablwerk zn erfinden, son- 
dern griff zu den alten Ubrwerken zuruck und verband 
diese mit dem Pendel. Er liess namlicb von der Hemmung den 
Balancier (das an der Spindel befestigte Erenz) weg und brachte die- 
selbe mit einem Pendel in Yerbindung, so dass durcb die Gleicbmassig- 
keit seiner Scbwingungen aucb ein gleicbmassiger Gang der Ubr gewahr- 
leistet wurde. Huygbens erbielt auf diese Pendelubren ein Patent 
der Generalstaaten vom 16. Juni 165 7 und bescbrieb dieselben 
in einer kleinen Schrift Horologium, welcbe 1 65S erscbien. 

Vx>n diesen Pendelubren erfubr im October 1658 der Prinz Leo- 
pold von Toskana, und wabrscbeinlicb yon ibm selbst veranlasst, 
sandte danacb Viviani am 20. August 1659 einen Aufsatz an den 
Fursten, in welcbem er Galilei^s Recbte zu wabren sucbte. Dieser Auf- 
satz sagte, dass Galilei scbon 1641 den Gedanken gefasat 
babe, sein ZHblwcrk weiter zu yervollkommnen und dass 
er nun wirklicb das Zablwerk nicbt mebr durcb das Pendel, 
sondern umgekebrt das Zablwerk durcb ein Gewicbt in 
Beweg^ung setzen und dann das Pendel so rait ibm verbin- 
den wollte, dass das Pendel durcb das Zablwerk immer in 
Bewegung erbalten wdrde. Da die Blindbeit Galilei's ibn selbst 
an den notbigen Arbeiten verbindcrt babe, so babe er seinen Sobn V i n - 
cenzo mit der Ausfilbrung dieses Planes beauftragt. Indessen sei mit 
dem Tode Galilei's aucb dies yerzogert worden und Vincenzo babe 
nicbt vor April 1649 mit der Arbeit begonnen. Dann wUre das Instru- 
ment wenigstens so weit fertig geworden, dass man seine Wirkungs- 
weise babe beurtbeilen konnen; die ganzlicbe VoUendnng sei aber ancb 
dies Mai nicbt erfolgt, weil Vincenzo nocb im Jabre 1649 durcb ein 
bitziges Fieber scbnell binweggerafft worden sei. Viyiani giebt eine 
Zeicbnung der Ubr, welcbe Alberi in den Supplementen der neuen 
Florentiner Ausgabe yon Galilei's Werken reproducirt; und durcb Ne Hi 
wird in der Biograpbie Galilei's bericbtet, dass aus dem Nacblasse Yin- 
cenzo's im Jabre 1668 aucb „un Oriuolo non finite di ferro col 
Pendulo, prima inyenzione del Galileo" yerkauft wurde. Wenn 
man also nicbt Viyiani eincs directen Betrugs zeiben will, wozu kein 
Grund yorbanden, so muss man zugeben, dass Galilei zuerst den 
Plan einer Pendelubr gefasst; darf aber aucb nicbt ubersehen, 
dass seine Umgebung wenigstens die Wicbtigkeit des Gedankens nicbt 
bcgriffen; denn sonst wurde Viyiani niclit erst nacb Huygbens mit seiner 
Veroffentlicbung bervorgetreten sein. Fiir Huygbens bleibt jeden- 
falls der Rubm einer unabbangigen zweiten Erfindung 
(da es sicber ist, dass er nicbt den letzten Plan Galilei's und bocbst wabr- 
scbeinlicb aucb nicbt einmal das Zablwerk desselben kannte) und aucb 
das Verdienst einer ersten zweckmassigen and zugleiob 



Btirgi's Uhren. 179 

leicht ausfiihrbaren Gonstrnction der Pendelubr, Dach der Huyghens, 
leicht jedes alte Uhrwerk in eine solche umgewandelt werden konnte. '•'^7— ibts. 

Doch haben wir ansser Galilei nocb einen anderen geHibrlicben Con- 
correnten fur Huygbens zu nennen; es ist Jost Burgi, den Wolf in 
seiner Gescbicbte der Astronomie (S. 369 bis 373) fur den wabrscbein- 
lichen Erfinder der Pendelubr bait. Dieser wClrde nacb Wolf 
Bchon in den acbtziger Jabren des 16. Jabrbunderts die 
Pendelnbren erfunden baben und musste danacb aacb vor 
Galilei mit dem Isocbronismus der Pendelscbwingnngen 
bekannt gewesen sein. Diese Aeussernng Wolfs stutzt sicb auf 
eine ziemlicb unbestimmte Aeussernng des Astronomen Rotbmann, auf 
ein directes Zeugniss des Flamlander Matbematikers Dome und das 
Daaein einer Pendelubr in der k. k. Scbatzkammer zu Wien, die man 
wenigstens der Zeit Biirgi's zuschreibt. Wolf sagt selbst, dass diese 
Zengnisse einzeln genommen wenig bedeuten und nur zusammen eine 
Starke Beweiskraft erlangen ; Gerland ^) aber, dem wir scbon bei der Dar- 
BtelluDg der Yerdienste Galilei^s gefolgt sind, beweist, dass aucb dies 
nicbt einmal der Fall sein kann. Jost Biirgi (1552 bis 1632) war zuerst 
Uhrmacber des Landgrafen Wilbelm IV. von He88en-Cassel(t 1592); dann 
von 1603 bis 1622 Ubrmacber des Kaisers Rudolpb II. und lebte danacb 
wieder bis an seinen Tod in Cassel; seine Pendelubren waren also zuerst 
wohl auf der Sternwarte in Cassel zu sucben. Dort existiren von ibm 
aucb nocb drei Ubrwerke, von denen das dritte wirklicb mit einem 
Pendel verseben ist, und zwar hat das Pendel ein verscbiebbares Gewicbt 
und die znrilckspringende Ankerhemmung , die man gewobnlicb dem 
Uhrmacber Clement um 1680 zuschreibt. Diese Ubr aber ist um 1676 
grundlicb reparirt worden und bat dabei wabrscheinlicb erst das Pendel 
erhalten. Gerland kommt zu der wohl begrundet erscbeinenden Ansicht, 
ndass keine der bekannten von Biirgi verfertigten Ubren 
nrsprunglicb ein Pendel hatte, selbst nicbt die grosse Planeten- 
nbr des Casseler Museums, obgleicb dieselbe in fur die damalige Zeit 
grosster VoUkommenbeit ausgefahrt worden ist. Will man die Ansicht, 
dass Biirgi die Pendelubr erfunden, nicbt lediglicb auf ganz unbewiesene 
Voraussetzungen grunden, so ist sie fallen zu lassen, zumal sonst Biirgi 
aucb fur den Entdecker des Isocbronismus der Pendelscbwingungen und 
der zoruckspringenden Ankerhemmung gebalten werden milsste^)." 

Huygbens borte aucb nacb der Erlangung seines Patents nicbt auf, 
an der Vervollkommnung seiner Uhren zu arbeiten. Wir baben scbon 
beiHooke erwabnt, dass er 1674 die erste Tascbenuhr mit Spiral- 

feder anfertigen Hess und konnen bier nocb anfiigen, dass er aucb 

- • 

^) Wiedemann, Anualen d. Phya. u. Chemie, Bd. IV, S. 585—613. 

*) Huygbens^ erste Pendeluhr, von Turet in Paris angefertigt, befindet sicb 
ooch im physikalischen Cabinet zu Leyilen ; ebenso ein Fernrohr desselben. 
DieLinse, mit der er die Satumsmonde entdeckte, wird in Utrecht aufbewabrt 
Gerland, Leopold! na, 1882. 

12* 



180 Schwingangsmittelpunkt. 

HaygbeoB, sogleich diese tragbaren Uhren fur die Bestimmang der 
geographischen Lftnge aaf der See empfahP). Fdr una aber 
verschwinden diese Verdienste des Huyghens gegenftber den glanzenden 
theoretischen Untersnchungen, die er in seinem grosseren Werke Horo- 
logiam OBcillatoriam sive de motu pendalornm ad horo- 
logia aptato demonstrationes geometricae (Paris 1673) ver- 
offentlicbte. Das Galilei'scbe Pendelgesetz gilt in aller Strenge 
nnr fQr einen scbwcren Punkt, der an einer gewicbtslosen Linie befestigt 
anendlicb kleine Schwingungen macht, d. b. es gilt nnr f&r nnend- 
licb kleine Scbwingungen eines einfacben Pendels. Man 
sab jedocb bald, dass bei einem scbwingenden Kdrper jeder Pnnkt des- 
selben eine nacb seiner Entfemnng yom Aufb&ngepunkt verscbiedene 
Scbwingungsdaaer baben milsse und danacb entstand die Frage, wie 
sicb dann die verscbiedenen Gescbwindigkeiten der ein- 
zelnenPunkte desKorpers zu einer einzigenGescbwindig- 
keit des ganzen Korpers combiniren mdcbten. Mersenne 
legte am das Jabr 1646 den Matbematikern die Frage nacb derScbwin- 
gungsdauer einer ebenen Fignr vor nnd forderte speciell Descartes, 
Roberval and Huygbens^) zur Losung derselben aaf. Descartes 
gab nocb in dcmselben Jabre in einem Brief an Mersenne die ricbtige 
Idee zurLosang, indem er der Aafgabe die Form gab, in dem scbwin- 
genden Kdrper den Punkt zu finden, der fur sicb allein 
gerade so scbnell scbwingen wurde, als der ganze E5rper 
wirklicb scbwingt. £r nannte diesen Punkt, den wir jetzt als 
Oscillationscentrum oder Scbwingungsmittelpunkt bezeicb- 
nen, Agitationscentrum, fand denselben aber nur far Figuren, 
welcbe in planum, d. b. so scbwingen, dass die Rotationsacbse in die Ebene 
der Figur fallt. Roberval (1602 bis 1675) war gliicklicber ; er Idste 
die Aufgabe fur alle Figuren, welcbe in planum und aucb fur einzelne 
Figuren, welcbe in latus, d. b. so scbwingen, dass ibre Rotationsacbse 
senkrecbt zu ibrer Ebene liegt, irrte sicb aber bei anderen Figuren und 
besonders bei. Korpern. Die beiden Gelebrten Roberval und Descartes, 
die sicb obne dies nicbt gClnstig gesinnt waren, gerietben Ckber ibre 
Losungen in einen langen Streit, bei welcliem sie aber im Grunde beide 
Unrecbt batten, indem sie beide Scbwingungsmittelpunkt and 
Mittel punkt des Stosses mit einander verwecbselten. 

Der jungeHuygbens scbeiterte damals nocb ganz, gab aber daftir 
in seinem classiscben Werke die vollstHndige Ldsung. Er ging dabei 
von dem Grundsatze aus, dass bei einem scbwingenden Kdrper 
der Schwerpunkt jedenfalls keine grossereHobe erreichen 



*) Extrait d'une lettre de Mr. Huyghens a Pauteur du journal des savans, 
toucbant nne nouvelle invention d'liorloge» trea justes et portatives (Journal 
des savans. Febr. 1675). 

2) Montucla 11, 8. 428. 



Zusammengesetzte Pendel. Tautochrone. 181 

konne als die, von welcher er znerst gefallen sei, und Huygheug, 
folgerte daraus, dass bei alien Schwingangen eines Korpers ^^^^^^®'^' 
der Schwerpankt immer wieder za gleichen Hohen aaf- 
steigen werde« Aus diesem Satze ergab sioh dann die Regel: Man 
findet die Entfernung des Sch wingungsmittelpnnktes yon 
der Drehungsachse, indem man die Summe ans den Pro- 
dncten der Massen der kleinsten Theile des Korpers in die 
Qnadrate ihrer Entfernungen yon der Drehachse nimmt, 
dann die Summe der Producte dieser Massen in ihre ein- 
fachen Entfernungen yon der Rotationsachse bildet und 
diese Summen durch einander diyidirt; oder nach heutigem 
Spracbgebrauch: Die Lange des einfacben Pendels, welcbes 
mit einem zusammengesetzten gleicbe Sch wingungsdauer 
hat, ist gleicb dem Quotienten aus dem Tragbeitsmoment 
und dem statiscben Moment des scbwingenden Korpers^). 
Damit waren die Scbwingungen aller Kdrper auf die Scbwingungen ein- 
facber Pendel zurUckgefiibrt, denn das Auffinden des Scbwingungs- 
punktes fur irgend einen Eorper ist nacb dieser Regel nur nocb ein 
rein matbematiscbes Problem; aucb batte Huygbens scbon ent- 
deckt, dass man Aufbangepunkt und Scbwingungspunkt umkebren, d. b. 
dass man den Scbwingungspunkt zum Aufbangepunkt macben kann, 
obne dass die Scbwingungsdauer sicb andert, wonacb sicb der Scbwin- 
gungspunkt aucb experimentell finden lasst. 

Indessen bot das einfacbe Pendel selbst nocb mancbe 
Scbwierigkeiten. Bass die Scbwingungen eines Pendels nur fur 
unendlicb kleine Ausweicbungen isocbron sind, batte yielleicbt scbon Ga- 
lilei gewusst, jedenfalls aber war es scbon vor Huygbens bekannt; inwie- 
fem aber die Scbwingungsdauer yom Ansscblagswinkel abbdngig sei, und 
eine Formel zur Berecbnung der absoluten Scbwingungs- 
zabl eines einfacben Pendels aus seiner Lange fund erst 
Huygbens. Er bracbte zur Vereinfacbung der Untersucbung das ganze 
Problem erst auf eine etwas andere Form. Da er einsab, dass die Pendel- 
bewegung ganz identiscb ist mit der Bewegung eines scbweren Korpers, 
welcber auf einer Kreisbabn dnrcb die Schwere abwarts rollt , so fragte 
er: Auf welcber Babn muss ein scbwerer materieller Punkt 
fallen, damit die Zeiten des Falls yon irgend einemPunkte 
der Babn bis zum tiefsten Punkte derselben yon der Fall- 
bobe unabb&ngig und also immer gleicb werden. Als einzige 



^) Das Huyghens'scbe Princip vom Aufsteigen des Schwerpunktes blieb 
nicht ohne Anfecbtang; der Abb^ Catelan erklarte dasselbe sogar fiir ganz- 
IJch falscb and kam mit anderen Principien aucb zu anderen Ergebnissen. 
Docb war dieser Gegner bald beseitigt, dagegen batten die nacbfolgenden Matbe- 
matiker grosse Sorge um den Beweis jenes Princips und die Zuriickfiibrung 
desselben auf einfacbere mecbaniscbe Satze. Wir werden spater bierauf zuriick- 
konmien. 



182 Schwingungsdauer einfacher Pendel. 

Huyghens, krumiDO Linie, welche diese Eigenschaft besitzt, fand er dann die Rad- 
1667— 167S. jjjjjg oder Cycloide, welche mit ihrem Scheitel nach unten gekehrt 
ist, und er bewies welter, dass zn einem Nieder- und Auf- 
gang in derselben (zu einer einfachen Schwingung) eine Zeit 
gebrancht wird, welche sich zur Zeit dee freien Falls 
durch die Achse der Cycloide verhalt wie ein Kreisumfang 
zu seinem DurchmesBer. Damit war aber Dicht bloss die Tauto- 
chrone oder die Linie iinmer gleicher Fallzeiten gefunden, es war auch 
ein Mittel gegeben, die absolute Schwingungszahl eines Gycloidalpendels, 
wie eines Kreispendels , aus der Lange desselben zu berechnen. Wenn 
wir die Dauer eines einfachen Schwunges eines Cycloidalpendels mit T 
und die Hohe der Cycloide mit h bezeichnen , so gilt nach jener Huyg- 

— -.y?=-.«-— vf-. 

struiren wir nun einen Kreis, der die Cycloide in ihrem tiefsten Punkte 
beriihrt, so wird derselbe an jenem Punkte auf eine unendlich kleine 
Strecko mit der Cycloide zusammenfallen, und wenn wir im Mittelpunkt 
des Kreises ein Pendel yon der Lange des Radius auf hangen, so werdeu 
unendlich kleine Schwingungen desselben mit den Schwingungen des 
Korpers in der Cycloide isochron sein. Der Radius jenes berilhrenden 
Kreises und also auch die Lange I des Pendels ist aber gleich 2h^ und 
danach muss fur unendlich kleine Schwingungen oder naherangsweise 
auch fiir kleine, endliche Schwingungen des Kreispendels die Schwin- 



con- 



.=.m 



gungsdaijier T durch die bekannte Formel T •= 7C y — bestimmt sein. 

Nach diesen Erfolgen bemiihte sich Huyghens, die Pendel seiner 
Uhren nicht bloss naherungsweise , sondern vollstandig isochron 
zu machen und ersetzte deswegen die Kreispendel derselben 
durch Cycloidalpendel. Er hatte entdeckt, dass die Abwickelungs- 
curve einer Cycloide wieder eine Cycloide ist, befestigte darum sein 
Pendel an einen Faden und hing diesen zwischen zwei cycloidisch 
gekriimmten Blechen auf, an welche der Faden auf der einen oder der 
anderen Seite sich anlegte; der schwere Pendelkorper beschrieb dann 
rich tig eine Cycloide. Doch bewahrte sich diese Einrichtung keines- 
wegs, die Bleche waren schwer genau cycloidisch zu krummen, dieSteif- 
heit desFadens, Stanb und Feuchtigkeit wurden hinderlicb, auch machte 
sich bei der Weite der Schwingungen der Luftwiderstand sehr bemerk- 
lich. Man gab darum den Iluyghens'schen Gedanken bald 
wieder auf, undHooke undDerham benutzten schon Pendel 
mit schweren, linsenformigen Korpern, die sehr kleine 
Kreisschwingungcu machten. 

Huyghens beschrankte sich in seinem Horologium 
nicht auf das enge Thema der Uhren; er erschdpfte sein Thema 
der Pcndelbewegung nach alien Seiten, und in dem Yerfolgen aller 



Beschleunigung der Schwere. Nonnalmaass. Centrifiigalkraft. 183 

weiteren Wirkungen seiner Deuen Entdeckung zeigt sich sein Genie im Huygheng, 
hellsten Lichte. Wir haben bei Galilei gesehen, wie sich seine Mea- ^®*^~^®^®- 
sung der Fallranme za einem grossen Theile auf die Theorie des Pendels 
stutzte; Mersenne und andere batten durcb Versucbe Pendelscbwin- 
gnngen und Fallgescbwindigkeiten zu vergleicben gesucbt, waren dabei 
aber auf Differenzen gekommen. Huygbens vermochte nacb 
seiner Formel aus der beobacbteten Scbwingungsdauer 
eines Pendels und der Lange desselben die Beschleuni" 

g = -—j zu berecbnen und kam so zu 

dem Werth p = 31 Fuss, der mit dem aus Fall versncben 
erhaltenen Resultate yollkommen ubereinstimmte. Zu 
diesen Yersucben batte er ein Secundenpendel construirt und dessen 
Lange gleicb 440^^ Par. Linien gefnnden; da er der Meinnng war, das 
Secundenpendel musse an alien Orten der £rde gleicb lang sein, so 
scblug er vor, die Lange des Secundenpendels als unver- 
anderlicbe Norm ffirLangenmaasse und den^ritton Tbeil 
dieser Lange als Normal fuss (pes borarius oder Stundenfuss) 
anzunebmen. Huygbens war nicbt der erste, welcber den Maassen 
eine unveranderlicbe , immer leicbt wieder z